Nr. 1OO 1887. rezmer nzerger Zweites Blatt. Sonntag den I. Mai Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis S. ießen. flhtrecttt Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Amtlicher Hheil. Dreis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bring* Dur» die Post be»oaen rierteliSdrlich 2 Mark 50 Betreffend: Den Ankauf von Remonten pro 1887. Bekanntmachung. Zum Ankäufe von Remonten im Alter von drei und ausnahmsweise vier Jahren sind im Bereiche nachstehende, Morgens 8 Uhr beginnende Märkte anberaumt worden und zwar: Berlin, den 5. März 1887. des Großherzogthums Hessen für dieses Jahr Juli in Nidda, „ Butzbach, 14. 4. Groß-Gerau. ff n 1. 2. 3. ft ft Lampertheim, Bickenbach. Gernsheim, am ft tr in if ff August if tt am 6. ,, 7. „ 13. „ Alsfeld. „ Nieder-Wöllstadt, h n m v ”71 „ **• ff fl iupsvi>eruu. Die von der Remonte-Ankaufs-Commission erkauften Pferde werden zur Stelle abgenommen und sofort gegen Quittung baar bezahlt Pferde mit solchen Fehlern, welche nach den Landesgesetzen den Kauf rückgängig machen, sind vom Verkäufer gegen Erstattung des' Kaufpreises und der Unkosten zuruckzunehmen, ebenso Krippensetzer, welche sich in den ersten acht und zwanzig Tagen nach Einlieferung in den Depots als solche erweisen Pferde, welche den Verkäufern nicht eigenthümlich gehören, oder durch einen nicht legitimirten Bevollmächtigten der Commission vorgestellt werden sind von »em Kauf ausgeschloffen. ' 1 Die Verkäufer sind verpflichtet, jedem verkauften Pferde eine neue starke rindlederne Trense mit starkem Gebiß und einer Kopsbalfter von Leder nher von Hans mit 2 mindestens zwei Meter langen Stricken ohne besondere Vergütung mitzugeben. .... m ,Uln die Abstammung der vorgeführten Pferde feststellen zu können, ist es erwünscht, daß die Deckscheine möglichst mitqebracht werden auch werden dre Verkäufer ersucht, die Schweife der Pferde nicht zu eoupiren oder übermäßig zu verkürzen. Kriegsministerium, Remontirungs-Abtheilung. ___________________________________ Frhr. von Troschke. glieder flch wohl nur anläßlich des am 10. Mai erfolgen sollenden Schluffes der Landtager nochmals versammeln. Der Reichstag hat am Mittwoch, nachdem er vorher den Entwurf, betr. die Errichtung einer Seminars für orientalische Sprachen in zweiter Lesung genehmigt und Wahlprüfungen erledigt, wegen Mangels an hinreichendem Berathungr-Material eine einwöchentltche Pause in seinen Plenar- Arbeiten eintreten lassen. Die nächste Zeit gehört also den verschiedenen Com- misstonen und hoffentlich werden wenigstenr einige derselben bis zum Wiederzusammentritte des Plenums am 5. Mai ihre Geschäfte abgewickelt haben Die Commission für die Anträge auf Abänderung der Gewerbeordnung hat mit Annahme der Ackermann schen Anträge auf Einführung der Jnnungszwanqes und des obligatorischen Befähigungsnachweises ihre Arbeiten in der Hauptsache beendigt; auch die Commissionen zur Vorberathung der Kunstbutter-Vorlage und des Entwurfes, betr. den Verkehr mit zink- und bleihaltigen Gegenstände» sind bereits in die zweiten Lesungen eingetreten, so daß das Plenum bei Wieder^ ausnahme seiner Verhandlungen die genannten Entwürfe und Vorlagen jedenfalls vorsinden wird. Was die in voriger Woche begonnenen Bunbesrathr-Verhand- lungen über den Branntweinsteuer-Entwurf, denen die Finanzminister Bay-rns und Badens beiwohnen, anbelangt, so sollen dieselben einen glatten Veriauf nehmen, so daß der Entwurf wahrscheinlich in diesen Tagen dem Reichstage zugehen wird. Bei der in Breslau vorgenommenen Nachwahl zum Landtage an Stelle des verstorbenen Abg. Dirichlet wurde der Candidat der Freisinnigen Rittergutsbesitzer v. Saucken-Julienfelde, mit 447 Stimmen gewählt. Auf den freiconfervativen GegeN'Candtdat, Commerzienrath Schüller, entfielen 403 St. In den weitesten militärischen und politischen Kreisen der österreichisch-ungarischen Monarchie feierte man in dem 60jährigen Dienstjublläum, welches Erzherzog Albrecht am Montag beging emen hohen und glanzvollen