Nr. 232 Mittwoch den 6. Oktober 1886. Gießener Anzeiger Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen. Schulstraßs 7. Erscheint mit Ausnahme des Montags. ZLA-N 2^»^ —BMM—1*00——MWIWI'IUBBII II Politische Ueberficht. GieHen, 5. October. Der Herbstausenthalt in Baden-Baden bekommt unserem Kaiser in ausgezeichnetster Weise und es lauten denn auch die privaten wie die offi- ciellen Nachrichten über das Befinden des greifen Monarchen andauernd günstig. Täglich unternimmt er, begünstigt durch das wieder eingetretene schöne Herbstwetter. Ausfahrten und Promenaden, die Gelegenheit geben, sich von dem über* raschend wählen Aussehen des kaiserlichen Herrn zu überzeugen. Anderseits erledigt der Kaiser auch in gewohnter Pünktlichkeit und Gewissenhastigkeit die laufenden RegierungS'Angelegenheiten und folgt er hierbei den Vorgängen aus dem Gebiete der inneren wie äußeren Politik mit gleich regem Interesse. Dies gilt namentlich von der Entwickelung der Dinge aus der Balkan-Halbinsel, speciell der bulgarischen Dinge und verfichert man, daß der Kaiser dem Prinzen Alexander von Battenberg nach wie vor die größte persönliche Teilnahme entgegenbringt und daß das Opfer, welches der Prinz durch die Niederlegung der bulgarischen Krone der Erhaltung des europäischen Friedens gebracht hat, vom Kaiser voll gewürdigt werde. In der.sächsischen Residenz ist am Samstag Vormittag nach dem schon vorher bekannt gegebenen Programme die feierliche Vermählung des Neffen des österreichischen Kaisers, des Erzherzogs Otto, mit der Prinzessin Maria Josepha, der Nichte König Albertus, unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung begangen worden. Die Vermählung vollzog sich in einem ungemein glänzenden Rahmen und trug hierzu in erster Reihe die Anwesenheit einer großen Anzahl fürstlicher Gäste bei, zu denen wiederum die österreichischen Verwandten des erlauchten Bräutigams ein bedeutendes Contingent gestellt hatten. Nicht nur die sächsische Presse, sondern auch die österreichischen Blätter widmen der Vermählungsfeier am Dresdener Hofe herzliche Worte der Theilnahme und sagt u. A. die „Wiener Abendpost", der Ehebund des jungen Paares füge den Banden der Verwandtschaft und Freundschaft, welche fett mehr als anderthalb Jahrhunderten zwischen dem österreichischen Kaiserhause und dem sächsischen Königshause bestehen, ein neues inniges Band hinzu. Der Rücktritt des Staatssecretärs im Reichsschatzamte, Herrn v. Burchard's, ist feit Wochen das bemerkenswertheste Ereigniß auf innerpolitischem Gebiete. Mit Herrn v. Burchard scheidet einer der ältesten und verdientesten Mitarbeiter an der im Reiche durchgeführten WirthschastS- Neform aus dem öffentlichen Leben. Schon seit der Zeit, in welcher er als Vortragender Rath an der Spitze der früheren Finanzabtheilung des Reichs- kanzleramtes stand, war Herr v. Burchard zur Mitarbeiterschaft an dem Werke der praktisch«wirthschaftlichen Reformen berufen, denn er gehörte der Commission an, welche an der Hand des bekannten Schreibens des Fürsten Bismarck vom 15. December 1878 die Grundlagen für eine grundsätzliche Aenderung des bis dahin bestehenden Zollsystems auszuarbeiten hatte. In feinen folgenden Stellungen wirkte Herr o. Burchard an der Weiterförderung der wirthschaftlichen Reformpolitik mit vollster Hingabe mit und hatte er speciell als Staatssecretär im Reichsschatzamte die schwierige Ausgabe, im Reichstage die neue Zoll- und Handelspolitik zu verteidigen. Die Art und Weise, wie Herr v. Burchard sich der Losung dieser Aufgabe unterzog, hat auch Seitens der entschiedensten Gegner dieser Politik die gerechte Anerkennung erworben und daß man an leitender Stelle seine Verdienste vollauf zu würdigen weiß, davon legen die Herrn v. Burchard mehrfach zu Theil gewordenen hohen Ordens-Auszeichnungen, feine Erhebung in den Adelsstand, ferne Berufung in den Staatsrath u. s. w. hinlänglich Zeugniß ab. Andauernde Kränklichkeit nöthigte den hochverdienten Beamten, um seinen Abschied