Nr. 122. Freitag den 30. Mai 1890 Der Hieß en er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montags. Die Gießener AnmikienStLIIer werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigelegt. Hießener Anzeiger Kenerat-Wnzeiger. Vierteljähriger ASonnementsprei»» 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expediti» und Druckerei: Kchutstraße Ar.H. Fernsprecher 51. Aiirts- und Anzrigeblatt für den Kreis Gieren. LL.-rr'LL-L-.'LrrrL ! Hrati-k-ikage- Hi-ß-n-r Kamiti-nMtt-r. AtnUichep Thril. Bekanntmachung, betreffend Verbot des Auftreibens von Vieh zu Gießen am 3. Juni l. I. Es ist zur Kenntniß der unterzeichneten Behörde gelangt, daß jüdische Handelsleute unter Umgehung der für Viehmärkte bestehenden veterinärpolizeilichen Controlvorfchriften beabsichtigen, am 3. Juni l. I. Rindvieh in größerer Zahl in Gießen einzuführen und zum Verkauf zu bringen. Da der umfangreiche Verkauf des Viehes den Character eines Marktes haben würde, ein Markt an diesem Tage für Gießen aber nicht genehmigt ist, da weiter die veterinärpolizeiliche Ueberwachung des Austriebs von Vieh in der Art, wie dasselbe beabsichtigt ist, nicht durchführbar, dieselbe jedoch besonders mit Rücksicht auf die im Umkreis herrschende Maul- und Klauenseuche im höchsten Grade geboten ist, so wird hierdurch aus Grund des Z 28 des Reichsviehseuchengesetzes der öffentliche Verkauf von Rindvieh am 3. Juni l. I. in Gießen und das Eintreiben von solchem an diesem und den vorhergehenden Tagen zum Zweck des öffentlichen Verkaufs in hiesiger Stadt unter dem Änfügen untersagt, daß die Polizeiorgane angewiesen worden sind, das Eintreiben von Rindvieh durch Zurückweisung desselben an den Eingängen der Stadt zu verhindern und daß Zuwiderhandlungen gegen die vorstehenden Anordnungen auf Grund des § 66 des Reichsviehseuchengesetzes zur gerichtlichen Anzeige kommen werden. Gießen, am 29. Mai 1890. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Deutsches Reich. Darmstadt, 23. Mai. Das heute ausgegebeue Großh. Regierungsblatt (Beilage Nr. 12) enthält u. A. : Ermächtigungen zur Annahme und zum Tragen fremder -Orden. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht: Am 1. April dem Director der orientalischen Eisenbahnen Adolf Grosholz zu Konstantinopel die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen des ihm von Sr. Majestät dem türkischen Sultan verliehenen Osmame-Ordens zweiter Klasse, am 8. Mai dem Kaiserl. Geh. Postrath Kobelt zu Berlin die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen des ihm von Sr. Majestät dem König von Preußen verliehenen Rothen Adlerordens 4. Kl. zu ertheilen. Dienstnachrichten. \ Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- Anädigst geruht: Am 7. Mai der Ernennung des Gg. Heuer aus Grosdors zum Maschinenmeister bei der Hessischen Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft die landesherrliche Bestätigung zu ertheilen. Am 8. Mai wurde dem Schulamtsaspiranten Adam Heinrich Rinner aus Unter-Wegfurth eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Lauterbach übertragen, am 13. Mai wurde dem Schulverwalter Carl Boxler zu Ober-Mörlen die 2. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Mosbach, an demselben Tage wurde dem Schullehrer Peter Kalt zu Hirschhorn eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Viernheim übertragen. Sterbefälle. Gestorben sind: Am 16. Januar der Forstwart i. P. Leonhard Rauch in Ober-Klingen- am 10. April der Schullehrer Franz Kanz zu Mainz- am 15. April der Forstwart i. P. Jacob Prätorius zu Worms - am 25. April der Amtsgerichtsdiener i. P. Martin Bonarius zu Darmstadt- am 27. April der reformirte Pfarrer i. P., Kirchenrath Justus Fabricius zu Groß-Umstadt- am 29. April der Schullehrer Philipp Götz zu Alsbach. Berlin, 24. Mai. Die dem Reichstage vorgelegte, vom kaiserlichen Statistischen Amt ausgearbeitete Zusammenstellung des Ergebnisses der Reichstagswahlen im Jahre 1890 ist jetzt im Druck erschienen. Die Schluß- und Hauptzahlen lauten folgendermaßen, wobei wir zur Vergleichung die Zahlen der Wahl von 1887 in Klammern beifügen: Die Zahl der wahlberechtigten Wähler betrug 10145277 (9 769 802). Es wurden abgegeben bei den ersten Wahlen 7 228 542 (7 540 938) gültige und 33117 (29 772) ungültige Stimmen, im ganzen 71,6 (77,5) Procent. Davon fielen bei den ersten Wahlen auf die Deutschconservativen 895 103 (1 147200), auf die Reichspartei 482314 (736 389), auf die Nationalliberalen 1 177 807 (1 677 979), auf die Deutschsreisinnigen 1 159 915 (973 104), auf das Centrum 1 342 113 (1516 222), auf die Polen 246 773 (219 973), auf die Socialdemokraten 1427 298 (763128), auf die Volkspartei 147 570 (88818), auf die Welfen 112675 (112827), auf die Dänen 13672 (12 360), auf die Elsässer (die keiner der bestehenden Parteien beigetreten sind) 101 156 (233 685), aus die