1890 Freitag den 9. Mai Nv. 107 Gießener Anzeig er General-Anzeiger Rcdaction, Expedition und Druckerei: Schulstraße Wr.7. Fernsprecher 51. Vierteljähriger Abonnementsprels: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Die Gießener Aamtlrenölätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags. Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Gieren. „Verdammtes Vogelgezücht!" „Hättest Du das Nest nur unversehrt gelassen! Ich habe es Dir gleich gesagt, jetzt haben wir das Unglück," sagte die Frau, indem sie ihrem Manne den Schmutz vom Rockärmel abklopste. „Schweig still!" herrschte der Alte sie an, „willst Du mich auch noch verhöhnen?" Er zog seinen Schlafrock zusammen und eilte mit schnellen Schritten in das Haus zurück, dessen Thür er krachend ms Schloß wars. Kopfschüttelnd folgte'ihm seine Frau. „Er muß sich die Nase mit Essigwasser kühlen, dann wird es nicht so schlimm," murmelte sie im Gehen. Die Vögel waren dem Vorgänge auch aufmerksam gefolgt. „Tröste Dir und jeh' us de Wohnungssuche, "sagte Philipp spottend zu Lude. Dann stürzte sich der ganze Schwarm mit einem Geschrei, das wie Hohngelächter klang, auf den Nachbarhof, wo eben die Hühner gefüttert wurden. Dabei gab es ja wieder etwas zu stibitzen. Das Schwalbenpaar umkreiste mit Klagen die Stelle, an welcher die Trümmer seines ehemaligen Heims auf der Erde lagen. Dann flogen die Beiden noch einige^ Male um unser Haus und entschwanden schließlich meinen Blicken. Nachdenklich nahm ich meine Arbeit wieder auf. Als ich am Nachmittag zufällig an das Fenster trat, sah ich die Schwalben wieder. Sic flogen geschäftig hin und her, und zwar immer nach einer bestimmten Stelle an unserem Hause. Neugierig beugte ich mich hinaus. Wayr- haftig! da war ja der Ansatz zu einem Neste, gerade unter dem Gesimse über meinem Fenster. Ohne die polizeiliche Erlaubniß einzuholen, hatte das Paar den Bau seines neuen Heims begonnen. Baut nur zu, ihr niedlichen Vögel, von mir habt ihr keine Störung zu befürchten. Und wenn es wahr ist, was die Nachbarsfrau sagte, daß ihr dem Hanse, an dem ihr euer Nest baut. Glück bringt, dann sollt ihr mir doppelt willkommen sein, denn Glück kann ich gebrauchen. Jetzt, während ich diese wahre Begebenheit auszeichne, ist das Nest schon so weit gediehen, daß nächstens Richtfest gefeiert werden kann. Lude hat mit seiner Frau, die sich von den Folgen des Streites allmählich wieder erholt hat, bereits eine neue Wohnung in der Nähe gefunden, er hat in einem leeren Staarenkaften seine Sornrnervillegiatur aus- geschlagen. Der alte Philipp sitzt augenblicklich anf meinem Fensterbrett in der Sonne und schaut den emsig arbeitenden Schwalben zu. Von Zeit zu Zeit läßt er sein bekanntes „Tschilp! Tschilp!" ertönen — ich weiß immer noch nicht, wie das heißt. (Osib. Ztg.) Theodor Heins, Offenbach. * Nothwchr. Fräulein Emilie singt am Clavier. Plötzlich dreht sie sich entrüstet zu ihrem Bruder um: „Karl, laß doch den Hund ruhig sein. Ich kann doch dabei nicht singen." — "Karl: „Sei doch ganz still, Dn hast ja a n g e s a n g e n!" * Harmlose Antwort. Bei einer schwurgerichtlichen Verhandlung gegen eine Diebesbande wurde eine Angeklagte gefragt, woher sie den Diebeshaken habe. Harmlos erwiderte sie: „Es ist noch ein Andenken von meinem seligen Vater!" Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 vhr. Gratisbeilage: Gießener AamilienMtter am Alle Annoncen-Burcaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. 2lmtlid?er Theil. Bekanntmachung. Nachstehend bringen wir die sür den Kreis Büdingen erlassenen Bestimmungen unter dem Ansügen zur öffentlichen Kenntniß, daß dieselben auch von Denjenigen zu befolgen sind, welche aus dem Kreis Gießen nach dem Kreis Büdingen Vieh verbringen. Gießen, am 6. Mai 1890. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Bekanntmachung, Maßregeln gegen die Ausbreitung der Maul- und Klauenseuche betreffend. Nachdem die Maul- und Klauenseuche nunmehr im Kreise Büdingen — durch Handelsvieh eingeschleppt — wieder aufgetreten ist, bringen wir hierdurch zur öffentlichen Kenntniß, daß vom Tage des Erscheinens dieser Bekanntmachung im Kreisblatt an sür den Kreis Büdingen an Stelle der seitherigen Bestimmungen wieder die in unserer Bekanntmachung vom 16. November 1889 (Kreisblatt Nr. 139) veröffentlichten, von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz mit Verfügung vom 9. November 1889 zu Nr. M. I. 28037 auf Grund des § 20, Abs. 2 des Reichsgesetzes vom 23. Juni 1880 erlassenen Anordnungen in Kraft treten. Hiernach gelten bis auf Weiteres für den Transport von Rindvieh, Schafen, Schreinen und Ziegen aus einer Gemarkung in eine andere im Kreise Büdingen gelegene Gemarkung folgende Bestimmungen: 1. Jeder Händler, der Vieh transportirt oder Lrcmspor- tiren läßt, bedarf hierzu eines von einem practischen Thierarzfe ausgestellten Gesundheitsscheins, in welchem bescheinigt wird, daß die fraglichen Thiere sich mindestens seit 7 Tagen in seuchesreiem Zustande an dem Orte der Untersuchung befunden haben. 