historischen Fest- und Gedenktag. In der Presse wurden dem Sieger von Custozza patriotisch-begeisterte Huldigungen dargebracht und zahlreiche Glückwunsch-Telegramme, darunter solche von fast allen Sou- verainen Europas, gingen dem Erzherzog - Marschall zu seinem Jubiläum zu. — Unter dem Eindrücke dieses Ereignisses bleibt die Dekorirung des Ministers Grafen Kalnoky gleichwohl nicht unbemerkt, vielmehr legt man dieser Auszeichnung des Leiters der auswärtigen österreichischen Politik allseitig eine besondere politische Bedeutung bei, derart, daß hierdurch Kaiser Franz-Joseph seine volle Zustimmung zu der von Kalnoky vertretenen Friedenspolitik docu- mentirt. Außer Kalnoky wurden auch Graf Bylandt-Reifferscheid, der Reichskriegsminister, Feldmarschall Fürst Windischgrätz und andere hochstehende Persönlichkeiten mit dem Orden des goldenen Vließes ausgezeichnet. Dem schlechten Stande des Rubelcourfes will der russische Finanzminister durch einige radikale Maßregeln aufhelfen. Es sollen nämlich die Zollämter einen gewissen Theil der Zölle anstatt in Gold in Creditbilleten zu einem vom Finanzminister festzusetzenden Course annehmen. Sämmtliche auf ausländischen Börsen verkehrenden russischen Creditbillets sollen ferner für Rechnung der russischen Regierung durch Ankauf dem Markte entzogen und gleichzeitig soll die Maffenausfuhr von Creditbillets in's Ausland untersagt werden. Nur Reisende sollen kleine Beträge in Noten mitnehmen dürfen. Es heißt weiter, daß beabsichtigt sei, sämmtliche durch die Speculation auf den Berliner Markt geworfenen russischen Noten auf Lieferung aufzunehmen und deren Lieferung in natura zu verlangen. Endlich will das russische Finanzministerium in den Hauptstädten Europas Zahlstellen ernrichten, an denen Reisende ihre Creditbillets zu dem Course wechseln können, zu welchem die russischen Zollämter die Creditbillets annehmen. Der von diesen Maßnahmen erhoffte finanzielle Effect wird sich aber schwerlich einstellen. Wochen - Uebersicht. Gießen, 30. April. lieber die Frühjahrs-Reisedispositionen des Kaisers verlautet noch immer nichts Bestimmtes, doch läßt sich annehmen, daß der greife Monarch auch diesmal den gewohnten Kur-Aufenthalt zunächst in Ems nehmen wird. Vor der Abreise dahin dürfte er noch auf einige Zeit nach Neu-Babelsberg übersiedeln, sobald die eingetretene wärmere Witterung einen consequenteren Charakter offenbaren wird. Was den Aufenthalt des deutschen Kronprinzen und seiner Familie in Bad Ems anbelangt, so soll derselbe bis etwa Mitte Mai dauern, worauf der Kronprinz noch eine Nachkur in Kissingen zu gebrauchen gedenkt. Die Emser Brunnen-Kur bekommt dem hohen Herrn in ausgezeichneter Weise und läßt dessen Befinden im Allgemeinen nichts mehr zu wünschen übrig; doch legt sich der Kronprinz, entsprechend den Wünschen der Aerzte, fortgesetzt die größte Schonung auf und nimmt er daher weder Vorträge entgegen, noch erthetlt er Audienzen. Das wichtigste parlamentarische Wochen-Ereigniß ist die am Mittwoch erfolgte definitive Annahme der kirchenpolitischen Vorlage nach den Beschlüssen des Herrenhauses seitens des preußischen Abgeordnetenhauses. Mit 243 gegen 100 Stimmen wurde das Gesetz in namentlicher Abstimmung genehmigt, während sich 42 Mitglieder der Abstimmung enthielten. Für das Gesetz votirten geschloffen das Centrum und die Polen, die Conser- vativen mit Ausnahme von sechs Abgeordneten, welche mit Nein stimmten (Stöcker, v. Rauchhaupt, v. Below-Saleske, v. Buffe, Dr. Kropatscheck), und die Heinere Hälfte der Freiconfervativen. Gegen die Vorlage erklärten sich sämmtliche Deutsch-Freisinnige, der weitaus überwiegende Theil der Nationalliberalen und die fraclionslosen Abgg. Dr. Lotichius und Spielberg, endlich die schon erwähnten sechs conservativen Abgeordneten; der Abstimmung enthielten sich 8 nationalliberale, 25 freiconservative und 9 conservative Abgeordnete. Der Abstimmung ging nochmals eine Generaldiscussion voraus, welche zur Sache selbst nichts Neues mehr zu Tage