Nr. 178 Mittwoch den 4. August 1886. ichener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. t - ........ MWMi T. » tSefW i******* ** ••*♦*•*- Amtlicher HHeit. Dienstag den 10. August soll die Provinzial-Conferenz im SLein'schen Garten abgehalten werden. Anfang 10 Uhr. Lang-Göns, den 2. August 1886. oT . m ,_ ± In Auftrag des Herrn Prälaten: Dr. Strack, Dekan. Politische Ueberficht. GieHen, 3. August. Der deutsch^ Kronprinz ist am Sonntag nach Heidelberg abgereist, um der 500jährigen Jubelfeier der Heidelberger Universität als Vertreter seines kaiserlichen Vaters beizuwohnen. Die glänzenden Festlichkeiten, welche aus Anlaß dieses seltenen Jubiläums in der herrlichen Neckarstadt stattfinden, werden die ganze gegenwärtige Woche ausfüllen, nachdem sie schon in voriger Woche durch einen in der neu hergestellten Universitäts-Aula am Donnerstag stattgefundenen ersten öffentlichen Festact eingeleitet worden waren. Nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt in der ganzen gebildeten Welt hat die Jubelfeier der ältesten deutschen Universität den freudigsten Widerhall gesunden und weder Unterschiede des Glaubens, noch der Nationalität haben vermocht, dieser allgemeinen Theilnahme an den Heidelberger Festlichkeiten irgendwelche Schranken zu setzen. Selbst Papst Leo XIII. nimmt sichtlich Interesse an der Heidelberger Universitätsseier, indem von ihm der Kämmerer Enrico Stevenson nach Heidelberg als außerordentlicher Abgesandter abgeschickt wurde. Stevenson überbringt der Heidelberger Ruperto-Carola als Festgabe des Papstes einen kostbar ausgestatteten Katalog der Palatintschen Bibliothek, die von Tilly 1623 nach der Einnahme Heidelbergs weggeführt und von Herzog Max von Bayern dem Papste Gregdr XV. geschenkt wurde. Marquis Tseng, der seitherige Gesandte Chinas am englischen und- russischen Hofe, traf, von Kissingen kommend, wö der Gesandte dem Fürsten Bismarck den schon erwähnten Besuch abgestattet, am Donnerstag Abend in Berlin ein. Der interessante Gast wurde am Bahnhofe von dem chinesischen Gesandten in Berlin, Hsir-Ching-Cheng, empfangen und nach dem Hütel „Kaiserhof" geleitet. Am Freitag stattete der Marquis Tseng mehrere osficielle Besuche ab und wurde am Samstag auch vom Kronprinzen in Potsdam empfangen. Am Montag beabsichtigte die chinesische Excellenz, sich behuss Besichtigung der Werke des „Vulkan" zunächst nach Stettin zu begeben und erst von dort aus die Weiterreise nach Petersburg anzutreten, wo der Gesandte sein Abberufungs- Schreiben übergiebt. Uebrigens ist Marquis Tseng während seines gesammten Berliner Aufenthaltes nebst seiner Reisebegleitung in jeder Beziehung der Gast des Kaisers gewesen. Am Sonntag traf Fürst Bismarck in München, anläßlich seiner Durchreise von Kissingen nach Gastein, ein, und zwar als Gast des Prinz-Regenten Luitpold. Der Prinz-Regent von Bayern hat mittelst Handschreibens an das Ministerium vom 1. August ab die Aushebung des Cabinets-Secretariats versügt. Die Besorgung der ersorderlichen Kanzleigeschäste wird fortan der Geheimkanzlei unter Leitung des General-Adjutanten v. Freyschlag übertragen. Man meldet aus München: Eine der zu Lebzeiten des Königs Ludwig II. sehr entschieden sestgehaltenen bayerischen Eigenthttmlichkeiten, die Helmraupen in der Armee, wird anscheinend binnen Kurzem verschwinden und einer zeitgemäßeren Ausstattung Platz machen. Dem Vernehmen nach ist auf Befehl des Prinz-Regenten Luitpold bereits eine aus höheren Officieren bestehende Commission in München zusammengetreten, um in dieser Beziehung Näheres zu vereinbaren. Zum Vorsitzenden derselben ist Prinz Arnulf bestellt worden. Die Wahl dieses bayerischen Prinzen, der bekanntlich vor zwei Jahren zum Ches des 6. brandenburgischen Infanterie-Regiments Nr. 52 ernannt worden ist und der von jeher eine besondere Vorliebe für das preußische Heerwesen bekundet hat, deutet daraus hin, daß an maßgebender Stelle in München für die neuen bayerischen Helme von ^vornherein ein Anschluß an das preußische Muster in's Auge gefaßt worden ist. Die „Berliner Polit. Nachr." versichern nochmals, daß die norddeutschen und süddeutschen Minister in dem Bedauern über die Ablehnung der Branntweinsteuer-Vorlage einig seien. Ebenso einmüthig seien sie aber auch in der Ueberzeugung von der Nutzlosigkeit einer neuen Vorlage, so lange nicht die Wähler die Nothwendigkeit einer anderweitigen Besteuerung des Branntweins erkannt und dementsprechend bei den Wahlen gestimmt hätten. So schnell wird sich indessen der Umschwung in den Wählerkreisen zu Gunsten der Branntweinsteuer wohl nicht vollziehen, wie anscheinend die Berliner Osficiösen meinen. In militärischen Kreisen giebt sich schon jetzt eine lebhafte Bewegung für eine würdige Feier des vollendeten 90. Lebensjahres unseres allverehrten Kaisers kund. Man hofft, daß das Officiers-Corps der gesammten deutschen Armee zu irgend einer gemeinsamen öffentlichen Kundgebung bei dieser seltenen Feier sich vereinigen, und daß insbesondere die Gründung einer gemeinnützigen Stiftung das Andenken an diesen Tag auch den Nachkommen dauernd erhalten werde. Ebenso wird in den Kreisen der Kriegervereine diese Angelegenheit schon vielfach besprochen und auch hier eine großartige Feierlichkeit geplant, zu der die Vorbereitungen so zeitig wie möglich in Angriff genommen werden sollen. Die deutschen Postdampfer nach Ostasien und Australien sind schon bei den ersten Fahrten auch von fremden Postverwaltungen zur Versendung von Briesjäcken in erheblichem Umfange benutzt worden. Neuerdings