einzukommen, nachdem selbst ein mehrmonatlicher Urlaub leider nicht im Stande gewesen war, Herrn v. Burchard zur Wieder- Übernahme seiner Reffortgeschäfte zu befähigen. Ob derselbe zu einer späteren Zeit im Stande sein wird, wieder in den Reichsdienst einzutreten, muß einstweilen dahingestellt bleiben; jedenfalls ist sein Gesundheitzustand zur Zeit ein derartiger, daß bis aus Weiteres Herr v. Burchard sich die strengste Schonung auferlegen muß; über seinen Nachfolger verlautet noch nichts Bestimmtes. Der Prinz-Regent Luitpold von Bayern hat am Freitag feine Rundreise durch Schwaben und Franken mit dem Besuche von Ansbach, Der politischen Hauptstadt Mittel-Frankens und mehr wie 300jährigen Residenz der Markgrafen von Ansbach-Bayreuth, beendigt und ist noch am Abend des genannten Tages nach München zurückgekehrt. Von Anfang bis Ende der Reise ist dem Prinz-Regentm überall die begeistertste Aufnahme zu Theil geworden und Augsburg wie Nürnberg, Würzburg wie Ansbach haben in dem Bestreben gewetteifert, dem greifen Fürsten den herzlichsten und zugleich glänzendsten Empfang zu bereiten und somit hat auch die nun beendigte Reise dem Prinz- Regenten den Beweis geliefert, daß das Bayernvolk in Liede und Treue zu ihm steht und seiner Regierung das vollste Vertrauen entgegenbringt. Die Betrachtungen der österreichischen Tagespresse sind noch vorwiegend den Erklärungen Tisza's im ungarischen Abgeordnetenhause über die bulgarische Angelegenheit gewidmet. Es ist bemerkenswerth, daß sich die Wiener Regierungsblätter wie die oppositionellen Zeitungen in gleichem Maße anerkennend über das von dem ungarischen Ministerpräsidenten entwickelte Programm ausfprechm und daffelbe als ebenso maßvoll, wie entschieden und gemeinverständlich bezeichnen. Jedenfalls hat die positive Versicherung Tisza's, daß i das deutsch-österreichische Bündniß ungeschwächt fortbestehe, allen Gerüchten über die angebliche Erschütterung deffelben ein Ende gemacht und das plötzliche Ver- * stummen der in der oppositionellen Preffe diesseits wie jenseits der Leitha bis jetzt gegen das Bündniß gerichteten Angriffe ist offenbar mit auf Rechnung der Ausführungen Tisza's zu setzen. Von unleugbarem Werthe ist ferner auch die bestimmte Erklärung des ungarischen Staatsmannes, daß Niemand zu einem bewaffneten Einschreiten ober Errichtung eines Prottctorates in den Balkanländern berechtigt sei und daß Aenderungen in deren staatsrechtlichen und polnischen Verhältnissen überhaupt nur im Einverständniß mit sämmtlichen Signatarmächten des Berliner Vertrages vorgenommen werden könnten. Es geht hieraus deutlich hervor, daß Oesterreich'Ungarn den Berliner Friedens-Vertrag trotz der mehrfachen ihm schon zugefügten Verletzungen durchaus nicht in die historische Rumpelkammer geworfen, sondern als zu Recht fortbestehend anerkannt wissen will und daß Deutschland, der eigentliche Bürge des Berliner Vertrages, diese Anschauung voll und ganz theilt, ist nicht im Mindesten zu bezweifeln. Im Uebrigen dürsten am vorigen Samstag die auch im österreichischen Abgeordnetenhause über die bulgarische Frage eingebracht gewesenen Interpellationen Seitens der Regierung in einem sich mit den Tisza'schen Erklärungen deckenden Sinne beantwortet worden sein und sich hiermit die Jnterpellations-Sturmfluth in den österreichischen und ungarischen Parlamenten wieder verlaufen haben. Der französische Minister-Präsident ist von seiner Reise nach Toulouse, Montpellier u. f. w. am Sonntag wieder nach Paris zurückgekehrt. Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr de Freycinet sich in Südsrankreich einer sehr herzlichen Ausnahme Seitens der Bevölkerung zu erfreuen gehabt hat — die monarchistischen Blätter wußten das Gegentheil zu berichten — und daß seine Ausführungen zu Toulouse, Montpellier u. s. w. bei der großen Mehrheit der Bevölkerung Frankreichs Zustimmung gefunden haben. Im Uebrigen ist der Minister-Präsident in Toulouse sowohl wie in den andern Orten, in denen er sprach, hinsichtlich der Darlegung der auswärtigen Politik Frankreichs ziemlich referoirt aufgetreten und ist wohl kein Zweifel, daß er vorher speciell über diesen Theil seiner Reden mit seinem Minister - College» Rücksprache genommen hat. Die Verlegenheiten der spanischen Regierung sind plötzlich von einer neuen Seite her nicht unbedenklich vermehrt worden. Der aus seiner Haft entflohene Herzog von Sevilla hat von Tarbes, also von französischem Boden, aus ein Manifest an die spanische Nation gerichtet, das einen durchaus revolutionären Charakter trägt. In demselben beklagt sich der Herzog über die ihm zu Theil gewordene schlechte Behandlung während seiner Haftzeit und spricht er seine republikanische Gesinnung aus. Nur aus Familienpflicht, bekennt der Herzog, habe er sich unter Alfons XII. loyal verhalten, aber nun der König tobt fei, fühle er sich von jeder Verpflichtung gegen das spanische Königshaus entbunden. Ganz offen sagt der Herzog, er wolle das ©einige zur Proklamirung der Republik in Spanien beitragen, da dieselbe die beste Staatsform fei, welche die Sicherheit und Integrität Spaniens garantire. Diese unvermuthete republikanische Gesinnung bei einem so nahen Verwandten des spanischen Herrscherhauses wird in den Madrider Regierungskreisen wohl ebensolche Überraschung hervorgerufen haben, als bei der republikanischen Partei Spaniens selbst und die Vermuthung ist nicht ganz von der Hand zu weisen, daß der Herzog von Sevilla seinen angeblichen RepublikanismuS nur als Maske vorsteckt, um feine eigenen Pläne auf den spanischen Thron desto besser verbergen zu können. Uebrigens werden auch Stimmen laut, welche das Manifest des Herzogs von Sevilla nur als ein Manöverstück der Zorrilliften bezeichnen; nun, das muß sich ja bald zeigen! Wie eine Depesche aus Sofia vom 2. October meldet, ist dem General v. Kaulbars am Samstag die officielle Antwort der bulgarischen Regierung auf die Forderungen Rußlands übergeben worden. Die Antwort gesteht die Aufhebung des Belagerungszustandes und die Freilassung der weg«n des Staatsstreiches Verhafteten zu, weist aber die Verschiebung der Wahlen zur großen Sobranje als unthunlich zurück. Damit ist der Bruch zwischen Kaulbars und der provisorischen Regierung zur Thatsache geworden. Triegraphische Drpeschr«. WE'S tsUßs* - Vmroa». Berlin, 4. October. Der frühere Unterstaatsfecretär Geheimrath v. Schuhmann, zuletzt Vorsitzender des Aufsichtsraths der Discontogesellschaft, ist gestorben. Berlin, 4. October. Die Leichenfeier v. Hülsen's fand heute auf dem Jnoaliden- kirchbofe mit großer Feierlichkeit unter Theilnahme des gesammten Theaterpersonals, der hiesigen Bühnendirectoren, vieler auswärtiger Bühnenchefs, dramatischer Schriftsteller, Musiker und zahlreicher distinguirter Personen aller Stände statt. Prinz Wilhelm wohnte der Trauerfeierlichkeit in der Kirche und im Leichenzuge bei. — Der „Retchsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Eultus- ministers vom 2. September, wonach die theologische Lehranstalt des Klerikalseminars Fulda zur wissenschaftlichen Vorbildung der Geistlichen geeignet ist. Leipzig, 4. October. Von etwa 2000 hier beschäftigten Buchdruckcrgehilfen stellten 540 die Arbeit ein, weil die Principale neue Forderungen betreffs des vereinbarten Tarifs ablehnten. Die Principale riefen die Entscheidung des im § 43 vorgesehenen Schiedsgerichts an. _ _ _ , München, 4. October. Das heutige „Gesetz- und Verordnungsblatt" veröffentlicht ein Handschreiben des Prinzregenten mit den wärmsten und lebhaftesten Danksagungen für die zahlreichen, überaus herzlichsten Beweise treuer Liebe und Ergebenheit nicht nur in oen von ihm besuchten Städten, sondern auch in den von dem Buge lediglich durcheilten benachbarten Gegenden und Orten und schließlich für den Willkommengruß der Münchener Gemeinde - Collegien, als würdigen Schluß aller, patriotischen Kundgebungen. Ursprünglich sind die Nadeln ein Stückchen meist aus Gußstahl bestehender