2. Wird von einem Händler Vieh aus einem außerhalb des Großherzogthums Hessen gelegenen Orte eingesührt , so muß in dem thierärztlichen Zeugnisse außerdem bescheinigt sein, daß die Gemarkung, aus welcher die Thiere eingeführt werden, vollständig seuchenfrei ist. 3. Jeder (Händler, Metzger, Landwirth), der Vieh auf eirrsn Viehmarkt auftreibt oder von einem Bieh- markt wegbringt, hat die Seuchesreiheit der Thiere durch ein thier ärztlich es Zeugniß nachzuweisen. 4. Die erwähnten Zeugnisse sind 5 Tage gültig und müssen enthalten: Ort und Datum der Ausstellung, den Namen i des Besitzers der zu transportirenden Thiere, jedes mitzu- I führende Stück Rindvieh nach Geschlecht, Alter, Farbe und Abzeichen, die Zahl der mitzuführenden Schafe, Schweine und Ziegen. Die Zeugnisse müssen von dem Aussteller unterzeichnet und mit seinem Siegel versehen oder von der Ortspolizeibehörde beglaubigt sein. . 5. Keines Gesundheitsscheines bedürfen Landwrrthe zum Transport selbstgezogenen Viehs (Ausnahme siehe 3 ) und Metzger zum birecten Transport von Schlachtvieh von den Verkäufern in ihr Schlachthaus. (Ausnahme siehe 3.) 6. Directe Eisenbahntransporte von Vieh nach dem Schlachtviehhof oder dem Sanitätsstall zu Frankfurt a. M. sind ohne besondere Bescheinigung zulässig. Der Transport solchen Viehs nach den Bahnhöfen muß jedoch per Wagen geschehen. Sollen die Thiere nach den Bahnhöfen getrieben werden, so muß deren Seuchefreiheit durch thierärztliches Zeugniß nachgewiesen werden. 7. Zuwiderhandlungen werden nach § 66 des Retchs- gesetzes vom 23. Juni 1880 mit Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder mit Hast bestraft. Büdingen, den 30. April 1890. Großherzogliches Kreisamt Büdingen. I. V.: Dr. Göttelmann, Amtmann. Gießen, am 6. Mai 1890. Betr.: Wie vorstehend. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreise-. Indem wir Sie auf vorstehende Bekanntmachung Hinweisen, bemerken wir, daß die für den Kreis Büdingen erlassenen Bestimmungen insofern schärfer sind, als die für unseren Kreis bestehenden, als auch der Händler, welcher SchlatDt- vieh transportirt und als Jeder, auch der Landwirth, welcher Vieh auf einen Viehmarkt auftreibt oder von dort wegbringt, eines thierärztlichen Zeugniffes bedarf. Gesundheitsscheine für Vieh, welches nach dem Kreis Büdingen geht, sind also durch Sie zur Zeit nicht auszustellen. v.^agern. Bekanntmachung. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat April für den Lieserungsverband Gießen pro 100 kg betragen: Hafer 19.20, Heu JL 6.80, Stroh JL 6.30. Gießen, am 7. Mai 1890. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Gießen, am 6. Mai 1890. Betr.: Ausschreiben öffentlicher Arbeiten und Lieferungen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises. Aus gewerblichen Kreisen ist der Wunsch ausgesprochen worden, daß die von den Großh. Staats- und Communal- behörden ergehenden Ausschreibungen öffentlicher Arbeiten und Lieferungen durch Bekanntgabe in einem den Gewerbetreibenden leicht zugänglichen Blatte größere Verbreitung als seither in vielen Fällen erhalten möchten. Die in Darmstadt wöchentlich einmal erscheinende Zeitschrift oes Landesgewerbevereins „Gewerbeblatt für das Grotzherzogthum Hessen" wird bei derartigen Ankündigungen einen Rabatt von 40% bewilligen. Indem wir Sie hierauf Hinweisen, empfehlen wir Ihnen, alle von Ihnen zu erlaffenden öffentlichen Ausschreibungen von Arbeiten und Lieferungen, bei denen ein Wettbewerb des Handwerks stattfindet, auch durch das „Gewerbeblatt" anzukündigen, v. Gagern. Politische Nebersicht. Gießen, 8. Mai. Die Thronrede, mit welcher Kaiser Wilhelm den neuen Reichstag eröffnet hat, trägt zwar nicht den Charakter eines politischen Programmes, wie hie und da erwartet worden war, aber sie erweist sich trotzdem als eine bedeutsame Kundgebung. Es gilt dies namentlich von demjenigen Theile der Rede, in welchem die socialpolitischen Aufgaben des Reichstages in Anknüpfung an die ihm für die gegenwärtige Session zugegangenen entsprechenden Vorlagen näher erläutert werden und welche allerdings eine Art socialreformatorischen Programmes darstellen. Bemerkenswerth ist, daß der Kaiser hierbei eingesteht, wie sehr ihn die großen Strikebewegungen des letzten Jahres eine ernste Prüfung der Wünsche unserer Arbeiterbevölkerung nach ihrer Berechtigung und Erfüllbarkeit nahe gelegt haben und als das Ergebniß dieser Prüfung sind eben die'Vorlagen über den Arbeiterschutz, sowie über I die Errichtung von gewerblichen Einigungsämtern zu betrachten. Beachtenswerth erscheint jedoch auch die weitere Erklärung des Kaisers, jedem Versuche, an der bestehenden Rechtsordnung gewaltsam zu rütteln, mit unbeugsamer Entschlossenheit entgegentreten zu wollen, beachtenswerth auch der Hinweis darauf, daß die in Aussicht genommenen Reformen die vaterländische Gewerbthätigkeit nicht gefährden dürfen. Den