Rr. 1 Zweites Blatt. Sonntag den 1. Januar 1888. Gießener Anzeiger Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen. Bureau r Schul st raße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Vrin-erlsßn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Das Jahr 1888» Das alte Jahr hat sich seinem Ende zugeneigt und da ziemt eS sich wohl, einer ebenso alten wie schönen Sitte gemäß, Rückschau und Vorschau zu halten, und wohl dem Einzelnen, wohl dem Staate, wenn der Blick in die Vergangenheit kein allzutrüber, der in die Zukunft ein hoffnungsheller ist. Leider will die fröhliche Sylvesterstimmung am Schluß des Jahres 1887 weniger wie sonst zum Durchbruch kommen, denn düsterer als seit einem Jahrzehnt liegt der politische Horizont vor den Augen Europas da. Die Krankheit unseres Kronprinzen, die, wenn auch jede unmittelbare Gefahr beseitigt ist. doch vielleicht noch Monde, wenn nicht Jahre währen kann, erfüllt jedes deutsche Gemüth mit tiefer Trauer, und die widerliche Preßfehde einiger Organe der Reichshauptstadt über das, was kommen könnte, ist leider nur zu sehr geeignet, statt fröhlicher Sylvesterstimmung Mißbehagen zu erzeugen. Hoffen und wünschen wir, daß diese, jedem deutschen Patrioten die Scham- röthe ins Gesicht treibenden „Erörterungen" — um keinen schlimmeren Ausdruck zu gebrauchen — im neuen Jahre keine Fortsetzung finden mögen. Der deutsche Kronprinz ist viel zu edeldenkend, als daß er die schmutzigen Hände, die sich in seinem reinen Wasser waschen möchten, züchtigte; er straft Sie Elenden mit der ihnen gebührenden Verachtung. Wenn auch das Kriegsgeschrei noch nicht völlig verstnmmt ist — und leider gibt es immer noch Blätter genug, welche den Sensationsnachrichten, die Lüge auf der Stirn tragenden Meldungen gewissenloser Reporter nur zu willig Ausnahme gewähren — so mehren sich doch die Anzeichen friedlicher Natur in erfreulicher Weise, so daß die Hoffnung nicht ausgeschlossen ist, das an allarmirenden, das friedliche Erwerbsleben schwer schädigenden Gerüchten ' überreiche Jahr 1887 werde diese traurige Erbschaft seinem Nachfolger nicht hinterlassen. Als gute Vorbedeutung begrüßen wir ss, daß endlich wieder in drn Blättern diejenigen Betrachtungen überwiegen, welche eine friedliche Lösung des gesammten Zustandes prognosticiren. Das beruht zum Theil auf allerdings noch nicht beglaubigten Mittheilungen, wonach der deutsche Botschafter in St. Petersburg, General v. Schweinitz, sich seiner Aufträge in Petersburg in zwei Unterredungen mit Herrn v. Giers und einer Audienz beim Zaren mit günstigem Erfolg erledigt habe. Ebenso soll der russische Botschafter in Wien, Graf Lobanow, in einem Gespräch mit dem Grafen Kalnoky die Versicherung gegeben haben, daß seine Regierung friedliche Tendenzen verfolge und daß die Truppenconcentrirungen an der galizischen Grenze keinerlei aggressiven Charakter haben. In einer Zeit, in der mit Eifer ungünstige Symptome ausgesucht werden, wird es vielleicht erlaubt sein, diese Mittheilungen den günstigeren Anzeichen zuzuzählen. Freilich, ganz ohne Krieg wird es im kommenden Jahre nicht abgehen. Unser italienischer Bundesgenosse wird schwere Arbeit haben, die Schmach von Dogali zu rächen und die Heere des Negus von Abyssi- nien zu bezwingen. Schon ist derselbe an der Spitze eines zweiten Heeres 180 Kilometer südwärts von Massauah in Adua angelangt und will sich entweder in Amara mit dem Heere seines Feldherrn Ras Alula vereinigen oder direkt auf Arkik vordringen. Die italienische Negierung wird neue Verstärkungen in Höhe von 6000 Mann zu dem Expeditions-Corps des Generals Marzano stoßen lassen und es wird vielleicht nur noch Tage dauern, bis der Kriegstanz losgeht. Hoffentlich gelingt es den Italienern, ihrer Gegner bald Herr zu werden, damit nicht der Brand, der jetzt an der afrikanischen Küste aufzulodern beginnt, zu einem Weltenbrande sich ausdehnen möge. Wenn wir auch die Gefahr eines europäischen Krieges vorläufig für beseitigt halten, so wird es doch stets die Pflicht und Aufgabe Deutschlands sein, auf der Hut zu sein und die Führerrolle sich nicht aus ben Händen winden zu lassen. Deutschland hat an der Spannung der politischen Lage keine Schuld. Als sein Kaiser in Versailles der Welt die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches verkündete, stellte er für sich und seine Nachfolger an der Kaiserkrone als Richtschnur hin, allezeit Mehrer des Reichs zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiet nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung." Und daran hat er seit siebenzehn Jahren getreulich festgehalten. „So lange Kaiser Wilhelm lebt, gibt es keinen Krieg" das ist ein Wort, welches als feste Ueberzeugung im Herzen des Volkes lebt. Möge diese Neberzeugung den Thatsachen entsprechen und Deutschlands Kaiser fernem Reiche noch recht lange erhalten bleiben als ein Hort des Friedens! Aber selbst wenn es der deutschen Staatskunst nicht gelingen sollte, den zündenden Funken des Krieges im Keime zu ersticken — zu verzagen brauchen wir darum nicht. Wer auch als Gegner vor Deutschland tritt, er findet keinen ohnmächtigen zerfahrenen Staatenbund mehr, sondern ein einiges, seiner Kraft bewußtes, wohlgerüstetes Reich, und all' die inneren Zwistigkeiten und Meinungsverschiedenheiten, welche jetzt noch die Gemüther bewegen, sie werden bei einem neuen Angriff hinweggeweht sein, gleich der Spreu vom Winde, gerade wie im glorreichen Jahre 1870. So treten wir in das Neue Jahr ein mit dem ungetrübten Blicke des klar sehenden, besonnenen Mannes, nicht mit dem Leichtsinn über- schäumenden Jugendmuthes, aber auch ohne die bange Miene des an seinem Glück Verzweifelnden. Und die Hoffnung auf eine lichtere, sorgenfreiere Zukunft wollen wir uns nicht rauben lassen. S 9 I < I e I» Gieße«, 1. Januar. Prosit Neujahr! sv hallt es auf allen Straßen, te allen Häusern, trägt eS der Postbote in unzähligen Variationen bis in die äußersten Ausläufer der Städte und zu den schneeumhüllten Dörfern. Prosit Neujahr! ruft Jeder dem Andern zu, und Prosit Neujahr! wünscht Jeder innerlich sich selbst am meisten. Die guten Sprachreiniger haben schon manches Wort auf die Vernichtungsliste gesetzt, aber bem Prosit werden sie nicht beikommen, und am allerwenigsten b