1890 Rr. 125. Dienstag den 3. Juni » ------ Der Gießener Anzeizer erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS. Die Gießener -««ittenStSlrer werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt. Gießener Anzeiger Generat-Mnzeiger. Vierteljähriger Avonnementspreis» 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaktion, Expediti« und Druckerei: Kchntstrnße Ar.I. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren. "1 Gratisbeilage: Gießener Kamilienökatter ee4eaeiMMeeenHe™c™M»eese«eBe»iH6ST»ieeHaeeBH]HaMBeMMeeeMHemee|eeeaeiHieen Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. ............* 1 1 ..........' J- ■ 1 -■ 1 -■ Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Deutsches Reich. Berlin, 31. Mai. Der „Reichsanzeiger" meldet : Der Kaiser, der gestern ausgestanden war, konnte heute wieder Fußbekleidung anlegen und Gehversuche im Zimmer machen. Anläßlich des Jahrestages der Thronbesteigung Friedrichs des Großen zogen die Wachen in Paradeanzug auf. Alle königlichen Gebäude sind beflaggt. Auf Befehl des Kaisers wurde Nachmittags 3 Uhr im Lustgarten ein Salut von 101 Kanonenschüssen abgefeuert. Berlin, 1. Juni. Zum 31. Mai, dem Gedenktage der 150 jährigen Thronbesteigung Friedrich des Großen, waren auf Befehl des Kaisers besonders feierliche Anordnungen getroffen worden. Der Eingang zur Gruft Friedrichs des Großen in der Potsdamer Garnisonkirche war mit prachtvollen Eichenlaubguirlanden decorirt. Aus den Sarkophag selbst hatte der Kaiser einen herrlichen Lorbeerkranz mit. seinen Initialen niederlegen lassen, zu dessen Seiten am 31. Mai von früh 8 bis Abends 8 Uhr zwei große zwölfarmige Kandelaber brannten. Auch das Denkmal Friedrichs des Großen in Berlin war am 31. Mai prachtvoll geschmückt. Berlin, 31. Mai. Aus Eisenach geht den Burschenschaftlichen Blättern folgende telegraphische Nachricht zu: Aus dem daselbst in der Pfingstwoche abgehaltenen Allgemeinen Deputirten- Convent der Deutschen Burschen sch asten wurde folgender Beschluß gefaßt: „Das Ehrengericht darf Pistolenmensuren zwischen Studenten nur dann genehmigen, wenn körperliche Gebrechen einen der Paukanten hindern, auf blanke Waffen anzutreten". Angesichts der fortwährenden beklagens- werthen Ausgänge von Pistolenmensuren wird dieser Beschluß der Deutschen Burschenschaft in weiten Kreisen mit Freuden begrüßt werden. Breslau, 31. Mai. In der Steinkohlengrube Carsten- Centrum, welche täglich circa 10,000 Centner fördert, ist, der „Breslauer Zeitung" zufolge, der Betrieb durch neue Wasserzuflüsse voraussichtlich auf mehrere Wochen unterbrochen. Die Belegschaft, 600 bis 7OO Mann, soll anderweitig beschäftigt werden. München, 31. Mai. Der Cultusminifter v. Lutz hat aus Gesundheitsrücksichten seine Entlassung erbeten. Bremen, 31. Mai. Die n o r d d e u t s ch e G e w e r b e- u n d Industrie-Ausstellung wurde in Gegenwart der Civil- und Militärbehörden, der Admirale Paschen und Pawels mit einer Festrede des Vorsitzenden Papendieck eröffnet. Redner dankte dem Kaiser für die großartige Betheiligung der kaiserlichen Marine an der Ausstellung, sowie allen anderen Betheiligten. Nach dem Vorsitzenden sprachen Benningsen Namens Hannover und Oberkammerherr Alten Namen des Großherzogs von Oldenburg. Sodann crsolgte der Rundgang durch die Ausstellung, welche ein Terrain von 375000 Quadratmeter umfaßt. Ausland. Wien, 31. Mai. Dem heutigen Leichenbegängniß des früheren Statthalters, Feldzeugmeisters und Cavallerie-Gene- rals Freiherrn v. Koller im nahen Baden wohnten der Kaiser, die Erzherzöge, mehrere Erzherzoginnen, der Herzog und der Erbprinz von Nassau, sowie der deutsche Militär-Attache bei. Kaiser Franz Joseph ließ der Wittwe und den Kindern des Verstorbenen durch einen Generaladjutanten schriftlich sein Beileid ausdrücken. Paris, 31. Mai. Der ehemalige Botschafter in Berlin, Goutaut Biron, ist schwer erkrankt- sein Zustand soll hoffnungslos sein. Paris, 31. Mai. Die Negierung beschloß, im Princip den Entwurs betr. die Beschränkung des Arbeitstages für Arbeiter fertigzustellen. Ueber die Einzelheiten des Entwurfs wird demnächst beschlossen. Petersburg, 31. Mai. Im Beisein des Kaisers und des Prinzen von Neapel fand heute der Stapellaus der kaiserlichen Dacht „Poljarnja Swesda" und des Panzerkanonenbootes „Grosjäschtschi", sowie die Kiellegung für das Panzerschiff „Navarjen" und den Panzerkreuzer „Rjuril" statt. — Der Kronprinz von Italien reist statt am Donnerstag erst am Samstag von hier ab und zwar direct nach Berlin und nicht über Warschau. Bukarest, 31. Mai. Die Kammer nahm das Gesetz betreffend die Justizorganisation mit 86 gegen 36 Stimmen an.