M. 2 Dienstag den 3. Januar 1888. Gießener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. SMrcau: Schul ft raße 7. Erscheint tägLich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst Politische Ueberficht Gießen, 2. Januar. Die Neujahrs-Cour bei den Kaiserlichen Majestäten hat am Neujahrstage in der hergebrachten Weise stattgefunden, so daß zuerst die zur Zeit in Berlin anwesenden Mitglieder der Königlichen Familie, hierauf dre Hofstaaten, dann die Staatswürdenträger, die Generalität u. s. w. zur Be- glückwünschung erschienen. Den Beschluß bildete Nachmittags 2 Uhr der feierliche Empfang der Botschafter durch den Kaiser. Erfreulicher Weise hat das kaiserliche Paar das neue Jahr in erwünschtem Wohlsein antreten können. Die Theilnahme des deutschen Volkes an dem Geschicke seines Kronprinzen hat sich auch anläßlich des Jahreswechsels wieder glänzend geäußert. Unzählig sind die Aeußerungen herzlichsten Mitgefühles, die aus der Heimath zum Neujahrstage abermals beim Kronprinzen in San Remo ein- gelaufen sind, ganz besonders ragt aber die imposante Kundgebung der Bürgerschaft Berlins hervor, die allerdings noch nicht zur vollzogenen Thatsache geworden ist. Anläßlich des Jahreswechsels wird dem Kronprinzlichen Paare eine Riesenadreffe der Bürger der Reichshauptstadt überreicht werden, welche bereits gegen 190,000 Unterschriften zählt. Auch in Nürnberg ist laut einstimmigen Beschluffes des Magistrates eine Neujahrs-Glückwunsch.Adreffe an den deutschen Thronfolger und seine Gemahlin aufgelegt worden. Wenn etwas geeignet erscheint, die Hoffnung auf die Genesung des theueren Kranken neu zu beleben, so sind es die fortgesetzt ungewöhnlich günstig lautenden Nachrichten, welche jetzt aus San Remo über das Befinden des Kronprinzen einlausen und denen zufolge auch in dem örtlichen Leiden des hohen Herrn eine wesentliche Besserung eingetreten ist. Papst ßeoXIII hat gelegentlich seines gegenwärtigen Priester-Jubiläums die schon signalisirt gewesene Encyclika an die bayrischen Bischöfe gerichtet. Das päpstliche Rundschreiben schlägt einen ziemlich selbstbewußten Ton an und behandelt in sehr bestimmter Weise die Fragen betreffs der Seminarien, der Ausbildung des Clerus und der Erziehung der Jugend. Zwar werden die Gläubigen ermahnt, geheimen Gesellschaften fern zu bleiben und weist der Papst ferner auf die aus der Einigkeit zwischen Kirche und Staat erwachsenden Vortheile hin, anderseits fordert er aber auch die Katholiken Bayerns auf, die Rechte der Kirche und des Glaubens energisch zu verfechten und erinnert er an das zwischen Bayern und dem Vatican abgeschlossene Concordat. Zum Schluß bedauert der Papst, daß der Staat seinen Verpflichtungen nicht ebenso nachgekommen sei, wie der heilige Stuhl und setzt er seine Hoffnung aus die Weisheit des Prinz-Regenten. — Diese Schlußwendung in der päpst- lichen Kundgebung wirkt um so überraschender, als ja Leo XIII. vor gar nicht so langer Zeit seine hohe Befriedigung über die günstige Lage der katholischen Kirche in Bayern ausgesprochen hat und daß seitdem eine Veränderung eingetreten sein sollte, muß entschieden zurückgewiesen werden. In dem europäischen Situationsbilde wechseln noch immer Licht und Schatten mit einander ab. Auf der einen Seite werden „beruhigende Erklärungen" in Aussicht gestellt, und bemühte mau sich, die besonderen Missionen des Herrn v. Schleinitz in Petersburg und des Grafen Peter Schuwa- loff in Berlin im Lichte einer Wendung zum Besseren erscheinen zu lassen, während zugleich Mittheilungen von erneuten befriedigenden Versicherungen austauchen, welche der Botschafter Rußlands in Wien. Fürst Lobanoff, dem dortigen Cabinet abgegeben haben soll. Auf der anderen Seite wird versicherte daß die russischen Truppenaufstellungen an den Westgrenzen ihren uu- gehinderten Fortgang nähmen und daß jetzt besonders im Südwesten des Czarenreiches, gegen die rumänische Grenze, Truppen angesammelt würden. Alle