M. 186 Freitag den 13. August 1886. Gießener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Bureau r Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. PreiK vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Politische Ueberficht. Gießen, 12. August. Die Gasteiner Monarchen-Entrevue giebt der gelammten europäischen Presse Anlaß zu eingehenden Betrachtungen und daß diele weitüberwiegend die Begegnurig zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joses als ein eminentes Friedens-Symptom darstellen, kann auf die durch allerhand tolle Kriegsgerüchte aufgeregte öffentliche Meinung nur beruhigend wirken. Nicht ohne Absicht hat die heurige Zusammenkunst der beiden Herrscher durch die Anwesenheit des Prinzen Wilhelm von Preußen und der Minister des Auswärtigen des deutschen Reiches und von Oesterreich-Ungarn — des Fürsten Bismarck und des Grasen Kalnoky — ferner des Staatssekretärs Grafen Herbert Bismarck, des deutschen Botschafters in Wien, Prinzen Reuß, sowie des Statthalters von Elsaß'Lothringen, Fürsten Hohenlohe ein osficielleres Gepräge erhalten, als in früheren Jahren. Daß die Gasteiner Entrevue diesmal von einer Corona hervorragender staatsmännischer Persönlichkeiten umgeben war, deutet auf den maßgebenden Orts augenscheinlich geäußerten Wunsch hin, hierdurch dm festen Weiterbestand des deutsch'österreichischen Bündniffes noch mehr hervortreten zu laffen und wenn daher die öffentliche Meinung der heurigen Zusammenkunft zwischen den Herrschern Deutschlands und Oesterreichs eine über die sonst gewohnte Friedens^Manifestation hinansgehende Bedeutung beimißt, so kann man ihr schwerlich Unrecht geben. Das Wächteramt aus der Burg des Friedens in Europa wird eben immer schwieriger und um so mehr begreift es sich, daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn, welche durch ihren Freundschaftsbund dieses schwierige Amt übernommen haben, gewillt sind, durch die außergewöhnliche Feierlichkeit, welche in diesem Jahre die Begrüßung der beiden fürstlichen Freunde umkleidete, ihr ferneres festes Zusammenhalten aller Welt kundzugeben. Diesen Wink werden hoffentlich all' die unruhigen Elemente, welche im Osten wie im Westen ihr Wesen treiben, verstehen, denn er besagt deutlich, daß der Bund der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche auch auf fernerhin als ein unantastbares Friedenszeichen für ganz Europa gilt. Herr v. Giers, der leitende Staatsmann Rußlands, hat nun seine so ost angesagte und immer wieder verschobene Reise in's Ausland angetreten. Äm Sonntag ist.der Minister über Berlin, wo er einen eintägigen Aufenthalt nahm, nach Franzensbad abgereist, woselbst seine Ankunft am Dienstag Abend erwartet wurde. Das osficiöse „Journal de St. Peiersbourg" schreibt zu der Reise des Herrn v. Giers, daß dieselbe in erster Linie durch Familien- Angelegenheiten veranlaßt werde; sodann gedenke der Minister in Franzensbad auch eine längere Kur zu gebrauchen. Ob und wo Herr v. Giers dem Fürsten Bismarck einen Besuch abstatten wird, ist noch durchaus ungewiß. Neben der Gasteiner Entrevue bildete für die österreichischen Blätter auch der Besuch des ungarischen Minister-Präsidenten am kaiserlichen Hoflager in Ischl einen Gegenstand eingehender Betrachtungen. Es scheint, daß der Zweck dieses Besuches, dem Monarchen über die loyalen Gesinnungen der leitenden Pesther Kreise Aufklärungen zu geben, vollständig erreicht worden ist. Es soll Herrn o. Tisza in Ischl die völlige Gewißheit darüber zu Theil geworden lein, daß er das ungeschmälerte Vertrauen der Krone nach wie vor besitzt und daß ferner in den Wiener Regierungskreisen nicht die geringste Absicht ob» waltete, der nationalen Empfindlichkeit der Ungarn zu nahe zu treten. Da sich mittlerweile in Ungarn die über die jüngsten Personal-Veränderungen in der Armee herrschende Erregung mehr und mehr legt, allen entgegengesetzten Bemühungen der radikalen Blätter zum Trotz, so kann man annehmen, daß die Janski'Affaire mit Allem, was d'rum und d'ran hängt, nunmehr ihre letzten Kreise gezogen hat. Dem entsprechend versichert denn auch die als halboffieiös geltende „Budapesther Correspondenz", daß irgendwelche sensationelle Ereigniffe nicht zu ermatten seien und daß speciell keine Ministerkrisis zu befürchten stehe. Die beabsichtigte Errichtung einer päpstlichen Nuntiatur in Peking droht eine ernstliche Spannung zwischen Frankreich und dem heil. Stuhle hervorzurufen In Paris glaubt man durch einen solchen Schritt die Machtstellung Frankreichs in Ostasien gefährdet, wenigstens in Bezug auf das französische Protectorat über die dortigen Christen. Die Pariser tonangebenden Blätter führen daher eine sehr erregte Sprache gegen den Vatikan und beschuldigen den Papst, sich bei dieser Gelegenheit zum Werkzeuge englischer und deutscher Jntriguen gegen Frankreich gemacht zu haben. Die radikale Preffe droht sogar ml) Repressalien und befürwortet die Streichung des Cultusbudgets, sowie die Aushebung der französischen Botschaft beim Vatikan; es ist daher wahrscheinlich, daß es in der Deputirtenkammer bei der Budgetberathung in nächster Session zu lebhaften Debatten kommen wird. Die von französischen Blättern gebrachten Meldungen über den angeblich beunruhigenden Gesundheitszustand des Papstes bestätigen