Nr 218 Dienstag den 18. September 1888. Gießener A»Mer Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. ---------- ~~ ' ' Preis vier'-ljährlich 2 Mark 20 Ps. mit Bringkrlohn. Vnreaur Schulstr aß c 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag«. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst Politische Rundschau. Gießen, 17. September. Das sonst so stille und vom Getriebe der großen Welt ziemlich abseits liegende Städtchen Müncheberg im Osten der Mark Brandenburg ist seit einer Woche der Mittelpunkt eines gar bewegten und interessanten lebendigen Bildes. Denn in der Umgebung des Städtchens finden seit vorigen Donnerstag die großen Herbstübungen des Gardecorps und des brandenburgischen Armeecorps und hiermit die ersten Herbst- Manöver unter WUHelm II. statt und das militärische Schauspiel, welches sich jetzt Tag für Tag bet Müncheberg entfaltet, giebt an äußerem Glanz und Lebendigkeit der ganzen Scenerie den berühmten Herbstmanövern unter weiland Kaiser Wilhelm I. in nichts nach. Der Kaiser hat für die ganze Zeit der Manöver sein Absteigequartier in Müncheberg selbst genommen, während seine fürstlichen Gäste sich nach Schluß der Manöver jedes Mal per Bahn nach Berlin zurückbegeben. An diesem Montag und Dienstag manöoriren die beiden Armeecorps gegen einander und findet am Mittwoch der Schluß der Uebungen und die Heimkehr der Truppen nach ihren Garnisonen mittelst Eisenbahn statt. Als Oberschiedsrichter bei den heurigen Kaisermanövern fungirt Prinz-Regent Albrecht von Braunschweig. Wiener Prievatmeldungen signalisirten für Samstag Abend die Abreise des Grafen Salnoky nach Friedrichsruh, indessen ist von einer Ankunft des österreichischen Staatsmannes in Friedrichsruh zur Stunde noch nichts bekannt geworden- Der Personalwechsel im ReichSschatzamte ist laut einer amtlichen Mtt- theilung im „Retchsanzeiger" bereits vollzogen und Herr v. Maltzahn-Gültz zum Staats- secretair im Retchsschatzamte definitiv ernannt worden. Der bisherige Schatzsecretatr Dr. Jacobi wurde vom Kaiser in den erblichen Adelstand erhoben. Die Ernennung des Herrn v. Maltzahn-Gültz und die politische Richtung desselben hat bereits zu der Permuthung Anlaß gegeben, daß die Berufung eines conservativen Mannes an die Spitze des Reichsschatzamtes bestimmt sei, eine Art Gegengewicht zu der Ernennung v. Benntgsen's zum Oberpräsidenten von Hannover zu bllden. Aber viel wahrscheinlicher ist es, daß man maßgebenden Orts bet der Designirung des Herrn v. Maltzahn-Gültz zum Nachfolger Jacobi's weniger auf sein politisches Glaubensbekenntniß, als vielmehr auf seine Fähigkeit, den ihm zugedachten Poften auszufüllen, gesehen hat. Denn das Reichsschatzamt ist keine Sinecure, es erfordert vielmehr die volle Arbeitskraft eines tüchtigen Mannes, da im Reichsschatzamte nicht nur der Reichsetal fertig zu stellen und politisch zu vertreten ist, sondern weil hier auch die sehr schwierigen und verwickelten Ausführungsbestimmungen auszuarbeiten sind, welche die neuen Zoll- und Steuergesetze erst anwendbar machen. Hierzu ist aber Herr v. Maltzahn-Gültz ganz die geeignete Persönlichkeit, denn er gilt als eine Eapacität seiner Partei in Zoll- und Steuerfragen und in den Zoll- und Budgetcommissionen des Reichstages hat er seine bezüglichen Anschauungen immer in klarer und gediegener Weise vertreten, die ihn zugleich als einen sehr gemäßigten conservativen Politiker erscheinen ließen. Herr von Maltzahn- Gültz steht im 48. Lebensjahre und vertritt er schon seit 1871 den Wahlkreis Demmin- Anklam im Reichstage. Im preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten finden zur Zett Berathungen über die Abwehr von Ueberschwemmungsgefahren in Hinblick auf die letzten Ueberschwemmungskatastrophen in Schlesien statt. Es heißt, daß auf Grund dieser Berathungen dem Landtage in seiner kommenden Session entsprechende Vorlagen gemacht werden würden, in denen die Regierung ziemlich bedeutende Mittel fordere. Die französische Prösidentenreise durch die Normandie hat ihr Ende erreicht und ihr Verlauf kann tn den republikanischen Kreisen Frankreichs nur befriedigen. Denn an allen Orten, die Präsident Carnot mit den ihn begleitenden Ministern besuchte, kam es zu lebhaften Kundgebungen für die Republik uno wenn die Boulan- gistm hie und da Gegendemonstrationen versuchten, so wurden dieselben gleich im Keime erstickt. Ihren effectvollen Abschluß erhielt die Präsidentenreise durch die Revue, welche Carnot, umgeben vom Marineminister Krantz, vom Kriegsminister Freycinet und vom General Billot am Freitag über das 3. Armeecorps bei Rouen abhielt, womit zugleich die großen Manöver desselben ihr Ende erreicht haben. — Carnot hielt am Freitag in Elboeuf eine Banketrede, in welcher