die sensationellen Meldungen über die militärischen Vorkehrungen Rußlands lassen sich indessen nur schwer auf ihre Richtigkeit hin prüfen, zumal die gerade zur Weihnachtszeit im Osten vielfach eingetretenen Eisenbahnstockungen — eine Folge der Schneefälle — den Informationen über die wahre Sachlaa e nicht gerade förderlich sind. Indessen läßt sich doch nicht verkennen daß Rußland in seinen „Vorsichtsmaßregeln" sortsährt und bierzu gehört auch die Umwandlung der „Localbataillone" in Archangel, Petrosawodsk. Perm, Ufa Orenburg und Astrachan in Reserve - Cadres - Bataillone, jedes zu 5 Com- paqnien. Da es sich hierbei aber um Truppenformationen im äußersten Osten des europäischen Rußlands handelt, so dürsten dieselben für etwaige europäische Verwickelungen schwerlich in Betracht kommen. Was das Gerücht anbelangt, der gegenwärtig in Paris weilende Commandeur des russischen Gardecorps, Herzog Alexander von Oldenburg, habe Seitens des Czaren den Auftrag, einen bestimmten russisch-französischen Allianzvertrag zu Stande zu bringen, so ist dasselbe wohl nur auf Rechnung des Allarmirungsgeschästes zu setzen, welches gegenwärtig von einzelnen Seilen mit mehr Eifer als Geschick betrieben wird. Auf das nämliche Conto wird auch die Meldung Pariser Blätter zu schreiben sein, wonach der Czar bei dem jüngst stattgefundenen Empfange des französischen Botschafters, Herrn v. Laboulage, demselben Versicherungen warmer und aufrichtiger Feundschaft für Frankreich gegeben habe. Daß sich aber der jetzige russische Herrscher nun auf einmal zu dem französischen Rrdicalismus so stark hingezogen sühlen sollte, möchte doch zu bezweifeln sein. Deutschland. Darmstadt, 31. December. Se. Königl. Hoheit der Großherzog empfingen heute zum Vortrag den Staatsminister Kinger, den Ministerial- Präsidenten Weber, den Hosceremonienmeister Geheimerath v. Werner. Darmstadt, 31. Decbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 15. Decbr. dem Schullehrer Ludwig Karl Göbel zu Dautenheim, im Kreise Alzey, das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift: ,gür lanfl» jährige treue Dienste" zu verleihen. Berlin, 31. December. Der Kaiser nahm den Vortrag des Bevollmächtigten des Militärkabinets, Oberst v. Brauchitsch, entgegen, wie auch die Meldungen mehrerer hier eiugetroffener Generale und machte daraus um 2 Uhc eine Spazierfahrt. Um 4 Uhr erscheint der Staatssecrelär Gras Herbert Bismarck zum Vortrag. Die Kaiserin empfängt um 4 Uhr den portugiesischen Gesandten behufs Entgegennahme des Ordens der „Empsängniß unserer lieben Frauen von Villa Vicosa." Gestern war Se. Maj. der Kaiser in der Oper. Daraus fand Einnahme des Thees bei Ihren Majestäten statt, wozu auch Minister Dr. Lucius, Generalpostmeister Dr. Stephan und Prinz Josef Windiischgrätz geladen waren. — Der Präsident Dr. Pape hat dem Reichskanzler den in erster Lesung festgestcllttn Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuchs überreicht. Berlin, 31. December. Es darf jetzt al» sicher angesehen werden, daß die Vorlage, die Verlängerung und Abänderung des Socialistergesetzes betr., dem Reichstage erst kurz vor seinem Wiederzusammentreten zugehen wird. Wenn auf diese Weise eine vorzeitige Erörterung der Vorlage in der Presse verhindert werden sollte, so kann ein Blick in die Zeitungen beweisen, wie dieser Zweck erreicht ist. Damit beim Ernst auch die Komik nicht fehle, wird von osficiöser Seite daraus aufmerksam gemacht, daß auch das Gefitz über den Schutz der Vögel, da« mit dem Socialistengesetz an ein und demselben Tage im Bundesrath erledigt wurde, noch nicht eingebracht sei. Kiel, 31. December. Der Magistrat und dar Stadtverordneten Collegium übersandten anläßlich des Jahreswechsels eine Adresse an Se. Königl. Hoheit den Prinzen Heinrich nach San Remo, mit der Bitte, Sr. K. und K. Hoheit dem Kronprinzen die Glückwünsche der Stadt Kiel persönlich zu übermitteln. Hesterreich. Wien, 31. December. Der „Pesther Lloyd" bringt einen pessimistischen Artikel und läßt durchblicken, daß die Situation auf einem kritischen Punkt angelangt sei. Ein Versuch, die Situation aus Kosten der Würde und de« Ansehens der Monarchie zu klären, habe keinerlei Erfolg in Aussicht. (Fr. I.) Wien, 1. Januar. Die „Wiener Ztg." bemerkt zu der gestrigen Veröffentlichung der gefälschten Aktenstücke durch den deutschen „Reichs-Anz." : „Dadurch, daß Kaiser Alexander selbst zur Aufdeckung der Fälschungen mitwirkte, ist deren Ziel, ihn mit Argwohn oder Mißtrauen gegen die deutsche Politik zu erfüllen, röllig vereitelt, und hierin liegt wiederum ein gewichtige« Moment für die Erhaltung des Friedens." Belgien. Brüssel, 31. December. Der „Nord" sagt, wenn verlangt würde, daß Rußland seine Ansprüche in der bulgarischen Frage sormulire, so sei zu entgeg- nm, daß diese Ansprüche von lang her bekannt seien. Rußland verlange die Anwendung des Berliner Vertrages, es könne ihm aber nicht genügen, wenn man sich platonisch zu Gunsten desselben ausspreche. Italien. Rom, 31. December. Der König und die Königin empfingen gestern Abend die Mitglieder des diplomatischen Corp». Die Herren wurden von dem russtschen Botschafter, als Doyen des diplomatischen Corp», die Damen wurden von der Gemahlin des franzöfischen Botschafters vorgestellt. — Der Papst empfing heute Nachmittag in besonderer Audienz den Grase« v. Brühl-Pförten, welcher ein eigenhändiges Glückwunsch-Schreiben Sr. Maj. ds« Kaisers Wilhelm überreichte. — Der Papst empfing heute, außer dem Spcclalgesandten Sr. Maj. des deutschen Kaisers, auch den portugicfischm Botschafter, welcher ein eigenhändiges Schreiben seines Monarchen mit einem Kelch überreichte, sowie die Specialgesandten des Königs von Sachsen und des Königs der Niederlande. — Viele Pilger sind durch Schneestürme in Bologna zurückgehalten, zwischen Ravenna, Ancona und Bologna ist der Eisenbahnverkehr eingestellt. Nemo, 1. Januar. Der Kronprinz erhielt viele hundert Glückwunsch- Telegramme. Mittag» erschienen in der Villa Zirio die Spitzen der Behörden, die Konsuln und Vicekonsuln zur Gratulation. Am Syloester-Abend führten die Kinder der Kronprinzen im Salon der Villa Zirto ein kleiner Lustspiel auf. Hierzu waren eingrladen sämmtltche Personen der Gefolges und dar Dienst- perional. Der Kronprinz war bis Mitternacht in heiterster Stimmung im Familienkreise. Sein Befinden ist vorzüglich. (Fr. Z>g) Telegraphische Depesche«. Wolff'S telegr. Meiningen, 1. Januar. Die Herzogin-Mutter Marie ist heute früh gestorben. (Die Herzogin-Mutter Marie, geboren 1804, war die Tochter des Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen und dessen Gemahlin Auguste, einer Tochter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm II. Ihr Gemahl, Herzog Bernhard, ist 1882 gestorben; ihr Enkels der Erbprinz Bernhard, ist mit Charlotte von Preußen, einer Tochter des deutschen ftron= prinzen^mrmMt.)^ Heute Vormittag um 10 Uhr brad) in der alten Börse Feuer aus, das noch nicht gelöscht ist, aber auf seinen Herd beschränkt bleiben dürfte. Das in nächster Nähe liegende Rathhaus, sowie die umliegenden Gebäude sind unversebrt^^^, $anuar> Der Gesandte in Berlin, Graf v. Benomar, ist zum spanischen Botschafter ebendaselbst ernannt worden. Rom, 1. Januar. Durch eine gestern erfolgte amtliche Veröffentlichung ist der Handelsvertrag zwischen Italien und Oesterreich - Ungarn vom 7. v. Mts. mit dem hentigen Tage in Kraft gesetzt worden. Belgrad, 1. Januar. Der „Polit. Corr." zufolge ist das neue Cabmet wie folgt gebildet: Oberst Gruic Vorsitz und Krieg, Oberst Franaffovic Aeutzeres, Veli- mirovic Bauten, Mtloslaoljevjc Inneres, Wuic Finanzen, Popovic Handel und Gerschtc^Justtt^ Januar. Eine Botschaft des Königs spricht den Schluß der parlamentarischen Session und die Auflösung der Depulirtenkammer aus. Die Neuwahlen sind auf den 4. Februar anberaumt und die Kammern follen am 19. Februar