sich nicht. Der offieiöfe „Moniteur de Rome" berichtet vielmehr, daß der Papst am 6. August mehrere Audienzen ertheilt habe und hieraus erhellt zur Genüge die Unwahrheit jener Gerüchte. Damit werden selbstverständlich auch alle weiteren sensationellen Gerüchte, daß Leo XIII. sich in einem Zustande äußerster Schwäche befinde, daß man in seiner Umgebung sich bereits mit der Erwägung seines nahen Todes beschäftige u. s. w. aus ihren wahren Werth zurückgesührt. Die Unruhen in der irischen Stadt Belfast, zu denen die Reibungen zwischen Orangisten und Nationalisten den Anlaß gaben, haben sich aus der vorigen Woche bis in die gegenwärtige hinein fortgesetzt. Die Lage muß recht ernst sein, da selbst das Eingreifen des Militärs die Wiederholung der Unruhen nicht verhindern konnte. Trotzdem, daß Militär und Polizei von den Schußwaffen reichlich Gebrauch machte, dauerten die Tumulte den ganzen Montag fort und läßt sich die Zahl der Todten und Verwundeten noch gar nicht feststellen; doch sollen mindestens 130 Personen verwundet worden sein, von denen verschiedene ihren Verletzungen noch erliegen dürsten. Für den Amtsantritt des conferoatioen Cabinets Salisbury sind diese blutigen Tumulte gerade kein günstiges Omen. Die holländische Regierung scheint der in Amsterdam wieder eingetretenen Ruhe doch nicht recht zu trauen. Auf speciellen Befehl des Kriegsministers wird das in Amsterdam garnisonirende 7. Jnfarterie-Regiment an den diesjährigen Manövern der holländischen Armee nicht Theil nehmen, sondern in seiner Garnison verbleiben. Vorläufig ist indeffen kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß sich die blutigen Amsterdamer Unruhen vom vorigen Monat wiederholen könnten. Die Verurtheilung des amerikanischen Bürgers Cutting durch ein mexikanisches Gericht — Cutting ist wegen Preßbeleidigung eines Mexikaners, Verleumdung u. |. w. zu 1 Jahr Gefängniß und 600 Dollars Geldstrafe verurtheilt worden — kann leicht zu Verwickelungen zwischen der Union und Mexiko führen. Cutting, welcher nach der Stadt Chihuahua übergeführt werden soll, befürchtet, daß er unterwegs von den aufgeregten Mexikanern ermordet werden könnte und hat deshalb den Schutz des Gouverneurs von Texas angerufen. Falls der Gouverneur diesem Verlangen nachkommt, müßten die nordamerikanischen Truppen die mexikanische Grenze überschreiten und dann wäre allerdings der Conflictssall zwischen beiden Republiken fertig. Deutschland. Berlin, 9. August Der „Figaro", eines der wenigen französischen Blätter,, welches sich sowohl in seinen redactionellen Artikeln, als in denen seines Berichterstatters Pierre Giffard ohne jede Voreingenommenheit über das Heidelberger Jubelfest geäußert, schreibt heute: Der „Tölögraphe" spricht von dem Heidelberger Feste und von der Huldigung', welche die Abordnungen der deutschen Universitäten den Vertretern des Institut de France dargebracht haben; das seien nur spöttische Narrenspoffen, meint das Blatt, und man müsse äußerst optimistisch sein, um friedliche Anzeichen darin zu erblicken. Man behandelte uns dort, sagt der „Tölsgraphe", als große — litterarische Nation, und darin erblickt er eine Verhöhnung. Würde ein solches Urtheil im engeren Kreise oder in einem unabhängigen Blatte gefällt, so würde es keine weiteren Folgen haben und Niemanden verpflichten. Aber dieses Blatt gibt sich für dm OsficiosuS des Herrn v. Freycinet aus, dieser Artikel ist daher entweder sehr ungeschickt oder sehr bedeutungsvoll. Was will der „TMgraphe" damit sagen? Hat die jämmerliche Regierung, welche allen Machtsprüchen der Radikalen nachgibt, von ihnen Befehl erhalten, den Maulhelden zu spielen und eine Schwenkung zu machen? Das Kaiserreich versuchte das nämliche Mittel, als es im Innern den Boden unter seinen Füßen wanken fühlte. Dies kam ihm theuer genug zu stehen und sollte seinem Nachfolger den Wunsch benehmen, den Versuch zu erneuern. Damals mußten die Regierten noch schwerer büßen, als die Regierenden, und es wäre wünschenswerth, daß halbamtliche Blätter, in welchen die Minister angeblich ihre Gedanken niederlegen, sich damit begnügen, Dummheiten über die innere Politik zu schreiben, sich aber enthalten, solche über die äußere Politik zu sagen. Kesternich. Budapest, 11. August. Das „Amtsblatt" veröffentlicht das nachfolgende Kaiserliche Handschreiben: „Lieber Tisza! Mit Bedauern habe ich wahrgenommen, daß einige in jüngster Zeit erfolgte militärische Personalveränderungen zu verschiedenen Mißdeutungen Veranlassung geboten haben, welche zur Beunruhigung und Irreführung der öffentlichen Meinung und zu einer bedauerlichen Trübung des bisher in den Ländern der ungarischen Krone bestandenen guten Verhältnisses zwischen den bürgerlichen Bewohnern und der Armee führen könnten. Dies ist jedoch um so bedauerlicher, als den erwähnten Personalveränderungen ohne Verletzung irgend welcher gesetzlicher oder verfassungsmäßiger Rechte lediglich militärisch-dienstliche Rücksichten zur Grundlage dienten. In Folge dessen entfallen alle fälschlich daraus geschlossenen Folgerungen von selbst. Ebenso bedauerlich ist es, wenn wegen vereinzelter Thatsachen die ganze Armee abfälliger Kritik unterzogen wird. Der Geist der alle Völkerschaften der Monarchie umfassenden Armee ist kein anderer und es ist auch nicht