er des ihm tn der Normandie zu Theil gewordenen enthusiastischen Empfanges dankend gedachte und, anknüpfend an seine Besichtigung des 3. Armeecorps, erklärte, die Marine und die Armee verdienten das Vertrauen des Landes. Eine neue Hiobspost auS Afrika ist in London eingegangen. Der daselbst wohnende frühere Statthalter des Congo-Staates, Francis de Winton, erhielt von Congo die Nachricht, daß Major Barttelots von seinen Trägern ermordet worden und sein Begleiter James Won nach den Stanley-Fällen zurückgekehrt sei, um eine neue Unterstützungs-Expedition für Stanley zu organistren; Tippu Tib befinde sich in Nyangwe. Major Barttelots war vor einiger Zeit aus dem Lager am Congo, wo er die Nachhut der Stanley-Expedition befehligte, aufgebrochen, um Stanley auszusuchen und ihm Lebensmittel und Munition zuzuführen. Mit diesem Unternehmen ist nun Barttelots gescheitert und er selbst hat den Tod hierbei gefunden, während zugleich der traurige Ausgang des Barttelots'schen Zuges einen neuen empfindlichen Fehlschlag der Bemühungen zur Aufsuchung Stanley's bedeutet. Ob dieselben überhaupt fortgesetzt werden, erscheint nunmehr recht zweifelhaft. Der Aufstand Jschak Khan'S gegen den Emir von Afghanistan scheint nach einer dem Reuter'schen Bureau aus Simla (Indien) zugegangenen neuerlichen Depesche ziemlich hoffnungslos zu sein. Dieselbe besagt, daß die Truppen des Emirs nach dessen eigner Meldung die von Jschak-Khan besetzte Festung Kamard-Khinjhan erobert und viele Gefangene gemacht hätten, darunter auch den Schwiegervater Jjchak-Khans. Abdur Rhaman scheint letzteres als einen guten Fang zu betrachten! Deutschland. Berlin, 15. September. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Dem Oberpräsidenten Grafen zu Eulenburg als Ehrenpräsidenten des Congresses der inneren Mission ging ein Telegramm von dem Chef deS Ctvtlkabinets, dem Geheimen Rath Lucanus, zu, welches besagt: Das Huldigungstelegramm des Congresses der inneren Mission ist in Folge der Allerhöchsten Reisen erst heute in die Hände Seiner Majestät des Kaisers gelangt. Allerhöchstderselbe nimmt an den Bestrebungen der inneren Mission den innigsten Antheil und freut sich über deren ersprießliche Mitarbeit an der Ausbreitung des Evangeliums von Christo unter dem deutschen Volke und über die bisherigen Erfolge auf dem Felde der christlichen Liebe und Barmherzigkeit. Seine Majestät hoffen zu Gott, daß auch die Verhandlungen des diesjährigen CongreffeS der evangelischen Kirche und dem Vaterlande »um Segen gereichen werden. Müncheberg, 15. September. Bei dem heutigen Manöver kommandirte Seine Majestät der Kaiser tn der Uniform der Garde-du-Corps mit gezogenem Pallasch die Südpartei, welche aus 56 Eskadrons Cavallerix.nebst 4 reitenden Batterien und einer markirten Infanteriedivision bestand, gegen.den unter Befehl des Generallieutenants Generaladjutant v. Versen stehenden markirtm Feind. Das Manöver begann mit dem Vormarsch der beiden Cavallerte - Divisionen von Kempelberg nach Westen zu. Die Cavallerie ging in beschleunigtem Tempo vor und machte eine große Attake gegen die feindliche Retterei, es erfolgte sodann eine allgemeine Rechtsschwenkung und ein glänzender Angriff gegen die feindliche Infanterie-Division, welche südlich von Eggersdorf aufgestellt war. 8um Schluß des Manövers, welcher nach 12 Uhr Mittags erfolgte, fand ein Vorbeimarsch aller 14 Cavallerie-Regimenter im Galovp statt, wobei der Großfürst Nikolaus in der Uniform seines 5. Kürassier - Regiments daffelbe dem Kaiser vorführte. . % ,, — Nach dem Parademarsch der Cavallerie (14 Regimenter) und der reitenden Artillerie, welche Seine Majestät der Kaiser dem König von Sachsen vorführte, versammelte der Großfürst Nikolaus die Officiere seines 5. (westpreußischen) Kürassier- Regiments, um dieselben zu begrüßen. Während die Fürstlichkeiten sich zu Wagen nach Müncheberg begaben, ritt Seine Majestät der Kaiser in schärfstem Tempo dorthin, um seine Gäste zu empfangen. Alsdann fand ein Frühstück statt, an welchem 130 Personen theilnahmen. Seine Majestät der Kaiser und die fürstlichen Gäste nahmen dasselbe im Zelte, die übrigen Geladenen im Garten ein. Um 2 Uhr begaben sich die fürstlichen Gäste mit ihrem Gefolge mittelst Extrazuges nach Berlin. Heute Abend wird Sr. Majestät dem Kaiser eine Serenade vom Musikcorps des 4» Garderegiments und 300 Sängern unter Fackelbeleuchtung dargebracht. Italien. Turin, 15. September. Auf einem zu Ehren des Marineministers Brin veranstalteten Banket hielt derselbe eine Rede, in welcher er bemerkte, die italienische Flotte sei zuyi größten Theile reconftrulrt, sie repräsentire einen Werth von 360 Mill. Lire und zahle 102 Schiffe und 108 Torpedoboote. Die Erörterungen der italienischen und