Antisemiten 47 536, unbestimmt 59 740 (50 427), zersplittert 14870 (8826). Es haben sonach die Socialdemokraten 19,7, das Centrum 18,6, die Nationalliberalen 16,3, die Deutschsreisinnigen 16, die Deutschconservativen 12,4, die Reichspartei 6,7, die Polen 3,4, die Volkspartei 2, die Welfen 1,6, die Elsässer 1,4, die Antisemiten 0,7, die Dänen 0,2 Procent Stimmen erhalten. Neueste Nachrichten. WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 28. Mai. Der „Reichsanzeiger" meldet: Die Besserung des verstauchten Fußes des Kaisers nimmt einen durchaus normalen, günstigen Verlaus. Der Kaiser empfing heute den Chef des Civilcabinets und conferirte mit dem Staatssecretär Marschall. Berlin, 28. Mai. Der Lehrertag berieth in seiner heutigen zweiten Hauptversammlung: über die Thesen Klaus- nitzers (Berlin) über die Aufgabe der Volksschule gegenüber der socialen Frage und einigte sich schließlich in einer Resolution, wonach die sociale Mitarbeit der Volksschule auf die Erziehung der charactervollen Jugend zu beschränken sei. Die Resolution, die niederen Küsterdienste den Lehrern fernerhin nicht mehr zu übertragen, wurde angenommen. Ein Telegramm des Cultusministers v. Goßler wurde hierauf verlesen, worin derselbe für das gestrige Begrüßungstelegramm seinen Dank ausspricht, reichen Segen für die Arbeit wünscht und den Lehrern zuruft: „Unermüdlich vorwärts für die deutsche Volksschule, den Eckstein des Vaterlandes." — Der Lehrertag nahm nach einem Vortrag Greßlers (Barmen) Thesen über Einrichtung von Schulsynoden an. Diese Synoden sollen zusammengesetzt sein aus freigewählten Vertretern der Familie, der Kirche und der Lehrerschaft, sowie aus Beauftragten der staatlichen und communalen Schulbehörden. Schubert (Augsburg) schloß den Lehrertag mit einem Hoch auf den Kaiser und die verbündeten Fürsten. Berlin, 28. Mai. Das hiesige Emin-Pascha- I Comite empfing nachfolgendes Telegramm aus Zanzibar: Hansing empfingen Brief von Peters aus Rubabga in Uganda vom 2. März. Tritt Rückreise an durch Usekuma, Ugogo, Bagamoyo. Rubabga ist die Hauptstadt von Uganda und drei Stunden entfernt von der Murchison-Bay am Nordufer des Victoria-Sees. Königsberg i. P., 28. Mai. Die hiesigen Schmiedegesellen haben seit gestern die Arbeit eingestellt- dieselben verlangen die Abschaffung der Sonntagsarbeit und einen Minimal - Wochenlohn von 15 Mk. Für den kommenden Monat steht ein Ausstand der Töpfer in Aussicht. Stuttgart, 28. Mai. In der heutigen Sitzung des Neuphilologentags wurde beschlossen, die nächste Versammlung in zwei Jahren in Berlin abzuhalten. Straßburg, 28. Mai. Der Componist Victor Neßler ist heute Morgen 6 Uhr nach schwerem Leiden gestorben. — Der „Str. Post" zufolge beauftragte der Kais erden Statthalter von Elsaß-Lothringen telegraphisch, der Wittwe Neßlers die Theilnahme des Kaisers auszusprechen. Prag, 28. Mai. Die Ausgleichs-Commission hat das Schulaussichtsgesetz unverändert angenommen. Schmey- Feuilletsn. Eine Verlobung mit Hindernissen. Humoreske von Alexander von Degen. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Aus Taille, Assessorchen, schneidig, wie immer!" kräht in diesem Augenblicke der Dragonerlieutenant v. Rittner in das Zimmer. Sein geröthetes Gesicht und der etwas schwankende Gang gaben Kunde, daß er die Vortrefflichkeit der Hochzeitstafel voll und ganz gewürdigt hatte. „Lassen Sie sich umarmen, Assessorchen, Sie Engel!" rief der Lieutenant, der in der rechten Hand bedrohlich ein volles Seidel schwang. Er erhob beide Arme. Entsetzt wich Bach einen Schritt zurück. Zu spät. Im Aebermaß seiner Freude hatte der Lieutenant den Bierkrug vergessen, dieser schwappte nach vorn und ergoß sein kostbares Löwenbräu auf den Frack und die tadellose weiße Weste des Assessors. „Aber, Herr von Rittner!" rief dieser entsetzt. „O, Pardon!" entschuldigte sich dieser, schleuderte das leere Bierseidel aus den linken Lackstiefel Bachs, so daß der unglückliche Assessor mit einem „o potztausend!" in die Höhe sprang, und riß hieraus sein Taschentuch hervor und wollte das Naß von dem Frack Bachs entfernen. Doch dieser war bereits in die Garderobe gestürmt. „Schnell meinen Ueberzieher und Hut! Ich muß nach Hause, ein entsetzliches Unglück!" rief er der alten Garderobiere zu. Erschrocken blickte diese den aufgeregten Herrn an. „Welche Nummer?" „Nummer, Nummer, ich weiß wirklich nicht!" schrie Bach, mit beiden Händen in allen Taschen wühlend, „dort der helle ist es, über welchem der Chlinder hängt." Schnell schlüpfte er in den grauen Ueberzieher, bedeckte sein Haupt mit dem Hute und eilte auf die Straße. Keine Droschke war zu sehen. Eine halbe Stunde lag seine Wohnung entfernt. Er setzte sich in kurzen Dauerlauf, so daß die Passanten verwundert stehen blieben und einige hinterher riesen: „Der kommt von der Hundheim'schen Hochzeit!" Endlich rasselte eine Droschke