Nr. 116. Mittwoch den 21. Mai 1890 Gießener Anzeiger Kenerat-Unzeiger Redaction, Txpedtti» und Druckerei: Fernsprecher 61. vierteljähriger >8o**eme*t$p€dM 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Die Gießener GsmitteuvtStier «erden dem Anzeiger «schentlich dreimal beigelegt. Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, Bit Ausnahme deS Montags. Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren. ■gj»—— . I ■" ■' "■ ...... ..........«—Ry. --|LM III ' - ■ - ■!< ■ ' ■- IL 1 l I.ILIl l»^—■■ Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den ^llle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm» folgmden Tag erscheinenden Nummer bis Sonn. 10 Uhr. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen. 2ltntiid?er Theil. Bekanntmachung, Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft zur Entwässerung der Muren VI, VII und VIII der Gemarkung Dorf-Gill betreffend. An der behufs Entwässerung der Fluren VI, VII u. VIII der Gemarkung Dorf - Gill beantragten Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft sind nach den Acten 74 Grund- eigenthümer mit 27,5892 ha Fläche betheiligt. Bei der am 26. Februar l. I. vorgenommenen Verhand- lungstagsahrt hat sich Niemand gegen das Unternehmen erklärt, Einwendungen Dritter sind ebenfalls nicht erhoben worden. Die Großh. Obere landwirthschastliche Behörde hat daraufhin dem Unternehmen die in Art. 67 des Gesetzes vom 80. Juli 1887 vorgesehene staatliche Genehmigung mit folgenden Bestimmungen ertheilt: 1) daß die 74 betheiligten Grundbesitzer, welche in dem offengelegten Verzeichniß ausgeführt sind, Mitglieder der Waffergenoffenschaft werden; 2) daß das Unternehmen nach dem von Wiesenbaumeister Greb zu Friedberg ausgestellten, von Großh. Cultur- ingenieur Wißm ann geprüften Plan ausgeführt wird; 3) daß bezüglich der Verkeilung der auf 4497 JL veranschlagten Meliorationskosten nach Art. 53 und 68 des Gesetzes vom 30. Juli 1887 verfahren wird. Vorstehende Entscheidung wird unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß innerhalb 14 Tagen nach erfolgter Bekanntmachung bei Meldung des Ausschlusses gegen dieselbe Beschwerde bei Großh. Ministerium des Innern und der Justiz erhoben werden kann. Gleichzeitig geben wir öffentlich bekannt, daß das mit den Bevollmächtigten berathene Statut für die zu gründende Genossenschaft vom 2L Mai bis einschließlich 6. Juni l. I. auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Dorf-Gill zur Einsicht der Betheiligten offenliegt und daß Einwendungen .gegen dasselbe innerhalb dieser Frist bei Meidung des Ausschlusses bei uns vorzubringen sind. Gießen, den 19. Mai 1890. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. An die Großh. OrtSgerichte des Amtsgerichts- Bezirk- Gießen (mit Ausnahme von Gießen). Betr.: Die Verpflichtung von Ortsgerichtsdienern. Sie wollen alsbald berichten, wer seither als Ortsgerichtsdiener bei Ihnen fungirt hat, ob derselbe und wann als solcher verpflichtet worden, oder warum dieses, bezw. die Mittheilung anher zwecks der Verpflichtung, — entgegen § 13 der Ortsgerichts-Jnstruction, — unterblieben ist. Gießen, am 17. Mai 1890. Grobherzogliches Amtsgericht. Fresenius. Bekanntmachung. Die Provinzial - Fohlenweide bei Merlau beginnt in diesem Jahr am 2. Juni. Die Fohlen müssen an diesem Tage zwischen 10 und 1 Uhr Mittags daselbst mit gezeichneter Halfter und Kette, sowie mit Gesundheitsschein von Großh. Bürgermeisterei oder Veterinärarzt abgeliesert und den letzten September d. I. um dieselbe Tageszeit abgeholt werden, wobei der Besitzer beim Einfangen behilflich sein muß. Die Fohlen erhalten, neben Behandlung und Weidefutter auf circa 34 Hectaren, bei trockenem Wetter Kleegras oder bei nassem Wetter Heu und außerdem pro Tag und Stück 1% Pfund Hafer aus der Vereinskaffe. Jeder Besitzer kann jedoch Haferzufatz in Natur oder durch Selbstzahlung geben lassen. Das Weidegeld für bezeichnete Zeit von vier Monat beträgt pro Fohlen 39 04 oder pro Tag 32 und muß die Hälfte beim Eintrieb und die andere Hälfte vor dem 1. August l. I. an die Verwaltung refp. Großh. Baurach Di-. Dieffenbach in Grünberg bezahlt werden. Allenfallsige Kurkosten der Fohlen muß der Eigenthümer bezahlen. Letzterer kann wegen begründeter Verhältnisse fein Fohlen zu jeder Zeit zurücknehmen und bezahlt dann nur die benutzte Weidezeit. Kranke und bösartige Thiere, sowie über l1/* Jahr alte Hengste, welche die anderen Thiere stören, können ausgeschlossen Erden. Sonstige Auskunft ertheilt der genannte Großh. Aaurath Dieffenbach. Laubach, den 1. Mai 1890. Der Präsident des landw. Vereins