Rr. 149 Mittwoch den 1. Juli 1S8S Kießener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. . SchuN"-»- 7. erscheint .»««ch NN. NdtVA-' ILljihrlK 2^7«"^ Politische Ueberficht. GieHen, 30. Juni. Der Kaiser setzt seine Emser Brunnenkur mit dem besten Er- solge fort und lausen über das Befinden des hohen Herrn die günstigsten Berichte ein. Der deutsche Kronprinz hat sich am Freitag Abend nach Oels in Schlesien begeben, um seine in dec Umgegend von Oels gelegenen Besitzungen zu besichtigen, am Montag Abend wurde der Kronprinz wieder in Berlin zurückerwartet. Die Entscheidung des BundeSrathes über d'ei^ preußischen Antrag bezüglich des Herzogs von Cumberland ist auch in deV'.vergangenen Woche noch nicht gefallen, obwohl diese Entscheidung mit-aller Bestimmtheit erwartet wurde. Ja, selbst die Nachricht, daß sich der Justizgusschuß des Bundesrates in seiner am Mittwoch abgehaltenen Sitzung über den Antrag Preußens schlüssig gemacht habe, wird jetzt insoweit wieder demenlirt, als es heißt, daß der Justizausschuß seine Berathungen am genannten Tage noch keineswegs zu Ende geführt habe und dieselben am gestrigen Montag fortzusetzen gedachte. Wann alsdann das Plenum des Bundesrathes sich in der beregten Angelegenheit entscheiden soll, ist unter den obwaltenden Umständen völlig ungewiß und kann die fortwährende Hinausschiebung der allseitig mit so viel Spannung erwarteten Entscheidung eigentlich nur die Annahme bestärken, daß die Hindernisse, welche der Genehmigung des preuß. Antrages seitens des Bundesrathes entgegenstehen, doch größere sind, als ursprünglich wohl erwartet worden ist. Es erscheint indessen überflüssig, über diese auffallende Verzögerung einer so wichtigen Angelegenheit immer wieder Betrachtungen anzustellen und wird man am besten thun, den vorläufigen Abschluß der Cumberland-Affaire in Ruhe abzuwarten. Wie das „Bra^rnschw. Tagebl." meldet, erfolgt die Einberufung des braunschweigischen Landtages diesen Dienstag, oen 30. Juni. Das genannte Blatt will ferner wiffen, der Zusammentritt des Landtages sollte demselben die in Aussicht gestellte Gelegenheit geben, seine Meinung über die mit dem Anträge Preußens im Bundesrathe zusammenhängenden Vorgänge in der braunschweigischen Frage zu äußern. Der Herzog von Edinburg, der zweitälteste Sohn der Königin Vitcoria, ist am Freitag in Kissingen eingetroffen. Ob er blos zum Kurgebrauch nach Kissingen gekommen ist oder ob er die Mission hat, den Fürsten Bismarck gegenüber den Ansprüchen oes Herzogs von Cumberland auf den braunschweigischen Thron nachgiebiger zu stimmen, entzieht sich vorläufig noch der Beurthellung. lieber ein seltsames Verhalten des engl. Hofes gegenüber der Nachricht vom Ableben des Prinzen Friedrich Karl von Preußen wird aus London berichtet. An dem am Dienstag, dem 16. Juni, also am Tage nach dem Tode des Prinzen Friedrich Karl, abgehaltenen Wettrennen zu Ascot erschienen der Prinz und die Prinzessin von Wales ohne ein Abzeichen der Trauer, obwohl ihnen wie dem gesammten Hofe die Trauerkunde doch schon am Montag bekannt sein mußte. Selbst am Donnerstag war die königl. Tribüne noch ohne irgend ein Trauersymbol, ja, die Hoftrauer, deren Beginn die Königin für Mittwoch festgesetzt hatte, wurde am Donnerstag, dem Begräbnißtage des Prinzen, von der königl. Familie in Ascot nicht im Mindesten beobachtet, trotzdem die Königin gerade mit Rücksicht auf bie königl. Tribüne in Ascot eine bestimmte Form vorgeschrieben hatte. Der „Hof-Anzeiger" gar brachte die Trauerverordnung erst am Freitag und doch sollte erstere schon zwei Tage vorher in Kraft treten. Die Königin, welche an der Beobachtung der zwischen den Höfen und fürstlichen Familien üblichen Formen der Etiquette mit äußerster Genauigkeit hängt, soll über die geschilderten „Versehen" ganz außer sich vor Bestürzung sein, dieselben legen die Vermuthung nahe, daß eine förmliche Cabale gegen die Trauer im Werke gewesen ist. Am Berliner Hofe selbst dürste man bei den nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen der preußischen und der englischen Königsfamilie jedenfalls sehr peinlich von diesem dem gewöhnlichsten höfischen Ceremoniell Hohn sprechenden Verhalten des englischen Hofes berührt worden sein. .Das Tages-Ereigniß in Oesterreich bildet ein von dem österreichischen Episcopat erlassener Hirtenbrief, der einem politischen Maniseste der Kirchensürsten Cisleithaniens gleicht. Der Hirtenbrief datirt noch von der im Februar zu Wien abgehaltenen bischöflichen Conserenz und war offenbar für die Reichsrathswahlen berechnet, doch ist seine Veröffentlichung