zweiten Haupt- theil der Rede, zu welchem die Erwähnung der Berliner Arbeiterschutz-Conferenz hinüberleitete, bildet die Bezugnahme auf die auswärtigen Angelegenheiten und hocherfreulich sind I die hierbei abgegebenen Versicherungen, wonach das deutsch- 1111J1JJMJ1LILIU ili IIIIII■MWiMMniiin ..... ■■■■»■ , Feuilleton. D je Wohnungsfrage. Eine Spatzengeschichte. (Schluß.) Vergeblich suchte die Frau ihren Mann zurückzuhalten - er ging mit der Stange auf die Stelle zu, an der sich das Nest befand. Die Vögel stoben bei feinem Nahen auseinander und flüchteten auf die umstehenden Bäume. Der alte Philipp ahnte dem Anscheine nach die Absicht des Nachbarn, denn er rief frohlockend: „Tschilp, nun kriegens die Mückenjäger wenigstens ooch nid)!" Der erste Versuch des Alten, das Nest mit der Stange zu treffen, mißglückte, sie war zu kurz. Er holte fid) deß- halb einen Stuhl herbei und stieg hinauf — jetzt konnte er das Nest bequem erreichen. Er warf noch einen höhnischen Blick auf seine Frau, und dann — zwei kräftige Stöße und der kunstvolle Bau lag zertrümmert am Boden. Aber die Strafe für solche Hartherzigkeit blieb nicht aus. Schon beim ersten Stoße hatte der Stuhl, auf dem der Alte stand, gewackelt, beim zweiten kippte er um, der Mann verlor das Gleichgewicht und — pardauz! lag er auf der Nase. Die Stange war feinen Händen entfallen und fuhr mit solcher Wucht in ein Fenster, daß eine große Scheibe klirrend in tausend Scherben ging. Erschreckt kam die Frau herbeigeeilt, um ihrem Manne beim Aufstehen zu helfen. „Hast Du Dir wehe gekhan?" fragte sie mitleidig. Ohne ihr zu antworten, richtete sich der Alte schwerfällig auf und faßte nach seiner Nase, mit der er auf eine Beeteinfassung gefallen war, und die nun, dick angefchwollen, sein ohnehin häßliches Gesicht noch mehr verunstaltete. österreichisch - italienische FriedenSbündniß eifrig meiterge- pflegt werden soll, während jedoch anderseits Deutschland auch seine sonstigen auswärtigen Beziehungen, die als durchweg freundschaftliche bezeichnet werden, nicht vernachlässigen will. Im Anschlüsse hieran wird allerdings die Einbringung der neuen Militärvorlage über die Erhöhung der Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres angekündigt, aber ausdrücklich erklärt die Thronrede, daß diese Verstärkung lediglich zur Erhaltung des politischen Gleichgewichts und Sicherung der Erfolge der Friedenspolitik geschehe und nur der böseste Wille könnte demnach aus der neuen Militärvorlage kriegerische Absichten Deutschlands herauslesen. Den Beschluß der Thronrede bilden die Ankündigungen der Nachtragsforderungen für Afrika und der Vorlage über die Erhöhung der Gehälter der Reichsbeamten. Es ist recht erfreulich, daß sich der Reichstag diesmal gleich von Anfang an als beschlußfähig erweist, es eröffnet dieser Umstand begründete Aussichten aus einen raschen Fortgang der Reichstagsarbeiten und dies ist bei einer Sommersession, wie der gegenwärtigen, von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Auch kann es nur mit Genugthuung begrüßt werden, daß das Parlament bei seiner Eröffnung fast die sämmtlichen in der Thronrede angekündigten Gesetzentwürfe, mit alleiniger Ausnahme der Beamtenbesoldungsvorlage, bereits vorgesunden hat und daß sich somit in seinen Berathungen vorläufig keine unliebsame Unterbrechung nöthig machen wird. Von den Gesetzesvorlagen ist das sogenannte Arbeiterschntz- gesetz unstreitig die bedeutendste. Die wichtigsten Bestimmungen der Vorlage sind diejenigen über das Verbot der Beschäftigungen der industriellen und gewerblichen Arbeiter an Sonn- und Festtagen, natürlich mit denjenigen Ausnahmen, welche die Rücksichten auf die industrielle Technik und auf unabweisbare Forderungen von Handel und Gewerbe noth- wendig machen. Doch sind auch die Bestimmungen über die Fabrikarbeit der Arbeiterinnen, über die Beschäftigung minderjähriger Personen, über die Fortbildung jugendlicher Arbeiter, über Lohnauszahlung, Contractbuch und über Maßregeln zum Schutze von Leben, Gesundheit und Sittlichkeit der Arbeiter sehr bemerkenswerth. Was die Militär-Vorlage anbelangt, jo fordert dieselbe in ihren wesentlichsten Punkten die Bildung von 70 neuen Feldbatterien und der erforderlichen Abtheilungs- stäbe und die Ergänzung der beiden neuen preußischen Armeecorps an Specialtruppen, außerdem stellt sie eine gleichmäßigere Gliederung der größeren deutschen Schlachtenkörper in Aussicht, für welche Zwecke insgesammt 18 Mill. Mark an dauernden Ausgaben, 31V2 Mill. Mark an einmaligen Ausgaben verlangt werden. Der Nachtragsetat endlich weist als Hauptforderung die Summe von 5x/2 Mill. Mark für die weiteren Unternehmungen in Deutsch-Ostafrika auf. Im österreichischen Abgeordnetenhause ist es dieser Tage zu eingehenden Erörterungen der Arbeiterfrage gekommen. Im Ausschüsse zur Vorberathung der Vorlage, betr. Errichtung von Arbeiterkammern, wurde dieselbe am Montag einer lebhaften Erörterung