100*7 <)O<» Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Nr. 2§9 Drittes Blatt. Sonntag 'M 11. December jvnreaur Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlolm. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf, Ist die Haustaube für den Landwirt!) nützlich oder schädlich? Diese Frage hat in jüngster Zeit eine Anzahl landwirthschafllicher Vereine mehr oder weniger lebhaft beschäftigt und ohne Zweifel werden die Fachschriften bald eine Zusammenstellung der bezüglichen Ansichten bringen. Indessen dürfte es manchem unserer Leser angenehm sein, schon jetzt einige der bei den Besprechungen mitgetheilten Erfahrungen zu vernehmen. Daß die Römer die Tauben als Leckerbissen sehr hoch schätzten, ist bekannt; sie hatten eigene Häuser, in denen die Ringeltauben, Turteltauben und Haustauben mit besonderer Sorgfalt, man kann sagen mti Raffinement, gemästet wurden; oft hielt man bis zu 5000 Stück in solchem Hause, wo sie von besonders ausgebildeten Wärtern mit Futter und Wasser stets reichlich versorgt wurden. In der Geschichte Deutschlands finden wir die Tauben zuerst von Karl dem Großen erwähnt. Dieser prakltsche Landwirth empfiehlt in seinen sehr durchdachten Verordnungen an seine Amtleute, darauf zu sehen, daß das Gehöft durch allerhand schönes Geflügel, darunter auch Tauben, belebt sei; den Schaden, welchen sie im Felde anrichten, scheint Karl der Große also wohl nicht sehr hoch geschätzt zu haben. Im Mittelalter dielt man die Tauben vornehmlich in den Klöstern, von denen jedoch wiederum eine Vervollkommnung des Ackerbaues ausging. Später wurde das Recht, Tauben zu halten, freigegeben; die Tauben konnten jedoch anderseits von Demjenigen geschossen werden, der sie auf seinen Feldern antraf. Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden jedoch andere Verordnungen, welche das Taubenbalten sehr einschränkten. So heißt es in einer sächsischen Verordnung von 1589 wörtlich: „Dieweil ein großer Mißbrauch vermerkt, indem die Personen, welche wenig oder gar nichts aussäen, viel Tauben halten und damit ihre Nachbarn auf ihren Aeckern beschweren, so wollen wir, daß hinfürdio auf eine Hufe Landes nicht mehr denn 8 Paar Tauben gehalten werden sollten; welche abrr keine halbe Hufe Landes im Felde haben, denen sollen Tauben zu halten nicht verstattet werden, bei Pon eines Malters Hafer, welches der Gcrichtsherr jedes Ortes von den Verbrechern em- brrngen^soll.dieser bQ§ Thema der Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Haustaube, bezw. der Feldflüchter, welche nur gefüttert werden, wenn der Boden mit Schnee bedeckt ist und sonst sich ihre Nahrung im Felde suchen, wiederholt von den Orni- tbologen und Landwirthen besprochen, aber noch immer nicht zum Abschluß gebracht. Einen sehr werthvollen Beitrag zu dieser Frage lieferte vor etwa 30 Jahren der Pfarrer Snell in Hohenstein im Herzogthum Nassau; derselbe hat längere Zeit hindurch die sorgfältigsten Beobachtungen und Untersuchungen über die Nahrung ferner die Felder regelmäßig besuchenden Tauben angestellt, aus denen wir Folgendes unseren "Lesern mittheilen: t , Die Lieblingsnahrung der Haustaube besteht aus den Samen der wildwachsenden Hülsenfrüchte, welche der Landwirth gewöhnlich unter dem Namen „Vogelwicken" zusammenfaßt und mit Recht zu den unangenehmsten Unkräutern rechnet; nächst die en „wilden" Wicken ist die Taube eine große Verehrerin der angebauten Wicken, Erbsen und Linsen, sowie der Oel- und Getreidesamen, ferner der Samenkörner verschiedener • Pflanzen, welche dem Landwirth als Unkraut ost nicht allein die Ernte eines Jahres empfindlich schmälern, sondern durch massenhaften Samenausfall auch die Wiederholung solcher Verluste in sichere Aussicht stellen. Die bet Weitem häufigste Art der oben erwähnten „wilden Wicken" ist Ervum hirsutum, die Zitterlinse oder Zitterwicke, welche