hat auch die japanesische Postverwaltung die nötigen Maßnahmen getroffen, um mittelst der deutsches Postdampfer Briefsäcke aus Jokohama, Koba und Nagasaki zu verschiedenen Ländern des Weltpostvereins regelmäßig befördern zu lassen. Erzherzog Karl Ludwig von Oesterreich und seine Gemahlin Maria Theresia sind Ende voriger Woche in Peterhof, der gegenwärtigen Sommerresidenz der russischen Kaiserfamilie, eingetroffen. Fast zur selben Zeit sieht man in Peterhof auch dem Besuche des dänischen Känigspaares, der Königin von Griechenland und ihrer beiden ältesten Söhne, des Kronprinzen und .des Prinzen Nicolaus, sowie der Herzogin von Cumberland entgegen, so daß 'sich dort ein glänzender Kreis gefürsteter Gäste zusammenfinden wird. Gerade in dem Zusammentreffen so vieler fürstlicher Persönlichkeiten erblickt man aber ein Zeichen dafür, daß die Reise des österreichischen erzherzoglichen Paares an den russischen Kaiserhof nicht jene hohe politische Bedeutung besitze, die ihr anfänglich beigelegt wurde. Namentlich vertritt der „Pesther Lloyd" diese Ansicht, wobei das ungarische Blatt daraus hinweist, daß Erzherzog Karl Ludwig sich stets von den politischen Geschäften fern gehalten habe und daß sein gegenwärtiger Besuch in Peterhof aus eine Einladung zurückzuführen sei, die ihm und feiner Gemahlin vom Kaiser Alexander III. bereits gemacht worden sei, als das erzherzogliche Paar den Krönungs-Feierlichkeiten in Moskau beiwohnte und diese Einladung habe sich Jahr für Jahr wiederholt. — Trotzdem wird man dem Besuch des erzherzoglichen Paare» bei der russischen Kaiserfamilie eine symptomatische Bedeutung in friedlichem Sinne nicht absprechen können, denn diese Peterhoser Reise hätte schwerlich stattfinden können, wenn irgendwelche Trübungen zwischen den Höfen von Petersburg und Wien existirten. Die Meldung französischer Blätter, daß die Schweiz da» Schiedsrichteramt in den Streitigkeiten zwischen Frankreich und dem Congostaate übernommen habe, hat sich bis jetzt noch nicht bestätigt. Im Gegenthelle berichtet man aus Paris, daß Ministerpräsident de Freyctnet noch immer auf ein directes Einverständniß mit der Regierung des Congostaates hoffe und sei deshalb beim Bundespräsidenten auch nur osficiös angefragt worden, ob die Schweiz erforderlichen Falls bereit fei, das Schiedsrichteramt zu übernehmen. Die Beziehungen zwischen Frankreich und Italien haben sich bis jetzt nicht gebessert. Der italienische Botschafter hat zwar dem französischen Conseils-Präsidenten die freundschaftlichsten Versicherungen gegeben, ober alle Berichte der französischen Consuln in den italienischen Häfen melden von nichts weniger als freundschaftlichen Gesinnungen der Italiener und selbst der Zollbehörden, welche der Einfuhr der französischen Erzeugnisse allerlei Schwierigkeiten entgegenstellen. Noch größere Erbitterung herrscht unter den italienischen Fischern an der afrikanischen Küste, welche unter der so plötzlichen Veränderung der Verhältnisse besonders hart zu leiden haben und sich aus jede Weife der Ueberwachung der französischen Kriegsschiffe zu entziehen versuchen. Da die Franzosen eintretenden Falls gezwungen sein würden, gegen diese ungefügigen Fischer Gewalt anzuwenden, so steht man der weiteren Entwickelung dieser Angelegenheit nicht ohne Befürchtungen entgegen. Nachrichten aus Konstantinopel zufolge hat nicht nur der dortige russische Botschafter, v. Nelidow, bei seiner Rückkehr von einem längeren Urlaub dem Sultan mündlich die bündigsten Versicherungen über die freundschaftliche Haltung der russischen Regierung der Pforte gegenüber abgegeben, vielmehr enthielt auch der Brief des Czaren, den er dem Sultan zu Überreichen beauftragt war, die erfreuliche Versicherung von der großen Bedeutung, die der Czar auf ein inniges Zusammengehen mit dem Sultan lege. Mit diesem Handschreiben überreichte Herr v. Nelidow gleichzeitig ein werthvolles, aus Pelzwerk bestehen* des Geschenk des Czaren an den Sultan. Der russische Botschafter, der jetzt in der Heimath reiche Gelegenheit hatte, die Gesinnungen seines Kaisers und der maßgebenden russischen Kreise zu erforschen, hat in mehrfachen Unterhalt tungen betont, daß die Gerüchte, die über ein militärisches Einschreiten der Russen in Bulgarien verbreitet waren, jeden Anhalts entbehren. Wenn der Czar nach wie vor über die Haltung des Fürsten Alexander erbittert fei, fo habe er doch eingesehen, daß er vorerst der weiteren Entwickelung der Dmge in Bulgarien ruhigen Lauf lassen müsse. Das werde denn auch unzweifelhaft geschehen; insbesondere sei es unrichtig, daß, wie so vielfach verbreitet wurde, in Bessarabien russische Streitkräfte zusammengezogen würden. Zwei dortige Divisionen seien allerdings auf Kriegsfuß, aber schon ihre gegenwärtige Ausrüstung beweise, daß sie nur zu Manöver-, nicht zu Kriegszwecken verstärkt seien, ganz abgesehen davon, daß man -och nicht mit zwei Divisionen irgend einen Krieg beginnen werde. Aus Labrador gehen erschütternde Berichte über die dort herrschende HungerSnoth ein. Die Zahl der vor Kälte und Hunger umgekommenen Personen beläuft sich auf 3500, weitere 10- bis 15,000 Menschen sind durch ungeheuere Eismaffen an der Küste von allem Verkehr mit der Welt abgeschnitten und giebt man die Unglücklichen verloren, wenn nicht bald Thauwetter erntritt. Die canadischen Zeitungen erinnern daran, daß Grönland unter ähnlichen Umständen in eine Wüstenei verwandelt wurde. Der gegenwärtig vor dem Chicagoer Gerichtshöfe spielende große Anarchistenproceß hat in seinem Verlause auch