Nr. 282 Samstag dm 3. December 1887. Gießener Anzeiger Amts- und Anzcigcblatt für den Kreis Gießen. ivureanr Schulstraße 7. „ ,, . . .. o, Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloba. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 PK Dem griechischen Ministerpräsidenten Tricupir ward am Dienstag von der Deputirtenkammer ein Vertrauens-Votum mit 23 Stimmen Mehrheit bewilligt. Politische Ueberficht. Gießen, 2. December. Die Kaiserin restdirt nunmehr, nach Beendigung ihres langen Herbst- Aufenthaltes am Rhein, wieder in Berlin an der Seile ihres erlauchten Gemahls und beiden kaiserlichen Gatten wird ihre Wiedervereinigung inmitten der schweren Sorgen um den einzigen, geliebten Sohn gewiß ein Trost sein. Erfreulicher Weise lauten jetzt die Nachrichten aus San Remo über das Befinden des Kronprinzen fortgesetzt recht günstig und aus dem Munde de» hohen Patienten selbst wie von den behandelnden Aerzten und schließlich auch von privater Seite liegen übereinstimmende Leußerungeu über die fortdauernde Beffe- rung in seinem Befinden vor. Ein leiser Hoffnungsschimmer glänzt darum wieder in allen Herzen auf — o, möchte er nicht trügen! Die aus San Remo Angegangenen beruhigenderen Nachrichten haben am Berliner Hose insofern ihre Wirkung geäußert, als für diesen Freitag und Samstag nach langer Pause wieder eine Hofjagd angesetzt war, und zwar in der Letzlinger Haide. Prinz Wilhelm von Preußen, als Vertreter des kaiserlichen Jrgöherrn, beabsichtigte mit den fürstlichen Jagdgästen, unter ihnen der Herzog von Altenburg, Prinz Ludwig von Bayern und Prinz Friedrich Leopold von Preußen, am Donnerstag Abend von Berlin nach Letzlingen abzureisen. Der erste Verhandlungstag de» Reichstages über den Etat, der Dienstag, brachte, nachdem Präsident o. Wedell Mütheilung über dm Empfang des Präsidiums durch den Kaiser gemacht, zunächst das übliche finanzielle Expose von Seiten des Regierungsttsches, welches Schatzfeeretär Dr. Jacobi gab. Au» dem trockenen und im Allgemsinen schon bekannten Zahlenmaterial des Expose» sei nur nochmals erwähnt, daß das Grgebniß der Branntwein- Nachsteuer auf 24 Mill, vtl brutto zu schätzen ist, daß sich bei der Marinever- waltung in Folge von Neuanschaffungen die bedeutende Vermehrung der einmaligen Ausgaben um 4,265,690 JL nöthig macht, daß dagegen beim Etat de» Reichsheeres eine Minderung der fortdauernden Ausgaben um 1,836,430 und eine solche der einmaligen Ausgaben um 6 Mill. JL zu verzeichnen ist. Zur Deckung des Einnahmen'Ausfalles und des Mehrbedarfes bei den Ausgaben sind bet den Matrikular - Beiträgen 25,730,000 JL mehr eingestellt worden, stellt man aber diesem Betrag die vermehrten lleberweisungen entgegen, so ergiebt sich zu Gunsten der Einzelstaatm eine Mehreinnahme von 91 Mill. JL Zum Schluffe seiner Auseinandersetzungen versicherte Dr. Jacobi, daß mit dem gegenwärtigen Etat die Periode der großen Fehlbeträge zu Ende sein werde. Gleichzeitig tagte mit dem Reichsparlament in dieser Woche in Berlin eine andere parlamentarische Versammlung, der d e u t s ch e H a n d e l s t a g. Im Vordergründe seiner Verhandlungen stand am Dienstag die Angelegenheit der Getreidezoll»Erhöhung und erklärten sich fast sämmtliche Redner au» wirth- schaftlichen Gründen gegen diese Maßregel. Die Stimmung der Versammlung fand in der gegen eine Stimme erfolgten Annahme des Ausschuß-Antrages ihren prägnanten Ausdruck, wonach sich der Handelstag gegen jede weitere Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle, so lange sie sich nicht als eine wirth- schastliche Nothwendigkeit erweist, ausspricht und in ihr eine schwere Schävigung Les Erwerbsleben» der Nation erblickt. Theodor Mommsen, der berühmte Historiker und einer der Altmeister unter den deutschen Geschichtsforschern, beging