zulässig, daß er ein anderer sei, als derjenige des obersten Kriegsherrn, was gerade die sicherste Garantie dafür bietet, daß dieser Geist auch künftig von keiner anderen Empfindung beherrscht werden kann, als von dem wetteifernden Streben in treuer Pflichterfüllung, welche Pflicht der Armee nicht blos die Vertheidigung der Monarchie nach Außen, sondern indem die Armee jedem politischen Parteitreiben fernsteht, im Interesse der Erhaltung der Ordnung im Innern auch den Schutz der Gesetze und der gesetzlich bestehenden versaflungs- nräßigen Institutionen in sich begreift. Nur absichtliche Unwissenheit oder unlautere Motive können dahin führen, daß die Armee, welche im Kriege wie im Frieden stets treu und opferbereit ihre Pflichten erfüllte, zu dem wahren Patriotismus, zu den Gesetzen des Landes und zu der Verfassung im Gegensätze gestellt wird. Obgleich rch demgemäß glauben müßte, daß bei einer unparteiischen und leidenichaftslosen Erwägung des Sachverhaltes der in Rede stehenden Erregung bei der loyalen und nüchternen Bevölkerung alsbald einer beruhigteren Stimmung Raum geben wird, rst es dennoch möglich, daß diese Mißdeutungen durch ihre längere Dauer Beunruhigung in weitere Kreise tragen und die gegenseitige Erbitterung nähren könnten, was zu bedauerlichen Folgen führen könnte. Im vollen Vertrauen zu Ihrem stets bethätigtcn Patriotismus und in Uebereinstimmung mit Ihren diesfalls ausgesprochenen Ansichten, bin ich überzeugt, daß Sie dieser Sache, was ich hiermit auch wünsche, Ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden und entsprechende Vorkehrungen treffen werden, daß dort, wo es Tisza. nothwendig, die Bevölkerung entsprechend aufgeklärt, und wenn trotzdem gesetzwidrige oder verdammenswerthe Agitationen oder Verdächtigungen vorkommen sollten, gegen dieselben die ganze Strenge des Gesetzes angewendet werde. Ischl, 7. August 1886. Franz Joseph. AranKreich. Pari-, 10. August. Als der Marineminister Aube die Torpedoversuche im Mittelmeer anordnete, sührte die chauvinistische Preffe eine Sprache, als könne Frankreich es jeden Tag mit jeder Seemacht aufnehmen und allen seinen Nebenbuhlern Trotz bieten. „Voltaire" erinnert daran, um zu zeigen, daß Großprahlen und Größenwahn gefährlich find. Ein Kreuzer erster Klaffe, der Duquesne, der 5 Jahre lang im Hafen von Lorient bereit gehalten wurde, um in 48 St. in See zu gehen, wurde vor 6 Monaten nach Tahiti geschickt. Der Duquesne galt für eins der besten Reserveschiffe. Aber fast unmittelbar nach der Abfahrt versagte die Maschine den Dienst und der Befehlshaber, Linienschiff-'Kapitän Fournier, erreichte nur mit Hülse der Segel Teneriffa, wo die Maschine, die im kläglichsten Zustande war, ausgebeffert wurde, doch hals das wenig. Die Maschine war gänzlich verwahrlost und Fournier mußte in Montevideo nochmals anlegen, um Ausbefferungen vorzunehmen. Endlich erreichte der Duquesne Tahiti, aber 4 Monate nach der Abfahrt. „Voltaire" nennt das eine „brutale Thatsache", fügt aber hinzu, diese stehe leider nicht allein. Auch die Corvette Thetis sei neuerdings in einem ebenso kläglichen Zustande betroffen worden. Als Aube in'- Amt trat, wurde bereits bemerkt, er sei einer jener Theoretiker, die vom Dienste nichts verstehen; seine nächsten Vorgänger waren ferne Theoretiker und Prahler wie Aube, aber um die Verwaltung sich zu bekümmern, fiel auch ihnen nicht ein: Brest, Lorient, Cherbourg und Toulon liegen in der Peripherie des Landes; wenn fie im Centrum lägen, in Paris also, würde der Marineminister vielleicht, aber auch nur vielleicht, fich mehr um die Verwaltung in den Seehäfen bekümmern. Telegraphische Depesche«. Ktolff’f teLeg*. Tsrresprmderrr • Btmtm* Salzburg, 11. August. Kaiser Wilhelm fährt um 6 Uhr ab und kornmt in Babelsberg 21/« Stunden später als bestimmt wurde an. Wien, 11. August. Cholera - Bulletins. In den letzten 24 Stunden erkrankten, resp. starben in Fiume 1/0, in Triest 9/2, in Istrien 3/0. Paris, 11. August. t Der „Ternps" und andere Journale melden übereinstimmend, der Papst habe dem Botschafter Lefebvre de Bshaine erklärt, daß er bezüglich der Entsendung eines Gesandten nach Peking noch keine Entscheidung getroffen habe. — Gestern tobte in Nancy ein heftiger Sturm, wodurch in der Stadt und deren Umgebung erhebliche Verwüstungen angerichtet und mehrere Personen getödtet wurden. Brüssel, 11. August. Der Bürgermeister richtete ein Schreiben an den Secretär der Arbeiterpartei, wodurch die Arbeiterkundgebung nächsten Sonntag unter der Bedingung gestattet wird, daß der Zug nicht das königliche Palais berühre. Die Arbeiterpartei nahm diese Bedingung an. — Sämmtliche Polizei-Commtssäre von Brüssel sind morgen nach dem Amtslocal des Oberstaatsanwalts berufen, um sich mit den richterlichen Behörden über die Maßnahmen in's Einvernehmen zu setzen rücksichtlich der Arbeiterkundgebung. MonS, 11. August. In dem Proceß wegen Zerstörung der Baudoux'schen Glasfabrik bei den jüngsten Ruhestörungen ist heute das Urtheil gefällt worden. Fünf Angeschuldigte wurden freigesprochen, zwei zu 20 Jahren Zwangsarbeit veruttheilt. Die übrigen Strafen variiren zwischen 3 Monaten Gefängniß und 15 Jahren Zwangsarbeit. Ein überaus zahlreiches Publikum wohnte der Verhandlung bei, doch unterblieb jede Kundgebung. Birmingham, 