unterzogen, nach deren Schluß der Entwurf an das Unterconüte zur eventuellen Abänderung zurückging. Im Plenum aber gab die Berathung des Handels, budgets am Dienstag Anlaß zu eiuer Berührung der Arbeiterfrage , wobei der Handelsminister Marquis Bacquehem eine längere Erklärung abgab. Dieselbe betont, daß die österreichischen Staatsbetriebe schon aus höheren principiellen Gesichtspunkten ihren Arbeitern den geforderten Feiertag vom 1. Mai nicht bewilligen konnten und weist ferner darauf hin, daß die Arbeiter oon den Agitatoren über die Fortschritte, welche der Arbeiterstand bezüglich seiner socialen und wirth- schastlichen Stellung in letzter Zeit gerade in Oesterreich gemacht habe, in Unkenntniß gelassen würden. Deutsches Reich. nn. Darmstadt, 7. Mai. Neuerdings getroffenen Reise- dispositionen zufolge, wird sich Seine Königliche Hoheit der Großherzog schon am Samstag Nachmittag mit den Prinzessinnen Alix und Vicr o ria mittelst Extrazuges nach Friedberg in Oberhessen begeben. Am gleichen Tage, Abends 7 Uhr 49 Min., wird auch Prinz Heinrich von Preußen mit dem Keinen Prinzen Waldemar und seiner Gemahlin, Prinzessin Irene, in Friedberg eintreffen und einige Zeit bei der Großh. Familie zu Besuch bleiben. Detttscher Reichstag. 2. Sitzung vom 7. Mai. Tagesordnung: Präsidentenwahl. Am Tische des Bundesraths: v. Bötticher, Frhr. v. Maltzahn-Gültz u. A. Das Haus ist wieder bis in die letzten Sitzreihen reichlich besetzt. Alterspräsident Gras v. Moltke eröffnet die Sitzung um 21/4 Uhr mit geschäftlichen Mittheilungen, woraus sogleich in die Wahl des Präsidenten eingetreten wird. Das Ergebniß derselben ist die Wahl des Abg. v. Levetzow (conf.) mit 353 Stimmen. 3 Stimmen sind für den Abg. Grasen Ballestrem, 1 für den Abg. v. Schor- lemer abgegeben, 13 Zettel ungiltig. Abg. v. Levetzow übernimmt den Vorsitz mit folgenden Worten: Es sind, wie ich wahrnehme, alle Parteien der Meinung, daß es angemessen sei, wenn ich für die nächsten vier Wochen den Präsidentenstuhl einnehme. Ich bin überzeugt davon, daß Sie bei Ihrem Votum von sachlichen Gründen ausgegangen sind, aber ich darf darin doch auch die Andeutung eines aus früheren Sessionen aus die gegenwärtige übertragenen Wohlwollens für meine Person erblicken (Beifall), und ich danke Ihnen herzlich dafür. Ich nehme die Wahl an. (Bravo!) Meine Herren! Ich werde mich redlich bemühen, das zu rechtfertigen, was Sie bei der Wahl sachlich und persönlich bestimmt haben mag, aber meine Kraft ist schwach und Ihrer größten Nachsicht und allseitigen Unterstützung dringend bedürftig. Meine Herren, erlauben Sie mir, zu erklären, daß ich absichtlich von dem legalen, offenen und geraden Wege niemals abweichen werde, der allein zum Ziele führt. (Beifall.) So lange ich auf dem Präsidentenstuhle sitze, ist des Reichstags Ehre meine Ehre (Bravo!) und das Interesse jedes Mitgliedes mein Interesse. (Beifall.) Mit dieser Versicherung und dem Wunsche, daß die Stimmung, welche sich bei Ihrem ersten Geschäfte ausgedrückt hat und welche zu pflegen meine Pflicht und mein Vorhaben ist, nicht nur mir gegenüber erhalten bleibe, sondern auch die Signatur werde für unsere Arbeiten, trete ich mein Amt an. (Lebhafter Beifall.) — Nachdem ich wiederum den Vorsitz habe, ist es meine Aufgabe, in Ihrem Namen unserem hochberühmten, hochverehrten und ehrwürdigen Herrn Alterspräsidenten dafür zu danken, daß er abermals die ersten Geschäfte des Hauses in seine überall bewährte Hand genommen hat. (Bravo!) Jeder von uns wird sich freuen und dem Reiche wird es frommen, wenn das Vaterland den Herrn Abgeordneten Grasen von Moltke in alter Frische noch oft an der Stätte sieht, die er soeben verlassen hat. (Beifall.) Ich bitte Sie, sich zum Zeichen des Dankes von Ihren Plätzen zu erheben. Sämmtliche Mitglieder des Hauses erheben sich. Zum ersten Vieepräsidenten wird Abg. Graf B a l l e st r e m (Str.) mit 304 Stimmen gewählt. (29 Zettel sind unbeschrieben.) Derselbe nimmt die Wahl an. Die Wahl zum zweiten Vieepräsidenten fällt auf den Abg. Baumbach - Berlin (dsr.), auf den sich 284 Stimmen vereinigen. (9 Stimmen haben sich zersplittert, 30 Zettel sind unbeschrieben.) Zn Schriftführern werden gewählt die Abgg. Gras v. Kleist-Schmenzin, Wichmann, Müller-Marienwerder, Frhr. v. Buol, Po r sch, Holtzmann, S ch mi d t - Elberfeld und Hermes-Jauer. Präsident v. Levetzow bringt ein Schreiben des Reichskanzlers v. Caprivi, welches die Ernennung desselben zum Reichskanzler anzeigt, zur Kenntniß des Hauses und schließt daran die folgenden Worte, bei denen sich ein Theil der Rechten von den Sitzen erhebt: Meine Herren! Die unsterblichen Verdienste, die Fürst Bismarck als erster deutscher Reichskanzler sich um die Aufrichtung, um den Ausbau, um die Machtstellung des Deutschen Reiches erworben hat, werden und können im deutschen Volke und im Deutschen Reichstage niemals vergessen werden. (Beifall.) Eine fernere schriftliche Mittheilung des Reichskanzlers betrifft die Ernennung des Contre-Admirals H 0 11 m a n n zum Ches des Reichs-Marineamtes. Nächste Sitzung: Freitag 1 Uhr. (Gesetze, betreffend: Gebühren für Zeugen und Sachverständige und Gewerbegerichte.) Schluß 43/4 Uhr. Neueste Nachrichten. WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau. Berlin. 