von Oberheffen. I. V.: Schlenks. Deutsches Reich. nn. Darmstadt, 19. Mai. Verhandlungen der zweiten Kammer der Land stände. Nach einer kurzen Pause nahm mit dem heutigen Tage die zweite Kammer ihre Thätigkeit wieder auf, um voraussichtlich mit ihrem Pensum noch vor Schluß des Landtages zu Ende zu kommen. Nach Verkündigung einer Anzahl neuer Einläuse und Berichtsanzeigen tritt das Haus sofort in die Beantwortung verschiedener Interpellationen durch Großh. Regierung. Zunächst beantwortet Staatsminister Finger die Interpellation der Abgg. Muth, Gras Oriola und Vogt, die Krankenversicherung der in land- und forstwirthschastlichen Betrieben beschäftigten Personen, hier die Ausdehnung der Versicherungspflicht auf landwirthschastliche Arbeit verrichtende Familienangehörige (Söhne "und Töchter rc.). Staatsminister Finger erklärt, daß nachdem der Regierung Klagen in dieser Richtung zu Gehör gekommen seien, diese zwei Ausschreiben an die Kreisämter erlassen habe, worin in präciser Weise die Versicherungspflicht der in den land- und forstwirthschastlichen Betrieben beschäftigten Personen zum Ausdruck komme. Die Regierung halte die von ihr getroffenen Maßregeln für genügend und könne sich nicht entschließen, Aenderungen an dem kaum gegebenen Gesetz eintreten zu lassen. Graf Oriola glaubt, daß dieses Gesetz in einer Zeit zu Stande gekommen sei, welche nicht günstig gewesen sei, da durch anderweite Gesetzesvorlagen die Berathung desselben viel zu rasch vorgenommen wurde. Das Gesetz sei bestimmt, segensreich zu wirken, trotzdem habe es aber in landwirth- (chaftlichen Kreisen große Unzufriedenheit hervorgerufen. Die Klagen würden laut durch die Art und Weise, wie das Gesetz durch die Kreisämter zur Durchführung gebracht werde. Der eine Kreisrath nehme einen strammen Standpunkt ein und ziehe Söhne und Töchter der Landwirthe zur Beitragsleistung heran, der andere Kreisrath fasse dasselbe milde auf. Dadurch würden Ungleichheiten geschaffen, welche Unzufriedenheit stiften. Die Regierung möge hier durch geeignete Maßregeln Abhülse schaffen. In ähnlichem Sinne sprechen noch die Abgg. Vogt, Muth, Metz-Darmstadt, Metz-Gießen und Andere. Staatsminister Finger versichert zum Schluß, die Regierung werde die vorgebrachten Beschwerden im Auge behalten und wenn nöthig, Vorkehrungen treffen, um etwaigen weiteren Klagen vorzubeugen,- weiter zu gehen halte er nicht für opportun. Es folgt sodann die Interpellation des Abg. Lautz, betr. die Gefängnißarbeit gegenüber dem freien Handwerk. Staatsminister Finger erwidert, die Erhebungen hierüber seien nunmehr zu Ende geführt und habe sich herausgestellt, daß die Thätigkeit in den Strafanstalten aus dem Gebiet des Handwerks sehr gering sei, so daß von einer Schädigung des Kleingewerbes keine Rede sein könne. Abg. Lautz erklärt, die Veranlassung seiner Interpellation seien die Klagen von etwa 70 Gewerbetreibenden von Dieburg und Umgebung, welche durch die dortige Strafanstalt in empfindlichster Weise geschädigt würden. Eine Hauptursache dieser Klagen sei die Fabrikationsherstellung von Gegenständen des Kleingewerbes. Auch die niederen Preise, für welche in den Gefängnissen gearbeitet werde, seien für das Handwerk schwer schädigend. Hier müsse entschieden abgeholfen werden, andernfalls sei es kein Wunder, wenn die Socialdemokratie an Ausdehnung zunehme. Abg. Ullrich spricht sich ebenfalls in scharfer Weise gegen die Concurrenz der Gefängnißarbeit aus, welche den kleinen Mann ganz bedeutend schädige, ohne dem Staat einen bedeutenden Nutzen zuzuziehen. Aus eigener Erfahrung gelegentlich seiner politischen Haft könne er sprechen, daß für ein geringes Entgelt für große Fabriken gearbeitet wurde zum Schaden der Allgemeinheit. Auch der Abg. Wasserburg bestätigt aus eigener Erfahrung die gerügten Mißstände und ersucht die Negierung, der Sache näher zu treten. Geh. Staatsrath Hallwachs sichert sorgfältige Prüfung der Sache zu, kann aber zugleich die Mittheilung machen, daß die Regierung die Privatbeschäftigung nicht ganz aus den Gefängnissen herausnehmen könne aus Mangel ander- weiter Verwendung der Gefangenen. Bezüglich der Interpellation Schönberger, die Ver- werthung von Stammholz aus den Domanialwaldungen im Submissionswege erklärt Geh. Rath Draudt und Oberforstrath Wilbrandt, die Regierung habe die Submissionen für am vortheilhaftesten gefunden und werde vorerst davon nicht abgehen. Versteigerungen von Stammholz hätten geringe Erträgnisse geliefert. Abg. Sch önberger bedauert, daß die Antwort Großh. Regierung nicht mit seiner Ansicht und den Ansichten vieler Holzverbraucher seines Wahlkreises übereinstimme. Durch diese Submissionen seien diese genöthigt, ihren Holzbedarf von weiter Entfernung und zu hohen Preisen decken zu müssen. Dieses liege sicher nicht im Interesse der Bevölkerung. Auch Abg. Muth und Pfannstiel äußern sich in gleichem Sinne und bitten um Abhülfe. Ein Gesuch des Steuerraths Fröhlich zu Darmstadt um Erhöhung seiner Pension und des Canzleidieners Kirchmann daselbst um Regulirung seiner Pensionsverhältnisse findet nach dem Ausschußantrag in genehmigendem Sinne die Genehmigung des Hauses. Die Verhandlungen über Errichtung einer Hess. Staats- klassen-Lotterie wurden heute ausgesetzt. Morgen früh Sitzung. Deutscher Reichstag. 