Nr. 150. Mittwoch den 2. Juli . 1890 Der Metze«er Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener Msr«rtte«0lSl1-r Werden dem Anzeiger «Schentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Kenerat-Wnzeiger. Vierteljähriger AöorrnemenLspreis i 2 Mark 20 Pfg. rott Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg. Redactton, Expeditts» und Druckerei: Kchntstratze Zlr.I. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Rveis Gietzen. ] GratisSeikage: chießmer Kamilienökätter Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- vorm. 10 Uhr. ........................ Deutsches Reich. Darmstadt, 30. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben sich im Laufe des Samstag Nachmittags von hier nach' Romrod zurückbegeben. Im Gefolge Seiner Königlichen Hoheit befanden sich Flügeladjutant Oberst Wernher, beauftragt mit den Functionen des Generaladjutanten, und Hofstallmeister Freiherr Riedesel zu Eisenbach. Bei der vorher stattgehabten Hoftasel, an welcher gegen 100 Gedecke aufgelegt waren und während deren die Musik des 1. Großh. Infanterie- (Leibgarde-) Regiments Nr. 115 concertirte, brachten Seine Königliche Hoheit der Großherzog folgenden Toast aus: Ich freue mich, die Herren noch einmal um mich versammelt zu sehen, ehe Sie in Ihre Heimath zurückkehren. Sie können das mit dem Bewußtsein innerer Befriedigung thun. Wenn auch keine wichtigen organischen Gesetze berathen wurden, so haben doch viele Gegenstände Sie beschäftigt, deren Erledigung dem Lande zum Besten gereichen wird. Das hervorragendste Gesetz, das über die Eisenbahnen, wird die weitgehendsten Wünsche zu befriedigen im Stande sein, und wird es das Bestreben meiner Regierung sein, das Netz in der rationellsten Weise allmählig auszuführen. Damit es aber dem Lande Segen und Gedeihen bringen kann, bedürfen wir des Friedens nach Innen und nach Außen - möchte es den verbündeten Regierungen gelingen, ihn zu erhalten ! Unsere Wünsche für unsere gemeinsame Heimath lassen Sie uns zusammensassen in den Ruf: „Hessen lebe hoch!" Der Präsident der Ersten Ständekammer, Se. Durchl. Fürst zu Dsenburg-Büdingen, erwiderte mit einem Toast auf Seine Königliche Hoheit den Großherzog. In Verhinderung des ersten Präsidenten der Zweiten Ständekammer brachte der zweite Präsident Wolsskehl den Toast aus Seine Königliche Hoheit den Erbgroßherzog und das Großherzogliche Haus aus. Berlin, 28. Juni. Se. Majestät der K-aiser hat vor Kurzem in Betreff der Erziehung seiner Söhne seine Willeus- meinung dahin ausgesprochen, daß die Prinzen, insonderheit Se. Kaiserliche Hoheit der Kronprinz, sowie Prinz Eitel Fritz, im Cadettencorps erzogen werden, es sollen bereits Anweisungen hierüber ergangen sein. — „Deutschland wach aus!" — unter diesem Titel bringen die „Münchener Allgemeine Zeitung" und die „Frankfurter Zeitung" im Jnseratentheil einen Aufruf zur Einreichung einer Massen-Petition an den Reichstag gegen Äen deutsch-englischen Vertrag. Mit einem Federstrich sei das Werk Wißmanns und seiner Helden vernichtet, mit einem Federstrich sei die Hoffnung aus ein großes deutsches Colonialreich zerstört. „Laßt eine Massen-Bitt- schrift", so heißt es in dem Aufruf, „an den deutschen Reichstag offen und unumwunden aussprechen, daß jener Vertrag die helle Verzweiflung in Tausenden geweckt hat, die mit jeder Faser ihres Herzens an Deutschland hängen. Männer aller Parteien, die bei dieser Gelegenheit sich lediglich als Deutsche fühlen, mögen die Sache in die Hand nehmen. Der Reichstag wird und muß diesem Wunsche Gehör schenken. Der Reichstag wird, so hoffen wir, mit einem überwältigenden Mehr vor die Regierung treten und ihr sagen: Der Vertrag mit England schädigt unsere Interessen und verwundet unser Ehrgefühl- er darf deßhalb niemals zur Wirklichkeit werden." Deutscher Reichstag. 30. Pleuarfitzung. Montag, 30. Juni 1890, 1 Uhr. Die zweite Berathung des Nachtragsetats, betr. die Beamtengehaltserhöhungen, wird fortgesetzt. Die Commission beantragt: Zu Diensteinkommensverbesserungen für diätarisch beschäftigte Beamten und Unterbeamten 2,536,657 Mk. zu bewilligen. Hierzu liegt vor der Antrag Auer (Soc.), die Summe auf 3,804,985 Mk. zu erhöhen (also um 50 pCt.). Mit dieser Petition werden zugleich zwei Resolutionen zur Debatte gestellt, 1. die von der Commission vorgeschlagene: die Regierung wolle das Vexhältniß der etatsmäßigen Stellen zu den diätarisch beschäftigten Beamten prüfen und Mißverhältnissen durch Vermehrung der etatsmäßigen Stellen abhelfen- £ die Resolution Auer (Soc.), beim Reichstage noch in dieser Session eine Vorlage aus Abänderung der Militär- und Beamtenpensions-Vorschriften und Relictenbestimmungen einzubringen, damit den Pensionären entsprechende Zulagen gewährt und die nöthigen Mittel in den Etat eingestellt werden. — Abg. Singer (Soc.) befürwortet den Antrag und die Resolution Auer. Um die Mehrausgaben