die unangenehme Eigenschaft besitzt, daß ihre Hülsen bei der Reife sofort aufsprrngen und die Samen auf dem Acker zerstreuen; damit aber noch nicht genug, haben dieselben die Eigenthümlichkeit, daß sie erst nach Jahr und Tag keimen. Daher kommt es oft, daß erst mehrere Jahre nachher in Folge eines nassen Frühjahrs Roggen oder Weizen ganz urplötzlich von der Zitterlinse massenhaft umsponnen und zu Boden gerissen werden. Nun ist aber gerade die Eigenthümlichkeit derselben, lange Zeit ungekeimt auf der Erde zu liegen, für die Taube von großem Werthe, denn dre ausgefallenen Getreidekörner fangen gewöhnlich schon nach dem ersten Regen an zu keimen und gehen dann in Verwesung über; allenfalls bleibt von dem ausgefallenen Hafer, der zuletzt reift, etwas für den Winter ungekeimt liegen, da die Temperatur immer niedriger wird. Anders ist es mit dem Samen von Ervum hirsutum; er keimt me- inals, so lange er dem Lichte ausgesetzt ist; man findet ihn deßhalb noch vollständig unverändert in den Kleefeldern, auf denen im Vorjahre Roggen stand; auch wenn Kartoffeln oder Rüben nach der Winterfrucht folgen, findet man beim Behacken der ersteren die Körner der Zitterwtcke noch unversehrt wieder. Auf diese Weise haben die Tauben in der Zeit des sogen, ^aubenhungerb, d b in der Beit vom Aufschießen der Frühlingssaat bis zur Ernte, an den Vogelwicken ein willkommenes und reichliches Futter, von dem oft nach einem nassen ^ahre sich in ieder kleinen Vertiefung 6—10 Körner unschwer entdecken lassen. Snell beobachtete, daß feine Tauben im Monat August die abgeernteten Weizenfelder verschmähten und mit Vorliebe die Roggenstovpel aufsuchten; ein Jahr später, wo Klee auf, demselben Stabe stand, besuchten die Tauben fast ausschließlich täglich dasselbe und folgten der Sense, womit das tägliche Grünfutter für die Kühe geschnitten wurde , mit solcher Beharrlichkeit, daß die Bauern sich die Köpfe darüber zerbrachen, was die Tauben da WOl)l ^Psa"?er"Snell "begnügte sich jedoch mit diesen summarischen Beobachtungen nicht, sondern bemühte sich, dieselben noch näher in Zahlen zu präcisiren. Zu dem Ende con- statirte er ein ganzes Jahr hindurch täglich die Nahrung seines Taubenbestandes von etwa 40 Stück; er beobachtete entweder genau, wohm dreselben flögen, oder er schlachtete von Zeit zu Zeit eine Taube und untersuchte sorgfältig den Inhalt des Kropfes. Auf diese Weise fand er, daß sich seine Tauben vom 24. November bis 17. December, ferner vom 19. December bis 14. Januar, also 48 Tage lang, und vom 1. Juli bis 1. August, also 32 Tage, zusammen 80Tage, ausschließlich von Vogelwicken ernährten; zur Hälfte von denselben nährten sich die Tauben etwa 108 Tage lang, wobei die andere Hälfte aus Getreidekörnern und anderem Unkrautsamen bestand. Während der übrigen Zeit — 177 Tage — wurden die Tauben theils zu Hause gefüttert, tbeils lebten sie von ausgefallenem Getreide, dem jedoch stets Unkrautsamen beigemischt war. Unter diesen befanden sich solche, welche dem Landwirth oft noch weit lästiger sind als die Vogelwicke, nämlich Hederich und wilder Senf. Den ersteren nehmen sie nur bei großem Hunger, den wilden Senf aber fressen sie massenhaft. Dazu kommen nun noch die Samen der Ampserarten, der Kornblume, der Ackerwinde, der Wucherblume und einiger anderen; ferner verzehren sie die kleinen Zwiebeln der Gagea arvensis und das Alleum oleraceum, sowie auch die kleine nackte Gartenschnecke, die Raupen von Noctua sp etum, verschiedene Maden und sonstiges Geihier. Wie massenhaft oft die Vogelwickensamen auf den Feldern liegen und von den Tauben dann auch verzehrt werden, bewies Snell durch das Zählen der Körner in den Kröpfen der geschlachteten Tauben. So fand er in dem Kropfe einer am 16. Juli gegen Abend geschlachteten jungen Taube nicht weniger als 3582 Samen. Nimmt man an, daß etwa halb so viel