vorüber. Bach ries dieselbe an, sie hielt. In der Aufregung achtete er es uicht, daß seine schönen neuen Lackstiefel auf dem Fahrdamm arg bespritzt wurden. Er hatte dem Kutscher ein gutes Trinkgeld versprochen und dieser fuhr, !was das Riemenzeug halten wollte, während der Assessor überlegte, was nun werden sollte. Einen zweiten Frack besaß er nicht, er hatte nämlich seinen alten in der Freude des Herzens über den tadellosen neuen Schraps geschenkt. Ein Gedanke fuhr ihm durch den Kopf. Er sprang aus, so daß der Chlinder mit einem bedenklichen Krach gegen die Wagendecke stieß, riß das Fenster herunter und rief: „Kutscher, fahren Sie mich zuerst noch in das Frackverleihinstitut, es muß hier in der Nähe sein." Nach wenigen Minuten bog die Droschke in eine stille Seitenstraße ein und hielt bald darauf vor einem großen Hause, über dessen Thür im Schein der Gaslaterne zu lesen war: „Kauf- und Rückkausgeschäst, Saisongarderobe nur von Cavalieren einmal getragen, Ein- und Verkauf von Hadern, Lumpen und Knochen, Frackverleihinftitut, das größte am Platze, von Isidor Jerusalem." Bevor der Assessor die Wagenthür öffnen konnte, wurde dieselbe von einem kleinen schwarzen Männchen aufgerissen, der unter allerlei höflichen Redensarten den „Herrn Grafen" einlud, näherzutreten. Fast wäre Bach zurückgetaumelt, als er den Laden betrat, in dem eine undefinirbare Atmosphäre herrschte. An großen Kleiderriegeln hingen Anzüge der verschiedensten Art, zwischen welchen ein schwarzgelockter Jüngling sich zu schaffen machte. „Womit kann ich dienen, Herr Gras?" ries Isidor Jerusalem und berührte vertraulich den Arm Bachs, „gewiß wollen Se kaufen e feinen, e noblen, e modernen, e echten, e exquisiten Anzug? Nu, hab' ich nicht recht? Hab' ich doch gesagt heute Abend noch, heute noch wird kommen e Graf, e nobler, e seiner Graf, szu machen e nobles, e reelles Geschäft mit dem Isidor Jerusalem." Er schien etwas enttäuscht, als Bach sagte: „Sie haben Fracks zu verleihen, ich wünschte schnell einen solchen." „Fracks szu verleihen? Gewiß de feinsten, de besten, de nobelsten, de modernsten Fracks! Memmelchen!" rief er dem Jüngling hinter der Ladentafel zu, „bring mal her e Fräckchen von de beste Sorte, weißt Du, wie so de Herrn Offiziere tragen szu de Maskenbälle von de feine Sorte, unten links, Memmelchen, weißt Du, ganz links, kannst de nicht finden, Memmelchen?" rief er, als der Jüngling hin und her lief. „Gott, szu was hab ich Dir im Geschäft, wenn Du Dich nicht auskennst? Bei Gott, ser das hohe Salär, hab Erbarmen!" Endlich brachte Memmelchen das Gewünschte. Seufzend suchte Bach den besten heraus, er paßte so leidlich, wenn auch die Aermel etwas zu kurz waren. Er wollte seinen Rock mitnehmen, nachdem er den Miethpreis in Höhe von 5 Mk. erlegt. ß ar not ist heute Abend 9 Uhr Der deutsche Botschafter Gras der um der der die Paris, 28. Mai. 40 Min. hier eingetroffen. Pans, 28. Mai. „Es erscheint wünschenswert^ die Aufnahme von Bestimmungen in das neue bürgerliche Gesetzbuch, welche den bei den Abzahlungsgeschäften zu Tage getretenen Mißbräuchen entgegenwirken. Es ist zu empfehlen, von dem im Uebrigen aufrecht zu erhaltenden Verbot der Bestellung einer Hypothek an Mobilien als Ausnahme zuzulaffen die Hypothekbestellung an einer dem Käufer übertragenen Mobilie zur Sicherung des rückständigen Kaufpreises, sowie die Aufnahme einer Bestimmung, daß in dem Falle dieser Art, auch ein Eigenthumsvorbehalt zur Sicherung des Kaufpreises nur die rechtliche Bedeutung einer vorbehaltenen Hypothek habe." Seitens des Kaufmännischen Vereins zu Duisburg ist Kammer eine an den deutschen Kaiser gerichtete Bittschrift Einführung gesetzlicher Bestimmungen zur Aufbesserung socialen Lage der Handlungsgehilfen mit der Bitte um Münster reift heute nach London ab, um an der Vermählungsfeier seines Sohnes theilzuuehmen. Madrid, 28. Mai. Der Senat hat das Gesetz über das allgemeine Stimmrecht endgiltig angenommen. Lissabon, 28. Mai. Das gesummte Gebiet von Bail und u (Mozambique) ist in vollem Aufstande gegen die portugiesische Herrschaft. Die Portugiesen wurden verjagt. Der Militärgouverneur hat sich erschossen, nachdem seine Truppen zerstreut waren oder ihn verlassen hatten. Eine Expedition unter Capitän Conceiro wurde von den aufständischen Eingeborenen völlig aufgerieben, der Capitän hat sich mit den Trümmern der,Expedition nach Caconda geflüchtet, wo Verstärkungen erwartet werden, welche der Generalgvuverneur selbst heran- führt. Der Ausstand der Eingeborenen wird hier englischen Einflüssen zugeschrieben. — Der frühere Minister Carvalho ist zum Generalinspector der afrikanischen Colonien ernannt und mit deren völliger Neuorganisation beauftragt. Athen, 28. Mai. Der neuernannte deutsche G e- sandte ist hier eingetroffen. kal gab Namens der Dcutschcn die Erklärung ab, gegen den Vorschlag