auszugleichen, welche durch die Verteuerung der nöthigsten Lebensmittel notwendig werden, reichen die bewilligten Zulagen für die Unterbeamten und Diätare nicht aus, eine Erhöhung der vorgeschlagenen Summe um 50 pCt. ist angemessen. Ueber die Behandlung der diätarischen Beamten im statistischen Amt theilt Redner noch mit, daß zwei Diätare, weil sie Mittheilungen über die Beschäftigungsart dieser Beamten an die Zeitung gelangen ließen, aus Grund des dem Director zustehenden formalen Rechts ohne Kündigung entlassen seien. — Staatssecretär v. Boetticher: Ueber die in den Zeitungen erörterten Verhältnisse des statistischen Amtes habe ich eine.Untersuchung veranlaßt. Die entlassenen beiden Diätare haben Beschwerde gegen ihre Entlassung nicht erhoben- es ist also anzunehmen, daß sie mit der Entlassung einverstanden sind. — Abg. Dr. Baumbach (dsr.) befürwortet nur die Resolution der Commission - mit weitergehenden Vorschlägen könne man bis zur nächsten Etats- berathung warten. Die Resolution Auer gehe zu weit und gefährde damit alles. — Abg. v. Benda: Bezüglich der Pensionsverbesserungen hat die Regierung in der Commission zufriedenstellende Andeutungen machen lassen. Herr Singer sollte es dabei bewenden lassen. — Abg. Dr. Windth orst (Ctr.): Die Vorlage ist ein bedeutender Fortschritt. Herr Singer weiß selbst, daß uns die Mittel fehlen, hat das auch anerkannt- consequent sind also seine Anträge nicht. (Heiterkeit.) Redner schließt sich den Anführungen Baumbachs an. — Abg. Singer (Soc.): Zum Sparen hätte sich für Herrn Windthorst bei der Militärvorlage bessere Gelegenheit' gefunden als hier. Nachdem man die nöthigsten Lebensmittel vertheuert hat, soll man hier doch nicht die Mittel verweigern, um die Diensteinkommen aufzubessern. — Abg. Richter (dsr.): Herr Singer behandelt die Frage ganz unzutreffend. Durch den Antrag Auer würde das Einkommen der Bureaubeamten statt um 5 pCt. um 7x/2 pCt. erhöht werden. Das ist eine minimale Erhöhung, die mit den stolzen Worten Singers gar nicht zusammenpaßt. Erhöhungen beantragen bei den einzelnen Positionen und den Etat im Ganzen ablehnen, das ist zwar eine sehr dankbare Rolle, aber nichts weniger als conseqnent. — Abg. Windthorst (Ctr.): Die Lebensmittelzölle waren nöthig, um die Landwirthschaft und ihre Arbeiter zu erhalten- das sehen die Arbeiter auch ein. — Der Antrag Auer auf Erhöhung der Gehaltszulagen um 50 pCt. wird abgelehnt und die Vorlage der Regierung unverändert angenommen. — Zu Stellenzulagen werden 540,000 Mk. gefordert. — Abg. Rickert (dfr.) bekämpft das ganze System der Stellenzulagen. Die dafür geforderte Summe ist lediglich ein Dispositionsfond, für dessen Verwendung jede Conrrole fehlt. — Schatzsecretär Freiherr v. Maltzahn: , In Preußen sind die Stellenzulagen bewilligt- verweigern Sie dieselben im Reiche, so stellen Sie die Beamten im Reiche schlechter als die Beamten in Preußen. — Abg. Frhr. v. H u e n e (Ctr.): Rickerts Bedenken sind übertrieben- die Summe wird nur für ein Jahr bewilligt. — Abg. Dr. Baumbach (dfr.): Die Regierung hat sich über die Grundsätze, nach denen die Vertheilung der Stellenzulagen stattfinden soll, noch gar nicht schlüssig gemacht. Bei den Beamten sind die Stellenzulagen nicht beliebt. Eine Bewilligung für ein Jahr ist nicht zweckmäßig. — Ahg. v. Benda (nl.) befürwortet die Bewilligung aus ein Jahr. — Der Titel wird genehmigt. Der Rest der Vorlage wird ohne Debatte angenommen. — Sodann kommen die Resolutionen der Commission zur Annahme: 1) Vermehrung der etatsmäßigen Beamtenstellen, 2) Einführung der Dienstalters- Fenilleton. Nm fünfzig Pfennig Porlo. Von M. Laue. (Schluß.) „Da kennst Du sie schlecht. Sie ist mir noch immer 2 Mark 50 Pfennig für ein Paar Musketair schuldig, die ich ihr Weihnachten mit aus Breslau kommen ließ. Ganz unverfroren schmückte sich ihre Lisa damit, und trotz einiger mit Blüthenstengeln gegebenen Anspielungen — " „Nun, so komm ihr mit dem Zaunpsahl! Aber das muß bei Euch Weibern immer alles so sein gegeben sein, so zart, mit spitzen Fingern angefaßt, so um die Ecke herum, — niemals gerade ins Gesicht, dazu seid Ihr viel zu feige und — zu falsch." „Aber, Otto, ich kann doch nicht geradezu sagen: Frau Sanitätsrath, ich bitte mir die 2 Mark 50 Pfennige aus, die Sie mir noch schulden." „Warum nicht? Hast Du nicht den Muth dazu? Willst Du Dich überhaupt nicht dem Risico von etwaigen Verlusten aussetzen, so nimm Dir eine Wahrheit aus dem Hamlet zur Richtschnur: „Kein Borger sei und kein Verleiher nicht. Sich und den Freund verliert das Darlehn oft, Und Borgen stumpft der Wtrthschaft Spitze ab." „Abschlagen kann man dergleichen nicht, lieber Mann, -aS würde sehr ungefällig aussehen. Wie konnte ich auch denken, daß ich meine Auslagen nicht zurückerhielt. Da ich diese Erfahrung aber gemacht, wollen wir das Porto für das Packet auch nicht ausgeben." „Und uns statt dessen die ganze