durch den Tod des Cardinals Fürst Schwarzenberg verzögert worven, trotzdem besitzt die bischöfliche Kundgebung noch eine hohe Bedeutung, indem sie in schärfster Form den Natio- nalitäten-Hader verurtheilt und weiter die confessionelle Schule fordert. Ohne Zweifel kann man die Verurtheilung des Oesterreich zerfleischenden Nationalitäten- Haders Seitens der Kirche als ein bedeutsames Zeichen betrachten, daß man auch im klerikalen Lager anfängt, vor den Consequenzen des Taaffe'schen Versöhnungs-Systems bange zu werden, und es wäre nur erfreulich, wenn die Kirche ihren mächtigen Einfluß dafür einsetzen wollte, den Ausgleich unter dem bunten Natioualitäten-Gewimmel des Kaiserstaates in anderer Weise herbeizuführen,als dies von dem österreichischen Premierminister erstrebt wird. In Frankreich beherrschen die herannahenden Neuwahlen zur Depu- tittenkamnur mehr und mehr die politische Lage. Alle Parteien sind bereits dabei, ihre Vorbereitungen zu treffen und haben die Radikalen sogar schon ihren Wahlaufruf erlassen. Was die gemäßigt republikanischen Fraktionen anbelangt, so bemühen sich dieselben, zu einem gemeinsamen Vorgehen zu gelangen und haben sie zu diesem Zwecke in Paris ein besonderes Comitö eingesetzt. Dasselbe hat auch in den letzten Tagen wiederholt Sitzungen abgehaltcn, mit deren Resultaten indessen das Comitö gerade keinen großen Staat machen kann, denn durch die bisherigen Berathungen ist dargelhan worden, daß die Einigkeit unter den gemäßigten Republikanern noch keine besondere ist. Anderseits sind aber auch die Bonapartisien und Royalisten in ihren Bestrebungen, für oen Wahl- feldzug sich zu einer einzigen conservatioen Partei zu verschmelzen, noch nicht weit gekommen und ist es noch sehr fraglich, ob dieser schöne Bund überhaupt zu Stande kommen wird. Die Neubildung des italienischen Cabinets war Herrn De- pretis bis Ende voriger Woche noch immer nicht gelungen. Es herrscht daher in Rom eine geradezu unglaubliche Ungewißheit über die Collegen, die Depretis wählen wird und macht man sich auf alle möglichen Ueberraschungen gefaßt. Die Revolution in Peru scheint zu Ende zu sein. Ein Telegramm aus Lima meldet, daß General Caceres, der Führer der Aufständischen, seine Truppen entlassen hat, wohl, weil es ihm an Mitteln zur Unterhaltung derselben fehlt. Ob die entlassenen Soldaten dem Lande nicht dennoch zur Plage werden, ist allerdings noch eine offene Frage. Darmstadt, 28. Juni. Fortsetzung des Inhalts Großh. Regierungsblattes Nr. 20, betr. den Bau und Betrieb von Nebenbahnen. S 12. Das zur Herstellung des Oberbaues erforderliche Aufreißen von Straßen, sowie die Wieder Herstellung derselben, muß im Einverständniß mit der Straßenhau-Verwaltung schnell und unter Anwendung der nöthigen Vorsichtsmaßregeln ausgeführt werden. Wenn und insoweit in der Concession über die Details der betr. Herstellungen Bestimmungen nicht getroffen sind, so steht der Localbehörde zu, das Erforderliche zu verfügen.' Daö^ur Wiederherstellung der Straßen nach Maßgabe der Bestimmungen der Concession oder der Localbaubehörde erforderliche. Material hat der Unternehmer, soweit nicht verwendbares Ausbruchmaterial vorhanden ist, auf feine Kosten zu stellen, wobei es der Sttahenbaubehörde vorbehalten bleibt, über die Tauglichkeit des Materials zu entscheiden. Während des Baues sind von dem Eisenbahn-Unternehmer alle diejenigen Maßregeln auf feine Kosten zu treffen, welche erforderlich erscheinen, um den Verkehr aus oen Straßen gegen jede Unterbrechung und Gefährdung durch nie Bahnarbeiten sicher zu stellen, und hat derselbe deshalb den Seitens der Straßenverwaltung in dieser Hinsicht etwa getroffen werdenden Anordnungen ungesäumt nachzukommen. Wo zu diesem Zweck die Herstellung von Nothwegen, Nothbrücken, Ab- sperrungen, Ableitung des Wassers, Ausstellung von Sicherheits-Lampen rc. erforderlich wird, fallen die Kosten hierfür ebenfalls dem Eisenbahn-Unternehmer zur Last. § 13. Einfriedigungen sollen erhalten a. Die Bahnhöfe, soweit der Verkehr des Publikums dies erfordert; b. gefährliche Einfchnittsstellen; im Befonveren alle diejenigen, welche neben Wegen herlaufen und bei denen ein derartiger Schutz nicht besteht; c. diejenigen Straßenstellen, bei welchen Fahrstraße und Bahn unmittelbar neben einander liegen, die Bahn jedoch eiugefchnitten ist, und d. diejenigen Straßenstrecken, welche auf hohen Dämmen liegen und deren Schutzpflanzungen behufs der Bahnanlage entfernt worden find. Im Uebrigen bestimmt die Aufsichtsbehörde, an welchen Stellen und in welcher Weife eine Absperrung der Bahn