zusammentreten. — In Folge von Schneewehungen sind die Verkehrsoerbindungen im Lande mehrfach unterbrochen. ___________ Die gefälschten Aktenstücke in Sachen des Coburgers. Berlin, 31. December. Der „Reichsanzeiger" beginnt heute die Publikation der gefälschten Actenstücke mit folgender Einleitung: . r, Es ist bekannt, daß auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers von Rußland dem deutschen Reichskanzler gewisse, die bulgarische Frage betreffende Actenstücke behufs Prüfung des Inhalts und Ursprungs desselben mitgetheilt worden sind. Es hat sich ergeben, daß diese Actenstücke lediglich erfunden worden sind, um die Aufrichtigkeit der deutschen Politik zu verdächtigen. Der Zweifel an der Chrlichtett derselben wäre berechtigt gewesen, wenn solche Actenstücke auf Wahrheit beruhten, da die deutsche Politik das Unternehmen des Prinzen Ferdinand von Coburg in Bulgarien von Anfang an und zu jeder Zeit als ein den bestehenden Verträgen zuwtdcrlaufendes angesehen hat und noch ansieht und sich in diesem Sinne allen Cabinetten und insbesondere dem russischen gegenüber amtlich ausgesprochen hat. Es würde daher, wenn die Actenstücke und namentlich das dem deutschen Botschafter in Wien zuaeschriebene echt und die Andeutungen in den fingirten Briefen in der Wahrheit begründet gewesen wären, der amtlichen deutschen Politik mit Recht der Vorwurf der Dupltcität und ihren amtlichen Erklärungen der der Unehrlichkeit haben gemacht werden können. Die deutsche Regierung, welche natürlich bemüht ist, bet den befreundeten Mächten das Vertrauen auf ihre Zuverlässigkeit und Offenbeit zu erhalten, hat daher ein lebhaftes Interesse daran gehabt, die Unechtheit der Actenstücke festzustellen und öffentlich zu bekunden. Die angestcllten Ermittelungen haben ergeben, daß zwischen Ihrer Königlichen Hoheit der Gräfin von Flandern und dem Prinzen Ferdinand von Coburg niemals eine Correspondenz irgend einer Art stattgefunden hat und daß eine politische Eröffnung wie die dem Botschafter Prinzen Reuß zugeschriebene von diesem niemals gemacht worden ist. Auch die Beziehungen, welche anderen hohen Herrschaften in den Actenstücken zugewiesen werden, haben sich als Erfindungen herausgestellt; die Actenstücke sind danach von bisher unermittelten Personen lediglich zu dem Zwecke, Mißtrauen zwischen den europäischen Mächten heroorzurusen, ohne jede thatsächliche Unterlage erfunden und zusammengestellt worden. Im Nachstehenden geben wir den Wortlaut der gefälschten Depeschen ins Deutsche übersetzt: z Nr. 1. Brief des Fürsten Ferdinand von Bulgarien an die Gräfin von Flandern vom 27. August 1887.*) „E. k. H. kennt die unvorhergesehenen Ereignisse, welche soeben meine bisher so geflissentlich friedliche Existenz gekreuzt haben. Ein tapferes edles Volk, das in seiner Freiheit bedroht ist, richtet durch seine Vertreter die einstimmige Bitte, Auftrag und Befehl an mich, zu kommen, um cs zu lenken und zu leiten. Es ist das ein Versuch, der über meinen Kräften und besonders außerhalb meiner Neigungen steht. E. k. H. kann sich davon überzeugen, wenn Sie sich an die Unterredungen und Beziehungen erinnern, welche wir zu der Zeit u. A. in Ischl gehabt haben, wo die gewissermaßen mütterliche Zuneigung, welche Ew. Hoheit mir zeigten, meinen Charakter zwang, sich völlig zu offenbaren Ich stehe, sozusagen allein gegen Europa. Die Versicherungen, welche ich von Konstantinopel erhalten habe, sind kläglich. Vom bulgarischen Gesichtspunkte und dem der Angelegenheiten des Fürstenthums aus ist für mich S. M. der Sultan nicht von größerem Werthe, als S. M. der Czar: Dies sind bis jetzt zwei erklärte Feinde. Die Stimmung von Wien ist kaum ermuthigender, und ich weiß aus sicherer Quelle, was Sie ebenso gut, sogar besser wie ich, wissen müssen, daß man dort S. M. den König der Belgier hat bitten lassen, bei mir zu interventren, um mich zu bestimmen, die bulgarische Herrschaft nicht anzunehmen Aber ich kann es