7. Mai. Der „Nordd. Attgem. Ztg." zufolge wird der Kaiser am 10. Mai Abends einer Einladung des österreichischen Botschafters zur Tafel entsprechen und darauf die Reise nach Schlesien antreten. Berlin, 7. Mai. Dem „Bert. Tagebl." zusolge brachte die deutschfreisinnige Partei folgende Anträge ein: Interpellation wegen Fortbestand des Paßzwanges an der Elsaß- Lothringischen Grenze, Interpellation wegen des Schweizer Niederlassungsvertrages, Interpellation wegen Strasvoll- streckung an Gefangenen wegen politischer Vergehen,- Resolution für Einsetzung eines Gerichts oder Verwaltungsgerichts zur Entscheidung über Zollstreitigkeiten. Berlin, 7. Mai. Abgeordnetenhaus. Der Antrag Grimm, betreffend die Umgestaltung der Gemeindeverfassung der Städte Wiesbaden und Homburg wird nach einer die Berücksichtigung zusagenden Erklärung des Ministers Herr- furth angenommen. Hierauf wird eine Anzahl Petitionen durch Uebergang aus die Tagesordnung erledigt. Nächste Sitzung Donnerstag 11 Uhr. München, 7. Mai. Wie verlautet, wäre General- Lieutenant v. Safserling als Kriegsminister in Aussicht genommen. München, 7. Mai. Der Prinzregent genehmigte die Entlassung des Kriegsministers v. Heinleth unter Verleihung des Großkreuzes des Verdienstordens der bayerischen Krone und ernannte den General-Lieutenant v. Safserling zum Kriegsminister. Hirschberg, 7. Mai. Seit heute früh haben sämmtliche Maurer die Arbeit eingestellt- dieselben verlangen Lohnerhöhung und achtstündige Arbeitszeit. Köln, 7. Mai. Heber die Einnahme von Kilwa meldet ein Telegramm im Abendblatt der „Köln. Ztg." aus Zanzibar vom heutigen Tage folgende Details: Kilwa ist heute von den Arabern geräumt worden, nachdem es von den deutschen Schiffen beschossen und von Major Wißmann, der im Anmarsch siegreiche Kämpse zu bestehen hatte, vom Süden her angegriffen worden war. Zwei Schwarze sind gefallen, die Verfolgung wird morgen begonnen werden. Das Wetter ist entsetzlich. Das Depeschenboot „Ma" wird vermißt. Wien, 7. Mai. Die deutsche Thronrede weckt auch in der Wiener Presse ein zustimmendes, beifälliges Echo, nur die „Neue Freie Presse" ist seeptisch- aus der Militär- sorderung will sie wohl erkennen, daß der Curs der alte bleibt, sie wirst aber die Frage auf, warum Fürst Bismarck gehen mußte, wenn General Caprivi bei dem ersten Schritt, den er tljut, in die Fußtapfen des Fürsten Bismarck tritt. Wien, 7. Mai. Abgeordnetenhaus. In Beantwortung der Interpellation der Altezechen wegen der Con- eursausschreibung einzelner Richterstellen ohne die Bedingung der Kenntniß der böhmischen Sprache erklärte der Justizminister, daß hierbei genau nach den bestehenden Vorschriften vorgegangen worden sei; er werde, da ihm die Besetzung zustehe, nach genauer Prüfung der Sachlage entscheiden, ob die Kenntniß der böhmischen Sprache nach den Sprachenverhältnissen der Bevölkerung und nach den praetischen Anforderungen der Rechtspflege nothwendig sei- hiernach werde er pflichtgemäß vorgehen. Pest, 7. Mai. Die gesammte ungarische Pkesse ohne Unterschied der Partei begrüßt die gestrige deutsche Thronrede sehr befriedigt. „Nemzet" hebt hervor, es sei zweifellos, Deutschland werde im Verein mit seinen Verbündeten auch ferner offen und erfolgreich allen Bestrebungen entgegentreten, welche um den Preis der Störung des Friedens ihre egoistischen Ziele durchsetzen wollen. Europa bedürfe des Friedens mehr denn je, da überall die Arbeiterfrage auf der Tagesordnung stehe. Der „Pester Lloyd" conftatirt, die Thronrede habe dem Glauben an die europäischen Friedens- bürgschasten neuen Inhalt gegeben. Paris, 7. Mai. Das De er et über die Befugnisse des Generalstabs und seines Chess, sowie die Ernennung Miribels zum Ches des Generalstabs werden beute durch das amtliche Blatt veröffentlicht. Paris, 7. Mai. Gestern Abend kam es in Lille zwischen einer Patrouille und strikenden Arbeitern zu einem Handgemenge. Zwei Arbeiter wurden dabei verwundet, sieben verhaftet. — Die Lage in Toureoing hat sich gebessert und wird angenommen, daß die Arbeit heute fast allgemein wieder aufgenommen werden wird. London, 7. Mai. Alle Morgenblätter besprechen die Thronrede des Kaisers Wilhelm sehr beifällig, insbesondere die Stelle, in welcher die Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse betont und eine Verschiebung der letzteren als eine Gefahr für das politische Gleichgewicht und die auf Erhaltung des Friedens gerichtete Politik bezeichnet wird. — Der „Daily Telegraph" meint, Niemand könne es Deutschland übel nehmen, daß es, so mächtig es auch sei, seine militärische Macht noch weiter vergrößere. — Auch die „Daily News" erblicken in den