Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. 1882. Bureau r Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringe,lehn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 g.j. Z. m llicher H y e i L Betreffend: Die Tilgung der Schafräude. Gießen, den 24. Mai 1882. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises. Nach einer Mittheilung des Reichskanzlers an die Großherzogliche Staatsregierung ist für den westlich der Elbe gelegenen Theil Deutschlands ein gleichzeitiges und übereinstiinmendes Vorgehen zur Bekäinpfung der Schafräude in Aussicht genommen. Wenn die betreffenden Maßregel auch voraussichtlich erst im nächsten Jahre zur Ausführung gelangen werden, so empfiehlt es sich für diejenigen, welche unreines (f. g. Schmier-) Vieh besitzen, doch, dieses schon jetzt allmählig und jedenfalls iin Laufe dieses Jahres vollständig abzuschaffen, um sich vor späterem Schaden und großen Kosten, welche das Hellverfahren jedenfalls verursachen wird, zu bewahren. Wir beauftragen Sie daher, diejenigen Angehörigen Ihrer Gemeinden, welche unreine Schafe besitzen, hiernach zu bedeuten und darauf hinzuwirken, daß baldmöglichst reine Heerden angeschafft werden. ________________________Dr. Bookman n.______ Betreffend: Die Anschaffung nützlicher Bücher. Gießen, am 24. Mai 1882. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises. Außer dem in unserem Ausschreiben vom 20. l. M. erwähnten Merkchen „über das Viehversicherungswesen" von Lorenz hat der landwirthschaft- tiche Bezirksverein auch ein Buch „über die Währschaft bei Viehhändelu" von Amtsrichter Zimmermann angeschafft. Wir lassen Ihnen auch von diesem Buche je ein Exemplar mit dem Auftrage zugehen, in geeigneter Weise dasiir zu sorgen, daß der Inhalt beider Schriften in Ihren Gemeinden möglichst bekannt wird. ___________Dr. Boekmann.___ Bekannt wachun g. Die am 20. l. Nits, angeordnete Sperre der Neustadt von der Bahnhofsstraße bis zur Mühlgasse wird wieder aufgehoben. Gießen, am 24. Mai 1882. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Frese irt u s. Politische Uebersicht. Gießen, 25. Mai. Die Frage, wie lange der Reichstag nach seinem am 6. Juni erfolgenden Wiederzufammentritte noch tagen werde, ist zur Zeit noch immer eine offene. Die vom Abg. Windthorst angeregte Idee, für das Unfallversiche- rungs- und das Krankenkassen-Gesetz eine permanente Commission einzufetzen und dafür die Plenarverhandlungen des Reichstages bis zum Herbst zu vertagen, stößt in Reichstagskreisen auf so entschiedenen Widerstand, daß. ein hierauf bezüglicher Antrag durchaus keine Aussicht auf Annahme hätte. Vorläufig liegen die Dispositionen für den Reichstag nach Ablauf der Pfingstferien so, daß derselbe zunächst die zweiten Lesungen der ihm vorliegenden wichtigeren Gesetzentwürfe, also diejenigen über die Gewerbeordnungs-Novelle, die Abänderung des Zolltarifs und das Tabakmonopol, erledigen wird. Was dagegen die Vorlage über die Arbeiterunfall- und Krankenversicherung anbelangt, die in erster Lesung bekanntlich ebenfalls an eine Commission verwiesen wurde, so scheint im Reichstage keine große Neigung vorhanden zu sein, auch diesen Gegenstand in der gegenwärtigen Session zu erledigen, es dürfte dies vielmehr der Herbst-Session des Reichstages überlassen bleiben. Mehreren Truppentheilen der preußischen Armee steht in den nächsten Tagen eine erhebende Feier bevor. Durch einen Erlaß an den Kriegsminister hat der Kaiser bestimmt, daß nnnmehr auch den neu errichteten Regimentern der preußischen Armee — 9 Infanterie-Regimenter — sowie dem Eifenbahn-Regiment und den beiden