11. August. Bei der Nachwahl wurde der Staatssecretär des Innern, Matthews, hier wiedergewählt. Cook verzichtete auf eine Candtdatur. Lokale-. Gießen, 12. August. Die Sitzungen des Schwurgerichts vom 2. Quartal l. I. werden Montag den 27. September, Vormittags 9 Uhr, ihren Anfang nehmen. Zum Assisenpräsidenten ist Großh. Landgerichtsrath Holzapfel dahier ernannt. Gießen, 12. August. Die Ruder - Gesellschaft wird das wegen ungünstiger Witterung verlegte Sommerfest nunmehr nächsten Sonntag den 15. August auf ihrem Bootplatze abhalten. Das uns vorliegende reichhaltige Programm besteht aus Auf- und Wettfahrten, Concert, humoristischen Wasserspielen rc., und dürfte das auf dem Walser arrangirte lebende Bild: „Das Ideal des Ruderers", bei bengalischer Beleuchtung dargestellt, etwas Neues und nicht Dagewesenes sein. Gutes Wetter wollen wir den Wassersportsmen noch wünschen, denn das ist bei deren Festen auch noch nicht dagewesen. — h. Vermischte-. Darmstadt, 11. August. sMilitärdienftnachrichten.j Bertram, Oberstlieutenant ä la suite des 7. Westfäl. Jnf.-Regts. 9ir. 56 und beauftragt mit der Führung desselben, unter Belassung der Uniform dieses Regiments, zu den Offizieren der Armee versetzt. Offenbach, 10. August. sVerbot.j Das „Offenb. Abendbl.", Herausgeber- Julius Fritsche aus Seifersdorf i. Schl., Druck der Genossenfchaftsdruckerei, welches gestern zum ersten Male herausgegeben wurde, wurde auf Grund des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie confiscirt und das fernere Erscheinen desselben verboten. (O. M.-Z.) Karlsruhe, 10. August. In Betreff eines bedauerlichen Vorfalls, der sich heute hier ereignete, wird der „Franks. Ztg." berichtet: „Heute früh um 6 Uhr rückte das hier garnisonirende Leib-Grenadier-Regiment feldmarschmäßig (mit gepacktem Tornister und Mantel) zu einer Garnisonsübung aus und kam gegen Vz2 Uhr heute Nachmittag von dieser Uebung zurück. In Folge der großen Anstrengung sind schon auf dem Uebungsterrain die Leute vielfach gefallen, auf dem Heimweg nach der Caserne blieben verschiedene Soldaten auf der Straße liegen. Selbst in den Corridors der Caserne liegen noch Leute bewußtlos und sind sämmtliche Aerzte des Regiments in Anspruch genommen." Der „Badische Landesbote" schreibt in der gleichen Angelegenheit: „Nachdem bereits auf dem Marsch im Durlacher Wald eine größere Anzahl Soldaten ohnmächtig zusammengebrochen ist — man spricht von über 20 — stürzten am Güterbahnhof, in der Steinstraße und auf dem Spitalplatz ca. 10 Soldaten bewußtlos nieder und mußten in die nächstliegenden Häuser und das städtische Krankenhaus verbracht werden. So viel wir bis jetzt — 3 Uhr Nachmittags — in Erfahrung bringen konnten, schweben mehrere noch in Lebensgefahr, während man von den im freiem Felde gestürzten Mannschaften nichts Bestimmteres erfahren kann. Eine Anzahl Droschken ist beordert, die kranke Mannschaft nach hier überzuführen, Militär- wie einige Civil-Aerzte sind mit der Untersuchung der Unglücklichen beschäftigt. Die Erregung innerhalb der Einwohnerschaft ist bereits jetzt eine ziemlich große. Weißenfels, 10. August. Gestern Nachmittag hat sich in unserer Stadt ein EjevUches Farnllrendrama abgespielt. Der Privatier, frühere Brauereibesitzer in Pnttitz, Jehr versuchte, seine im Wochenbett liegende Ehefrau zu erwürgen und brachte ihr darauf mehrere Stiche im Halse bei. Dann entleibte er sich selbst, indem er fick rnit einem scharf geschliffenen Brodmesser die Halsarterien durchschnitt. — sDie Heidelberger Universitätsfeier.l Es sind reine und volle Friedens- klänge, welche in der ersten Augustwoche vom deutschen Süden her in die ganze wiffen- schaftliche Welt hinaus tönten. Altheidelberg, die älteste deutsche Musenstadt voll Poesie und Romantik und reich an Forschung und Lehre, hat das 500jährige Jubelfest ihrer Begründung vor einer glänzenden Versammlung von Festgenossen würdig gefeiert. Die ungewöhnlich zahlreiche Betheiligung von Vertretern der Wissenschaft, Kunst und Technik aus allen Staaten Europas und aus anderen Welttheilen war eine lebendige Darstellung der Universitas, welche alle Nationen in dem Streben nach Wahrheit und Wohlfahrt umschließt. Die Anwesenheit des Landesfürsten und des deutschen Kronprinzen gab dem Feste auch die patriotische Weihe; aber der Sohn unseres Kaiserhauses hat in seiner inhaltsvollen Ansprache nicht die siegreichen Schlachten erwähnt, die er an den südwestdeutschen Grenzmarken zur Wiederherstellung des Kaiserreichs selbst mit schlagen half, sondern er hat die Geisteskämpfe der Heidelberger Hochschule um Glaubensfreiheit und Forschungsrecht gepriesen, er hat der ehrenvollen Wunden gedacht, die sie nunmehr mit dem Festkleide des Sieges decken darf und ihr neue hohe Ziele gestellt. — „Größer geworden sind die Zwecke des Forschens und Strebens, dankbarer und folgenreicher der Beruf, sie lehrend zu verkündigen und lernend zu verstehen. Vaterland und akademisches Bürgerthum werden aber nur dann segensreich aufeinander wirken, wenn sie in ihrer Lebensthätigkeit die gleichen Tugenden bewahren. Je höhere Gipfel in Wissenschaft und im geschichtlichen Leben erstiegen sind, je stolzere Ziele winken, desto größerer Besonnenheit und Selbstverleugnung bedarf es." Den mächtigsten Eindruck machte der