stattfinden soll. Alle Kosten, welche durch Sicherheits'Maßregeln wegen des Straßenverkehrs, sowie durch sonstige in polizeilicher Hinsicht zu treffenden Schutz-Maßregeln entstehen, hat der Unternehmer zu tragen. § 14. Sollte sich die Bahnanlage für die Entwässerung einer Straße hinderlich oder die auf Grund oon § 10 angeordnete Entwässerungs-Anlage sich nicht ausreichend erweisen, so hat der Eisenbahn-Unternehmer nach Bestimmung der Straßenverwaltungsbehörde, bezw. Unseres Ministeriums der Finanzen Me erforderlichen weiteren Vorkehrungen für eine wirksame Straßenentwässerung aus seine Kosten zu treffen und zu unterhalten. § 15. Die Ausführung der Arbeiten unterliegt der Controle und der Aufsicht Unseres Ministeriums der Finanzen. Während der Dauer des Baues wird durch von Unserem Ministerium der Finanzen zu bezeichnende technische Beamte ein unbeschränktes Aufsichtsrecht darüber ausgeübt, daß sämmtliche Arbeiten nach den genehmigten Plänen und gemäß den gestellten Bedingungen mit tadellosem Material ausgeführt werden. Den Anordnungen der Aufsichtsbehörde ist pünktlich nachzukommen und kann gegen solche nur bsi Unserem Ministerium der Finanzen Recurs ergriffen werden. (Fortsetzung folgt.) Telegraphische Depeschen. Wolff s telegr. Correspondenz - Bureau. Berlin, 29. Juni. Eintausendundneun fremde Maurer sind hier eingetroffen und werden hauptsächlich beim Bau des Reichstags-Gebäudes beschäftigt werden. Koblenz, 29. Juni. Ihre Maj. die Kaiserin begab sich heute Mittag mittelst Ertrazuges zum Besuche Seiner Majestät des Kaisers nach Ems und kehrte später nach Koblenz zurück. Dresden, 29. Juni. In Folge der fortgesetzten focialistischen Agitation unter den hiesigen czechischen Arbeitern hat die Polizeidirection eine größere Anzahl derselben von hier ausgewiesen und den böhmischen Verein „Czesky-Club" aufgelöst. Brünn, 29. Juni. Anläßlich des deutschen Sängerfestes kam es zu einigen Ruhestörungen und Reibereien zwischen den Vertretern beider Nationalitäten, in Folge deren mehrere Excedenten auf beiden Seiten verhaftet wurden. Seitens der städtischen Polizei war wegen der Volksansammlungen Militär requirirt, doch kam dasselbe, da sich die Menge von selbst zerstreute, nicht zur Verwendung. London, 29. Juni^ Wie der „Standard" erfährt, wird sich das Cabinet demnächst mit der durch die Räumung von Dongola im Sudan geschastenen Lage angelegentlich beschäftigen. Die Politik, welche zur Preisgebung dieser Provinz geführt hat, wurde der sorgfältigsten Prüfung unterzogen und das Cabinet dürfte, wie der „Standard" andeutet, die Wiederbesetzung von Dongola beschließen. — Lord Bury ist zunr Unterstaatssecretär des Kriegsamtes, und Webster zum Attorney-General ernannt worden. Paris, 39. Juni. Die marokkanische Gesandtschaft ist unter Führung des französischen Consuls von Tanger heute Morgen eingetrosten und wird Mittwoch von Freycinet empfangen. Lokale». Gietze«, 30. Juni. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 2. Juli 1885, Nachmittags 4 Uhr. 1. Ausloosung städtischer Obligationen. 2. Ablösung der Beitragspflicht der Eivilgemeinde Gießen zu den Bedürfnissen der evangelischen Kirche. 3. Fassung des Schoorgrabens in Beton. 4. Straßenanlagen in der Nordanlage. 5. Ausbau der Ostanlage. 6. Gesuch des Schuhmachermeisters Ernst Möser um Bauerlaubniß. 7. Gesuch des Eduard Pöschel um Bauerlaubniß. 8. Gesuch des Metzgermeisters Adolf Möhl um Erlaubniß zur Anbringung eines Fensters. 9. Herstellungen im alten Rathhaus. 10. Vorlagsweise Anschaffung von Schulbüchern aus Gemeindemitteln. 11. Die Quellwasserleitung betr. 12. Kostendecreturen. 13. Das Schwemmen der Pferde in der Lahn u. s. w. Julius Lieske vor dem frankfurter Schwurgericht (Origiualbericht des „Gießener Anzeiger".) Der erste Verhandlungstag. Frankfurt a. M., 29. Juni. Aus der Anklageschrift, deren Copie ich in Händen habe, sind noch folgende Punkte zu meinem Vorbericht nachzutragen: Der Schuhmachergeselle Julius Adolf Lieske ist am 1. Februar 1863 in Zossen, Kreis Teltow geboren. Er hat noch nicht in der Armee gedient und ist bisher nur mit einem Tage Haft wegen Bettelns bestraft, lieber seine Festnahme in Hockenheim bei Mannheim meldet die Anklageschrift folgende Details: Am 19. Januar suchte der Großherzoglich badische Geusdarm Götz die Wirthshäuser in Hockenheim behufs Nachforschungen nach dem Mörder ab und traf hier in der Wirthschaft „Zum grünen Baunt" den Angeklagten, der eben im Begriff war, sich zu entfernen. Befragt, woher er komme, antwortete derselbe, daß er in einem Orte bei Schwetzingen einen Verwandten besucht, den