-—Der König empfing in Audienz beit Grafen C«rfo^ Commandanten des französischen Kriegsschiffs „Le Petrel". Sofia, 31. Mai. Die Mutter des Fürsten, Herzogin Clementine, reiste gestern nach Wien ab. Belgrad, 31. Mai. König Alexander ist in Begleitung Milans, der Regenten Ristic und Portic, der Minister Gruic, Gjaja und Tauschanowic nach Schabatz zur Obrenowitschfeier abgereist, wohin der Metropolit sich bereits früher begab. — Einem hiesigen Blatte zufolge bestätigte der Cassationshof die Entscheidung der ersten Instanz, wonach kein Anlaß zur strasgerichtlichen Verfolgung Garaschanins vorliege. San Francisco, 31. Mai. Ein Eisenbahnzug von Oakland nach San Francisco fuhr in eine geöffnete Zugbrücke in Webster Streer. Die Locomotive, der Tender und der erste Waggon stürzten ins Wasser. Dreizehn Leichen sind bereits ausgefunden worden. Buenos'Ayres, 31. Mai. Der Congreß der Argentinischen Republik nahm das Gesetz, wonach die Abgaben und Zölle zur Hälfte in Gold zu leisten sind, an. Neueste Nachrichten. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 1. Juni. Seit 101/4 Uhr brennt das große Königl. Fouragemagazin in der Magazinstraße. Das Gebäude gilt ftir verloren. i Coburg, 1. Juni. Der Hevzog hat heute dem Rechtsanwalt Harmening in Jena den Rest der Gefängnißstrafe von drei Monaten erlassen. Wien, 1. Juni. Der Minister des Innern hat das am 28. Mai v. I. für das „Berliner Tageblatt" erlassene Verbot des Postdebits ausgehoben. London, l.Juni. Nach einer Meldung des Reuter'schen Bureaus aus Lissabon kam es am Seegestade bei Povoa do Varzin zwischen Fischern und Zollbeamten, welche die ersteren an der Ladung von Contrebande zu hindern suchten, zu einem Kampfe, in dem ein Zollbeamter und sechs Fischer getödtet wurden und zahlreiche Verwundungen vorkamen. Berittene und unberittene Zollbeamte sind inzwischen als Verstärkung dort eingetroffen. Sofia, 1. Juni. Wie die „Agence Balcanique" meldet, hat die bulgarische Regierung auf eine Anfrage Serbiens in Betreff der Truppenbewegung in der Nähe von Widdin beruhigende Erklärungen abgegeben. Di^e erwähnte Truppenbewegung sei einzig und allein durch die jährlich startfindenden Uebungen veranlaßt. — Die in demPanitza-Proceß Verurtheilten werden beim Cassationshofe Berufung einlegen., Bukarest, 1.‘ Juni. Die Deputirtenkammer hat die Gesetzentwürfe über die Abänderungen des Nationalbankgesetzes, betreffend die Höhe der Metallbedeckung, die Auszahlung der Noten in Gold und die Aufhebung der Zwanzig-Francs-Noten angenommen. — Der Senat hat für die Berathung des von der Deputirtenkammer votirten Gesetzentwurfs, betr. die Organisation der Magistratur, die Dringlichkeit beschlossen. Feuilleton. Aus guten Kreisen. Zeitbild von M. Laue. (Schluß.) „Liebste Toni!" — sie flötets mit bewegter Stimme und breitet ihre Arme aus, bereit, die junge Braut an ihre Brust zu drücken — „liebste Toni, wie haben wir uns alle über Deine Verlobung gefreut. Von ganzem Herzen gratu- lire ich Dir, bin ich doch immer wie Deine zweite Mutter gewesen und war es doch längst mein Wunsch, Dich bald als glückliche Braut an mein Herz nehmen zu können, das so warm für Dich schlägt. Und jetzt dars ich es ja gestehen, ganz im Geheimen spielte Doctor N. schon längst eine Nolle in meinen Wünschen für Dein Glück, in meinen Träumen für Deine Zukunft. Wüßte ich doch auch sonst Keinen, dem ich diese Perle gönnen mochte! Wie sich das nun wirklich so wunderbar gefügt hat!" Nachdem sie die Braut wiederholt und innig geküßt, drückt sie dem Bräutigam die Hand, so herzhaft, daß er fast hätte aufschreien mögen. „Lieber Herr Doctor, nehmen auch Sie meinen innigsten Glückwunsch, ja, ja, ich ahnte es, als wir uns diese Nacht trennten, was die Glocke geschlagen, daß meine Hoffnung sich realisirt hatte!" Und wie sie sich nun alle an diese überschwengliche Gratulation anschließen, mit Händedruck und herzlichem Wort und süßestem Lächeln, die hagere Emilia, die geschminkte Julia und die zierliche Amanda, die heute so auffallend bleich ausschaut- nun, nicht jede verträgt auch das Schwärmen so gut wie die rosige kleine Braut, der man es nicht ansieht, daß sie bis an den anbrechenden Morgen getanzt hat. Nachmittags gehen die Töchter spazieren, um sich nach „den Fatiguen der gestrigen Soiree" zu ersrischen. Die gnädige Frau hat sich soeben von ihrer Siesta erhoben, als Frau Hauptmann A. erscheint. „Was sagen Sie denn zu dieser Verlobung, Frau Majorin, die alle Gemüther erregt? Man ist so sehr dadurch überrascht!" „Ueberrascht? Das bin ich gar nicht, ich wußte es längst, d. h. ich habe es kommen sehen, ich habe diese Liebe unter meinen Augen, in meinem Salon entstehen sehen, ich habe sie mit Entzücken durch alle ihre Stadien begleitet- war es doch mein innigster Wunsch — ja, Ihnen, liebe Freundin, will ichs im Vertrauen gestehen — mein Plan, aus Doctor N. und Toni I. ein Paar zu machen, ein Plan, der so wunderbar, so ohne alle Hindernisse geglückt ist. Toni, als Amandas Freundin, als mutterlos, steht mir ja nahe wie eine Tochter, und als ich Doctor N. kennen lernte, als er mir so gefiel, und ich deß inne wurde, wie gut er für sie paßte, da war mein Entschluß fertig. Wie ich mich freue! Wie gern lasse ich mir die