Nr. US. Zweites Blatt. Donnerstag den 24. Mai 1888. Gießener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. V«r«a.,! Schulstraße 7. Erschein, .»„.ich mit Ausnahme des prin; Heinrich und Prinzessin Irene. Von Carl Neumann-Strela. (Nachdruck verboten.) Der „wunderschöne Monat Mai" wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, nicht zu Ende gehen, ohne zwei edle Fürstenkinder für alle Zett verbunoen zu haben, deren Herzen sich schon seit Langem gefunden hatten. Es war am 90. Geburtstage unseres nun Heimgegangenen Heldenkaisers, als dieser die Verlobung seines Enkelkindes Heinrich mit der Prinzessin Irene von Hessen-Darmstadt proclamirte. Einen so glücklichen Tag hat das Hobenzollernhaus seitdem nicht wieder gesehen. Schweres Gewölk bat sich zusammengezogen und einen der wenigen Lichtblicke bildet die Vermählung des Prinzen mit seiner Cousine. Ein Bild der beiden hohen Verlobten wird gerade in diesen Tagen hochwillkommen sein und wir wollen daher ein solches unseren Lesern in knappen Zügen entwerfen. Am 14. August 1862 brachte der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm seinem erhabenen Vater die Nachricht, daß ihm ein „wirklich gesunder Junge" geboren sei. Vom Tempelhofer Felde, wo der König diese Freudenkunde vernahm, eilte er nach der Parade ins Palais, nahm den jungen Weltbürger auf den Arm, küßte und segnete ihn. Der Prinz wurde Albert Wilhelm Heinrich genannt und sein Vater sprach: „Ich will meinem Sohne den Geist der Hohenzollern einzuflößen suchen; ich hoffe, daß er seinem Großvater ähnlich wird." In Berlin und im Neuen Palais zu Potsdam schwand dem Prinzen unter Spielen die erste Zeit. Während dort seine Schwester Charlotte die Puppen umhertrug, baute er mit dem Bruder, Prinzen Wilhelm, Häuschen aus Sand; auch spielte er mit hölzernen Schiffen und schwang sich jauchzend am Kletterbaum wie an einem Schiffsmast hinauf. Eine Gouvernante überwachte ihn in der ersten Jugend; dann kam seine Erziehung in männliche Hände. Ein Gouverneur wurde für ihn auserseden und der Unterricht begann. Wie freuten den Vater die ersten Schreibhefte, die ihm „fein Heinz" überbrachte! Ein Potsdamer Oberlehrer unterwies ihn im Schreiben, ein Professor im Zeichnen, ein Feldwebel im Exerciren. In den Kreis der Lehrer traten dann neue für Mathematik, Physik und Latein; im Verkehr mit berühmten Professoren zeigte Prinz Heinrich auch für Archäologie und Literatur die größte Empfänglichkeit. Lro wuchs er auf und wenige Jahre nach dem letzten glorreichen Kriege trat, ein Ereigniß ein, das unserem jetzigen Herrscherpaar in den weitesten Kreisen neue Liebe erwarb: sie sandten ihre Söhne nach Kassel auf das Gymnasium. Dort sollten die Prinzen jene Vortheile genießen, die eine öffentliche Schule für die Entwicklung des Charakters gewährt. Im freien Verkehr und gemeinsamen Streben mit Altersgenossen jeden Standes sollten sie erkennen, was im Volke an Fleiß und Treue lebt. „Gewissenhafte Schüler" und „gute Kameraden", diese Ehrentitel haben sich die Prinzen redlich erworben. Unbegrenzter Fleiß blieb ihr Grundsatz, die Zufriedenheit der Lehrer ihr Ziel. Der altere Bruder, nach einer strengen Prüfung in die Ober- secunda ausgenommen,bestand drei Jahre später das Abiturienten-Examen und wurde „als einer der besten Schüler" entlassen. Einstimmig, „wegen seines gleichmäßigen und andauernden Fleißes", war ihm die Medaille zuerkannt, und als ihm Director Vogt dieselbe überreichte, rief er aus: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr mich die Medaille erfreut. Ich habe meine Pflicht erfüllt und gethan, was in meinen Kräften stand." Dann schied er vom Bruder, um die Hochschule in Bonn zu beziehen. Thal und Hügel, wie es im Liede heißt, legten sich zwischen sie und als bann Prinz Heinrich aus Kassel geschieden, wo auch er ein glänzendes Zeugniß erhielt, lernte er auf