Nr. 101 1890. Freitag den 2. Mai Gießener Anzeiger Kenerat-Wnzeiger Amts- und Anzeigeblutt für den Alreis Gieren ] ^rälisöeikage: chießener Kamitienökätter Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr. Ncdaction, Expediti» und Druckerei: KchutßrntzeWr.7. Fernsprecher 51. Vierteljähriger Monnemcntspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringertvhn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pf,. Die Gießener Aamikien ßtaller werden dem Anzeiger w-chenttich drrimal beigelegt. Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS. Alle Annoncen-Dureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. .»>>>'........ Amtlichem Tbeil. Gießen, am 30. April 1890. Betr.: Verminderung der rabenartigen Mgel und der Eichhörnchen. Das Croßhcrzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeiftcreien des Kreises. Da nach den bei uns eingegangenen Schreiben der Gr. Obersörstereien anzunehmen ist, daß in den meisten Gemarkungen die Jagdpächter unserer Aufforderung zum Abschuß der rabenartigen Vögel und Eichhörnchen nicht in genügender Weise nachgekommen sind, weisen wir Sie hierdurch an, die Forst- oder Feldschützen mit dem Abschuß jener Thiere zu beauftragen- Die gegenwärtige Zeit ist zum Wegschießen der brütenden Raben, Häher u. s. w. besonders geeignet. Die entstehenden Kosten sind auf die Gemeindekasse zu übernehmen und können, soweit es sich um das Schießen in den Waldungen handelt, wenn die Großh. Oberförsterei hiermit einverstanden ist, aus den sür Waldculturarbeiten vorgesehenen Betrag angewiesen werden. Unsere Verfügung vom 23. l. M. — Kreisblatt Nr. 95 —, durch welche das Ausnehmen der Nester von Raben rc. angeordnet wurde, bleibt neben gegenwärtiger Verfügung bestehen. Sollte in einzelnen Gemarkungen, etwa well die Jagdpächter den Abschuß schon genügend besorgt haben oder well die Großh. Oberförsterei denselben nicht sür erforderlich hält, vom ferneren Wegschießen abgesehen werden, so ist uns von dieser Absicht besondere Nachricht zu geben, damit wir die Berechtigung prüfen können. v. Gagern. Bekanntmachung. die Erhebung von Umlagen der Stadt Gießen betreffend. Mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz sollen für 1890/91 von der Stadt Gießen folgende Umlagen erhoben werden: a. Auf das gejammte Communalsteuereapital der Ortseinwohner und Forensen 312 632 b. Auf das Steuercapital der evangelischen Gemeindeangehörigen 11 000 c. Parzellenvermessungskosten 237 wobei sich der Beitrag auf 1 Normalsteuercapital berechnet für den Ausschlag a. auf 25,500 „ „ „ b. „ 1,164 „ „ ,, ,, c. ,, 0,069 ,, An allgemeiner evangelischer Kirchensteuer werden von den Angehörigen der evangelischen Kirche pro 1 «X Steuerkapital 1,6 H erhoben. Es wird dies mit deut Anfügen zur öffentlichen Kennt- niß gebracht, daß die Erhebung der Umlagen in sechs Zielen, und zwar in den Monaten April, Juni, August, October, December 1890 und Februar 1891 erfolgen soll. Gleichzeitig wird bemerkt, daß die Publication der vorstehenden Tabelle im Großh. Regierungsblatt vom 28. l. M. erfolgt ist, und daß von diesem Tage an die Frist zum Vorbringen von Reclamationen abläuft, welche gegen die Erhebung der Umlagen überhaupt gerichtet sind. Gießen, den 30. April 1890. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Deutsches Reich. nn. Darmstadt, 30. April. Gestern Mittag traf die Fürstin Hohenlohe-Schillingssürst, Gemahlin des Statthalters von Elsaß - Lothringen, mit dem Blitzzuge 1 Uhr 20 Min. dahier ein, um der Königin von England ihren Besuch zu machen. Um 5 Uhr 20 Min. trat dieselbe die Rückreise nach Straßburg an. Um 10 Uhr 15 Min. Abds. trat die Königin von England ihre Rückreise nach England an. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, der Erb- großherzog, die Prinzessinnen, sowie die Prinzen Heinrich und Wilhelm von Hessen begleiteten die Königin zur Bahn, woselbst dieselbe herzlichst Abschied nahm. Nachdem der Großherzog die Königin am Arm selbst in den Salonwagen geleitet hatte, setzte sich unter den Hochrufen des zahlreich versammelten Publikums, worunter viele Mitglieder der englischen Colonie, der Separatzug um 10 Uhr 15 Min. in der Richtung nach Mainz in Bewegung. Ihre Majestät die Königin, sowie die Prinzessin Beatrice standen nm Fenster und winkten der Großherzogl. Familie herzliche Abschiedsgrüße zu. nn. Darmstadt, 30. April. Zweite Kammer der! Stände. Zur Verhandlung steht heute die Nebenbahn von | Oberroden nach Dreieichenhain und von da mittelst Verzweigung einerseits über Langen nach der Station der Main- Neckarbahn daselbst, andererseits über Sprendlingen bis zur Landesgrenze bei Neu-Isenburg. Abgg. Kugler, Haas und Weber sprechen sich sür die Fortsührung der Bahn von Langen bis nach Offenbach aus, indem sämmtliche Redner hervorheben, daß diese Bahn sür die Industrie Offenbachs von außerordentlichem Werthe sei und so ziemlich der ganze westliche Bezirk sür den Bezug von Arbeitskräften verloren ginge, falls die Kammer die Bahn nicht genehmige. Welches Interesse Offenbach an der Bahn habe, beweise der Stadtverordneten-Beschluß, wonach die Stadt auf 5 event. 10 Jahre den Betrag von 4000 Mk. zur Verzinsung des Anlage-Capitals der Regierung zur Verfügung stelle, ebenso sei die Bezirkssparkasse Langen bereit, einen Garanriesond zu übernehmen. - 1 Abg. Bergstr äßer- wünscht, daß man auch das Interesse von Darmstadt berücksichtigen müsse, welches gleichen Anspruch erhebe bei der Projecürung wie Offenbach. Derselbe spricht sich für die Regierungsvorlage in Verbindung mit dem Ausschußantrag aus. Oberbaurath Wetz hält an der Regierungsvorlage fest, indem er hervorhebt, daß jede Aenderung der Regierungsvorlage neue Geldopfer bedinge. Für den Antrag des Ausschusses sprechen noch die Abgg. Metz- Darmstadt, Theobald. Abgg. Kugler und Ulrich stellen das Ersuchen, bei Dietzenbach eine Haltestelle zu errichten. Nach erfolgter Abstimmung beschließt das Haus unter Ablehnung der Regierungsvorlage einstimmig den Bau der Lahn pon Oberroden über -Dreieichenhain, Sprendlingen, Xeu-Jsendurg nach Offenbach mit Abzweigung von Dreieichenhain nach Langen und der Station Langen der Main- Neckarbahn. Ein Antrag der Abgg. Weber und Kugler, eine Haltestelle zwischen Dietzenbach etwa in Erwägung zu ziehen, wird mit 24 gegen 15 Stimmen angenommen. Ein Antrag Haas und Genossen, der Vorlage hinzu- zusügen „von Sprendlingen nach Langen" ohne Zinsengarantie wird gegen 13 Stimmen abgelehnt. Ebenso wird eine fünfjährige Zinsengarantie gegen 10 Stimmen abgelehnt, dagegen der Bau der Linie von Sprendlingen nach Langen unter Zugrundelegung einer zehnjährigen Zinsen-Garantie mit 31 gegen 9 Stimmen gutgeheißen. Ein Antrag Jöst und Ulrich „Einfügung der Strecke vonHeusenstammnachDietzenbach-Dreieichenhain" wird ebenfalls gegen 13 Stimmen abgelehnt. Hierauf tritt die Kammer in die Berathung der Regierungsvorlage wegen Erbauung einer Nebenbahn von Lorsch über Heppenheim nach Fürth. Diese Bahnlinie ist vom Ausschuß nicht berücksichtigt worden. Dem gegenüber beantragt der Ausschuß, die Bahnlinien Heppenheim-Fürth einschließlich einer Abzweigung etwa von Fürth oder einer Zwischenstation der Bahnlinie Fürth-Weinheim nach Waldmichelbach einer weiteren Prüfung zu unterziehen und den Ständen so rasch als möglich eine weitere Vorlage von dem in Frage stehenden Theile des Odenwaldes zugehen zu lassen. Abg. Osann spricht sich für die Bahn Fürth-Weinheim aus, weil im Odenwald noch eine Menge Schätze nicht nur an Holz, sondern auch an Gestein aufzuschließen seien. Durch die Erschließung des Odenwaldes werde die Industrie daselbst gefördert und werde einer besseren Zukunft entgegen gehen. Wegen vorgerückter Zeit wird die Sitzung abgebrochen, um heute Mittag um 4 Uhr fortgesetzt zu werden. Neueste Nachrichten. Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau. Eisenach, 30. April. Se. Majestät der Kaiser ist von dem zweiten Jagdausflug heute früh zurückgekehrt. Aller- höchstderselbe erlegte zwei stattliche Auerhähne. Wiesbaden, 30. April. Die Kaiserin von Oesterreich ist heute Mittag nach beendeter Cur mit der Erzherzogin Valerie nach Wien zurückgereist. Dresden, 30. April. Morgen findet in Loschwitz eine Vereinigung hiesiger Arbeiter statt; auf den Vormittag sind mehrere große Arbeiterversammlungen angesetzt. Das Militär wird in den Kasernen consignirt. Chemnitz, 30. April. Der Verein der Fabrikanten in Reichenbach, Mylau, Netzschkau und Umgegend beschloß, Arbeiter, welche am 1. Mai die Arbeit nicht antreten oder dieselbe vorzeitig verlassen, bis zum 12. Mai nicht wieder einzustellen, auch in der Zeit vom 1. bis 11. Mai incl. keine neuen Arbeiter anzunehmen. In einer mechanischen Weberei in Netzschkau ist die Arbeiterschaft seit gestern ausständig. München, 30. April. Im Finanzausschüsse der Kammer der Abgeordneten wurde seitens der Centrumspartei erklärt, daß die Partei im Hinblick aus die Rede des Prinzen Ludwig im ReichSrathe, und in der Hoffnung, daß die wahre Kunst gepflegt werde, für Kunstankäufe statt der bewilligten 60000 Mark nunmehr 100000 Mark bewilligen wolle, ohne jedoch dadurch eine Verpflichtung sür die Zukunft einzugehen; außerdem wurde auch die Errichtung einer weiteren Kunstprosessur an der Münchener Akademie genehmigt. Der Minister Freiherr von Crailsheim dankte und erkannte an, daß in der Bewilligung keine Präjudiz liege. Damit sind auch die letzten Etatsdifferenzen ausgeglichen. Wien, 30. April. Wie das „K. K. Telegr.-Corresp.- Bureau" aus Frankstadt meldet, kam es gestern dort zu ernsten Ausschreitungen. Ein Trupp Arbeiter konnte nur mit Mühe vom Stürmen des Bezirksgerichtes abgehalten werden. Die Fabrik Bumbalar wurde demolirt; die Waaren- vorräthe zerstört. Das eingerückte Militär stellte die Ruhe her und bewahrte andere Fabriken vor Schaden. Paris, 30. Avril. Heute Vormittag wurden weitere Verhaftungen von Anarchisten vorgenommen. — Der Kammerpräsidert Floquet gab Befehl, daß morgen alle Petitionen auf der Ouästur der Kammer entgegengenommen würden, jedoch nur von Deputationen, die aus nicht mehr als 5 Mitgliedern bestehen. Floquet wird keine Abordnung empfangen, die aus einer Ansammlung aus öffentlicher Straße gebildet ist. Außer der in Paris con- signirten Garnison stehen 8 Cavallerieregimenter zur Verfügung des Gouverneurs. Der Verkehr wird auf allen Punkten ungehindert fein; Ansammlungen dürfen jedoch nicht stattfinden. — Das Transportschiff „Duranc e" verläßt in vierzehn Tagen Rochefort, um der Garnison in Kotonu und Portonoro Verproviantirung und Munition zu überbringen Paris, 30. April. In militärischen Kreisen sieht man den morgigen Ereignissen völlig ruhig entgegen, da die getroffenen Maßregeln allen Eventualitäten genügen. Die Regierungskreise hegen jetzt gleichfalls eine beruhigtere Auffassung - trotz der heute fortgesetzten Verhaftungen befinden sich zwar immer noch einige anarchistische Führer auf freiem Fuß, und ist man deßhalb aus Zwischenfälle gefaßt, indessen bestehen doch keine