zur Feststellung der bemer- kenswerthen Thatsache geführt, daß die angeklagten Anarchisten mit der Riel'- schen Verschwörung im Nordwesten CanadaS in Verbindung standen. Der canadischen Regierung war die Existenz eines Anarchisten-Herdes in Chicago schon längst bekannt und unterhielt sie bereits seit zwei Jahren dort Geheim- Polizisten zur Beobachtung der dortigen Anarchisten. Wenn die Union-'Regierung sich zu einer gleichen Maßregel entschloffen hätte, würde es vielleicht nicht zu den bekannten blutigen Scenen in Chicago gekommen sein. Aus Rew-Aork kommt die etwas mysteriöse Nachricht von einem Bombenanschlags der dortigen Anarchisten gegen den brasilianischen Prinzen Dom Augusto. Die ganze Nachricht in ihrer Faffung klingt jedoch ziemlich unwahrscheinlich. Mainz, 31. Juli. Der Gouverneur v. Woyna hat heute an höchster Stelle sein Entlaffungsgesuch eingereicht. Telegraphische Depesche«. UNfri Ultet. GottesvONdtm»Brrttarr. Bayreuth, 2. August. Der Kronprinz des deutschen Reichs tras um 8 Uhr 40 Min. hier ein. Er wurde von den Behörden und einer großen Volksmenge enthusiastisch begrüßt. Die Kriegervereine bildeten Spalter. Die Stadt ist festlich beflaggt. Berlin, 2. August. Das Gesetz, betr. den Bau eines Rhein-Ems- und Oder-Spree-Kanals, ist heute publicirt worden. München, 2. August. Der Fürst und die Fürstin von Bismarck haben heute Vormittag 9 Uhr 45 Min. die Reise nach Gastein fortgesetzt. Aus dem Bahnhofe waren der Minister v. Crallsheim und der preußische Gesandte Gras Werthern zur Verabschiedung anwesend. Gastein, 2. August. Fürst Bismarck ist Abends um 8V2 Uhr hier eingetroffen. Wien, 2. August. Die „Neue Fr. Presse" meldet: Am 7. d. Mts. tritt im Handelsministerium die Conferenz der Vertreter des Handels-, des Justiz- und des Ackerbau-Ministeriums zusammen behufs Bsrathung der vom Handels-Ministerium ausgearbeiteten Entwurfs eines Markenschutz-Gesetzes. Paris, 2. August. Von 1414 gestern vollzogenen Generalrathswahlen sind bisher 486 bekannt: davon sind 297 Republikaner und 147 Conservattve; 32 Stichwahlen sind nöthig. Die Republikaner gewannen 24 und verloren 25 Sitze. Unter den zu Generalräthen wiedergewählten Senatoren und Depu- litten befinden sich die Republikaner Goblet, Testelin, Jules Ferry, die Con- servativen Prax, Paris, Plichon und Rumeliere. Brüssel, 2. August. Der Caffationshof verwarf die drei Urtheile, welche kürzlich das Geschworenengericht von Brabant gegen den Abgeordneten Van der Smiffen wegen Mordes, gegen Degand und Delannoy wegen Vergehens im Amt und Fälschung, und gegen Desuisseaux wegen Veröffentlichung des Volks- Katechismus gefällt hat. Als Grund für die Verwerfung wird angegeben, daß ein Mitglied des Geschworenengerichts nicht die Qualifikation als belgischer Staatsangehöriger hatte. Lissabon, 2. August. Der König reiste incognito unter dem Namen eines Herzogs von Gnimaraes nach Plymouth, von dort beabsichtigt der König nach Osborns und London sich zu begeben. Von London wird der König über Vliessingen nach dem Haag reifen. Seine Rückkehr ist'auf den 27. September festgesetzt. Ro«, 2. August. Das diplomatische Corps wurde benachrichtigt, der Papst habe beschloffen, unter dem Titel eines apostolischen Delegaten und Mini- sterrestdenten einen diplomatischen Vertreter nach Peking zu entsenden. China accreditirt seinen Gesandten in London auch bei dem Vatikan. Zur Jubelfeier der Heidelberger Universität. Alt-Heidelberg, die so herrlich gelegene Neckarstadt, steht inmitten der glänzenden Festlichkeiten, zu denen die 500jährige Jubelfeier der Heidelberger Universität (gegründet am 2. August 1386), der ältesten deutschen Universität, den Anlaß gegeben hat. Die Feier ragt weit über den Rahmen einer nur akademischen Character tragenden Festlichkeit hinaus, denn in Heidelberg, das mit seiner Hochschule so innig verknüpft ist, hat sich ein bedeutsames Stück deutscher Geschichte abgespiegelt und auf diesem historischen Untergründe baut sich gleichsam das ganze Jubiläum auf, dessen Mittelpunkt ja auch mit vollem Rechte der die Geschichte der Musenstadt am Neckarflusse repräsen- tirendc Festzug bildete. In allen deutschen Gauen finden daher die Heidelberger Festtage einen lebhaften Widerhall und zwar nicht nur in den Kreisen der „alten Häuser", die auf der weltberühmten Ruperto Carola ihre akademische Bildung ganz oder zum Theil empfingen, sondern auch bei allen Denen, die überhaupt die Bedeutung der Heidelberger Universitätsfeier zu würdigen verstehen, und für diese Bedeutung spricht ja allein schon der Umstand, daß Niemand Geringeres als der deutsche Kronprinz selbst als Vertreter seines kaiserlichen Vaters das Fest mit seiner Gegenwart beehrt. Wahrlich, eine Menge historischer Erinnerungen ruft der Name Heidelberg hervor! Hier befand sich einst die Residenz der rheinischen Pfalzgrafen und gar glänzende Tage und rauschende Vergnügungen sah da die Stadt. Schwere Zeiten brachte der dreißigjährige Krieg auch über Heidelberg und mannigfaltige Drangsale von den verschiedensten Seiten her hatte da die fröhliche Pfalzgrafenstadt zu überstehen. Sie wiederholten sich, als 1688 und dann wieder 1693 die Franzosen mordend und sengend in die schöne Nheinpfalz einfielen und dabei auch in Heidelberg in einer Weise hausten, von welcher noch heute die epheuumrankten großartigen Ruinen des Heidelberger Schlosses beredtes Zeugniß ablegen. Aus neuerer Zeit ist die Heidelberger Versammlung vom 5. März 1848 zu erwähnen, mit der die große deutsche Erhebung im genannten Jahre begann. Speciell kann