im Vertrauen Ew. Hoheit sagen, ich hätte nicht definitiv angenommen und hätte mich besonders nicht mit dieser Lebhaftigkeit nach Sofia begeben, wenn ich nicht von Berlin sehr zufriedenstellende Mtttheilungen bezüglich meiner Situation erhalten hätte. Ich mache mir keine Illusionen über den Werth dieser Versicherungen, ich weiß, daß ich nur ein Stück im Schachspiele des Fürsten Bismarck bin. Aber die Personen, welche ich um Rath gefragt habe und wächen ich nichts von meiner Lage verborgen habe, der Berliner Horizont mit inbegriffen, haben mir versichert, wie ich es auch selbst glaube, daß die Wichtigkeit dieses Stückes groß genug ist, daß man, in gewissen gegebenen Umständen, für das Fürstenthum und für meine Person daraus Stabilität und eine definitive Macht gewinnen kann. Um Ihnen zu beweisen, daß ich nicht leichtsinnig und ohne folgerichtiges Denken mich in ein Abenteuer gestürzt habe, überreiche ich Ew. Hoheit eine Abschrift einer Note, welche, es ist wahr, nicht unterzeichnet, aber authentisch und vollständig von der Hand des deutschen Botschafters in Wien geschrieben ist. betreffend die geheimen Gefühle der deutschen Reichskanzlei bezüglich meiner Candibatur, meiner Zukunft und der Initiative, die mir gelassen ist." Im Folgenden bittet der Coburger um die Vermittlung der Gräfin beim König von Rumänien, damit dieser versuche, den Zaren wenigstens von der Aufrichtigkeit feiner (des Coburgers) Sache zu überzeugen. „Ich kann in den Augen meiner Unterthanen von dem Gefühl meines großen Resoects vor dem Kaiser Alexander nicht mit der Energie Probe ablegen, wie ich wohl möchte; aber, es komme von Petersburg nur der Ausdruck des einfachen Gefühls von Wohlwollen für den neuen Bulgarenfürsten, und die ganze Lage wird plötzlich beleuchtet fein. Ew. Hoheit und Ew. Erlauchter Bruder haben in einem so hohen Grade das Gefühl für die delicaten Nüancen, die in St. Petersburg anzuwenden sind, daß ich glauben würde, es an Refpect fehlen zu lassen, wenn ich noch weiter drängte." Der Coburger bittet noch dringend um die vermittelnde Neigung des Königs der Belgier, dessen Vater ja bei der Thronbesteigung ähnliche Schwierigkeiten durchzumachen hatte, und hofft sicher, daß der König die so sehr erschütterten Sympathien in Wien dem Coburger wieder zuwenden werde. Das Schreiben schließt: *) Der deutsch geschriebene Brief ist in das Französische übersetzt worden. „Ich bitte Ew. Hoheit, meine Mittheilung über Berlin gegenüber S- M. dem I König Karl von Rumänien als absolut vertraulich zu betrachten und halte es für i unnöthig, die Gründe dafür auseinanderzusetzen. Ich überlasse im Gegentheil Ew. Hoheit völlig das Urtheil über die Zweckmäßigkeit einer Mittheilung dieses Actenstückes an l S- M- den König Leopold. Ich bin in tiefer Ergebenheit Ew..Hoheit- rc. rc. Nr. 2. Anlage zu dem Briefe des Fürsten Ferdinand an die Gräfin von Flandern: *) „Indem ich Ew. Hoheit von den Empfindungen und Ideen, mit deren Darlegung ich beauftragt bin, Rechenschaft gebe, kann ich Ihnen nur sagen, daß die Regierung Ihnen keinerlei Rathsckläge oder Weisungen, betreffend die Besitzergreifung des bulgarischen Thrones, zu ertheilen bat, die deutsche Regierung ist durch Verträge gebunden, welche sie achtet. Die Besitzergreifung vom bulgarischen Throne ist unter den obwaltenden Umständen vor Allem eine Frage persönlicher Empfindung der Initiative, welche auf die Gefahr Desjenigen hin unternommen werden muß, der sie unternimmt und welchem die deutsche Regierung in diesem Augenblick keinerlei amtliche Beihilfe noch Aufmunterung zu Theil werden lassen kann, auch nicht einmal dem Anscheine nach. Dennoch folgt daraus nicht, daß die deutsche Regierung nicht für den Bedarf ihrer allgemeinen Politik durch die ihr in Bulgarien zur Verfügung stehenden legitimen Mittel, das Unternehmen, vom bulgarischen Throne in Gemäßheit der Interessen des europäischen Friedens und der deutschen Politik Besitz zu