Besorgnisse. London, 30. April. Durch Erlaß des Central-Polizei- bureaus wird für morgen jeder öffentliche Umzug hierselbst untersagt, sofern er nicht vom Victoria-Embankment und den Themse-Quais aus den Weg nach dem Hydepark nimmt. Die Arbeiter hatten beabsichtigt, sich vom Ostviertel und dem Bezirk Clerkenwall aus in öffentlichen Auszügen nach dem Hydepark zu begeben. — Eine Massenkundgebung soll in Chatum stattfinden, wobei Sir John Gorst über die Berliner Conferenz sprechen wird. Rom, 30. April. Die „Agencia Stefani" meldet aus Aden vom 29. April. Bei der Rückfahrt der „Volta" von Zanzibar lies ein kleines Boot derselben an einer den Europäern bisher nicht offenen Küstenortschast an. Die Eingeborenen tödteten einen Offizier und verwundeten einen Matrosen. Die übrige Mannschaft schlug den Angriff zurück, tödrete mehrere Angreifer und gelaugte an Bord zurück. Zanzibar, 30. April. Der Reichscommissar Major W i ß m a n n hat heute Bagamoyo mit einer zahlreichen Truppe verlassen, um Kilwa zu unterwerfen. Berlin, 1. Mai. Die Stadt ist ruhig und bietet das gewöhnliche Bild. Ludwig Löwes Fabrik ist vollständig in Betrieb, nur etwa 50 Arbeiter sind ausständig - eine nicht besonders zahlreich besuchte Morgenversammlung feiernder Arbeiter wurde leicht durch einen Schutzmann zerstreut. In der Frister u. Roßmann'schen Nähmaschinenfabrik arbeitet alles bis auf fünf Manu. Ein große Anzahl Feiernder begab sich Morgens nach dem Grünewald und anderen Ausflugsorten in der Nähe Berlins. Aus den Vorstädten werden bisher keinerlei Unruhen gemeldet. totales und ^provinzielles. Gießen, 1. Mai. — Zum Besten des Kinder-Rettungshauses Johannesstift bei Metz wird in diesen Tagen in unserer Gegend eine Hauscollecte stattfinden. Wohl kaum ein anderes Wohlthätig- keitswerk kann so warm und dringend den Gebern ans Herz, gelegt werden, wie die Unterstützung dieses Werkes edelster Menschenliebe, bei dem es sich um die Fürsorge für eine große Anzahl in Metz verwahrloster und verkommener, weil ost verlassener Kinder handelt. Es bietet sich hier eine schöne Gelegenheit, mitzuarbeiten und mitzuhelfen an einem edlen Liebeswerk. Möge der Einsammler der Hauscollecte viele fröhliche Geber finden! v — Die Badeanstalten an der Lahn sind nunmehr wieder ausgeschlagen und dem Publikum zur Benutzung geöffnet. Der heutige Temperaturbericht aus der Rübsamen'schen Badeanstalt lautet: „Lust 14, Wasser 9*/2 Gr." — Wer wagt's? — Der Hausbursche eines hiesigen Restaurants wurde gestern verhaftet, weil er dem Kellner den Kleiderschrank erbrach und daraus 2.50 Mk. entwendete. -e-. Muschenheim, 30. April. Gestern Nachmittag ertrank in der Wetter — unweit der Mühle des H. Sch. I. — das 4jährige Kind des I. Harrens. Heute Morgen wurde die Leiche hinter der gen. Mühle aufgesunden. Lauterbach, 28. April. Der hiesige Anzeiger berichtet: Große Freude hat im ganzen Kreise die Nachricht von der Genehmigung der Bahn Lauterbach-Gedern durch die zweite Ständekammer hervorgerufen. Wir sind der Großh. Staatsregierung für die warme Vertretung der Interessen des östlichen Vogelsbergs, der Majorität der Kammer für ihre trotz der ablehnenden Haltung des Ausschusses so wohlwollende Aufnahme der Vorlage, und den beiden Abgeordneten unseres Kreises für ihre besondere Fürsprache zu großem Danke verpflichtet, wir wollen übrigens auch nicht der großen Verdienste vergessen, die sich der inzwischen von uns geschiedene Herr Amtmann Braun durch seine energische und eifrige Agitation, sowie durch seine unermüdliche Thätigkeit im Sammeln von Material für diese unsere Angelegenheit erworben hat. Hoffentlich wird demnächst die erste Ständekammer dem Beschlüsse