Nr. 212. Zweites Blatt Sonntag den 1?. September 1886. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. I RhtTMitr Tchut^raße 7. Erscheint mit AuSiahme bei Montag-. Die Einberufung des Reichstages auf den 16. September hat der sommerlichen Siesta in unserer inneren Politik mit einem Male ein Ende gemacht. Die nöthigen Vorarbeiten für diese voraussichtlich nur kurze außerordentliche Session, für welche bekanntlich die Ratification des verlängerten deutsch-spanischen Handelsvertrages als einziger Gegenstand aus der Tagesordnung steht, haben im Bunderrathe am gestrigen Freitage begonnen und werden jeden- 'falls rasch zur Erledigung gelangen. Daß die Sesfion mit einer Thronrede -eröffnet werden sollte, wie verschiedene Blätter wiffen wollen, muß nach Lage der Sache al- durchaus unwahrscheinlich bezeichnet werden. Die Eröffnung dürste vielmehr in lediglich geschäftsmäßiger Weise durch den Staatssecretär des Innern, v. Bötticher, geschehen und wird überhaupt die Session, falls sich keine besonderen Zwischenfälle ereignen, den Charakter einer reinen Geschäfts-Session tragen. Eine Commissions-Vorberathung ist nicht in Aussicht genommen; es werden demnach alle drei Lesungen im Plenum vor sich gehen, durch welches Verfahren sich die Session allerdings wesentlich abkürzen wird; die geschäftlichen Förmlichkeiten — Wahl des Präsidiums, des Bureaus u. f. w. — werden sich auf dem Wege der Acclamationrwahl ebenfalls sehr rasch abwickeln. Die Theil- nahme des Reichskanzler» an den bevorstehenden parlamentarischen Verhandlungen ist in Folge seines leidenden Zustandes wieder sraglich geworden, doch läßt sich iy dieser Beziehung noch nichts Bestimmtes sagen. Richt unwahrscheinlich ist e», daß auch die Vorgänge in der auswärtigen Politik in irgend einer Gestalt im Reichstage zur Erörterung gelangen, selbst wenn Fürst Bismarck nicht anwesend sein sollte, doch darf man wohl erwarten, daß sich die Reichsbot-n in diesem Falle einer speciellen Besprechung der auswärtigen Politik enthalten werden, da Verhandlungen über diesen Gegenstand doch nur einen rein »akademischen Charakter tragen würden. Ein verdienstvoller Staatsbeamter, der Vorsitzende des wei- manschen Ministeriums, Dr. Stichling, feierte in dieser Woche sein 50jähri- ges Dienstjubiläum. Dis in Weimar am Mittwoch, dem Jubiläumstage, aus diesem Anlaß ftattgefunbene Feier verlief in glänzendster Weise. Der Groß- Herzog und die Großherzogin von Weimar übersandten dem Jubilar ihre Portraits; Namens de» Kaisers und des Bundesrathes wurde Dr. Stichling von Staatssecretär v. Bötticher beglückwünscht, welcher zugleich den Rothen Adler-Orden 1. Klaffe überreichte. Weitere Ordens-Auszeichnungen wurden dem Jubilar Seitens des Königs von Sachsen und der Herzöge von Altenburg und Gotha zu Theil und die theologische Fakultät zu Jena ernannte ihn zu ihrem Ehrendoctor. In Düsseldorf tagte die diesjährige Hauptversammlung de» Gustav- Adols-Vereins, auf welcher der in der Breslauer Katholiken-Verfammlung erhobene Ruf nach Wiederzulaffung der Jesuiten in Deutschland eine kräftige Zurückweisung erfuhr. An den Kaiser richtete die Versammlung ein ehrfurchtsvolles Begrüßungs-Telegramm. — In dem thüringischen Soolbade Kösen war der allgemeine deutsche Handwerker-Verein versammelt. Zum Nachfolger des Barons Courcel, des seitherigen Bot- schasiers der französischen Republik am Berliner Hofe, soll Billot, der ftan- zösische Gesandte in Lissabon, designirt sein. Auch in dieser Woche lenkten die bulgarischen Ereignisse die Blicke der politischen Welt fast ausschließlich auf sich und dies um so mehr, Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bdnfltcfcto Durch die Poft bezöge« vierteljährlich 2 Mark -0 als sonst auf dem Gebiete der auswärtigen Begebenheiten eine merkwürdige Stille herrscht. Für diesmal steht die nun zur Thatsache gewordene Verzichtleistung des Fürsten Alexander auf die bulgarische Krone im Vordergründe des Interesses an den bulgarischen Dingen. Roch am Dienstag hat Fürst Alexander, nachdem er die neue, aus Karaweloff, Stambuloff und Mutkaroff bestehende eingesetzte Regentschaft noch bestätigt, die Hauptstadt Sofia verlassen und sich zunächst nach dem Städtchen Lompalanka an der Donau begeben, woselbst dem scheidenden Herrscher zum letzten Male die AbschiedSgrüße seines Volkes dargebracht wurden. Eine an die Bulgaren erlassene Proklamation bezeichnet den letzten Akt der Regierung des Fürsten. Mit männlich-festen Worten nimmt in diesem