Nr. 2 3 Zweites Blatt. Sonntag den 4. December 1887. ießener Ameiqer • yjgi Amts- und Anzcigcblatt für den Kreis Gießen. Wureaur Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringcrlobn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Wochen»UebersiekL Gießen, 3. Deccmber. Kaiserin Augusta ist Anfangs dieser Woche vom Rhein nach Berlin an die Seite ihres kaiserlichen Gemahls zurückgekehrt, nachdem sich der Gesundheitszustand der hohen Frau in der letzten Zett wieder günstiger gestaltet hatte. Augenscheinlich haben hierbei die neuerdings aus San Remo eingehenden erfreulichen Nachrichten über das Befinden des Kronprinzen mit eingewirkt, denn gerade die schwere Sorge um ihren geliebten Sohn hatte die Kaiserin in ihrem körperlichen Befinden nicht unbedenklich beeinflußt. Freilich möchte es fast schemen, als ob diese Nachrichten allzu optimistisch klängen, denn wenn in ihnen behauptet wird, es handle sich bei dem Leiden des deutschen Thronfolger- gar nicht um den Krebs, sondern nur um eine demselben in der äußeren Erscheinung ungemein ähnliche Krankhesi-sorm, so steht dieser Auffassung doch das gemeinsame Gutachten der behandelnden Aerzte, mit Einschluß des Dr. Mackenzie, gegenüber. Nur deuten keinerlei Anzeichen auf die Nähe einer Katastrophe hin und bei der ausgezeichneten Constitution wie der sorgsamen Pflege, deren sich der Kronprinz erfreut, ist es wohl möglich, daß in bem Zustande des seiner Familie und seinem Volke so theueren Kranken für die nächste Zett keinerlei bemerkmswerthe Veränderungen etntreten. Prinz Ludwig von Bayern, der älteste Sohn der Pvinz - Regenten Luitpold, ist augenblicklich wiederum der Gast unseres Kaiserhauses, Wie erinnerlich, hatte der Prinz auf specielle Einladung des Kaisers den jüngsten deutschen Flotten-Manövern beigewohur, nach deren Beendigung dem Prinzen Ludwig eine weitere Einladung zur Thellnahme an einer ter preußischen Hof- jagdm zuging. In Folge der beunruhigenden Mittheilungen, die üb?r das Befinden de» Kronprinzen etngingen, bat der Kaiser den Prinzen, seinen abermaligen Besuch zu verschieben, um barm seine Einlavung auf die aus San Remo eingetroffenen beruhigenden Nrchrichten hin in schmeichelhaftester Form zu wiederholen. Am Donnerstag früh traf der erlauchte Gast aus Bayern in Berlin ein und begleitete am Abend des genannten Tages die Prinzen Wilhelm und Friedrich Leopold von Preußen zu den Hojjagden nach Letzlingen. Es scheint nicht, als ob ein längerer Aufenthalt des Prinzen Ludwig am Berliner Hofe beabsichtigt sei, sicher legt aber auch der jetzige Besuch des bayerischen Fürstensohnes in der Reich-Hauptstadt, selbst wenn er nur kurz sein sollte, aus's Neue beredtes Zeugnis für das die Häuser Hohenzollern und Wittelsbach verbindende freundschaftliche Einvernehmen ab. Der Reichstag hat bereits wichtige Verhandlungen hinter sich, obwohl er erst in dieser Woche in seine eigentliche Thätigkeit etngetreten ist. Zunächst beschäftigte er sich mit der ersten Lesung des Etats, welche die beiden Sitzungen vom Dienstag und Mittwoch vollständig ausfüllen. Wie immer, so war auch diesmal in Der Generaldebatte über den Etat nur zum Theil von letzterem die Rede, während im Uebrtgen auch eine Reihe anderer Fragen mehr ober weniger eingehend erörtert wurden, so die Finanz- und Steuerpolitik im Allgemeinen, die Erhöhung der Getreidezölle, die Alters- und Jnoaliden-Versicherung, die Verlängerung des Socialistengesitzes und schließlich fehlte es auch an Streif- zügen auf das Gebiet der auswärtigen Politik nicht. An dem Etat halten fast alle Parteien etwas aurzusttzen und speciell erfuhr dar vom Staatsseceetär Dr. Jacoby gegebene finanzielle Exposö einerseits vom Redner der Freisinnigen, Herrn Rickert, anderseits von demjenigen der Socialdemokraten, Herrn Bebel, eine „vernichtende" Kritik. Besonders die Rede des focialistischen Führers wimmelte förmlich von geradezu maßlosen Ausfällen gegen die gesammte Reichs- Politik, die ihm bei einer besonders „saftigen" Stelle sogar einen Ordnungsruf des Präsidenten zuzogen. Ueberhaupt charakterifirte sich die oratorische Leistung des Socialisten-Chefs von 81 bis Z als eine durch das Fenster des Reichstages hinaus an die focialistischen Mafien gehaltene gepfefferte Agitationsrebe — roenu die socialdemokratischen Redner in diesem Tone weiter eisern, so kann die Reichstagssesston allerdings eine recht „lebhafte" werden! Auch fehlte es nicht an seltsamen Widersprüchen im Laufe der zweitägigen Verhandlungen; so fanden die Abgg. Rickert und v. Bennigsen das Exposö Jacoby's unübersichtlich und deshalb unklar, während Dr. Windthorst gerade die entgegengesetzte Meinung vertrat. Bemerkenswerth ist übrigens aus den Ausführungen des Centrumr- Führers die Erklärung, daß er die sich immer steigernden Milttärlasten beklage, daß er aber eine starke deutsche Armee in Anbetracht der unsicheren politischen Verhältnisse als eine unerläßliche Nothwendigkeit betrachte. Die Verhandlungen endigten mit der üblichen Ueberwelsung einer Anzahl von Etats-Positionen an die Budget Commission. Berliner Blätter hatten 'die Aufsehen erregende Meldung gebracht, es habe dieser Tage beim Prinzen Wilhelm eine Versammlung angesehener Persönlichkeiten stattgesunden, welche mit kirchlichen und anderen Parteizwecken im Zusammenhang gestanden haben sollten. Die „Nat.