Zuruf des Kronprinzen an Lehrer und Schüler, „eingedenk zu bleiben der Aufgaben, Die uns gerade im Hochgefühle des Erfolges am eindringlichsten die Seele erfüllen sollen: in Wissenschaft und Leben festzuhallen an der Wahrhaftigkeit und Strenge geistiger Zucht, an der Förderung des Brudersinnes unter den Genossen, auf daß aus dem Geiste des Freimuthes und der Friedfertigkeit die Kraft zu der heilsamen Arbeit wachsen möge, die Lebensformen unseres Volksthums gedeihlich auszubilden." Fürwahr, es sind Lehrenden und Lernenden selten so ideale Ziele gestellt worden, wie in dieser fürstlichen Rede! Die Aufforderung, Wahrhaftigkeit und strenge Zucht, Brudersinn, Freimuth und Friedfertigkeit zu üben, ergeht an alle Deutschen und die Heidelberger Feier wird unvergängliche Früchte tragen, wenn sie die Nation mit Kraft und Freudigkeit zur Uebung dieser Tugenden erfüllt und als ein Fest der Entschließung noch in fernen Geschlecktem nachwirkt. Heidelberg, 9. August, lieber die vorzeitige Abreise des Kronprinzen von hier sind die mannigfachsten Gerüchte verbreitet worden, am meisten innere Wahrscheinlichkeit hat jedoch die von einem Berichterstatter des „Berl. Tagebl." ausgesprochene Combination, daß der Kronprinz, der zum natürlichen Mittelpunkt des Festes und der Ovationen geworden war, die Reise zu seiner Mutter als tactoollen Vorwand zur plötzlichen Abreise suchte, damit die Strahlen der Feftovationen sich wieder auf den landesväterlichen Brennpunkt concentriren könnten. Nach einer ungefähren Schätzung. die der Berichterstatter des „Berl. Tagebl." einem höheren Bahnbeamten verdankt, sind allein am Donnerstag und Freitag gegen 80,000 Menschen in 42 Extrazügen aus Baden; Bayern, Württemberg, Hessen und Frankfurt, also aus der näheren Umgebung Heidelbergs, zur Besichtigung des Festzugs hier eingetroffen. Rechnet man dazu, was mit den fahrplanmäßigen Zügen kam, was zu Fuß und zu Wagen anlangte, und die Zehntausende von Festgästen, welche für die ganze Woche sich hier einquartiert haben, so wird man unter fernerer Berücksichtigung der 25,000 ständigen Einwohner der Stadt nicht zu hoch greifen, wenn mar. die Zahl der Festzuschauer auf 150,000 schätzt. Und für solche Massen sollte ein Städtchen von 25,000 Seelen Speise, Trank und, wenn auch nur zeitweilig, Unterkunft schaffen. Die platte Unmöglichkeit liegt auf der Hand. Sehr viele griffen zu dem nahen Auskunftsmittel, sich in den Nachbarstädten einzulogiren. An dem materiellen Segen der Festwoche, der sich so reich über Alt-Heidelberg ergossen, haben also auch die Nachbarstädte theilgenommen. Heidelberg, H August. Herrn Oberbürgermeister vr. Wilckens ist der „Karlsr. Ztg." zufolge folgendes' Schreiben des Großherzogs zugegangen: Mein lieber Herr Oberbürgermeister Dr. Wilckens! Unter dem hochbefriedigenden Eindruck der festlichen Tage, welche Ich in Heidelberg erlebt habe, ist es Mir Bedürfniß, Ihnen auszusprechen, welche aufrichtige Anerkennung Ich der liebevollen und opferwilligen Theilnahme der Einwohnerschaft Heidelbergs an der Jubiläumsfeier widme und dabei Meiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß diese Theilnahme zum Gelingen dieser schönen, für alle Zeit denkwürdigen Feier wesentlich beigetragen hat. Aber dieses einmütige Zusammenwirken der Heidelberger Einwohnerschaft für die Herbeiführung eines günstigen Verlaufes der Jubiläumsfeste hat für Mich noch eine besondere höchst erfreuliche Bedeutung dadurch, daß diese Erscheinung davon Zeugniß giebt, welch' inniger Zusammenhang zwischen der Heidelberger Einwohnerschaft und der städtischen Verwaltung besteht, deren umsichtige Leitung eine so wirksame Unterstützung durch die Bevölkerung gefunden hat. Wenn Ich daher der musterhaften Haltung der Stadt Heidelberg während dieser Festtage mit herzlicher Befriedigung gedenke, drängt es Mich zugleich, Ihnen, Herr Oberbürgermeister und den übrigen Mitgliedern der städtischen Verwaltung Meine aufrichtige Anerkennung für die Hingebung und Treue auszusprechen, mit welcher Sie in Gemeinschaft mit ben städtischen Behörden Ihres Amtes walten. Empfangen Sie, Herr Oberbürgermeister, mit den wärmsten Wünschen für das fortdauernde Gedeihen Ihrer Stadt die Ver- sicheruna Meiner vorzüglichen Werthschätzung. Karlsruhe, den 8. August 1886. Friedrich. Frankfurt a. M., 9. August. In einem Hause des Mittelwegs im dritten Stocke hatte man am Samstag Bettzeug zum Fenster hinausgelegt. Die 18jährige Tochter der Familie beugte sich darüber, um nach dem Garten hinabsehen zu können, als plötzlich das Bettzeug in's Rutschen kam. Das Mädchen, das nicht mehr festen Fuß fassen konnte, stemmte sich krampfhaft mit den Armen gegen die beiden Pfeiler des Fensters, hemmte dadurch das Rutschen und rief um Hilfe. Ein Dienstmädchen, das im anstoßenden Zimmer beschäftigt war, hörte das Geschrei, sprang herbei und es gelang ihr, die fast bewußtlose Tochter in das Zimmer zu ziehen und dadurch vor dem Herabstürzen und einem wahrscheinlich sicheren Tode zu bewahren. Die Betten fielen in den Garten hinunter. In Folge der ausgestandenen Angst ist die Tochter nicht un- erheblick erkrankt. Die Retterin erhielt von der Mutter des Mädchens ihre goldene Uhr zum Geschenk und von dem Vater einen Hundertmarkschein. Köln, 11. August. Seit gestern hat sich