Mr. 106 Samstag den 8. Mai 1SS6 Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Schuba». 7. ™ scheint «MM» -°it M “”4 1 WWWS» Politische Neberficht. Gieße«, 7. Mai. Heber die Abgrenzung der deutschen und der englischen Machtsphäre im westlichen Stillen Ocean ist zwischen den beiden beteiligten Mächten bereits am 6. April ein Hebereinkommen geschloffen worden, welches jetzt zur öffentlichen Kenntniß gelangt. Demzufolge ist eine Demar- cations-Linie vereinbart worden, welche, von einem Punkt in der Nähe von White Nock an der Nordostküste Neuguineas und 8 Grad südlicher Breite ausgehend, die Salomon-Inseln durchschneidet, so daß die drei größern nördlichen Inseln dieser Gruppe, Bougainville, Choiseul und Jsabell, Deutschland verbleiben; von den Salomons-Inseln wendet sich dann die Demarcations-Linie nordöstlich nach den Marschall-Inseln. Deutschland und England verpflichten sich gegenseitig, in demjenigen Theile des Stillen Oceans, welcher dieffeitS ober jenseits gedachter Theilungs-Linie liegt, alle früheren Gebietsverletzungen ober Schutzherrschaften aufzugeben und weder neue Gebietsverletzungen Zu machen, noch der Ausdehnung des deutschen, resp. englischen Einflusses entgegenzutreten. Auf Samoa, Tonga und Niusinsel findet diese Abmachung keine Anwendung und bleiben diese, wie bisher, neutrales Gebiet. Am 10. April ist ein weiteres deutsch-englisches Abkommen vereinbart worden, welches sich auf die gegenseitige Handelsfreiheit in den deutsch-englischen Besitzungen und den Schutzgebieten im westlichen Stillen Ocean bezieht. Hiernach sollen die Schiffe beider Staaten gegenseitig eine gleiche Behandlung sowohl, als auch eine Behandlung als meistbegünstigte Nation genießen. Die Entscheidung über streitige Landansprüche soll durch eine hierfür von beiden Regierungen zu ernennende gemischte Commission erfolgen. Eine Einrichtung von Strafniederlaffungen soll nicht stattfinden. Kolonien, welche bereits vollständig eingerichtete Regierungen mit legislativen Körperschaften haben, sind in die Vereinbarung nicht mit einbezogen. Hoffentlich werden nunmehr die kleinen Reibungen und Zwistigkeiten zwischen Deutschland und England im Stillen Ocean aushören. Die Stadt Basel hat eine beträchtliche Millionen-Erbschaft gemacht. Die Stadt ist von der daselbst kürzlich verstorbenen Wittwe Christoph Merian zu bereit Hniversal-Erbin eingesetzt worden und beträgt die Merianische Ge- sammt-Hinterlaffenschast ca. 20 Mill. Frcs. Die Pariser Ersatzwahl zur Deputirtenkammer, bei welcher der Radikale Gaulier als Ersatzmann des revolutionären Rochesort gewählt wurde, wird in der Pariser Tagespreffe noch immer lebhaft disculirt. Die Wahl giebt allerdings nach verschiedenen Seiten hin Anlaß zu interessanten Betrachtungen, wobei besonders der Hmstand in's Auge springt, daß der revolutionäre Gegencandivat Gaulier's, der Communard Roche, doch auch gegen 100,000 St. erhielt. 100,000 communistische Wähler — das wirst ein bezeichnendes Streiflicht aus die gegenwärtige politische Strömung in der „Hauptstadt der Civilisation" und lstßt es auch einigermaßen erklärlich erscheinen, warum es die Opportunisten nicht einmal wagten, ihrerseits einen Candidaten auszustellen. Jedenfalls ist der Ausgang der jüngsten Pariser Ersatzwahl als ein Beweis zu betrachten, wie sehr in Frankreich der Opportunismus, der unter Gambetta allmächtig war, an Boden verloren hat und sich im republikanischen Lager der Schwerpunkt mehr und mehr zu Gunsten der Radikalen und Hltra-Radikalen verschiebt. Inmitten der politischen Kämpfe, welche Gladstones irische Reform-Vorlagen in England hervorgerusen haben, bildet