Reise über mit dem Packet plagen, nein, so viel Werth haben 50 Pfennig nicht für mich, da bezahle ich sie lieber aus meiner Tasche." „Ich lege es nachher in den Koffer, dann belästigt es uns nicht mehr," entgegnete die zähe auf ihrem Willen beharrende Gattin. „Die Lisa ist bisher ohne die Thee- servietten fertig geworden, dann wird sie es auch noch fernerhin können. Die Blumen annectire ich selbstverständlich — ich werde sie Erwins Braut verehren." „Woher mag der fatale Geruch in diesem großen, luftigen Raume wohl kommen," sagte der Regierungsrath, als er am Tage nach der Hochzeit in das elegante Logirzimmer trat, das er mit seiner Frau inne hatte. „Ich habe das auch schon all diese Tage bemerkt," erwiderte diese. „Vielleicht ist eine Maus in irgend einem verborgenen Winkel crepirt, wo man ihre verwesenden Reste nicht entdeckt. Gerade so riechts." Als aber einige Tage später die Regierungsräthin sich zur Abreise rüstete und ihren Schließkorb öffnete, strömte ihr daraus em Geruch entgegen, der sie fast ohnmächtig machte, die Ursache war — ..das Packet für Frau Lisa! — „Mein Gott, was mag darin sein? Was thun? Es ist versiegelt, da darf man es doch nicht öffnen. Ich sah doch gleich, daß es noch mehr enthalten müßte wie die Theeservietten, aber was? — Hätte ich doch Otto den Willen gelassen und es fortgeschickt! Um die lumpigen fünfzig Pfennige nun diese Unannehmlichkeit! Otto darfs natürlich nicht wissen. Im Schließkorbe kann es nicht bleiben, unsere Kleider würden den Geruch annehmen, ich will es in die Plaidhülle packen, die leer ist, nachdem sie von dem Hochzeitsgeschenke befreit. Morgen Abend, sowie wir angelangt, schicke ichs hin. Wie wird sie erschrecken! Nun, es kann ihr nichts schaden, das ist für den Geiz! Konnte sie es nicht per Post schicken!" Es ist ein heißer Tag, gerade zu Beginn der großen Schulferien. Auf den Bahnhöfen ist ein regeö Leben, alle Welt scheint sich aus Reisen zu begeben. Das ist ein Hin und Her, ein Aus- und Einsteigen, die Coupes bleiben überall gedrängt voll, auch dasjenige, in dem unser von der Hochzeitsfeier heimkehrendes Ehepaar Platz genommen. „Erlauben Sie, daß auch dieses Fenster noch geöffnet wird?" wendet sich eine junge Frau an eine in der Ecke sitzende bleiche Dame, die ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden. v- „Aber es wird Zug verursachen," entgegnete diese, „ich hatte die ganze Nacht Zahnschmerzen." „Die Luft ist gar so schlecht hier," klagt die erste. „Ja, sehr schlecht," pflichtet die ganze Reisegesellschaft bei, und alle schnüffeln ein wenig mit ihren Riechorganen, jeder thuts, der noch hinzukommt. Nur die Regierungsräthin nicht, die sehr echausfirt aussieht. „Die Maus aus unserem Zimmer in N. scheint mitgekommen, derselbe Odeur!" flüstert ihr Gatte ihr ins Ohr. — Die bleiche Dame wechselt den Platz und gibt ihre Einwilligung zum Oeffnen des Fensters. Aber trotzdem — „Zum Kuckuck!" ruft ein zuletzt eingestiegener corpulenter älterer Herr, dem der Humor aus dem rosigen Antlitz glänzt, „hat einer von den Herrschaften hier im Coups Käse bei sich?" Alle schnüffeln aufs Neue. „Die Sache sollte doch untersucht werden," fährt er unerbittlich fort, „das habe ich einmal erlebt —" und er gibt eine wunderbare Käsegeschichte zum besten, die allgemeine Heiterkeit erregt. Sogar die bleiche Dame mit der schwarzen Binde scheint ihren Schmerz momentan zu vergessen, ihre nervös gespannten Züge verziehen sich zu einem Lächeln, so daß man die ruinenhasteie Urheber ihrer Pein erblickt. Die Regierungsräthin lacht übermäßig, aber — ihr Gatte sieht sie prüfend von der Seite an, ist feine Frau krank? — wie klingt das so blechern, s* erzwungen! — „Ein gräßlicher Mensch!" flüstert sie ihrem stufen für die Beamtenbesoldungen. — Abg. Singer (Soc.) befürwortet die bereits mitgetheilte Resolution Auer. — Schatzsecretär v. Maltzahn: Die Resolution würde bedeutende Geldmittel nöthig machen und gehe über den Rahmen der Vorlage hinaus. — Abg. Richter (dfr.): Für die Pensionäre und Relicten sind in letzter Zeit mehrfach Bewilligungen gemacht. In einzelnen Klassen mögen ja die Ausbesserungen noch nöthig sein- aber nach Maßgabe des Antrags würde für diese Klasse nichts erreicht. Aenderungs- bedürstig ist das Militärpensionsgesetz für die unteren Klassen, wo namentlich unterschieden werden muß zwischen militärischer Invalidität und Erwerbsunfähigkeit. Solche Anträge sind, da sie nicht genau begrenzt sind, immer bedenklich. — Der Antrag Auer wird abgelehnt. — Die eingegangenen Petitionen werden durch diese Beschlußfassung für erledigt erachtet. Der Bericht der Reichsschulden - Commission wird nach den Anträgen der Commission erledigt- ebenso wird die Etatsübersicht pro 1888/89 erledigt. — Es folgt die Be- rathung des Antrages der verbündeten Regierungen, betr. die Errichtung eines Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. — Abg. Frhr. v. Heereman (Ctr.): Ueber die Errichtung des Denkmals waren Alle im Hause einig, über den Platz gehen die Ansichten auseinander. Um eine Verständigung herbeizuführen, empfiehlt sich Erörterung der Sache in einer Vierzehner-Commission. Staatssecretär Dr. v. Bo etlicher ist damit einverstanden, bittet aber, daß die Commission ihre Arbeiten noch vor der Vertagung beginne. — Die Vorlage geht an eine Vierzehner-Commission. — Es folgt die Be- rathung des Antrages Rintelen (Ctr.), betr. das Zustellungswesen. Die Neuner-Commission schlägt eine Resolution vor: „Die Regierung wolle baldigst eine Vorlage machen, in welcher das Zustellungsversahren neu geregelt und die bisherigen Mängel, Kostspieligkeit und Weitläufigkeit, vermieden werden. — Die Resolution wird angenommen, uachdem der Abg. Rintelen (Ctr.) sich mit derselben einverstanden erklärt hatte. — Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr: Consulargerichtsbarkeit in Samoa, Nachtragsetats (Gehaltserhöhungen dritte Lesung und Militärforderungen zweite Lesung), Wahlprüfungen. — Schluß 5 Uhr. S====== — ■ ' I > ' Netteste Nachrichten. WolffS telegraphisches Torrespondenz-Bureau. Darmstadt, 30. Juni. Die Wahl der Wahlmänner für Sen neuen Landtag findet am 23. Juli statt. Berlin, 30. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht ein Handschreiben des GroßherzogsvonBaden an den Kaiser aus Karlsruhe vom 17. Juni, worin der Schreiber dem Kaiser für die der badischen Regierung und den Leistungen der badischen Ingenieure anläßlich der Ausführung der strategischen Bahnen ausgesprochenen wohlwollenden Aeußerun- gen, die den Großherzog und seine Regierung aufs Freudigste berührt hätten, aufrichtigsten Dank sagt, ebenso auch für den Beweis allerhöchsten Wohlwollens dankt, den der Kaiser durch Benennung der badischen Pionierkaserne in Kehl als „Großherzog Friedrich-Kaserne" gegeben habe. Berlin, 30. Juni. Der Bundesrath stimmte dem Gesetzentwürfe zu, betreffend die Consulargerichtsbarkeit aus Samoa und übernahm die Bürgschaft Seitens des Reiches für die durch Einrichtung einer anderweiten Rechtspflege dortselbst erwachsenden antheilmäßigen Kosten. Der vom Reichstage angenommene Gesetzentwurf, betreffend die Feststellung des Nachtrags zum Reichshaushaltetat für 1890/91; wird zur allerhöchsten Vollziehung vorgelegt. Köln, 30. Juni. Major v. Wißmann wird gesundheitshalber der deutschen Colonialversammlung in Köln nicht beiwohnen. Saßnitz, 30. Juni. Die Kaiserin ist mit den Prinzen gegen sünf Uhr, vom Publikum begrüßt, unter Glockengeläute und Kanonensalut, welch letzteren das Schiff „Louise" abgab, hier eingetroffen. Stralsund, 30. Juni. Die Kaiserin, die mit den Prinzen um l1/» Uhr im Stadtbahnhof eintraf, begab sich Galten mit einem Seufzer der Erleichterung zu, als der joviale alte Herr aussteigt. „Das finde ich gar nicht!" erwiderte der Regierungsrath, der Thränen gelacht. Die Familie des Sanitätsraths N. sitzt an dem schönen Sommerabend auf der Veranda. „Ich begreife gar nicht, daß Lisa nicht schreibt," sagt die Frau. „Ich bin so gespannt, ob die Poularde wohl recht frisch angekommen. Aber das denke ich doch, wiewohl es ein heißer Tag war. Jndeß, die feuchten Brennnesseln, mit denen ich sie umgeben und dann noch die Servietten ringsum, das viele dicke Papier, das alles hielt doch sicher die heiße Lust ab." „Es ist mir nur unangenehm, daß Du Regierungsraths damit belästigt hast, liebe Frau." „Ach, davon haben sie ja keine Last weiter gehabt, ich thu ihr mal wieder einen Gefallen. Es klingelt, wer kommt denn da noch? Gewiß ein Patient." Nein, es ist — die Poularde! — In welchem Zustande sie jetzt aber dem sanitätsräthlichen Ehepaar vor die Augen und — unter die Nase kommt — es sträubt sich die Feder, dieses zu beschreiben! „Erne solche Dummheit," jammerte die Sanitätsräthin, „das Packet nicht gleich auf die Post zu geben, da sie zufällig nicht über N. gefahren, wie sie da schreibt." „Aber, liebe Frau, sie motivirt das ja mit den Servietten, die Lisa wohl noch nicht so nöthig brauchte. Siehst Du, weil sie Deine übertriebene Sparsamkeit kennt, hat sie Dir das Porto sparen wollen —" „Ach nein, sie hat in ihrer Engherzigkeit gefürchtet, daß sie die fünfzig Pfennige nicht wieder bekäme. Und so etwas von mir zu denken, die ich so penibel in solchen Dingen bin — das ist doch abscheulich. Ach, welch eine blitzsaubere, delicate Poularde es war!" sofort mit der Hafenbahn zum Trajectschiff. Eine große Zahl von Dampfern begleitete das Trajectschiff. Die Ankunft an der Küste von Rügen erfolgte um zwei Uhr. Helstngoer, 30. Juni. Kaiser Wilhelm und der König kamen um lP/4 Uhr an, von den königlichen Prinzen und Prinzessinnen Waldemar und Anhalt begleitet. Nach herzlichem Gruße ging der Kaiser unter Kanonensaluten auf die Schaluppe. Der König kehrte in die Residenz Bernstorff zurück. Der König trug die preußische Ulanenuniform