Draht, welcher, zuerst in Ringen gewunden, gerade gerichtet und geschnitten wird. Diese Arbeit vollziehen heute praktische Richt- und Schneidemaschinen, denen die vormaligen Handwerkszeuge, als Richtkandeln, Nichthaspeln und Handscheeren ichon längst weichen mußten. Ucbrigens haben jene neueren Maschinen noch den Vortheil, daß sie mit mathematischer Genauigkeit arbeiten, was Menschenhände niemals im Stande sind. Die gewonnenen Drahtstückchen, Schäften genannt, kommen nun zur Schleifund Feilmaschine, nachdem ihnen zuvor in den Stampfmaschinen Buchstaben, Firma, Zeichen, besonders aber die Furche oder Fohre eingepreßt wird, innerhalb welcher später das Auge (Ohr, Oehr), eingestochen werden soll. Den Schluß bilden die Scheuermaschinen, in welchen die Nadeln blank geputzt werden, woran sich endlich die ziemlich mühselige Arbeit des Verpackens und Etikettirens anschließt. Zu 10, 20, 25 und mehr Stück werden die Nadeln in „Briefe" und diese wieder in größere Packete verpackt, um endlich in alle Weltgegenden versandt zu werden und so wird denn die nähende, stickende, flickende, ausbessernde, schneidernde und Puh machende Menschheit, auch der Junggesell, der sich selbst Knöpfe annähen muß, mit Nadeln versorgt. Wie nun aber in allen Unternehmungen der menschliche Geist nie ruht, wie er immer und immer zur Vollkommenheit strebt, wie er fort und fort die Arbeit durch Hilfe von Maschinen von sich abwälzt und sich so den größtmöglichsten Genuß mit möglichst weniger körperlicher Anstrengung zu verschaffen bestrebt ist, wie er endlich, um den Consum zu decken, erfinderisch werden mußte, so mar dies auch auf dem Gebiete der Näherei der Fall. Man strebte darnach, die Nähte mit mechanischen Vorrichtungen herzustellen und construirte Nähmaschinen. Die Entwickelungsgeschichte der Nähmaschinen reicht viel weiter zurück, als man gewöhnlich annimmt. Schon zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts waren einzelne bemüht, das Nähen mit der Hand durch die Arbeit eines Mechanismus zu ersehen, doch konnten diese Bemühungen keinen praktischen Erfolg haben, so lange man durch den Mechanismus die Bewegung der Hand mit Beibehaltung der gewöhnlichen Nähnadel nachzuahmen suchte. Das erste Patent auf eine derartige, constructiv noch höchst unvollkommene Maschine wurde 1790 dem Engländer Thomas Saint ertheilt; das zweite Patent nahmen die Engländer Thomas Stone und James Henderon im Jahre 1804 auf eine Maschine, mittelst deren man die überwindliche Macht herzustcllen im Stande war. Eine einigermaßen brauchbare Maschine, die aber gleichfalls noch auf dem Princip der Handnäherei beruhte, führte 1814 Josef Madersperger in Wien aus, die er im Jahre 1839 in eine Maschine mit zwei Nadeln umwandelte. Die erste Nähmaschine, welche in größerer Zahl angewendet wurde, war die im Jahre 1829 von Barthelemy Thimonnier erfundene, welche mittelst einer Hakennadel und eines fortlaufenden Fadens den einfachen Kettelstich berstellte. Vollständig unabhängig von den genannten Erfindern construirte im Jahre 1830 Walter Hunt in New-York die erste Maschine für den Doppelsteppstich, der jetzt von der Nähmaschine fast ausschließlich erzeugt wird, indem die Nadel mit an der Spitze befindlichem Oehr für den Oberfaden und eine dem Webeschiffchen ähnliche Vorrichtung für den Unterfaden anwendete. Diese Eonstruction, welche die Grundlage der heutigen Schifichenmaschine bildet, blieb lange Zeit unbekannt, weil ihr Erfinder aus Mangel an Selbstvertrauen unterließ, sie der Oeffentlichkeit zu übergeben. Als der eigentliche Schöpfer der Nähmaschine gilt daher gewöhnlich Elias Howe aus Spencer (Massachusetts), der sich im Jahre 1846 eine der Hunt'fchen Maschine vollständig ähnliche potentiren ließ. Der eifrigste Eoncurrent Howes war I. M. Singer, der Begründer der Singer-Manufacturing-Company in New-York, welcher sich große Verdienste durch mannigfache Verbesserungen der Schiffchenmaschine erworben hat. Im Jahre 1852 etablirte Allen B. Wilson in Gemeinschaft