9. Plenarsitzung. Montag, 19. Mai 1890, 1 Uhr. Die erste Berathung der Gewerbeordnungs- Novelle (Arbeiterschutz-Bestimmungen, Contractbruchs- bestrafung rc.) wird fortgesetzt. Abg. Grillenberger (Soc.): Die Vorlage hat zweifellos gute Seiten, aber sie enthält auch viele Bestimmungen, die eine Verschlechterung des gegenwärtigen Zustandes bezwecken. Es wäre vielleicht zweckmäßig, wenn mit der Vorlage zugleich unsere Arbeiterschutzanträge discutirt werden könnten, die wir ja schon früher eingebracht haben, über die man damals hinwegging. Inzwischen hat sich ja in Bezug auf sociale Reformen, ein Umschwung vollzogen und wir hoffen, daß die Vorlage nicht wieder resultatlos bleiben wird. Ungeschicklichkeiten in der socialen Gesetzgebung sind allerdings von der Regierung zahlreich begangen. Für die Einrichtung der Arbeiterstatistik ist leider nichts geschehen. Dagegen sind anerkennenswerthe Maßnahmen durch die Kaiserliche Ordre vom 4. Februar er. getroffen. Von dem internationalen Arbeiterschutz-Congresse ist ja anerkannt, daß er wesentlich sich an die Beschlüsse des internationalen Arbeitercongresses angelehnt hat. Es ist nicht richtig, daß wir unsere Anträge nur stellen, um zu demonstriren,- unsere Anträge enthalten Vorschläge, die auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung durchführbar sind. Mögen die Herren rechts ihre Vorurtheile und Klasseninteressen ausgeben und sich uns nähern, dann wird diese Gesetzgebung sehr glatt gehen. Die Stellung der freisinnigen und nationalliberalen Presse gegenüber den Kaiserlichen Erlassen war Anfangs zustimmend, hat sich aber bald geändert. Auch in der Vorlage macht sich eine deutlich erkennbare Abschwächung der Grundsätze des Kaiserlichen Erlasses bemerkbar. Von der Gleichberechtigung der Arbeiter ist keine Rede mehr. Auch die Regelung der Arbeitszeit bleibt in der Vorlage gegenüber anderen, selbst weniger entwickelten Staaten zurück. Es konnte nicht schwer sein, zu einem Normalarbeitstag zu kommen. Es scheint, als machten sich Einflüsse geltend, welche die Vorlage als einen Ersatz für das Socialistengesetz gestalten möchten. Bei den Bestimmungen über die Arbeitsdauer macht sich eine bedenkliche Halbheit erkennbar. Mit solchem Tragen aus zwei Seiten bringt sich die Regierung in eine schwierige Lage. Wenn es sich um Arbeiterschutz handelt, dann muß durchgegriffen werden. Kein Arbeiter glaubt heute mehr, daß die Industrie durch die Beiträge zu den Zwangsversicherungen belastet wird, höchstens werden Luxusausgaben für die Unternehmer um ein Geringes beschnitten. Selbst durch die Herabsetzung der Arbeitszeit, die allerdings die Industrie belasten würde, wird ein bedenklicher Einfluß nicht herbeigeführt. Redner bekämpft eingehend die entgegenstehenden Ausführungen des Abg. Barth, die dieser in der „Nation" gemacht hat. Bei der Steigerung der Löhne muß man auch die Kaufkraft des Geldes in Betracht ziehen,- die Preise für die Lebensmittel sind heute so bedeutend gestiegen, daß die erhöhten Löhne dagegen nicht in Betracht kommen. Bei den Vorerörterungen über solche Arbeiterschutzmaßregeln dürfen Arbeitgeber nicht mit zu Rathe gezogen werden, denn mit wenigen Ausnahmen wohlwollender Arbeitgeber sind die meisten Ausbeuter, deren Interesse gegen die Interessen der Arbeiter läuft. Nicht die Begehrlichkeit der Arbeiter, wie Graf von Moltke sagte, sondern die Ausbeutungswuth der Unternehmer führt die Kriege herbei. In England und Oesterreich hat man die Aerzte über die Normirung der Arbeitszeit befragt und es ist übereinstimmend die lOstündige Maximalarbeitszeit vorgeschlagen. — Die Vorschläge über Frauen- und Kinderarbeit sind brauchbar und können bei gutem Willen. der Herren rechts zu zweckmäßigen Bestimmungen führen. Die Sittlichkeit ist durch das Zusammenarbeiten der Geschlechter viel weniger gefährdet, als durch männliche Vorgesetzte bei weiblichen Arbeitern. Wir haben die Errichtung