Pionier-Bataillonen Nr. 15 und 16 Fahnen verliehen werden sollen, und zugleich hat der Kaiser verfügt, daß die feierliche Nagelung dieser Fahnen am 27. d. Mts., die Weihe derselben am 29. b Mts stattfinden soll. Die bevorstehende Feier steht, wie die „Post" mitcheilt, wie die Fahnenweihe von 1866 mit der Erwerbung der neuen Provinzen, in unmittelbarer Beziehung zu der durch die Einverleibung Elsaß-Lothringens erfolgten Erweiterung Deutschlands, denn die Truppentheile, denen diese Fahnen übergeben werden sollen, sind dereinst bestimmt, die Besatzung Elsaß-Lothringens zu bilden. Der Slavisirungs-Proceß m Den deutschen Provinzen Oesterreichs nimmt seinen ungehinderten Fortgang. Besonders aus Krain kommen für das Deutfchthum fortwährend ungünstige Nachrichten; auf dem Lande wie in den Städten drängt das slovenische Wesen immer mehr vor und namentlich in der Hauptstadt Laibach bemüht sich der slovenische Stadtrath, die deutschen Krämer, Handwerker, Hausirer u. s. w. durch allerhand Maßregeln zu chicaniren. Auch in Schlesien beginnen sich die Slaven (Czechen) zu rühren, obwohl sie nur 22 pCt. der dortigen Bevölkerung ausmachen; so verlangen sie Die Umwandlung verschiedener deutscher Ortsnamen in czechische u. s. w. Die „Versöhnungs- politik" des Grafen Taaffe beginnt eben immer mehr, ihre Früchte zu tragen schwerlich aber zum Heile des Gesammtitaates Oesterreich. — Als Nachfolger Herrn v. Szlavy's im Reichs-Finanzministerium wird jetzt Graf Anton Szecsen genannt, der bereits früher im ungarischen Ministerium gesessen hat Die Franzosen können, ähnlich den Oesterreichern in der Crivoscie, mit dem Aufstande im Süden Tunesiens und Algeriens noch immer nicht fertig werden. In den letzten Tagen hat zwischen den Franzosen und den Aufständi- schen abermals ein Zusammenstoß stattgefunden, indem eine Colonne des Generals Duchesne bei den Schotts von Mehaia (Süd-Tunesien) auf etwa 800 Araber vom Stamme Beinojncls stieß, dieselben angriff und in die Flucht schlug. Der Verlust der französischen Truppen betrug 3 Todte und 5 Verwundete; der Feind ließ 70 Todte auf dem Schlachtfelde zurück. Aus Petersburg wird der „Voß'schen Ztg." die überraschende Mit- theilung gemacht, daß die Krönung des Czaren, welche ganz bestimmt am 6. September d. Js. stattfinden sollte, bis Mai 1883 verschoben worden sei. Am letzten Donnerstag habe in Peterhof ein Familienrath stattgefunden, wobei Graf Worronzoff - Daschkoff, der Minister des kaiserlichen Hauses, vertrauliche Mittheilungen der Berliner, Londoner und Pariser Polizeibehörden vorlegte; dieselben enthalten Detailangaben Über nihilistische Anschläge und stimmen darin überein, daß während der Krönungsfeier, wenn alle höchststehenden Personen des In- und Auslandes an einem Punkte sich zusammenfinden, eine Katastrophe erfolgen werde, deshalb hätten die betr. Polizeibehörden den Angehörigen ihrer Fürstenhäuser die Reise nach Moskau entschieden abgerathen. Die russischen Zustände sind allerdings derart, daß die Furcht vor neuen nihilistischen Attentaten nicht unbegründet erscheint und man hätte darum der Moskauer Krönungsfeier nur mit Besorgniß entgegensetzen können. Aus der Schweiz liegt eine ganze Reihe von Mittheilungen Über die Eröffnung der Gotthardtbahn vor, welche sämmtlich die anläßlich dieser Feier in Luzern und andern hervorragenden Orten an der neuen Bahn herrschende freudige Stimmung wiederspiegeln. Frankreich und England führen in Egypten eine überraschend energische Sprache. Sie verlangen den Rücktritt des egyptischen Ministeriums, die Verbannung Arabi Pascha's, Auflösung der Notabelnkammer und