der ausländischen Presse über dieselbe bewiesen, daß sie ein Faktor sei, welchen man nicht mehr vernachlässigen könne, sondern vielmehr stark in Rechnung ziehen müsse, wenn es sich darum handle, das gegenwärtige europäische Gleichgewicht zu sichern. Ferner wies der Redner Diejenigen, welche ausgedehnte Rüstungen Italiens wünschten, darauf hin, daß Italien beabsichtige, ausgiebig für die eigene Verteidigung vorzusorgen, aber nicht eine aggressive Politik zu befolgen. Zum Schluß beglückwünschte der Minister Italien dazu, daß dasselbe bereits im Stande sei, selbst das gesammte zum Schiffsbau nothwendige Material zu liefern, einschließlich der Panzer und Maschinen für die Panzerschiffe „Umberto", „Sizilia" und „Sardegna", welche binnen kurzer Zeit vom Stapel gelassen werden sollen. Die Rede wurde beifällig aufgenommen. Bulgarien. Sofia, 15. September. Die Räuberbande, welche vor einigen Tagen bei Dub- nitza drei Personen gefangen fortgeführt hatte, wurde gestern von der Gensdarmerie angegriffen. Zwei der Gefangenen wurden befreit, der dritte erlag wenige Stunden später den ihm von den Räubern zugefügten Mißhandlungen. Ein Räuber wurde gelobtet, ein anderer verwundet, die übrigen wurden zerstreut. — Der diplomatische Agent von Rumänien, Djuvara, ist heute hier ein- getroffen. Telegraphische pepeschen. Wolff'ö telegr. «orrespondenr - Buren«. Berlin, 16. Sept. Der gestern erschienene Wahlaufruf der nationalliberalen Partei zu den bevorstehenden Landtagswahlen in Preußen verlangt die Reform der direkten Steuern, insbesondere der Gewerbesteuer, zur Entlastung der Gemeinden die Ueberweisung fester Beträge anstatt die Zuweisung aus den Getreidezöllen, erweiterte Uebernahme der Schullasten durch den Staat, Befreiung der Lehrer von den Wittwm- beitragen, Ausdehnung des Eisenbahnnetzes, Förderung des gewerblichen Unterrichts, Schutz gegen Hochwasser, eine Landgemeindeorvnung, die nicht in allen Einzelnheiten überall gleich sein, wohl aber in den wichtigsten Grundlagen, Lastenvertbeilung rc. gleichmäßig geregelt werden soll. Ferner verlangt der Aufruf ein Schulgesetz, Wegeordnungen und eine Reform des Armenwesens. Er enthält einen entschiedenen Protest gegen die Begründung einer hierarchischen Gewalt innerhalb der evangelischen Kirche; ebenso gegen die Loslösung der Schule von der staatlichen Aufsicht. — Dieses sei nur durchzuführen, wenn die Mehrheit der Landesvertretung sich von radikalen Tendenzen und persönlichen Gegensätzen freihalte und nicht ihre Hauptaufgabe in Verfolgung einseitiger kirchlicher oder weltlicher Ziele sehe. Müncheberg, 16. September. Heute Vormittag 10 Uhr begann der Feld- gottesdienst, welcher 40 Minuten dauerte. Auf der Wiese dicht bei der Stadt war ein Altar aus Trommeln unter zwei mächtigen Eschen aufgestellt. Gegenüber war ein kleines, mit Laub und Blumen geschmücktes Zelt errichtet, in welchem der Kaiser in kleiner Generalsuniform, Prinz Leopold und das engere militärische Gefolge Aufstellung ae- nommen hatten. Im Carrö standen die hier bequartirten Truppen, das vierte Garderegiment, die Gardefüsiliere, die Gardebusaren, die Artillerie, der Train und die Pioniere. Mehrere Mitglieder des Magistrats mit ihren Familien warm zum Gottesdienst eingeladen. Die Musik begleitete den Choral: „Lobe den Herrn" und hierauf einen Vers von: „Nun danket alle Gott". Die Liturgie wurde von Garnisonprediger Schöttler geleitet, die Predigt von Feldprobst Dr. Richter über Epheser 3, Vers 20—-21 gehalten. Der Kaiser reichte vor und nach dem Goteesdienste dem Feldprobfte Richter die Hand. Gegen 11 Uhr begab sich der Kaiser nach Berlin. Morgen Nachmittag soll hier die Vorstellung deS Magistrats erfolgen. Der Kaiser gedenkt alsdann die städtischen Sammlungen zu besichtigen. Wien, 16. September. Das „Fremdenblatt" sagt: Die alljährlich regelmäßig wiederkehrende Zusammenkunft des Ministers des Auswärtigen Graf Kalnoky mit dem Reichskanzler Fürsten von Bismarck erscheint deinem Politiker mehr als Symptom 2 oder Vorbote irgend einer Aktion; die allgemeine Lage weist sicherlich eher einen Fortschritt auf dem Wege zu einer dauerhafteren Beruhigung auf. Beide Staatsmänner Das neue Erercier-Reglement. Die „Pol. Nachr." schreiben vom 13. September: Es war eine der ersten Regierungshandlungen Kaiser Friedrichs, für Abfassung eines neuen Exercter-Regle- ments für die Infanterie Sorge zu tragen. Er hat den Abschluß der einschlägigen Arbeiten nicht mehr erlebt, aber sein erlauchter Nachfolger hat dieses vom Vater überkommene Vermächtniß übernommen und in so kurzer Zeit zur abschließenden That werden lassen, daß allein schon hieraus zu erkennen war, welche große Bedeutung Kaiser Wilhelm der Einführung eines neuen Exercier-Reglements betmißt. Nachdem