bedeutsamen Aktenstücke der Fürst Abschied von der bulgarischen Nation und betont derselbe in seiner Kundgebung namentlich, daß sich Rußland feierlich verpflichtet habe, die Unabhängigkeit, Freiheit und das Recht Bulgariens unangerührt zu lassen. Mit dem Hinweis auf diese von Rußland eingegangene Verpflichtung hat Fürst Alexander seinem Lande den letzten Dienst erwiesen, von nun an muß er es seinem Schicksale überlassen, das vorläufig in den Händen der oben genannten Männer ruht. Von deren Verhalten wird es abhängen, wie lange Rußland den Bulgaren noch das Recht gestattet, über sich selbst zu bestimmen; daß man aber in Petersburg nicht gesonnen ist, Bulgarien für immer sich selbst zu überlassen, bedarf keiner besonderen Versicherung. Hat doch Rußland schon seinen Candidaten für den nun erledigten bulgarischen Thron in der Person des Prinzen Alexander von Oldenburg, des Commandeurs des russischen Gardecorps, in Bereitschaft. Prinz Alexander aber gilt als dem Czaren ganz unbedingt ergeben und es ist somit klar, daß die Jnstallirung des Oldenburgers auf dem bulgarischen Throne den russischen Interessen in Bulgarien Thür und Thor öffnen würde. Einstweilen wird jedoch Rußland den kommenden Dingen in Bulgarien gegenüber eine abwartende Stellung einnehmen, zumal es ja eben erst erklärt hat, es denke im Falle der Entfernung des Fürsten Alexander an keine Besetzung Bulgariens. Es sind daher auch die Besorgnisse überflüssig gewesen, welche man in dieser Hinsicht namentlich in Konstantinopel gehegt zu haben scheint und von denen das jüngste Rundschreiben der Pforte hinlänglich Zeugniß ablegt.V Mit den übrigen Begebenheiten auf auswärtigem Gebiete ist es in dieser Woche, wie schon erwähnt, recht kärglich bestellt und kann daher der Wochen- chrvnist nicht» von Bedeutung melden. Am ehesten erwähnenswerth erscheint noch die Meldung von der in Bern erfolgten Gründung einer internationalen Union zum gegenseitigen Schutze des literarischen und künstlerischen Eigenthums. Weiter liegen aus Frankreich die üblichen Spionengeschichten oorr bei denen natürlich die Deutschen wieder eine hervorragende Rolle spielen; schade nur, daß an den von den französischen Hetzblättern beliebten Darstellungen kein Wort wahr ist. In England schleichen die parlamentarischen Verhandlungen im Unter- Hause dahin, ohne besonderes Interesse zu erzeigen. Wahrscheinlich wird in dieselben nicht eher etwas mehr Lebendigkeit kommen, als bis der von Parnell ausgearbeitete Gesetzentwurf, betr. die Erleichterung der Lage der irischen Pächter, zur Erörterung gelangt, da derselbe jedenfalls der Opposition der Iren und Gladstonianer Gelegenheit zu scharfen Angriffen auf die irische Politik des Cabinets Salisburß geben wird. In Rußland endlich ziehen die schon erwähnten großen Manöver bei Brest-Litewski hauptsächlich die Aufmerksamkeit auf sich, schon durch die Anwesenheit des kaiserlichen Hofes und die ungewöhnlich große Zahl der hierbei zur Verwendung gelangenden Truppen. Wochen - Ueberficht. Gießen. 11. September. Nach einer verhältnißmäßig nur kurzen Ruhepause ist für Unfern Kaiser mit den Kaisermanövern im Elsaß eine neue Zeit der Anstrengungen und Mühen gekommen, denen sich der greife Monarch in seinem bekannten hohen Pflichtgefühl auch diesmal trotz feiner 90 Jahre nicht hat entziehen wollen. Am Mittwoch Abend hat der Kaiser mit großem Gefolge die Reichshauptstadt verlassen und sich zunächst nach Baden-Baden zur Begrüßung feiner dort weilenden Gemahlin begeben. Die Ankunft in Baden-Baden erfolgte Donnerstag Vor- mittag 9 Uhr; am Freitag Mittag fetzten die kaiserlichen Majestäten gemeinschaftlich die Reise nach Straßburg fort, woselbst sie in Begleitung des Kronprinzen, welcher, von den Manövern in Bayern kommend, sich in Appenweier seinen erlauchten Eltern anschloß, in der dritten Nachmittagsstunde des 10. September eingetroffen sind. In der Hauptstadt des Elsasses werden auch die zahlreichen deutschen Fürstlichkeiten, welche den diesjährigen Kaisermanövern beiwohnen, den allerhöchsten Kriegsherrn begrüßen und ihn von Straßburg aus «ach dem Manöver-Terrain begleiten. Prinz Wilhelm von Preußen hat sich als Vertreter seines kaifer- Lichen Großvaters zur Begrüßung des Kaisers Alexander nach Brest- Litewski in Russisch-Polen begeben, wo der russische Hof anläßlich der in dortiger Gegend stattfindenden großen Manöver weilt. Prinz Wilhelm wird den letzteren jedoch nur kurze Zeit beiwohnen und sich bann birect nach dem