der zweiten Kammer beitreten, dann aber gilts für diejenigen betheiligten Gemeinden, welche bis jetzt ihre Bereitwilligkeit zu denjenigen Opfern, welche das Nebenbahngesetz von ihnen verlangt, noch nicht erklärt haben, dieses zu thun, da nur unter dieser Voraussetzung die erforderliche Staatshülfe zur Ausführung des Projects geleistet wird. Schon die in dieser Beziehung noch nöthigen Verhandlungen werden es nicht möglich machen, daß die Bahn schon in kürzester Frist in Angriff genommen wird- außerdem liegen aber bekanntlich eine ganze Reihe von Neben- bahnprojecten vor, und da zu erwarten ist, daß die kleineren Linien zuerst gebaut werden, so werden wir uns immer noch mit einiger Geduld wappnen müssen, bis wir unsere erste Fahrt nach Gedern machen. Alsfeld, 29. April. Zur Warnung vor ähnlicher Unvorsichtigkeit theilen wir noch folgenden Fall mit, der sich in Grünberg am verflossenen Sonntag ereignet hat. Dort kreuzen sich Morgens die beiden Frühzüge kurz vor ?V2 Uhr. Der eine Zug war bereits angelangt und der andere schon in Sicht, als eine in einem Bahnwagen sitzende Frau eine ältere herbeiwinkt, die unachtsamerweise noch das Geleise betritt, auf welchem der andere Zug heranbraust. Schnell entschlossen schleudert der Schaffner die Frau über das Bahngeleise zurück, die andernfalls vom Zuge sicherlich erfaßt und zer- malmt worden wäre. Alsf. Anz. Antisemit —Antichrist. Was heißt das: Antisemit? Antisemit heißt: Gegner des Semiten, Gegner des Semitenthums, Gegner des semitischen Geistes. Fragen wir, was ist das für ein Geist, der semitische Geist? Der semitische Geist ist der Geist, der die Welt erobert hat, der Geist, welcher der Welt die Einheit Gottes und das Gebot Gottes: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" verkündete- es ist der Geist )es großen Lehrers Moses, der die 10 Gebote vom Sinai brachte- es ist der Geist, der den Josua Kriegs- heldenthaten verrichten ließ- es ist der Geist Samuels, mit dem er Prophetenschulen gründete- es ist der Geist, der dem König David die herrlichen Psalmen eingab und so die Menschen beten lehrte- es ist der Geist, aus dem König Salomo die vortrefflichen Sittensprüche, dasLied derLieder und denphilo- sophischen Kohelet schuf- es ist der Geist, der den Jesaias, Jeremias und Ezechiel und die anderen Gottesmänner der Schrift zu Propheten bildete- es ist der Geist, der den Hiob dichtete- es ist der Geist des alten Hillel, der einem Heiden, welcher in spöttischer Weise zu ihm sagte, er wolle Jude werden, wenn er ihm die jüdische Religion lehren könne, so lange er auf Einem Beine stehe, sanftmüthig erwiderte: Das kann ich, mein Sohn, „Liebe „Deinen Nächsten wie Dich selbst und was Du „nicht willst, das man Dir thue, thue auch „einem Anderen nicht. Das ist die Grundlehre „des Judenthums, alles Andere ist nur die Erklärung davon"- es ist der Geist, der die Makkabäer trieb, das Joch der syrischen Könige von sich abzuschütteln, der Geist, der die Bewohner Jerusalems zu heldenmäßigem Widerstande gegen die weltbesiegenden Römer befähigte- es ist der Geist, der den erhabenen Stifter des Christenthums erfüllte, der Geist, der seine Apostel beseelte, der Geist, der die Evangelien schrieb- es ist der Geist, der die ersten Juden-Christen als Märtyrer ihren Glauben mit dem Tode besiegeln ließ- es ist der Geist, der die ganze Christenheit, die Kirchen, dieSchulen unddieHäuserderChristen 1 durchweht- es ist der Geist, der dem Judenthum die Kraft verlieh, anderthalb Jahrtausende hindurch die ärgsten Be- i drückungen, die gräulichsten Verfolgungen zu erdulden- es ist der Geist, der den heutigen Juden Kraft und Muth gibt zum Ertragen alles