ergreifen, officiös aufmuntern und fördern könnte. Es ist augenfällig, daß, wenn Ew. Hoheit sich mit dieser ernstlich erwogenen und entschiedenen Absicht nach Bulgarien begibt, der Zeitpunkt kommen wird, wo, so ungünstig oder selbst feindlich in dieser Zeit die Hand- lun en der deutschen Politik dem Unternehmen Ew. Hoheit gegenüber erscheinen könnten, die Gefühle, welche die Berliner Regierung insgeheim für den Erfolg ihrer monarchischen Action in Bulgarien nährt, offenen Ausdruck finden und so die volle Wirkung haben werden, welche mit dem offenen und entschiedenen Vorgehen eines mächtigen Reiches verbunden sind. Ew. Hoheit kann, so lange Sie sich auf österreichisch-ungarischem Boden befinden, in aller Sicherheit mit mir verhandeln. Wenn Sie sich zum Ueber- tritt nach Bulgarien entschließen, werde ich eine Chiffernschrift zu Ihrer Verfügung stellen, welche Ihnen die Fortsetzung von Beziehungen ermöglichen wird, die, wie ich hoffe, eines Tages offene und vortreffliche werden können." Das Schriftstück Nr. 3 ist ein zweiter Brief^des Coburgers an die Gräfin Flandern, batirt vom 21. October 1887. Der Prinz dankt für die Bemühungen beim König von Rumänien und für den „Berliner Versuch", und bedauert, daß er nicht Anspruch habe, beim König der Belgier Hilfe zu erwarten. Dann heißt es wörtlich: „Ich kann Ihnen sagen, daß trotz des offenen politischen Krieges, den Deutschland jetzt gegen mich führt, keine vier oder fünf Tage zu vergehen pflegen, wo nicht einer der hier aufhältlichen deutschen Agenten uns zu verstehen gäbe, daß höherer Rücksichten halber die internationale Politik Deutschlands so beschaffen sei, wie sie ist, daß sie sich unversehens in günstiger Weise ändern kann; daß gegenwärtig wichtige Interessen zwischen Deutschland und Rußland auf dem Spiele stehen und daß von der Lösung, die sie finden, zum wesentlichen Theile die Haltung Deutschlands abhängen wird. Ich gestehe, daß die derart verstandene Politik meine Leidenschaft als junger Svuoerain befremdet und entmuthtgt" rc. Nr. 4. Der Coburger hat Der Gräfin von Flandern, deren er sich zur Wiedererlangung der Gunst des Königs der Belgier zu bedienen fortfährt, angezeigt, daß seine Angelegenheiten eine bessere Wendung nähmen (prenaient ... meilleure tournure) (hier ist, wie man mir versichert, diese Mittheilung erst am letzten Dienstag angelangt). Der Coburger kündigt darin an, daß er in der Folge der Zusammenkünfte Kalnoky's und Crispi's mit Bismarck neue Zusicherungen des Fürsten Bismarck erhalten hat, nur, daß des Letzteren Schritte bei Weitem formeller sind. Die deutsche Mittheilung ist, statt wie die vorhergegangene Wiener, durch den Canal des deutschen Botschafters in dieser Stadt zu fließen, bircct von Berlin gekommen. Es ist darin klar gesagt: Daß in den Entrevuen mit Kalnoky und Crispi „das Geschick Bulgariens gründlich geprüft worden und daß es gewiß ist, daß feine Csnsolidirung unter diesen Bedingungen durch die mitteleuropäischen Mächte mit günstigerem Auge angesehen wird" (dies sind die wörtlich in dem Briefe enthaltenen Ausdrücke). Diese selben Mächte (also Deutschland, Oesterreich und Italien) haben bei neuerlichen und vertraulichen Anlässen die Hoffnung kundgegeben, daß Bulgarien durch die Auffassungsweise seiner politischen Rolle keinerlei Anlaß bieten werde, diese Haltung zu ändern, die man zu einer definitiven möchte werden sehen (de modifier cette attitudo qu’on voudrait voir definitive). Im Weiteren entwickelt der Coburger die Hauptpunkte seine- vorläufigen Programms : Ruhe im Innern, Respektirung des Suzeräns, dann „die Pflege guter Beziehungen zu Rumänien und stete Bereithaltung, eintretenden Falles diesem Staate Anträge zu machen, welche später näher präcisirt werden sollen." Der Coburger bittet um den Rath und die Unterstützung des Baron Lambermont. Er Iheilt stricht die genaue Art und Weise noch die Form mit, in welcher die Berliner Mittheilung ihm zugegangen ist. Er