die Eröffnung der rolonialen und indischen Ausstellung in London einen wohlthuenden Licht- und Ruhepunkt. Der feierliche Act wurde am Dienstag Mittag durch die Königin Victoria in Person und im Beisein der Mitglieder der königlichen Familie, der deutschen Kronprinzessin, eines Thells der Minister und vieler anderer Notabi- liiäten vollzogen. Der Thronfolger, der Prinz von Wales, hielt alsdann eine Ansprache, in welcher auf die Betheiligung der englischen Kolonien an der Pariser Ausstellung vom Jahre 1878 und auf die hierbei vom Prinzen ausgesprochene Hoffnung hingewiesen wurde, die Untertanen Englands möchten bcld in den Stand gesetzt werden, die erfreuliche Entwickelung des wirthschast- lichen Lebens ihrer Brüder in den Kolonien in Augenschein zu nehmen. Alsdann ergriff die Königin nochmals das Wort, um in bedeutsamer Weise der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, baß die Ausstellung das Band der Einheit, welches alle Theile des Reiches umschlinge, stärken werbe. Deutschland. Darmstadt, 6. Mai. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben mittest Allerhöchster Entschließung vom 5. d. Mts. die Concession zum Bau und Betrieb einer Dampfstraßen-Bahn von Darmstadt nach Griesheim, sowie einer Dampfstraßen-Bahn von Darmstadt nach Eberstadt dem Consortium: Bank für Handel und Industrie dahier und Unternehmer Hermann Bachstein in Berlin zu erteilen geruht. Amerika. Chicago, 5. Mai. Auch heute haben mehrfache Ruhestörungen statt- gesunden. Eine Menge von 8000 Personen griff Mittags mehrere Läden an und plünderte dieselben. Die Polizei zerstreute die Unruhstifter. 25 im Bureau der „Arbeiter-Zeitung" beschäftigte Buchdrucker wurden unter der Anschuldigung böswilliger Beschädigung verhaftet, ebenso zwei hervorragende Anarchisten. — Auch in Milwaukee hat wiederum ein Zusammenstoß mit den Sozialisten stattgefunden , wobei Miliz und Polizei schoflen und Mehrere verwundeten und töbteten. Eine Menge, worunter viele Polen, griff eine Brauerei an und plünderte dieselbe. Schließlich gelang es der Polizei, die Meuterer zu zersteuen. Telegraphische Depeschen. WolV» telegr. Korrespondenz - Vurea«. Darmstadt, 6. Mai. Der Zusammentritt der zweiten Kammer ist nunmehr auf den 18. Mai festgesetzt. Berlin, 6. Mai. Die Ausschüsse des Bundesraths beschlossen heute, int Plenum des Bundesraths die Ablehnung der Beschlüsse des Reichstags zur Zuckersteuer zu beantragen und die Annahme der neuen Zuckersteuervorlage zu empfehlen. Die Berathungen des Bundesraths über die Branntweinfteuervorlage beginnen am Samstag und dürsten dann so gefördert werden, daß in der nächsten Plenarsitzung des Bundesraths die Schlußberathung stattfinden könne. — Das Abgeordnetenhaus lehnte in zweiter Lesung den Antrag Bachem auf Herabsetzung des städtischen Wahlcensus auf 6 Jahre mit 147 gegen 132 Stimmen ab; die commissarische Berathung des Antrags war mit 138 gegen 137 Stimmen abgelebt worden. Verschiedene Petitionen wurden nach den Beschlüssen der Commission erledigt. — Morgen um 4 Uhr zweite Lesung der Kirchenvorlage. Hamburg, 6. Mai. Heute hat hier, begünstigt von prachtvollem Wetter und unter großer Betheiligung der Bevölkerung, die feierliche Grundsteinlegung des neuen Rathhauses hinter der Börse stattgefunden. Nachdem zunächst Bürgermeister Peterien und Senator Mönckeberg das Wort genommen, hielt Senior Hirsche die Weiherede. Darauf wurden die auf die Feier bezüglichen Acten in den Grundstein gelegt und dieser geschlossen; dann thaten der Bürgermeister, die Senatoren und Bauherrn dir üblichen Hammerschläge. Die Gesänge wurden, unter Begleitung eines großen Orchesters