nun aber dasselbe fertig vorltegt, darf aus der ganzen Anlage und nach einigen den Geist der neuen Vorschriften besonders präcisirenden Stellen der sichere Schluß gezogen werden, daß seitens des Kriegsherrn der preußischen Armee eine directe persönliche Einwirkung auf den Inhalt des neuen Exercier-Reglements stattgefunden bat. Letzteres gibt sich als eine überaus glückliche Verbindung der altpreußtschen Straffheit mit den Anforderungen des modernen Gefechtes an Beweglichkeit und Schmiegsamkeit der taktischen Formen. „Kriegsgemäß" soll zukünftig die preußische Infanterie erzogen werden und diese Forderung zieht sich wie ein rother Faden durch das ganze Reglement, während in den bis jetzt gültigen Vorschriften der mehr exerctermäßigen, rein mechanischen Ausbildung der Truppen ein allzu großes Feld eingeräuml war. Gleich die ersten Sätze geben Dtrectioe für die Art und Weise, wie künftighin unsere Infanterie ausgebildet werden soll. Es heißt dort: Das Exercieren bezweckt Schulung und Vorbereitung der Führer und Mannschaften für den Krieg. Alle Uebungen müssen deshalb auf den Krieg berechnet sein. Die wichtigsten Anforderungen aber, welche der Krieg stellt, sind: Strengste Disciplin und Ordnung bei höchster Anspannung aller Kräfte. Diese Eigenschaften der Truppe so anzuerziehen, daß sie ihr zur anderen Natur werden, ist ein Hauptzweck aller Uebungen auf dem Exercierplatz, wie im Gelände. Im Kriege verspricht nur Einfaches Erfolg. Es handelt sich daher nur um die Erlernung und Anwendung weniger einfacher Formen, welche aber mit Straffheit etngeübt und mit voller Sicherheit beherrscht werden müssen. Die Vorschriften deS Reglements geben hierfür allein die Norm. Sie sind ihrem Geiste und Wortlaute nach für Krieg und Frieden unbedingt verbindlich. Alle Künsteleien sind untersagt. Das Reglement zerfällt in drei Thetle. Der erste (Schule benannt) behandelt 'die Einzelausbildung — von den Griffen sind „Gewehr aui" und „Faßt das Gewehr an" in Wegfall gekommen —, den Zug, und zwar sowohl die geschlossene wie die zerstreute Ordnung, die Compagnie, das Bataillon, das Regiment und die Brigade. Das Bataillon und dessen Ausbildung bildet die Grundlage für die Gefechtsführung. Die Linienformation ist beseitigt. Das Bataillon kennt nur noch drei Grundformen. Es steht entweder in Doppelcolonne, der alten Colonne nach der Mitte entsprechend, in Tiefeolonne — die vier Compagnien in Compagniecolonnen hintereinander — oder in Breitcolonne mit den vier Compagnien in Compagniecolonnen nebeneinander. Die Compagniecolonne besteht aus drei zweigliedrigen Zügen und ist fortan die Grundform für alle Bewegungen resp. Aufstellungen, die Gefechtszwecken dienen. Für die Compagnie ist das Carree geblieben, für das Bataillon weggefallen. Alle Formen der Schule sind einfach und darin liegt insofern eine große Bedeutung, als auch unsere Reservisten und Landwehrleute binnen kürzester Frist sich in die neuen Vorschriften einleben können. Wer also darauf specultrt, daß die Schlagfertigkeit des deutschen Heeres durch Einführung des neuen Reglements vorübergehend gestört werde, der irrt sich gewaltig. Der zweite Theil behandelt das Gefecht und zwar in folgenden Abschnitten: Einleitung, Bedeutung des Exercierplatzes, zerstreute und geschlossene Ordnung, das Schützengefecht, Verhalten gegenüber den verschiedenen Waffen, Benutzung des Schanzzeuges, Verhalten der Führer und Soldaten im Gefecht, Ausdehnung und Gliederung, Angriff und Verteidigung. Es folgt dann das Gefecht der Truppenoerbände (Compagnie, Bataillon, Regiment und Brigade) mit Schlußbemerkungen, deren Schlußsatz als besonders markant — er ist im Reglement mit besonders fetter Schrift gedruckt — wie folgt lautet: „Das Reglement erschöpft die taktischen Lehren nicht, es beschränkt sie auf grundlegende Gesetze. Die Ausbildung der Truppe ist aber nach den Grundsätzen des Reglements richtig erfolgt, wenn sie das kann, was der Krieg erfordert und wenn sie auf dem Gefechtsfelde nichts von dem wieder abzustreifen hat, was sie auf dem Exercierplatze erlernte!" Der dritte Theil behandelt die Parade, Abholen der Fahnen und die Signale. Das neue Reglement ist eine hervorragende Leistung nach Form und Inhalt; mit ihm wird die deutsche Infanterie auch nach der Seite der formellen Schulung hin wieder an der Spitze aller Armeen stehen! werden die Gesammtlage nur von dem Gesichtspunkte der Befestigung des Friedens betrachten und neuerlich eine gegenseitige und volle Ueberetnftimmung hinsichtlich der Grundzüge der Politik konstattren. Pari-, 16. September. Wie die Blätter melden, gab der Marineminister Befehl, daß die Kommandanten französischer Schiffe an der Ostküste Afrikas auf Sklavenschiffe, unter welcher Flagge