auch die Heidelberger Universität auf bewegte Zeiten während ihres 500jährigen Bestehens zurückschauen und namentlich ging von ihr der Anstoß zu der calvinistischen Bewegung gegen Ende des 16. Jahrhunderts aus, nach dem die beiden Theologen Ursinus und Olevianus schon 1562 den Heidelberger Katechismus, das Lehrbuch der Glaubenssätze der reformirten Kirche, entworfen hatten- -fortan blieb Heidelberg ein Mittelpunkt des calvinistischen Glaubensbekenntnisses. Eine Reihe berühmter Lebrer haben an der Ruperto Carola bis heutigen Tages gewirkt zahlreiche Männer, die in der Vergangenheit wie in der Gegenwart sich hervorragende Namen gemacht haben, sind aus der Heidelberger Universität hervorgegangen und auf mehr als einem Gebiete des Wissens hat letztere bis heute eine führende Stellung eingenommen. ö Die Erinnerung an all' diese Vorgänge ist es, welche sich naturgemäß mit in die Heidelberger Universitätsfeierlichketten hineinverwebt, die ihnen erst das nöthige Colorit verleiht und welche die Theilnahme erklärlich macht, die man im ganzen Reiche, ja, selbst noch weit über die Grenzen desselben hinaus der Jubelfeier der Ruperto Carola entgegenträgt. Hat doch sogar Papst Leo XIII. in der Person des Kämmerers Heinrich Stevenson einen außerordentlichen Abgesandten nach Heidelberg entsandt, welcher der Universität als Jubelgabe des Papstes einen kostbaren Katalog der 1623 von Tilly weggeführten und durch den Herzog Max von Bayern dem Papste Gregor XV. geschenkten Palatinischen Bibliothek überbringt; für die protestantische Ruperto Carola ist diese Theilnahme des Oberhauptes der katholischen Christenheit an ihrer Jubelfeier nur im hohen Grade ehrenvoll. Es liegt hierin zugleich ein erhebender Beweis, welches Interesse die ganze gebildete Welt der Heidelberger Unioersitälsfeier entgegenbringt und es ist darum doppelt zu wünschen, daß auch nicht der geringste Mißton die schönen Heidelberger Festtage stören möge. Mögen sie in dem Sinne auskltngen, welcher in dem tiefempfundenen Liede des zu früh verblichenen Sängers des „Trompeters von Säkkingen" liegt, einer köstlichen Widmung an die Neckarstadt gleichend. Alt-Heidelberg, du Feine, Du Stadt an Ehren reich. Am Neckar und am Rheine, . Keine andre kommt dir gleich. Heidelberger Iubiläumrbriefe. Heidelberg, 1. August. Z. Ein trüber Einzug, den ich gestern in der alten, schönen Ruperto Carola feierte Schon in der Schwesterstadt Bonn, die ich am Mittage verließ, hatte Jupiter Pluvius seine sämmtlichen Wasserschleusen geöffnet. Es war aber wenigstens noch etwas Sonnenschein dabei, ein kleines Ltnderungspflaster auf die Witterungsschmerzen Von Koblenz bis Mainz lächelte Phöbus Apollo sogar in goldigster Laune. Kaum aber hatte das Dampfroß Mainz im Rücken, als der Himmel sich bewölkte. In Mannheim regnete es schon ganz nett und in Heidelberg mußte gleichzeitig ein wahrer Wolkenbruch niedergegangen sein, denn als ich ankam, standen tiefe Pfützen und Lachen auf den Straßen und die schweren Regentropfen, die von den Bäumen der sogenannten „Anlage" mederfielen, drohten meinem frischgewaschenen Panama mit Tod und Verderben. Interessant war mir mein Kutscher, der mir ein neues sprechendes Beispiel dafür lieferte, daß der Mensch, wenn er will, selbst dem Unangenehmsten eine gute Seite abgewinnen kann. Der edle Rossclenker meinte nämlich: der Regen habe doch gut gethan; es sei so heiß gewesen vorgestern in Heidelberg, „zum Ersticken!" wie er sagte, und nun habe es sich doch etwas abgekühlt. En fin — der Barometer ist heute bedeutend gestiegen und wenn die oberen Zehntausend ein Einsehen haben, wie es heute Abend den Anschein hat, wird die Abkühlung an den Festtagen hoffentlich keine dauernde sein. Die „Anlage", von welcher ich eben sprach, ist die sogenannte Leopoldstrclße, eine schmale, mit der Haupt- und Plockstraße parallel laufende Allee, eingesäumt mit stattlichen Privathäusern, Hotels, Gärten und Restaurationen, der Prado der Heidelberger Welt, und namentlich der studirenden, welche hier um die Mittags- und Abendstunden ihren gewöhnlichen gesellschaftlichen Cirkeltanz abhält. Ich hatte das Glück, in dieser Anlage in dem Gartenhause des vortrefflichen Hotel garni der Damen Heckmann und Moll ein Unterkommen zu finden und zwar im Erdgeschoß des Gartenhauses, das im gewöhnlichen Leben allerdings nur als simples Bügelzimmer benützt wird. Dank den wirthschaftlichen Talenten meiner verehrenswerthen Wirthinnen ist der Raum durch Gardinen, bunte Matten, Teppiche und Decken jedoch seiner ursprünglichen Bestimmung momentan etwas entfremdet, ja, sogar mit einer gewissen Behaglichkeit ausgestattet Die Vorderfenster gewähren eine hübsche Aussicht auf die „Anlage" mit ihrem wechselvollen Leben und Treiben. Terasse und Garten, hart an der waldigen Bergwand lehnend, sind kühl, still und schattig, bilden einen reizenden Aussichtspunkt für den Genuß der malerischen, rothen Schloßruine und vor Allem — es ist ruhig hier Außer einigen Nachtfaltern, Mücken und braunen Gartenschnecken, von denen die letzteren ab und zu ihre Fühlhörner durch die unverschließbaren Thürspalten strecken, belästigt mich Niemand. Ich habe also vollkommen Muße und Frieden, meinen Reflexionen über das 500jährige Jubiläum der Heidelberger Hochschule nachzuhängen und meine Beobachtungen zu Papier zu bringen. Hoffentlich beweist der Raum, in welchem ich sie niederschreibe, auch einen gewissen Einfluß auf ihre formelle Darstellung obgleich ich nicht wünsche, daß meine Briefe als gar zu glatt gebügelte Geisteswäsche