zeigt in demselben Briefe an, daß er vor Erhalt dieser letzten Mittheilung, zu dem Zweck, in Berlin zu erfahren, was mit dem Grafen Kalnoky in Betreff Bulgariens abgemacht und besprochen wurde, durch Vermittelung des deutschen Botschafters in Wien vorgeschlagen hatte, nach Berlin zu kommen. Aber die aus Berlin empfangene Mittheilung enthält außer den weiter oben dargelegten Thatsachen in Betreff dieses Besuches die Ansicht, daß derselbe gegenwärtig ein viel zu heikler (tran- chant) Akt ist (sic !J, der der Situation in nichts förderlich sein und sie kompromittiren würde; daß der Fürst, wenn es nöthig sein wird, die Mitthetlungen empfangen wird, welche die Ideen entwickeln, deren Kenntniß ihm zum Frommen und seiner Politik nützlich sein könne, ebenso wie die Anschauungen Deutschlands und der Centralmächte. Fürst Ferdinand thut, als wenn er von diesen Veränderungen und von der neuen Wendung seiner Angelegenheiten bezaubert wäre. Die Gräfin von Flandern hat zu Baron Lambermont gesagt, daß mit seiner Sinnesart eine vollständige Umwandlung vorgegangen sei. Ein Punkt in dem Briefe des Fürsten Ferdinand scheint sie lebhaft zu intrifluiren und mit Unruhe zu erfüllen, .das sind „die Rumänien zu machenden Vorschläge und die diesem Staate gegenüber zu befolgende Politik". Übrigens scheint er absolut entschlossen, die Dinge an sich herankommen zu lassen und dec deutschen Strömung zu folgen. *) Dieses Actenstück ist eines der Schriftstücke ohne Unterschrift, welches dem Fürsten vvm deutschen Botschafter in Wien zugestellt worden sein soll. Lokale-. X X Gießen, 2. Jan. Das Decemberheft der von der „Breslauer Dlchter- schule" herausgegebenen „Monatsblätter" enthält unter den von Damen gelieferten poetischen Beiträgen auch einen von Gieß en, der den Autornamen: Ida Schneider trägt. Gießen, 2. Januar. Sylvesterabend und Neujahrsmorgen trugen diesmal dank der überaus strengen Kälte (das Thermometer zeigte 21 Grad unter Null) nicht das lebhafte Gepräge, wie sonst. Nur in Mitte der Stadt, am Markt, am Kirchenplatz und in den angrenzenden Straßen hatten sich die „Prosit Neujahr!" Rufenden zahlreich eingefunden. Daß auch trotz bestehenden Verbots wieder tüchtig geschossen wurde, darf nach den bisher gemachten Erfahrungen nicht Wunder nehmen; bedauerlich und im höchsten Grade gefährlich ist es aber, daß viele der Neujahrsschützen aus Revolvern feuerten. Wenn auf derartige Weise Leben und Gesundheit der Einwohnerschaft gefährdet wird, so ist es nicht mehr wie recht und billig, daß alle mit derartigen Waffen Betroffenen ganz exemplarisch bestraft werden. Gießen, 2. Jan. (Theater^) Einen ganz enormen Heiterkeits-Erfolg erzielte die gestrige Premiere der neuesten Berliner Gesangsposse „Der Waldteufel" und war der Beifall ein geradezu enthusiastischer, trotzdem das Theater leider nur schwach besucht war. Von sämmtiichen Possen, welche bisher gegeben wurden, kann sich keine, was den Erfolg betrifft, mit dem lustigen Waldteufel messen. Die Dlrection handelt gewiß im Sinne Vieler, wenn sie diese amüsante Posse nochmals zur Aufführung bringt. Um die Darstellung machten sich besonders verdient, die Damen Hesse/ Buisson und Hagen, sowie untere köstlichen Komiker, die Herren Woisch und Gitter mann. Herr Woisch hat übrigens am nächsten Donnerstag sein Benefiz, auf welches wir noch jurückkomm-n und für wrlches sich die zahlreichen Verehrer des lustigen Künstlers gewiß inleressiren werden. „ ~ Wie wir noch nachträglich erfahren, hat Herr Rudolph die Summe von 68 JL 50 Zt als Ertrag seiner Wohlthäligkeits-Vorftellung dem Verein für freiwillige Armenpflege überweisen können. p- Vermischtes. Aus dem Kreise Gießen. Am 2.Weihnachtstage sand in Bersrod ein seltenes Rest statt - Philipp Schneider III. und dessen Ehefrau Elisabeth, geb- Schwalb^ feierten ihre aoldne Hochzeit, der Mann 74, die Frau 66 Jahre alt; trotz der kalten Witterung konnte die Feier in der Kirche stattfinden. Ihre