Elsaß behuf» Theilnahme an den Kaisermanövern begeben. Fürst Bismarck leidet, einer osficiösen Mittheilung zufolge, an einer Muskel-Zerrung oder -Zerreißung, die er sich auf der Heimreise von Gastein zugezogen. Der Fürst beachtete anfänglich die Sache wenig, schließlich machten sich die Schmerzen aber dermaßen geltend, daß ihm jede Bewegung unmöglich geworden ist und er sich qenöthigt sieht, fast nur in liegender Stellung gu verharren. So schmerzhaft indessen auch dieser Zustand für den Fürsten ist, so gtebt derselbe doch zu keinerlei Besorgnissen Anlaß und beeinträchtigt die Arbeitskraft des Kanzlers nicht im Mindesten. Vermischte-. Frankfurt, 3. September. Der Criminalpolizei glückte heute Morgen ein guter Fang. Drei Detectives gingen durch die Fahrgasse, als ihnen ein Mensch begegnete, der schon sehr oft im Gesängniß und sogar im Zuchthaus gesessen hatte. Sie sprachen denselben, da sie ihn genau kannten, an und forschten ihn cüt wenig aus. Während sie noch mit dein Menschen sprachen, kam ein Mann gerannt und erklärte, die Geliebte des ehemaligen Zuchthäuslers habe ihm in der Obermainanlage ein Portemonnaie mit mehr als 70 «X aus der Tasche gestohlen. Da nun der Geliebte der Diebin die beste Auskunft über deren Verbleib geben konnte, so nahm man den Herrn fest und zwang ihn, Führer zu sein. Nach kurzer Mühe war denn auch die Gesuchte gefunden. Man durchsuchte sie und ihre Habseligkeiten und fand einige Portemonnaies mit einem Inhalte von je 100 bis 30 JL Selbstverständlich hielt man es auch für gut, den sauberen „Geliebten" der Diebin zu durchsuchen und förderte dabei außer einer Portion Geld, oas er von seiner Braut empfangen haben wollte, einen sechsfach geladenen Revolver aus seinen Taschen zu Tage. Angeüchts dieser Entdeckungen fand man es am Platze, Braut sammt Bräutigam zu verhaften. Auf dem Transport zum Gesängniß mußte es der Diebin unangenehm gewesen sein, allein im Gesängniß anzukommen, denn sie machte plötzlich Halt und erklärte, man könne sofort noch ein Frauenzimmer verhaften, das einem Fremden in Homburg v. d. H. eine Uhr im Werthe von 600 JL gestohlen habe. (Dieser Fall ereignete sich bekanntlich vor mehreren Tagen, ohne daß der Dieb gefunden worden wäre.) Die Detectives nahmen den Vorschlag an, vertrauten der diebischen Führerin und kaum eine Viertelstunde später befand sich die längst gesuchte Diebin in ihrer Gewalt. Da die zuerst Verhaftete nun doch einmal verrathen hatte, so denuncirte sie nun weiter ein Frauen- jimmer, daß sich an einem größeren Diebstahle betheiligt, ein Weib, das einige Taschen- riebstähle verübt, und deren Hehler. Sämmtliche Spitzbübinnen und der letztgenannte Hehler konnten gleich festgenommen werden. Ober-Ingelheim, 6. September. Wegen des Verdachts der Brandstiftung, verübt am verflossenen Freitag, wobei an drei verschiedenen Stellen Feuersbrünste entstanden sind, ist nunmehr ein hier wohnender Schlosser aus Offenbach verhaftet Eine zurückgekehrt. Handel und Verkehr. — Mit dem 1. October treten die bei den König!. Eisenbahndirectionen ein- gerichteten Fundbureaus in Thätigkeit. Zur Unterweisung der Reisenden dienen gedruckte Bekanntmachungen in den Wartesälen, auf den Perrons und in den einzelnen Coupe's. Darnach sind alle Eisenbahnbeamten, Bahnhofs-Gastwirthe und im Dienste der Eisenbahnverwaltung befindlichen Arbeiter verpflichtet, die von ihnen auf der Strecke, den Bahnhöfen, Bahnhallen, in den Zügen, den Wartesälen, überhaupt im Bezirk der Bahnverwaltung gefundenen Gegenstände, welche nicht sogleich den Berechtigten zurückgegeben werden können, gleichviel, ob solche vermuthlich von Reisenden oder anderen Personen hcrrühren, gehörigen Ortes abzuliefern, wofür die erforderlichen Vorschriften gegeben sind. „Lebensmittel ohne besonderen Werth" sind den Abliefernden zurückzugeben. Sonstige leicht verderbliche Gegenstände, auch herrenlose Thiere, sind nach vorher einzuholender Genehmigung des vorgesetzten Betriebsamts, in ganz dringenden Fällen auch ohne Weiteres „bestmöglich öffentlich zu verkaufen". Auf allen Stationen und Haltestellen sind Muster für Verlustanzeigen unentgeltlich abzulassen. Jede solche Anzeige ist von dem Stationsvorsteher ohne Verzug an die Fund-Amts- stelle zu senden, wenn sich der betreffende Gegenstand nicht auf der Station selbst noch befindet. Die Einsendung erfolgt gebührenfrei als Dienstsache. Zur Unterweisung der Reisenden dienen in den Wartesälen und Vorhallen sämmtlicher Stationen und Haltestellen