letzten Zug verfehlt und am Abend vorher nach Hockenheim zu Fuß gegangen sei, sowie, daß er in Karlsruhe in Arbeit stehe. Götz ließ sich das vom Angeklagten dem Wirth übergebene Legitimationspapier, ein für den Schreiner Heinrich 9tau auS Frankfurt a. M. am 18. Juni 1884 von dem Polizei-Eommissär zu Köln ausgestelltes Abzugsattest vorlegen und forderte, da er die vorgezeigten Papiere nicht für ausreichend hielt, den Lieske auf, ihm zur Feststellung seiner Persönlichkeit nach dem Rathhause zu folgen. Auf dem Wege dorthin entsprang der Angeklagte nach Schwetzingen zu und als er von deni Gensdarm Götz, dem sich der Landwirth Rink los und dessen Sohn zugesellten, verfolgt wurde, feuerte er aus einem Revolver zwei Schüsse gegen dieselben ab, ohne indessen zu treffen.. Er wurde alsbald überwältigt und dem Untersuchungsrichter in Mannheim vorgeführt. Als Grund einer an der linken Hand befindlichen 5 Etm. großen Wunde gab er einen Fall auf eine im Wege feftgefrorene Glasscherbe an. Der in Folge seines Verhaltens bei seiner Verhaftung auf ihn gefallene Verdacht, der Mörder des Polizeiraths Rump ff zu sein, hat sich während der geheimen Voruntersuchung als in jeder Beziehung begründet erwiesen. Am 31. December Abends ist Lieske in Frankfurt a. M. in der Wirthschaft zum deutschen Hof von Ranft, alte Mainzergasse 16, eingekehrt und hat sich in derselben bis zum 13. Januar aufgehalten, nachdem er auf Drängen des Wirths am 12. Januar einen Meldeschein des Inhalts, daß er am 12. Januar von Genf angekommen und der Schreiner Julius Lieske von Bredenburg sei, ausgefüllt hatte. Gewöhnlich ging er früh Morgens fort und kehrte spät des Abends zwischen 8 und 9 Uhr zurück. In der Herberge zur Heimath lernte er den Schlosser Karl Hübner und den Schreiner Heinrich Nau kennen und kam hier öfters mit ihnen zusammen. Gearbeitet hat er in Frankfurt gar nicht. Anscheinend in Geldverlegenheit gerathen, verpfändete er am 9. Januar seine Uhr bei dem Pfandleiher Kantz für 7 jl Hier in Frankfurt trug er gewöhnlich einen weichen, breitrandigen schwarzen Hut oder eine dunkle Tuchmütze mit gleichem Schild, wurde von Kantz, Dassing und Ferdinand Schmitt aber auch mit einem kleinen dunkelen steifen Hut gesehen. Am 13. Januar, bekanntlich dem Tage der Ermordung Rumpffs, kam er Abends nicht mehr nach der Ranft'schen Wirthschaft, erschien aber am 14. Januar, Morgens zwischen 7 und 8 Uhr, in dem Laden des Kaufmanns Bentheim in Bickenbach und verlangte Briefpapier und zwei Eouverts. Gleich darauf betrat er die Wirthschaft des Anton Rau in Bickenbach und forderte sich von der anwesenden Frau Rau für 5 Pfg. Schnaps und Feder und Tinte. Er schrieb dann daselbst zwei Briefe, deren Adressen und Bestimmungsorte leider nicht festzustellen möglich gewesen ist. Als nach einer Stunde das Gastzimmer leer geworden war und sich außer einem gerade anwesenden Uhrrnacher Namens Herpel und denc Angeklagten nur die 13jährige Tochter des Rau darin befand, nahm Angeklagter die Mütze von der linken Hand und bat Herpel, ihm diese zu verbinden. Letzterer bemerkte nun in der Höhlung zwischen Daumen und Zeigefinger eine etwa 2y2 Zoll lange, scharfrandige Wunde und sprach sofort seine Vermuthung aus, daß die Wunde nicht, wie Angeklagter dem Ran erzählt hatte, von einem Falle, sondern von einer Verletzung durch einen scharfen Gegenstand herrühre, worüber der Angeklagte sehr betroffen schien. Herpel verband sodann mit einem von der Rau'schen Tochter herbeigeholten Läppchen die Wunde und dann die ganze Hand mit dem zu diesem Zwecke von dem Angeklagten ihm gegebenen seidenen lilafarbigen Halstuch. 9tad)bem nun Lieske wegen seiner Handwunde noch einen anderen Arzt consultirte, verschwand er aus Bickenbach. Am 15. Januar ist er in Laudenbach gesehen worden, wo er bei Schuhmachern um Arbeit fragte. Von da begab er sich nach Hockenheim. Nachdem ich im Vorstehenden den Inhalt der etwa 80 Seiten starken Anklageschrift in großen Zügen wiedergegeben, gehe ich zu dem Berichte über die Verhandlungen selbst über, zumal soeben der Angeklagte unter starker Escorte in den Saal geführt wird, der sich mittlerweile bis auf das letzte Plätzchen gefüllt bat. Eine Bewegung geht durch den Saal. Jeder will den Angeklagten sehen. Rufe des Erstaunens werden laut beim Anblick des kleinen unansehnlichen Menschen, der jetzt auf der Anklagebank Platz nimmt. Er ist ein blafser, bartloser Mensch, der lange nicht das unangenehme Aeußere hat, wie cs ihm nachgesagt worden ist. Der nun folgenden Ausloosung der Geschivorenen hört er theilnahmlos zu und wirft zeitweise freche