sie auch segeln mögen, Jagd machen sollen. Kopenhagen- 16. September. Der König hat dem General der Kavallerie von Pape den Elephantenorden, dem General der Kavallerie von Rauch, dem General- lieutenant von Sobbe und dem Ober-Hofmarschall von Liebenau das Großkreuz des Dannebrogordens verliehen. Rom, 16. September. Wie bisher verlautet, dürfte die militärische Revue anläßlich des Besuches des Kaisers Wilhelm am 13. Oktober und die Flotten-Revue am 16. Oktober stattfinden. Parma, 16. September. Bet einem gestern zu Ehren des Justtzministers Zanardelli von den Behörden und angesehenen Persönlichkeiten jeder Parteirichtung veranstalteten Banket hielt derselbe eine Rede, in welcher er den Deputirten Parmas für die Unterstützung dankte, welche dieselben dem neuen Strafgesetzbuch und namentlich jenem Theile desselben hatten angedethen lassen, der sich auf den Mißbrauch des Kirchenamts beziehe und ungerechte Proteste des italienischen Episkopats sowie eine zu mißbilligende Einmischung fremder Bischöfe heroorgerufen habe. Petersburg, 16. September. Das „Journal de St. Petersbourg" ist ermächtigt zu erklären, daß die Behauptung der „Nouvelle Revue" bezüglich einer im vergangenen Jahre ergangenen Einladung an den Kaiser von Rußland zu einer Zusammenkunft in Stettin vollständig unbegründet sei. Lokales. Siesten, 17. Sept. Neuere Entscheidungen des Bundesamts für das Hetmaths- wesen haben den Rechtssatz aufgestellt, daß der § 29 des Reichsgesetzes über den Unterstützungswohnsitz vom 6. Juni 1870, wonach der Ortsarmenoerband des Dienstortes verpflichtet ist, Personen, die im Gesindedienste stehen, Gesellen, Gewerbegehilfen und Lehrlingen, wenn sie an dem Orte ihres Dienstverhältnisses erkranken, Kur und Verpflegung auf die Dauer von 6 Wochen zu gewähren, auch dann zur Anwendung zu bringen ist, wenn die Aufnahme solcher Personen in das Krankenhaus oder die Unterstützung im Wege der öffentlichen Armenpflege erst nach Beendigung des Dienstverhältnisses stattgefunden, sofern nur nachgewiesen werden kann, daß dies zur Zeit der Erkrankung noch bestanden habe.. Gissten, 17. Sept. Der Gießener Radfahrverein darf den gestrigen Sonntag als Ehrentag bezeichnen. Seine Fahrer errangen bei dem gestrigen in Offenbach abgehaltenen Wettrennen 6 Hauptpreise und 2 Ehrenpreise, und zwar errangen im Eröffnungsfahren W. Hamel den 2., Conr. Hamel den 3. Preis; im Jugendfahren der 12jährige Paul Nassauer den 2. Preis (sein Offenbacher Gegner Hch. Schlesinger trug mit einer halben Secunde Vorsprung den 1. Preis davon). Im Er st fahren errang Conr. Hamel den 1., Gustav Ruppel den 3. Preis. Im Hauptfahren erhieltW. Hamel den 1. Preis. Letzteres Rennen gestaltete sich hochinteressant, indem im Eröffnungsfahren P. Schlesinger- Offenbach den 1. und W. Hamel-Gießen den 2. Preis erhielt, wogegen im Hauptfahren Hamel über Schlesinger siegte. Außer den vorerwähnten Preisen wurde den Herren Gustav Ruppel und W. Hamel für ihre vorzüglichen Leistungen auf dem hohen Zweirad je ein Ehrsnvreis zuerkannt. Gissten, 17. Sept. Ein junger Taglöhner, wohnhaft in der Lahnstraße dahier, machte sich am 9. d. Mts. ein Vergehen gegen den § 183 des Str.G.B. schuldig. Es wurde Anzeige gegen denselben erhoben. — Am 13. d. Mts. haben sich zwei Füsiliere der 10. Compagnie vom 2. Großh. Hess. Jnf.-Regt. Nr. 116 heimlich aus der Garnison entfernt und sind bisher nicht wieder zurückgehrt. — Am 14. d. Mts. Abends wurde einem an dem Promenadenhautz dahier anhaltenden Fuhrmann von Rodheim der Pferdeteppich vom Wagen weg entwendet. Die Diebe, zwei jugendliche Strolche, der eine von Bellersdorf und der andere von Hohen- Solms, wurden am andern Morgen hier verhaftet. Den Teppich hatten sie zufällig einem andern Rodheimer Fuhrmann zum Verkaufe angeboten, dieser aber erkannte denselben und nahm ihn an sich. — Wegen einer nicht unbedeutenden Körperverletzung, begangen von einem Gärtnergehilfen an dem Lehrling einer Gärtneret in der Grünbergerstraße, wurde am vorigen Samstag Anzeige erhoben. Amversttäts - tzhromL. München, 16. September. Professor Carl von Prantl von der hiesigen Uni> versität ist gestern in Oberstdorf, 69 Jahre alt, gestorben. — Dem Professor an der Universität Königsberg, Geh. Regierungsrath vr. Neumann, welcher am 11. d. M. seinen 90. Geburtstag beging, ist vom Kaiser der Kronenorden 1. Klasse verliehen worden. Die Universität ließ durch ihren Prorektor, Prof vr. Prutz, ein Glückwunschschreiben und eine künstlerisch ausgeführte Adresse über- reichen. Oeffentliche Kundgebungen, welche die Studirenden beabsichtigt hatten, mußten auf Wunsch des greisen Gelehrten unterbleiben. — Privatdozent vr. Trautmann in Berlin ist zum a.