mit dem Kaufmann Wheeler in Bridgeport eine Nähmaschinenfabrik und zu derselben Zeit ließ sich Grover, der in Verbindung mit Baker eine Fabrik errichtete, eine Maschine patentiren, welche den doppelten Kettenstich erzeugte. Gegenwärtig beträgt die Zahl der auf Nähmaschinen ertheilten Patente bereits mehrere Tausend. Die größte Bedeutung unter den Nähmaschinen producirenden Ländern haben auch gegenwärtig noch die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit einer Jahres- production von ca. 2 Millionen. In zweiter Linie steht seit dem Anfang der sechziger Jahre Deutschland, zu welcher Zeit die erste deutsche Nähmaschinenfabrik in Hamburg, die von Pollack, Schmidt & Co. errichtet wurde. Als größte deutsche Firmen sind Frisier & Roßmann, Seidel & Naumann, Baer & Rempel zu nennen und zwar sind die Hauptorte der Fabrikation Berlin, Dresden, Bielefeld und Kaiserslautern. Deutschland producirt jährlich gegen 3/< Millionen Maschinen. Die Zahl der Stiche der verschiedenen Nähmaschinen variirt zwischen 500—1000 in der Minute. Zum Schluß noch die kurze Bemerkung, daß auch auf dem Gebiete der Nähmaschinenfabrikation Deutschland jeder Concurrenz die Spitze bietet und daß diejenigen Personen, welche fremdes Fabrikat kaufen, schlechterdings keine bessere Waare erhalten, wohl aber dieselbe theurer bezahlen müssen. Nähnadel und Nähmaschine. (Nachdruck verboten.) Das eigentliche Alter der Nähnadel ist wohl schwer zu bestimmen, reichen doch 'die Aufzeichnungen über ihr Bestehen bei den verschiedenen Völkern des Alterthums bis in die Mythenzeiten derselben zurück. Daß man jedoch bestimmt schon vor zweitausend Jahren Nähnadeln hatte, davon giebt Die Bibel im neuen Testament Zeugniß, dort wo es heißt: „Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in's Himmelreich komme." Doch abgesehen von dem Zeitpunkte ihres ersten Auftretens bleibt die Thatsache bestehen, daß die Nähnadel unstreitig eines der ersten und unentbehrlichsten Werkzeuge in Menschenhand gewesen ist, die .als vollkommener Fabrikationsartikel jedoch erst zu den neueren Werkzeugen gerechnet werden muß. Bis vor etwa siebzig Jahren wurden die Nähnadeln mühselig und theuer und verhältnißmäßig unvollkommener vom Handwerker, vom zunftmäßigen Nadler, gemacht, und gewaltige Prozesse zogen sich diejenigen zu, welche dem ehrbaren Nadlermeister Nähnadeln nachmachten, bez. überhaupt solche anfertigten. Erst seit jener Zeit bemächtigte sich allmälig die Maschine und die allmächtige Triebkraft des Dampfes dieses Deinen, glatten, spitzigen, einäugigen Instruments der modernen Cultur. Eine Statistik über den Gesammtverbrauch von Nähnadeln • ist wohl noch nicht aufgemacht worden, da die Herren Statistiker, wahrscheinlich aus Furcht vor den ungeheuren Zahlen, die stch mit den Nadeln selbst in's Maßlose verlieren, den Nadelverbrauch von ihren Tabellen gestrichen haben. Wohl geben die Productions- und Versandtlisten der Fabriken Berichte über die Größe und den Umfang ihrer Erzeugnisse aus, ob und inwieweit aber solche Zusammenstellungen der Wahrheit bez. dem Consum nahe kommen, läßt sich wohl schwer beurtheilen. Daß ein so unentbehrlicher und täglich gebrauchter Artikel, wie die Nähnadel, gegenwärtig in allen civilisirten Ländern hergestellt wird, braucht wohl kaum näher erörtert zu werden. Die Haupterzeugungsorte jedoch sind England und Deutschland geworden und geblieben und zwar weiß jede Frau, daß die besten Nähnadeln aus Aachen oder aus Redditch, Alcester (Worcester) und Hathersage (Derby) in England kommen, nur daß die große Mehrzahl der Frauen noch immer von dem Wahne befangen ist, wirklich gute Nähnadeln können nur in einer englischen Etikette stecken. Glücklicherweise nimmt dieser Jrrthum von Jahr zu Jahr ab und die Thatsache, daß deutsche Nähnadeln, weit billiger als englische, in fast allen Welttheilen das englische Fabrikat verdrängt haben, ist wohl der beste Commentar für ihre Güte und Preis- rvürdigkeit. Nur im Vaterlande theilen