erscheinen. Eine solche ist mir von jeher verhaßt gewesen. An her Table d’hote des Hotels, das beste Erkennungszeichen einer großen, allgemein mteressirenden Frage, nimmt eine wahrhaft internationale Gesellschaft Theil Ich genieße den Ehrenplatz neben einer ihrer Vergangenheitsschöne sich freuenden ge- muthlrchen Russin, die mit ihrem Sohne und ihrem Neffen, welche beide hier ihren Doctor gemacht haben und beide ein sehr hartes Deutsch sprechen, das Fest genießen wl?, und einer reizenden jungen Norwegerin, welche muthig Bier trinkt, eine wunderhübsche Sopranstimme besitzt, und mit ihren blauen Schelmenaugen, die sie auf eine äußerst geschickte Weise zu benützen weiß, der ganzen anwesenden Herrenwelt die Kopfe verdreht. Einer der beiden lapanesischen Studenten, die ebenfalls zur Gesellschaft gehören, hat gestern Abend sogar geweint, als die norwegische Nachtigall in schwedischer Sprache ein Lied sang, und seine schmalen Schlitzaugen scheinen auch am Tage, sobald sie dem reizenden Blondkopf begegnen, der Wiederholung eines solchen Rührstücks durchaus nicht abgeneigt zu sein. Ein Franzose und die auch in Heidelberg unvermeidlichen Engländer und Engländerinnen, von denen Miß N., die das Stuttgarter Con- seroatorium besucht hat, mit hoffnungsloser, unveränderter Vorliebe die Beethoven'scke Mondschetnsonate vorträgt, vollenden das Tisch-Ensemble, lieber dem Essen wird bkr englisch, dort russisch, in jener Ecke französisch und in der anderen japanisch ge- prochen. Man mußte ein Mezzofanti sein und zudem statt zweier Ohren mindestens sechs besitzen, wenn man diese Unterhaltung genau verfolgen und an ihr Theil nehmen wollte. xx kann man in den anderen Gasthäusern der Stadt beob- achten. Es ist eine Art kosmopolitischen Verbrüderungsfestes, wozu man sich in dem herrlichen Erdenwinkel heute zusammengefunden hat. Und wahrlich, welches Gebiet wäre geeigneter, ein solches Verbrüderungsfest in trauter Eintracht zu begehen als dasMige dieser Tage/' Nur im Reiche des Geistes der alles bindenden, Alle nährenden Wlfienschast, ist das Band zu weben, welches über der wachsenden Parteien und Meinungen Streit hinweg die Gemüther auch zu einmüthigem Handeln nach außen hin, zu erhebenden einheitlichen Manifestationen der Pietät und der allgemeinen Liebe zur Sache verbindet. s Luther hier seine bekannte Disputation gehalten, daß der Heidelberger Katechismus hier entstanden, day vor drei Jahrhunderten der wohlgelahrte ehrenveste Johannes Siloanus von den Calvinern wegen Ketzerei zum Tode verurtheilt und auf dem Marktplatze hrngerichtet wurde; daß die Tilly, Turenne und Melac die Stadt in Grund und Boden schossen, das herrliche Schloß in eine Ruine und die wohlhabenden Burger „m Bettler verwandelten - alle diese bemerkenswerthen historischen ^Fälligkeiten können der heutigen Feier nur als Relief dienen. Der Kern derselben, ihr Lebensnerv und Urgrund liegt ganz wo anders., Es ist die Liebe zur Wissenschaft an Nch, die Ehrfurcht und Achtung vor ihr, welche in dieser Jubelfeier allgemeinen Aus- o^ck finden und mit4hren göttlichen Funken selbst die Herzen der fremdesten Nationen zu thaUger Anteilnahme entzündet. r. komme soeben von einem Spaziergang nach der Schloßruine. Der eigent- liche Schloßplatz, wo am Dienstag das große ^>chloßfest stattfindet, bei welchem S. Königliche Hoheit der Großherzog von Baden, der Rector magnificentisBimus der Ruperts Carola, den Gastgeber machen wird, ist hermetisch abgesperrt. Decorateure und .Handwerker aller Art sind beschäftigt, das herrliche Terrain in eine des schönen Ge- lages und des Hoheit Gastgebers würdige Bühne zu verwandeln. Electrische Glüh- 'm Duftigen Waldnacht angebracht, Triumpfbögen, Flaggenstangen, künstliche Buhen, Baldachine und Ehrenpforten errichtet — kurz, es ist alles geschehen ^ch fortwährend ein Uebriges, um die hier zu begehenden Feste in "T°ufend und eine Nacht" zu verwandeln. Im Schloßgarren vordem großen Restaurant spielte eine Kapelle vor einer froh bewegten, bunt gemischten .Nenschenmenge lustige Opernweisen. Ehrsame Handwerker mit schwieligen Fäiisten und neugier'igen Ohren, gelangweilte Missis in unmöglichen Toiletten und schmucke Odenwälderinnen in ihrer malerischen Nationaltracht saßen auf den Ruhebänken unter den hochgewölbten Waldbaumdomen und lauschten, als ob sie eine Predigt vernähmen. Ich konnte, zu meinem Bedauern, den gebotenen Genuß nicht lange ertragen. In Gottes freier Natur höre ich am liebsten kein wirkliches, sondern das gefiederte Himmels-Orchester. Kunst und Natur können immer nur bis zu einem gewissen Grade zusammenwirken. Sobald die eine die andere zu unterdrücken beginnt, hört die ästhetische Harmonie auf. — Der Abstieg vom Schloß war herrlich. Ties unten, lang hingedehnt am Ufer des lustigen Neckar, die malerische Stadt mit ihren enggewundenen Gassen und verwitterten, rothen Schindeldächern, dazwischen die grellfarbigen Fahnen und Wimpel, über dem Fluß die alte Brücke und drüber hinaus die unbegrenzte Ausschau auf Thal und Gebirg. — Wer hätte diesen einzigen Weg nicht, wenn er ihn auch nur ein Linzigesmal zurückgelegt, in fester, dauernder Erinnerung. Unten in der Stadt, in der Hauptstraße, Plöck- und Leopoldstraße ist das Treiben der sonntäglich geschmückten Menschen noch lebhafter als oben. . . -> In der „Anlage", deren Längsseiten der industrielle Sinn der Heidelberger mit einer Anzahl von Tribünen und Tribünchen gefüllt hat, wogen Wagen und Fußgänger unablässig hin und wieder. Landleute der umliegenden Dörfer, Eingeborene und Ausländer, Dragoner