-o. Professor ernannt worben. Prioaldozent Horstmann erhielt den Titel „Professor". Vermischtes. nn. Darmstadt, 16. September. Die gelegentlich der Eröffnungs-Vorstellung in unserem Hoftheater an der elektrischen Beleuchtungsanlage stattgefundene Betriebsstörung wurde seither, jedoch mit Unrecht, der mit der Installation der elektrischen Leitung im Hoftheater betraut gewesenen Firma Siemens u. Halske zur Last gelegt. Wie ich jedoch von competenter Seite erfahre, wurde die Störung dadurch hervorgerufen, daß an den Dynamomaschinen des Elektrizitätswerkes die negativen und positiven Pole bei der Montirung verwechselt wurden und daß hierdurch eine falsche Leitung des elektrischen Stromes entstanden ist. Die indirekte Ursache dieser Falschleitung war sodann die Ueberladung der Akkumulatoren durch elektrischen Strom und das Abschmelzen der Bleischaltungen. Erst durch den letzteren Umstand war man auf den Fehler aufmerksam geworden. Nachdem nunmehr der Fehler gehoben ist, functtonirt die elektrische Beleuchtung in musterhaftester Weise. nn. Die Kunde von einem heute Nacht stattgefundenen Raubmord durcheilt soeben unsere Stadt und versetzt unsere Einwohnerschaft von Neuem in Aufregung. Heute Nacht gegen halb 2 Uhr wurde der in der Bessunger Weinbergstraße Nr. 12 in Miethe wohnende Schuhmacher Oppermann in seiner Wohnung durch ca. 14 Messerstiche ermordet und seiner gesammlen Baarschaft, sowie seiner Uhr beraubt aufgefunden Der Ermordete, ein fleißiger Arbeiter, war in der Bessunger Schuhfabrik beschäftigt und hatte am Mittag seinen Lohn erhalten. Bei Ankunft der Schutzmannschaft lebte Oppermann noch, konnte aber keine Angaben über den oder die Thäter mehr machen sondern verschied kurze Zeit darauf. Unsere gesammte Schutzmannfchaft ist in fieberhafter Thätigkeit, um die Mörder, welche ihr bereits bekannt sein sollen, zu verhaften. A Mainz, 16. Sept. Nächsten Sonntag den 23. ds. Mts. veranstaltet der Mittelrheinische Rcnnverein auf der Ingelheimer Au hier sein Herbstrennen. — An dem gleichen Tage feiert auch der Mainzer Ruder-Verein sein zehnjähriges Stiftungsfest und zwar in Verbindung mit der Schlußfeier der Rudersaison 1888. Neben einem allgemeinen Festcommers wird der wesentlichste Theil der Feier ein Ruderfest auf dem Wasser sein, bei welchem auch das hier lang nicht gesehene Schauspiel eines Schifferstechens vorgesehen ist. Ihre Beiheiligung an der Feier hat die Frankfurter „Germania" und der Straßburger Ruderoerein bereits offiziell zugesagt. — Ein hiesiger Arzl wurde letzter Tage bei einem Krankenbesuch vor der Wohnung des Patienten von einem großen Hund angefallen und derart zugerichtet, daß er blutüberströmt nach seinem Hause gebracht werden mußte. — Die Manövertruppen der hessischen Division werden kommenden Montag wieder in ihre Garnisonen zurückkehren. — Gestern feierte der von Angehörigen aller Confessionen gleich geschätzte Pfarrer Kemps hier das 25jährige Jubiläum seiner Thätigkeit als Seelsorger in dem hiesigen Spital. A Mainz, 16. Sept. Mit dem Gefolge der Hofmarschälle v. Westerweller und v. Wernherr und eines Generalslabsoffiziers traf. heute Vormittag kurz vor 11 Uhr der Großherzog mittelst Extrazug auf dem hiesigen Centralbahnhof von Darmstadt hier ein. Nach einem kurzen Aufenthalt im Fürstensalon des Bahnhofs bestieg derselbe unter dem Geleite des Provinzialdirektors Küchler und Geheimrath Reinhardt einen bereitstehenden Salonwagen, in welchem der hohe Herr mit dem fahrplanmäßigen Zug 11 Uhr 20 Min. nach Bingen weilerfuhr. Von dorten setzte der Großherzog die Reise mittelst Exttazug fort. — Die Rückkehr des Großherzogs nach Darmstadt aus den Manöoern der 25. Hessischen Division erfolgte gestern Nachmittag mit dem Zuge 4 Uhr 30 Min. Aus der Zeit der Anwesenheit des Großherzogs hier ist noch nachträglich zu erwähnen, daß drgestern im Großh. Palais eine Hoftafel stattfand, zu welcher Einladungen an ok Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden, sowie verschiedene Notabeln von Mainz ergangen waren. — Ein ergötzliches Geschichtchen erzählen Mainzer Blätter, welches dem Bürgermeister einer benachbarten Landgemeinde anläßlich der Anwesenheit des Großherzogs passirt sein soll. Das Gemeindeoberbaupt hatte sich zu dem Empfang des Landesfürsten eine schöne Rede zurecht gemacht und brav auswendig gelernt. Der Großherzog kam und mit ihm der Redemoment für den Bürgermeister. Die ersten Worte des ländlichen Demosthenes gingen ganz glatt von statten, dann gerieth er in's Stocken und zwar derart, daß er unter allgemeinem Gelächter das Geftändniß machte: „Königliche Hoheit, alles andere habe ich wieder vergessen!" Der Großherzog soll bet der Scene nicht am wenigsten gelacht haben. — sWenn man gerührt ist.) Karoline hat ihrem Landsmann Wilhelm, der bei der Garde steht, ein