gedruckte Bekanntmachungen, ebenso Benachrichtigungen in den einzelnen Wagenabtheilungen. zu haben. In Savannah eingetroffene Reisende berichten, daß sie bei Eharleston große, 600 Fuß lange Erdspalten gesehen haben. Aus einigen stiegen Schwefeldämpfe auf, während aus anderen Wasser 50 Fuß hoch emporschoß. Die „Charleston News und Courier" schreibt heute in einem Leitartikel: „Die Stadt ist bereit, ihre bürgerlichen Geschäfte zu beginnen, trotz der Verheerungen des Erdbebens. Charleston sitzt nicht da auf der Asche der Stadt und klagt über seinen Verlust, sondern ist entschlossen, seine Stellung in der commerciellen Welt wieder einzunehmen und zu behaupten." — Um Mitternacht erneuerte sich an der atlantischen Küste von Jacksonville in Florida bis nach Washington das Erdbeben. In Eharleston stürzten 100 Häuser ein. CI..» Frau wurde getödtct. In Savannah war das Erdbeben besonders stark. Die geflohenen Telegraphisten in Charleston, Augusta und Columbia sind auf ihre Posten. rvorden. Derselbe hatte sich durch verschiedene Aeußerungen verdächtig gemacht und auffallender Weise hat es aber auch gerade bei solchen Leuten gebrannt, mit wichen der Schlosser wegen Geldforderungen in Differenzen gerathen war. — Morgen nmmt der Herbst für Frühburgunder seinen Anfang, die Qualität ist ganz vorzüglich die Quantität entspricht indessen kaum einem halben Herbst. — In Leipzig feuerte ein Schuhmachermeister in dem Augenblicke, as er aus einem Geschäftsladen, mit dessen Inhaber er zuvor eine mißliebige Auseinackersetzung gehabt, auf die Straße hinaustrat, aus einem Revolver 5 Kugeln gegen sich ab, die sämmtlich in seiner Brust haften blieben. Der Unglückliche ist noch leiend nach der nahen Sanitätswache, von da aber in's Krankenhaus gebracht worden. Dort ist er alsbald gestorben. - In Sinkwitz bei Bautzen sprach dieser Tage bei dem Hausbesitzer Bcker ein Bettler um eine Gäbe vor. Es wurde ihm Brod gereicht, das auf seinen Wmsch mit Butter bestrichen wurde. Nachdem dies geschehen, verlangte er Hosen und Stieeln. Trotz der bereits bewiesenen Unverschämtheit reichte man ihm ein Paar etwas deecte Beinkleider, worauf er erklärte: „Zerrisfene Hosen habe ich selbst!" Hierauf nurde dem Menschen die Thür gewiesen, er verließ auch das Haus, aber mit den Wollen: ^Sie vergessen wohl ganz, daß Sie ein Strohdach haben?" Gegen Mitternacht brcnnte in Folge Brandstiftung das Grundstück nieder, schreibt die „Th. Z." — Aus München wird der „F. Z." geschrieben: Herr Professor vr. Ratzel (Professor für geographische Wissenschaften. Anm. d. Red.), der kürzlich München verlassen bat, um einem Rufe nach Leipzig Folge zu leisten, hat hier zu guter letzt roch in einer Art von sich reden gemacht, die zur Zeit ziemlich unliebsames Aufsehen erregt. Als es sich nämlich kürzlich darum handelte, aus Kosten der Stadt an ehern Hause der Theatinerstraße eine Gedenktafel für die drei darin geborenen Forschungsreisenden Adolf, Hermann und Robert v. Schlagintweit anzubringen, deren Namen mit der 1. Erforschung des Himalaya eng verknüpft ist und von denen bekanntlich Adolf, genannt Sakülinski, im Dienste der Wissenschaft in Kaschgar den Märtyrerlod erlitt, wandte sich unser hochlöblicher Magistrat an Herrn Ratzel mit der Bitte um eine Auskunft über die wissenschaftliche Bedeutung der in unserem Rathhause offenbar ginz unbekannten Brüder, obwohl man über dieselben in jedem Conversationslcxicon las Nöthige nachlesen kann. Herr Prvf. Ratzel erwiderte auf diese Anfrage, daß znar Adolf und Hermann einige Verdienste besäßen, daß dagegen Robert o. Schlagintweit ein „ganz bedeutungsloser, wenn auch achtungswerther Gelehrter sei, den man nur aus Gründen der Höflichkeit in die Gedenktafel aufnehmen könne." Robert v. Schlagintweit, der vor einigen Jahren als Professor der Geographie in Gießen verstörten ist, hat nun nicht nur gemeinsam mit seinen Brüdern, sowie allein große Forschungsreisen unternommen und wissenschastliche Arbeiten von Ruf veröffentlicht, sondern auch während einer mehr als ein Menschenalter dauernden Lehrtätigkeit zahlreiche Schüler herangebildet und durch mehr als 10,000 Vorträge, die er in allen größeren Städten Europas und Amerikas gehalten, das allgemeine Interesse für die lange mr- uachlässigte Erdkunde mächtig gefördert. Dabei war er von seinen Schülern und allen Denjenigen, die Gelegenheit hatten, ihn kennen zu lernen, als schlichter, jedoch liebenswürdiger und kenntnißreicher Gelehrter aufrichtig geschätzt, der