de^ Stadtgemcinde Prag keine Einsprache erheben zu wollen. Budapest, 28. Mai. Die Spuren einer weitverzweigten Räuberbande sind in Folge der Nachforschungen nach den Mördern des Grasen Komis in Szent-Mihaly entdeckt worden. In Boessermeny wurden bei einem wohlhabenden Landmanne drei Revolver und der größte Theil des dem Grafen geraubten Geldes unter einem Haufen Maiskolben gesunden. Die Gattin des einen Räubers hatte bei der Expedition die Pferde gelenkt und während der Ermordung Wache gehalten. Ein weiterer Raubmord ward von der Bande geplant. Bern, 28. Mai. Der Bundesrath hat dem Bischof Mermillod für die Zuschrift, in welcher er seine bevorstehende Erhebung zum Cardinal anzeigte, seinen Dank ausgesprochen und geantwortet, daß der Bundesrath mit besonderer Befriedigung die von Mermillod sowohl im Namen des Heiligen Stuhles, als in seinem eigenen Namen abgegebenen Versicherungen über die Bedeutung entgegengenommen habe, welche dieser Wahl für die Aufrechterhaltung der guten Beziehungen der Schweiz zu dem Hl. Stuhle und zu der katholischen Kirche in der Schweiz beizumessen sei. Cocaies nnd SrovinzieUes. Gießen, 29. Mai. — Sitzung Großh. Handelskammer vom 23. Mai. Anwesend waren die Herren Koch, Klingspor, Gail, Homberger, Kraatz, Wortmann. Die vielfachen Mißbräuche, welche sich bei den modernen Abzahlungsgeschäften durch wucherische Uebervortheilungen der Käufer ergeben haben, haben die Kammer veranlaßt, diesen Gegenstand einer Berathnng zu unterziehen und folgende Resolution zu fassen, welche dem Vorstände des Handelstags unterbreitet werden soll: auf gesetzlichem Wege erfolgende Errichtung 1. einer Altersversorgungs-, Wittwen- und Waisen-Kasse, 2. einer Krankenkasse, welche dem Mitgliede freie ärztliche Behandlung nebst Arzneien, jedoch kein Krankengeld für die ersten sechs Wochen der Erkrankung gewährt, weil ihm für diese Zeit durch das deutsche Handels-Gesetz-Buch der Bezug des Gehaltes ohnehin gesichert ist. In Fällen unverschuldeter Nothlage oder bei unverschuldetem Verluste des Einkommens kann jedoch Unterstützung ^gegangen. Es wird in derselben im Interesse kaufmännisch Angestellten und deren Familien vorgeschlagen reger Sinn und Verständniß für Geschichte waren ibm eigen; um seines getreuen Gedächtnisses willen, das auch die Uebcr- lieferungen seines Vaters und Großvaters rein und unverfälscht festgehalten hatte, war er eine lebendige Chronik bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein. Dem „alten Conrector", dem treuen Lehrer und gemeinnützigen Mitbürger wird ein ehrenvolles und liebwerthes Andenken auf immer gesichert bleiben. Möge ihm die Erde leicht sein! (D. Z.) — Mit Bezug aus den von uns gebrachten, in den „Grenzboten" veröffentlichten Artikel über den Schnaps- consum im Bogelsberge gingen uns zwei Briefe zu, die wir nachstehend, da sie einander gewissermaßen widersprechen, unverkürzt zur Kenntniß unserer Leser bringen, ohne die „Tendenz" des einen oder des anderen Briefes zur unfrigen zu machen. -f- Aus dem Vogelsberge, 26. Mai. Ucber den Schnapsconsum im Vogelsberge wünschten Sie, infolge eines Artikels, den ein oberhessischer Geistlicher in den „Grenzboten" erscheinen ließ, Nachrichten zu erhalten.. Ich säume nicht, Ihnen meine Erfahrungen in diesem Punkte mitzutheilen. Das neue Branntweinsteuergesetz vom 24. Juni 1887 hatte nicht blos den Zweck, eine bedeutende Einnahmequelle zu erschließen, sondern wollte durch Verteuerung des Schnapses der Trunksucht entgegen wirken. Leider ist das Letztere wenig gelungen, denn der Schnapstrinker par excellence trinkt nach wie vor, nur mit dem Unterschiede, daß er jetzt ßTprocentigen Schnaps für theureres Geld gegen 45procentigcn, gegen geringere Zahlung vor 1887, empfängt. Er muß also eine viel höhere Summe aufwenden, bis er vollgetrunken ist — und voll muß der Schnapssäufer werden, eher hört er nicht auf. Mit Grimm und doch auch mit Wehmuth gedenkt er der schönen, billigen Zeiten vor 1887. Dies ist mit ein Grund, daß die 1890er Reichstagswahlen in mancher Beziehung ungünstig ausfielen, aber auch mit ein Grund für das Wachsen des Antisemitismus. Geld für Schnaps muß herbei und „wenn der Teufel auf Stelzen geht" - der I israelitische Handelsmann borgt und schweigt. Hypothek und Nachhypothek schützen ihn vor Verlust. Weder Capital noch Zinsen werden gezahlt, denn es geht Alles in Schnaps auf. Zuletzt versteigert der Gläubiger das Haus mit den Aeckerchen und der Trunkenbold, der sich selbst anklagen müßte, wirft seinen Haß auf den Juden. — Wenn wir sagen: Haben die Verbrechen und Vergehen, welche in der Trunkenheit begangen wurden, ab- oder zugenommen'? so wird uns die Zunahme bestätigt werden. Von hundert in der Trunkenheit begangenen Vergehen finden neunundneunzig ihre Ursacke im Schnapse. Es gibt Orte im Vogelsberge, wo bei festlichen Gelegenheiten der Bauer