von etwa 1000 Sängern unter Leitung des Professors Bernuth ausgesührt. Die ganze Feier verlies in würdigster Weise. Die umliegenden Häuser waren festlich geschmückt. London, 6. Mai. Der Ausschuß der liberalen Föderation hielt gestern eine Versammlung zur Erörterung der ministeriellen Vorlagen bezüglich Irlands. Es wurde eine Resolution beantragt, welche die Nothwendigkeit einer Lösung der irischen Frage betont und Gladstone ersucht, durch Beibehaltung der irischen Vertreter im englischen Parlament eine Amendirung der irischen Verwaltungsbill vorzunehmen, welche eine Vereinigung aller Liberalen ermöglichen würde. Diese Resolution wurde nach lebhafter Debatte abgelehnt und mit überwiegender Majorität ein Gegenantrag angenommen, welcher die Regierungsvorlage als ein Mittel zur wirksamen Lösung der irischer Frage bezeichnet und ungeschwächtes Vertrauen zur Regierung ausspricht. — Wie verlautet, hat der Oberstkämmerer, Lord Kenmare, demissionirt. — „Daily News" erfährt, Chamberlain habe dem Cabinet zu verstehen gegeben, er werde die zweite Lesung der Homerule-Bill unterstützen, falls die Regierung eine Vertretung Irlands im Reichsparlament int Principe zugestehe. Morgen findet behufs Erörterung dieser Frage ein Cadinetsrath statt. — Der „Times" wird aus Kairo gemeldet, daß die Aufständischen Akasheh besetzt und eine Strecke von einer Meile die Eisenbahn zwischen Akasheh und Ambigol zerstört haben. London, 6. Mai. Im Unterhause erklärte Gladstone, er habe in Betreff Griechenlands keine ganz befriedigenden Nachrichten mitzutheilen. Früher habe er bereits mitgetheilt, daß Die Antwort Griechenlands nach der Ansicht der Mächte ungenügend sei und nicht befriedige. Um zu befriedigen, müßten die Versicherungen Griechenlands derartige sein, daß von der Türkei die Einstellung ihrer kostspieligen Kriegsvorbereitungen erwartet werden könne. Die Mächte hätten heute Griechenland eine weitere Note überreicht, worin die gegebenen Versicherungen als unbefriedigend erklärt würden. Gladstone glaubt, diese Note werde die Angelegenheit in kürzester Zeit zum Austrag bringen. Falls die Antwort darauf nicht befriedigend ausfiele, würden die Mächte sofort Schritte thun, die geeignet seien, den vor Augen habenden großen Zweck zu sichern. Gladstone erklärte ferner, er könne noch nicht sagen, ob Mukhtar Pascha den Plan zur Reorganisation des egyptischen Heeres Englands Einwendungen entsprechend abändern könne. Der Vorschlag Mukhtar Paschas und die Antwort Englands würden dem Parlamente vorgelegt werden. Der Meinungsaustausch zwischen Mukhtar Pascha und Wolff über die anderen Egypten betreffenden Fragen dauere fort, eine Mittheilung darüber sei jedoch zur Zeit noch unthunlich. Rom, 6. Mai. In Virenzo sind heute 12 Erkrankungen und 5 Todesfälle an Cholera vorgekommen. Brindisi, 5. Mai. Von gestern bis heute Mittag kam hier 1 Cholera- Erkrankung und 1 Todesfall vor. In Ostuni 4 Erkrankungen, in Oria 2 Erkrankungen und 1 Todesfall. Venedig, 6. Mai. Vom 5. auf den 6. Mittags starben hier 5 und erkrankten 3 Personen an Cholera. Brüssel, 7. Mai. Der Neffe des Königs, Prinz Balduin, leistete heute im Beisein der königlichen Familie den Fahneneid. Auf die Ansprache des Generals Van der Smissen erwiderte hierbei der König, der Armee sei vorn Vaterlande die Ver- theidigung des Landes, der Landesinstitutionen und der Landesehre anoertraut. Die Fürsten als die ersten LandeSdiener müßten deshalb alle in den Reihen der Armee einen Platz einnehmen. Der Prinz theile seine Gefühle und werde seinem Vaterlande bis, zum Tode ergeben sein. Der König hielt hierauf eine Parade über das Grenadierregiment