Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. t Schulstraße B. 18. PrciS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Sind) die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Mußland. Petersburg, 10. Juni. Auf einem der vor Reval liegenden Kanonenboote sind zwei Ossiciere verhaftet worden, die in Verdacht stehen, der nihilistischen Partei anzugehören. — Zur bevorstehenden Krönung in Moskau werden 19 vergoldete Kutschen und 4 offene Wagen dahin geschickt werden. Der Anblick des Wagenzuges wird als ein wahrhaft großartiger geschildert, denn jedes der einzelnen Exemplare ist, mit Ausnahme der Radreifen, über und über stark vergoldet; an einzelnen befinden sich die kaiserlichen Namenszüge in Edelsteinen, welche dem Ganzen noch einen erhöhten Glanz verleihen. Zunächst fällt der für die Kaiserin bestimmte Wagen in's Auge. Derselbe, ein Geschenk Friedrichs des Großen an Kaiserin Elisabeth, ist eine geschlossene zweisitzige Chaise, deren Wagenkasten auffallender Weise nicht aus Federn ruht, sondern durch vier starke Sammetbänder getragen wird, welche ihn in einer fortwährenden schaukelnden Bewegung erhalten. Das Innere des Wagens ist mit rothem Sammet ausgeschlagen; die Wand gegenüber dem Sitze bildet eine große Spiegelscheibe; an dieser, sowie an den Scheiben der Thüren sind schwere weiße Atlasgardinen angebracht. Der gleichfalls mit rothem Sammet ausgeschlagene, reich mit Goldstickerei besetzte Kutschersitz bietet Platz für vier Personen, von denen zwei — die beiden Kammerpagen der Kaiserin — mit der Front nach dem Wagen zu sitzen, dem Kutscher also den Rücken zukehren. An den Thüren zeigt sich der russische Doppeladler in Brillanten, oben auf dem Verdeck befindet sich die mit vielen Edelsteinen geschmückte kaiserliche Krone. Der Wagen wird durch acht milchweiße Schimmel ohne jedes Abzeichen gezogen werden; die Geschirre, die wie die für die übrigen Wagen vollständig neu hergestellt, sind sämmtlich aus rothem Sammet reich mit Gold bedeckt. Die für den Wagen der Kaiserin bestimmten zieren außerdem noch goldene Rosetten, in deren Grunde sich ein Diamant befindet. Die jetzt erfolgte Neuvergoldung und Restaurirung der 23 Wagen soll 230,000 Rubel gekostet haben. Der größte Thell derselben ift geschlossen, nur vier für hoch- gestellte Würdenträger bestimmte sind offen und fallen durch ihre elegante Form fast noch mehr in die Augen, als die erstgenannten. Türkei. Konstantinopel, 12. Juni. Die Botschafter gaben der Pforte Kennt- niß von den ihnen aus Alexandrien zugegangenen Depeschen über die dortigen Vorgänge welche eine Bestrafung der Meuterer erheischen. Die Pforte telegra- Arankreich. Paris, 11. Juni. In den Wandelgängen der Deputirtenkammer machten beute die im englischen Blaubuche veröffentlichten Schriftstücke ungeheures Aufsehen, da sich daraus ergiebt, daß die orientalische Politik Garnbetta s mcht blos die Pforte-gegen Frankreich erbittert und die übrigen Mächte verstimmt, sondern auch Frankreich isolirt hätte, so daß selbst England sänimtliche Anträge Gambetta's, namentlich auch die der französisch-englischen Besetzung Egyptens, verwarf und die Besetzung durch die Türkei vorzog. Die Deputirten sprachen sich allgemein dahin aus, daß Garnbetta in Folge dieser gefährlichen Stellung zurückgetreten sei und die Abstimmung über die Listenwahl ihm als willkommener Vorwand dazu diente, durch diese Lage aber Freycinet's Politik, nicht ohne Eiiropa vorzugehen, vollkommen gerechtfertigt sei. Italien. Nom, 11. Juni. Es bestätigt sich, daß die Beisetzung der Leiche Gari- baldi's auf Caprera nur als eine provisorische anzusehen ist, daß von der Verbrennung abgesehen und eine endgültige Bestattung in Rom m Ausjicht genommen ist. Die Frage ist in einem Familienrath entschieden worden. Signora Francesca, die Wittwe Garibaldi's, lehnte jede Verantwortung für die Ntcht- besolgung der letztwilligen Verfügung ab. General Canzio, der Schwiegersohn Garibaldi's, ist jedoch mit seiner Anschauung schließlich durchgedrungen, die Lerche nicht zu verbrennen und vorläusig auf der