hier ein Gerücht von einer dunkelen That verbreitet: An der Mülheimer Heide soll ein Mann von anderen am Abend aus einem Nachen in den Rhein geworfen worden und ertrunken fein. Unterhalb Mülheim wurde ein leerer Nachen gelandet und zwei Männer aus Mülheim, die mit einem dritten in demselben auf dem Rhein gefahren sein sollen, sind verhaftet. Näheres ist noch nicht bekannt; die nächsten Tage aber werden wohl den Schleier lüften. (K. Z.) . fr Aachen, 10. August. Bei einer hiesigen König!. Kasse ist am Samstag ein falscher Hundertmarkschein angehalten worden; leider gelang es nicht, den Einzahler zu entdecken. Das geschickt nachgebildete Falsificat läßt sich am leichtesten dadurch als solches erkennen, daß die auf den Scheinen in Rothdruck ausgeführte Nummer auf ben eckten Scheinen nicht abfärbt, währenb es bei bem Falsificate genügt, mit bem befeuchteten Finger über bie Nummer zu fahren, um die Farbe zu verwischen. Bei bleser Gelegenheit erscheint bie Mittheilung angebracht, zumal im Grenzbezirk viel französisches Gelb in Umlauf ist, baß feit Kurzem in Brüssel falsche Zweifrankstücke in großer Zahl zur Verausgabung gelangen. Dieselben sind aus versilbertem Kupfer ^^^/t^At, vorzüglich geprägt und tragen bas Bilbmß Napoleons III. mit der Jahres- Der Klang ist bem echten Stücke sehr ähnlich, sobaß bie Unterscheidung ziemlich erschwert wirb. — Auf bem Centralbahnhofe in München ftanb ein einheimisches Ehepaar und gedachte nach bem schönen Salzburg zu bampfen. E r besorgte bie Koffer unb bie Schachteln. Sie besah sich wißbegierig ben Pariser Blitzzug, ber eben angedampft war. 4bte es wohl barinnen aussieht, bachte fie, unb stieg hinein; nur einen Augenblick, aber wie sich L sitzt, mußte sie doch probiren. Kaum saß sie, so pfiff's und fort flog per Zug. Sie schrie unb lärmte am Fenster, aber die Leute braufeen wollten sich tobte lacken und der Gemahl machte grimmig eine Faust. Der Blitzzug ist kein Bummel- wg, ber auf jeber Station hält; sie mufete weit mitfahren, wenn auch nicht bis Wien, doch viele Stationen weit und dann obendrein die Fahrt und 10,* Strafgeld zahlen. Dazu noch die Rückreise! Es war eine theure und ärgerliche Extratour und derweilen hatte der zornige Herr Gemahl die Koffer sich zurückgeben lassen und wartete, dunkel- roth im Gesicht, daheim der Wißbegierigen. Nach Salzburg ging's nicht, waL etwa -anders noch passirt ist, sei discret verschwiegen. Wiesbaden, 4. August. Obwohl die Beispiele wohl zu Tausenden zählen, daß das unvorsichtige Umgehen mit Schießwaffen mit der größten Gefahr verbunden ist, können wir abermals einen traurigen Fall von hier berichten, der auf Unvorsichtigkeit zurückzuführen ist. Der 21jährige Sohn einer Wittwe (Kaufmann) befindet sich mit einem Freunde im Hofe, um mit dem Revolver nach Spatzen zu schießen, nicht ahnend, daß sich eine Kugel im Laufe befindet. Scherzweise richtete er die Mündung des Laufes nach seiner Brust; nach kaum einer Secunde ertönt ein Schuß und das Blut strömt aus*einer Wunde. Er ist kaum noch im Stande, die Wohnung zu erreichen und schon nach 10 Minuten, noch bevor ein Arzt gerufen werden konnte, ist der junge Mann eine Leiche. Die Mutter hat in ihm nicht nur den einzigen Sohn, sondern auch zugleich ihren Ernährer verloren. Aus Thüringen, 8. August. Daß ein Kind als Pfändungsobject dient, ist gewiß ein seltenes Ereigniß. Ein Subalternbeamter in Erfurt verlor vor einigen Zähren seine Frau durch den Tod und gab das dieser Ehe entsprossene Kind seinen Schwiegereltern in Gotha zur Erziehung. Vor Kurzem hatte sich nun der Vater wieder verheirathet und verlangte sein Kind zurück. Da die Großeltern jedoch die Herausgabe des Kindes verweigerten, mußte der Vater klagbar werden und erstritt vor Gericht ein obsiegendes Unheil. Vor einigen Tagen nun erschien ein Gerichtsvollzieher bei den Großeltern und pfändete denselben auf Grund des Executionsbefehls einfach das Kind ab. Honnef, 8. August. Ein schrecklicher Unglücksfall versetzte heute Abend unsere Stadt und Rolandseck in große Aufregung. Die „Köln. Volksztg." berichtet darüber: Nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr fuhr ein mit 10 Personen besetzter Nachen unter aufgespanntem Segel rheinabwärts, stieß in der Mitte des Stromes mit voller Wucht auf die von Rolandseck herüberkommende Fährponte: ein Krach, herzzerreißende Schreie — und Nachen wie Menschen waren unter dem Wasser verschwunden! Der Nachen war durch den scharfen Anprall sofort umgeschlagen und trieb kieloben abwärts. Der Führer der Fährponte ließ sofort seinen Nachen herab und der Bemannung gelang es, fünf Menschen den Wellen zu entreißen und auf der Insel Nonnenwerth zu landen. Drei Andere retteten sich durch Schwimmen thetls nach Rolandseck, theils an unser Ufer, und eine Person wurde von dem rasch flott gemachten Nachen des gerade thalabwärts kommenden Personenbootes „Elisabeth" ausgenommen. Zwei Menschen sind ertrunken: der Gärtner des hiesigen Weckbecker'schen Gutes und ein junges Mädchen, Lessen Leiche heute Abend noch nicht aufgefunden war. Die Ursache ves Unglücks ist in großem Leichtfinne der Betreffenden zu suchen. Der genannte Gärtner hatte mit der ganzen Gesellschaft den dem Besitzer der Fährponte gehörenden Nachen bestiegen, ohne um Erlaubniß zu fragen und ohne