-Ztg." berichtet nun, in der erwähnten Versammlung sei lediglich die Beschaffung von Geldmitteln für die Berliner S'adtmission zur Erörterung gekommen. Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik herrschten in dieser Woche die Nachrichten aus Frankreich unbedingt vor, denn noch vor Ende der Woche sollte ja die Präsidentschaftskrisis entschieden werden. Aber gerade in den letzten Tagen coursirten hierüber die seltsamsten, verworrensten Meldungen, von denen diejenigen geradezu verblüffend erscheinen, wonach in parlamentarischen Kreisen noch in zwölfter Stunde Anstrengungen gemacht werden, Herrn Grevy zum Verbleiben an der Spitze der Republik zu bestimmen. Ein derartiger Ausgang der Krisis wäre in der Thal wunderbar — aber freilich, was wäre wohl im heutigen Frankreich in politicis unmöglich? Der Czarenbesuch in Berlin hat nun wenigstens eine, womöglich nur schwache Wirkung in dem deutsch-russischen Verhältnifie zur Folge gehabt. Sämmtlichen russischen Blättern ist von der obersten Preßverwaltung bedeutet worden, daß sie sich aller Angriffe gegen Deutschland künftig zu enthalten hätten und werden ihnen andernfalls die strengsten Strafen angedroht. Die russische Regierung hat schon jetzt Gelegenheit, zu zeigen, daß es ihr mit dieser Maßregel Ernst ist, denn einige der panslavistischen Organe kehren sich in ihren Aeußerungen über Deutschland nicht zum Mindesten an die genannte Verfügung. — Was die vielberufenen russischen Truppenverschiebungen nach der österreichischen Grenze hin anbelangt, so sollen sie angeblich durch Futtermangel für die Cavallerie verursacht worden sein; schön, aber die Infanterie? — Zur Sensationsangelegenheit der gefälschten Bismarck - Depeschen liegt noch weiter nichts als eine bestätigende Petersburger Meldung darüber, daß die ominösen Aktenstücke in der That nach Berlin übersendet worden seien, vor. Zwischen Belgien und Holland sollen Verhandlungen wegen einer Defensiv-Allianz beider Reiche schweben. Dagegen dementiren Brüsseler Nachrichten, daß der Eintritt Belgiens und Hollands in die Trippel-Allianz bevorstünde Eine fottfe Erweiterung des mitteleuropäischen Friedensbunde« ist auch gar nicht nöKig, derselbe ist ohnehin für alle Möglichkeiten stark genug. Univerfitäts-Chronik. Jena, 30. November. Herr Prof.vr. Braun hierselbst hat einen ehrenvollen Ruf an die Universität nach Marburg erhalten, an Stelle des in Ruhestand tretenden Professors der Chirurgie, Geh. Medictnalraths Dr. Rosen, und denselben angenommen. A v 2 a jj e ö. Gießen, 3. December. Die Uniformen der Beamten der Oberhesstschen Eisenbahnen werden demnächst insofern eine Aenderung erfahren, als an Stelle des hellgelben Besatzes ein solcher von karmoistnrother Farbe tritt. Als preiswerthes, praktisches Weihnachtsgeschenk empfehle ich: Rohferd. Baftroben (ganz Seide) Mk. 16.80 p Robe, sowie Mk. 22.80, 28.-, 34—, 42.—, 47.50 nadelfertig. 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Bahnhofstraße 58. 9831 Ein möblirtes Zimmer zu vermiethen^ Flügelsgasse 6. 8940 Ein möblirtes Zimmer zu ver- miethen. Grünbergerstraße 18 III. 7976 Ein fein möbl. 3immer-intt Cabinet zu vermiethen. F Kühne, Seltersweg 26 7621] Möblirte Zimmer, mit und ohne Kabinet, zu vermiethen. G'rtenstroße 29. 7527] Kl. möbl. Zimmer, parterre, vor dem Corridor, billig zu vermiethen 5 ;Wo? sagt die Exped. d. Bl. Vermischte Anzeigen. Zöpfe von ausgekämmten Haaren werden für 1 «/& schön und dauerhaft gefertigt von F. Weicker, 419 Neustadt 30. Geirathsgesuch. Ein Wittwer, Oeconom, 44 I. alt, evang , Vater v. 5 guterzoz. Kind tm Alt. o. 5 — 15 Jahr, mit ein Vermög, von ca... 9000 JL sucht eine Lebensgefährtin, Mädch. od. kinderlose Wittwe aus achtbar. Fam. i. Alt. v- 34—40 Jahr. eo. Relig. Die Betreff, muß namentl. befähigt u. gewillt sein, in d. Occon.-Wirthschastpersonl. mitzuhelf. Etwas Vermög, erwünscht. Reflect. belieb sich vertrauensv. unter Beifüg. ihrer Pbotogr. an d. Exp. d- Bl. unter K. M. 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