die Herstellung eines überwiegenden Einflusses beider Mächte in Egypten. Wie sich die übrigen Mächte zu diesen Forderungen stellen werden, ist noch nicht bekannt; daß sie aber keinenfalls in letztgenannten Punkten einwilligen werden, darf man schon jetzt als gewiß betrachten. AcuLschlünd. Berlin, 23. Mai. Der Reichstag wird sich, sobald feine Sitzungen nach den Ferien wieder beginnen, mit den beiden von den reichsländischen Abgeordneten eingebrachten Anträgen zu beschäftigen haben. Derjenige von beiden, welcher den facultativen Gebrauch der französischen Sprache im reichsländischen Landesausschuß gestatten will, hat keine Aussicht, angenommen zu werden , obgleich die Fassung desselben, daß „ausnahmsweise der Präsident solchen Mitgliedern, welche der deutschen Sprache notorisch vollkommen unkundig sind, den Gebrauch der französischen Sprache gestatten dars", wie man sieht, eine sehr weitgehende ist. Nicht nur in regierungsfreundlichen und conservativen Kreisen, sondern auch von Seiten des Centrums und der linksliberalen Partei wird man sich gegen denselben erklären. Der zweite Antrag, der die Aushebung des sog. Dictatnr-Paragraphen im Reichslande beabsichtigt, bewegt sich auf derselben Linie wie diejenigen Bestrebungen, welche eine allgemeine Aufhebung der Ausnahmegesetze wollen. Er kreuzt somit ein Gebiet der von den verbündeten Regierungen befolgten Politik auf welchem bisher die Mehrzahl der Reichstagsmitglieder mit den Anschanun- ■gen der Regierungen übereinstimmte. Es spricht iomit die Wahrscheinlichkeit dafür, daß auch dieser zweite Antrag die Majorität nicht erlangen wird. — Nach hier eingetroffenen Berichten aus Friedrichsruh erholt sich der Reichskanzler nur sehr langsam von seiner letzten schweren Erkrankung. Der Fürst ist noch immer sehr leidend, er fühlt sich schwach und angegriffen. Er ist nun seit Wochen bettlägerig, und die durch Schmerzen hervorgerusene Schlaflosigkeit hat ihn ersichtlich ermattet; namentlich seine Hände sind mager geworden, dennoch ist eine glückliche Wendung zum Bessern zu verzeichnen und der Fürst hofft, daß er bis Pfingsten soweit hergestellt sein werde, um Friedrichsruh verlassen zu können. Wahrscheinlich dürfte dann der Reichskanzler einige Wochen in Berlin bleiben, um Ende Juni feine Kur anzutreten. Von dem Gutachten der Aerzte wird Vas Weitere abhängen. Es ist bei der Gelegenheit zu bemerken, daß in jüngster Zeit, unmittelbar vor der Abreise des Fürsten nach Friedrichsruh, auch Prof. Frerichs vom Reichskanzler zu Rathe gezogen worden ist und den Patienten sehr gründlich untersucht hat. Der Arzt, der ihn jetzt behandelt, ist Dr. Cohen, der als einer der ausgezeichnetsten Aerzte Hamburgs gerühmt wird, beiläufig^. auch ein Freund von Frerichs. Der Fürst arbeitet übrigens täglich, soweit es seine Kräfte irgend zulassen. Sein Zustand verbietet es ihm indessen, jetzt auch nur für wenige Tage auf die Beihülfe seines Sohnes, des Grasen Wilhelm, der ihm Secretärdienste leistet, zu verzichten, und das wird wohl der Grund fein, weshalb Graf Wllhelin Bismarck in letzter Stunde noch die Einladung zur Einweihung des Gotthardt-Tunnels hat ablehnen muffen. Frankfurt. Wir entnehmen den hicrselbst herausgegebenen MUthcUungen des Preß-Ausschusses des Comite's zur Unterstützung der bedrängten russischen Juden das Nachstehende: — Bis zum 16. d M. sind bei der „N. Fr. Pr." 3205 Gulden für die russisch en Juden eingegangen; ferner erhielt die Wiener Alliance seit der letzten Veröffentlichung 91,445 Gulden, darunter 30,000 Gulden von Freiherr von Rothschild, 15,000 Gulden vom Hilss-Comite Prag, 6000 