ab, in welches der Prinz als Unterlieutenant eintritt. Odessa, 6. Mai. Der Botschafter in Konstantinopel, Nelidow, ist aus Livadia hier eingetroffen und reift heute nach Wien ab, von wo er zum Kurgebrauch nach Kissingcn geht. Athen, 6. Mai. Die Vertreter der fünf Mächte überreichten Delyannis eine Note, welche weitere Erklärungen fordert. Delyannis rief sofort einen Ministerrath zusammen. Athen, 6. Mai. Meldung der „Agence Havas".) Die Vertreter der fünf Mächte überreichten heute Vormittag eine Note, worin dieselben von der Erklärung Griechenlands, den Frieden nicht stören zu wollen, Akt nehmen, jedoch einige weitere Aufklärungen verlangen und die Beantwortung dieser Note im Lause des Tages erwarten. Mouy hatte eine längere Besprechung mit Delyannis. Letzterer wird heute Abend vom König empfangen. Athen, 6. Mai. Meldung der „Agence Havas".1 lieber den Inhalt der griechischen Antwort auf die Note der Mächte verlautet: Delyannis drückte sein Bedauern aus, daß seine Erklärungen vorn 29. April als migenügend betrautet worden, er beziehe sich erneut auf diese in der Note vom 29. April enthaltenen Erklärungen. — Der griechische Oberbefehlshaber in Thessalien, General Sapundzaki, meldet, die Türken concaitrireii ihre Truppen längs der ganzen Grenze, er hält das Einrücken der Türken. auf das griechische Gebiet wahrscheinlich. Sapundzaki ordnete deshalb an, daß die in Volo Velastino stehenden Truppen in Eilmärschen auf Larissa rücken. Das Amtsblatt wird heute Abend einen Erlaß veröffentlichen, der den schleunigen Abmarsch der Garnison Athens nach Thessalien anordnet. Die in Calamata Sparta stehenden Regimenter werden nach Athen berufen. Im Hafen von Phalerun ist ein türkisches Kriegsschiff angekommen. Newyork, 6. Mai. Die Journale sprechen stch auf das Schärfste gegen die anarchistischen Ruhestörungen aus und verlangen eine exemplarische Züchtigung der Urheber und Theilnehmer derselben. Die Negierung in Washington sandte aus Vorsorge Truppen nach Eincinati. Powderly sprach sich im Namen der „Knights of Labour" auf das Entschiedenste gegen die Ausschreitungen der Anarchisten aus. Lokales. — Gießen, 7. Mai. Gestern Nachmittag explodirte im chemischen Laboratorium dahier ein Präparat und verbrannte sich der damit beschäftigte Student an den Händen und Kleidern derart, daß er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mutzte. V8 Gießen, 7. Mai. (Bayreuther Bühnenfestspiele.] Der allgemeine Richard Wagner-Verein, welcher sich die Aufgabe gestellt hat, die Bühnenfestspiele in Bayreuth sowohl in ideeller wie materieller Hinsicht wirksam zu fördern, hat auf Antrag seiner Centrallettung beschlossen, zu den diesjährigen Festspielen eine namhafte Anzahl von Eintrittskarten zu erwerben, welche als Freikarten mittelst Verloosung an seine Mitglieder zur Vertheilung gelangen werden. In einem eben zur Versendung gelangten Aufruf fordert nun die Centralleitung neuerdings die so zahlreichen Freundinnen und Freunde der Kunst Richard Wagner'S, denen die .Pflege idealer Interessen am Herzen liegt, auf, das Lebenswerk des Meisters durch ihren Anschluß an den Verein (der Jahresbeitrag ist auf nur 4 J4. festgesetzt) zu unterstützen. Durch den Beitritt im gegenwärtigen Zeitpunkte wird auch das Recht der Theilnahme an der Verloosung erworben. In unserer Stadt sind bis jetzt 20 Mitglieder dem Allgemeinen Richard Wagner- Verein beigetreten. Verwischte-. Darmstadt, 4. Mai. fPostpersonalnachrichten.] 1. Versetzt ist der Postsecretair Bickel von Mainz nach Frankfurt (Main). 