daß ein des Fahrens Kundiger an Bord gewesen wäre. Wind und Strömung rissen den Nachen auf die in voller Fahrt begriffene Ponte und so geschah die Katastrophe so rasch, daß der Pontenführer keine Zeit fand, sein Zugseil zu kappen, um dadurch den Stoß zu mildern. Das Unglück möge allen Sonnrags-Ausflüglern zur Warnung dienen. Berlin. In der „Germania" lesen wir: Eine für die Glasindustrie sehr bedeutsame Erfindung hat Friedrich Siemens, der bekannte Besitzer der Siemens'schen Glashütten in Dresden, gemacht. Es ist ihm gelungen, Glas wie Metall zu gießen. .Solches gegossene Glas ist überaus hart, nicht theurer wie Gußeisen und hat vor Liesem den Vorzug der Durchsichtigkeit, so daß „bruchige" Stellen, die schon oft, besonders bet Eisenbahnschienen, die Ursache zu schweren Unglücksfällen gewesen sind, sofort erkannt werden können, ehe das Glas zur Verwendung gelangt. Dazu hat sich -gegossenes Glas ungleich widerstandsfähiger gegen die Einwirkung der Luft als Guß. eisen erwiesen. Das Verfahren selbst ist überaus einfach und beruht in der Hauptsache auf rascher Abkühlung. Wie bedeutend die Widerstandsfähigkeit und Härte des Gußglases ist, geht daraus hervor, daß gegenwärtig in der Siemens'schen Fabrik in Dresden Versuche über die Verwendbarkeit dieses Glases zu Eisenbahnschienen angestellt werden. Berlin, 7. August. Eine Bürgschaft von 10000 AL ist gestern der Staatskasse verfallen. Wie noch erinnerlich sein wird, ist der bekannte Kurpfuscher William Becker, welcher in Hunderttausenden von Exemplaren seinen „Fliegenden Rathgeber für Haus und Familie" über ganz Europa verbreitete und zum Verschreiben seiner Recepte drei Aerzte mit einem Jahresgehalt von je 6000 AL „sich hielt", seinerzeit vom hiesigen Schöffengericht zu einem Jahr Gefängniß verurtheilt worden. Er wurde sofort in Haft genommen, später aber gegen eine Bürgschaft von 10000 AL wieder auf freien Fuß gesetzt. Gegen das erste Erkenntniß hatte nicht nur der Angeklagte, sondern auch der Staatsanwalt die Berufung eingelegt, welch' letztere aber gestern in der vor der Berufungskammer anstehenden Verhandlung zurückgezogen wurde. Der Angeklagte erschien nicht, vielmehr theilte sein Verthetdiger mit, daß sein Client nach Amerika ausgewandert sei. Die Berufung desselben wurde in Folge dessen verworfen, die Bürgschaft von 10 000 AL aber verfällt der Staatskasse. Herr Becker kann sich derartige kleine Ausfälle leisten, denn wie aus den Geschäftsbüchern desselben ermittelt worden ist, hat er in einem Zeitraum von einem halben Jahr eine reine Einnahme von 45 000 AL gehabt! Bremen, 8. August. Kapitän Bussius vom Dampfer „Werra" telegraphtrt .aus Boston: Die „Werra" verlor am 30. Juli die Schraube und einen Theil der Schraubenwelle. Am 31. Juli nahm der Allandampfer „Venetian" uns in's Schleus- tau und leistete uns sieben Tage Hilfe bis vor Boston. An Bord sind Alle wohl und Jedermann ist zufrieden. Die „Werra" muß eine neue Schraube und Welle haben und ersuche ich um unverzügliche Zusendung. Wir werden das Schiff docken um zu sehen, ob es anderen Schaden genommen hat, was ich indessen nicht glaube Dre Ursache^ des Unfalles ist wahrscheinlich, daß die Schraube in der Dunkelheit auf Wrackstucke schlug. Ein Lloyddampfer wurde nicht angetroffen. Heute Nebel. Mailand, 2. August. Der bekannte italienische Falter Succi kam' am 1. August hier an, um sich vor einer Commission von Aerzten in seiner Fastenkuust zu produciren. Die Hungerprobe wird sich auf über 14 Tage erstrecken. Neben der Entsagung von Speisen wird Succi große Strecken Weges zurücklegen, turnen, spnngen u. s. w. wie ein anderer Mensch in normalen Zuständen. Die italienische Presse beschäftigt sich mit vielem Interesse mit diesem zweiten „Tanner". — sDer Luxus in den conventionellen Leistungen.) In einem Würzburger Blatte fanden wir dieser Tage einen Hinweis auf eine dort erschienene Traueranzeige, nwrln die Zusendung der üblichen Todtenkränze freundlichst verbeten wurde. Den beifälligen Bemerkungen, welche der Verfasser des fraglichen Hinweises hieran knüpft, wird man sich nur anschließen können. Wenn die nächsten Freunde und Verwandten eines Dahmgeschiedenen ihrem Beileid auf diese Weise Ausdruck geben, so ist das nur in der Ordnung, und Niemandem wird es in den Sinn kommen, hiergegen Einsprache zu erheben. Allein nicht blos in Würzburg, auch in vielen anderen deutschen Städten hat sich dieser Gebrauch übermäßig ausgedehnt; wer mit der Familie des Verstorbenen nur irgendwie bekannt ist, hält sich für verpflichtet, einen Kranz zu schicken. Dabei wird auch hierin, wie in so Vielem, ein fortgesetzt steigender Luxus getrieben; Trauerkranze zu 10—20 JL sind gar nichts Seltenes. Nun bedenke man, welche ungeheuren Sunnnen in dieser Art Jahr aus Jahr ein buchstäblich weggeworfen werden; bei manchen Beerdigungen kann man ganze Ladungen von Blumen und Kränzen in das Grab versenken sehen. Wäre es daher nicht wünschenswerth, daß jener Würzburger Vorgang recht viele Nachfolge fände? Vielleicht ließe es sich dabei so machen wie mit anderen ähnlichen zur Unsitte gewordenen conventionellen Gebräuchen und eine Ablösung einrichten, in der Weise etwa, daß man dem Trauerhause die Quittung einer Armenkasse und dergleichen über den zum Zeichen des Beileids an dieselbe