herausfordernde Blicke in das Auditorium. Nach Erledigung aller durch die Strafprozeßordnung gebotenen Präliminarien beginnt die Vernehmung des Angeklagten. Er gibt an, Julius Adolph Lieske zu heißen und am 1. Februar 1863 zu Zossen in Brandenburg geboren zu sein. Er wird der Ermordung Rumpffs und des versuchten Todtschlages an dem Gensdarmen und.2 Bürgern von Hockenheim beschuldigt. Vorsitzender: Was haben Sie zu sagen'/ Angeklagter: Daß ich in Hockenheim war und geschossen habe, gebe ich zu, aber daß ich den Polizeirath Rumpst ermordet habe, das ist unwahr. Der Angeklagte sagt ober vielmehr schreit diese Worte in fo erregtem Tone, baß ihn der Vorsitzende um Mäßigung ersucht. Vorsitzender: Geben Sie zu, in Frankfurt gewesen zu sein'/ Angeklagter: Ja, ich leugne es nicht mehr. Vorsitzender: Wann gingen Sie von hier weg '/ Angeklagter: Am 11. oder 12. Januar ('/) Vorsitzender: Am 14. Januar Vormittags wurden Sie in Bickenbach gesehen. Der Angeklagte giebt zu, dort gewesen zu sein. Vorsitzender: Warum verschwanden Sie sogleich von hier nach der Ermordung Rumpffs. Angeklagter: Ich fand hier feine Arbeit. Vorsitzender: Warum in der Nacht!'/ Als der Angeklagte schweigt, meint der Vorsitzende, wie belastend dies sei. In der Nacht wandere man nicht ohne Grund. Er möge doch in sich gehen und ein Gcständniß oblegen. Daß er ein Verführter, ein Opfer der Anarchisten sei, das habe man ja erkannt. Aus eigenem Antrieb sei er nicht hierher gekommen. Er möge sich doch die Qual der dreitägigen Verhandlung ersparen. Lieske kämpft sichtlich mit sich. Gespannt erwartet Alles, daß er nun reden und ein Geständnis; ablegen werde. Aber nein! Er richtet den auf die Brust gesunkenen Kopf wieder auf. Er stellt in Abrede, daß er ein Verführter sei! Er will keine Milderungsgründe! Vorsitzender: Es fand sich bei Ihnen eine Adresse von dem Anarchisten Guttmann in Mannheim vor. Waren Sie dort und kennen Sie diesen'/ Angeklagter: Weder das Eine, noch das Andere. Vorsitzender: Warum schossen sie scharf gegen Ihre Verfolger/ Angeklagter: Nur aus dem Grunde, weil ich falsche Papiere (wie der Leser weiß, diejenigen des Frankfurter Schreinergesellen Nau) bei mir hatte. Vorsitzender: Also geben Sie auch den früher geleugneten Verkehr mit Nau zu'/ Angeklagter: Ja, ich wollte übrigens den Nau schonen. Vorsitzender: Haben Sie sich nicht ferner nach der Wohnung Rnmpff's bei mehreren der anwesenden Zeugen erkundigt'/ Angeklagter: Niemals. Damit schließt -ie Vernehmung des Angeklagten vorerst ab unb es wirb in bie Abhör ber Zeugen eingetreten. Als erste wirb bie Dienstmagb Elise Heiß, welche bei Rumpfs in Stelle ftanb, vernommen. Sie erzählt, wie sie ben Herrn Rath auf gefunben habe, was aus ben s.Z. erschienenen Zeitungsberichten genügenb bekannt ist. Die Ermordung ihres Herrn habe wohl zwischen 71/« und 7V< Uhr Abends statt gefunden, eine Zeitangabe, welche mit dem Weggange Rumpffs vom Clesernhof ungefähr stimmt. Der Gerichtshof schreitet alsdann zur Vernehmung der Acrzte, welche sich über die Art der Wunde und des Messers aussprechen, mit dem sie beigebracht worden fein könnte. Es kommt dabei Dr. Milbrand auf die Wunde des Angeklagten Lieske zu sprechen, die sich derselbe durch einen Fall zugezogen haben will. Vorsitzender: Angeklagter! Wo haben Sie dieselbe her'/ Angeklagter: Von einem Fall auf einen Scherben. Vorsitzender: Das sagen Sie also wieder. Angeklagter: Jawohl! Der Untersuchungsrichter sagte zu Herrn Dr. Milbrand, er möge mir die Wunde so zuschneiden, daß sie auf die Ermordung Rumpffs passe, daß sie barauf hindcute. (Bewegung im Saale.) Vorsitzender: Das ist eine bodenlose Beschuldigung, bie Sie da erheben. Dr. Wilbrand: Eine solche Bemerkung ist nie gefallen. Angeklagter: Und doch hat er sie gemacht. Dr. Wilbrand: Das ist eine Lüge. Angeklagter: Es ist doch keine. Ich bin zwar dumm, aber doch nicht so dumm. Vorsitzender: Nun, ich kann ja den Herrn Dr. Fabricius laden lasse«. Nach diesem Zwischenfall, der große Sensation hervorgerufen, geht die Vernehmung der Aerzte weiter und macht dabei noch öerr Dr. Wilbrand die Aussage, daß sich im Innern der Brusttasche Lieske's ein rother Streifen vorgefunden habe, Der wohl dadurch entstanden sein konnte, daß Lieske das Messer, mit dem er ben Mord ausgeführt, in biefe Tasche gesteckt. Es folgen nun bie Vernehmungen ber Zeugen Hübner unb Nau, bereu Aussagen nicht viel Bemerkenswerthes bieten. Die Sitzung wirb alsbann bis nach 3*/r Uhr Nachmittags vertagt. 