Neckereien meines lieben Mannes über '„Kuppeln" und „Heirathenstiften" gesallen angesichts dieses glückstrahlenden Brautpaares." „Aber," sagte die Frau Hauptmann mit einem verblüfften Gesicht, stockend, „man dachte — Doctor N. worein so häufiger Gast bei Ihnen — Ihre Amanda —" I „Ach so, das amüsirt mich, da sieht man, wie die Welt ist, aber diesmal ist sie doch gründlich dupirt und ich stehe über der Situation. Allerdings war Doctor N. häufig bei uns geladen, und natürlich, die Toni war auch da! — Unsere Amanda ist sehr wählerisch und, ganz unter uns, bitte, machen Sie keinen Gebrauch davon, wenn sie hätte heirathen wollen, hätte ich sie schon längst nicht mehr zu Hause. Das steckt nun einmal in meinen Töchtern. Ach, welche annehmbare Heirathsanträge hat Emilia abgewiesen, und Julia, die sich, wenn sie wollte, noch alle Tage verheirathen könnte, dars man erst recht nicht mit den Männern kommen, die verachtet das ganze Geschlecht." Ob die Frau Hauptmann, die sich jetzt so weit von ihrem Staunen erholt hat, um ein recht gläubiges Gesicht machen zu können, nicht doch in Gedanken das Sprichwort „von den Trauben, die sauer sind, weil sie zu hoch hängen", citirt, dieses wissen wir nicht. Ja, wenn die Gedanken den Menschen vor der Stirn geschrieben ständen, man würde da gewiß oft recht wunderbare, unerhörte Dinge lesen, häufig gerade das Gegentheil von dem, was über die Lippen kommt. Unsere socialen Verhältnisse sind ja leider derart, daß wir unsere Gedanken oft unter Worten verbergen müssen, die ganz etwas anders besagen. Konnte doch die Frau Majorin dem Dr. N. nicht wohl mittheilen, wie sehr enttäuscht und entrüstet sie über seine Verlobung mit der Toni sei; im Gegentheil, sie mußte einen Glückwunsch heucheln, der nicht recht von Herzen kam. Daß sie und ihre Familie ein wenig zu excentrisch dabei verfuhren, geschah wohl in Folge der ängstlichen Bemühung, ihre wahren Empfindungen zu verbergen. * Boshaft. „Sie meinen es nicht ernst, Herr Doctor! Ich sage Ihnen, daß ich krank bin und Sie antworten mir, daß ich nur der Ruhe bedarf . . und Sie haben nicht einmal meine Zunge angesehen." — „Ich bin sicher, daß diese erst recht der Ruhe bedarf." * Frau: „Erinnerst Du Dich noch des vorigen Juni, in dem Du mich kennen lerntest?" — Mann (seufzend: „Ja, ja, o wonniger Ptai!" * Klient (zu seinem Rechtsanwalt): „Aber so was! Müssen Sie meinen Proceß in dritter Instanz verlieren." — „Aber, mein Lieber, sind Sie unbescheiden! Genügt es Ihnen denn nicht, daß ich ihn in zweiter Instanz gewonnen habe?" ♦ VortheU. A.: „Wissen Sie schon, daß die Familie Schmiergel jetzt am Mittwoch ihren sesten Empsangsabend hat?" — B.: Das ist ja herrlich! Dann — trifft man sie doch nicht wo anders!" CotaUs unO pYOvinjUUes, Gießen, 2. Juni. — S. K. H. der Großherzog trafen am Samstag Nachmittag in Begleitung S. K. H. des Erbgroßherzogs in strengstem Jncognito hier ein, um die Schüler'sche Besitzung zu besichtigen, welche bekanntlich als Wohnung S. K. H. des Erbgroßherzogs während seines bevorstehenden Studiums aus hiesiger Universität gemiethet worden ist. — Se. Kgl. Hoheit der Großherzog trafen gestern Vormittag IP/a Uhr in Begleitung der Kaiserin Friedrich hier ein. Die Herrschaften setzten um 11 Uhr 40 Min. per Extrazug die Reise nach Romrod fort, von wo sie am Nachmittag um 5 Uhr 41 Min. wieder zurückkehrten. — Am nächsten Donnerstag (5. Juni) findet, wie alljährlich am Donnerstag nach Trinitatis, in Gießen die Theo- logische Covferenz statt, an welcher Geistliche nicht nur aus dem Großherzogthum Hessen, sondern auch aus den benachbarten Kirchengebieten theilzunehmen Pflegen. Herr Consi- ftorialrath Dr. Ehlers aus Frankfurt wird einen Vortrag über „Die Taufe und das Neue Testament" halten, und Herr Professor Dr. Gottschick ein Referat erstatten „Heber die neuen Arbeiten aus dem Gebiete der Ethik". An den ersteren Vortrag wird sich eine freie Discussion anschließen. Die Verhandlungen beginnen um 10 Uhr im Saale des Cafe Leib. — Gleiberg-Verein. Dem Rechenschaftsbericht des Geselligkeitsverein Gleiberg pro 1889 entnehmen wir Folgendes: Zu Ende des Jahres 1889 waren 413 Anteilscheine ausgegeben, gegen 400 zu Ende 1888. Die im vorjährigen Berichte erwähnten neuen Antheilscheine gelangten vom Mai 1889 an zur Ausgabe. Leider hat der Verein auch im Jahre 1889 einen schweren Verlust zu beklagen: am 31. Juli 1889 starb der Ehrenpräsident des Vereins, der hochverehrte Geh. Rath Pros. Hugo von Ritgen, der berühmte Wiederhersteller der Wartburg, der sich auch um die Erhaltung und den theilweisen Wiederausbau des Gleiberg die größten Verdienste erwarb. Durch unmittelbare Bemühungen bei Sr. Majestät dem hochseligen König Wilhelm verhinderte er schon früher den drohenden Einsturz wenigstens eines Theiles der Ruine, wie es ihm denn auch gelang, I. M. den König Wilhelm und die Kaiserin Augusta, sowie andere deutsche Fürsten für den historisch und architectonisch