seinen halben Schoppen „Schnaps" vor sich stehen I hat, wie in Starkenburg ober Rheinhessen der „Wein" dasteht. I Demgegenüber ist es zu loben, daß manche Gutspackter und größere Oeconomen ihren Knechten und Taglöhnern keinen I Schnaps mehr verabfolgen, sondern am Monatsschlusse den Betrag dafür in Baar entrichten, was zum Sparen anregt. Der Gewohnheitssäufer spart natürlich nicht. Sehr erfreulich I ist es, daß das Bier immer weiter vordingt. Wer aber einmal hat Schnaps trinken lernen, dessen Zunge und Gaumen ist für Bier unempfindlich geworden. Es steht auch richtig, daß an manchen Orten schon ganz junge Leute anfangen Schnaps zu trinken. Bei manchen Beschäftigungsarten, z. B. Holzhauereien im Winter, Steinbrechen u. dgl. ist freilich der Schnaps nicht leicht zu ersetzen, denn bei großer Kälte und weiten Entfernungen ist warmes Essen an den Arbeitsplatz kaum zu verbringen, weil es unterwegs kalt werden oder gar gefrieren würde. Bei so harter Arbeit und so schwerer Kost, wie sie hierbei in Betracht kommen, ist der Schnaps aber auch nicht so gefährlich und er ruinirt nicht so leicht Körper und Geist, wie bei demjenigen, der zu Hause herumlungert und von Morgens bis Abends ein Dutzend und mehr Viertelchen verschwinden läßt. Wer Gelegenheit hat — wie Einsender dieses — die Schnapsconsumtion zu beobachten, der wird zugestehen müssen, daß hier noch Einiges zu bessern ist. Wollte man aber alle gefüllten Schnapsfässer an die Quelle eines Vogelsberger Flüßchens bringen und sie hier ausgießen: es würde ein großer, wochenlang fließender Strom daraus werden, der im Stande jein würde, manche Mühle zu treiben. Die Vertheuerung des Schnapses hat aber das Gute, daß sich die Heranwachsende Generation immer mehr von dem Schnapse ab und dem besser und billiger werdenden Biere zuwendet. □ Vom Vogelsberg, 26. Mai. Gerne kommen wir dem Wunsche verehrlicher Rebaction nach, unsere Erfahrungen über ben Schnapsgenuß im Vogelsberg mitzutheilen. Also für ein Stück Sibirien hält ber Herr Pfarrer unfern Vogelsberg, inbem er in ben „Grenzboten" sagt, „Sittenlosigkeit unb Trunksucht" hätten den früher wohlhabenden Vogelsberg in Armuth und Elend gebracht. Für eine solche Verdächtigung | unserer Vogelsberger Bewohner sollte man eigentlich gar keine Erwiderung schreiben, denn keine Antwort ist bekanntlich auch eine, wenn nur nicht derartige Sachen gelesen unb geglaubt würben. Nach ber Darstellung bes Berichterstatters der Grenzboten sinb bie Russen im Schnapsvertilgen noch die reinsten Engel gegen unsere Vogelsberger. Nach seinen „Erfahrungen" trinkt bas Kind schon in ber Wiege Schnaps, bann ber Mann, bie grau, bas Gesinbe, Alles säuft Schnaps. Dazu hat jeber Bauer, auch ber kleine, sein Schnapssaß im Keller liegen 2C. 2Q. Ei, Herr Pfarrer, wo ist benu eigentlich diese Gegend im Vogelsberg, in ber solche Barbaren Hausen I unb bereu Seelsorger Sie gewesen sind? Eigentlich keine I Empfehlung, in einer solchen Gegenb plaeirt zu werben, bar- wäre schon mehr in bie Verbannung geschickt. Wohl mag cs einige Orte im äußersten Vogelsberg geben, in benen ber Schnapsgenuß etwas stark ist, aber baß es auch ^nur einen Ort im ganzen Vogelsberg gibt, in dem der Schnaps so getrunken — ber Ausbruck paßt hier nicht unb muß nach des Berichterstatters Mittheilung brastischer lauten — bezweifeln wir. Unb wenn auch in einigen Orten der Schnapsgenuß in ber That als unmäßig bezeichnet werden müßte, so bars man boch nicht zwei bis drei Orte mit dem ganzen Vogels- ** Stockheim, 28. Mai. Unter ben Honorationen von Linbheim, Glauberg, Rohrbach, Stockheim, Conrabsborf unb I v. a.O. hat sich ein neuer Club: ber Glaub erg-Club gebilbet. I Rentner, Geistliche, Beamten, Gutsbesitzer, Pächter u. s. w. haben sich btiran beteiligt. Monatlich finbet eine Versammlung statt. Am zweiten Pfingstfeiertage sah man sich zum erstenmale auf bem Glauberge, besten Schönheiten unb Annehmlichkeiten kürzlich in Ihrer Zeitung öerbiente Erwähnung sanden. Von diesem schönen Punkte hat.der neue Club, dessen I Zweck gesellige Vereinigung ist, den Namen entlehnt. Die erste, gleichsam eonstituirende Vereinigung war von prächtigem Wetter begünstigt und hat allseitigen Beifall gesunden. Q Ober Mockstadt, 27. Mai. Gestern gerietf) dahier ein Mann, ber Wittwer ist, mit seiner Haushälterin in Streit, in Folge besten er letzterer mit einem Messer zwei Sticke beibrachte. Hieraus nahm berselbe ein Beil, mit welchem er | s i ch mit der scharfen Seite rnehreremale auf ben Kopf unb sodann die eine Hand beinahe abschlug. Die Ueberführung des Mannes in die Klinik zu Gießen hat ftattgefunben. Untersuchung ist im Gange. Laubach, 24. Mai. Arn verflossenen Mittwoch wurde der älteste Mann in unserer Stadt, ber im neunzigsten Le bensjahr e verstorbene Conrector i. P. Konrab Schaab, zur letzten Ruhe bestattet. Das zahlreiche Trauer- geleite