und Infanteristen mit ihren liebe- und magennährenden Küchen- Venussen, in den Ruhebänken der Allee sitzfleischvirtuose Engländer und Engländerinnen und in der Menge die grellen, bunten Mützen der Corpsstudenten, in denen einzelne schon mit Triumphatorenstolz ihre cerevisgeschmückten „alten Häuser" heranführen — .es ist ein ungemein lebhaftes fesselndes lebendes Bild, das sich hier abspielt und wer einige Beobachtungsgabe besitzt, kann sich auch ohne Gesellschaft und Führer eine höchst unterhaltende Stunde bereiten. Das Leben in der unten am Neckar gelegenen Festhalle ist noch still. Ich besuchte den Colossalbau heute Vormittag, bemerkte als Festgäste aber nur ein paar hundert schwarzbefrackte Kellner, die an einer Anzahl langer Holztische, dicht zusammengeschaart, ihr Frühstück einnahmen. Um so bemerkenswerter erschien der Bau selbst, in baulicher und decorativer Ausführung ein wahres Meisterstück, das seinem Erfinder, Oberbaurath I. Durm in Karlsruhe, alle Ehre macht. 6000 Menschen soll das Riesengebäude fassen können. Hoffen wir, daß sie sich zu frohem Bankettiren und ungetrübter Harmonie hier vereinen. Einer der verdientesten hiesigen Gelehrten, der ebenso liebenswürdige als berühmte Hofrath Professor Bartsch, den ich heute besuchte, wird das Fest nicht mitfeiern können. Ich fand ihn unwohl. Nachschrift vom 2. August Morgens. Allem Anschein nach wird sich die Zahl der Nichtfeiernden noch erheblich vermehren. Der Grau in Grau gefärbte Himmel gießt heute wieder das unerfreulichste Naß herunter, dessen Einfluß, wenn and) kein körperliches, so doch, was noch weit schlimmer, ein entschieden geistiges Unwohlsein hervorrust. Universität- - Chronik. Heidelberg, 2. August. Anläßlich der Jubiläumsfeier der hiesigen Universität find von dem Großherzog folgende Auszeichnungen verliehen worden: Der Prorector, Geh. Rath Ernst Immanuel Bekker, ist mit Ueberspringung eines Grades zum Gornthur erster Klasse des Zähringer Löwen ernannt, der Professor Kuno Fischer zum Geheimen Rath erster Klasse mit dem Prädikat Excellenz, die Professoren Karl Bartsch (Germanist), Leo Königsberger (Mathematiker) und Becker (Ophthalmologe) zu Geheimen Räthen zweiter Klasse, die Professoren Karlowa (Romanist), Winkelmann (Historiker) und Quincke (Physiker) zu Geheimen Hofräthen, die Professoren Erdmannsdorffer (Historiker), Erb (Kliniker) und Zangemeister (Oberbibliothekar) zu Hofräthen und der Professor Hausrath (Theologe), zum Kirchenrath. Lokales. Gießen, 3. August. Heute Morgen */,9 Uhr enstand im Hause des Glasermeisters Schmidt, Eanzleiberg 7, im Dachstock ein heftiges Feuer. Es dauerte geraume Zeit bis die Feuerwehr am Platze erschien; doch gelang es ihr, Dank der that- kräftigsten Unterstützung der Mannschaften des hiesigen Regiments, sowie einzelner Einwohner, das Feuer bald auf feinen Herd zu beschränken. Leider ist hierbei ein bedauerlicher Unglücksfall oorgekommen. Eine in der Mansarde wohnende Näherin konnte sich vor dem Feuer und Qualm nicht retten oder verlor vielleicht angesichts der Lohe die Ueberlegungssähigkeit und warf erst ihr Kindchen aus dem Fenster und sprang bann selbst nach auf das harte Pflaster. Das Kindchen wurde von Pumpenmacher Hamel (Radfahrer) in den Armen aufgefangen, glitt sodann auf die Erde und wurde von Gas-Monteur Heller fortgettagen. Das Kind hat keinen Schaden erlitten. Dagegen ist seine Mutter schwer verletzt nach der Klinik verbracht worden. — Nach uns soeben gewordener Mittheilung hat die Näherin bei dem Sprunge -aus dem Fenster einen rechten Schenkelbruch erlitten, sich an der Wirbelsäule wie auch an der rechten Schulter schwer verletzt, sowie den rechten Fuß gebrochen. Eirrgefarrd t.*) Gießen, 2. August. Kritiken über Concerte zu schreiben ist für Jeden, der es ernst nimmt, ein verantwortungsvolles Geschäft. Der Kritiker soll das Publikum und die Künstler erziehen .helfen. Nur wer sich das zutraut und zutrauen darf, ist zum Kritiker berufen. Wer dazu nicht das Zeug hat oder sich seine Aufgabe niedriger stellt, kritisirt nicht, sondern agitirt. Er will „Stimmung" machen bei den Künstlern oder bei dem Publikum oder bei beiden; er will also im Grunde die Vorurtheile der Menschen kräftigen oder solche Hervorrufen. Es ist ihm nicht rein um die Kunst zu thun, sondern zugleich um alles mögliche Andere, was mit der Kunst nichts zu thun hat. Das Ideal des Kunstkritikers ist vielleicht schwerer zu verwirklichen als das des Künstlers. Wenigstens hat es zu allen Zeiten mehr vortreffliche Künstler als Kunstkritiker gegeben. Also wird man mit dem Kunstkritiker Nachsicht haben müssen. Aber auch bei wohlwollendster Beurteilung kann der Kunstkritiker, welcher in Nr. 176 dieses Blattes das letzte Kirchenconcert rccenfirt hat, nicht bestehen; denn er hat nicht aufklärend geschrieben, sondern verwirrend; er hat nicht Vorurtheile im Publikum zerstreut, sondern sie verstärkt; er hat die Künstler nicht belehrt, sondern sie mit dem Schlimmsten abgespeist, was man einem Künstler bieten kann, — mit unmaßlichem Wohlwollen. Seine Kritik giebt freilich noch zu ganz anderen Ausstellungen Anlaß. Ich habe selten eine Recension gelesen, in welcher es dem Verfasser in dem Grade gelungen ist, die wenigen treffenden Bemerkungen, die er macht, in eine so unzutreffende Forin zu kleiden, wie in dieser. Man lächelt über seine Jrrthümer und man lächelt noch mehr über seine Wahrheiten. Allein ich müßte zu viel Raum in Anspruck) nehmen, wollte ich dies dem unparteiischen Leser beweisen; ich begnüge mich daher damit, die beiden