förderte; die Abgg. Stengel (fretconf.) unb ^iitnJgerobe (conf.) legten die Gründe bar, weshalb sich ein Theil ihrer politischen Freunde Der Stimmabgabe enthalten müßte, während der katholisch- conservative Abg. Cremer in längerer Rede gegen das Centrum polemisirte. — en das kirchliche Friedenswerk ist mit Annahme der neuen kirchenpolitischen Novelle nunmehr der Schlußstein eingefügt und man kann nur hoffen und müxv lchen, daß dies Werk von dauerndem Bestände sein möge, lieber 13 Jahre hat Preußen und mit ihm Deutschland den Kirchenstreit sozusagen als einen Rtoß am Beine mit berumgefdileppt und wie tief dieser Zustand während der m unsere politischen Verhältnisse eingeschnitten hat, lebt wohl noch in Aller Gedächtn^. Nun, mit der am Mittwoch getroffenen Entscheidung ist der lange verderbliche Zwiespalt zwischen der Staatsgewalt und der obersten kirchlichen Autorität beseitigt und der „Culturkamps" beendigt; möge derselbe nimmer ben" die pr-ubis-be Regierung hat im Interesse der end- uchen Wiederherstellung der kirchlichen Frieden; wahrlich große Opfer gebracht und könnte neuen Forderungen der Kurie schwerlich nochmalr Zugeständnisse ma^en- ~ Der übrige Theil der Mittwochr-Sitzung oee Abgeordnetenhauses Misgefüllt b*e $iScu^on ü6er Vorlagen von mehr provinzieller Bedeutung _ Dar preußische Herrenhaus hielt am Mittwoch seine erste Plenar- sltzung nach den Osterferien ab. Die Sitzung war in der Hauptsache der noch- maligen Berathung der Kreirordnung gewidmet, welche in Folge der abweichen, den Beschlüsse des Abgeordnetenhauses bezüglich des Ehren-Bürgermeisteramtes «n das Herrenhaus zurückgelangt war. Der Entwurf wurde schließlich?in: der Fassung des Abgeordnetenhauses mit 51 gegen 29 Stimmen definitiv genehmigt; am Donnerstag vertagte sich das Herrenhaus wiederum und werden seine Mit Aus Marseille wird eine hochgradige Erregung der französischen Arbeiter gegen die dortigen zahlreich vertretenen italienischen Arbeiter gemeldet. Die Italiener arbeiten billiger, daher der Haß ihrer französischen Colleaen; es ist zwischen beiden Parteien schon wiederholt zu blutigen Schlägereien gekommen und soll die gegenseitige Erbitterung noch im Wachsen be- griffen sein. __________________________________________ B e » r» i - ch t e s. — Zum hundertjährigen Geburtstage Ludwig Ubland's sind nicht nur eine Menge Gedächtnißrcden gehalten und viele Biographien erschienen, sondern auch manche kleine Züge und Anekdoten aus dem Leben des Dichters wieder ausgeirtscht worden. Hier nur Einiges. „Jedes Ding hat zwei Seiten", sagte einmal Uhland vor einem Kreise von Freunden im Beisein seiner Gattin Emilie. „Da muß ich widersprechen", warf diese ein. Alles stutzte. „Ausgenommen, mein lieber Ludwig sind Deine Briefe", fuhr Frau Uhland scherzend fort, „die kommen nie über die erste Seite." Der Dichter mußte lochen, er konnte nicht widersprechen. — Bei einem Feste, das zu Ehren einer in Tübingen tagenden Naturforscheroersammlung in dein naben Bade Niederau gegeben wurde, schlug ein Fremder einen Toast auf Ludwig Uhland vor. Auf Uhland's ablehnende Entgegnung, das Fest gelte den Naturforschern nickt den Dichtern, rief ein anderer Fremder entrüstet aus: „Werft den Kerl zur Thur hinaus!" Natürlich zur großen Erheiterung Derer, die Uhland kannten. Er selbst lachte, daß ihm die Thränen in den Augen standen und sagte, das sei eine der merkwürdigsten Ovationen, die ihm je zu Theil geworden. — Unter musikalischer Nachbarschaft, die für die Stunden der Arbeit und ebenso für die der Erholung so störend wirkt, hatte auch unser Dichter zeitweilig zu leiden. Dazu noch Anderes. So schreibt Uhland an Karl Meyer über eine gewisse Trägheit, die sich seiner bemäch-' ngt: „Nur selten komm' ich aus dem Zimmer, doch will die Arbeit nicht vom Ort- -eoffnet sind die Bücher immer, doch rück' ich keine Seite fort. Bald spielt mein Nachbar auf der Flöte und führt mir die Gedanken hin, bald steht am Fenster beim Frlete die angenehmste Nachbarin." Was ihn von beiden