wie bei der Ankunft des Kaisers. Fredensborg, 30. Juni. Bei der gestrigen Tafel verlieh Kaiser Wilhelm dem Prinzen Christian den Schwarzen Adlerorden. Wien, 30. Juni. Der Kaiser besuchte gestern abermals Kalnoky. Heute nahm der Kaiser im Beisein des Cultusministers Gautsch den Eid des Fürsterzbischofs Gruscha entgegen. In der Hofburg-Pfarrkirche wurde dem neuernannten Cardinal Dunajewski durch den Kaiser der Cardinalshut ausgesetzt. Nach der Ceremonie empfing der Kaiser den Cardinal und den päpstlichen Nobelgardisten Matt ei in Audienz. Abends war zu Ehren des Cardinals Hostafel im Marmorsaale. Wien, 30. Juni. Das Handelsministerium ordnete eine Beobachtungssperre den Schiffen und Frachten spanischer Provenienzen gegenüber an. Pest, 30. Juni. Der Handelsminister ordnete eine siebentägige Observation für Schiffe aus Alicante, Taragona und allen dazwischen liegenden Häsen und den Balearen an. Bern, 30. Juni. Die gestrige Volksabstimmung im (Santon Zürich nahm die Gesetzvorlage an, nach welcher die Kosten der Leichenbestattungen vom Staate bestritten werden, mit 34 699 gegen 16 484 Stimmen. — Morgen wird die Touri st enbahn Interlaken - Lauterbrunnen - Grindelwald dem Betrieb übergeben. London, 30. Juni. Im Oberhaus erklärte Lord Salisbury, es sei ihm nichts davon bekannt, daß der Schatzkanzler die Geldmittel besitze, um die Bewohner Helgolands in anderen Theilen des britischen Reiches anzusiedeln- er besitze auch keine Information, daß eine solche Ansiedelung den Wünschen der Helgoländer entspreche. Ebensowenig habe er Nachricht davon, daß die Helgoländer mit der Abtretung ihrer Insel unzufrieden seien. Er sei überzeugt, daß die Deutschen Alles aufbieten würden, die Helgoländer mit dem Abkommen zu versöhnen, welches ohnedies gewisse Bestimmungen zum Schutze ihrer Rechte enthalten würde. Der deutsch - englische Vertrag werde in wenigen Tagen unterzeichnet und nach der Unterzeichnung mit einer Bill dem Parlamente vorgelegt werden. Bis dahin müsse jede weitere Erörterung der Angelegenheit unerwünscht sein. Rom, 30. Juni. Stesani-Meldung aus Massaua: Die Derwische fielen in das italienische Schutzgebiet Beni-Amer ein. Der Commandant von Keren sandte ihnen einheimische Truppen entgegen, welche die Derwische überrumpelten und in die Flucht schlugen. Die Derwische verloren 150 Todte, 100 Gewehre und Fahnen - die einheimische Compagnie hatte 2 Todte und 4 Verwundete. Madrid, 30. Juni. Aus Gandia werden von gestern drei Cholera-Erkrankungen und drei Todesfälle gemeldet. Petersburg, 30. Juni. Das „Journal de St. Psters- bourg" bespricht die Hinrichtung Panitzas. Es bemerkt, Prinz Ferdinand verließ vor der Hinrichtung das Land, aus das ihm allein zustehende Begnadigungsrecht verzichtend. Der Prinz habe hierdurch bewiesen, daß er nicht allein nicht herrsche, sondern, daß er sogar nicht einmal in Bulgarien regiere, daß Stambulow dort zugleich Herrscher und Regent sei. Starn- bulow hätte wahrscheinlich nicht des neuen Actes der Grausamkeit bedurft, um die Art seiner Herrschaft kenntlich zu machen, die eine Schreckensherrschaft sei. Sofia, 30. Juni. Vor der Hinrichtung Panitzas hielt der Lagerkommandant an die Truppen eine Ansprache, in welcher er das Verhalten Panitzas, der eine Verschwörung zum Umstürze der gegenwärtigen Regierung angezettelt habe, schilderte und aus die Gefahren hinwies, welche im Falle des Gelingens für das Vaterland entstanden wären- Panitza habe das Urtheil verdient und ein solches Ende erwarte alle Vater- landsverräther. totales «nv provinzieller. Gießen, 1. Juli. — Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 3. Juli 1890, Nachmittags 4 Uhr: 1. Ausbau der Schillerstraße. 2. Trottoirpflasterung im Asterweg. 3. Gesuch des Garnisonlazareths um Ueber- lassung eines Raumes zur Lagerung von Steinkohlen. 4. Gesuch um Trottoirpflasterung in der Goethestraße. 5. Baugesuch des L. Hellmold, hier Geländeaustausch in der Steinstraße. 6. Uebertragung des Pachtverhältnisses von G. Franz auf Friedr. Seibel. 7. Kostendecretur. 8. Gesuch verschiedener Bewohner des Selterswegs um Wiederherstellung des Brunnens in dem Bürgerhospital. 9. Anbau des Hochbehälters. 10. Erbauung einer Kühlanlage im hiesigen Schlachthaus. 11. Erbauung einer TuAihalle für die Realschule. 12. Regulirung der Löhne der städtischen Arbeiter. 13. Den Wirthschastsplan der Stadt Gießen über deren Waldungen pro 1891/92. 