am Mittwoch seinen 70. Geburtstag in voller körperlicher wie geistiger Frische. In seiner bekannten Bescheidenheit hatte sich der greise Gelehrte allen an seinem Ehrentage ihm zugedachten Ovationen durch einen Ausflug von seinem Wohnsitze Charlottendurg au» entzogen. c r „ , Die reich»gerichtliche Verhandlung gegen den ehemaligen Beamten beim Bezirkspräfidtum zu Straßburg, Cabanne», wegen Landesverraths, ist auf den 12. December festgesetzt worden. Cabaunes soll Abschriften der Vierteljahrs» Berichte der reichsländischen Behörden, die für die Reichrregierung in Berlin bestimmt waren, genommen und sie gegen Bezahlung der französischen Regierung ausgeliefert haben. Mitangeklagt war der Steindrucker August Clau- finger, welcher Cabannes Mtttheilung von geheimen Drucksachen gemacht haben soll, sich aber inzwischen im Gefängnisse entleibt hat. Das große Räthsel in der hohen Politik bilden noch immer die Enthüllungender „Köln. Ztg." über die gefälschten Bismarck-Depeschen. In Berlin wie in Petersburg schweigt man an leitender Stelle fortgesetzt über diese seltsame Affaire und nur in den hochosficiösen „Berl. Polit. Nachr." findet sich die geheimnißvolle Andeutung, daß die angeblichen Fälschungen sich auf eine der letzten Pbasen der deutsch-russischen Verwicklungen beziehen. Das ist aber auch Alles und weder über den orleanistisch - panslaotstifchen Ursprung der gegen die Politik des Fürsten Bismarck angezettelten Jntrigue noch über die Bethet- ligung gewisser Hofkreise in Berlin an derselben hat man bi» jetzt etwas Bestimmteres erfahren. Vielleicht sollen die „pikanteren" Einzelheiten der Affarre todtgeschwiegen werden, vielleicht wünscht man weder in Berlin noch in Peters- bürg, daß die ganze Geschichte an die große Glocke gehängt werde — wer weiß es t Nur das Eine steht bis jetzt fest, daß die Unterredung zwischen dem Czaren und deutschen Kanzler auf die panslavistische Presse noch nicht im Min» besten zurückgewirkt hat, sondern daß sich dieser gesammte Preß-Chorus in Aus- fällen gegen Deutschland ergeht, als ob ein deutsch- russischer Krieg vor der Thür stünde. Nun, lasse man diese Meute immerhin kläffen — sie beißt hoch nicht! Deutschland. Darmstadt, 29. December. sAus dem Staatsbudget.) Da das Rangiren der Güterzüge über die Frankfurter Straße hinaus wegen der Lage des Gießener Bahnhofs nicht vollständig vermieden werden kann, eine Unterführung der Straße aber an der betreffenden Stelle nicht möglich ist, so wird, um den Interessen und Wünschen der Bewohner von Gießen thunltchst entgegenzukommen, die Errichtung eines eisernen Steges vorgesehen. Die Ausführung dieser Ueberbrückung wird übrigens erst dann erfolgen können, wenn die Stckdt Gießen ihre vermeintlichen, seitens der Großh. Negierung aber nicht anerkannten Nechsansprüche, welche wettergehenden Umfang haben, und deren Geltendmachung auf gerichtlichem Wege die Stadt in Aussicht gestellt hat, endgiltig fallen, läßt. Zur Sicherung der am Militärschteßplatze bei Gießen vorüberführenden Fuldaer Linie hatte bei Erbauung der Eisenbahn die Bauunternehmung einen Schutzdamm errichtet. Derselbe erwies sich als ungenügend und es wurde in den zwischen der Oberhesfischen Eisenbahngesellschaft und der Bauunternehmung geschlossenen Abfindungsvertrag für weitere Schutzvorrichtungen die Summe von 1,670 Gulden — ca. 2,900 JL eingestellt. Nachdem die Acttven und Passiven der Oberhessischen Etsenbabngesellschaft auf den Staat übergegangen, ist diese Summe durch Verrechnung in die Staatskasse geflossen. Die Militärverwaltung, welche allerdings rechtlich allein dafür zu sorgen hat, daß die Geschosse die Eisenbahn nicht erreichen, beabsichtigt, einen neuen, vollständig genügenden Schutzdamm selbst zu erbauen und hat das Ansinnen um Gewährung eines