Leides, das man ihnen zufügt- es ist der Geist, der ihnen zu allen Zeiten hervorragende Eigenschaften und Tugenden ins Herz pflanzet, gegen welche die Schwächen, die ihnen anhasten, verschwinden- es ist schließlich der Geist der erhabensten, bedeutendsten Männer- und Frauengestalten, von welchen die Weltgeschichte erzählt. Das ist semitischer Geist. Wer gegen diesen Geist ankämpft und die Juden, weil Semiten, haßt und verfolgt, der ist Antisemit, zugleich aber, was schlimmer i st — Antichrist. Schreiber dieses kennt das Evangelium und die Sittenlehre des Christenthums so gut und vielleicht besser, als viele, die sich Antisemiten nennen - er weiß, daß Haß, Mißachtung, Verfolgung, Lieblosigkeit und Kränkung, wie sie in dem Antisemitismus zu Tage treten, schnurstracks dem Geiste des Christenthums widersprechen - er weiß, daß ein wahrer Christ d, h. wer nicht blos äußerer Bekenner, sondern wirklicher Bethätiger des Christenglaubens und treuer Befolger seines Lehren ist, daß der keinen Menschen hassen, noch verfolgen- noch ihm Böses zufügen oder gönnen darf, am Wenigstenden Juden, deren semitischem Stamm und Geist er das Höchste verdankt, was dem Menschenleben Werth verleihet — seine Religion. Weg also mit dem Antisemitismus! Aniisemitenihurn ist Alltichristenthnm. Antisemit sein, heißt Gegner -es Christenthums sein. Gießen, im Mai 1890. Rabbiner Dr. Levi. vermischte-. * Darmstadt, 30. April. Seine Königliche Hoheit der Großheftog hat im Laufe des ersten Quartals dieses Jahres an Sri ft un gen und Schenkungen 44,808,46 Mk. genehmigt. Wie fast immer fiel der katholischen Kirche der Hauptatitheil zu, welche allein 22,358.74 Mk. erhielt. Auf die evangelische Kirche entfallen nur 4400 Mk., auf Com- munalverwaltungen, Wohlthätigkeits- und Erziehungsanstalten 15,545.72 Mk. *△ Mainz, 30. April. Die Hessische Ludwigsbahn hat vor Kurzem eingehende Berechnungen machen lassen, wie sich im Falle der Einführung des Perror'schcn Zonentarifs die Einnahmen dieser Bahn stellen würden. Das Resultat auf Grundlage des letztjährigen Personentarifs war nun, daß die Ludwigsbahn für die nur ihre Strecken durch- passirenden Personen gar keine Einnahme erhielt und in dem ' inneren Personenverkehr eine Mindereinnahme von 1,600,000 Mk. im Jahr erleiden würde. Daß bei einer solchen bedeutenden Verringerung der Einnahmen die Verwaltung der- Ludwigsbahn keine besondere Lust hat, den Perrot'schen Taris einzuführen, kann man derselben kaum verargen. * Frankfurt a. M., 30. April. Der zweite Pferdemarkt verlief in recht befriedigender Weise, namentlich wird das Geschäft in Arbeitspferden und Pferden von schwerem Schlage als ein gutes bezeichnet, während dasjenige in Reit- und Wagenpferden etwas zu wünschen übrig ließ. Für das beste Reitpferd wurde ein Preis von 4500 Mk. erzielt und für ein Paar kräftige Wagenpferde wurden 5800 Mk. bezahlt. Für Baden und Elsaß, sowie für Bayern und Frankreich wurden namentlich durch Händler viel verkauft, bezw. auch umgetauscht. * Frankfurt, 30. April. Rekrutirung. Gestern Morgen wurde ein mit Gefangenen besetzter Wagen vom Gefäugniß in Preungesheim zur Rekrutirung in das hiesige Leinwandhaus gefahren. Mehrere reitende Gensdarmen und Schutzleute bildeten die Escorte. * Frankfurt, 29. April. Gestern fand unter großem Andrang des Publikums der Verkaus der beim Brand der , Herrschen Schuhfabrik durch Wasser beschädigten Schuhwaaren statt. Der Andrang war ein so großer, daß schon vor Beginn des Verkauses die Thüre zu dem Verkaufslokal eingedrückt war und die Polizei aufgeboten werden mußte, um Ordnung zu schaffen. Damensti'escl kosteten per Paar, einerlei aus welcher Ledersorte, 3 Mark. Schrsssnachrtchten. Bremen, 29. April. Mr transatlantischen Telegraph.) Der Schnelldampfer Elbe, Capt. C. Thalcnborst, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 19. April von Bremen und am 21. April von Southampton abgegangen war, ist heute 6 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen. verkehr, Canö* rrird volk-rvirthschaft. Limburg, 30 April. (Fruchtmarkt). Rother Weizen 17.40, weißer Weizen JL 17.30, Korn JL 13 85, Gerste JL 12.55, Saat- Gerste JL 13.