von Arbeiterkammern vorgeschlagen und die Einrichtung eines Reichsarbeitsamtes, wo Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam Streitfragen schlichten können, die heute einseitig durch das Unter- nehmerthum gelöst werden. Die Kosten dafür sind gegenüber den Militärsorderungen sicher nur gering. Die Zahlung des Arbeitslohnes an die Eltern Minderjähriger und an die Gemeindebehörden ist durchaus unannehmbar und undurchführbar. Warum schlägt man denn nicht ähnliche Bestimmungen für Studirende vor? Gegen den Frühschoppen der Studirenden und ähnliche Dinge sagt Niemand etwas, sobald aber Arbeiter im Spiele sind, dann spricht man von der zuchtlosen Jugend. Eine strengere Bestrafung des Contract- bruchs läuft auf eine Ausrottung des Coalitionsrechtes hinaus. Während man mit hohen Gefängnißstrasen gegen die Arbeiter wegen öffentlicher Verrufserklärung vorgeht, bleiben die Arbeitgeber, die ganz dasselbe thun, unbehelligt. Die Arbeiter sind genöthigt, öffentlich aufzutreten, die Fabrikanten brauchen das nicht und entgehen so der Bestrasung und da spricht man noch davon, daß die Arbeiter vor dem Gesetze günstiger gestellt feien als die Arbeitgeber! Wo die Arbeiter organisirt sind, wird es zu keinen Exceffen kommen, wie wir sie in Schlesien gesehen haben. Arbeitgeber thun dasselbe, vielleicht heimlich "und nicht in so schroffer Weise. Wenn junge Leute heute vielfach an die Spitze der Bewegung treten, so liegt der Grund darin, daß diese Leute am wenigsten zu verlieren haben, was bei der hervorragenden Position immer zu befürchten ist. Bei solchen Angriffen aus die Coalitionsfreiheit der Arbeiter dürfen wir uns nicht hinter den Schützen ducken, sondern müssen erklären: Den Unternehmern gehört Eins aus den Kopf! Setzen Sie den Hebel an bei dieser Vorlage, Sie können hier viel Gutes leisten für die Arbeiter und für die Erhaltung des socialen Friedens. Abg. Frhr. v. Stumm (Reichsp.): Nach den von mir genau geführten Tabellen ist die Lohnsteigerung in den letzteren Jahren eine viel bedeutendere gewesen, als die Steigerung der Lebensmittelpreise- auch weiß ich, daß viele Unternehmer ihre Fabriken nur betreiben, um ihre Arbeiter zu beschäftigen, ohne selbst Verdienst zu haben. Ich begrüße die Vorlage mit Freuden. Mit dem Socialistengesetz hat die Vorlage nichts HU thun, vielleicht entwickeln sich aber nach dem 1. October Zustände, die auch den Abg. Schrader nöthigen werden, für ein Socialistengesetz zu stimmen. Die Vorlage ist die logische Entwickelung unserer socialen Gesetzgebung. Hätten die Herren links sich früher schon entschließen können, dem zuzustimmen, was Centrum, Reichspartei und Conservative vorschlugen, so wäre der wesentlichste Theil der Vorlage bereits Gesetz. In Oesterreich steht die ganze Arbeiterschutzgesetzgebung nur auf dem Papier. In England, wo die Trades unions den Arbeitern ihre Festigkeit und ihren Halt geben, wird dieses Joch von vielen Arbeitern sehr lästig empfunden, namentlich seit die Socialdemokraten sich der Mtung dieser Trades unions bemächtigt haben. Bei uns beginnt sich eine ähnliche Erscheinung zu entwickeln,- auch unsere Fachvereine sind Organe der Socialdemokratie geworden. Die Organisation, welche die Vorlage vorschlägt, ist nicht zweckmäßig, sondern verkehrt. Die Regelung der Sonntags- und Frauenarbeit ist zweckmäßig; Wünschenswerth wäre, daß die Betriebe, in denen die Kinder- und Frauenarbeit ausgeschlossen sein soll, bestimmt bezeichnet werden. Es wäre doch am Besten, wenn der Theil der Vorlage über Sonntags-, Frauen- und Kinderarbeit baldmöglichst Gesetz würde und der Rest der Vorlage bis zum Herbst vertagt wird, denn sonst lausen wir Gesahr, bis mitten in den Sommer zu sitzen und schließlich gar nichts zu Stande zu bringen, weit wir uns über die anderen wichtigen Punkte der Vorlage nicht einigen können. Der Maximalarbeitstag kann nicht bemessen werden nach der Zeit allein, er muß bemessen werden nach der Arbeitslast. Die Strafbestimmungen der Vorlage sind gerechtfertigt- ausgedehnt könnten sie noch werden auf solche Durchstechereien, die zwischen Arbeitern und Werkführern, sowie zwischen Bergleuten und Steigern vorzukommen pflegen und die in Gewährung von Vortheilen durch die Arbeiter an jene bestehen. Zum Segen für die Bevölkerung kann die Vorlage nur werden, wenn das persönliche Verhältniß zwischen Arbeiter und Arbeitgeber nicht gelockert, sondern gefestigt wird. Abg. Cegielski (Pole) erinnert daran, daß die Polen gemeinsam mit dem Centrum für die Forderungen der Vorlage eingetreten sind. Das Wichtigste der Vorlage ist die Bestimmung über die