Beitrages zu den Baukosten (von voranschlagsmäßig rund 10,000 JL) gestellt und sich mit dem ihr daraufhin in Aussicht gestellten Beitrag von 2,900 JL zufrieden erklärt. Es erscheint angemessen und auch im Interesse der Sicherheit des Verkehrs auf der Bahn gelegen, diese Summe zu dem Zwecke, zu welchem sie schon ursprünglich bestimmt wurde, nachdem sie in die Staatskasse geflossen und noch nicht verausgabt ist, zu gewähren. Berlin, 1. Dezember. Se. Majestät der Kaiser nahm im Laufe des Vormittags die Vorträge des Kriegsministers und v. Albedylls entgegen, Nachmittags machte Höchstderselbe eine Spazierfahrt. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin empfingen Mittags den Besuch des Prinzen Ludwig von Bayern. Ihre Majestät die Kaiserin empfing später die hier anwesenden Mitglieder des Königshauses und andere Fürstlichkeiten. . t„ — Die „Nordeutsche Allgemeine Zeitung" reprobuctrt die Darstellung einer Provinzialzeitung, wonach bei dem Besuche des Kaisers von Rußland, der Reichskanzler Fürst Bismarck in einem Schreiben an Schuwaloff um eine Audienz bei dem russischen Kaiser nachgesucht habe und der Kaiser durch Murawiew dem Reichskanzler mitgetheilt habe, daß er bereit sei, ihn zu empfangen. , r „ — Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bemerkt dazu: Diese Darstellung entspricht dem Sachverhalt vollständig, auch wird Jedem mit den einschlagenden Verhältnissen Vertrauten klar sein, daß der Vorgang in allem Wesentlichen kein anderer sein konnte. Der Reichskanzler würde sich geradezu eine Unhöflichkeit habe zu Schulden kommen lassen, wenn er unterlassen hätte, bei dem erlauchten Gaste des Kaisers in der üblichen Form um eine Audienz nachzusuchen. Er befand sich dem vorliegenden Falle gegenüber einer ehrenvollen Verpflichtung, während es dem freien Ermessen des Kaisers von Rußland überlassen blieb, die nachgesuchte Audienz entweder zu gewähren oder aus irgend einem Grunde abzulehnen. Karlsruhe, 1. Dezember. Die zweite Kammer begann heute die Berathung der an den Großherzog zu richtenden Adresse. In derselben wird der tiefen Bewegung der Volksvertreter über die schweren Sorgen, welche alle deutschen Gemuther erfüllen, Ausdruck gegeben, vereint mit dem Grotzherzog richteten sich die bangen Blicke auf S. K. und K. Hoheit den Kronprinzen. Durchdrungen von innigstem Mitgefühl erhebt die Kammer in der Zeit der Prüfung bittend und hoffend ihre Gedanken zu dem Allmächtigen, dem gnädigen Lenker der Geschicke der Herrscher und Völker. Weiter heißt es in der Adresse, die Kammer werde unter Wahrung der stetsinnigen Grundlagen der kirchlichen Gesetzgebung jeden Vorschlag auf Aenderung in diesem Gebiete einer zugleich wohlwollenden und sorgsamen Prüfung unterziehen. Die übrigen in der Thronrede angekündigten Entwürfe werden zustimmend kommentirt. Frankreich. Paris, 1. Dezember. Deputirtenkammer. Der Ministerpräsident Rouvier machte der Kammer die Mittheilung, Präsident Grevy habe die Abncht kundgegeben, eine Botschaft an die Kammer zu richten, sei aber von dieser seiner Abficht wieder zurückgekommen. Bei dieser Lage der Sache gebe das Ministerium von Neuen seine Entlassung. (Wiederholter Beifall auf allen Bänken der Linken.) Ricard, Präsident der Union der Linken, beantragte hierauf, die Sitzung zu unterbrechen. Euneo von der Rechten rief: „besser märe es, die Kammer aufzulösen!" Die Sitzung wird forte gefetzt. — Der Senat, dem dieselbe Mittheilung wie der Kammer gemacht wurde, setzte seine Sitzung bis 4 Uhr aus. — Auch die Deputirtenkammer setzte ihre Sitzungen bis 4 Ubr aus. Rouvier begab sich inzwischen zu Grevy, um ihm von der Unterbrechung der Sitzung Mit- theilung zu machen. Gerüchtweise verlautet, Flourens werde mit der Bildung eines Cabinets beauftragt werden. r . ___ „ , — In