oben erhobenen Vorwürfe zu erhärten. Erstlich: Der Verfasser hat das Publikum nicht erzogen, sondern in seinen Vorurtheilen bestärkt. Er schreibt: „Wohl treibt die Kirchenmusik immer neue Knospen, aber dre Blüthezeit der Kirchenconcerte ist vorüber. Alle Anstrengungen sind vergeblich, das Publikum will einfach nicht mehr. Höchstens üben noch Oratorien ihre gelinde Anziehungskraft aus, aber mit Kleinigkeiten aus dem Schatze der Kirchenmusik giebt man sich heutzutage nicht mehr zufrieden und wenn dieselben noch s» interessant sind. Wir haben diese Erfahrungen schon in anderen Städten gemacht u. s. w." Der Kritiker spielt in dieser seltsamen Expectoration d deux mains; er läßt es unklar, ob er zu dein Publikum gehört, welches „Kirchenconcerte einfach nicht mehr will", ober ob er über biesem „Publikum" steht. Er läßt es ebenso unklar, ob er selbst auch die „Kleinigkeiten aus dem Schatze der Kirchenmusik" für „Kleinigkeiten" hält oder ob ihm die „Kleinigkeiten" köstliche Perlen sind. Nun, ein Kritiker, der in dieser Frage kein Urtheil besitzt, thut besser daran zu schweigen, und ein solcher, der aus irgend welchen Nebengründen sein Urtheil hier verschleiert, ist ein Verräther an der Sache, der er angeblich bient. In beiden Fällen ist das Publikum aber getäuscht, weil in seinen Vorurtheilen bestärkt. Noch nicht genug -- es wirb gerabezu falsch *) Jnbem wir vorstchenbem „Eingesanbt" im Interesse der Unparteilichkeit Raum gewähren, bemerken wir, daß uns von anderer Seite vielfach anerkennende Urtheile über die Concert-Besprechungen unseres Referenten zugingen. Selbstredend halten wir demselben die Spalten zu einer Antwort auf bas „Eingesandt" offen. Die Redaction. belehrt. Es roirb ihm gesagt, daß „das Publikum die Kirchenconcerte einfach nichk me hr will." Das ist das Gegentheil des Richtigen: wer Augen und Ohren hat, muß wissen, daß es dieselben noch nicht will, daß es fie aber zu wollen anfängt und daß es die „Kleinigkeiten" lieber will als die Oratorien. Nach des Kritikers seltsamer Botanik knospt die Kirchenmusik, aber bie Blüthezeit ber Kirchenconcerte ist vorüber." Nun, unsere großen Eomponisten würden es wahrlich nicht „knospen" lassen, wenn sie nicht wüßten, daß jetzt Blüthezeit ist. Die Kirchenmusik befindet sich in dem erfreulichsten Aufschwung, ber immer weitere Kreise ergreift. Allerbings ist noch viel zu thun, um bem „Publikum" bie Augen zu öffnen für bie Schätze, bie wir besitzen; aber überall regt es sich. Statt auf biefen Aufschwung aufmerksam zu machen, beruhigt unser Kritiker aber bas selbstgefällige Philistertum mit bem verschleierten, aber wohl ver- stänblichen Hinweise, bie ganze Sache strebe bem Untergang zu; bas „gebiibctere Publikum" müsse wohl Geschmack baran finden, aber auch dieses halte sich ferne. Da weiß freilich Jeder, der mit der Zeit fortschreiten will, wie er es in Zukunft zu halten hat. Der Kritiker aber hat sich durch feine unklaren Sätze vorsichtig den Rücken gedeckt, um sich nicht vor jedem ehrlichen Musikfreunde zu blamiren: „die Erfahrungen in anderen Städten" — wo diese Städte wohl liegen mögen? Zweitens: Der Verfasser hat bie Künstler — unb Jebem gebührt biefer Name, ber uns burch bie Kunst erhebt — mißhanbelt, auf bie schlimmste Weise mißhanbelt, nämlich burch unmaßliches Wohlwollen. Ich werbe bas beweisen. Ein gewisser Lessing hat einmal ein Gesetz für ben Kritiker aufgestellt; er schreibt demselben vor: „Sei gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger, mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd gegen den Meister, abschreckend und positiv gegen ben Stümper, höhnisch gegen den Prahler unb so bitter als möglich gegen ben Cabalen- macher." Ich werde von bem Rechte, welches bieses Gesetz mir gegen ben Recensenten verleiht, keinen Gebrauch machen, fonbern ich weise nur barauf hin, baß unmaßliches Wohlwollen überhaupt kein Ton ist, ber bem Kritiker zusteht. Was soll es aber heißen, wenn unser Rccensent schreibt: „Manches trat recht vorteilhaft an's Licht", „Fräulein Buff wirkte anerkennenswerth", „sie hielten sich brav" u. s. w. Bei bem gegenwärtigen Verstänbniß unserer beutschen Sprache finb biese Bezeichnungen von sehr üblem Eindruck. Der Kritiker soll frei heraus sagen, was armselig und höchst mittelmäßig war. — Freilich, er wirb sich hüten; beim er weiß sehr wohl, baß er alle bie gegen sich hätte, welche bas Glück gehabt haben, dies Concert zu hören. Aber warum benn bie Censur, bie etwa ber Schulnote III—IV entspricht, unb ohne jebe Begründung, ohne daß bie Künstler etwas lernen können? Der Recensent wirb bas wohl selber wissen; wir wissen es nicht. Unb nun ber Knabenchor'. „Gegen ben Anfänger fei gelinbe und schmeichelns sagte Lessing. „Gelinde und schmeichelnd" — unser Recensent dagegen macht Ausstellungen an dieser jüngsten Schöpfung der Kunst in unserer Stadt, die man machen könnte, auch wenn man den Chor gar nicht gehört hätte. Sie lassen es in der Aussprache fehlen; sie sind ungeschliffene Diamanten; wer es weiß, was es heißt, einen solchen Chor zusammen zu bringen und in wenigen Monaten so einzuüben, wirb lächeln. Er wirb aber nicht lächeln, fonbern ihm wirb ber Lessing'fche Cabalenmacher einfallen, wenn er ben hohen Genuß, ben bas ganze Concert ihm bereitet hat, mit bem Einbruck vergleicht, ben ber Recensent in seiner Kritik wiedergegeben hat. Aber — man weiß es ja nicht, ob nicht ber Recensent zu bem Publikum gehört, „welches Kirchenconcerte einfach nicht will". Dann ist Alles freilich — sehr einfach. Schließlich habe ich noch