9! a ch m i 11 a g s - S i tz u n g. Gegen 4 Uhr wurde die Verhandlung mit der Vernehmung des Zeugen Cassati wieder begonnen. Derselbe hat mit Nau nach Begehung des Mordes gesprochen und hörte von diesem, daß er ben Mürber zu kennen glaube. 10,000 wäre eine große Belohnung, später gäbe es aber noch mehr, auch habe er ihm einen Stellmacher'schen Aufruf gegeben. Stellmacher, habe er geäußert, sei feinen Jbealen nachgestrebt. Er habe auch bie {einigen. Nächstens würbe hier auch einmal etwas passircn. Die Prolcomotion wollte er, bemerkt ber Zeuge, angeblich auf ber Alten Moinzergasfe gefunben haben. Vorsitzenber: Sagte er nicht, er hätte sie von bem, ber Rumpfs ermorbete'/ Zeuge Cassati: Das wußte ich nicht, boch rühmte er sich zu wissen, baß Leute, bie mit ber Sache zu thun gehabt, bei Petry in ber Mainzergasse verkehrten. Zeuge Nau: Ich kannte ben Mörder ja auch. Ich mürbe nämlich eine» Tag verhaftet unb roieber auf freien Fuß gesetzt. Die Photographie Lieske's hatte ich gesehen unb ihn auch wieder erkannt. Vorsitzender: Was hat der 9iau getrieben/ Zeuge Cassati: Er hatte keine Beschäftigung, trieb aber gelegentlich einen kleinen Handel. Dr. Fester: Hat Nau nicht nach Aussetzung der dreitausend Mark geäußert, das habe Einer gethan, der seinen Idealen nachstrebe. Auch er habe solche unb er kenne ben Mürber. Die Aeußerung ist inbeß vor ber ersten Verhaftung Non's gefallen. Zeuge Cassati ist sich über benZeitpunkt nicht ganz klar und es entspinut sich ein lebhafter Dialog über die Sache, während dessen Lieske die Geschworenen unb den Gerichtshof sttldirt und nicht thut, als gehe ihn das Ganze etwas an. Nach und nach wandte er feine Aufmerksamkeit wieder denc Nau zu, der sich in jeder Weise rein- zuwascheu sucht. Schließlich muß er von Cassati büren, daß er ihn für einen Prahlhans gehalten habe. Der Kellner Gustav Bade hat mit Nau bei Großmann, einer Logirwirthschaft, gewohnt. Er deponirt, daß Abends vor dem Schlafengehen über ben Rumvffschen Morb gesprochen worben sei unb Nau sich gerühmt habe, über ben Mürber unterrichtet zu sein. Er sei übrigens ein Großsprecher, welcher anbere Leute bamit zu imponiven suche. Allabenblich habe er sich gerühmt, er wisse, baß nächstens etwas passiren würbe; auch habe er ihm einmal ein Blatt angeboten, bas er aber nicht acceptiren zu sollen geglaubt. Dr. Fester: Hat Nau nicht nach einer burchzechten Nacht erklärt, er sei frei- gehalten worben / Zeuge Bade: Vier ober fünf Mal hat er bavon gesprochen. Dr. Fester: Soeben wirb mir mitgetheilt, baß Nau bem Wirthe Großmann gegenüber sehr verbüchtige Bemerkungen habe fallen lassen. Ich ersuche um dessen Vernehmung. Der Gerichtshof hat nichts dagegen einzuwenden und so wird der Wirth Friedrich Großmann aufgerufen. New, sagte er, habe am ersten Pfingsttage wieder bei ihm logirt unb in Der Wirthschaft renommirt. „Ich hätte ja die zehntausend Mark ücrbicncn können", habe er gesagt, „allein ich will nicht mit Menscheilköpfen hanbelu". Es sei ihm vorgefommen, als ob Nau sich vor ber Rache ber Anarchisten fürchte. Zeuge 9t n u bemerkt, bem sei auch so. Heute Mittag habe ihn ein Mann ivieber bafür angesehen, baß er ben Lieske so hineinbringe. Er sei fein Anarchist unb gebe sich mit solchen Sachen Nicht ab. Er sei zufrieben, wenn er sein Auskommen habe. Der Gerichtshof gebt nun zu Den Verhanblungen ber Hockenheimer Hclbenthaten Lieske's über, nachbcm vorher bic Reiseroute besselben durchgenommen wirb. Zeuge Christian Aßmns ans Bickenbach folgte ihm in ben Laden der Frau Bentheim, wo er einen Briefbogen holte. Er hatte nur 2 Pfennige, um ihn zu be- zahlen. Da er 6 Pfennige kostete, so schenkte ihm die Frau das Geld, worauf er sich mit der Bemerkung entfernte, es sei besser, als wenn sie ein Bein gebrochen hätte. Vorsitzender: Erkennen Sie ihn wieder'/ Angeklagter: Sehen Sie mich genau an. Zeuge: Der Hut ist mir unbekannt, aber der Mann ist es. Vorsitzender: Sahen Sie seine verbundene Hand'/ Zeuge: Allerdings. Die Zeugin Frau Bentheim bestätigt die Aeußerungen Aßmus' und fügt noch an, er habe sich nicht einmal bedankt. Die Hand habe er mit einem Wollentuch umwickelt gehabt. Vorsitzender: Sie waren doch in Bickenbach. Angeklagter: Nein! Ich habe kein Papier gekauft. Vorsitzender: Die Zeugen werden kommen, welche Sie recognosciren. Dr. Fester: Frau Bentheim hat, ehe sie den Angeklagten sah, eine ganz andere Beschreibung von ihm gegeben. Ter Wirth Adam Rau aus Bickenbach erkennt Lieske wieder. Er sei, erzählt er, am 14. Januar, Morgens zwischen 7 und 8 Uhr, in seine Wirthschaft gekommen, habe für 5 H Schnaps verlangt und bis gegen Mittags um 12 Uhr zwei Briefe geschrieben. lieber seiner verwundeten Hand habe er eine