wohl am meisten aestört haben wird? ö ' — Man hört so oft von Pferdekraft sprechen, aber die Wenigsten wissen, welche Kraft dieser Ausdruck darstellt. ^Pferdekrafl" bezeichnet in der Industrie eine Kraft, welche im Stande ist, in einer Sekunde ein Gewicht von 160 Pfund 3 Fuß hoch zu heben. Die Pferdekraft stellt demnach der am meisten angenommenen Schätzung gemäß die Arbeitskraft dreier Zugpferde dar; das Zugpferd vertritt die mittlere Kraft 7. Arbeitern ; daher gleicht die Pferdekraft in ihrer Wirksamkeit den Leistungen von 21 kräftigen Arbeitern. — lDer Dynamitesser.) Wenn man so die Zeitungen liest und täglich von verschlepptem Dynamit hört, dann die Attentatsversuche in Petersburg und Gatschina umständlich geschildert bekvmmt, dann ist's nicht zu verwundern, wenn auch ein Mann der den Vortheil der Geburt hat, nicht Ezar aller Reußen sein zu müssen, wenn sagen wir, auch em solcher Mann mißtrauisch gegen jedes Packet wird, das ibm aus Nuß- lonb zukommt. Em solches Gefühl der Beängstigung erfaßte dieser Tage auch einen ^^'^mten emes großen Instituts, als ihm der Packetträger ein Ding über- das nach der Form der Packhülle eine Büchse sein mußte und das Rußland als Herkunftsland erkennen ließ. Nur mit Zagen löste der in seiner Stellung zu »er- sonllchem Muthe nahezu verpflichtete Empfänger die ersten Schnüre und bald wurde r flar' der Inhalt des Packets war eine Blechbüchse. Eine Blechbüchse aus Rußland — das war nicht geheuer. Der Mann entschlug sich sofort aller weiteren Neu- ßteA'/L nM tiefer eindrinqen, sondern schellte seinem Diener, dem er die halb entblößte Buchse mit dem Bemerken übergab, er solle dieselbe nur vorsichtig öffnen konnte wohl gar Dynamit darin sein. Der Diener entfernte sich mit der Höllen- maichme und ging in seinem Schlupfwinkel mit aller Vorsicht daran, das Ding xu orrnen. Drinnen lauschte der Herr ängstlich, ob ihm nicht etwa im nächsten Moment schon das Haus mit einem katastrophalen Knall überm Kopf daoonfliegen werde. Der aber in seiner Kammer, der war nicht so ängstlich, ja, er wurde, je mehr sich die Buchse das Biegen oder Brechen mit der Zange gefallen ließ, immer zutraulicher immer sicherer, und endlich brachte er es auch zu Wege, das Innere des Mordgefäßes vollständig bloszulegen. Aus der Büchse lächelte ihn der kniffligste graue Kaviar an und, ehrlich wie der in Rede stehende Diener sein konnte, wenn die Versuchung nickt gar zu zudringlich wurde, nahm er die Büchse, um sie seinem Herrn zu bringen. Dieser aber, durch das lange Ausbleiben seines Dieners noch mehr geängstigt, wurde plötzlich von einer Panik ergriffen, unter deren Eindruck er auch schon die Treppe binabstürmte um auszugehen. So sich allein überlasten, konnte der treue Diener nicht länger wider- stehen; er holte sich vom nahen Bäcker ein halbes Dutzend prächtiger Semmeln und bald bekam das Innere der Büchse ein so hohläugiges Aussehen, daß nun der Dynamit- effcr von Angst ersaßt wurde. Bald hatte sich in seinem Hirn der Plan gebildet Herrn m dem glücklichen Verfolgungswahn zu lasten. Er wollte ihm sagen, daß die Buchse beim Versuche, dieselbe zu öffnen, verdächtig geknackt und daß er es darum für kluger gehalten habe, gar nicht weiter zu forschen, um nicht etwa gar das ganze HE-uns damit seinen geliebten Herrn in die Luft zu sprengen. Der Plan gelana vollstandlg; der Herr war froh, so billig davongekommen zu fein, bis er dieser Taae einen Brief des ihm befreundeten Grafen Solohub, eines russischen Krösus, erhielt worin die Worte sich befanden: „Lieber Freund. Ich habe Ihnen eine Büchse des deukatesten Jrka (flüssiger Kaviar) gesendet. Ich will hoffen, daß Sie sich denselben gut haben schmecken lassen" u. s. w. Als di- Büchse nun in ihre Ehren und Würden eingesetzt werden sollte, da fand sich's, daß der treue Diener zu viel gewagt hatte Der Dynamüeffer wurde, wie gebührlich, entlassen. Weiße Seidenstoffe V. Mk 123 bis 18 20 p Met. (ca. 120 versch. Qual.) 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