so bedeutsamen Bau der Ruine Gleiberg zu interessiren und zu Geldbeiträgen für die Erhaltung der Burg zu veranlassen. Einen ansehnlichen Beitrag schaffte von Ritgen selbst durch die von ihm angeregten Vorstellungen von lebenden Bildern im Clubsaale zu Gießen, die er mit unübertrefflichem Kunstgeschmack anordnete. Für die Wiederherstellung eines Theils der noch unter Dach befindlichen Burg, des Nassauer Baues, namentlich für den schönen großen Saal, entwarf er die Pläne. Der Sohn des Verstorbenen, Herr Bauinspector Otto > von Ritgen, hat in Nr. 49 und 50 des Centralblatts der Bauverwaltung (Decern- ber 1889) einen längeren, mit zahlreichen landschaftlichen Abbildungen, Grundrissen, Plänen und Durchschnitten geschmückten Aussatz über den Gleiberg erscheinen lassen, der unserer schönen Burg zum Vortheil gereicht. Auch die in Frankfurt erscheinende „Kleine Presse" brachte in ihrer Nr. 80 vom 4. April 1890 eine Reihe von Gleiberg-Ansichten, die zwar in etwas derber Art ausgeführt, aber doch geeignet sind, Reclame für den Gleiberg zu machen. Was den Wirthschaftsbetrieb im Jahre 1889 anlangt, so war dieser entschieden günstiger als im Jahre vorher. Die große Anzahl von Weinsorten wurde vermindert und nur die meistbegehrten Sorten behalten. Die Preise für Speisen und Getränke wurden erneut festgesetzt mit der Ausgabe einer neuen Getränke- und Speisekarte. Dem Mangel eines genügend kühlen Kellers ist durch Erbauung eines solchen in der Eingangshalle neben der Einfahrt abgeholsen. Die Klagen über zu warmes Getränke im Sommer werden nunmehr schwinden. Auch an dieser Stelle ist anzuerkennen, daß der Burgwirth Niebergall beim Ausbrechen des festen Basaltes und beim Ausmauern und Ueberwölben des Kellers mit Fleiß und Sachkenntniß mit Hand anlegte. Auch der Aetienbrauerei Gießen sind wir zu Dank verpflichtet für kostenlose Zufuhr von Baumaterial (Schlackensand rc.), das sowohl zum Kellerbau wie zum Bau einer steinernen Treppe nach der Ruine verwendet wurde. Nicht minder aber sagt der Verein den Herren Baumeistern, welche in uneigennützigster Weise mit Rath und That zu Hand gingen, herzlichsten Dank. Von dem Verein zugewiesenen Geschenken seien erwähnt: eine Tischdecke von Herrn Heinr. Wallach, zwei von Herrn L. Petri III. gemalte Bilder (Badenburg und Münzenberg), die als Zierde der Gesellschastsräume gelten können. Herr Louis Rothenberger überließ dem Verein zu sehr billigem Preise zwei Spiegel. In Folge günstigen Vermögensstandes konnte der Verein auch an manche Verbefferungen und Verschönerungen innerhalb wie außerhalb der Wirthschastsräume denken, die sich früher von selbst verboten. Doch steht dem Verein auch eine größere sehr nöthige Ausgabe in nächster Zeit bevor, insofern als ein Theil des Daches über dem Nassauer Bau gründlich reparirt werden muß, soll nicht Unheil entstehen. Die Balken des Dachwerkes sind durchaus gesund, aber in früherer Zeit muß Jemand dasselbe als Vorrathskammer für Brennholz rc. angesehen haben. Balken sind herausgesägt und so das Dach in seiner Tragfähigkeit schwer geschädigt worden. Es ist zu verwundern, daß die Folgen dieser Lüder- lichkeit früherer Bewohner sich nicht schon früher einstellten und nicht noch schlimmer sind. Auch im abgelaufenen Vereinsjahre haben aus dem Gleiberg verschiedene größere und kleinere Festlichkeiten stattgefunden. Die größte fand am 1. September 1889 statt aus Anlaß des 50jährigen Dienstjubiläums des Herrn Kreis- bürgermeisters Colnot in Krofdorf. Natürlich nahm der Vereinsvorstand lebhaften Antheil an dieser Feier durch Begrüßung des Jubilars am Thore sowie durch eine Ansprache beim Festmahle, in der besonders der Verdienste desselben als Mitbegründer des Vereins und Vorstandsmitglied gedacht wurde. An dem Festmahle betheiligten sich etija 150 Gäste. Aus der von den Herren Carl Heil und Dr. K l e- witz geprüften Rechnungsablage ergibt sich ein befriedigender Vermögensstand des Vereins. Der reine Ueberschufi betrug 465.51 Mk., wovon 253.14 Mk. zu Abschreibungen an Bauten und Mobilien verwendet und 212.37 Mk. dem Capi- talconto des Vereins zugewiesen wurden, welch letzteres nunmehr 2455.89 Mk. beträgt. — Vom 1. Juni ab ist der Krebsfang in allen offenen Gewässern des Großherzogthums Hessen wieder gestattet. — Mit dem 9. Juni geht die für das Großherzogthum Hessen angeordnete Frühjahrsschonzeit für Fische zu Ende. — Die gestrige Parthie des Männer. Turnvereins, die sich großer Betheiligung erfreute, verlief für alle Teilnehmer recht zufriedenstellend. Trotz der kalten, unfreundlichen Witterung war die Stimmung eine immerwährend gehobene und freudige. Freiübungen, Gesang, Tanz und Spiel bot für Alt und Jung reichlichen Stoff zur Kurzweile, sodaß die Stunde der Rückkehr Allen zu früh kam. Der Rückmarsch mit Musik und Gesang vollendete den gelungensten Abschluß des ersten Waldfestes. — In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni hatten wir eine so