Mütze getragen und er habe ihm gerathen, er möge nach Zwingenberg zum Dr. Weil gehen. Die Wunde wollte er von einem Falle erhalten haben. Spuren an seinen Kleidern deuteten darauf hin, daß er im Walde geschlafen. Er habe es ihm auch gesagt. Staatsanwalt Dr. Frehsee: Erkennen Sie den Mann wieder'/ Zeuge Rau: Jawohl! Aufs Bestimmteste. Vorsitzender: Trug er den Hut'/ (Lieske setzt seinen Hut auf.) Zeuge Rau: Nein! Er hatte einen breitkrämpigeren. Vorsitzender: Lieske! Wann sind sie von hier weggegangen'? Angeklagter: Entweder am 12. oder 13. Januar, Mittags um 2 Uhr. Vorsitzender: Nun! Zwei Nächte hindurch werden Sie doch nicht gelaufen sein. Warum benutzten Sie die billige Main-Neckar-Bahn denn nicht, wenn Sie noch 13 JL. hatten, wie Sie in der Voruntersuchung gesagt haben'? Warum blieben Sie den Schnaps schuldig'? Angeklagter: Was'? — Herr Rau erinnern Sie sich nicht, daß ich Ihrer Frau den Schnaps bezahlte? — Ihnen bezahlte ich denselben nicht. Vorsitzender: Ei! Sie wollen ja gar nicht bei Rau gewesen sein! Angeklagter (betroffen): Oh ja! Nur habe ich keinen Brief geschrieben. Der Zeuge Härtel aus Bickenbach hat ihn schreibend in der Rau'schen Wirthschaft getroffen und mit ihm gesprochen. Er erkennt ihn bestimmt wieder und gibt ebenfalls an, daß Lieske über der verwundeten Hand eine Kappe getragen. — Als er die Wunde gesehen, habe er gleich gesagt: „Hören Sie einmal, das i|t nicht gefallen, das ist entweder gehauen oder gestochen!" Vorsitzender: Wie war die Mütze'? Zeuge Härtel: Von Tuch. Dr. Fester: lieber die Mütze sind sich die Zeugen nicht klar. Man sagt, es sei eine braune, wollene Mütze gewesen. Angeklagter: Es war ein Lappen. Zeuge Härtel: Ich weiß doch, was ein Lappen oder eine Kappe ist. Vorsitzender: Lieske, Sie kommen nicht gut weg mit ihrem Leugnen. Der Landmirth Peter Hennemann aus Bickenbach, ebenfalls ein Besucher der Rau'schen Wirthschaft, hat sich mit Lieske in ein Gespräch eingelassen und von ihm gehört, daß er Maschinenschlosser sei. Die Wunde habe er angeblich durch eine Feile erhalten. Vorsitzender: Könne es nicht ein „Fall" gewesen sein. Zeuge Hennemann: Ich gebe zu, daß es „Fall" gewesen sein kann. Dr. Fester: Das denke ich auch. Lieske wird in einer Wirthschaft doch nicht verschiedene Angaben machen. Der Zeuge bemerkt hierauf noch, daß er ihm durch seinen wilden Blick auf; gefallen sei. Er habe ihn scharf fixirt und da habe er nachgegeben. (Forts, folgt.) Vermischte Darmstadt, 27. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben als Zusatz zur Cabinetsordre vom 5. d. M. zu bestimmen geruht, daß es den Offizieren der Großherzoglichen (25.) Division gestattet sein soll, die Mütze mit Schirm, oder auch nur das Kopftheil destelben, weiß zu überziehen. Watzenborn, 29. Juni. Heute um die Mittagsstunde hauste in unserer Gemarkung ein furchtbares Hagelwetter. Die Leute waren emsig beschäftigt beim Heu laden, um dasselbe noch trocken einbringen zu können, wurden jedoch vom Unwetter überrascht. Ein nach dem Dorfe eilender beladener Heuwagen wurde von dem Sturm umgeworfen, den Führer des Wagens, sowie mehrere Leute, welche neben dem Wagen hergehend, Schutz suchten, unter sich begrabend. Nur durch rasche Hülfe war es mög lich namentlich den Führer des Wagens aus dem Gewirr von Heu und Wagen heraus zubringen. Frankfurt a. M., 29. Juni. Hinter der Hauptwache ist seit gestern ein Posten, allerdings ohne Gewehr, aufgestellt. In der Kaserne war eine Compagnie in Bereitschaft und im Leinwandhause befand sich ein Zug Infanterie mit Tombour. Einige Personen, welche unartig gegen die Schutzleute waren, wurden eingesteckt. — Als Julius Lieske heute Abend 6* 1/* Uhr aus dem Leinwandhaus in einer Droschke abgefahren wurde, schaute derselbe nach der linken Seite, als suche er Jemanden. Kaum hatte sich die Droschke in Bewegung gesetzt, als ein Mann den Hut hoch hob und „Hoch! hoch!" schrie. Wod) hatte der Schreier den Hut nicht aufgesetzt, als ihn ein Schutzmann schon im Genicke hatte und in den Hof des Leinwandhauses führte, von wo er in das Untersuchungsgefängniß abgeführt wurde. Karlsruhe, 29. Juni, 12 Uhr Nachts. Um 8 Uhr ging hier ein Wolkenbruch nieder und richtete immensen Schaden an. Die DaMpfspritze war in Thätigkeit bis 12 Uhr, die Feuerwehr arbeitet noch. Der Schaden ist vorerst noch unübersehbar. St. Johann, 28. Juni. Der bei dem vorgestern in den Salley-Schachten statt gefundenen Grubenunglück vermißte Bergmann ist nachträglich ebenfalls tobt in der Grube gefunden worden, so daß das Unglück 18 Todte gekostet hat. Handel und Verkehr. Gießen, den 