der Umgebung des Palais Bourbon haben sich etwa 3000 Personen an- gesammelt. Aus der Mitte der Menge werden einzelne Rufe: „Nieder mit Ferry. , andere dagegen „Es lebe Grevy!" gehört. Die Polizei machte die Zugänge zur Kammer frei und verhinderte die Menge, stehen zu bleiben. Deutscher Reichstag: 5. Sitzung vom 1. December 1887. Auf der Tagesordnung: Erste Berathung der Getreiderollvorlage. Preuß. Minister für Landwirthschaft De. Lucius: ^r^abendiesesgnze Jahrhundert hindurch mit kurzen Ausnahmen Getreidezolle gehabt. Der grotze ^. kehrsaufschwuna habe manche Vortheile für den ländlichen Grundbesi Nachthelle für denselben im Gefolge gehabt. Er habe dazu geführt, Eutturstaaten mit stemdländtschem Getreide überflu he wurden, Eoncurrenz erwehren zu können schon weil ihre ^V,br2t7,i,9nr0BDeJn ™ Wirkung hatten. Die landwirthschaftlichen Zölle in DevitWtaab W«t »on; guter gewesen, in Bezug auf den Schutz unserer Production sowohl als auch in Bezug aut Misere Finanzen. Die Einwirkung der Zölle auf die Preise habe sich nur langsam rind in geringem Maße gezeigt; zu Tage getreten aber sei sie doch. Augenblicklich haben wir aber trotz der Zölle die niedrigsten Weizen- und Roggenpretse seit 30 Jahren. Die Wirkung der Zölle zergt sich nur in der Differenz zwischen den deutschen Durchschnittspreisen und den Notirungen des Londoner Marktes. Diese Differenz sei aber zu gering, als daß der Consument davon berührt würde. Deutschland könne seinen Bedarf in der Hauptsache selbst decken; Import und Export stellten sich im Wesentlichen nur als Transit dar. Unsere Production könne durch Eulttvirung der Moor- und Haideflächen noch erheblich vermehrt werden; wir verfügen da noch über Hunderte von Quadratmetlen; aber freilich erfordert die Cultioirung ein nicht unerhebliches Anlagekavital, dessen Verzinsung durch gesicherte Absatzverhältnisse gesichert werden müsse. Günstig haben die bisherigen Zölle auch dadurch gewirkt, daß sie für uns die Wirkungen einer schädlichen Speculation abschmächten; ganz zu verhindern vermochten sie sie nicht. Der ständige Rückgang der Preise müsse zu einem Punkte führen, wo die Productionskosten den Ertrag übersteigen, umsomehr als sich die Productionskosten nicht verminderten, sondern thetlweise noch stiegen. Die Pachterträge der Domänen sowie privater landwtrthschaftlicher Güter zeigten demgemäß überall erhebliche Rückgänge — 25—50pCt. Der Rückgang der Gutspretse zeige sich noch nicht in gleich ^stappantem Maße. Die Verschuldung ländlicher Güter im Königreich Preußen sei allein im Jahre 1886/87 um 132 Millionen gestiegen. Wenn nicht besondere Der- Hältnisse mitgewtrkt hätten, wie die deutsche Colonisation in Posen und Westpreußen, fo würde sich diese Ziffer noch höher stellen. Dazu komme die Zunahme der Sub- hastationen. Alle diese Thatsachen dürften doch wohl hinreichend sein, um den Beweis zu führen, daß wir in der That vor einer ernsten Krisis stehen. Was das Verlangen nach weiteren statistischen Feststellungen anlange, so seien die Selbstverwaltungsorgane schon zu sehr belastet; außerdem müsse rasch gehandelt werden. Die vorgeschlagenen Sätze seien richtig bemessen, jedenfalls könne er einer Herabsetzung derselben nicht zu- ' stimmen. Empfehlen könne er auch nicht, die Regierung zu ermächtigen, in gewissen Fällen, bei geringen Ernten im Jnlande, die Zölle zu ermäßigen; damit werde nur eine stete Unsicherheit herbeigesührt. Trete Mißernte ein, so sei es richtiger, den Reichstag schleunigst zu berufen, um eine Herabsetzung oder Nichterhebung der Getreidezölle beschließen zu können. (Beifall rechts.) Abg. Dr. Retchensperger (Centr.) spricht sich gegen die vorgeschlagene Erhöhung der Getreidezölle aus, durch welche der Nordosten einseitig auf Kosten der anderen Landestheile bevorzugt