einem Kadettenschiffe die ersten Elemente des Seemannsberufes. Der Wunsch der Eltern, zu dem sich die eigene Neigung gesellte, batte ihn zum Seedienst, der Großvater zum künftigen Admiral der deutschen Flotte bestimmt. Die erste Fahrt mar nur kurz, gleichsam der „erste Versuch". Dann aber, als der blonde, blauäugige Prinz sechszehn Jahre zählte, sollte er, Kenntnisse und Erfahrungen zu sammeln, eine Reise um den Erdball beginnen. Im October 1878 brachten ihn die Eltern nach Kiel, wo die Corvette „Prinz Adalbert" vor Anker lag. An Bord empfahl der Vater, damals noch Kronprinz, seinen Sohn der Obhut des Capitäns. Zu einer verantwortlichen Stellung, die er in der deutschen Marine einst einnehmen solle, habe ihn der Kaiser erwählt und die Reise, die jetzt beginne, habe den Zweck, ihn zu einem tüchtigen, sich selbst vertrauenden Seemann zu bilden. Der Vater fügte bte Hoffnung hinzu, daß sein Sohn das Vertrauen, welches ihm dargebracht, in vollem Maße rechtfertigen werde. „Bedenke stets", ermahnte er ihn, „daß es bet den Prinzen unseres Hauses althergebrachter Brauch, gehorchen zu lernen, um später nach erlangter Berufsthätigkeit befehlen zu können. Erweise Deinen Vorgesetzten Achtung und Gehorsam, liege treu und fleißig Deinen Pflichten ob und halte gute Kameradschaft mit Deinen Alters- und Studtengenossen." Mit dem Segen der Eltern zog der Sohn in die Ferne. Noch einmal, wie wir wissen, hat er dann eine mehrjährige Seereise unternommen, die wie die erste reich an Gewinn und Gefahren war. Welch' eine Fülle mächtiger Eindrücke strömte ihm besonders auf dieser ersten Reise zu! Auf Hawai machte er dem König Kalakaua einen Besuch Der berühmte Federmantel, der die Stelle des Hermelins vertritt, war über das Sopha gebreitet, auf dem der König wie auf einem Thronsessel saß. Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten führte den Prinzen in den Saal und Kalakaua, mit dem preußischen Adlerorden geschmückt, drückte ihm innig die Hand. In Softo, der Hauplstadt Japans, bezog er den Palast Enrio-Kuwan, und als ihn die Deutschen in Shanghai ihrer Treue zu Kaiser und Reich versicherten, sprach er die Worte: „Die Interessen des Reiches haben es gefügt, daß vier Schiffe Seiner Majestät ihre Flaggen vor dieser fernen Stadt entfalten. In ihnen wird ein Stück des Vaterlandes hinausgetragen in die weite Welt mit einem Organismus von Erz und mit deutschen Männern in Waffen. Dadurch ist ein belebendes Element geschaffen für das Deutfchthum in allen Theilen der Erde, eine bindende Kette zum großen Vaterlande, welches sich stark erweisen wird auch in Stunden der Gefahr." Die Festlichkeiten, die dem Prinzen zu Ehren veranstaltet wurden, unterbrach plötzlich eine Trauerkunde. Von San Franzisko brachte ein Dampfer die Nachricht, daß Prinz Heinrichs jüngerer Bruder, Waldemar, verschieden sei. An der Gruft ches Entschlafenen sehnte sich die Mutter nach ihrem „Heinz". Auf der Weltfahrt von den größten Gefahren bedroht, konnte auch ihn das Schicksal ereilen, und in ihrem Gram nur stärker um ihn bangend, wünschte ihn die Mutter zurück. Sie bat den Kaiser, ihr die Heimkehr des Sohnes zu gestatten. Bewegt hörte er sie an und sprach: Vor Antritt der Reise hätte er die Gefahren nicht verhehlt, in die der Prinz gerathen könnte. Es wäre ihm Pflicht gewesen, die Mutter auf die lange Trennung zu verweisen. Doch hätte sie auf ihrem Entschlüsse verharrt, daß der Sohn die Reise antreten sollte; und nun, fügte er hinzu, da er ihr alles vorhergesagt, könnte er ihr den Wunsch nicht erfüllen, die Heimkehr des Sohnes nicht gestatten. Der Prinz sei im Dienst, zu jener Uebungsreise beordert, und dieselbe müßte beendet werden. Als Mensch und als Großvater des Prinzen schmerze es ihn tief, daß er als Kaiser die Bitte verweigern müßte. Tönt nicht aus diesen Worten der Geist strenger und ernster Pflichterfüllung? Die