allerdings auch niemals ein Hehl daraus machte, daß ihm das sich neuerdings mehr und mehr breit machende Streberthum in der Wissenschaft und die leidige Sucht, um jeden Preis von sich redm zu machen, bis in den Tod verhaßt seien, und darum wird es Jedem, der ihn kannte, aufrichtig leid thun, daß gerade dieser Mann, nachdem ihn kaum die Erde deckt, in einer solchen Weise öffentlich als „gänzlich bedeutungslos" von einem Collegen abgethan wird. Man erblickt darum auch hier allgemein in diesem Vorgehen Rahel's einen Act von ziemlicher Pietätlosigkeit. Der Berichterstatter unseres Gemeindecollegiums beging dabei noch in der jüngsten Sitzung die Ungeschicklichkeit, diese Qualification Ratzel's in öffentlicher Sitzung zu verlesen und der Bevollmächtigte, Dr. Orterer, nahm daher hieraus, nachdem er cs scharf gerügt, daß der Magistrat in dieser Angelegenheit überhaupt das Urtheil Prof. Ratzel's eingeholt, mit Recht Anlaß, diese Verlesung als eine Beleidigung Derjenigen zu tadeln, die man ehren wolle. — Ein köstliches Beispiel, zu welchen Unzutraglichkciten der Befähigungsnachweis führen kann, erzählt das „Wiener Fremdenblatt" — in Oesterreich ist der Befähigungsnachweis bekanntlich schon eingeführt — unter dem Titel „Der Streit um den Kuchen" in folgender launiger Weise: „Ausgekämpft und ausgerungen ist,der große, lange Streit — und wer Kuchen backen kann, wissen jetzt alle Leut'." Es wurde bereits berichtet, daß eine Cafötidre, welche vom Marklcommissar beim „Kuchen- backen" betreten wurde, diesfalls eine Strafe von 10 fl. erhielt, da ihr hierzu der ^Befähigungsnachweis" fehlte. Gleichzeitig wurde ihr auch von der Gewerbebehörde erklärt, daß es absolut verboten sei, in der Kaffeehausküche zu kochen und zu backen, sofern es nicht Artikel, zu deren gewerbsmäßigem Verkaufe sie berechtigt sei, betreffe; sie dürfe daher keineswegs auch für ihren eigenen Lebensbedarf in der Geschäftsküche Schwarzseidene Damaste Mk. 2.75 per Meter fite io sa vers. in einzelnen Roben und ganzen Stücken zollfrei in's Haus Iä.oU das Seidenfabrik-D6pöt 6 Henneberg (K. u. K. Hoflies.) Zürich. Muster umgehend. Briefe kosten 20 Porto. 208 Speisen zubereiten. In Folge des dagegen erhobenen Recurses entschied die k. k. n.-ö. Statthalterei conform dem magistralllchen Erkenntnisse. Gegen diese beiden übereinstimmenden Urtheile ist ein weiterer ordnungsmäßiger Recurs an das Ministerium nicht zulässig." Wir fügen noch Folgendes hinzu: Neuerdings wird aus Wien sogar schon gemeldet von einem Zunftkrieg um den — Sauerkohl. Die Genossenschaft der Gemischtwaarenverschleißer (Speceristen) verlangt die Einstellung der Ausführung einer Verordnung, wonach den Gemischtwaarenverschleißern und Fragnern (Vorkosthändlern) versagt sein soll, fernerhin so wie bisher Kohl einzuschneiden, ein Recht, das man ihnen bestreiten will, weil cs ihnen an einem Befähigungsnachweis für das Einschneiden des Kohles fehlt! Newyork, 4. September. Das Städtchen Walterborough wurde gestern von einem Erdbeben heimgesucht. Die erschreckten Einwohner haben den Ort verlassen und lagern im Freien. In Sommerville beobachtete man nach den ersten Erdstößen die seltsame Erscheinung, daß sich ausgetrockncte Brunnen mit vollkommen trinkbarem Wasser füllten. Der Eisenbahnverkehr ist in Süd-Carolina wieder aufgenommen, während die Telegraphenoerbindungen noch immer sehr unvollkommen sind. Seitdem Erdbeben hat sich das Gas, welches in Pittsburg, Pennsyloanien, in großer Menge aus der Erde strömt und zu Beleuchtungszwecken verwandt wird, bedeutend vermindert. In Charleston fängt die Bevölkerung allmälig an, ihre Ruhe wieder zu gewinnen. Die Läden wurden wieder geöffnet und die Straßenbahnen eröffneten den Verkehr. Die Hälfte aller Häuser der Stadt muß neugebaut werden. Die Bürger hoffen, dast der Staat ihnen 10,000,000 Doll, zu dem Zwecke vorschießen wird. Die Parks sehen noch immer Nachts wie ein Zigeunerlager aus. Einige schlafen in Zelten, Viele in bedeckten Wagen, während die Meisten auf Stroh und Gras ihr Lager haben. Neger und Weiße ruhen bei einander und scheint das Elend alle Rassenunterschiede verwischt Jing em ein ec Anzeiger. Versteigerung von seinem Mobiliar. Montag den 13. und Dienstag de« la. 