werden solle. Aufgabe des Schutzzollsystems müsse sein, alle Interessen gleichmäßig zu fördern, nicht aber einzelne einseitig zu begünstigen. Die vom Minister mitgethetlten Angaben über Pachtsätze und den Werth ländlicher Grundstücke beweisen, daß die Productionskosten gedeckt sein müssen, denn man zahlt gern noch zu, sei es Pacht, sei es Kaufpreis. Die Zollerhöhung werde umsomehr eine entsprechende Preissteigerung herbeiführen, als wir ausländischen Getreides bedürften. Der Vortheil von der geplanten Brodkornvertheuerung könne nur Demjenigen zufallen, der mehr Getreide producirt als er consumirt. Diur ein Fünftel der ländlichen Besitzer habe Vortheil davon, ein weiteres Fünftel stehe indifferent und drei Fünftel endlich würden direct benachtheiligt. Die Industrie aber werde durch höhere Brodpreise in ihrer Concurrenzsähigkett geschmälert, während sie doch auf den Export angewiesen und nicht minder nothleidend sei als die Landwirthschast. Abg. v. Helldorf-Bedra (cons.) weist den Rückgang der landwirthschastlichen Erträgnisse ziffernmäßig nach. Die Productionskosten würden durch die stetig steigenden Löhne erhöht und es sei der Landwirthschast viel weniger möglich, diesen Theil der Productionskosten zu mildern. Die Bebel'sche Behauptung von der Gedrücktheit der landwirthschastlichen Arbeiter werde schon durch die Thatsache hinfällig, daß die Land- wirthe froh sind, wenn sie Arbeiter haben. Herr Reichensperger habe nicht gesagt, wie der Landwirthschast in dieser Nothlage geholfen werden solle. Es bandle sich keineswegs, wie man behaupte, hier um die Interessen lediglich der Großgrundbesitzer, sondern um die des breitesten Standes, des Bauernstandes. Der Großgrundbesitz bilde nur einen kleinen Procentsatz des gesammten landwirthschastlichen Grund und Bodens, während der mittlere Besitz bis zu 100 Hectaren den Hauptantheil hat. Aber auch die kleinen Besitzer seien bei den Zöllen interessirt, auch die Besitzer von 5 Hectaren verkaufen ihre Producte; was sollten diese armen Kleinbesitzer thun, um ihre Steuer zahlen und die Mittel für ihre Bedürfnisse erlangen zu können? Daran, daß wir bezüglich unseres Getreidebaues einmal auf den Export angewiesen sein könnten wie bezüglich des Branntweins, sei nicht zu denken. Bet unserer rasch wachsenden Bevölkerung wollen wir zufrieden sein, wenn sich Production und Consumtion decken. Noch kann allerdings der Getreidebau eine erhebliche Ausdehnung erfahren. Nicht um die Vertretung einseitiger Agrartnteressen handele es sich hier, sondern um das Interesse des ganzen Volkes. Abg. Geibel (natl.): Nicht als Gegner der Landwirthschast, sondern als Freund derselben erkläre er sich gegen die Vorlage. Er bedauere, daß nicht eine Enquete stattgefunden habe. Eine solche sei freilich schwierig, da es in den Kreisen der Landwirthe meist an einer geordneten Buchführung fehle. Er habe eine kleine Privatenquete veranstaltet. Da habe sich ergeben, daß von 1881 bis 1887 die Preise für Getreide zwar wesentlich zurückgegangen, daß aber dafür die Produktion zugenommen habe, so daß das Erträgniß schließlich dasselbe geblieben sei. Die Getreidezölle werden nur einem Theil der Landwirthe und auch diesem nur für kurze Zeit nützen. Der Rückgang der Grundstückspreise sei ein Gesundungsproceß, der nicht unterbrochen werden dürfe, wie dies durch die Zollerhöhung geschehen würde. Der kleine Land- wirth consumtre das Brodkorn, welches er baue, selbst und verkaufe Gerste und Hafer. Wollte man dem kleinen Landwirth nützen, so müßte man einen höheren Zoll auf den Hafer legen. Durch diese Vorlage werde der Landwirthschast im Allgemeinen nicht geholfen; wolle sie der Staat fördern, so könne er das durch ein gerechtes Steuersystem, Entlastung der Communen, zweckmäßige Regelung des