die einheimischen Nadeln noch immer viel zu viel das Schicksal der einheimischen Propheten. Nach dem Urtheile Sachverständiger kann man wohl annehmen, daß trotz der neueren Fabriken in Frankreich, Oesterreich, Belgien, Rußland, sowie der in Deutschland zu Altona, Schwabach, Nürnberg, Iserlohn und vielen anderen Städten, doch ziemlich drei Viertel aller Nadeln aus den Fabriken Aachens und Englands bezogen werden. So sind in Aachen ca. 20 größere Etablissements mit der Herstellung guter Nadeln beschäftigt und in England waren im Jahre 1879 über 5500 Arbeiter und Arbeiterinnen in diesem Industriezweige thätig. Es würde zu weit führen, die Herstellungsweise der Nähnadeln bis in das Kleinste zu durchsprechen und soll daher nur in der Hauptsache der hervorragendsten Fabrikations-Prozesse gedacht werden. Wien, 4. October. Cholerabericht. Es erkrankten resp. starben in Triest 14/3, in Pest 17/6 Personen. t _ Szegedin, 4. October. Hier ist das Auftreten der Cholera constatirt. Brs Heute Nachmittag sind 8 Erkrankungen und 4 Todesfälle zu melden. Kopenhagen, 4. October. Der dänische Reichstag wurde heute eröffnet. Berde Kammern wählten ihr bisheriges Präsidium wieder. — Dem Folkething wird moraen das Budget für 1887/88 sammt einer Vorlage über Convertirung eines Theils der Staatsschuld vorgelegt. Paris, 4. October. Die Abendblätter veröffentlichen Schreiben aus Tongking, welche melden, daß die den französischen Delegirten für die Grenzabsteckungscommission Leigegebene Eskorte, als sie den rothen Fluß wieder hinauffuhr, am 19. August 15 Kilometer oberhalb von Lao-Kai von Piraten, welche beide Ufer besetzt hatten, angegriffen wurde, wobei zwei Offiziere, sechs Soldaten von der Fremdenlegion und fünf Tongkingesen getödtet wurden. Die französische Commission ist nach Lao-Kai lurückgekchrt. Bordeaux, 4. October. Bei dem gestrigen großen Festbankette zu Ehren Freycinet's sagte dieser in einer Rede, daß er überall, wohin ihn seine Reise führte, dem Sinne für Einigung begegnete; er erkenne an, daß noch mancherlei Reformen nothwendig seien und bitte die Zuhörer, der Regierung auf der Bahn des Fortschritts und der Freiheit zu folgen. London, 4. October. Gestern Nachmittag fand in einer Kohlengrube bei Normanton in Yorkshire eine Entzündung schlagender Wetter statt. Von 30 Arbeitern, welche sich in der Grube befanden, sind bis jetzt erst 8, darunter 6 schwer verletzt, zu Tage gefördert. Chester, 4. October. Gladstone empfing Deputationen der Municipalitäten von Crok, Limerick und Waterford, welche ihm das Ehrenbürgerrecht der betreffenden Städte überbrachten. Gladstone erklärt denselben, er habe seine Absicht, aus dem öffentlichen Leben zurückzutreten, nur in der Hoffnung aufgegeben, zur Regelung der irischen Frage beizutragen, womit das Interesse Englands in gleichem Maße verbunden sei wie das Irlands. Brüssel, 4. October. An der gestern in Namur stattgehabten liberalen Kundgebung , mir welcher gegen die Absetzung Ronvaux's als Kirchenvorsteher protestirt werden sollte, nahmen Delegirte aller liberalen Vereine des Landes Theil. Mehrere liberale Zeitungen sehen in der Kundgebung das Zeichen einer Aussöhnung der verschiedenen Schattirungen der liberalen Partei. Madrid, 4. October. Die Vertreter der republikanischen Fraktionen unter Führung Salmerons wurden gestern bei Sagasta zu Gunsten der zum Tode Ver- urtheilten vorstellig. Sagasta erklärte, es sei die Pflicht der Regierung, über die großen ihr anvertrauten Interessen zu wachen. Der höchste Gerichtshof der Armee und der Marine wird heute in letzter Instanz über die Aufständischen urtheilen. Sofia, 4. October. In der gestern stattgehabten Versammlung wurde ein russischer Unterthan gemißhandelt, weil er gerufen haben sollte: „Nieder Bulgarien". Kaulbars erschien in der Versammlung und sprach sich näher über die Forderungen Rußlands betreffs Vertagung der Wahlen und Befreiung der Offiziere aus. Aus der Versammlung wurde hiergegen protestirt und die Vornahme