niedrige Temperatur, daß, besonders in tieferen Lagen, Kartoffeln, Bohnen u. f. w. erfroren sind. Auch in vergangener Nacht zeigte das Thermometer ein bedenkliches Fallen. Hoffentlich verläuft der Juni nicht so garstig, wie er sich eingeführt hat. dt. Neu - Ulrichstein, 1. Juni. Monatsbericht pro Mai 1890 der Arbeite r-Colonie. Ende Mai 1890 sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitslos 49 Mann. Dieselben vertheilen sich auf das Großherzogthum Hessen 21, Regierungsbezirk Cassel 4, Berlin 1, Provinz Posen 1, Provinz Schlesien 1, Provinz Brandenburg 1, Provinz Sachsen 3, Provinz Hannover 1, Provinz Westfalen 1, Provinz Rheinlande 2. Herzvgthum Lauenburg 1. Königreich Bayern 4, Königreich Württemberg 1. Großherzogthum Baden 2. Thüringische Staaten 4. Kaiserthum Oesterreich 1. Hiervon waren: Arbeiter 17, Bäcker 3, Brauer 1, Conditor 1, Färber 1, Fleischer 1, Gärtner 1, Handschuhmacher 1, Holzbildhauer 1 , Kaminfeger 1 , Kaufmann 3, Kellner 1, Maurer 1, Maschinenschlosser 1, Schlosser 1, Schneider 4, Schreiber 2, Schuhmacher 3, Schirmmacher j, Tuchmacher 1, Tuchscherer 1, Zimmermann 1, Ziegler 1. Seit Bestehen der Colonie sind ausgenommen 1440. Abgegangen sind 1391. Im Mai sind entlassen 30 und zwar in Arbeit durch die Colonie 4, in die Familie 1, auf Requisition der Behörde 1, auf eigenen Wunsch 24. Verpflegungstage im Mai 1890: 1831. Gearbeitet wurde an 1587 Tagen, hierunter 209 Tage für fremde Rechnung. Hungen, 30. Mai. Die gestern hier tagende 10. Generalversammlung des Vogelsberger Höhen-Clubs nahm in jeder Beziehung einen sehr günstigen Verlaus. Schon in aller Frühe kamen sowohl mit den Bahnzügen wie auch zu Wagen, zu Fuß und mit Fahrrädern die Theilnehmer an. Im Garten „Zur Traube" wurde das Frühstück eingenommen und sodann von mehreren Herren ein Ausflug nach der Grube „Friedrich" gemacht, wozu von Gutsbesitzern in liebenswürdigster Weise die Landauer zur Verfügung gestellt wurden. Die Berath- ungen nahmen ihren programmmäßigen Verlaus und ließen erkennen, daß der Verein im Vogelsberg sehr viel geleistet hat und noch mehr leisten wird. Als nächster Versammlungsort wurde Lauterbach bestimmt. Am dem int „Solmser Hof" stattfindenden Festessen betheiligten sich auch zahlreiche Damen von hier und der Umgegend. Mehrere meistens humoristische Reden und die gute Musik, welche fast den ganzen Tag über concertirte, erzeugten bald eine sehr animirte Feststimmung. Abends sanden sich die Theilnehmer wieder in dem Garten des Gasthauses „Zur Traube" zusammen, wo bei Gesang und einem Glase vorzüglichen Bürgerbräus die Stunden rasch verflogen. Das den ganzen Tag über anhaltende prächtige Wetter trug ebenfalls nicht wenig zum Gelingen des Festes bei. Zum Schluffe wurden die Theilnehmer mit Musik zum Bahnhofe begleitet, wo man sich mit dem Bewußtsein trennte, einen frohen Tag erlebt zu haben. N. Hess. Volksbl. < 56 Alsfeld, 1. Juni. Nachdem durch das maffenhaft auftretende Ungeziefer unsere Hoffnungen auf eine gute Obsternte für dieses Jahr sehr herabgestimmt worden sind, so hat nun' auch in der vergangenen Nacht ein starker Frost noch den Kartoffeln, Bohnen und Gurken übel mitgespielt. Die meisten Gurken, besonders die tiefliegenden, sind nicht mehr grün sondern schwarz, und bieten einen trostlosen Anblick. — Der Großherzog, begleitet von der Kaiserin Friedrich, dem Erbgroßherzog und den beiden Prinzessinnen kamen heute Nachmittag nach 3 Uhr von Romrod per. Wagen hier an und bestiegen den für dieselben bereitstehenden Extrazug nach Gießen. - e- Ober Bessingen, 1. Juni. Mittwoch, den 4. Juni feiert die hiesige Gemeinde das 50 jährige Dienstjubiläum unseres Herrn Lehrers Walz. — Die Feier beginnt mit einem Festgottesdienst, der um 10 Uhr seinen Anfang nimmt, daran schließt sich das Festmahl in der Wirthschast „zur Krone", während dessen eine engagirte Musikcapelle concertiren wird. — Der Jubilar ist geboren in Lieh; er verbrachte dort auch die ersten zwei Jahre seiner Dienstzeit, wurde dann hierher versetzt, wo er ununterbrochen 48 Jahre lang thätig gewesen ist. Ein verstorbener Bruder des Jubilars hat kurze Zeit vor seinem Ableben ebenfalls das 50 jährige Dienstjubiläum gefeiert. * ** Himbach (i d. W.), 1. Juni. Kirschenverstei- gerung. Kaum war die Baumblüthe vorüber, so meldeten die Kenner des Obstbaues: Man möchte sich keine zu großen Hoffnungen auf die Obsternte machen, weil die Blüthe durch Witterung und Jnsecten gelitten habe. Diese Ansicht bestätigt sich leider fast überall, bei uns glücklicherweise nur zu einem Theile, denn die Versteigerung unserer, im Gemeinde- eigenthum befindlichen Kirschen lieferte den stattlichen Ertrag von 1700 Mk. — Unsere Kirschen zeichnen sich durch großen Wohlgeschmack aus und werden daher von auswärtigen Händlern gesucht. In der Regel nimmt man die Früchte schon vor der Reife ab, verpackt sie sorgfältig in Körbe und versendet sie den Rhein hinab bis nach Holland und