Insel beizusetzen. Er berief sich vornehmlich auf das Votum des Doctors Brandina, eines alten Freundes von Garibaldi. Der von Garibaldi zum Testamentsvollstrecker ernannte Gewährsmann erklärte, durchaus nichts gegen die Umstoßung der testamentarischen Be- stinnnung einzuwenden. Ernem Berichterstatter der „Times" erklärten dre Söhne Garibaldi's, Menotti und Ricotti, daß sie trotz ihres ernsten Willens, die Anordnungen ihres Vaters auszuführen und die Leiche desselben zu verbrennen, sich dem gefügt hätten, was ihnen in eindringlichster Weise als der Wille der Nation vorgestellt worden sei. Sie hätten die Absicht aufgegeben, die Verbrennung vorzunehmen. Eine Gruft wurde in aller Schnelligkeit hergestellt, und hier soll die Leiche bleiben, bis das Parlainent über den definitiven Begräb- nißplatz entschieden haben wird. Der Zulauf von theilnehmenden Verehrern des Verstorbenen in den letzten Tagen ivar ein kolossaler, Jeder wollte sich etwas zur Erinnerung mitnehmen. Der Eine riß einen Cypreffenzweig ab, der Andere schlug sich ein Stück Granit vom Felsen, der Dritte begnügte sich mit einer Hand voll Erde. Leider führte der Cultus der Erinnerung auch zu einem Excesse, denn die Deputation aus Palermo bemächtigte sich des Rollstuhles, in welchem Garibaldi die letzte Zeit über immer lag, und zerschlug denselben, um die Theile davon als theures Andenken mit sich zu nehmen. Schon am dritten Tage nach dem Tode waren über tausend Beileids-Telegramme an die Familie eingelaufen. ießener Anzeiger Amts- und Auzcigeblatt für den Kreis Gießen. phirte darauf an Derwisch Pascha, welcher antwortete, daß bereits 30 Meuterer verhaftet seien. Der Adjutant des Sultans, Osman Bey, ist mit ergänzenden Instructionen nach Alexandrien abgegangen. — In dem gestrigen Ministerrathe hat, wie es heißt, sich die Mehrheit im Sinne der Zustimmung zur Conferenz ausgesprochen unter der Bedingung, daß die Conferenz nur die egyptische Frage behandele. Dem Sultan ist hierüber noch keine Vorlage gemacht worden. Aegypten. Alexandrien, 12. Juni. Viele europäische Einwohner verlassen Egypten so schnell wie möglich; das Consularcorps hat eine Proclamation erlassen, in welcher die Europäer ermahnt werden, sich ruhig zu verhalten. Gleichzeitig wird dem Vertrauen Ausdruck gegeben, daß die egyptische Armee den Gesetzen entsprechend für Ruhe und Ordnung sorgen werde. Heute sind ferne neuen Ruhestörungen vorgekommen. Die Anzahl der Todten bei den gestrigen Ruhestörungen wird jetzt auf ca. 100 geschätzt. Kairo, 12. Juni. (Meldung des Reuter'schen Bureaus) Sobald die Nachricht von den in Alexandrien ausgebrochenen Unruhen hier eingetroffen war, begaben sich die General-Consuln Deutschlands und Oesterreichs zu Derwisch Pascha, den ste antrafcn. als er im Begriffe war, sich nach Alexandrien zu begeben. Derwisch Pascha ließ dem Kriegsministertum sofott peremptorische Befehle zugehen Kurze Zec Hern>ach wurden die Truppen von Alexandrien, welche bis dah>n den Ruhestörungen als paisiv Kuschauer beigewohnt hatten, zusammenberufen und die Ruhe wieder hergestellt. Der Consularbericht bringt folgende Details, welche den ernsthaften Character der Unruhen beweisen. Der Wagen des griechischen Generalconsuls wurde von egyptischen Soldaten angeyalten, welche den Generalconsul und seine Begleiter zwangen auszusteigen und sie auf das Gröblichste behandelten. Der Generalconsul wurde mit em cm Stocke heftig geschlagen. Man machte auch den Versuch, den Wagen, m welchem sich der englische Consul befand, anzuhalten. Der italienische Viceconful wurde durch em Individuum aus der Mitte der Volksmenge durch einen Stemwurf verwund^ Die Frau des österreichischen Generalconsuls wurde bet der Rückkehr non tmtm ®paju.- gange auf der Straße angegriffen und insultut. Der ttiglische Cmtsul wurde durch Schläge auf den Kopf verletzt, doch sind die Wunden nicht gefährlich. - Die Zahl der getödteten Europäer wird nach weiteren Meldungen auf 67 angegeben. Heute früh fand^eine Zusammenkunft der Generolconsuln im englischen ^onsulargrbäude statt. Nach derselben begaben sich die Generolconsuln zu Derwisch Pascha, welcher sich ihnen gegenüber, jedoch nicht definitiv, hinsichtlich seiner Intentionen äußerte. Deutscher Reichstag. 