2. Gestorben sind der Postrath a. D. Müller und der Ober-Postsecretair W. Hoffmann in Darmstadt. Darmstadt. Der am 1. Mai dahier abgchaltene Commers früherer Corps- studcnten hat den glänzendsten Verlauf genommen. Es hatten sich dazu weit über 200 Theilnehmer aus den 3 Provinzen des Großherzogthums eingefunden, vom ergrauten Staatsivürdenträger bis herunter zu jugendlichen Füchsen. Auch die Prinzen Heinrich und Wilhelm, sowie Fürst Asenburg-Büdingen beehrten das Fest mit ihrer Gegenwart. Das Präsidium führte Geheimerath Küchler von Mainz, welcher den Commers mit einem Salamander auf Kaiser und Großherzog eröffnete. Oberlandesgerichtsrath von Ricou von Darmstadt ließ einen Salamander auf die alten Herren, Oberamtsrichter Bauer von Bad-Nauheim einen solchen auf die Activen reiben, stud. Kullmann, Senior der Hassia, des dermalen präsidirenden Corps zu Gießen, erwiderte dankend. Der Landesvater an den 6 Tafeln ging recht flott. Die Stimmung war eine durchaus animirte; die Theilnehmer waren alle in Farben erschienen. Der Saal war auf das Prachtvollste mit studentischen Emblemen, Fahnen und Wappen geschmückt. Der Damenkranz rings um die Gallerten war nicht der schlechteste Schmuck. Erst lange nach Tagesgrauen verließen die letzten Gäste oas Festlokal. Ein nicht minder gemüthlicker Frühschoppen im „Darmstädter Hof" schloß am zweiten Tag das schöne Fest. — Ein alter braver 48er ist in der Person des Redacteurs Ludwig Bogen aus dem Leben geschieden und in der freien Erde der transatlantischen Union zur ewigen Ruhe gebettet worden. Ludwig Bogen redigirte bis kurz vor seinem in einem Alter von mehr als 70 Jahren erfolgten Tode die in Neu-Ulm im Staate Minnesota erscheinende „Post". Aus seinem Lebensgange theilt die St. Pauler Volkszeitung folgendes mit: „Ludwig Bogen, der in Hessen-Darmstadt geborene Sohn eines höheren Staatsbeamten des Großherzogthums, und in den dreißiger Jahren Studiosus der Rechtswissenschaft in Gießen, fühlte sich schon damals mächtig erfaßt von der Idee freiheitlicher Neugestaltung, wie sie in der burschenschaftlichen Bewegung dem Völkerfrühling des Jahres 1848 voranflammte. Als dieser erschien, opferte der in den Staatsdienst getretene Mann der Bewegung für des deutschen Volkes Regeneration zur Einheit und Freiheit eine Laufbahn, die um so gesicherter war, als er ein seltenes Wissen sein nannte, errungen durch ernste Studien. Wir finden ihn unter den Koryphäen des Frankfurter deutschen Parlaments, in welchem ihm seine ruhig prüfende Art eine hervorragende Stellung unter den Männern des Fortschritts auf der Bahn des Gesetzes anwies. Dennoch als es zur That ging und sie das einzige geworden, die rasch einbrechende Reaction zu dämmen, war er unter den Männern der revolutionären That, und als die Fahne der Revolution sank, nahm Ludwig Bogen in Amerika seine Zuflucht. Hier frisch alles angreifend, was ein nützliches Wirken gewährleistete, wandte er sich frühzeitig nach dem Westen und nahm seinen Wohnsitz in Stillwater in Minnesota, von wo er nach längerem Wirken als Geschäftsmann einem Rufe 'der Bürger Neu-Ulms folgte, um dort die „Post" zu übernehmen. Für dieses Blatt schuf sein gewissenhafter Fleiß, seine fesselnde und durch klare Darstellung, überzeugende Sprache, vor Allem aber die Treue der Gesinnung des wackeren Mannes eine Ehrenstellung in der deutschen Presse dieses Landes. Zum Emporblühen der Stadt Neu-Ulm hat Ludwig Bogen's „Post" Dienste geleistet, die für immer in dankbarster Erinnerung bleiben werden." __________ Geschichts-Kalender. 