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Rücksichtlich der Wirkung aus die Schleimhäute dürste dasselbe anderen ähnlichen Wässern gleichstehen. Bei reichlicherem und fortgesetzten Genüsse möchte wohl auch der Lithion-Gehalt in der diesem Stoffe eigenthümlichen Richtung sich geltend machen können. , . u Ich wünsche, daß das Wasser eine recht weite Verbreitung finden möge. Alleinige Niederlage bei L. Kalkhof, Seltersberg, Gießen. Web bi,, _ ifeÄ ■Ä "ÄLx V ZU KL: verwischt r bürgerlichen ' arleston sitzt Z W behaupten/ - in Florida Her ein. "ders stark. Die lb auf ihre Posten ahndireckionm ein- eisendm dienen ge- d in den einzelnen he und im Dienste wn ihnen auf der len, überhaupt im gleich den Berech- ich von Reisenden die erforderlichen । den Abliefernden mlofe Thiere, sind bsamis, in gan; luten". 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Gemarkung, daselbst über der Gäusbach, „ „ daselbst vor den Herreuwiesen, „ „ im Stolzenmorgen an der Schinderseck, „ „ 6375] Die leihsällig werdenden nachverzeichneten zum hiesigen Hospital- gut gehörigen Grundstücke sollen aus weitere 9 Jahre für 1887—1895 mcl. verpachtet werden und ist Termin zur Verpachtung aus Dienstag, den 14. September l. I., Nachmittags 3 Uhr, in dem Rathhaussaal am Marktplatz dahier anberaumt. Kaffee, in 5484 Friedr. Leo, Gür. 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Unser Volk hat eine Weltstellung nicht nur m Europa, sondern auch in anderen Weltthetlen erlangt und sucht seit einigen Jahren sogar an der Colonisation überseeischer Länder directen Antheil zu nehmen. Roch mehr als der Besitz einiger Colonien muß aber die wachsende Betheiligung der deutschen Kaufleute und Fabrikanten am Weltverkehr uns veranlassen, den Umfang der deutschen Arbeit zur See und die Entwicklung dieses hochwichtigen Zweiges der nationalen Erwerbsthätigkeit von Zeit zu Zeit näher zu betrachten. Die Unterlage dazu bietet die Statistik der deutschen Seeschifffahrt, welche kürzlich in „Band 21, Neue Folge der Statistik des Deutschen Reichs, herausgegeben vom Kaiserl. statistischen Amt", veröffentlicht worden ist. Dieser Band enthält eine vergleichende Zusammenstellung des Bestandes der deutschen Seeschiffe in der Zeit vom 1. Januar 1876 bis 1886. In diesem Zeitraum von 11 Jahren hat sich die deutsche Kauffahrteiflotte von 1,084,882 Registertons auf 1,282,449 Registertons oder von 3,073,489 Cubikmetern netto auf 3,633,118 Cubtkmeter netto vermehrt. Dagegen hat sich die Zahl der Schiffe von 4745 auf 4135 und die Zahl der regelmäßigen Bemannung von 42,362 auf 38,931 Mann vermindert. Der Grund dieser Erscheinung liegt darin, daß die ladungsfähigeren Dampfschiffe zugenommen, dagegen die Segelschiffe abgenommen haben. Die deutsche Segelschlfffahrt beschäftigte am 1. Januar 1876: 4426 Schiffe mit 901,313 Registertons Ladungsfähigkeit und 33,215 Mann Besatzung und am 1. Januar 1886 nur 3471 Schiffe mit 861,844 Registertons und 24,925 Mann Besatzung; dagegen hatte die deutsche Dampfschifffahrt am 1. Januar 1876 nur 319 Schiffe mit 183,569 Registertons und 9147 Mann Besatzung und am 1. Januar 1886: 664 Schiffe mit 420,605 Registertons und 14,006 Mann Befatzung. — Die Zahl der Segelschiffe hat mithin in 11 Jahren um 95r> abgenommen und die Zahl der Dampfschiffe um 345 zugenommen. Die bedeutende Abnahme der Segelschifffahrt erklärt die Verminderung der Zahl der regelmäßigen Besatzung. Der Stand der deutschen Seeleute hat darunter empfindlich zu leiden. Es muß jedoch bemerkt werden, daß zahlreiche deutsche Seeleute auf englischen, amerikanischen, spanischen und holländischen Schiffen eine lohnende Beschäftigung finden. Vergleichen wir das Nordsee- und das Ostseegebiet, so überwiegt das erstere sehr bedeutend. Das Nordseegebtet zählte am 1. Januar 1886: 2525 Schiffe mit 861,083 Registertons und 24,666 Mann Besatzung und das Ostseegebiet nur 1610 Schiffe mit 421,366 Registertons und 14,265 Mann Besatzung. Die beiden Städte Hamburg und Bremen haben nahezu die Hälfte der ganzen deutschen Kauffahrteiflotte. Man zählte am 1. Januar 1886: in Hamburg 479 Schiffe mit 322,691 Registertons und 8926 Mann, in Bremen 357 „ „ 319,255 „ „ 7821 „ Hamburg ist in der Dampfschifffahrt und Bremen in der Segelschffffahrt überlegen. Man zählte nämlich am 1. Januar 1886 in der Dampfschifffahrt: in Hamburg 189 Schiffe mit 188,533 Registertons und 5539 Mann, in Bremen 111 „ „ 101,254 „ „ 4072 „ in der Segelschifffahrt: in Hamburg 290 Schiffe mit 134,158 Registertons und 3387 Mann, in Bremen 246 „ „ 218,001 „ „ 3749 „ In Folge der Uebernahme der deutschen Postdampferlinien wird Bremen ver- muthlich auch seine Dampfschifffahrt in den nächsten Jahren erheblich vergrößern. Vermischtes. Lahr