Sonntagsruhe. Kinder und jugendliche Arbeiter sollen der Zucht der Familie unterstellt werden. Ueber die Contractbruchstrafe kann sich Redner heute noch nicht äußern. Der Maximalarbeitstag für erwachsene Arbeiter kann nicht einheitlich geregelt werden, namentlich ist die Forderung eines Achtstundentages undurchführbar und würde alle Verhältnisse umwälzen. In Polen wird die Vorlage nur dann von Erfolg sein, wenn die Regierung die Germani- sirung der Volksschule in den polnischen Landestheilen unterläßt, wodurch bei uns allerdings jene zuchtlose Jugend erzogen wird, von der der Reichskanzler neulich sprach. Vor einigen Jahren wurde mit Bezug auf das den Polen zugefügte Unrecht hier von mir gesagt: „Chercbez le chanzelier“. Möge der gegenwärtige Kanzler dafür sorgen, daß dies Wort auf ihn im entgegengesetzten Sinne wie früher auf seinen Vorgänger angewendet werde. Abg. Win ter er (Els.) steht der Vorlage sympathisch gegenüber. Die Sonntagsarbeit ist die wichtigste zu regelnde Materie, demnächst die der Frauen-Nachtarbeit. Warum hat man sich aus den Normalarbeitstag für Frauen beschränkt und ihn nicht auf die Männer ausgedehnt? Der achtstündige Arbeitstag ist nicht durchführbar und wird nur geltend gemacht, um die Arbeiterbewegung im Fluß zu erhalten. Unter den heutigen Verhältniffen muß man das kleinere Uebel nehmen, die der Schule entwachsenen Kinder in die Fabrik eintreten zu lassen statt der Mutter. Dem Arbeitsbuch für jugendliche Arbeiter und der Lohnzahlung an die Eltern stimmen wir bei. Die Strafbestimmungen wegen Contractbruches scheinen zu hart, die wegen unterlassenen Besuchs der Bildungsanstalten verwerfen wir. Abg. Hähnle (Volksp.) anerkennt die Ziele der Vorlage, wünscht aber die Interessen der Production stärker zu berücksichtigen und die Befugnisse der Polizei zu beschränken. Hieraus vertagt das.Haus die weitere Debatte bis morgen Dienstag 1 Uhr. Es steht außerdem noch die Strafgesetznovelle (Strafen für Beschädigung von Telegraphen) auf der Tagesordnung. ' 'Schluß 51/2 Uhr. Neueste Nachrichten. Wolff? telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 19. Mai. Die Fusion der Witugesellschast mit der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft wurde in der heutigen Generalversammlung beider Gesellschaften genehmigt. Spandau, 19. Mai. Eine Anordnung an die Staatsfabriken verbietet den darin beschäftigten Arbeitern, Geldsammlungen für sinkende Arbeiter zu veranstalten. Hamburg, 19. Mai. Die „Hamb. Nachr." veröffentlichen eine ihnen von Major Liebert zugegangene Berichtigung, worin Liebert die ihm in einer Correfpondenz der „Nachrichten" vom 16. Mai zugeschriebenen Aeußerungen über englische Offiziere entschiedenst dementirt. Es fei thatsächlich unrichtig, daß er Aeußerungen über die Unbeliebtheit englischer Offiziere in Afrika gemacht habe, er müsse als deutscher Offizier Verwahrung dagegegcn einlegen, daß ihm eine derartige unerhörte und unzutreffende Kritik gegen eine uns eng befreundete Nation und Armee unterstellt werde. Die Nachrichten fügen hinzu, sie fänden den Unmuth des Majors Liebert vollkommen gerechtfertigt, theilten denselben und bedauerten, daß die redactionell beanstandete Correspondenz versehentlich abgedruckt wurde. Hamburg, 19. Mai. Eine Lloyd-Depesche aus Suez vom 18. Mai meldet, daß der Postdampfer „Dacca" von der Britisch-Jndia-Gesellschaft am 16. Mai aus dem sogenannten Dädalusriff gescheitert und sofort untergegangen ist. Die Passagiere und die Mannschaft sind an Bord des Dampfers „Palamcotta" in Suez angekommen. Der Dampfer „Dacca" war auf der Reise nach Australien. Wien, 19. Mai. Ein Berliner Bericht der „Politischen Correspondenz" kommt auf die Meldung des Wiener „Times"- Correspondenzen über eine angeblich beabsichtigte Annäherung Rußlands an Deutschland zurück und äußert sich.über die in maßgebenden Berliner Kreisen herrschende Anschauung folgendermaßen: Deutschland halte unverbrüchlich an dem aus der gemeinsamen Friedensliebe hervorgegangenen Dreibunde fest- es könne mit anderen Staaten Verträge nicht anders schließen als gemeinschaftlich mit beiden Verbündeten- wollte Rußland sich Deutschland nähern, so müßte ersteres sich klar sein, daß letzteres einen Pakt nur als Mitglied des Dreibundes zu schließen vermöchte. Dies würde nicht nur eine Aenderung der derzeitigen Gruppirung der Mächte, sondern den Hinzutritt Rußlands zu der Friedensliga bedeuten. Bern, 19. Mai. Der preußische Gerichtsaffessor Spieß- hardr erhielt das Exequatur als deutscher Berufsconsul in Basel. St. Gallen, 19. Mai. In Balg ach im Rheinthal sind gestern Nachmittag 