legte ein berebtes Zeugniß ab von ber Hochachtung unb Verehrung, bie ber Verblichene sich im Leben erworben hatte. Geboren ben 27. Juni 1800 zu Ruppertsburg, besuchte Konrab Schaab, privatim vorbereitet, von 1820—22 das Seminar zu Fnebberg. Ein besonderes Zeichen ber Strebsamkeit unb bes treuen Fleißes, ber ihn bis in fein höchstes Alter auszeichnete, ist, baß er 1834 sich mit bestem Erfolge bem Geometer-Examen unterzog. Daneben war er erfüllt mit einem lebhaften Sinn für gemeinnützige Thätigkeit. Er war einer ber Mitbegrünber unb langjähriges Ausschuß - - mitglied ber Sparkaste, Director ber Vorschußkasse, Mitbegrünber unb Vorstanbsmitglieb bes Musik- unb bes Gesang- | Vereins, sowie auch des Turnvereins zu Laubach. Auch ein Doch energisch legte Isidor Jerusalem seine breite, beringte Hand auf bas Kleibungsstück. „Nichts ba, Herr Graf! Se sinb e feiner Mann, e nobler Manu, e Cavalicr, aber ich mache keine Ausnahmen im Geschäft, des Fräckchen bleibt bei mir, bis Se mir bringen 1 wieder des andere Röckchen!" Da jede Minute kostbar, ließ Bach sich auf keinen Dispur mit Herrn Jerusalem ein, vielmehr seinen funkelnagelneuen, bierbuftenben Frack in besten Hänben. Schraps machte ein höchst erstauntes Gesicht, als sein Herr atemlos in bas Zimmer stürzte. Mit einem Blick aber auf bie weiße Weste unb bas gestickte Chemisette erkannte ber gemanbte Kammerbiener bie Situation insoweit, daß er es wußte: „Deinem Herrn ist auf der Hochzeit ein kleines Malheur passirt." Schraps war nur in vornehmen unb zwar höchst vornehmen Häusern thätig gewesen unb wußte, baß man derartige kleine Mißgeschicke mit möglichstem Stillschweigen wieder gutmachen müsse. Ohne daher ein Wort zu verlieren, legte er die nöthigen Kleidungsstücke zurecht unb nach Verlaus einer Viertelftunbe war der schöne Assessor metamorphosirt. Als aber Bach ben geliehenen Frack anzog, rief Schraps aus vollster Ueberzeugung: „Herr Baron, in bem Kleibungsstück können Sie unmöglich ausgehen!" „Aber warum benu nicht, Schraps?" wunberte sich Bach, „zwar sind bie Aermel etwas kurz, boch bas schabet weiter nichts." „Aber, Herr Baron, hinten auf dem Rücken ist ein großer Oelfleck!" (Schluß folgt.) ausnahmsweise vom Beginn ber Krankheit ab Krankengelb gewährt werben. Im Uebrigen soll sich biefe Kasse ben Bestimmungen des bestehenben Krankenkassen-Gesetzes vom 15. Juni 1883 anschließen. Die Kammer hat beschlossen, vor Beschlußfassung über diesen Gegenstand Ermittelungen über die Nothwendigkeit und Durchführbarkeit dieser Vorschläge zu erheben und wären derselben Aeußerungen und Vorschläge hiesiger Geschästsfirmen sowie deren Angestellten zu dieser Frage erwünscht. Der Vorstand ber im Sommer 189! in Frankfurt a. M. | ftattfinbenben internationalen eleetrotechmschen Ausstellung hat ber Kammer Anmclbebogen zu derselben nebst Programm unb I Ausstellungs-Orbnung zur Uebermittelung an Interessenten j übersandt. Letztere werden deshab gebeten, sich im Bebürsniß- falle an bie Kammer zu wenben unb barauf aufmerksam gemacht, baß bie Anmelbung zur Ausstellung burck Ausfüllung unb Unterzeichnung ber Anmclbebogen zu geschehen hat und baß bie Anmelbebogen vor bem 1. Juli 1890 an I den Vorstand ber Electrvtechnischen Ausstellung in Frank- I furt a. M. einzusenden sinb, widrigenfalls der Vorstand für Platzbeschaffung nicht mehr garantiren kann. °Von der Handels- unb Gewerbekammer in Wien sind uns bie Bestimmungen des Österreichischen Rechts betr. bie I Neuregistrirung unb Erneuerung ber Registrirung von gewerb- I lichen unb Hanbelsmarken zur Kenntnißnahme unterbreitet worben. Dieselben können auf dem Bureau ber Kammer eingesehen werben. — Unsere gestrige Mittheilung über bie Verhaftung bes I Einbrechers Ketter berichtigen wir bahin, daß :c. Ketter nicht von einer gemeinsamen Genbarmerie- unb Schutzmannspatrouille, ionbern lebiglich von ben Genbarmen Heppner unb Schwarz vom hiesigen District festgenommen würbe. Friedberg, 28. Mai. S. K. H. ber Großherzog reiften | heute früh in Begleitung bes Oberst Wernher, beauftragt I mit ben Functionen bes Generalabjutanten, nach Darmstabt. Se. Königl. Hoheit nahmen bort heute Vormittag im Resibenz- schlasse Vorträge unb Melbungen entgegen unb werben im Laufe bes Abends wieder hierher zurückkehren. — S. K. H. ber Erbgroßherzog unb I. Gr. H. Prinzessin Victoria, Prinzessin Lubwig von Battenberg, I begaben sich heute Vormittag, einer Einladung Ihrer Majestät ber Kaiserin Fisiebrich folgenb, nach^ Homburg unb kehren heute Abenb hierher zurück. cf Villingen, 26. Mai. Den Arbeitern an der neuen Bahn, welche am ersten nächsten Monats eröffnet wird, ist gestern ein schöner Tag bereitet worben. Es kam ein mächtiges Faß (etwa 500 Liter) Vier an, welches in ber Nähe ber Schmiebe im Walbc getrunken würbe. Das wundervolle Maiwetter, die herrliche Waldluft und ber gute Stoff führten I