auf bie ungewöhnliche und neue Form von Höflichkeit aufmerksam zu machen, welche ber Kritiker beobachtet hat. Sonst stellt man bie Solistin, beren Mitwirken ber Erfolg bes Concertes vor Allem verbankt wird, voran, unser Kritiker stellt sie an ben Schluß unb fertigt ihre rounberbare Leistung mit einer Bezeichnung ab, bie Jeben, ber bie Sängerin gehört hat, gewiß ebenso heiter gestimmt haben wirb wie den Schreiber biefer Zeilen: „Sie wirkte anerkennenswert" — bas ist ja erfreulich, unb vielleicht bringt sie es noch einmal bis zur Note „recht wacker". Bis bahin muß sie mit bem sicheren Bewußtsein vorlieb nehmen, ein Mittelpunkt künstlerischen Strebens in unserer Stadt zu sein. Wir aber beneiden den Recensenten nicht um bie Ohren, bie ihm beim Anhören bcs Liebes: „Wem ber Herr ein Kreuz schickt", zu dem Ausruf verleitet haben: „anerkennenswert." Kritiker soll man ruhig schreiben lassen; aber diesmal schien es nöthig, ihnen in's Handwerk zu greifen. Von unserer guten Stadt Gießen unb biefer Zeitung soll man nicht sagen, baß sie gebulbig sind wie bas Papier. H. — Wir machen bie Leser bieses Blattes auf ein Gemälde eines jungen, hier ansässigen Malers ber Düsselborfer Schule aufmerksam. Dasselbe ist im Erker des Herrn W. Reiber am Seltersweg ausgestellt. Das Motiv ist ein germanischer Opferhain, von ber Abenbsonne beleuchtet. Im Vorbergrunbe stehen bie Steine der brei obersten Götter, ber bes Thor durch seinen Hammer ausgezeichnet. Hinter ihnen erheben sich riesige Eichen. Aus ihrem Schatten ist die Priesterin heraus- getreten. Das Gemälde zeigt in bem Vorwurf unb ber Ausführung bie Bestrebungen der Schule, bie, auf Grunb des Stubiums ber germanischen Geschichte und Natur, die Zeiten unserer Altvordern im Bilde neu beleben will. Wir empfehlen es dem Interesse ber Kunstfreunbe unb wünschen bem jungen Maler zu seiner Mühe auch den verdienten Erfolg. - B, 8 e t mis ch t t 4. Neu-Ulrichstein, 1. August. Monats-Bericht ber Arbeiter - Colonie pro Juli 1886.] Ultimo Juli waren in ber Colonie arbeits-, resp. stellenlos ins- gefammt 33. Hiervon waren: Lanbw. Arbeiter rc. 7, Bäcker 2, Bergleute 2, Fleischer 1, Gärtner 1, Kaufleute (Commis) 1, Kellner 1, Klempner (Metalldrücker) 1, Maurer 1, Müller 1, Schlosser 1, Schneider 1, Schuhmacher 3, Weber 3, Schreiber 2, Portefeuille-Arbeiter 1, Scheerenschlcifer 1, Büchsenmacher 1, Buchbrucker 1. Den Staaten nach kommen auf: Großherzogthum Hessen 9, Nassau 5, Bayern 1, Württemberg 1, Sachsen 2, Thüringen 1. Von Preußen auf bie Provinzen: Brandenburg 1, Hannover 2, Hessen (Cassel) 7, Sachsen 2, Rheinprovinz 1, Russisch- Polen 1. Abgegangen sind im Laufe des Monats Juli 8. Davon gingen auf eigenen Wunsch 5, durch die Colonie in Stellung 2, durch eigenes Bemühen rc. 1. Im Ganzen wurden feit Eröffnung der Anstalt ausgenommen 320 Colonisten. — sEine neue Industrie.] In einer französischen Zeitung findet sich die folgende merkwürdige Annonce: „In einer Fabrik in Belleville werden binnen wenigen Tagen künstliche Neger erzeugt. Die gänzlich unschädliche Metamarphofe wird mittelst Job herbeigeführt unb jungen Leuten hierburch eine glänzenbe Zukunft eröffnet, da schwarze Diener, Zirkusneger stets ein gesuchter Artikel sind. Mäßige Preise, unter Umständen auch Credit. Eigene Brennscheeren zur Erzeugung des Neger-Kraushaares stets am Lager." Gießen, 3. August. Auf dem heutigen Markt kostete: Butter per Piund X 0.88—1.00, Hühnereier pr. St. 5—6 H, Enteneier St. 6—0 Käse pr. St. 4—8 Käfematte 3—0 H, Erbsen pr. Liter 20 «S, Linsen 32 Tauben per Paar 0,50 bis 0,65 4, Hühner per Stück X 0 85—1.20, Hahnen pr. Stück X 0.50—1.00, Enten per Stück X 1.20—1.80, Ochsenfleisch per Pfund 62—64 H, Kuh- unb Rindfleisch 52—56 H, Schweinefleisch 54—60 Hammelfleffch 50—66 H, Kalbfleisch 46—50 Kartoffeln per 100 Kilo X 4.50-5 00. Milch per Liter 12—18 H, Zwiebeln per Centn« X 5.00—5.50, Kirschen per Pfund 18—20 H. Grünberg, 31. Juli. (Fruchtpreise.) Weizen X 17.40, Korn X 1360, Gerste X 11.70, Hafer X 12.30, Erbsen X 16 60, Linsen X 00.00, Lein X 00.00, Samen X 20.80, Kartoffeln X 3.00, Wicken 00.00. Frankfurt, 2. August. (Getreide-Preise.) Weizen eff. hiesiger u. Wetterauer X 18,25-18,50, fremder X 17,50-19,25, Roggen eff. hies. X 14.25-14,50, fremder X 14,25—14,50, Gerste effectiu hiesige und Wetterauer X 13,50—14,50, fremde X 00,00-00,00, Hafer eff. hief. X 14,00-14,50, fremder X 00,00-00,00. Frankfurt, 2. August. Der heutige Viehmarkt war stark befahren. Ange» trieben waren 336 Ochsen, ca. 27 Bullen, ca. 305 Kühe unb Rinder- ca. 256 Käjher. Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Qual. X 63-65, 2. Qual, X 56-58, Kühe unb Rinder 1. Qual. X 56—58, 2. Qual. X 45—50 per 100 Pfund Schlachtgewicht. Kälber 1. Qual. 60—62 2. Qual. 50—55 per 1 Pfund Schlachtgewicht. Schiffs-Bewegung der Postdampfschiffe der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft. Hamburg, 2. August. Das Hamburg-New-Yorker Postdampfschiff „Sueoia", Capita» Ludwig, welches am 18. Juli von hier und am 20. Juli von Havre abgegangen, ist am 1. August, 8 Uhr Morgens, wohlbehalten in New-York angekommen. Hamburg, 2. August. Das Deutsche Dampfschiff „Taormina", Capt. Franck, ist am 31. Juli, früh Morgens wohlbehalten in New-York angekommen. nunmehr 18 Jahre so beliebte, trotz aller Nachahmungen «nüber» irofferre Haarwasser von Retter, München (staatlich geprüft und begutachtet), welch, statt Oel ob. Pomade tägl. gebraucht bestens zu empfehlen ist, verkauft zu 40 $ u. 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