in Baden, 7. September. Vor Kurzem wurde der flüchtig gewordene Hausvater des Dtnglinger Waisenhauses, mit Namen Held, tu Stuttgart verhaftet und dem hiesigen Gericht überliefert. Derselbe hat sich in gröbster Weise gegen $ 176, Avs. 3 vergangen und sieht nunmehr seiner Verurtheilung entgegen. Da der Fall anderwärts leicht zu einer Verwechselung mir dem hiesigen Reichswaisenhause Anlaß geben könnte, so sei hiermit ausdrücklich heroorgehoben, daß das erste deutsche Reichs- waisenhaus auf dem Altvaterberge bei unserer Stadt zu dem erwähnten Falle in keinerlei Beziehung steht. Das Dtnglinger Waisenhaus gehört vielmehr der pietistischen Richtung an, welche den Bestrebungen der Vereine zur Errichtung von Reichswaisen- häusern feindlich gegenübersteht. Dasselbe ist auch in keiner Weise mit dem hiesigen Reichswaisenhause zu vergleichen, denn die Zöglinge des letzteren sind nicht von der Außenwelt abgeschlossen, sondern sie erhalten ihren Unterricht mit den Bürgerkindern in den Schulen der hiesigen Stadt und Jedermann steht der Zutritt zu dem Hause offen; da ist alles durchsichtig für Jedermann, nichts heimlich und nichts versteckt, da herrscht Ordnung, Aufsicht und Controlle, vor Allem aber der echte freie deutsche Geist, der sich nicht in das Kleine und Enge verliert, sondern der das Weite unb Große vor Augen hat. Was das Reichswaisenhaus und resp. sein Verwaltungsrath leistet, dafür formen wir wohl kein gewichtigeres Zeugniß in's Feld führen als das deS katholischen Dekans und Landtagsabgeordneten Förderer von hier, welcher früher keine Gelegenheit unbenutzt ließ, um das Unternehmen des Retchswaisenhauses zu bekämpfen. Als er iin Xiamen mehrerer katholischer Fechtmeister von dem Verbandsfechtmeister Hermann von Landau persönlich ersucht wurde, sich auszusprechen, da gab er der Wahrheit die volle Ehre und äußerte sich dem Fragesteller gegenüber ungefähr folgendermaßen: „Im Princip halten wir daran fest, daß katholische Waisenkinder besser in katholischen Waisenhäusern erzogen werden und protestantische Kinder in protestantischen Waisenhäusern; jedoch könne er der Verwaltung des Lahrer Reichswaisenhauses das Lob ertheilen, daß sie gerecht oorgehe; sie habe von männlichem und weiblichem Personal Les Waisenhauses Angehörige katholischer Confession engagirt, die Kinder und das Personal würden zum regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes angehalten, und nachdem er schon das ganze Jahr die Kinder im Religionsunterricht, im Gottesdünste und auf der Straße scharf beobachtet, so könne er ihnen das Zeugniß ausstellen, l aß sie sittsam, anständig, fleißig und aufmerksam seien und den Kindern vieler Familien als Muster dienen könnten, und wenn man bedenke, wie die armen Waisenkinder oft auf dem Lande au den Wenigstnchmenden vergeben werden, die Familien, welche diese armen Kinder für ern Weniges in Verpflegung nehmen, nicht immer die besten sind, sondern in den mefften Fällen die Arbeitskraft des Kindes ausgenützt wird, während für Erziehung wenig geschieht, so gereiche die Anstalt in der That zum Segen und in diesem Sinne könne ich den Bedenken tragenden Herren die Ueberzeugung aussprechen, daß wir ein gutes Werk gethan hätten, das uns der liebe Gott lohnen möge." „ ~ Die große Hitze der letzten Tage soll, wie ein hochgelehrter Meteorologe im „Pest. Lloyd" versichert, eine Folge der ungewöhnlichen Höhe der Sonnen-Protuberanzen (Sonnenflammen) sein. Von der Höhe dieser Protuberanzen hängt die Normalität oder die Anormalität der Wärmeverhältnisse unserer Erde und der anderen Planeten ab. Wenn die Protuberanzen blos 12,000 Kilometer hoch sind, was ungefähr dem Durchmesser der Erde entspricht, so werden sie durch die Astronomen gar nicht in Betracht^ genommen und diese Höhe der Protuberanzen entspricht den normalen Wärmeverhaltnissen der Erde. , Es ist jedoch durchaus nicht selten, daß diese evolutionirenden Sonnenflammen eine Höhe von 100,000 Kilometer erreichen und wenn sich die Flammenwolken bis zu dieser Höhe gegen Winters Ende emporschwingen, dann wandern auf der Erde die Winterröcke in die Pfandleihanstalten, stellen sich aber die Flammenberge im Sommer ein (wie in der zweiten Hälfte des August), nun, dann haben wir jene unerträglichen Hitzen, Dürren und andere Fatalitäten, deren sich die gewissen ältesten Leute nicht erinnern. Die Protuberanzen sind am häufigsten und mächtigsten gegen Ende Juni und Mitte October, am seltensten und schwächsten Mitte und Ende Mai