Gulden von Ritter Moritz von Königs- warter u. s. w- — Die „Neue Freie Presse" enthält folgendes Telegramm: „Brody, 10. Mai. Die heute beendete Conscription ergab, daß 72U0 Flüchtlinge aus Rußland hier sind. Da täglich mindestens 200 zuströmen und wöchentlich nur höchstens 500 abgehcn, so sind die Consequenzen unabsehbar. Gleichwohl mußte sich das Comite entschließen, die Flüchtlinge hier zu concentriren und auch die in Lemberg befindlichen hierher befördern zu lassen, weil nur die Verhältnisse Brodtzs den jüdischen Auswanderern einen längeren Ausenthalt ermöglichen. Eine heute hier zusammengestellte Expedition, welche Samstag abgeht, zählt 22 Baltaer Opfer, wovon einige verletzt sind. Obwohl die russische Regierung die Emigranten nicht hindert, erpressen doch die russischen Zollamtsbeamten den Flüchtlingen vor dem Uebertritte ihre letzte Habe, daher dieselben heimlich dncch- zufchleichen suchen, hierbei aber ost den Grenzkosacken in die Hände fallen. Das unter den Auswanderern herrschende Elend ist unbeschreiblich. — Dte „Neue Freie Presse" meldet aus Lemberg vom 11. Mai. „Die Erhaltung der vollständig mittellosen jüdischen Auswanderer aus Rußland erfordert einen wöchentlichen Aufwand von 3000 Gulden, während das Londoner Comite zu diesem Zweck nur 600 Gulden per Woche angewiesen hat. Seit dem 30. April wurden von hier nach Amerika befördert 1252 Personen. Das hiesige.Comite hat aus London den Auftrag, vorläufig nur 400 Fahrkarten per Woche auszugeben, während Director Lazarus, der die hiesige Hilssaetion leitet, die Expedition von 1000 Personen per Woche aus humanitären und sanitären Gründen für dringend geboten erachten" — Aus Brody meldet dasselbe Blatt untenn 11. Mai: „Der Zuzug Flüchtiger aus Rußland war heute enorm. Mit der Bahn kamen etwa 900, auf Schleichwegen etwa 500 an, hierzu über 600 aus Lemberg hierher Zurückbesörderte. Mit dem Bau eines Barackenlagers wird ehestens begonnen; vorläufig mußte die große Synagoge als Zufluchtsstätte erschlossen werden." — Ferner aus Lemberg vom 12. Mat: „Da die Gesammtzahl der Flüchtlinge aus Rußland auf österreichischem Boden heute etwa 12000 beträgt, wovon 11000 sich in Brody befinden, die Übrigen zerstreut sind, so muß das Comiie einen beträchtlichen Theil des Emigrantenfonds zu Ernährungszwecken opfern- Die Lage ist höchst precär und ungeheure M tttl sind nothwendig. Bestimmungsorte für Auswanderer und zwar für Handwerker sind vornehmlich Philadelphia, Pittsburg, Baltimore, für die Tabaksindustrie Richmond und Chicago, während Ackerbau größtentheils nach Canada, haupt- fächlich nach Winnipeg, gehen, und nur eine Minorität nach den Vereinigten (Staaten, insbesondere nach Oregon " — Die „Tribüne" schreibt: „Privatberichte melden, daß für 16,200 Familien mit 67,900 Mitgliedern und über 18,000 einzelne Emigranten Auslandspässe int Süden Rußlands ausgefertigt sind. Statistiker behaupten, durch diese Emigrationen gingen Rußland 13 Millionen Rubel Vermögen und jährlich 60 Millionen Rubel Umsatz verloren." — Aus Krakau vom 13. Mai meldet die „N. Fr. Pr.": „Ein Bericht des Czas aus Warschau meldet von neuen Judenkrawallen in Czerwinsk, Pllwiszka und Elisabeihgrad Den Warschauer Blättern wurde wiederholt streng verboten, über die Judenhetzen Berichte zu bringen." Telegraphische Depesche«. Wolff's telegr. Correspondenz-Burcau. Berlin, 24. Mai. Die „Prov.-Correfp." theilt über die Sommerreife des Kaisers Folgendes mit: Die Abreise nach Ems erfolgt zwischen dem 12. und 18. Juni. Nach dreiwöchigem Kurgebrauch daselbst ist wieder ein mehrtägiger Aufenthalt auf der Jnfel Mainau beabsichtigt, sodaß, wenn gleichfalls die auf drei Wochen berechnete Kur in Gastein beendigt fein wird, die Rückkehr nach Berlin innerhalb der ersten Hälfe des August erfolgen würde. — Die „Prov.