Paar weiße Strümpfe zu seinem Geburtstag gestrickt und Überreicht sie ihm unter freundlichen Glückwünschen. „Karline", schluchzt der Beschenkte gerührt, „Karline, Du bist zu jut — die schönen weißen Strümpfe — ick werde se ooch mein janzes Leben lang dragen!" Handel und Verkehr. Grünberg, 15. September. (Fruchtvreise). Weizen uK. 17,80, Korn JL 16,80, Gerste JL 13,(0, Hafer JL 12,20, Erbsen JC 00,00, Samen Jt CO,00, Wicken Jü 00 00 Kartoffeln JL 0,00. Lein JL. 00.00. ' Literarisches. — Soeben ist von der altbekannten, in vielen tausenden Exemplaren verbreiteten Frommann'schcn Karte Von Hessen die 22. Auflage erschienen. Dieselbe ist eine wesenllich umgearbeitete und verbesserte; sie enthält alle Eisenbahnen (auch Secundär- bahnen), alle Straßen und bis heute angelegten öffentlichen Wege. Durch diese speciellen Vorzüge, sowie durch unerreichte Vollständigkeit, Genauigkeit und Klarheit nimmt sie unbe- skltten weitaus den ersten Rang unter allen Karten über Hessen ein und ist für jedes Bureau, Comptoir, sowie für Hotels, Restaurants u. bergt ein ebenso unentbehrlicher wie chöner Zimmerschmuck. Die Karte ist aus dem bewährten Verlage von Emil Roth in Gießen hervorgeganqen und in jeder Buchhandlung für 2 Mark 80 Pfg. erhältlich. Wie heizt man Räume, welche keinen Schornstein haben? 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[7434 gteU e». wenn eich de» Leidende au spät nach 2 Rettung omueht Wer an Kch win 1 I .1 Illi >1 ■ Die Bäume auf unserem Ariedhose- Unser so schön gelegener Friedhos ist ein blumengeschmückter H»in; mächtige Baumkronen überragen die Grabreihen und wcchsclvoll ist die Auswahl der Bäume. In erster Linie sind Nadelhölzer von cypressenähnlichem Wüchse als Trauer- bäume angepflanzt; ihr düsteres Colorit, ihr streng begrenztes, obeltskenartigcs Wachs- thum lädt sie so recht als pflanzliche Letchenstetne erscheinen und gibt dem Ruheplatz der Tobten ein ernstes, weihevolles Gepräge. Der Lebensbaum ist in mehreren Arten anzutreffen (Thuja gigantea, oooidentalis oompaota, crista ta, globosa, plicata und lobii). Finster und traurig erscheint der westliche Lebensbaum, der von Nordamerika zu uns kam; sein kegelförmiger Wuchs nimmt am Grunde oft bedeutende Dimensionen an; die fast wagrecht abstehenden Zweige lösen sich auf in ein regelloses Gekotrr allseitig abstehender, mit dunkelgrünen Schuppen bekleideter Aestchen, welche die kleinen, elliptischen Zapfen tragen, die, in Menge auflretend, durch ihr schnelles Braunwerden den Farbenetndruck des Baumes erheblich stören. Dagegen zeichnet sich der nordamerikanische Lebensbaum durch absolute Kältefestigkeit aus, kein Wintcrfrost stört ihn. Vom Volke wird er gern als Cypresse bezeichnet, mit der er im Wuchs und Colorit auch manche Aehnlichkcit hat. Die wirkliche Cypresse des Südens verträgt aber nur Kälten von wenigen Graden und ist bet uns unmöglich im Freien zu erhalten. Ihr ungemein ähnlich in Schlankheit des Baues find die säulenförmigen Wachholder (Juniperue), welche nicht selten als Grabzierden gepflanzt werden. Diese eigenartige Form unseres wilden Wachholders bildet Säulen von ost kaum einem Fuß Durchmesser bet zwanzig Fuß Höhe und ist so recht geeignet, wie ein stilles Aufrufs-Zeichen unseren Blick an eine Grabstätte zu fesseln. Aus der Fülle unserer Laub Hölz er sind in ihrem ursprünglichen Wüchse fast nur zwei Bäume verbreitete Kirchhofsgäste, die Birke und die Zitterpappel. Beide haben miteinander gemein das ewig unruhige, sanft rauschende Laubwerk, die Zitter- nappel oder Espe in wett höherem Maße noch als die Birke. Sie war es bekanntlich, die allein an jenem traurigen Freitage das Haupt nicht beugte, als Christus verschied. Alle Bäume trauerten und senkten die Blätter, nur die Espe stand aufrecht, als dec Todesengel daherzog. Ta goß er die Schale mit dem Blute des Erlösers am Fuße des Espenstammes aus, und die starre Espe ward zur Zitterpappel, deren junge Blätter blutroth aus der Knospe brechen im ersten Frühjahr und ketoe Ruhe am Baume finden können, sondern zittern und rauschen, bis der Nordsturm im Herbste sie herunterweht zur Mutter Erde und des Schnees Leichentuch auch ihnen Ruhe bringt. Die Birke ist so recht zum Trauerbaum geschaffen; ihre herabhängenden Aeste, ihr mattes Laub, der weiße Stamm, alles vereinigt sich, die mit jedem Boden vorlieb nehmende, zur ernsten Genossin der Zitterpappel oder der finsteren schweigsamen Föhre zu machen. Des Menschen Hand hat es verstanden, eine eigene Trauerbirke (Betula alba var. pendula haben wir auf unserm Friedhöfe) zu züchten; ihr Astwerk senkt sich im schlaffen Bogen zur Erde und scheint den unter ihr schlummernden zu beweinen. Weeping willow nennt sie der Engländer. Derartige Trauerformen existtrcn