Pflichtstrenge, die in Kaiser Wilhelm zu einem so vollendeten Ausdruck kam, steht gleichsam im Hauptbuche der Hohenzollern obenan. Und getreu seiner Pflicht setzte Prinz Heinrich die Reise fort, trug er den Schmerz in die Ferne. Erst in Kanton wurde der Heimathswimpel „viele, viele Ellen lang", auf die Spitze des großen Mastes gehisst. Zwei Jahre waren dem Prinzen auf dieser Weltfahrt vergangen und als Eltern und Geschwister den Hetmgekehrten wieder in Kiel begrüßten, sahen sie ihn mit gebräuntem Antlitz und Händen, die von tüchtiger Arbeit im praktischen Dienste zeugten. Diese und die nächste große Reise haben ihn zu einem wackeren Seemanne gebildet und den Grund zu seinem künftigen Berufe gelegt. Seine Kenntnisse zu erweitern, blieb er durch Studium in der Stille und auf neuen Reifen rastlos bestrebt. Die Anerkennung des Kaiserlichen Herrn ernannte ihn zum Corvetten-Capitän und Führer der zweiten Compagnie der ersten Matrosen-Division. Meist in Kiel verlebte er die letzte Z-ckt. Fünfundzwanzig Sommer schwanden ihm im Reigen der Jahre dahin; und nun, dem Zuge feines Herzens folgend, soll er seine Cousine Prinzessin Irene von Hessen-Darmstadt als Gemahlin heimführen. Gesund, kräftig, mit dunklen Augen und braunem Haar: so ist sie im Tagebuche der früh verklärten Mutter, der Großherzogin Alice, bald nach ihrer Geburt 1866 geschildert. Mit wahrhaft rührender Sorgfalt wachte das Mutterauge auch über das jüngste Kind. Der Aufenthalt in der schönen Natur, wo die Prinzessin erwuchs, übte den besten Einfluß auf ihr Gemüth. Güte und Liebenswürdigkeit erwarb ihr die aufrichtige Ergebenheit ihrer ganzen Umgebung und unter Leitung der kunstsinnigen Mutter wurde sie zu einer Freundin der Künste und Wissenschaften gebildet. So vereinigt sich alles, das Erbtheil bedeutender geistiger Vorzüge und eine hervorragende Anmuth der äußeren Gestalt, um Prinzessin Irene zu einer liebenswerthen Erscheinung zu machen, die eine neue Zierde an unserem Kaiserhofe zu werden verspricht. In die heißesten Glückwünsche für das erhabene schwer geprüfte Herrscherpaar schlingen sich die innigsten Wünsche für Beide wie ein Kranz. Es ist ein Kranz, den Liebe und Treue des ganzen Volkes gewunden. Denn wie Prinz Heinrich als Admiral der deutschen Flotte einst das Meer beherrschen wird, fo beherrscht er schon längst die Herzen Aller, die seinen unermüdlichen Eifer und seine Thatkraft zu schätzen wissen. Lokale-. Gießen, 23. Mai. Die nunmehr hinter uns liegenden fßfingfi feier tage haben Diejenigen, die ihre ganze Hoffnung, endlich wieder einmal so recht in näherer oder weiterer Ferne sich in Gottes schöner Natur ergehen zu können, auf Pfingsten gesetzt hatten, gewiß allenthalben befriedigt. Schien es auch am Morgen des ersten Feiertages ob Alles, schöne Ausflüge, weitere Reisen, Waldpartien, Festlichkeiten, Besuch lieber Freunde und Angehöriger u. s. w. durch Regenwetter vereitelt werden sollte und mancher Blick fragend nach oben sich richtete: „Wird es wohl weiter regnen?", so war dies eben nur Schein; her eingetretene gelinde Regen hielt nur wenige Stunden an, gestaltete aber das Wetter' im Gegensätze zu den vorhergegangenen heißen Tagen zu einem fo angenehm warmen, zuweilen, von Mailüfterln durchwehten, daß der Schwarm der Ausflügler nur noch zunahm. Unsere beliebten Ausflugsorte waren denn auch ftaif besucht, der Verkehr auf den Eisenbahnen ein enormer. — Wie wir hören, ist die Nachfrage nach den Eintrittskarten für die Luther- festspielaufführungen schon eine so große, daß diejenigen, welche eine der 4 ersten Aufführungen besticken wollen, gut thun werden, sich baldigst mit Billets zu versehen. — Uebrigens besteht die Absicht, demnächst weitere Aufführungen bei allmählicher Herabminderung der Preise folgen zu lassen, so daß das Festspiel Jedermann zugänglich gemacht werden kann. Vermischte-. Offenbach, 