-Correfp." sagt bezüglich der Behauptung Richters: „der Pflegevater des Socialismus in Deutschland sei der Reichskanzler" : Verstehe man unter Socialismus ein System von Mitteln, die Lohnarbeiter vor der Uebenuacht des viele Arbeiter in die Arme der Noth treibenden Zufalls zu schützen, so werde der Name Pflegevater des Socialismus einst ein Ehrentitel des Kanzlers werden. Verstehe man aber darunter dte ausschweifenden Pläne der Socialdemokratie, so werde man den Urheber des Socialistengesetzes schwerlich den Pflegevater eines solchen Socialismus nennen. Eine unferne Zukunft werde erfahren, daß der falsche Socialismus durch das Socialistengesetz zurückgedrängt, durch die Socialreform aber überwunden wurde. — Der Kaiser empfing heute Mittag in feierlicher Audienz in Gegenwart des Cultusministers o. Goßler den Fürstbischof von Breslau, Robert Herzog; später wurde derselbe auch vom Kronprinzen empfangen. Augsburg, 24. Mai. Der „Augsb. Postztg." zufolge haben etwa 600 Weber der „Augsburger Mechanischen Spinnerei und Weberei" in Folge einer Lohnreduction die Arbeit eingestellt. Petersburg, 24. Mai. Der „Regierungs-Anzeiger" veröffentlicht die von dem Minister-Comite vereinbarten, unterm 15. Mai von dem Kaiser bestätigten nachstehenden 4.Punkten hinsichtlich der tnierimistischen Vorschristen für die Juden. Danach ist 1) den Juden verboten, von jetzt ab sich außerhalb der Städte und Dörfer nieder- zulasscn, ausgenommen in den schon bestehenden Inden-Colonien; 2) sind vorläufig alle Kauf- und Pachtabschlüsse mit Juden zu sistiren; 3) ist den Juden v-rbotcn, an Sonn- und Feiertagen, an welchen die christlichen Geschäfte geschlossen sind, Handel zu treiben; 4) sind der erste und dritte Punkt nur in den Gouvernements anzuwenden, in welchen Juden ständig ansässig sind. Der künftige Adlatus des Ministers des Auswärtigen, Herr v. Vlangali, wird in ca. drei Wochen erwartet. — In dem Proceß gegen den früheren Generalstabsdoctor der Flotte, Geheimrath Busch, und d-e Beamten seines Ressorts Andrejew und Parsenow wegen Erpressungen und verschiedener anderer Vergehen tm Dienst wurden Busch und Andrejew unter Entziehung Ihrer Standes- und Dienstrechte, des Adels und der Orden zur Verbannung auf Ansiedelung ersterer nach Tomsk auf 1 Jahr, letzterer nach Archangelsk auf 4 Jahre verurtbsilt. Gegen Parsenow wurde aus Dienstentlassung und eine Geldstrafe von 200 Rubel erkannt. Die Veröffentlichung des Urthrils in endgültiger Form findet am 31. ds. statt. — Der „Regierungs-Anzeiger" bringt aus Allerhöchsten Befehl zur allgemeinen Kenntniß, daß die Regierung fest entschlofsen ist, unabläßlich alle G-waltthätigkeiten an der Person und dem Eigenthum der jüdischen Bevölkerung, welche unter dem Schutz der für alle Untertanen Seiner Majestät allgemein giftigen GesGe steht, zu ahnden. Außerdem wird den Gouverneuren und Behörden anbefohlen, unter persönlicher Verantwortlichkeit rechtzeitig Maßregeln zur Verhütung von Excessen gegen die jüdische Bevölkerung eventuell zur sofortigen Unterdrückung solcher Excesse zu ergreifen. Jede Fahrlässigkeit der Behörden hierbei wird durch Dienstentlassung oestraft. Mailand, 24. Mm. Der Herzog von Aosta ist hier eingetroffen. Bei dem gestrigen empfange der offictellen Fahrgäste am Bahnhofe sagte der Minister des Aeußern, Mancini, in seiner Begrüßungsansprache, er schätze sich glücklich, Alle im Namen des Königs und der italienischen