schnell bie richtige Feststimmung herbei. Gegen Abend zogen bie Festtheilnehmer nach bem Dorfe. Jeber hatte sich einen Kranz aus Eichen- ober B^henlaub gemacht- ein Orchester, bcstehenb aus zwei Ziehharmonikas unb einer Trompete, hatten die Leute selber unter sich zusammengebracht. Mit geschulterten Spaten unb in bröhnenbem Gleichschritt (man sah ben meisten an, baß sie Militär waren) marschirten sie in bas Dorf herein, wo sich der Zug auflöste. berg verwechseln ober in einen Topf werfen. Wir glauben keineswegs überhebend zu sein, wenn wir diesem Schnapsartikel des Grenzboten gegenüber die Behauptung ausstellen: e§ dürfte sich kaum eine Gegend in unserem weiten Vaterlande finden, in der die Bewohner fleißiger, ehrbarer und anspruchsloser wären als in unserem Vogelsberg. Viel zu weit würde es führen, wollten wir die uns zu dieser Behauptung zur Verfügung stehenden Nachweise veröffentlichen, nur darauf Hinweisen möchten wir, daß der Vogelsberger überall in den Städten und selbst beim Militär gesuchter und beliebter ist als irgend der Bewohner einer anderen Gegend. Jedenfalls deshalb, weil er so tapfer Schnaps trinken kann! Wohl ist der Branntwein das nöthigste Getränk des Mannes, hauptsächlich des Arbeiters, im Vogelsberg und wird Ls auch so lange bleiben, bis einmal die Schlehenhecken Trauben tragen. Aber wozu gebraucht er den Schnapstrank in der Regel? Nur um die lahm gewordenen Kräfte wieder frisch anzuregen und um sich zu stärken für die harte Arbeit seiner Gegend. Sein karger Verdienst, seine materielle Lage läßt es nicht zu, daß er Bier trinkt oder gar Rheinwein ober Champagner (wie die Redaetion sehr richtig bemerkt). Auch ist der Vogelsberger Bauer viel zu sparsam, als daß er das theure Bier tränke. Man frage nur die Branntweineonsumenten, wie der Schnapsverbrauch seit seiner Vertheuerung so erheblich nachgelassen habe. Notorische Trinker gibt es allerdings überall — Ausnahmen von der Regel — aber mir ihnen die ganze biedere Bewohnerschaft auf einen Fuß stellen zu wollen, das heißt doch, das Kind mit dem Bade ausschütten. Wenn der Herr Berichterstatter der Grenzboten sein Lebtag so sparsam bleifit, so anspruchslos ist und so bescheiden und zufrieden lebt als die Kernbevölkerung unseres Vogelsbergs, dann wird er bei seinem Gehalt nicht nur ein reicher, sondern auch ein glücklicher !9uum werden. Vermischte-, * Wetzlar, 28. Mai. Der gestrigen Hiobspost aus Leun find wir genöthigt, heute eine neue hinzuzusügen. Heute Morgen kurz vor 12 Uhr unternahm — wie uns erzählt wird — eine Gesellschaft von 5 Personen eine Spazierfahrt in dem leichten Segelboot, welches der Schiffszimmermann Gustav Sander an der Lahnbrücke vor dem Hauserthor zum Verleihen bereit hält- Sander befand sich, so heißt es, mit in dem Boot. In Folge irgend eines Unfalles, vielleicht auch Ungeschicks schlug das Fahrzeug um und sämmtliche Insassen fielen in das dort sehr tiefe Wasser. Einer derselben, der Steinhauer Anton H., schwamm ans Ufer, von wo ans es ihm gelang, einem anderen Insassen aufs Land zu helfen. Zwei andere Personen wurden durch die aufopsernde Anstrengung der Herren Fabrikbesitzer Packard, welche sich zufällig in der Nähe befanden, gerettet. Nur der arme Besitzer des Bootes, Schiffszimmermann Sander, ein sehr braver Mann, der seinen bescheidenen Verdienst durch das Ausleihen von Schiffchen zu verbessern bemüht ist, fand den Tod in den Wellen. Als der Berichterstatter bei der Unglücksstelle an- langte, wo die Affaire in allen möglichen Variationen erzählt wurde, fanden Wiederbelebungsversuche statt, welche leider nicht den gewünschten Erfolg hatten. Die herzugeeilten Aerzte konnten nur den Tod des Ertrunkenen seststelleu. So bedauerlich der Unglückssall für die Familie des Betroffenen auch ist, so darf es doch immerhin als erfreulich gelten, daß durch das opfermuthige Eintreten der genannten um die Rettung der übrigen Insassen des Fahrzeuges hochverdienten Persönlichkeiten eine weitere Ausdehnung des tiefbedauerlichen Unfalles verhindert worden ist. W. Anz. * Ehringshausen, 28. Mai. In der Holzschneiderei der Herren Deutgen & Co. hierselbst entstand heute Morgen gegen । i/25 Uhr aus bisher unaufgeklärter Ursache ein Brand, welcher anscheinend in dem Maschinen- und Kesselhaus des Etablissements seinen Ausgang genommen hatte. Glücklicherweise gelang es dem raschen und thatkräftigen Eingreifen der hiesigen Feuerwehr, einer weiteren Ausdehnung vorzubeugen und das Feuer bald gründlich zu dämpfen. Wie es heißt, haben nur die anstoßenden Comptoir- und Schlafstellenräume einigen Schaden gelitten. Der Betrieb wird bereits morgen wieder anfgeiiommen werden können. * Das Opfer seines Edelmuthes ist in der Nacht zum 24. d. M. der Briefträger Benick in Berlin geworden. Wie ber Polizeibericht melbct, sprang ein Mann in der Trunkenheit nahe ber Kottbuser Brücke in