28 Häuser und 16 Ställe niedergebrannt. London, 19. Mai. Im Unterhause erklärte Fergusson in der Verantwortung einer diesbezüglichen Anftage, daß die Einflußsphären Englands und Deutschlands in Ostasrika noch nicht geographisch definirt seien. Es sei ihm jedoch nichts davon bekannt, daß die Ueberlassung des Landes südlich vom Aequator an Deutschland bei den Besprechungen in Berlin erwogen werde. Die Besprechungen zwischen Anderson und Krauel beträfen die Fragen Ost- und West-Afrikas und seien durchaus vertraulich. In jeder die Interessen der britischen Colonien in Afrika berührenden Abmachung werde den Ansichten der betreffenden Colonien volle Rechnung getragen. Auf Anordnung der Negierung gingen am 2. Juni zwei Kanonenboote mit niedrigem Tiefgang nach Afrika ab und nähmen im Zambesifluße Station. Helsingfors, 19. Mai. Unweit der Eisenbahnstation Kaipiais flog eine Pulverfabrik in die Lust. Fünf Personen wurden gelobtet, der die Fabrik umgebende Wald wurde in Brand gesetzt, ein Pulvermagazin im Walde ist stark gefährdet. Kopenhagen, 19. Mai. Eine Versammlung sämmtlicher Schisfsrheder beschloß einstimmig die von den Heizern und einer größeren Anzahl von Matrosen gestellten Forderungen abzulehnen und an den bisherigen Lohnbedingungen festzuhalten. Kopenhagen, 19. Mai. Der König reift wahrscheinlich am Donnerstag nach Wiesbaden ab. Rom, 18. Mai. Bei dem Schlüsse des ersten nationalen Schützenfestes verteilte das Königspaar die Preise. Crispi äußerte sich beifällig und er meinte, diese Probe, welche eine Waffenprobe gewesen sei, erscheine als ein Pfand des Friedens und der Liebe zwischen der italienischen und den anderen Nationen. Peterwardein, 19. Mai. Anläßlich der Jubiläumsfeier des den Namen des Kaisers Alexander führenden In f an ter ie- regiments traf eine Depesche des Czaren ein, welche in den huldvollsten Worten das musterhafte Regiment begrüßte. Er sei stolz, der Inhaber desselben zu sein. Bei dem Diner toastete der Oberst Hofmann auf den Czaren und hob hervor, daß das Regiment mit Stolz erfüllt sei über die Worte des Czaren, welche zwischen dem Regiment und dessen Inhaber ein neues Band bildeten. Der Militär - Attachs der russischen Botschaft erwiderte mit einem Toast auf den Kaiser von Oesterreich. Yokohama, 19. Mai. Im Ministerium von Japan sind Veränderungen vorgenommen worden. Ernannt sind Saigo für das Innere, Joshikowa für den Unterrichts Kabayama für die Marine, Mustu für den Ackerbau, Oyama für den Krieg, Marsukata für die Finanzen und Goto für das Verkehrswesen. Nio de Janeiro, 19. Mai. Die Regierung beschloß, daß. die Zölle vom 1. Juli ab bis zum Mindestbetrage von 20 pCt. in Gold gezahlt werden müssen. Cocetes «nd provinjiclles» Gießen, 20. Mai. — Die nächste Prüfung der Caudidaten der evangelischen Theologie wird Dienstag den 26. August, Vormittags 8 Uhr, in dem Amtslocale Großh. Ober-Consistoriums zu Darmstadt beginnen. Zu derselben werden nur diejenigen Caudidaten zugelassen, welche sich hierzu angemeldet und ihre Probearbeiten in genügender Weise spätestens drei Wochen vor Beginn der Prüfung eingeliefert haben. Dem Gesuche um Zulassung ist eine in deutscher Sprache ausgearbeitete Darstellung des Lebenslaufs und Studiengangs des sich anmeldenden Caudidaten beizuschließen. — Steins Garten. Es wird wohl gewiß Viele unserer werthen Leser intereffiren, daß Herr Stein den Platz vor dem großen und kleinen Saal nach der Stadt zu als Terrasse und davor ein geschmackvolles Blumen- und Grasbeet mit Bassin und Springbrunnen hat anlegen lassen - hierzu noch das überaus üppige frische Grün der ganzen übrigen Gartenanlage mit ihren schattigen Bäumen und lauschigen Sitzplätzen. Es dürfte sich kaum ein schönerer Platz zur Erholung bei einem frischen Trünke auf Weit und Breit finden. * Ruttershausen, 20. Mai. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerh. Entschließung vom 4. l. Mts. dem Bürgermeister Ludwig Klinket zu Ruttershausen bei seinem Ausscheiden aus dem Amte das Allgemeine Ehrenzeichen für langjährige treue Dienste zu verleihen geruht. «x Aus der Wetterau, 19. Mai. Es ist erfreulich, daß unsere Landwirlhe, sowohl die größeren Oekonomen, wie die kleinen Bauern immer mehr die birecten wie bie inbirecten Vortheile schätzen lernen, bie ber Zuckerrübenbau im Gefolge hat. Das vergangene Jahr 1889 hat mit seiner vortrefflichen Witterung viel zu bieser Erkenntniß beigetragen unb bas laufenbe Jahr scheint in bie Fußtapsen bes Vorgängers eintreten zu wollen. Im April nämlich, als die Saaten vorgenommen wurden, herrschte hierzu ein günstiges Wetter. Das Keimen und Ausgehen