von zahlreichen Baumarten und finden sich in mannigfachem Wechsel als Grabschmuck. An irgend _einer Stelle zufällig entstanden, werden solche Formen mit hängenden Aesten von gärtnerischer Hand vermehrt und weiter gezogen und pflegen in den meisten Fällen dann dauernd zu werden, wenn auch hin und wieder ein einzelner Ast sich einmal des ursprünglichen Wuchses seiner Stammart erinnert und grade aufschießt. So sehen wir auch auf unserm Friedhöfe Trauereschen (Fraxinus excelßior var. pendula), Trauerespen, Trauerelchen (Queren» ©occinea), Trauerweiden (Salix babylonioa) und zahlreiche andere Trauerbäume am Kopfende unserer Gräber ihre Aeste zu Boden senken. Blumen mit lebhaft gefärbten Blüthen sind als Grabzierde nur wenig beliebt, höchstens die dunkelrosa blühende Akazie. Merkwürdigerweise fehlen unfern Friedhöfen fast ganz die japanischen Magnolien, deren prächtige riesengroße, weiße oder weiß-rosa Blumen im allerersten Frühjahr erscheinen und von so langer Dauer sind, daß sie so recht zum Grabschmuck geeignet erscheinen. Von den Blüthensträuchern und Blumen unseres Friedhofes ein anderes Mal! (Nachdem ich diesen Artikel der Redaction übergeben, erfahre ich zu meiner großen Ueberraschung, daß alle Bäume auf unserm Friedhöfe eigentlich zu Unrecht bestehen, daß ihr Dasein ungesetzlich ist. Es ist in der That so! In 8 7 der Friedhofsordnung vom 10. September 1875 heißt es wörtlich: „Das Bepflanzen der Gräber mit Blumen und kurzen Ziersträuchern ist erlaubt, mißständige Pflanzen von größerem Gehölz und Bäume dagegen sind untersagt, und hat der Stadtoorstand das Recht, solche Bepflanzungen entfernen zu lassen, wenn die wegen der Entfernung erlassene Aufforderung unbeachtet gelassen wird!) Repertorr der vereinigten Stadtthcater zu Frankfurt a. 3)1. • Opernhaus. Dienstag den 18. September: Der Freischütz. Große Preise. Mittwoch den 19. September: Erstes und vorletztes Gastspiel des Kammersängers Vogl aus München. Neu einstudirt: Siegfried. Außer Abonnement. Erhöhte Preise. Donnerstag den 20. September: Prophet. Große Preise. Freitag den 21. September: Zweites und letztes Gastspiel des Kammersängers Vogel aus München. Lohengrtn. (Lohengrin: Herr Vogel.) Außer Abonnement. Erhöhte Preise. Samstag den 22. September: Der Wildschütz. Hierauf: Coppelia. (2. Akt). Große Preise. Sonntag den 23. September: Margarethe. Große Preise. Montag den 24. September: Die Reise um die Erde in 80 Tagen Außer Abonnement. Große Preise. Schauspielhaus. Dienstag den 18. September: Zum ersten Male: Antoinette. Schauspiel in 4 Akten von Hans Norweg und Curt Kraatz. Große Preise. Mittwoch den 19. September: Kaufmann von Venedig. Große Preise. Donnerstag den 20. September: Abonnements-Vorstellung für einen ausgefallenen Samstag. Mutter und Sohn. Große Preiie. Freitag den 21. September: Ein Erfolg. Große Preise. Samstag den 22. September: Zum ersten Male wiederholt: Antoinette. Große Preise. Sonntag den 23. September: Elfte und vorletzte Vorstellung im Cyclus classischer Dramen. Elfte Vorstellung im Sonder-Abonnement. Neu einstudirt: Tartuffe. Hierauf: Der Geizige. Kleine Preise. Montag den 24. September: Ein Lustspiel. Große Preise. fjRittnrkfort Herr C. Retter tn München übergab mir ein „Haarwasser" mit \S/UlUU./lvlU dem Gesuche, dasselbe zu prüfen und gutachtlich darüber zu berichten. Die angestellte Analyse ergab durchaus keine den Haaren nachtheilige Materien; ihre Bestandtheile sind vielmehr solcher Art, daß von dem Gebrauche des Mittels eher ein wohlthLttger Ginstutz auf das Wachsthum der Haare zu erwarten ist und steht daher ihrer Anwendung keinerlei Bedenken entgegen München, 7. IX. 67. (L. S.) vr. G- C- Wittstein. Zu haben um 40 H u. 1.10 bei I. H. Fuhr, Sonnenstraße.529 Freitag, den 21. September, Nachmittags 2 Uhr, sollen auf dem hiesigen Ortsgericht die Immobilien der Karl Kromdach Eheleute, als: Flur 1 Nr. 342 — 19 Mtr. Hofraum mit Stall in der Kaplansgasse, Flur I Nr- 343 — 19 Mtr. Einfahrt daselbst, Flur I Nr. 344 — 44 Mtr- Hofraithe daselbst, Flur I Nr- 345 — 88 Mtr- Hofraithe daselbst öffentlich meistbietend versteigert werden- Gießen, den 11. September 1888. Großh. Ortsgericht Gießen. Lüdeking. 6260 Aeilgeöotmes. Empfehle ein SR i 0 i* aus der ausgezeichnetes Aktien« brauerei Gießen in ganzen und halben Flaschen, in jedem Quantum- Helles Exportbier, die Flasche 23 H, ,, Va h 12 „ dunkles r Vi » 25 * Va „ lo N Lagerbier, .. Vi » 18 „ , „ V? „ 10 „ Bier in jeder Quantität im Fatz für Private wird jederzeit ebenfalls zu demselben Preise wie von der Brauerei geliefert und bin ich in der Lage, jeden Auftrag sofort auszuführen. ^01 H. Werver, Bismarckstraße 6—8. Neue Linsen 1 (gutkochend) b. 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