ben Landwehr-Canal. Um ihn zu retten, sprang Benick ihm nach und ertrank, während der Betrunkene von dem Wächter gerettet wurde. * Cassel, 27. Mai. Zeugen eines schrecklichen Ereignisses waren die Passagiere des am Tage vor Pfingsten verkehrenden Frankfurt-Casseler Nachmittags-Personenzuges, welcher um V29 Uhr Abends hier eintrifft. In der Nähe des Dorfes Trockenersurt (zwischen den Stationen Zimmersrode und Borken) läuft angesichts des herannahenden Zuges noch ein Mann über die Schienen, ber Loeomotivsührer giebt mit ber Dampfpfeife ein Warnnugssignal, auch sofort Contrebampf, um den Zug zum Stehen zu bringen; indessen die Entfernung ist zu kurz, der Unglückliche wird von der Maschine noch ersaßt und mit solcher Wucht zur Seite geschleudert, daß der Tod alsbald eintrat. Der Getödtete war ein etwas geistig gestörter, gut fituirter Bauer, welcher zweifellos das Herannahen des Zuges nicht rechtzeitig bemerkt hat. *Paris, 27. Mai. Im Irrenhaus von Bieetre, in welchem auch Verbrecher untergebracht werden, deren Geisteszustand beobachtet werden soll, brachen gestern 6 Geisteskranke ans ihren Zellen aus, überwältigten die Wärter und befreiten bie übrigen Kranken. Dann zertrümmerten sie alle HauS- geräthe, Gasröhren 20. und bemächtigten sich aller Messer, ! Rasirmesser und sonstiger Waffen, welche sie in ben Zimmern Gottesdienst der israelitischen KeligionsgeseUschaft. Freitag Abend 7* Uhr, Samstag Vormittag 8°° Uhr, Samstag Nachmittag 400 Uhr, Samstag Abend 860 Uhr- verkehr, £anfc* und volk-wirthschufr. Limburg, 28. Mai. l Fruchtmarks. Rother Weizen JL 18.05, wetfter Weizen JL ——, Korn Jt. 13 70, Gerste «At 12.10, Saat- Gerste AL 0U.00, Hafer AL 8.65, Erbsen AL 00.00, Kartoffeln AL 0-00. ' Burkin-Ltoff, genügenb zu einem mjufle, reine ffiote, nadelfertig, zu AL 5.85 X für eine Hose allem blos AL 23o durch das Buxklo-Fabrik-Depöt ©ettittflec & Co., Frank- futt a. M. — Muster-Auswahl umgehend franco. 1116» Temperatur der Lahn und der Lust am 29. Mai, Vormittags zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 15, Luft 15^ Gr. Rübsamen. Sctzöf^snnch richten. Bremen 27. Mai. sPer transatlantischen Telegraph.) Der Schnelldampfer Elbe, Eapt. E. Thalenhocst, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 17. Mai von Bremen und am 18 Mai von Southampton abgegangen war, ist heute 4 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen. ~ der Wärter fanden. Einige Kranke saßen, als die inzwischen herbeigeru'enen Schutzleute ankamen, auf ber Ulnfassungs- maucr ber Anstalt unb warfen mit allerhand Gegenständen um sich. Man mußte das Gebäude stürmen und die Meuterer mit der Feuerspritze begießen; dann erst ergaben sie sich und wurden sofort in Zwangsjacken gesteckt. * Aus ber bayrischen Nahrnngs- unb Genußmittel- Ausstellung zu Würzburg vom 10. bis 16. Mai bs. Js. würbe bem Bürgerlichen Brauhaus Zell Würzburg für hervorragcnbe Leistung bie goldene Medaille und ein Chren- diplom als höchste Auszeichnung zu Theil.__ Entscheidungen des Reichsgerichts. _ Die Verrückung oder Wegnahme eines in vorfchrijlsmätziger Weise gesetzten GrenzzeichenS, welches nicht die Abgrenzung des EtgenthumS, sondern der an verschiedenen Personen aus tangere oder kürzere Seit verpachteten Theilstucke des Eigenthums bezweckt, fallt nach einem Urtheil des Reichsgerichts, II. Strafsenats, Januar 1890, unter die Strafbestimmung des $ 274 Z. 2 des St.-G.-B. ( Mit Gefängniß . . . wird bestraft, wer einen Grenzstein ... in der Absicht, einem Anderen Nachtheil zuzusügen, wegnimmtt :c.). - Der Zahlung einer fälligen Hhpothekenschuld steht, nach einem Unheil des Reichsgerichts, V. Etvllsenats^.vorn 22. März 1890 im Geltungsbereich des vreutztfchen Rechts als Gegenleistung das Recht auf Quittung resp. Cession und auf Rückgabe des Hypo- thekendocuments gegenüber. Wird diese Gegenleistung verweigert oder von unzulässigen Bedingungen abhängig gemacht, so kann sich der Schuldner von seiner Verbindlichkeit durch Hinterlegung der Schuldsumme befreien, auch wenn wegen eines zwischen den Jnter- . fsenten streitigen Rechtsverhältnisses der Empfänger der Zahlung zur Seit noch nicht angegeben werden kann. Verdingung. Für die Pflasterung der Ladestraße auf Babnhof Marburg und ber Zufuhrstraße auf Bahnhof Treysa soll die Lieferung von rund 1000 cbm Pflastersteinen im Ganzen oder in einzelnen Loosen verdungen werden. Hierzu ist Termin auf Sonnabend den *1» Juni, Vormittags 11 Vs Uhr, im Geschäftszimmer des Unterzeichneten festgesetzt. Die Bedingungen sind gegen freie Einsendung von 0,5 8. 24 l Eine Mavsarden-Wodnung, vier Zimmer mit Zubehör und Wasserleitung, zu vermiethen. Asterweg 6. 2615] WegzugshalberdeP 1. u- 3. ^tock, ein jeder mit 6 Zimmern, Küche und Zubehör, auf Wunsch auch Gartenantheil, zu vermiethen- Frankfurterstraße 53. 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