Futter vom Morgen an bereits in den Magen übergegangen war, so erhöht sich die Zahl auf 5373, halb so viel behält aber wohl jede alte Taube für sich im Kropfe, fo daß zur Heckzeit eine einzige Taube täglich über 8000 Vogelwickensamen verzehrt, nach obigen Angaben also in 188 Tagen etwa 800,000 Samenkörner am Keimen und am weiteren Entwickeln verhindert. Nimmt man nur 500,000, so kommen auf einen Flug von 20 Paar Tauben im Jahre auch 20 Millionen dieses lästigen Unkrauts, über welches jener Pfarrer im Hannoverschen einstmals seinen Zehntpflichtigen eine Strafpredigt zu halten sich genöthigt sah, welche er mit folgendem Verse einleitete: Trespen, Raden, Vogelwicken Sollt Ihr nickt als Zehnten schicken! Gottes Wort ich lehre rein, So soll auch mein Brodkorb sein! Pfarrer Snell kommt nun zu dem Schluß, daß, da außer etwa den Feldhühnern und Wackteln andere Vögel den Samen der Vogelwicke verschmähen, die Tauben zu den nützlichsten Vögeln zu zählen seien; selbst wenn sie an den Culturpflanzen zu gewissen Zeiten einigen Sckaden verursachten, so fei derselbe doch von dem Nutzen, welchen sie stiften, vielmal überwogen. So beobachtete Snell ferner, daß Gerste, Weizen und Lein gerade auf solchen Feldern am schönsten standen, welche von den Tauben das ganze Jahr hindurch und besonders nach der Aussaat besucht wurden; die Landleute, welche Snell darauf aufmerksam machte, konnten die Thatsache nicht leugnen, wollten aber der Erklärung Snell's nicht so ohne Weiteres zustimmen. Der Letztere führte den besseren Stand der genannten Früchte auf den Umstand zurück, daß die Tauben neben dem Unkrautfamen auch die unbedeckt gebliebenen Saatkörner verzehrten; dieselben wären doch nur verspätet aufgegangen, kümmerlich gewachsen und hätten den anderen Pflanzen Licht und Bodennahrung in der Zeit ihrer wenn auch dürftigen Entwickelung fortgenommen. Heutzutage liegt die Sache insofern anders, als durch die immer mehr sich verbreitende Reihen- oder Drillsaat die Körner sofort mit Erde gedeckt werden. Dies bestätigt ein Gutsbesitzer Namens Timmler in Hähnchen bei Gernrode birect, indem er zum Lobe der Drillmaschine sagt, daß ihm früher die wilden Tauben die beim Eineggen oben gebliebenen Erbsen weggefressen hätten, daß ihm aber nach Benutzung der Drillmaschine dies nicht wieder vorgekommen sei. ' Die höchst intei effanteften Beobachtungen Snell's werden bestätigt durch andere Beobachter, wie Zorn in Pappenheim (Bayern), Beffroy und de Vitry in Frankreich, Bonizzi in Italien. Ferner äußert sich ein Berufsgenosse Snell's, der Pfarrer Thiene- mann, tri einem Bericht an die königl. Regierung zu Merseburg im Jahre 1883 ganz ähnlich und spricht sich gegen das Einsperren der Tauben zur Saatzeit ganz entschieden aus, empfiehlt dagegen, den Fang der Tauben während dieser Zeit frei zu geben. Auch die bekanntlich sehr tüchtigen belgifchen Landwirthe, bei denen der Klembesitz vorherrschend ist, schützen und schonen die Tauben, weil sie das Unkraut vertilgen helfen; sie errichten besondere Taubenthürme in den Feldern, um den gefieberten Bewohnern derselben bas Auf suchen ihrer Nahrung zu erleichtern; anberseits möge man ben Umstand in Betracht ziehen, baß selbst bei bem sorgfältigsten Ernteverfahren nicht wenige Aehren, sowie einzelne Körner auf bem «oben liegen, welche von ben Schafen nur »um kleinen Theile verwertet werben können; bie Taube aber finbet bas kleinste Körncken unb verwanbelt es in ihr zartes Fleisch, bekanntlich ein Labsal für Gesunde und Kranke. (K. Ztg.) Als preiswerthes, praktisches Weihnachtsgeschenk empfehle ich: Rohseid. Bastroben (ganz Seive) Mk. 16.80 p. Robe, sowie Mk. 22B0, 28.-, 34.—, 42.—, 47.50 nabelfertig. Es ist nicht nothwendig, vorher Muster kommen zu lassen; ich tausche nach dem Fest um was nicht convenirt. 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