—, Hafer JL 845, Erbsen »AL 00.00, Kartoffeln JL 0.00. Amtliche^rüsung Ser Lichtstarke des Leuchtgases April 1890: 19 Kerzen. Buchner. Gottesdienst der israelitischen ReligionsgeseUschaft. Freitag Abend 700 Uhr, Samstag Vormittag 800 Uhr, Samstag Nachmittag 4oo Uhr, Samstag Abend 8« Uhr. Bekanntmachung 3970 3947 Gr. Gerichtsvollzieher. 3960 Gr. Gerichtsvollzieher. 3941 3961] Eine Kaute Mist zu verkaufen. Große Mühlgasse 14. 3946 Das Hebregister über die Umlagen der Stadt Gießen pro 1890/91 liegt acht Tage lang auf unserem Bureau zur Einsicht eines jeden Be- theiligten offen. Es wird dies mit dem Bemerken zur öffentlichen Kennt- niß gebracht, daß Beschwerden gegen die im Register enthaltenen Ansätze binnen der ersten vier Wochen nach Ablauf der Offenlegungsfrist entweder schriftlich oder mündlich zu Protokoll bei Großh. Kreisamt Gießen vorgebracht werden muffen, und daß spater vorgebrachte Beschwerden keine Berücksichtigung finden können. Gießen, 1. Mai 1890. Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. G n a u t h. Holzversteigerung in der Zreiherrlichen ® tut finiter« Rabenau., Letzte Holzversteigerung in der Zreiherrlichen «berfirslerci Rabrnan. Er werden versteigert: Donnerstag den 8. Mai 1890 aus den Districten Steinberg (Forstwartei Sonboif), Steinberg, Horingstuch, Rangen, Horner und Noll (Forlwartei Odendausen): Stämme: Eiche 29 Stück = 12,02 fin, Nadelholz 8 Stuck = 4,28 fm. Derbstangen: Nadelholz 25 Stück — 1,04 fm. Scheiter: Buchs 243, Eiche 49, Nadelholz 104. Knüppel: Buche 109, Eiche 18 I. Kl., 34 II. Kl., Nadelholz 95 1. Kl., 94 II. Rl„ Arpe 29. Reisig: H uche 577, Eiche 94, Nadelholz 296, Aspe 6o. Stocke: Buche 33 I. Kl., 10 II. Kl., Eiche 25 Nadelholz: 82 I. Kl., 64 II. Kl. Zusammenkunft Vormittags 9 Uhr auf der Kreisstraße Ovenhausen- Rüddingshausen am Distr- Horingsteich. Das in den Tnstr. Horner, Rangen und Noll sitzende Dürr- und Windfallholz wird nicht vorgezeigt und wollen Steigliebhaber sich dasselbe vorher einsehen. Kesselbach, den 30. April 1890. Freiherrliche Oberförsterei Rabenau. Schlotterer. Es werden versteigert: Montag den S Mai 1890 aus den Districten Eichwald, Ammenhäuserhecke, Krebskopf und Zeiselbach: Stämme: Eiche 16 Stück — 6,86 fm. Derbstangen: Nadelholz 125 Stück — 8,12 fm. Scheiter: Buche 376, Eiche 9, Nadelholz 7. Knüppel: Buche 46, Eiche 1, Nadelholz 2 I. Kl., 56 II. Kl. Reisig: Buche 646, Eiche 26, Nadelholz 97. Stöcke: Buche 117, Eiche 17. Zusammenkunft Vormittags 9 Uhr am Distr. Eichwald an der Abfahrt in den Wiesen. Das in den Districten Krebskopf, Ammenhäuserhecke und Zeiselbach sitzende Dürr- und Windfallholz wird nicht vorgezeigt und wollen sich Steigliebhaber dasselbe vorher einsehen. Kesselbach, den 29. Aprll 1890. Freiherrliche Oberförsterei Rabenau. Schlotterer. 364] Die berühmten WieSbadeuerHauS- «racher Rudeln v C. Weiner, keine sog Fabriknudeln, empfehlen W. Schorrrber, Neuen BLue 10 u. (£♦ Roth, Waüthorstr. 