Regierung willkommen zu heißen. Das große Ereigniß der Eröffnung der Goithardbahn sei bestimmt, die Bande der Freundschaft und die Gemeinsamkeit der Interessen der drei Nationen, welche diesen glänzenden Tribut der Civilisation entrichten, noch enger zu knüpfen und unauflöslich zu machen. Darauf erfolgte feierlicher Empfang der Gäste durch den Bürgermeister und den Munizipalrath im Stadthaufe. Die Musik spielte die Nationalhymne der drei Länder. Heute Vormittag findet zu Ehren der Festtheilnehmer ein Dejeuner bei dem Herzog von Aosta und Abends ein Bankett statt. London, 24. Mai. Wie dem „Reuter'schen Bureau" aus Kairo von gestern gemeldet wird, sind die Verhandlungen zwischen den Konsuln und dem Ministerium vollständig gescheitert. Die Minister haben beschlossen, die Vorschläge des sranzöstschen Consuls zu Kairo, Monge, abzulehnen und sich in eine Fortsetzung der Verhandlungen nicht eher einzulassen, als bis die Geschwader abberufen sind. Am Nachmittag wurde ein Kriegsraih abgehalten, welchem auch die höheren Ofsiciere beiwohnten. In demselben wurde der Beschluß gefaßt, militärische Vorbereitungen zu treffen. In diplomatischen Kreisen verlautet geiüchtweise, England und Frankreich hätten beschlossen, ein Ultimatum an Egypten zu stellen und Frankreich würde im Falle seiner Ablehnung alle Einwendungen gegen eine Landung türkischer Truppen aufgeben. — Unterhaus. Gladstone unterzog in glänzender, zum Theil leidenschaftlicher Rede, welche wiederholt von lautem Beifall unterbrochen wurde, die Weigerung Dillons, die Gewaltsamkeiten zu verdammen, so lange die Regierung nicht die Exmissionen verdamme, einer scharfen Beurtheilung. Dillon verlangte, daß die Regierung die Zwangsbill aufgebe; er sagte, dann werde die Landliga auf legaler Agitation und Action basiren. Aber, welches Recht hat irgend Jemand, anzunehmen, daß die Landliga auf anderer Basis agiren darf? Gladstone ersucht das Haus, die Debatte nicht in die Länge zu ziehen, denn, wer diese Bill verhindere, verhindere auch andere wichtige Vorlagen, darunter die Bill wegen der Pachtrückstände. Konstantinopel, 24. Mai. Frankreich und England haben ihre Ansichten über die neueste Forderung der Pforte wegen der Zurückberufung der Geschwader ausgetauscht und dem Marquis v. Noailles und resp. dem Lord Dufferin hierauf bezügliche identische Noten zugehen lassen. Diese haben daraufhin der Pforte erklärt, daß die Geschwader die egyptischen Gewässer sofort verlassen würden, sobald die normale Lage roteber hergestellt sei. Frankreich und England wünschten lebhafter noch als die Pforte, der Schiffsdemonstration keine weitere Ansdehnung zu geben, mürben gern so bald als möglich die Schiffe zurückziehen, wären aber einig in dem Wunsche, einen normalen, Dauer verbürgenden Zustand der Dinge in Egypten sicherzustellen. Kairo, 24. Mai. Das Ministerium setzt die militärischen Vorbereitungen fort. Nach Alexandrien sind 400, nach Domiette 200 Artilleristen geschickt worden; an der Küste wird eine Reihe von Torpillos gelegt. Alle egyptischen Ofsiciere, von den Generalen ab, sind gestern in die Kaferne Abbin beorbert uitb veranlaßt worben, zu schwören, baß sie bie Regierung gegen bie Intervention vertheibigen würden. Dieselbe Verpflichtung wollte man auch von den Beduinen-Scheiks fordern, diese aber lehnten eine Verbindlichkeit, einer türkischen Intervention sich zu widersetzen, ab. Die Geschwader haben Verpfle- gungs-Contracte für 3 Monate abgeschlossen. Lokale» Gießen, 25. Mai. Zu Pfingsten vorigru Jahres erlaubten wir uns die Leser aus die verschiedenen Ausflugs- und Anziehungspunkte in unserer