Auslassungen des Kaisers nichts, was geeignet wäre, zu beunruhigen. London, 7. Mai. Nach einer Reuters Bureau zugegangenen Meldung sind die englischen Unterthanen in Kilwa unter den Schutz Wißmanns gestellt. St. Petersburg, 7. Mai. Die „Moskauer Zeitung" hat aus Verfügung des Ministers des Innern die erste Verwarnung erhalten, weil sie einen hohen Beamten Finnlands verunglimpft habe. Madrid, 7. Mai. Hier wird in allen Berufszweigen wieder gearbeitet. Die Stadt ist ruhig- kleine Gruppen von Arbeitern begaben sich in die Gasfabriken rind versuchten die dortigen Arbeiter zur Arbeitseinstellung zu verleiten, wurden jedoch von der Polizei zerstreut. Newyork, 7. Mai. Die meisten Arbeitgeber in Brooklyn haben die Forderungen der Zimmerleute bewilligt. Philadelphia, 7. Mai. An 2000 Zimmerleute erhielten von ihren Arbeitgebern den achtstündigen Arbeitstag bewilligt. Die Arbeitgeber der übrigen strikenden Zimmerleute lehnen diese Forderung entschieden ab. Washington, 7. Mai. Der republikanische Ausschuß des Senats zur Berathung der ©Überfrage beschloß einer demnächstigen besonderen Sitzung beider Häuser die von dem Finanzausschüsse empsohlene Silbervorlage mit verschiedenen Amendements vorzulegen. Eines dieser Amendements beseitigt die Bestimmung, wonach die für den Ankauf von Silberbarren (Bullion) ausgegebenen Noten vernichtet werden sollten und weist das Schatzamt an, die Noten wieder auszugeben, vorausgesetzt, daß der ausstehende Betrag den für die depo- nirten Barren gezahlten Preis nicht übersteige. Montreal, 7. Mai. Die Aufregung ist groß über die entsetzlichen Seenen beim Brande der Irrenanstalt von Longpoint. Das Feuer brach gleichzeitig an mehreren Stellen des Riesengebäudes aus, angeblich angelegt von Geisteskranken, die dadurch ihre Freiheit zu erlangen hofften. Während zur Rettung der zahlreichen Bettlägerigen übermenschliche Anstrengungen versucht wurden, griffen die toll- wüthig gewordenen Kranken die Wärter an, erbrachen die Thüren und entflohen in die Felder, andere flohen aus die Dächer und stürzten beim Zusammenbruch des Hauptdaches in die Flammen. Viele sprangen aus den oberen Etagen aus das Pflaster. Die Zahl der unter den Trümmern Begrabenen ist noch nicht ermittelt. Locale» »nd provinzielle». Gießen, 8. Mai. — Nach dem Jahresbericht des Octroi Jnspectors Jost pro 1889/90 beträgt: A. Das Octroieinkommen 1. für Schlachtvieh 2. „ Fleisch und Wildpret 3. „ Brennmaterialien 4. „ Backwaaren, Mehl und Hafer 5. „ Getränke Im Ganzen in 1888/89 in 1889/90 Mk. Mk. 30949.90 31092.19 3 050.37 3 074.55 24 308.93 24 295.96 24189.98 25 520.09 22 210.50 24 366.29 104 709JS8 108 349.08 B. Die Rückvergütungen betrugen 1. für Schlachtvieh und Fleisch 40.26 163.95 2. „ Brennmaterialien 583.90 382.72 3. „ Backwaaren, Mehl und Hafer 11479.77 11 982.81 4. ' Getränke 2836.26 3 301.49 5. ;; an das Militär 2468.89 2445.29 Im Ganzen 17 409.08 18 276.26 C. Abschluß. Bon dem Einkommen 104 709.68 108 349.08 die Rückvergütungen ab 17 409.08 18 276.26 bleiben 873ÖÖ.60 90072.82 87 300.60 bleibt Mehreinkommen für 1889/90 2 772.22 — Die für heute und morgen im Saale des Cafe Leib stattfindenden Soireen des Illusionisten und Escamoteurs Herrn F. Rooberts scheinen dem Besucher einige genußreiche Stunden zu versprechen. Zahlreiche Berichte auswärtiger Blätter beurtheilen die Experimente des Künstlers außerordentlich günstig und heben besonders die Geschicklichkeit und die große Eleganz hervor, mit welcher derselbe seine Productionen ausführt. Der Besuch dieser Vorstellungen dürfte demnach zu empfehlen sein. x Friedberg, 7. Mai. Zur Zeit unterliegt die Orgel der hiesigen Burgkirche einer gründlichen Reparatur. Die bisher wenig oder gar nicht brauchbaren Stimmen werden erneuert, neue hinzugefügt. Die Reparaturarbeiten liegen in den bewährten Händen des Orgelbauers Förster aus Lich. Während des Gottesdienstes ist an Stelle der Orgel ein Harmonium in Gebrauch. S. C. Bad-Nauheim, 7. Mai. Die zwanglosen geselligen Zusammenkünfte der hier und in der Umgegend ansässigen und der zur Cur hier anwesenden alten Corpsstudenten finden auch dieses Jahr wieder während der Dauer der Badesaison jeden Samstag Abends 8 Uhr im „Hotel Kaiserhof" dahier statt. Alle zum Kvsener 8.0.-Verbande gehörenden A. H. A. H., Active und Nichtactive, sind freundlichst und ergebenst eilt- geladen. Die erste Zusammenkunft wird Samstag den 10. Mai abgehalten. 