5. Freitag den 2, Mai, Vor- «ittag» von 9‘/2 Uhr an, werden aus dem Nachlaß des Herrn Friede. Bender erbvertheilungshalber nach- benannte Gegenstände meistbietend ver> steigert: Gartenmöbel: Tische, Stühle und Bänke; mehrere schöne Kübel- pflanzerr sowie Blumen in Töpfen; Küchenmobilien: 1 Küchenschrank, Anrichte rc., emaill. Geschirr und andere Küchengeräthe, Bratentöpse, Mörser rc.; 1 Parthie Holz; 1 große Parthie Fensterläden rc.; Waschbütten; 30 Flaschen Wein u. s. w. Im Auftrag: Louis Rothenberger, 3759 Gerichtstaxator. Bekanntmachung. Wir bringen hiermit zur Kenntniß, daß der bisherige Sckutzmann Peter Mulch heute al» Pfandmeister der Stadt Gießen verpflichtet worden ist und seinen Dienst als folcher angetreten hat. Gießen, am 1. Mai 1890. Grcßherzogliche Bürgermeisterei Gießen. 3969 Gnauth. Freitag den 2 Mai t. I, Nachmittags 2 Uhr, in der früher Bramm'schen Hofraithe dahier sollen gegen Baarzahlung öffentlich versteigert werden: 1 Handwagen, 1 Ladeneinrichtung, 1 Eisschrank, 1 Pianino, 1 Garnitur Polstermöbel (oliv), 1 Verticow, 1 Secretär, 1 Spiegelschrank, 1 Com- mode, 1 Schreibtisch, 2 Sophas, 3 Kleiderschränke, 2 Küchenschränke, 1 Bett rc- rc. Versteigerung voraussichtlich theil» weise bestimmt. Gießen, den 30. Aprll 1890. Engel, Melversteigeruog Montag den 5. Mai, Nachmittags 2 Uhr, werden im Gasthaus „zum Adler" die zur Conr. Jos. Keller'schen Concursmaffe gehörigen Möbel, als: Tische, Stühle, mehrere Kleiderschränke, Betten, Wasch - eommoden, Spiegel, Bilder, ein große- Schaukelpferd, Küchenschrauk, Kücheuge - schirr u. s. ro. versteigert. F» Hoffmann, 3935] Concursverwalter. Bekanntmachung. Die Holzverstelgerung vom 24. April in der Freiherrlichen Oberförsterei Rabenau ist genehmigt- Die Absuhr- scheine können von Montag den 5. Mai ab auf Freih. Rentei zu Londorf in Empfang genommen werden. Überweisung und erster Fahrtag Dienstag den 6. Mai. Kesselbach, den 29. April 1890. Freiherrliche Oberförsterei Rabenau Schlotterer. [3945 Ssmstsg den 3. Msi, Nachmittags 2 Uhr, versteigere ich im „Adler" dahier gegen Baarzahlung: Sophas, Commoden, Kleiderschränke, 1 Herrenschretbtisch, 1 Regulator, Tische, 1 Pferd, 2 Kühe, 2 Wagen, 1 Metalldrehbank, 1 Stoßkarren u. a. Geißler, Passiva. Activa 1. 2. Werth der Mobilien. 6. Möbel. 3942 3760 3583 Der Vorstand Cafe Leib statt m DFortu.geruchrrei irockni 13. Engl. Tüll-Borhäuge II empfiehlt in großer Auswahl zu äußerst fcilHßtn |R Preisen Preisen 3887] 3949 SACCHARIN . . JL 3,412,344,139.— T> Kapital- u. Prämien-Reserve für eig. Rechnung 3449 Giessen Herr Ferd. Hoffmann. n Verkaufsst eile Giessen: Eich* allach > Markt 8. & Geilshausen Grünberg Grüningen den das wasser in Flaschen und Krügen in frischester Füllung zu billigen Preisen bei prompter Lieferung frei ins Haus. 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Schwalljeimer Arunnen-Gomptoir Cordes & Ellgass in Schwalheim, Mineralbruniiell u. fioljlcnfnnrt=lltrfliifrigung5=lnBalL Treis a.Lda.,, Wieseck „ Höchste Auszeichnung j Cöln 1889 j Haupt-Niederlage bei Otto Schaafs Giessen. 382 Grundkapital............ Zu Versicherungs-Abschlüssen gegen Feuer- und Explosions- Gefahr empfehlen sich, und crtheilen nähere Auskunft die nach verzeichneten Agenten: 3956 ' In Langgöns Herr Conr.BrückelXI. Sonnen: und Regenschirme für Damen und Herren, in reichster Auswahl zu außerordentlich billigen Preisen in dem Hut-« Schirm- und Reflz waare n- i Scbulartlkel empfiehlt 7.u g \ PEr»Nt Balder, R haltend Bücher. _ Damen- u. Kinderschürzen sowie Kinderkleidche« empfehlen in großer Auswahl zu äußerst billigen Preisen G-schw. Herr,, 2096 Neuenweg 7. 6000 Francs Prämie von der Sladi Brüssel 1er Desien Gasofen. J. G. Hßüben Sohn Carl, Aachen. Referenz: Jede Gasanstalt. nit Abführung der Heisgase, für Salons, Schlaf- und uraukenziinnier, se Säle, Samstag den 3. 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