England. — Der Berg, auf dem diese guten Kirschen gedeihen, ist nach Süden geneigt und vor kalten Nordwinden geschützt. Er gehörte ehemals der Standesherrschast Merholz, aber die Bäume gediehen nicht, weil der Boden darunter nicht bebaut wurde. Unsere Gemeindeverwaltung kaufte den Berg billig; die hiesigen Bewohner bearbeiteten den Boden, so daß auch dieser einen Ertrag liefert, während die Kirschbäume jetzt gut gedeihen. Durch diesen Kauf hat sich unsere Gemeinde eine Quelle des Wohlstandes eröffnet und wir können der Verwaltung dankbar sein, daß die Erwerbung s. Zt. stattgefunden hat. X X Aus dem Nidderthale, 1. Juni. Ganz plötzlich ist in einigen Orten der Umgegend der P r e i s des Schwein e- fleisches von 70 Pfg. auf 58 Pfg. herabgesunken. Die Käufer begrüßen den Abschlag mit Vergnügen, aber die Schweinezüchter sind nicht erbaut davon. Letztere haben die Einlegschweine per Paar mit 100—120 Mk. bezahlt und werden bei dem niedrigen Preise nicht viel mehr empfangen, wenn die Schweine fettgefüttert sind. — Die Kartoffeln sinken fortwährend im Preise - man kann sie, wie sie der Keller gibt, von 1 Mk. 60 Pfg. und höher kaufen. Das erinnert an alte gute Zeiten, denn 1 Mk. 60 Pfg. sind nach früherem Gelde 56 Kreuzer oder 14 Batzen. Die beiden letzten Nächte brachten uns eine große Temperaturerniedrigung. Das Thermometer sank auf 5" herab und man fürchtete, daß die empfindlichen Bohnen und Gurken erfrieren würden. Vorsichtige Leute haben daher ihre Ge- pflänze mit Stroh, Tüchern oder Fichtenreisern zugedeckt. — Im Jahre 1854 sind der Wald und daneben Kartoffeln, Klee und Gemüse noch im Juni erfroren. C Freienfeen, 1. Juni. Gestern wurde der noch im jugendlichen Alter der 20er Jahre stehende hiesige Lehrer Linden st ruth zu Grabe getragen. Erst seit zwei Jahren verheirathet, wurde er vor längerer Zeit von einer unheilbaren Krankheit (Schwindsucht) heimgesucht. Das zahlreiche Trauergefolge legte ein beredtes Zeugniß ab von der Beliebtheit und Verehrung, welche sich der so früh Verstorbene in feinem Leben erworben. Möge ihm die Erde leicht fein! * * Ober Seemen, 1. Juni. Am verflossenen Mittwoch hat sich hier ein trauriger Unglücks fall ereignet. Oeconom Adolf Kaufmann von hier schickte seinen Knecht mit einem zweispännigen Wagen in den Wald, um Holz zu holen. Als die Pferde den ziemlich schwer beladenen, in einer Pfütze stehenden Wagen nicht anziehen wollten, rief der Knecht den in der Nähe mit Zusammensuchen von Holz beschäftigten Heinrich Wagner von hier herbei, damit derselbe das eine Pferd etwas anhalte. Als Wagner im Begriffe war, eine dünne Gerte oder Stecken aufzuheben, um das Pferd anzu- treiben, schlug letzteres mit dem Hinterfuß aus und traf den Wagner so unglücklich an den Kopf, daß derselbe sofort bewußtlos und schwer verletzt zusammenbrach. Zwei herbei- gerufene Aerzte von Gedern und Hirzenhain leisteten sofort die nöthige Hilfe, leider gelang es nicht, den Verunglückten zu retten. Der Verunglückte gab einige Stunden nachher feinen Geist auf. Heute sand die Beerdigung statt. Der Verstorbene war erst im verflossenen Herbst vom Militär entlassen. Der Schmerz seiner Mutter, welche auf ihn ihre ganze Hoffnung setzte, ist unbeschreiblich. □ Vom Vogelsberg, 1. Juni. In verflossener Nacht sank die Temperatur so tief, daß an exponirten Stellen die Kartoffeln, Gurken und Bohnen erfroren sind. * * Vom äußersten Vogelsberg, 1. Juni. Heute Nacht hatten wir hier 1 Grad Kälte und sind in Folge dessen Bohnen, Kartoffeln, Erbsen u. s. w. total erfroren. Das Blühen des Obstes ist schon vorüber, sonst würde dieses auch vernichtet worden sein. Hoffentlich wird dies doch auf die Fruchtansätze der Obstbäume nicht schädlich gewirkt haben. * Darmstadt, 29. Mai. Gestern Abend fand in der „alten Post" dahier die Jahresversammlung des Hessischen Landesvereins für Bestattungsreform und fakultative Feuerbestattung unter dem Vorsitze des Herrn Oberbürgermeisters Ohly statt. Zunächst erstattete der Kaffenführer des Vereins einen eingehenden Bericht über die Lage der Finanzen des Vereins, welcher das Vorhandensein eines verzinslich angelegten nicht unbeträchtlichen Kasseüberschusses ergab. Sodann wurde ein Zusatz zu den Satzungen beschlossen, wonach zukünftig mit dem 1. Juni das jedesmalige Vereinsjahr beginnen und auf diesen Tag der Zahlungstermin für die Mitgliederbeiträge verlegt werden soll. Es wird auch für lausendes Jahr ein entsprechend zu berechnender außerordentlicher Beittag zu den Kosten des Verbands-Organes eventuell in Aussicht gestellt. Man schritt hieraus zur Vorstandswahl, welche die Wiederwahl der seitherigen Vorstandsmitglieder, nämlich der Herren Oberbürgermeister Ohly, 1. Beigeordneter Riedlinger, Land tagsabgeordneter Dr. Schroeder und Reg.