14. Die Stiftung des Metzgers Philipp Schmidt zu Gunsten der Stadt. — 18. Lahnthal-Sängerfest. Der gestrige zweite Festtag des Lahnthal-Sängerfestes hatte so unter der Ungunst der Witterung zu leiden, daß es aller Ausdauer und des guten Humors der Festtheilnehmer bedurfte, um es einigermaßen programmmäßig zum Abschluß zu bringen. Obwohl die für den Vormittag bestimmten Festlichkeiten, der Spaziergang nach Teators Terraffe, sowie das Concert auf dem Festplatze bei ziemlich heiterem Himmel stattfanden, konnte am Nachmittag nur der auf 3 Uhr anberaumte Festzug ohne Regen sich von . >l' der Alicestraße aus nach dem Oswaldsgarten bewegen- Selbstverständlich konnte bei diesem Festzuge nicht die Prachl entwickelt werden, wie bei dem am Sonntag stattgehabten, immerhin war die Zahl der Theilnehmer eine große. Das Reigenfahren des Radfahrvereins mußte infolge Erkrankung einiger Mitglieder eine Vereinfachung erfahren, fand aber trotzdem den Beifall des zahlreich anwesenden Publikums- Der gegen 4 Uhr sich einstellende Regen hielt bis in die Nacht hinein an, an dauernden Aufenthalt auf dem Festplatze war infolge dessen nicht mehr zu denken, immerhin war der Besuch noch ein reger, denn für die den Festplatz Verlassenden sand sich immer wieder Ersatz durch Neuankommende, die dem Wetter gern einmal trotzen wollten. Die Regimentsmusik that das Uebrige, um die Festbesucher zusammen zu halten und so waren namentlich die in der Nähe der Sängertribünen gelegenen Wirthschasten gut besetzt. Alles in Allem genommen,, können die Feststadt Gießen wie die Veranstalter und theil- nehmenden Vereine und wohl auch die Festwirthe mit dem Verlause des Festes zufrieden sein. Abgesehen von den zeitweilig eingetretenen Regenschauern, trat im Verlause des Festes keine Störung ein- alle Ausschüsse und alle Mitwirkenden hatten ihre Schuldigkeit gethan, um das Fest des Gesanges,, der Feststadt, der festgebenden und mitwirkenden Vereine würdig zur Ausführung zu bringen. Mögen künftige Feste in unseren Mauern dasselbe Entgegenkommen finden. — Anläßlich des Jubiläums der Buchdruckerkunst ist m Marburg eine Ausstellung alter Hessischer Druck- und Kunstwerke veranstaltet worden, die sonst nicht allgemein zugänglich sind. Herr Archivrath Könnecke in Marburg hat sich erboten, die Mitglieder des hiesigen historischen Vereins selbst durch diese Ausstellung zu geleiten, und so hat der Vorstand des Vereins beschlossen, am Donnerstag den 3. d. M., Mittags um 12 Uhr 54 Min., einen Ausflug nach Marburg zu veranlassen. Ein Inserat in der heutigen Nummer des Blattes ladet die Mitglieder des Vereins zu dieser sehr interessanten Ausstellungs-Besichtigung ein. Auch Gäste sind willkommen. — Der von der hiesigen Rudergesellschaft am vergangenen Sonntag durch ihren Sciffsahrer, Herrn Carl Krailing, auf der fünften Amateur-Ruder-Regatta zu Mainz errungene silberne Ehrenpreis ist in den Schaufenstern der Möbelfabrik des Herrn Wilhelm Reiber ausgestellt. — Gestern Abend gegen 11 Uhr verursachte ein hinter dem Fi eßer'schen Neubau in den Eichgärten aus- gebrochener Brand Sturmläuten und Allarmirung der Feuerwehr. Ueber ungelöschten Kalk gedecktes Stroh war in Brand gerathen. Das Feuer konnte aber so frühzeitig gelöscht werden, daß die Feuerwehr nicht auszurücken brauchte. Der Ausbruch des Feuers hatte eine allgemeine Flucht ber Besucher des Sängerfestplatzes zur Folge. -e- Lich, 30. Juki. Der hiesige Fußgendarm und Stationsführer Kern wurde zum unberittenen Wachtmeister und Sectionssührer in Grebenhain und zum Nachfolger Kerns (in hiesiger Stelle) der Fußgendarm Riebel von Lauterbach ernannt. Bad-Nauheim,29.Juni. DerGr obherzog und Prinzessin Victoria von Battenberg haben je 100 Mk. zum Baufonds des Curhospitals gegeben, dessen Räume erweitert werden sollen. Zugleich hat Prinzessin Victoria das Protectorat über das Curhospital übernommen. Bad-Nauheim, 29. Juni. In der vergangenen Woche trafen 396 neue Curgäste ein, im Ganzen nunmehr 3630. Eine erhebliche Anzahl von Fremden, welche ihre Cur beendet hatten, reifte in letzter Woche ab. Es wird viel über leerstehende Wohnungen geklagt. Auch die Geschäftsleute klagen über den schlechten Gang der Geschäfte in diesem Sommer. E. Friedberg, 30. Juni. Die Mitglieder des hiesigen Bezirks-Lehrervereins haben beschlossen, in Zukunft bei vorkommenden Trauerfällen, namentlich wenn vorausgesetzt werden darf, daß Blumenspenden reichlich eintreffen werden, keine Blumengebinde mehr zu spenden, sondern sich der vom Vereine ausgegebenen Karten zu bedienen, um ihr Beileid auszudrücken. dt Neu - Ulrichstein, 1. Juli. Monatsbericht pro Juni 1890 der Arbeiter - Colonie. Ende Juni 1890 sind in der Colonie stellen- resp, arbeitslos 59 Mann. Dieselben vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Hessen 20, .Regierungsbezirk Cassel 3, Regierungsbezirk Wiesbaden 1 , Provinz Brandenburg 2, Provinz Hannover 5, Provinz Sachsen 3, Provinz Rheinland 3, Provinz Posen 1, Provinz Schlesien 1, Provinz Westfalen 3, Provinz Ostpreußen 1. Königreich Bayern 4, Königreich Württemberg 1. Großherzogthum Baden 2, Großherzogthum Mecklenburg 1. Herzogthum Lauenburg 1. Thüringische Staaten 6. Kaiserthurn Oesterreich 1. Hiervon waren: Arbeiter 21, Bäcker 4, Brauer 2, Barbier 1, Bautechniker 1, Büchsenmacher 1, Conditor 1, Färber 3, Gärtner 1, Handschuhmacher 1, Kaufleute 4, Kaminfeger 1, Kellner 1, Maschinenschlosser 1, Metzger 1, Schirmmacher 1, Schlosser 1, Schneider 5, Schreiber 1, Schuhmacher 2, Stuhlmacher 1, Tischler 1, Tuchmacher 1, Tuchscherer 1, Zimmermann 1. Seit Bestehen der Colonie sind ausgenommen 1457. Abgegangen sind 1398. Im Juni sind entlassen 8 unfe zwar auf eigenen Wunsch 5, in die Familie zurück 2, in Arbeit durch eigenes Bemühen 1. Verpflegungstage im Juni 1890: 1633. Gearbeitet wurde an 1379 Tagen, hierunter 346 Tage für fremde Rechnung. Vermischtes. Darmstadt, 29. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben dem Steinhauer Peter Ehret V. in Wald-Michelbach in Anerkennung der von demselben am 24. Januar l. I. mit eigner Gefahr bewirkten Rettung des 4 Jahre alten Söhnchens des Maurers Christian Hering III. in Wald-Michelbach vom Tode des Ertrinkens eine Geldprämie zu verleihen geruht. Darmstadt, 30. Juni. Folgende Lehrerstellen sind erledigt: Die mit einem ev. Lehrer zu besetzende zweite Lehrerstckle an der Gemeindeschule zu Rimbach mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte von 900—1000 Mk. Dem Herrn Grafen zu Erbach-Schönberg steht das Präsen- tationsrecht zu dieser Stelle zu. Eine Lehrerstelle an der kath. Schule zu Hirschhorn mit einem Gehalte von 900 Mk. * Frankfurt, 29. Juni. Der Frankfurter Wahlverein hatte die Genossen der nationalliberalen Partei aus den benachbarten Städten auf heute Nachmittag zu einem Sommerfeste eingeladen und zahlreich waren dieselben von nah und fern der Einladung gefolgt. Der große Park der Günthersburg im Nordende der Stadt, einst das Besitz- thum des Frhrn. v. Rothschild, war zu einem Festplatze umgewandelt worden, auf welchem sich nun ein Volksfest im besten Sinne des Wortes entwickelte. Unter den nach Tausenden zählenden Theilnehmern erblickte man mehrere hessische Abgeordnete, die Vertreter Frankfurts im Landtage und zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten der Stadt und Nachbarschaft. Eine Reihe gediegener und zündender Ansprachen versetzte und erhielt die Anwesenden in gehobener Stimmung, welche auch einige kurze Regenschauer nicht zu trüben vermochten. Zunächst gedachte der Vorsitzende des Frankfurter Wahlvereins Dr. Fester des jugendlichen Hüters des Reiches, des Schirmers des Friedckis und Beschützers der Armen, unseres Kaisers,- dann brachte Professor Dr. Grimm (Wiesbaden) ein Hoch auf das Vaterland und Abg. Dr. Osann (Darmstadt) ein Hoch auf das deutsche Heer aus. Classisch nach Form und Inhalt war die Ansprache von Professor Dr. Oncken (Gießen), welcher die Beziehungen des Fürsten Bismarck zur nationalliberalen Partei beleuchtete: „Dik Mitarbeit an dem Werke des Fürsten Bismarck", sagte er/ „ist unser Verbrechen gewesen in den Augen der Sieger vom 20. Februar - aber sie ist unser Verdienst vor dem Richterstuhle der Geschichte. Diese Arbeit muß gethan werden, wenn das Reich nicht zu Grunde gehen soll, die Politik unserer Partei muß fortgesetzt werden, wenn nicht durch uns, dann durch Andere, und diese mögen sich ein Beispiel nehmen an der Selbstlosigkeit der nationalliberalen Partei." Rechtsanwalt Dr. Oswalt von hier feierte den neuen Finanzministssr Dr. Miquel, den die nationalliberale Partei verliere, weil er als Minister mit Recht keine Parteipolitik mehr treiben wolle; aber er bleibt der Unserige und wir wollen die ©einigen bleiben. Abg. v. Hergenhahn (Frankfurt) "gedachte der Jugend, welche in unserem Kaiser ein leuchtendes Vorbild habe, und der letzte Trinkspruch galt den Frauen und Jungfrauen, die sich ebenfalls in großer Zahl eingefunden hatten. Im Anschluß an Professor Onckens Rede wurde folgendes Telegramm an den Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh gesandt: „Angehörige der nationalliberalen Partei, die sich in großer Zahl aus Mittel- und Süddeutschland in der Stadt des Frankfurter Friedens zusammengefunden haben, gedenken in Dankbarkeit des Mannes, welcher Deutschland zur Einheit, Größe und zum Frieden geführt hat." „Köln. Ztg." ilnitxrfitofs - Bonn. 27. Juni. Der Oberlehrer am Lyceum zu Straßburg, Professor Dr. Hermann Lorberg, ist zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Facultät hiesiger Universität «rnannt worden. verkehr, Land» unö volkswirthschaft. Gießen, 1. Juli. (Marktbericht). Auf dem heurigen Wochenmartt kostete: Butter pr. Pfd. ,* 0,80—0,90, Hühnereier 1 St. 5-6, 2 St. — H, Enteneier 1 St. 6— H, 2 St. — H, Käse pr- St. 5—7 Ä, Käsematte pr. St. 3 Erbsen pr. Liter 17 4» Linsen pr. Liter 28 H, Tauben pr. Paar X 0,60—0,90, Hühner pr. Stück X 0,90—1.30, Hahnen pr. St. X 0,70—1,20, Enten pr. Stück X 1,50—1,80, Ochsenfleisch pr. Pfd. 68—72 H, Kuh- und Rindfleisch 60—62 H, Schweinefleisch 60-70 H, Hammelfleisch 56—68 H, Kalbfleisch 52—60 H, Kartoffeln pr. 100 Kilo X 5,00—5,50, Weißkraut pr St. 6—8 Zwiebeln per Centner X 12,00—00,00, Milch per Liter 12—18 L, Ärschen per Pfd. 25 H Grünberg, 28. Juni. (Fruchtpreise). Weizen X — —, Korn X 19.20, Gerste X —.