der Wahlen in 8 Tagen, sowie Bestrafung der Offiziere verlangt. Kaulbars erklärte, die Verantwortlichkeit falle auf Diejenigen zurück, welche das Volk auf solche Wege treiben. Hierauf verließ Kaulbars die Versammlung. Es fand kein weiterer Zwischenfall statt. Die Negierung hatte Vorsichtsmaßregeln zum Schutze des russischen Consulats getroffen. Die Ruhe wurde im Laufe des Tages nicht gestört. Newyork, 4. October. Der Gouverneur von Pennsylvanien richtete ein Schreiben an den Generalprokurator des Staates, in welchem er dessen Aufmerksamkeit auf das Verfahren der Coalition der Kohlencompagnien (coal pool) lenkt, welche die Kohlenpreise in die Höhe treibe, indem sie die Kohlenförderung beschränke. Der Gouverneur sagt, das Publikum sei der Gnade der Coalition überliefert; die Coalition sei gesetzwidrig und dieser Zustand sei den Interessen des Publikums nachtheilig. Der Gourerneur spricht sich auch gegen die Trunkeisenbahn-Koalition aus und bittet den Generalprokurator, von Amtswegen gegen die Coalition einzuschreiten. Es heißt, der Generalprokurator werde sofort gegen die Kohlencoalition vorgehen. Bombay, 4. October. Bei einem religiösen Feste in Etawah (am linken Ufer Les Jmnah) drohte zwischen den Hindus und Mohamedanern ein Streit auszubrechen. Die Behörde ließ einen eben eintreffenden Eisenbahnzug mit britischen Soldaten, welche für Birma bestimmt waren, anhalten. Durch das Erscheinen der Truppen wurde die Menge auf das Aeußerste erregt. Dieselbe stürzte sich auf die Bayonnette der Soldaten, wobei viele verwundet wurden, darunter mehrere tödtlich. In Allahabad find Vorsichtsmaßregeln getroffen; alle Personen, welche bewaffnet nach 9 Uhr Abends in den Straßen umhergehen, werden verhaftet. ö e ? tu H t e Lauter bach, 30. September. Gestern feierte die Freiherrlich Riedesel'sche Sammt - Familie das 300jährige Bestehen ihres Familienvertrags in sehr solenner Weise. Ein großes Festdiner vereinigte die Freiherrliche Familie und an 50 geladenen Gästen, darunter die Freiherrlichen Beamten und die Vertreter der Großh. Behörden im Schlosse Eisenbach, in welchem s. Z. auch der Familienvertrag unterzeichnet worden war, während in einer in der Nähe des Schlosses eigens erbauten Festhalle noch über 200 Personen, welche zu dem Freiherrlichen Hause und zu der Freiherrlichen Verwaltung in Beziehung stehen, insbesondere die niederen Beamten, die Dienerschaft u. s. w. bei Musik und Tanz festlich bewirthet wurden. Bei der Fest- ] täfel, während welcher die Kapelle des Kasseler Husarenregiments conccrtirte, wurden Toaste auf Kaiser und Großherzog, auf die Freiherrliche Sammt - Familie, auf die Damen dieser Familie und auf den noch zur Ordnung der Angelegenheiten des Fürsten Alexander in Sofia abwesenden Hofmarschall Baron Volprecht Riedesel ausgebracht. Nach der Tafel nahm auch die Freiherrliche Familie mit ihren Tischgästen längere Zeit an den Vergnügungen in der Festhalle Theil. Ein des Abends ab- ■ gebranntes großes Feuerwerk, das mit bengalischer Beleuchtung des reizend schön ge- I legenen Schlosses Eisenbach endete, hatte fast die ganze Bewohnerschaft von Lauterbach I und Umgegend angezogen. Das ganze Fest, das einen sehr schönen Verlauf nahm, 1 endete erst in später Abendstunde. (N. H. V.) Seligenstadt, 1.October. Ein^entsetzliches Unglück ereignete sich heute gegen ! Abend am hiesigen Bahnhofe. Beim Entleeren einer dortigen Abtrittsgrube wollte ein Fuhrmann die etwas defect gewordene Pumpe reguliren und stürzte dabei, betäubt von den entwickelten Gasen, in die Cisterne. Drei andere Leute, welche zur Rettung des Versunkenen herbeigeeilt waren, erreichte dasselbe Schicksal. Mit vieler Mühe zog man sie alle wieder hervor, den einen der Rettenden, einen blühenden, 24jährigen und außerordentlich braven Burschen, leider aber nur als Leiche. Alle Wiederbelebungs- ! versuche blieben erfolglos. Die übrigen drei Geretteten, worunter der Bruder des Verunglückten, sind mehr oder weniger bedenklich erkrankt. Der