- und Obermedicinal- rath Dr. Vix zu Darmstadt, ergab. Ferner wurde Herr- Rechtsanwalt Laudenheimer in den Vorstand einstimmig neu- gewählt. Wegen Ernennung weiterer Vorstandsmitglteder durch Cooption wurden Vorschläge gemacht und entsprechende Verhandlungen beschlossen. Die Herren Ohly und Laudenheimer werden den Verein auf dem Verbandtage am 27. Juli er. in Frankfurt vertreten. Es folgten hierauf bis tief in die Nacht währende Verhandlungen über Gründung einer Feuer- bestattungskaffe und ein Bericht über die erfreulichen Fortschritte auf dem Gebiete der Bestattungsreform in anderen Ländern, die Neugründung entsprechender Vereine u. A. m. — Griesheim bei Höchst a. M., 31. Mai. Im hiesigen Bahnhose ereignete sich gestern Abend ein schrecklicher Unglücks fall. Der Weichensteller Fuß aus Höchst, welcher einen dienstfreien Tag hatte, wollte einen Güterzug zur Fahrt nach Frankfurt benutzen. Als der Zug schon in Bewegung sich befand, versuchte er aufzuspringen, sprang indefi fehl und gerieth unter die Räder, die ihn buchstäblich in Stücke rissen. Der Tod trat sosort ein. Die Körpertheile wurden zusammengelesen und mit einem Tuch überdeckt, damit das Grauenhafte des Anblicks den wartenden Passagieren entrückt war. Der Unglückliche hinterläßt Frau und Kind. *△ Mainz, 1. Juni. Der als Alterthumssorscher in weiteren Kreisen bekannte Dompräbendat Dr. Friedrich Schneider von hier wurde von dem Bischof Haffner zum Ehren-Canonicus ernannt. — Kommenden Mittwoch findet hier eine Versammlung der Gastwirthe aus ganz Hessen statt, die von dem Gastwirthverbaud zu dem Zwecke zusammenberufen ist, um Schritte zur Beseitigung der 'bestehenden Weinsteuer zu berathen. In der Einladung zu der Versammlung wird darauf hingewiesen, daß die bevorstehenden Neuwahlen zur Kammer es angezeigt erscheinen lassen, die früher bereits viel erörterte Frage wieder zur Discussion zu bringen. — Zu der in den Tagen vom 28. aus 29. Juni hier stattfindenden internationalen Ruder-Regatta sind bis zu dem in gestriger Nacht erfolgten Meldeschluß von 15 Vereinen 19 Meldungen eingelaufen. Hiernach werden sich an der Regatta Rudervereine und Gesellschaften von Frankfurt, Mannheim, Köln, Düsseldorf, Gießen, Wetzlar, Stuttgart, Kastel, Mainz, Sachsenhausen, Kreuznach und Neuwied betheiligen. *+ Kassel, 1. Juni. Kassel, die Stadt der Künste und Congresse — ohne Droschke! — Das ist das Neueste und Ueberraschendste, was der Anfang des Rosenmonats den erstaunten Bewohnern unserer schönen Residenzstadt gebracht hat. Und so ganz Plötzlich über Nacht ist dieser eigenthümliche Strike gekommen — während noch gestern bis spät in den Abend hinein Roß und Rosinante vor jeden Droschkenwagen munter ihre Beine schwangen, brachten die Sonntagsnummern der Tagesblätter (für 1. Juni), welche spät Abends ausgegeben werden, die öffentliche Erklärung der sämmtlichen Droschkenbesitzer Kassels, daß sie mit dem heutigen Tage, 1. Juni, den öffentlichen Droschkenbetrieb einstellen. In dieser °„an die Bewohner Kassels" gerichteten und von sämmtlichen Besitzern öffentlicher Fuhrwerke und Equipagen namentlich unterzeichneten Erklärung heißt es, daß sie zu ihrem Bedauern den Betrieb einstellen müssen. U. A. wird dann ferner wörtlich folgende Motivirung angeführt: „Wir sind zum Aufgeben dieses Theiles unseres Gewerbes dadurch gezwungen worden, daß alle unsere Bitten und Gesuche zur Beseitigung der Härten der jetzigen Polizeivorschriften, welche zur Zeit strengstens gehandhabt werden, fruchtlos gewesen sind." Weiter heißt es: „Insbesondere sind es die dem Publikum wenig bekannten Polizeivorschriften, daß die Droschke bei Meldung von 3 Mk. Strafe auf keinem andern Droschkenhalteplatz halten darf, als dem für den Tag bestimmten, selbst wenn dieselbe an anderen Droschkenständen vorbeikommt, aus denen sich keine Droschke befindet, sowie daß die Droschken- pserde bei Meidung einer Strafe von 9 Mk. nicht einmal aus die Dauer von 2 Stunden zur Bespannung anderer Wagen (Hochzeiten, Beerdigungen re.) benutzt werden dürfen." Hieraus mag sich nun jeder Leser ein Urtheil über diese „Härten" bilden. Jedenfalls ist der heutige Tag sehr gut gewählt, um den Mangel eines Droschkengaules fühlbar zu machen, denn am heutigen Sonntag sind die Rennen draußen aus dem großen Forst bei Bettenhausen und von Einheimischen wie Fremden werden heute, wie wohl nie während des ganzen Jahres, Droschken sonder Zahl verlangt. Wenn man auch einen Wagen in der Wohnung bekommen kann, wie die Droschkenbesitzer erklären, so ist doch wohl nur Wenigen damit gedient und der empfindliche Uebelstand, Mangel jedes öffentlichen Fuhrwerks, bleibt bestehen. Am Meisten wird es von den Fremden empfunden werden, denn die Kasfelaner benutzen die Droschken nur wenig. Hoffentlich wird der Strike aus die eine oder andere Weise bald beigelegt werden. * Riga, 25. Mai. An die mit deutschem Muster errichtete freiwillige Feuerwehr, die im Laufe ihres 25 jährigen Bestehens, im Gegensatz zu der unter Leitung des russischen Polizeimeisters stehenden Brandwache, sich nicht geringe Verdienste um unser Gemeinwesen erworben hat, ist der