Hypothekarkredtts, Erleichterung des Personalkredits, Förderung des Genossenschaftswesens rc. Die Rente aus dem Grundbesitz sei gesunken wie jede andere, das sei eben ein naturgemäßer Vorgang. Die Erhöhung werde in der Arbetterbevölkerung Erbitterung Hervorrufen und unsere Social- resorm gefährden. Abg. Gehlert (Rchsp.) tritt der Annahme entgegen, als ob Zölle und in- directe Steuern eine Classe der Bevölkerung ausschließlich treffen könnten. Höhere Lebensmittelpreise führten zur Steigerung der Löhne und so finde sich denn, daß der Arbeiter dort, wo das Leben theurer sei, nicht schlechter gestellt sei, als da, wo die Lebensmittel sehr billig seien. Die Nothlage der Landwirthschast schädige den in- dusttiellen Arbeiter, indem die ländlichen Arbeiter nach den Städten strömten und hier den städtischen Arbeitern Concurrenz machten, ferner dadurch, daß sie die Consumtions- fähigkeit der ländlichen Bevölkerung beschränke. Den Arbeitern werde also kein Nach- khetl, sondern nur Vortheil aus der Zollerhöhung erwachsen. Der wirkliche „arme Mann", dessen sich der Freihändler annehme, sei der Börsenmann, der Großhändler. Derselbe sei ja ein nothivendiges Glied, aber der Staat könne in ihm doch unmöglich keine erste und beste Stütze erblicken. Angesichts der vom Minister gegebenen und in den Motiven enthaltenen statistischen Nachweise müsse man zugeben, daß die Land- wtrthschaft unter ganz unmöglichen Bedingungen arbeite. Es war eine wirthschaftliche Sünde, die Wollzucht verfallen zu lassen; sie wird nie wieder erstehen; erhalten wir uns wenigstens unsere Landwirthschast in den bestehenden Grenzen. — Redner wendet sich dann noch gegen die Goldwährung als beide Zweige unseres wirthschaftlichen Lebens, Landwirthschaftund Industrie, gleichmäßig schädigend. Es werde häufig behauptet, daß Deutschland für andere Länder den Impuls gegeben habe, sich mit Schutzzöllen zu umgeben; neuerdings finde sich diese Behauptung in einer Petition der Stettiner Kaufmannschaft. Sie sei einfach unwahr. Zur Zeit, als Deutschland Freihandel hatte, gingen Amerika und Rußland zu starken Schutzzollsystemen über. Seine Fraktion sei fast einstimmig von der Nothwendigkeit einer Erhöhung der landwirthschastlichen Zölle überzeugt und trete entschieden dafür ein, dagegen bestünden Meinungsverschiedenheiten über die Ziffer. Er beantrage daher die Ueberweisung der Vorlage an eine 21gliederiae Commission. (Beifall.) Abg. Lorenzen (frs.) hält es noch keineswegs für bewiesen, daß die Kornzoll- erhöhunq eine Besserung der Preise zur Folge habe und so der Landwirthschaft von Nutzen sein werde. Jedenfalls aber werde sie schwere politische Conflikte zur Folge haben. Schon aus diesem Grunde müsse er sich dagegen erklären. Hierauf wird die Weiterberathung auf morgen Vormittag 11 Uhr vertagt. Telegraphische Depesche«. Wolff'S tele-e. Eor*ksv/, Uhr: Pfarrer Dr. Naumann. Nachmittags 5 Uk>r: Pfarrer Dingeldey. Krnderkirche, Vormittags 11 Uhr, Pfarrer Schlosser. f. ^outag, den 5. December, Abends 8 Uhr, Bibel stunde in der Kleinkinder- schule, Markus Kap. 12, von Vers 28 av, nicht fern vom Reiche Gottes, Davids Sohn und Davids Herr; Schein und Wesen; Pfarrer Dr. Nau mann. Donnerstag, 8. December, Abends 8 Uhr, Adventsandacht in der Kirche, Pfarrer Dmgeldey. n,Adventssonntag, 11. December, Beichte und heiliges Abendmahl im Abendgottesdienst. / Die am 1. Advent zur Vermehrung des Kapitalvermögens der Gemeinde erhobene Kirchenkollekte betrug 23 Mark 70 Pfg. Die Vfarrgeschäfte in der Woche vom 4. bis 10. December besorgt Pfarrer Dr. Naumann. Katholische Gemeinde. 2. Sonntag des Advents. Von 7 Uhr an Beichte. Um 8 Uhr: Frühmesse und Austheilung der h. Communion. „ ValO Uhr: Hochamt und Predigt. „ i2LUHr: Advents-Andacht. Gottesdienst in der Syusgogr. Freitag Abend 4