30. Juni. Am dem heuttgen Martt kostet? Butter per Pfund -* 0.70—0.80, Hühnereier pr. St. 5—6 Enteneier St- 6—7 Gänseeier 00—00 H Käse pr. Stück 5—9 Kasematte 2—3 H, Erbsen pr. Liter 22 «jj, Linsen 28 Tauben per Paar 0,60—0,80 Hühner per Stück 0 80—1.20, Hahnen pr. Stück v*L 0.60—1.00, Enten per Stück «X 1.50—1.80, Ochsenfleisch per Pfund 68—00 Kuh- und Rindfleisch 56—60 H, Schweinefleisch 50—60 Hammelfleffch 64—70 Kalbfleisch 46—54 Kartoffeln per 100 Kilo X 4.50—5.00, Milch per Liter 12—16 4, Zwiebeln ver Gentner JL 5.00—7.00, Kirschen per Pfund JL 0.15—0.18. Herborn (an der Köln-Gießener Eisenbahn), 29. Juni. Auf den heutigen hiesigen Markt wurden gebracht: 758 Stück Rindvieh und 911 Stück Schweine. Der nächste SOtarft ist am Donnerstag den 23. Juli d. I. Mepertair der vereinigten Stadttheater ;u Frankfurt a. M. Opernhaus. Dienstag den 30. Juni: Letzte Vorstellung vor den Opernferien. Das Glöckchen des Eremiten. Mittel-Preise. Gesammt-Gastspiel der Münchener. Mitglieder deS Königl. Theaters am Görtnerplatz, nnter Leitung des Königl. Bayerischen Hofschaufpielers Herrn M. Hospauer. Mittwoch den 1. Jttll: Außer Abonnement. Der Herrgottschnitzer. Mittel-Prelfe. Donnerstag den 2.Juli: Außer Abonnement. Prozeßhannsl. Mittel-Preise. Freitag den 3. Juli: Außer Abonnement. Im Austragstübchen. Mittel Preise. Samstag den 4. Juli: Außer Abonnement. Zum ersten Male: Der Schlag ring. Volksstück aus den bayrischen Bergen init Gesang und Tanz in 4 Akten nach der Erzählung v. Messerer von Hans Neuert. Mittel-Preise. Sonntag den 5. Juli: Außer Abonnement. Ter Herrgottschnitzer. Mittel-Preise. Montag den 6. Juli: Außer Abonnement. Zum ersten Male wiederholt: Der Schlagring. Mittel-Preise. Temperatur der Lahn und der Luft nach Reanmur gemessen am 30. Juni, zwischen 11 und 12 Uhr Mittags. Wasser 18°, Luft im Schatten 18°. L. Chr. Rübsamen, Turn- und Schwimmlehrer. Versteigerung von Eisenwnnren. Mittwoch den 1. Juli und an den folgenden Tagen, Mittags 2 Uhr, werden in dem W. Seibert'schen Laden, Marktstraße 21, eine Parthie große Kroppen, Bandeisen, Zink, Schippen, Spaten, Schrank-, Schubladen- u. Thürschlösser, Sargbeschlage, Banden, Feilen, Schrotsägen, Zrmmer- manns- u. Schreinerwerkzeuge, Bohrer, Hobeleisen, Roste für Herd und Ofen, Drahtgewebe, Fensterguß rc. versteigert, sowie einige feine Werkzeug- u. Laub- fägekasten, Comptoirpult, Copirpresse, einiges an Colonialwaaren; letztere Gegenstände kommen Donnerstags zuerst. F. Hoffmann, 4772 Konkursverwalter. Ein igeschäskshaus mit schönem Laden und großem Lager, in bester Geschäftslage Gießen's, ist zu verkaufen, und kann event. noch bestehendes Geschäft mit übernommen werden. F. Hoffmann, 4001_________Konkursverwalter. Mittwoch den 1. Juli Nachmittags 2 Uhr, lasse ich in der Fletl'schcn Hofraithe Möbel und sonstige Gegenstände versteigern. 4815 K. Klees. 4785 Ein zugfestes Arbeitspferd zu verkaufen. Chr. Hauvach I. Allgemeiner Anzeiger. Bekanntmachung. Betreffend: Die Löber'sche Stiftung. Aus obiger Stiftung ist eine Pfründe von 260 JL jährlich an einen in Gießen geborenen verwittweten Handwerker zu vergeben. Unter mehreren Bewerbern erhalten solche den Vorzug, welche von den Ellern des Stifters abstammen und das Verwandtschaftsverhältniß nachweisen. Anmeldungen werben von heute an binnen 14 Tagen auf unserem Bureau entgegengenommen. Gießen, den 20. Juni 1885. 4649 Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. A. Bramm. Bekanntmachung. Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß zufolge gerichtlich beglaubigten Vertrags vom 8. Mai d. Js. eine reale Theilung des Feldes der Eisensteingrube Feldheim in den Gemarkungen Feldheim und Inheiden zwischen dem Herrn Grafen von Solms-Laubach und der Gewerkschaft Buderus Jung L- Comp. in Wetzlar stattgefunden hat, wonach der den sogenannten Feldheimer Wald umfassende Theil genannten Grubenfeldes mit einem Flächengehalt von 873725 qm unter dem Namen Redemta an den Herrn Grasen abgetreten worden ist, während der der Gewerkschaft verbleibende Theil einen Flächengehalt von 1400275 qm besitzt. Etwaige Einwendungen gegen diese Theilung müssen binnen 3 Monaten durch gerichtliche Klage gegen die seitherigen Besitzer der Grube Feldheim geltend gemacht werden. Darmstadt, am 25. Juni 1885. Grobherzogliche Obere Bergbehörde. Lotheisen. 4828 Tecklenburg. Dr. Jäger’s Normal-Hemde«, Hosen u. Jacken, leichte Unterjacken u. Hosen, von 75 an, baumwoll. Strümpfe u. Socken empfiehlt in großer Auswahl zu äußerst billigen Preisen- 4698 Julius Schulze. 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