erfolgte gleichsam programmmäßig und gleich darauf begann die erste Behackung. Der ausgezeichnete Mai, der Wärme mit genügender Feuchtigkeit spendete, läßt an den jungen Pflanzen ein ununterbrochenes Wachsthum erkennen, so zu sagen „wie es im Buche steht". Man hat deshalb an vielen Orten mit der zweiten Behackung und Lichtstellung begonnen. In verschiedenen Gemeinden wird über Engerlingfraß berichtet, der stellenweise so bedeutend ist, baß manche Stücke umgepflügt werden. Von diesem Falle abgesehen, versprechen die Zuckerrüben für das laufende Jahr wieder einen sehr guten Ertrag. Die zweite Behackung kann gegenwärtig, wo eine Pause im laudwirthschastlichen Betriebe eingetreten ist, mit Ruhe und Sorgfalt vorgenommen werden. /X Elus dem Kreise Schotten, 19. Mai. Wenn die Bauernregel: „Viele Maikäfer - ein gutes Jahr" Recht behält,, bann haben wir gewiß ein gutes Jahr zu erwarten, benn an Maikäfern fehlt es eben Heuer nicht. Wie bie- Schneeflocken, hängen sie am zarten Laub ber Walbbäurne unb Abeubs bei ber jetzigen warmen Temperatur schwirrts unb brummts nuf so in ber Luft von lauter Maikäfern. Es wäre sehr zu empfehlen, wenn seitens ber Gemeinbe-Verwaltungen mehr zu ihrer Vernichtung geschähe, als es in der That geschieht, trotz der daraus bezüglichen Verfügungen der Kreisämter. Auch aus Rh einh essen und Starkenburg berichtet man über das massenhafte Auftreten der Maikäfer, wie man sie dort in gleicher Menge noch nie wahrgenommen habe. Werden die Maikäfer nicht vertilgt, so haben wir in 4 Jahren eine vielleicht noch größere Maikäferplage zu erwarten. Darum vernichtet sie! □ Mucke, 19. Mai. Der neue Bahnhof geht seiner Vollendung entgegen und dürfte im Juli dem öffentlichen Verkehr übergeben werden. Wenn man ihn mit dem ebenfalls bald sertiggestellten neuen Postgebäude vergleicht, so fällt dieser Vergleich nicht zu seinen Gunsten aus. Das letztere ist in der That ein stilvolles Prachtgebäude unb finbet allseitige Anerkennung - gar einfach unb unscheinbar nimmt sich dagegen ber neue Bahnhof aus, dazu in einer Umgebung (dicht an dem vorbeifließenden Seenbach), die alles andere als reizend ist. Mit seiner Fertigstellung hoffen wir, daß man dem reisenden Publikum seitens der maßgebenden Verwaltung durch die Anlegung eines Fußpfades nach der Staatsstraße ostwärts entgegenfommt, da hierdurch der Weg nach dem Bahnhofe bedeutend verkürzt würde. T Büdingen, 19. Mai. Der hessische Hauptverein der Gustav-Adolf-Stiftung hält die diesjährige Hauptversammlung am 8. und 9. Juli hier ab. — Geilshausen, 16. Mai. Heute Morgen machte ber hiesige Schäfer Sauer seinem Leben durch Erhängen ein Ende. Vermischtes. — Franksurt, 19. Mai. Auf dem Staats-Güterbahn- hos gerieth gestern Nachmittag der Hilfsbremser Johann Faß« benber aus Oberlahnstein zwischen bie Puffer unb würbe tobt gedrückt. Der Verunglückte war erst 29 Jahre alt, verheirathet und Vater von 4 Kindern. — Im Frankfurter Walde scheint es seit der Ermordung des Technikers Elsner noch kein bischen sicherer geworden zu sein. Der heutige Polizeiberichr meldet wenigstens, daß gestern eine junge Dame im Walde von einem Menschen angegriffen, zu Boden geworfen unb ihrer Uhr beraubt wurde. Unter diesen Umständen wird der Frankfurter Wald, sonst der Haupt-Ausflugspunkt unserer Einwohnerschaft, bald seine Anziehungskraft verlieren. *= Frankfurt a. M., 17. Mai. Ein Complice L i e s k e s, der wegen Ermordung des Polizeiraths Dr. Rumpfs vor einigen Jahren zum Tode verurtheilt wurde, soll dingfest gemacht worden sein. Diese Nachricht durchlief bereits vor einigen Wochen bte Blätter, wurde damals aber sofort wieder dementirt, so daß man keine Veranlassung hatte, aus die Sache einzugehen. Heute wird der „Kl. Pr." neuerdings diese Meldung gemacht und zwar, wie die Redaetion dazu bemerkt, mit so bestimmten Angaben, daß allem Anschein nach die Ermordung Rumpffs nochmals die Gerichte beschäftigen werde. Dem genannten Blatte schreibt man aus Oppenheim: „Vor einigen Monaten gelang es zwei hiesigen Gendarmen, einen äußerst verwegenen Verbrecher, den Schreiner Wilhelm Gebhardt aus Dexheim, Kreis Oppenheim, auf dessen Ergreifung eine Geldprämie ausgesetzt war, dingfest zu machen. Nachdem derselbe im Jahre 1883 wegen verschiedener verübter Einbrüche zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurtheilt war, gelang es ihm durch einen äußerst frechen Coup aus dem Gefängniß zu entweichen. Bald darauf tauchte er mit einigen Complieen in seinem Vaterorte wieder auf, wo er damals gegen einen reichen Junggesellen am hellen Tage einen Raubmordversuch unternahm, der nur