8 Lauterbach, 7. Mai. Heute Nachmittag verletzte sich das ungefähr vierjährige Mädchen eines hiesigen Fabrikarbeiters derartig mit einem Messer an einem Auge, daß ärztliche Hilfe in Anspruch genommen und die Verbringung des Kindes ins Krankenhaus angeordnet werden mußte. Dieser Fall sagt eindringlich genug, daß man kleinen Kindern scharfe Gegenstände möglichst unzugänglich machen soll. □ Groß-Felda, 7. Mai. Ein sehr schweres Gewitter zog in den Nachmittagsstunden des vorgestrigen Tages über unsere und die angrenzenden Gemarkungen und richtete in einzelnen beträchtlichen Schaden an. Die wolkenbruchartig herabstürzenden Wassermassen schwemmten den Ackerboden an abschüssigen Stellen hinweg und rissen tiefe Gräben in das frisch gebaute Land. In dem unweiten Ermenrod wurden gewaltige Pappelstämme von der Wasserfluth ins Dorf geflößt. Der Blitz schlug in die Telephonleitung zwischen hier und Ermenrod und beschädigte vier Leitungsstangen, an denen herab er zur Erde fuhr. Im benachbarten Meiches schlug der Blitz in ein Wohnhaus durch den Schornstein herab, ohne indessen nennenswerthen Schaden anzurichten. In letzter Gemarkung fiel auch starker Hagel. — Die sehr warmen und feuchten Tage des Mai sind stark zur Gewitterbildung geeignet, denn es vergeht fast kein Tag ohne Gewitter. Die Landleute sind im Kartoffellegen, da der Boden ?zu feucht, noch zurück, anderseits erzeugt aber die feuchtwarme Witterung ein üppiges Wachsthum der Vegetation. Aus Oberheffen, 6 Mai, wird dem „N. Hess. Volksbl." geschrieben: Bei den Kammer-Debatten über die Bahn von Gedern nach Lauterbach ist niemals erwähnt worden, welche Orte die Bahn berühren soll und tragen wir hier nach, daß für dieselben Haltestellen vorgesehen sind: bei Wenigs, Ober- Seemen, Volkartshain, Völsberg, Bermuthshain, Crainfeld, Vaitshain, Nösberts, Ilbeshausen, Herbstein, Eisenbach, Blitzenrod und von da nach Bahnhof Lauterbach , der Oberhessischen Eisenbahn. * Alzey, 4. Mai. Ein schauerlicher Unglückssall ereignete ich heute Nachmittag in unserer Stadt. Der ca. 6 Jahre alte Sohn der Wittwe Stenerwald lief einer Chaise nach und hängte sich daran, wie es Kinder häufig zu thun pflegen. Der Wagen bog in rascher Fahrt um eine Ecke und dabei gerieth der Junge mit dem rechten Bein in ein Rad — das Bein wurde ihm förmlich vom Knie abgerissen. Der bedauerns- werthe Junge wurde ins hiesige Hospital gebracht, wo eine Amputation regelrecht gemacht wurde. *= Offenbach a. M., 7. Mai. Gestern Vormittag ereignete sich auf der Sprendlinger Chaussee Hierselbst, wo man mit dem Bau eines Canals beschäftigt ist, ein schwerer Unglückssall. Aus bisher unbekannter Ursache stürzten die zu beiden Seiten gesprießten Erdmassen zusammen und begruben vier an dem Canal beschäftigte Arbeiter. Einer derselben, ein Familienvater aus Boygern, Namens Bihn, wurde als Leiche ausgegraben, obwohl sofort Hilfe zur Stelle war und man mit aller Anstrengung an der Befreiung der Verschütteten arbeitete. Zwei andere Arbeiter sind verletzt, während der vierte mit dem Schrecken davon kam. Da das zur Sprießung benutzte Holzmaterial von guter Qualität war, glaubt man die Ursache des Unglücks in den starken Regengüssen der letzten Tage, welche den Erdboden sehr durchweicht haben, suchen zu müssen. *= Frankfurt, 7. Mai. Hier eingetroffenen Nachrichten zufolge, wird der flüchtig gegangene Director der Frankfurter Sparbank, Theodor Wahlkamps, welcher in Klansenburg sestgenommen wurde, nicht ausgeliefert werden, weil er sein ungarisches Bürgerrecht noch besitzt. W. wird in Klausenburg abgeurtheilt werden. * Colmar, 4. Mai. Für den Vorpostendienst haben, wie in Frankreich, die hiesigen Jägerbataillone jetzt gut abgerichtete Hunde und leichte Berggeschütze erhalten. * Aachen. Das Zeitungsmuseum hat in dem ihm von der Stadt überlassenen Saale des Stadt-Theaters einen großartigen Lesesaal eingerichtet, in welchem sämtliche dem Museum regelmäßig zugehenden Zeitungeu und Zeitschriften aufliegen. Es sind deren über hundert und zwar kommen dieselben aus allen Welttheilen- besonders stark ist Amerika vertreten. Neben politischen und Unterhaltungsblättern findet man auch Fachzeitschriften aus den verschiedensten Gebieten. Außer der Zeitungsliteratur enthält der Lesesaal aber auch die neusten Cours- und Reisebücher, die Adreßbücher von 12 großen Städten, Posttarife, Wandkarten von Deutschland und der Colonialgebiete, statistische Tafeln und bequem eingerichtete, mit Papier, Couverts und Depeschensormularen u. f. w. reich versehene Schreibtische. Der Lesesaal sowie die Benutzung seines gesammten Inhalts steht den Bewohnern Aachens sowie den Kurgästen vollständig unentgeltlich zur Verfügung. Da Aachen jährlich von rund 30 000 Fremden besucht wird, dürste die gemeinnützige Einrichtung des Zeitungsmuseums den geplanten Zweck im vollsten Maße erfüllen. * Petersburg, 4. Mai. Was bei russischen Hof- festen alles verloren wird. Das Kaiserliche Hofmarschallamt in St. Petersburg veröffentlicht alljährlich eine Liste der im Laufe des Winters in den Festsälen des Winterpalais gefundenen Gegenstände. Auch diesmal ist das Ver- zeichniß ein recht stattliches, denn es weißt folgende Einzelheiten auf: Ein Großkreuz des St. Annenordens, zwei Sterne des St. Stanislausordens, fünf kleinere Orden, zwei goldene Denkmünzen vom Krimkrieg und von der Kaiserkrönung Alexanders III. in Moskau. Ferner verzeichnet die Liste 50 der verschiedensten Damenschmucksachen, die einen Werth von 30 000 Rubeln