Nachkommenschaft besieht aus 8 Kindern, 21 Enkeln und 1 Urenkel, von denen jedoch 2 Kinder und 3 Enkel bereits entschlafen sind Gott sei auch fernerhin mit dem ehrwürdigen Jubelpaare! Es war dies dre 2. goldene Hochzeit in dem kleinen Dorfe während des Jahres 1887. A Mainz, 1. Januar. In der verflossenen Syloesternacht erreichte die Kälte Lier in diesem Winter bis jetzt den höchsten Grad. Bei vollständiger Windstille zeigte das Thermometer an ungeschützten Orten zwischen 3 und 4 Uhr Morgens eine Kalte von 17 bis 18 Grad Reaumur. Mit fast unmttklicher (Strömung bewegen sich die Etsmassen in dem Rheine nur noch sehr langsam und haben bie den Verkehr zwischen hier und Kastel vermittelnden kleinen Trajectboote, die einzigen Fahrzeuge, welche man überhaupt noch auf dem Strome sieht, große Anstrengungen zu machen, um sich durch die riesigen Eisplatten einen Weg zu bahnen. Wenn die Kälte noch wenige Taue an- hält ist unzweifelhaft ein Stellen des Rheines zu erwarten. Rach einer heute Morgen hier eingetroffenen Nachricht soll das Eis verflossene Nacht sich an der Loreley schon gestellt haben. Mainz, 30. December. Die süddeutsche Gruppe des Vereins deutscher Eisen- unb Stahl-Industrieller hat in ihrer außerordentlichen zur Berathung der Auers- und Jnvaliden-Versicherung der Arbeiter anberaumten Generalversammlung einstimmig den nachfolgenden versammelte süddeutsche Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahl-Industrieller spricht sich in Uebereinftimmung mit den Ausführungen ihres Referenten des Herrn Bergrath vr Klupsel-Stuttgart im Allgemeinen zustimmend zu den veröffentlichten Grundzugen eines Gesetzes betreffend die Alters- und Invalidenversicherung der Arbnter aus. Einwendungen hat dieselbe nur gegen das in den Grundzugen in Aussicht genommene Kapitaldeckungsoerfahren zu erheben, das sie für um nöthig, unrätblich und durch die große Ansammlung von Kapital für die Nation für gefährlich erachtet. Die Versammlung spricht sich vielmehr für Anwendung des Umlageversahrens unter Miterhebung entsprechender Zuschläge zur Bildung eines Reservefonds aus und sieht eine vorerstige Erhebung von 1 Pfennig pro Kopf und Tag von Arbeitgeber wie Arbeiter — statt 2 Pfennig des Entwurfs — für genügend an. welcher Betrag von 1 Pfennig so lange weiter zu erheben sein dürfte, als die Berechnung nach dem Umlageverfahren nicht die Nothwendigkeit eines größeren Beitrages ergibt. Die süddeutsche Gruppe des Vereins deutscher Eisen- und Stahl-Industrieller spricht sich ferner gegen Errichtung einer Reichsversicherungsanstalt aus, hält vielmehr die Berufsgenossenschaften für durchaus geeignet als Träger der Versicherung für die in sie eingegliederten Arbeiter zu functioniren. Vom Main, 1. Januar. Heute Morgen hat sich der Main bei Kostheim gestellt. Der ganze kanalisirle Theil des Mains, von Frankfurt bis an den Ausfluß in den Rbein, bildet bereits eine Eisdecke. handel »rrö Derketzrr. Frankfurt, 31. December. Auf dem heutigen Markt kosteten: Kartoffeln per Malter 5.00—5.50, das Gescheit) 12—00 H, Eier das Hundert JL 0.00—0.00, da« St. 6—8 Zf. Butter im Großen JL 00.00—00.00, im Detail das Pfund ** 1.20 bis 1.40, Weißkraut per Stück 20—30 H, Rothkraut per Stück 30—35 H, Koblrabi per Stück 4—5 H, Ochsenfleisch per Pfund 45—70 H, Kuh- u. Rindfleisch 40—55 Kalbfleisch 40—55 H, Schweinefleisch 65-75 H, Hammelfleisch 40-60 H, 1 Hahn X 0.70—1.80, 1 Huhn JL 1-00—2.50, 1 Ente »AL 1.80-3.00, Gans Pfund 60—70 A, 1 Taube 40-60 A. Welsche JL 12.00—15 00. Nepertckr der vereinigten Stadttheater ;n Frankfurt a. M. Opernhaus. Dienstag den 3. Januar, Nachmittags3> net* a 50 €-U<^a.nUoU Clw»taUu-n<^ von 3. S. eKönig- & 6-GKannovec. 81 Bahnhofstraße 11. 63 iejsm! Karl Müller. 50 ea IOOO 72 I s-? Dienstag Abend bei Scharmanrr Die *) Werden von heule Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen. Mühlhof b. Liß berg, den 29. 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