19. Mai. lieber die Geschäftslage im Bezirk der Offenbacher Handelskammer sagt deren Jahresbericht für 1887, daß dieselbe von der allgemeinen Aufbesserung der wirthschastlichen Verhältnisse und der Neubelebung des Waarenver- kehrs auf dem Weltmärkte selbstverständlich nicht ganz unbeeinflußt bleiben konnte. Es zeigte sich dies zunächst in einer abermaligen Verstärkung der Inanspruchnahme des in Post- und Eisenbahn bedienten Verkehrswesens, in einer im Großen und Ganzen verstärkten Nachfrage nach Hilfskräften auf dem Arbeitsmarkt, welche in einer durch zufällige Umstände besonders lebhaft beschäftigten Fabrikation sogar zu einem Arbeiter Ausstand führte, sowie in einer unverkennbaren Neigung der Löhne zum Steigen in einzelnen Branchen. Bemerkenswerth ist auch der von dem städtischen Gas- und Wasserwerk nachgewiesene Mehrverbrauch an Gas für industrielle Zwecke um 44 Mt. gegen das Vorjahr bei einer Vermehrung der Gaskraftmaschinen von 29 mit 77 Pferdekräften auf 37 mit 106 Pferdekräften. Diese Erweiterung des gewerblichen und industriellen Lebens in unserem Bezirk mag ja zum Theil auf das ihm von selbst innewohnende Streben nach Wachsthum zurückzuführen sein, zu einem großen Theil aber war sie diesmal unstreitig auch durch den allgemeinen Aufschwung bedingt, welchen das Jahr 1887 für Handel und Production gebracht hat; zu beklagen bleibt nur, daß unsere Industrien von der für eine Reihe Artikel eingetretenen Preisbesserung bis jetzt nur wenig oder gar nichts profitiren konnten, daß vielmehr im Gegentheil die Mittheilungen über Erleichterung und Erweiterung des Absatzes in den meisten Fällen nach wie vor von der Klage begleitet sind, es sei solche nur durch weitere Nachgiebigkeit in der Preisstellung zu erzielen gewesen. * Wetzlar, 22. Mai. Der in hiesiger Stadt gestern und heute abgehaltene Commers ehemaliger Jäger und Schützen war aus allen Theilen Rheinland-Westfalens, allwo die Männer wohnen, die ehemals den grünen Rock getragen, sehr stark besucht, sie waren gekommen, die schon vor 60 Jahren bei dem nunmehrigen Rheinischen Jäger- Bataillon Nr. 8 gedient, um im Verein mit ehemaligen Kameraden und jüngeren Jägern in Wetzlars Mauern einige frohe Stunden des Wiedersehens zu feiern. Der Empfang war denn auch ein überaus herzlicher, die veranstalteten Festlichkeiten, Festzug, Commers werden allen Theilnebmern stets in angenehmer Erinnerung bleiben. Fronhausen (M.-W.-B.), 19. Mai. Heute Morgen wurde hier auf dem Bahnhof ein beurlaubter Soldat von der 11. Compagnie des 81. Regiments vom Zug überfahren und blieb sofort tobt. (incl. 1600 Mann Militär). 1 4 Summa: 8 2 Gewöhnliche Preise. Schauspielhaus. Allgemeiner Anzeiger Bekanntmachung. 4315 A- 33 ramm. 23 Pfg. » 18 4261 (Jorsetten! Spestalität! Spezialität! 2370 Ö S Eis Z a 4279 Z in den modernsten Mustern zu billigsten Preisen. 4290 N (D iw a O s w - Einwohnerzahl: 19 001 Es starben an: Lungenschwindsucht Gehirntuberkulose Lungenerweiterung Lungenentzündung v S h S Q d z I s s 4-' R* a = s u s s s N 'S cd b£ cd 8 «5 M Erwachsene: 2 1 (1) 1 Zusammen: 2 2 (l) 1 1 1 1 (1) Promenademäntel, Jaquettes und Mantelettes wegen vorgerückter Saison zum Einkaufspreise. im 1. Lebensjahr: 75^ E Ld CQ co bß ö o CQ s Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß die Wege aus dem hiesigen Friedhof zwecks Herbeischaffung von Materialien u. s. w. nur mit einspännigen Fuhrwerken und in der Regel nur von dem an der südöstlichen Friedhofsecke einzurichtenden Thor aus befahren werden darf. Gießen, 18. Mai 1888. Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. Seiden-Etamine und seid. Grenadines, schwarz und farbig (auch alle Lichtfarben) Mk. 1.55 p. Met. bis Mk 14.80 (in 12 versch. Qual.) - versendet robenweise porto- und zollfrei das Fabrik-D^pot (K. u. K. Hoflief.) Zürich. Muster umgehend. Briefe kosten 20 Pf. Porto. [264b