Umgebung aufmerksam zu machen. Wir gedachten hierbei der Textor'schen Hardt, des Forstgarten s , Schisfenbergs, Westphälischen Hofes, der Burg Gleiberg, Badenburg, Lollar, Kirchberg und Staufenberg n. f w. Alle diese schönen Punkte wollen wir für dieses Jahr und namentlich zu emcm PfingstauSflng wiederum empfehlen, jedoch für heute uns erlauben, auf einige noch speciell aufmerksam zu machen und einige weitere anzudeuten. Unter den genannten Punkten möchten wir die nunmehr fast restaurirte Burg zu Gleiberg besonders empsehlcn. Durch dte anerkennenswerthen Bestrebungen des Gleibergcr Geselligkeitsvereins ist es gelungen, diese Perle des Lahnthals dem Touristen und Besucher präfentabler zu machen und durch die vorzügliche Restauration auf der Burg selbst ist für leibliche Erquickung in bester Weise gesorgt. Ferner wollen wir auf unseren Bergriesin Dünsb erg aufmerksam machen und dabei der freundlichen „Reh müh le" im Bieberthalc nicht vergessen. Für beide möge das in unserer letzten Dienstag-Nummer über den Ausflug nach dem Dünsberg Gesagte nochmals gelten. — Wenn wir in unserer Plauderei im vorigen Jahre der Weg von Gleiberg über die sieben Hügel, Bad en bürg und Lollar nach Staufenberg nahmen und dabei der freundlichen Wirthe dortselbst gedachten, so thm es uns leid, einen der letzteren vergessen zu haben, welcher in allererster Linie verdient, dem Publikum und den Touristen nach Staufenberg empfohlen zu werden. Wir meinen den Bahnhof-Restaurateur zu Station Lollar. Dieser liebenswürdige Herr gicbt sich alle mögliche Mühe, seine Gäste mit immer schmackhaften Getränken und Speisen, dabei zu civilem Preise freundlich und aufmerksam zu bedienen und sei er darum nochmals allen Besuchern des Staufenbergs und dessen Umgegend bestens empföhle. Namentlich mögen unsere Geselligkeits-Vereine, welche ihre Sommer-Partien machen, nicht versäumen, sich von der Richtigkeit des vorstehend Gesagten zu überzeugen. — Da die Kaiser-Regatta am 25. Juni in Ems stattfinden soll, hat sich auf Wunsch des dortigen König!. Badecommissars unsere Ruder-Gesellschaft entschlossen, die 2. hessische Vereins-Regatta aus einen späteren Termin zu verlegen, welcher demnächst bekannt gegeben wird. Wie wir vernehmen, sind die Anmeldungen fremder Vereine bereits sehr zahlreich eingelaufen und verspricht die Festlichkeit sich zu einer großen und imposanten zu gestalten. n r „ — Gestern Abend ertrank beim Baden in der Lahn ein Soldat der 2. Compagnie unseres 116. Regiments. Derselbe, einziger Sohn wohlhabender Eltern, war aus Ullendorf a. d. Lda. gebürtig. Eine traurige Pfingstnachricht für die armen Eltern. XSermifcbte». Koblenz, 18. Mai Am 11. Juni wird hier die erste Verbands-Regatta des „Mittelrheinischen Regatta-Verbandes" stattfinden. Die zahlreichen Anmeldungen, welche von auswärtigen Vereinen eingegangen sind, verheißen ein ausnahmsweise reichhaltiges Programm. , . Darmstadt. sLandwirthschaftliche Landesausstellung.! Großh. Ministerium der Finanzen hat nunmehr ebenfalls für die Oberhefsischen Bahnen und die Main- Neckar-Bahn — bezüglich letzterer vorbehaltlich der Zustimmung der miibethelligten Regierungen - den Besuchern der Ausstellung eine Fahrpreisermäßigung von 50p®. der einfachen Fahrtaxe gewährt, sowie für die unverkauft gebliebenen Ausstellungsgegenstände unter den üblichen Bedingungen frachtfreien Rücktransport gestattet Münster, 20. Mai. Ein interessanter Prozeß kommt am 6. Juni vor dem hiesigen Landgerichte zur Verhandlung. Die hiesige Verkaussstelle der L-iraßburger Tabakmanufactur ist nämlich von der Direction auf 18,900 XemgEtlagt, n>