8. Mai. 1521. Kaiser Karl V. erläßt ohne specielle Zustimmung der Reichsversammlung und ohne die sonst üblichen Formalitäten einzuhalten, das Wormser Edict, wodurch: 1. Dr. Martin Luther, als Ketzer und ausgestoßenes Glied der Kirche, mit der Reichsacht belegt, 2. bei Strafe der Acht die Aufnahme desselben untersagt und dafür im Falle der Betretung die Verhaftung imb Auslieferung an den Kaiser befohlen wurde, 3. bei derselben Strafe die Verbreitung seiner Bücher verboten, und endlich 4. vorgeschrieben wurde, daß von nun an weder ein Drucker noch ein Anderer Bücher theologischen Inhalts ohne Erlaubniß der Ordinarien des betreffenden Ortes oder deren Stellvertreter drucken dürfe. 1852. Das „Londoner Protokoll", durch welches das beklagenswerthe Schicksal von Schleswig-Holstein nun auch von England und Rußland gutacheißen wurde. Schleswig hatte man der Rachsucht der Dänen, die es alsbald wieder unterjochten, überlassen, und Holstein mußte sein Freiheitsgelüste unter der Bedrückung der Dänen schwer büßen. — Das „Londoner Protokoll" äußerte seine-rückschrittliche Bedeutung auch noch dadurch, daß nun die Reaction in Deutschland immer mehr erstarkte und auch die letzten nationalen Errungenschaften seit 1848 dem Bundestage zum Opfer fielen. Handel rrnb Verkehr» Limburg, 5. Mai. Rother Weizen JL. 1510, weißer Weizen JL 15.00, Korn vH. 10.70, Gerste JL. 7.80, Hafer 6.75, Kartoffeln ä 100 Pfund JL 0.00, Erbsen ä 100 Pfund JL 00.00. Kirchliche Anzeigen der Sterbt Wieste«» Evangelische Gemeinde. Gottesdienst. Samstag den 8. Mai. Nachmittags 4 Uhr: Beichte, Pfarrer Dr. Naumann- Sonntag Misericordias Domini, den 9. Mai- Vormittags 9^2 Uhr: Pfarrer Schlosser. Feier oes heiligen Abendmahls. Nachmittags 2 Uhr: Pfarrer Dingeldey. Vorstellung und Prüfung der Realschüler. Die Kinderkirche fällt aus. Katechismuslehre für die Gymnasiasten und Stadtschüler, Vormittags 8 Uhr in der Kirche, Pfarrer Schlosser. Montag, den 10. Mai, Abends 8 Uhr, Bibelstunde in der Kleinkinder- schule, Matth. Kap. 6, von Vers 1 an. Pfarrer Dr. Naumann. Am Sonntag, den 16. Mai, findet die Confirmation der Realschüler, sowie Feier des heiligen Abendmahls statt. Die Beichte wird am Samstag, den 15. Mai, Nachmittags 2 Uhr, gehalten. An diesem Confirmationssonntag wird eine Kollekte für die Armen der Gemeinde erhoben. Die Pfarrgeschäfte in der Woche vom 9. bis 15. Mai besorgt Pfarrer Dingeldey. Katholische Gemeinde. 2. Sonntag nach Ostern (Misericordia). Von 6 Uhr an Beichte. Um 7 Uhr: Frühmesse und Austheilung der h. Communion. „ V2IO Uhr: Hochamt und Predigt. „ 2 Uhr: Maiandacht. Am Mittwoch und Freitag um 6 Uhr: Maigebet. Gottesdienst in der Synagoge. Freitag Abend 7 Uhr, Samstag Morgen 8 Uhr, Samstag Mittag 4 Uhr, Samstag Abend 820 Uhr. Ktlgemeiuer Anzeiger. Verdingung der eisernen Dachkonstruetion (26639 kg) als Loos 5, und der Schlofferarbeiten (18 Thore, 45 Fenster aus Schmiedeeisen, sowie Anker und Bolzen) als Loos 6, zum Neubau des Locomotiv - Schuppens zu Gießen. Termin Sonnabend den 22. Mai 1886, Vormittags 10 Uhr, in unserem technischen Bureau. Zeichnungen, Bedingungen u. s. w. können daselbst eingefehen und auch gegen Einzahlung von 2 Mark für Loos 5 und 4 Mark für Loos 6 von demselben bezogen werden. Zuschlagsfrist 2 Wochen. 3557 - Königl. Eisenbahn-Betriebs-Amt (Main-Weser-Bahn) zu Caffel. Ieikgeöotenes. Hamburger Fischhandlung A. Hoch KTachi- Samstag früh eintreffend: Lebendfrrfcher Schellfisch, «3578 Cabliau u Hecht in vorzüglichster Eispackung. BekMmtmachung. Der Plan über die von der Stadtverordneten-Versammlung festgestellten und von Großherzoglichem Kreisamte Gießen genehmigten Baufluchtlinien der Sonnenstraße liegt 14 Tage lang auf dem Bureau des Stadtbaumeisters zur Einsicht offen. Gießen, den 5. Mai 1886. 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