Befehl ergangen, die Uniform ihrer Mitglieder abzuändern und sie mit dem Schnitt der russischen Montur in größere Uebereinstimmung zu bringen, „weil ihre jetzige Uniform an die preußische erinnere." Zugleich ist die Feuerwehr davon in Kenntniß gesetzt worden, daß die Polizei auf ihre regelmäßigen Dienste verzichte und nur in außerordentlichen Fällen aus sie Anspruch mache. Schweinefütterungsversuche. (Aus der Deutschen Allg. Zeitung für Landwirthschaft.) Bei der Fütterung kommen bekanntlich außer dem Nährstoffgehalt des Futters auch noch allerlei andere, sagen wir kurz, diätetische Momente in Betracht, deren Bedeutung für den practischen Erfolg z. B. nachstehender Fütterungsversuch beleuchten wird.' Ich suchte mir vier nach Abstammung, Alter und Gewicht sich nahestehende junge Schweinchen aus, welche als Futter Kartoffeln, Kohlrüben, Molkerei-Rückstände und Küchenabfälle erhielten und außerdem als Kraftfutter ein Gemenge von Roggensuttermehl und Gerstefuttermehl. Zweien davon gab ich das Futtermehl trocken in den Trog zum Beginn der Fütterung und erst wenn der Trog rein ausgefressen war, wurde das übrige ^Futter gereicht. Nennen wir diese Thiere trocken gefüttert. Zwei andere erhielten genau dasselbe Quantum desselben Futtermehls mit dem übrigen Futter vermischt und wollen wir diese letzteren Thiere als naß gefüttert bezeichnen. Aus nachstehender Tabelle sind die betreffenden Gewichts- I zunahmen ersichtlich: Wägungs- Tage Trocken gefütterte Schweine Naß gefütterte Schweine Gewicht in Pfunden Zunahme in Pfunden Gewicht in Pfunden Zunahme in Pfunden Schwein Schwein Schwein Schwein a b a 1 b c d o d 28. Novbr. 1889 92 86 _ 100 90 —— — 11. Decbr. 1889 110 101 18 15 111 100 11 10 24. Decbr. 1889 126 123 16 22 123 111 12 11 4. Januar 1890 139 138 13 15 136 115 13 4 18. Januar 1890 159 160 20 22 149 129 13 14 15. Februar 1890 198 190 39 30 172 138 23 9 Gewichtszunahme im Ganzen „ pro Tag durchschntttl. 106 1,34 100 1,31 72 0,91 48 0,60 Diese Zahlen sprechen deutlich und zeigen, daß im vorliegenden Fall unter sonst gleichen Verhältnissen diejenigen Schweine stets wesentlich besser zugenommen haben, welche ihr Futtermehl zum Beginn der Fütterung trocken erhalten haben. Ackerbauschule Füchten bei Neheim (Westfalen). Dr. Krauß. verkehr, Lanö. uttö volk,wirthschaft Grünverg, 31. Mai. (Fruchtpreise). Wetzen 21.—, Korn vM 19.—, Gerste «X 18.—, Hafer JL 18.—, Erbsen 18.—, Linsen ——, Lein —.—, Wicken —, Samen —.—, Kartoffeln 3.—. < Dresden, Maxftraße 6. [3951 HovIlustustionen non amen 9n genau 75 Lieferungen $um wohlfeilen PrrHe von 50 Dfennifl. Durch au« tkufrbanMmtd j» b«peh«n 4477] Ich suche für mein Manufactur- waaren-Geschaft einen Lehrling mit guten Schulkenntnissen und aus guter Familie. Butzbach, 17. Mai 1890. _____________A^Nraft. Tüchtiger Schweizer gegen guten Lohn auf sofort gesucht. 4619____________A. Textor, Hardt. 4702] Ein zuoerlässiger ittuger Man« gesucht welcher mit Pferden umzugehen versteht- Näheres ____________________Dammstraße 1. Neue Fracks zu verleihen bei D. W. Hornbach, [3886 Marktplatz Nr. 1, zwei Treppen. Ausgekämmte Haare kauft Petri Wittwe Nachf., 3910] Seltersweg 43. , ] Eine gut gehende Wirthschaft in Mitte der Stadt unter günstigen Bedingungen z« verpachte«. Offerten beliebe man unter O. 20 bei der Expedition dieses Blattes abzugebeu. 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Die Mitglieder des Vereins sind hierzu höflichst eingeladen. Für diese Versammlung ist folgende Tagesordnung festgesetzt: 1. Rechnungsvorlage, 2. Rechenschaftsbericht, 3. Vorstandswahl. 4779 Gießener Freiwillige Feuerwehr. Mittwoch den 1. bS. Mts., Abends 8V2 Uhr: Uebung; nach derselben außerordentliche General-Versammlung. Tagesordnung: Wahl eines Obmanns, Lahnthal-Sängerfest. 4778 Ausverkauf -xy sämmtlicher Kastenmöbel, darunter polirte und lackirte Kleiderschränke, Schreibseeretäre, Schreibtische, BertieowS, Waschschränke-Bücherschränke, Commoden, Console und ein großer Trümeaux-Spiegel (ächt Nußbaum) zu Fabrikpreisen, um schnell damit zu räumen. [4772 C. Leisler, Neuenweg, Ecke eer Weidengasse. Nähmaschinenhandlung von Th. Haubach Bahnhofstr. HO, 1 Treppe, Eingang durch den Hof. Aeltcstes Geschäft dieser Branche in Giessen» Alleinvertretung der renommirtestcn deutschen Fabriken. 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Staatsbahn 200 50 Ver. Kön.- und Laurahütte-Act. 140.80 Lombard. Eisenbahn — Oesterr. Alvine-MoMan 84.70 Telegraphischer Lsmsdericht der Berliner Börse vom 2. Juni Oesterr. Lredttaetiev Oesterr. Staatüdahn-Actten Dortmunder Union-Actien Darmstädter Bankactten 167-90 101 20 91.00 161.60 DiSWNto-Tom,-AMHeu c Harpener Ostpreußen Bockumer Gußstahlactten 1890, 225.70 199.50 10280 169.50 Tendenz: matt. 4 pCt. Gießener Obligationen! —♦— 15 pCt. BuderuS-Obligationen 104.20 ReichSbank-DiScont 4 p@t — Frankfurter Bank-DiSkont 4 pCt. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.