gegebenen Betrag zusenden würde. Freilich aber müßte die beteiligte Familie stets durch eine entsprechende Anzeige vorausgehen. Einen Verein ausschließlich hierfür in's Leben zu rufen, würde wohl kaum thunlich sein; aber ein Verein zur Ablösung aller lediglich conventionellen Leistungen dieser Art durch entsprechende Spenden für die hilfsbedürftigen SSolf^flaffen könnte und sollte auch diesen Punkt in sein Programm ausnehmen und würde überhaupt ein reiches Feld für seine Wirksamkeit finden. Uuiverfität- - Ghronik. — Der bisherige Secretär der archäologischen Zweiganstalt in Athen, Professor Dr. Ulrich Köhler, ist zum ordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Berliner Uniöerfitat ernannt. Handel und Verkehr. Limburg, 11. August. Rother Weizen, neu, AL 15.25, weißer Weizen AL 00.00, Korn AL 10 30, neu, Gerste AL 7.50, Hafer AL 6.70, Kartoffeln ä 100 Pfund AL 0.00 Erbsen ä 100 Pfund AL 00.00. Frankfurt, 11. August. Auf dem heutigen Markt kosten: Kartoffeln per Malter AL 4.00—6.00, Eier das Hundert AL 5.00—5.50, Butter per Pfund AL 0.00 bis 1.05, Weißkraut per Stück 20-30 H, Rothkraut per Stück 20—35 H, Kohlrabi per Stück 3—4 Ochsenfleisch per Pfund 45—70 H, Kuh- u. Rindfleisch 45—60 Kalbfleisch 40—60 X Schweinefleisch 65—70 H, Hammelfleisch 50—70 1 Hahn AL 0.70-1.80, 1 Hubn AL 1.00-2.50, 1 Ente AL 2.00-3.00, 1 Gans AL 3.00—7.$ 1 Taube 40—70 Welsche AL 0.00—00.00. Verfälschte schwarze Seide. LV°7n Müsterchen des Stoffes, von dem man kaufen will, und die etwaige Verfälschung tritt sofort zu Tage: Aechte, rein gefärbte Seide kräuselt sofort zusammen, verlöscht bald und hinterläßt wenig Asche von ganz hellbräunlicher Farbe. — Verfälschte Seide (die leicht speckig wird und bricht) brennt langsam fort, namentlich glimmen die „Schußfäden" weiter (wenn sehr mit Farbstoff erschwert) und hinterläßt eine dunkelbraune Asche, die sich im Gegensatz zur ächten Seide nicht kräuselt, sondern krümmt- Zerdrückt man die Asche der ächten Seide, so zerstäubt sie, die der verfälschten nicht. Das Seiden - Fabrik - Däpot von 6. Henneberg (K. u- K- Hoflies.) In Zürich versendet gern Muster von seinen ächten Seidenstoffen an Jedermann und liefert einzelne Roben und ganze Stücke zollfrei in's Haus, ohne Zollberechnung. Ein Brief nach der Schweiz kostet 20 Pf. Porto- 2431 Temperatur der Lahn. Am 12. August, zwischen 11 und 12 Uhr: Wasser 15V3°, Lust 16« R. im Schatte«. L. Ehr. Rübs am en. 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Bl« Consumverein der Main-Weser-Hiitte bei Lollar, e. G. Kitanz vom 30. 3m 1886. Gewinn- und Derlust-Conto Zinsen an die Mitglieder 111.— Reservefonds, Zuschreibg. 420.— 4489.65 5766 und werden auswärtige Turner hierzu freundlichst eingeladen. 5763 Abmarsch Morgens 6 Uhr. Der Vorstand. Sonntag den 15. u. Montag den 16. August Kirchweihfest zu Lang-Göns, wozu freundlichst einladen 5761 Plakat cX 72.85 26.26 4463.39 Gratisication . . . . Dividende a. d. Mitglieder Saldo auf neue Rechnung Passiva. Reservefond..... Conto der Vereinsmitglieder Creditoren...... Gewinn- u. Verlust-Conto Haben. Per Saldo 1884/5 . . ‘ „ Gewinn 1885/6 . Soll. An 25% Abschr. a. Inventar NB. Für gute Speisen, sowie für ein gutes Glas Gießener Actien- und Textor-Bier ist bestens gesorgt. eingetragene Genossenschaft. Ernst Stuhl. Hsinr. Bigge. die Wirthe Weil und Brücke! Der Umschlag im abgelaufenen Rechnungsjahr betrug JL 46396.68. Der Verein hatte am Schluffe des Rechnungsjahres 111 Mitglieder. Main-Weser-Hütte bei Lollar, im August 1886. Consumverein der Main-Weser-Wte, Activa. Inventar..... Caflabestand .... Debitoren (Ausstände) . Waarenbestand . . . 100.- 3774.— 1180 4489.65 JL. 2500.— 2775.- 320.51 4489.65 10085.16 Den* Lollares* Turnverein unternimmt So^rrrtag den 15. August eine Turnfahrt durch den Ebsdorf er Grund nach der Amöneburg «X . 291.40 . 1895.67 . 2300.86 . 559723 10085,16 aller auf Station Gießen ankommenden und abgehenden Züge für den Sommerdienst 2886 ist in der Expedition dieses Blattes, sowie durch die Zeitungsträger zum Preise von 20 Pf. zu haben. Drogerie j von Ott® Seltersweg 39 offerirt: Doppelkohlens. Natron, Weinsteinsäure, Brausepulver, Brauselimonadrbonbons! 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Einem geehrten Publikum hiesiger Stadt und Umgegend mache hiermit ergebene Anzeige, daß ich unterm Heutigen Kreuzplatz 9 Lolomalmaarm-Zeschäst Danksagung Für die vielen Beweise herzlicher Theilnahme bei dem uns so schwer betroffenen Verlust sagt Allen, insbesondere Herrn Pfarrer Schlosser für die gesprochenen trostreichen Worte, sowie dem Gesangverein „Harmonie" für den Gesang am Grabe, herzlichen Dank. 5774 Familie Nicolay. Gießen, den 9. August 1886. Hochachtungsvoll ICinkeL 5765 Einen Gesellen auf dauernde Arbeit sucht Schreinermstr. Kümmel, Wieseck. 5709 Einen Jungen nimmt in die Lehre Glasermeister Luh, Neuenweg 20. 5558 Ein in nächster Zeit aus der Lehre kommender junger Mann kann auf einem hiesigen Comptoir Beschäftigung erhalten. Gehalt 5—600 A Selbstgeschriebene Offerten nebst Zeugnißabschrift besorgt unter X. 40 die Exp. 0. Bl. 5673 Ein in Küche und Hausarbeit erfahrenes Mädchen für sofort gesucht. Südanlage 23. 5710 Ein tüchtiger Schreinergeselle gesucht von W. 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