durch das energische Eingreifen eines Dienstmädchens vereitelt wurde. Von diesem Zeitpunkte an fehlte von G. jede Spur und er galt als verschollen, bis er vor einigen Monaten, vom Elend getrieben und jeder Mittel bar, bei seinem in Dexheim wohnenden Bruder Unterstützung suchte. Hier erfolgte seine Verhaftung und es wurde seine Uebersührung nach dem Untersuchungs- gefängniß in Mainz angeordnet. Die mit großer Energie geführte Untersuchung hat gegen den fast gelähmten Verbrecher außerdem noch Verdachtsmomente so gravirender Art ergeben, daß von Neuem unsere Gerichtsbehörden sich für lange Zeit mit demselben zu befassen haben werden. Neben der Anklage, die sich aus den obengenannten Thatsachen ergibt, soll G. hinreichend verdächtig erscheinen, mit dem Mörder des Polizeirath Dr. Rumpff in Verbindung gestanden zu haben. 'Dieser- halb wurde G. vor etlichen Tagen in Frankfurt einem längeren Verhör unterzogen. Im anderen Falle ist der Verbrecher schwer verdächtig, bezüglich des Attentats aus dem Niederwald gelegentlich der Einweihung des Nationaldenkmals mit dem vor Jahren Hingerichteten Anarchisten Reinsdorff Beziehungen gehabt zu haben. Wegen dieses letztgenannten Delietes soll G. demnächst nach Leipzig übergeführt werden." So der Correspondent der „Kl. Pr." Auf die weitere Entwicklung dieser Sache darf man gespannt sein. verkehr, Land- und volkswirthschaft. Vietze«, 20. Mai. (Marktbericht). Auf dem heutigen Wochemnarkt kostete: Butter pr. Pfd. M. 1,30—0,00, Hühnereier 1 St. 5, 2 St.--H, Enteneier 1 St. 5-6 H, 2 St. — H, Gönseeier 10— 4, Käse pr. St. 5—6 H, Käsematte pr. St. 3 Erbsen pr. Liter 18 4, Linsen vr. Liter 30 4, Tauben pr. Paar JL 0,60—0,90, Hühner pr. Stück AL 1,30—1.60, Hahnen pr. St. AL 1,50—1,80, Enten pr. Stück AL 2,00—2,30, Gänse pr. Pfd. 50—60 H, Ochsenfleisch pr. Pfd. 68—72 H, Kuh- und Rindfleisch 60—62 H, Schweinefleisch 60—70 H, Hammelfleisch 56—68 4, Kalbfleisch 52-60 H, Kartoffeln pr. 100 Kilo AL 2,80—3,50, Weißkraut I pr. St. 6—8 H, Zwiebeln per Eentner AL 17,50—00,00, Milch per ' Liter 12—18 H, Kirschen per Pfd. AL 1,20. BuxkiN'Ltoff, genügend zrr einem Anzuge, reine Wolle, nadelserttg, zu AL 5 85 H, für eine Hose allein blos AL 2.35 H, durch das Buxkln-Fabrik-Depdt Oettinger & Eo., Frankfurt a. M. — Muster-Auswahl umgehend franco. [1168 Rademanns Kindermehl, ?er goldenen Medaille, unerreicht i. Nährwerth und Leichtoerdaulichkeit, ist nächst der Muttermilch thatsächllch die beste und zuträglichste Nahrung für Säuglinge. 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I. dahier stattfindenden Rindvieh- rnarkt auch Schweinemarkt abgehalten werden soll. Lang-Göns, den 10. Mai 1890. Großherzogliche Bürgermeisterei Lang-Göns. Brück el. 4500 Bekanntmachung, Ein Keller unter dem Schulhause in der Schillerstraße soll Mittwoch, 28. dieses GkonatS, Vormittags 11 Uhr, im Bürgermeisterei-Bureau anderweit verpachtet werden. Gießen, 16. Mai 1890. Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen Gnauth. 4444 DolMtsterWüng Künftigen Mittwoch den 21. d. MtS., von Vormittags 9 bis Nachmittags 2 Uhr, soll die erste auswärtige Erhebung von Freiherrlich von Rabenau'schen Holzgeldern in der Wirthschast des Herrn Caspar Ranft in Beuern ftattfinden. Londorf, 17. Mai 1890. Der Rentmeister: 4448 Schmidt. Aeitgeöotenes. 4470] Schlagschrank, EinsatzkLfige und Ftrrgbauer zu verkaufen, desgleichen 1 alte g. Geige. Seltersw- 32, Hinterh. Leere LeinöHässer, für Pfuhl- und Regensäffer geeignet, verkauft 4471 PH. Lotz, Lacksabrik. 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Tagesordnung: 1) Feststellung des Etats pro 1890/91. 2) Dechargierung der 1889er Rechnung. 3) Geschäftsbericht pro 1889. Gießen, 16. Mai 1890. Der Vorsitzende: 4407 Cuttmau. 4 pCt. Gießener Obligationen vCt. BuderuS-Obligatiouen' ReichSbavk-DtScont 4 pEt. — Frankfurter Bank-Diskont 4 pCt. tf ■ ■ „ T- tt II 4489] Arbeiter für Öeconomie gesucht. Riegelpfad 12. 4491] Ein Junge als Hausbursche gesucht. , W. Lange, Bäcker. 4487] Bursche für Öeconomie und Wirthschaft gesucht auf der __LievigShöhe. 4434] Tüchtiger Pferdeknecht kann sofort eintreten. Leihgesternerweg 24. Die Gesellschaft versichert gegen feste Prämien Gebäude, Hausgewerbliches Mobiliar, landwirthschastliche Objecte, Maaren und Maschinen aller Art gegen Feuer-, Blitz- und Explosionsschäden und außerdem Spiegelglas-Scheiben gegen Bruch. „ 0 80 „ L.23 „ 0,-73 folger, Ludwigsplatz, Stierle, Reuen Bäue, Stooß, „ —— Thomas, Wallthorstr., Hein*. Wallach, Marktplatz, Weiler, Schulstraße, Windecker, Seltersweg. 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