und in der ersten Hälfte des August. Während dieser letzteren Perioden ist die;Sonne mcht nur nicht der Schauplatz von Eruptionen, sondern die die Sonne umgebende Flammenschicht selbst scheint von nirgends Nahrung und Zufluß zu bekommen; sie zehrt so lange an sich selbst, bis sie schließlich zu einer Höhe von 5-6000 Kilometern zusammenschrumpft. Wehe unserer Erde, wenn ein solcher Fall eintritt! Denn je t-efer das Flammenmeer im Mai fällt, desto ärger hausen die Eismänner Servatius, Pankratius und Bonifazius und desto voller nehmen sie ihre Backen, um mit ihren eisigen Winden unsere Hoffnungen für ein ganzes Jahr zu vernichten, ohne befürchten zu müssen, daß irgend eine wohlthätige Sonnenprotuberanz ihnen ein Quos ego! entgegendonnert. Die Oberfläche der Sonne ist seit Mitte August wieder der Schauplatz fortwährender Evolutionen; die Protuberanzen streben mit außergewöhnlicher Kraft in die Höhe und erreichten nach den Berechnungen der Astronomen am 24. August ihren Höhepunkt; über 300,000 Kilometer. Diese Evolutionen verursachten die außerordentliche Schwüle der letzten vierzehn Tage und diese macht uns Erdenmenschen das irdische Dasein so sauer. Mannheim, 9. Septbr. Bezüglich der bisher in tiefes Dunkel gehüllten Mord- affaire bin ich in der Lage, Ihnen mitzutheilen, daß es gelungen ist, die Personalien des Ermordeten festzustellen. Derselbe heißt Emil Rau, Handelscommis, israelitischer Confession, aus Eberbach. Ein Bruder, sowie ein Freund des Ermordeten kamen gestern in später Abendstunde hierher, meldeten sich bei dem Großh. Untersuchungsrichter und erkannten die bei Letzterem in Verwahrung befindlichen Kleider, sowie Uhr und Portemonnaie als die des gemordeten Bruders, resp. Freundes. Ferner machten sie die Angabe, daß der Ermordete am 1. d. M. von seinem Dienstherrn entlassen worden sei und sich bei seinem Weggänge im Besitze von 26 JL befunden habe, von denen er mit 10 v*L eine Schuhmacherrechnung bezahlte. Der Großh. Untersuchungsrichter und erste Staatsanwalt begeben sich heute früh nach Eberbach, um daselbst weitere Erhebungen zu machen. — Die beiden in dieser Affaire verhafteten Schiffer sind bereits aus der Haft entlassen worden, da sich alsbald herausstellte, daß der betreffende Schiffsjunge mit dem Ermordeten nicht identisch sei; denn einmal paßte das Signalement des Ermordeten gar nicht auf den vermißten Schiffsjungen; ferner wurde constatirt, daß Letzterer eine auffallende Narbe an der Nase hat, was bei dem Ermordeten nicht der Fall ist und endlich war die Kleidung des Ermordeten eine solche, wie sie bei Schiffsleuten wohl kaum zu sehen ist. — Ein großes Unglück wurde kürzlich zu Erfurt durch die Entschlossenheit und Thatkraft eines Arbeiters verhütet. Der Feuermann einer vor dem Krämpfer- thore gelegenen Gärtnerei hatte einen der vorhandenen großen Dampfkessel, welcher nicht mit Wasser angefüllt war, geheizt. Bald darauf schon entstand ein fürchterlicher Rauch. Der Kessel glühte und die Blei- oder Zinulöthung, welche sich an ihm befand, schmolz und wurde meterwett fortgeschleudert. Jeden Augenblick mußke man eine gewaltige Explosion befürchten, wodurch unabsehbares Unglück angerichtet worden wäre. In diesem Moment der höchsten Gefahr sprang ein Arbeiter an den Kessel und machte sich an das kühne und lebensgefährliche Unrernehmen, den Brand, bezw. das Brennmaterial aus der Feuervorrichtung zu entfernen. Die schwierige Arbeit gelang ihm. Der Feuermann wurde in dem unter den Kesseln befindlichen Tunnel (vom Rauch und Dunst fast erstickt) oorgefunden. — Die Königin - Mutter Marie von Bayern hat in vergangener Woche in Hohenschwangau, wohin sie von Elbigenalp ihr Hoflager verlegte, das neue, von ihrem Sohne erbaute Schloß Schwanstein bezogen, während sie seither in den Monaten August und September in der alten von ihrem Gemähte ererbten Burg Hohenschwangau gewohnt hat. Schwanstein, bekanntlich noch unvollendet, wird, wie jetzt feststeht, ausgebaut werden, Schloß Herrenwörth auf Chiemsee dagegen soll bleiben wie es ist. Der Besuch dieser beiden Schlösser, sowie des Linderhofs seitens in- und ausländischer Neugieriger ist ein ganz außerordentlicher, was um so erfreulicher ist, als durch die hierdurch erzielten Einnahmen der nicht unbedeutende Summen erforderliche Unterhalt der Schlösser ermöglicht wird. Literarisches. — Unter den Kalendern für 1887 ist als der ersten Einer soeben erschienen »Hebens Rheinl. 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