repräsentiren. Werden diese Gegenstände binnen 3 Monaten nicht reclamirt, so werden diese Fundtücke verkauft und wird der Erlös den öffentlichen Krankenhäusern überwiesen, welchen auf diese Weise jährlich 20 bis 30000 Rubel zufließeu. Universität». Nachrichten. £2 Marburg, 8. Mai. Die Zahl der an |ber hiesigen Universität für das laufende Semester bis jetzt neu immatriculirten bezw. inscrtbirten Studirenden beträgt bis heute 353. Schiffsnachrichten. Bremen, 7. Mai. (Per transatlantischen Telegraph.! Der Schnelldampfer Eider, Eapt. H. Baur, vom Norddeutschen Lloyd In Bremen, welcher am 26. April von Bremen und am 27. Aprll von Southampton abgegangen war, ist gestern 2 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Newyork angekommen. verkehr, Land« ttttö volkrrvirthschaft. Limburg, 7. Mai- (Fruchtmarkt). Rother Weizen JL 17.55, weißer Weizen JL 00.00, Korn JL 13 75, Gerste JL 12.35, Saat- Gerste JL 00.00, Hafer JL. 8 55, Erbsen JL. 00.00, Kartoffeln JL 0.00. - Ungedroschener Hafer als Pserdesutter. (Nachdruck verboten.) Zn vielen Gegenden schneidet man für Pferde Hafer- und Bohnengarben zu Häcksel, ohne sie vorher zu dreschen (früher geschah dies auch vielfacy für Rindvieh, jetzt seltener; für Kälber bis zum Alter von IVa Jahren ist es auch noch vielfach üblich), aber diese Methode hat nur das Gute, daß sie an Arbeit spart, ist aber in einem rationellen und intensiven Betrieb nicht zu billigen. Sie gestattet: 1. keine gleichmäßige Ernährung der Thiere, denn diese muß verschieden ausfallen, je nachdem, ob viel oder wenig Korn in den Garben enthalten, ob das Stroh kurz oder lang gewachsen ist u. s. w. — 2. enthält solcher Häcksel häufig Schmutz in Form von Erd-, Brand-, Rost- und Mehlthausporen u. s. w., auch finden sich nicht selten kleine Steine zwischen den Garben, wodurch die Maschine beschädigt wird. Durch Dreschen werden diese ungesunden Siaubtheile beseitigt, welche die Pferde zum Schnauben und Prusten veranlassen, wenn Garbenhäcksel vorgelegt wird, bei Strohhäcksel bemerkt man nie Husten; 3. wird durch das Dreschen der Samen mancher Unkrautpflanzen unschädlich gemacht, ebenso auch mancher giftigen Pflanzen. Das Futtern von Garbenhäcksel ist dagegen dte ärgste,Quelle für die Verunkrautung der Felder, indem der Unkrautsame den Darmcanal der Thiere unverdaut verläßt oder beim Reinigen der Krippen fammt den Erbstücken, kleinen Steinen in den Dünger geworfen wird; 4. Beim Zerschneiden der Garben ist man gezwungen, das Stroh derselben auch dann zu füttern, wenn dasselbe schlecht geerntet, von Pilzen befallen, überhaupt ungesund ist, so daß dte Gesundheit der Pferde beim Füttern von Garbenhäcksel weit mehr gefährdet ist. Weniger nachtheilig ist das Schneiden von sogen, geklappten Garben, d. h. Garben, welche ohne geöffnet zu sein, eben dreiviertel ausgedroschen sind. Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschast. Freitag Abend 7™ Uhr, Samstag Vormittag 8°° Uhr, Samstag Nachmittag 400 Uhr, Samstag Abend 8« Uhr. Temperatur der Lahn und der Lust am 8. Mai, Vormittags zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 14, Luft 17r/2 Gr. Rübs amen. Neubau von Kliniken zu Gießen. Vergebung von Bauarbeiten Zur Herstellung von Einfriedigungen sind ca. 460 Ifb. m hölzerne Schriegel- zäune und 950 Stück Holzpfosten zu Drahteinfriedigungen, sowie ein eiserner Stacketenzaun von ca. 192 Ifb.m Länge zu vergeben. Bedingungen und Voranschläge können auf unserem Baubureau der Kliniken eingesehen werden, und sind die Offerten unter Couverts bis zum 14. Mai, Vormittags 10 Uhr, ebendaselbst einzureichen. Gießen, den 7. Mai 1890. Großherzogliches Kreisbauamt. I. V.: 4161 Zimmer, Kreisbau-Assessor. Ausgebot. Die Lieferung des Bedarfs an Kartoffeln, frischen Gemüsen (Weißkohl, Wirsing, Kohlrabi, gelbe Rüben), eingemachten Gemüsen (Sauerkraut, eingemachte Bohnen) und Suppengrünes für das III. Bataillon Jnf.-Regts. Nr. 116 vom 1. November 1890 bis Ende October 1891 soll im Wege des öffentlichen Ausgebots vergeben werden. Die Lieferungs-Bedingungen können im Zimmer Nr. 68 Kaserne II eingesehen werden und Abschriften gegen Erstattung der Schreibgebühren bezogen werden. Angebote mit der Aufschrift: „Angebot auf Lieferung von Menage- Bedürfnissen" sind verschlossen und portofrei bis spätestens 1. October d. Js. an den Unterzeichneten einzureichen. Clausius, [4158 Hauptmann und Präses der Menage- Commission III/116. Versteigerung. Samstag de« 10. Mai dS. IS., Nachmittags 2 Uhr, im Gasthaus „zum Adler" dahier, Marktplatz 20, versteigere ich: 1) 1 Sopha mit 6 Sesseln in Plüsch, 3 Verticows, 1 Schreibsecretär, 5 Betten, 3 Sophas und viele andere Hausmobilien; 2) Capotten, Umhängetücher, Kinderhüte, goldene und silberne Uhren rc. Die Versteigerung bezüglich einer silbernen Damenuhr mit silberner Kette findet bestimmt statt. Born, 4170 Gerichtsvollzieher in Gießen- Aeilgeöotenes. Hauptniederlagen der ächten Friedrichsdorfer Zwiebacke. S r s es *