—, Hafer X 18.—, Erbsen X 19.—, Linsen ——, Lein — —, Wicken —, Samen —, Kartoffeln 4.50. Herborn (an der Köln-Greßener Eisenbahn), 30. Juni. Auf den heutigen hiesigen Markt wurden gebracht: 492 Ochsen, Kühe und Rinder, und 767 Schweine. Der nächste Markt ist am 24. Juli l. I. — Der Norddeutsche Lloyd erläßt an seine Agenten das folgende Eirculair, dessen Inhalt auch jeder andere Reisende, welcher Hannover berührt, beherzigen dürste: „Auswanderer, die über Hannover reisen, sind zu warnen, sich während des Aufenthaltes, den sie auf dem dortigen Bahnhof haben, von irgend Jemand verleiten zu lassen, mit in die Stadt zu gehen und ganz besonders sich auf irgend welches Kartenspiel einzulassen. Es sind in Hannover in letzter Zeit wiederholt eine größere Anzahl Auswanderer von Bauernfängern arg mit- genommen worden. Bremen, 28. Juni 1890. Norddeutscher Lloyd." — Arbeiterwohnungen. Der Verein Concordia (zur Förderung des Wohles der Arbeiter) in Mainz hat für die von ihm herausgegebene 74 Blätter umfassende Sammlung bewährter Arbeiter- wohnungsscizzen nach der ihm seither von höchsten Stellen zu Theil gewordenen Anerkennung (u. A. von Seiner Majestät dem deutschen Kaiser, Ihrer Majestät der Königin Olga von Württemberg, Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin von Baden, dem Königlich Preußischen Minister für Handel und Gewerbe u. s. w.) neuerdings auf der in Köln stattgehabten Ausstellung die höchste Auszeichnung erhalten. Es wurde ihm bei dieser Ausstellung („Wettstreit zur Verbesserung der Lage der Arbeiter in Köln 1890) das Ehr en- diplom der goldenen Medaille verliehen. Die Sammlung, welche zum Selbstkostenpreis von 22,72 Mk. abgegeben wird, versendet der Vorstand des genannten Vereins in Mainz franco. London, 9. Juni. Soeben wird ein großer Triumph des so häufig angegriffenen Pcoductes „Saccharin" bekannt. Rach eingehenden Versuchen hat eine aus den hervorragendsten medicinischen Autoritäten des ganzen Reiches zusammengesetzte Commission die Aufnahme des „Saccharin" in die „British Pharmacopoea" beschlossen, in welches es nunmehr als osfictnell aufgeführt wird; damit sind, wenigstens in Großbritannien, die französischen Berichte endgtltig l zurückgewiesen worden. — Aufbewahrung und Verbrauch des Fleisches im Sommer. (Nachdruck verboten.) Die Art der Aufbewahrung des Fleisches ist durchaus nicht gleichgültig für die Brauchbarkeit desselben, namentlich im Sommer kann dasselbe durch eine unachtsame Aufbewahrung ungedeilich, ja gesundheitsgefährltch werden, indem es einen geeigneten Nährboden für Pilzwucherungen abgeben kann, durch welche geradezu giftige Stoffe erzeugt werden. Namentlich bei Würsten, Hackfleisch, aber auch bet gekochtem und frischem roden Fletsch ist die Entstehung des Giftes beobachtet, und Manchem bat dasselbe das Leben gekostet. Da besonders eine hohe Temperatur und Feuchtigkeit an der Oberfläche des Fleisches der schnellen Entwickelung der Pilze günstig ist, so ist namentlich Gewicht auf einen kühlen Aufbewahrungsort zu legen und darauf zu achten, daß die Fleischstücke so hingebangt werden, daß sie von allen Setten mit der Lust, welche sie oberflächlich antrocknet, in Berührung kommen. Auf Beschaffung möglichst trockener Luft ist zu achten, daher alle Gegenstände trocken zu halten und wenn möglich, keine Wasser verdunstenden Flüssigkeiten mit in den Aufbewahrungsort zu setzen. Das Zusammenpacken von frischen sowohl wie gekochten Fleischstücken ist verwerflich. Hackfleisch, welches schon der großen Oberfläche halber den Pilzen am meisten Angriffsfläche bietet, ist am allergefährlichsten und sollte im Sommer nur unmittelbar vor dem Verbrauch hergestellt werden. Gummi- JParis. Feinste Specialitäten. ZoHfr. Versandt dusch W. H. Mielck, Frankfurt a. M. Außführl. Special-Preisliste gegen 20 Pfg. Portoauslage. 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Amtliche Prüfung der Lichtstärke des Leuchtgases. Vorschriftsmäßige Lichtstärke bei 150 Liter stündlichem Gasverbrauch 13 bis 15 deutsche Vereins-Parasfinkerzen. Monat Juni 1890: 14i/2 Kerzen. Buchner. Temperatur der Lahn und der Lust am 1. Juli, Vormittags zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 15, Lust 121/2 Gr. Rüb s amen. Bekanntmachung. Montag den 7. Jrrli, Nachmittags 1 Uhr anfangend, sollen im Bettenhäuser Markwald, District Vorderwald, versteigert werden: 1) circa 8 Festm. Eichen-Grubenholz, 2) „15 „ langes Hainbuchenholz. Zusammenkunft im Ort. Bettenhausen, 30. Juni 1890. Großh. Bürgermeisterei Bettenhausen. Rücket. 5522 Mittwoch, 2. Zuli l I., Nachmittags 2 Uhr, werden im „Adler" gegen Baarzahlung verst.igert: verschiedene Möbel, 1 Spiegelschrank, 1 Tafelklavier, 1 Nähmaschine, 3 Wagen, 1 Pferd, 1 Stoßkarren u. a. Geißler, 5537________Großh. Gerichtsvollzieher. Mittwoch den 2. 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