Jammer der Eltern des Verstorbenen ist unbeschreiblich. Die ganze Stadt ist ob des Unglücks in Aufregung. Mainz, 30. September. Ein junger Mann von 24 Jahren, Namens F., der lange Zeit m einem bekannten Eisengeschäft als Commis thätig gewesen war, wurde vor etwa sechs Wochen zum Militär einberufen, um feine zehnwöchentliche Uelmngszeit . ju erledigen, da er zur Ersatzreserve gehörte. Am verflossenen Sonntag hatte er sich einen vergnügten Tag gemacht, seine Braut gesehen, mit Bekannten einige Schoppen getrunken und kam am Abend noch in eine Weinwirthschaft, wo er früher schon zu < verkehren pflegte. Als es 1/20 Uhr mar, mahnten die Bekannten, er möge sich auf den Weg nach der in Weisenau liegenden Caserne machen und die Wirthin stellte ihm eindringlichst die Folgen einer Verspätung vor. Aber F. blieb, die Vorstellungen mit einer leichten Nedensar.t abweisend. Co war es denn später und später geworden, dem Uebertreter wurde es angst ob der Folgen. Statt aber jetzt noch in die Caserne zu gehen, machte er sich auf den Weg nach Wiesbaden und vergrößerte sein Schuldconto dadurch nur noch. Am Dienstag liefen Briefe von ihm ein, worin er andeutete, daß er sich der Strafe entziehen und dm Tvd suchen werde. Zwei Unteroffiziere forschten am Dienstag nach dem Verbleib des Verschwundenen und gestern zog man bei Schierstein seine Leiche aus dem Rhein. H. Ztg." zufolge, daß Sauerwein eben ist. Denn außer den ver- im 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr: Halbverdeck-Maaen. V-Ausführung, mäßig- Pr-is-. I i c Dum»« cm r * Photographien z. Ansicht. Div. gebrauchte Wagen» ' J- 6. Rumpf, Wagenbauer, Frankfurt a/M., Eisernehand 18. 13U 1344 Robert Haas, Leltersweg 18. 6729 7016 7029 Agent für Immobilien. Neues Sauerkraut empfiehlt 7039 6723 Vorzügliches neues Meissener Porzellan-Hefen *n allen Farben, sowie auch sämmtliches wUllCrrtulU Porjellan- u. 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Das gestern am Thatorte voraenommene Verhör, zu welchem die Verhafteten (Frau und Stiefsohn des Ermordeten) zur Recog- noscrrung der Leiche vorgeführt wurden, ergab noch weitere Gründe zu der Annahme, daß die eigenen Angehörigen, die sich wiederholt in Widersprüche verwickelten die That vollführt haben. Nächster Tage wird wohl deren Ueberführung nach Kassel •J. EI. Fuhr, Sonnenllraße 25. „ , stricken von Strümpfen, Nöcken rc. wird billigst besorgt. Auch stehen Musterrocke zum Abstricken gratis zur Verfügung._____________ 6632 <*• Stadler, Sonnenstraße 7. Englischs Oel-Lackfarbe zum Selbst-Lackiren von Fußböden in bekannter vorzüglicher Qualität. Alleinverkauf bei [3454 _________ Fr. Sri heb Neue Wring. Mnsen, geschälte u. ungeschälte Victoria-Erbsen, kleine Bohnen billigst zu haben bei Wöchentliche Nebersicht der Todesfälle in der Stadt Gießen. 40. Woche. 26. September bis 2. October 1886. 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Liter 18 4, Linsen 27 <4, Tauben per Paar 50 0 bi« 0,65 JL Hühner per Stück A 1.00-1.40,' Hahnen pr Stück 0.50-1 30 Enten per St^ck A 130—1.80, Ochsenfleisch per Pfund 62—64 H, Kuh- und Rindfle ick 64-56 Schweinefleisch 56-60 4», Hammelfleisch 50-66^, Kalbftestch 46-50 H JuteS®s“”*2-‘8-* >"«-»»" t ÄWWW'f®5®«» Ausverkauf ftimmtlicher Hüte zu jedem annehmbaren Preise. Hermann Marx. 7034 Marktplatz 9. 7 Hamburger Iislh- u. Dclicatessen- Handlung A. BZoch, STach.f. empfiehlt in frisch eingetroffener Waare: Kieler Bücklinge, Lpickaal, Gelseaal, Hummer, ruff. Ca- viar, Rollmöpse, Anchovis, Sardinen, pommerfch« Gänsebrust, Hamburger Rauch, fleisch u. Zungen (letztere im Aufschnitt), vorzüglichen «chsen- gauwensalat. 7041 Aepselmost b" M» Schäfer, 690ß Grünbergerstraße 6. Ieitgeöotenes. Kieler Bücklinge, geräuch. Lachs, Goth. Fleischwaaren, Franks. Würstel abgek. Schinken und zum Rohessen bei 7036 E7. <2. Jfaleinhenn. 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Redaetion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei Er. Chr. Pietsch) in Gic^r