17. Sitzung. Dienstag, 13. Juni. Präsident v. L e v e tz o w eröffnet die S tzung um IV2 Uhr. . Am Tische des Bundesrathes: Die Staalssecrectare v. Bottich er, Scho z, Unterstaaissccr-tärDr. ». W zgerathung-n über das Tabak,nanapal. . Aba Richter" Die gestrige Rede des Reichskanzlers Festen Bismarck ist eine neue Auüaae der Rede welche er am 7. Mai 1879 gehalten hat. Wenn die Rede des ^errn Reichskanzlers oom Jahre 1879 dazu beigetragen hat, die B-w ll,auug neuer Silmrn im Betrage von 130 Millionen herbeizusühren - unr unsererseits haben dazu Zchf beiae7r°°en - so muß, dieselbe wiederholt, auch aus Andere als auf uns, einen anderen°Gndruck machen, denn heute haben wir schon die Probe, was von all den^Berimechungen übrig bleibt, die wir damals vernommen haben. Wenn die SMilltik richtig stt die der Reichskanzler gestern vorgeiragen, so wird letzt noch mehr erecutirt als früher» und es scheint, als ob die Bewilligung der 130 Millionen neuer Steuern die Ursache sind, daß die Exekutionen sich in dieser Weise vermehrt haben, denn aerobe die Minderwohlhabenden, die Armen, sind es, auf welche die neuen Steuern vorzugsweise drücken- Wenn das Petroleum um 6 Pfennigs das Pfund um 3 Mennige durch den Zoll vertheuert wird, ist es da em Wunder wenn ^m Schlüsse des Monats das Geld für die Classensteuer fehlt? Mrst Bismarck kennt die aanie Classensteuer nicht, wenn er sagt, es sei eine Kopfsteuer, die sich nach dem Einkommen richtet. Fürst Bismarck meint, die Classensteuer sei an der Auswanderung fchulo und doch besteht diese Steuer in Preußen seit 60 Jahren und zwar au§ jener Hardenberg'schen Zeit, die der Reichskanzler so sehr empfiehlt. Die m Amerika bestehenden Schutzzölle sollen die Auswanderung veranlaßt haben und doch geschehe diese Auswanderung in einem Augenblick, wo wir der Segnungen des Schutzzollesebenfalls theilhaftig werden. Glauben Sie dock nickt, baß wenn wir heute bas Tabakmonopol bewilliaen baß es damit abgemacht ist; was ber Kanzler gestern versprochen hat, dazu reichen näht fünf Tabakmonopale aus, bazu würben. 5C§ Millionen erforderlich setn- Wenn die Communen heute damit umgehen, eigene indirekte Steuern bei sich zu^e^- heben so ist das kaum verwunderlich, denn es ist doch richtiger, das G-td z ^s es erst an das Reich abzusühren, wo doch überall etwas hange^e^Was würbe beispielsweise bie Stabt Berlin von dem Monopol haben. u aems Millionen Mark, während diegeschmähte Elast en-.und Miethsfteue^l4 M bringen. Fürst Bismarck hat das Bedürfniß gefühlt, hier «^^eußtschen Land- Aber ich glaube nicht, daß er mit dem Progi amm, welckes^ r für b n p B tag aufgestellt hat, mel Glück haben m‘rb' ®en_n^ erft die Erfüllung Steuerdruck abheljen, jo sind wir auch dabei, aber w °^labe»ejt§ erfolgten Sreuer- der alten Versprechungen mir verlangen dies auf Grund b^r arbeitet man im bewilligungen. Wahrenb wir neue Reic^steuern m g l @r^un0 bcv mrecten preußischen Staatsminlfterium an neuen Staatssteu , welche ben Steuer- Steuern sollen sogar bie 14 M'lllonen wieber ei 6 brach ^nommen werben Zahlern soeben erlassen worben sinb. Man fragt, woher ^i^rlen Einnahmen. Erne sollen? Durch die in Folgeder. besseren Verh QUf. Rebner gute Ernte bringt Alles em unb ^ermaltung, um zu zeigen, baß exemplistcirt auf bie einzelnen Zwerge der p 6 sw^^ gegenwärtige ©teuerstem fei bie Einnahmen in stetem Steigen begnsten st . b fein wirb, noch runiz'g noch gar nicht durchgeführt. unb im-rb m n^n Zöllen ist sitzt bereits Millionen ergeben, bie MiNimalsckatzung b r c g i weiter, als angemenene übertroffen worden. Die Resolution L ngens venangr^^ w Sparsamkeit ber Sparsamkeit, sie weist jede abenteuer chP.^ $ gemacht hat, ist unter ben Etats. Die alte preußische diese muß wieder zur Geltung Milliarden bei dm Behörden vielfach verscywunoen, gebracht werden. _ ... hna aQme bisherige System ab, insbesondere das, Die Resolution Llngms Ie^b b§Q§9 ^ftem o0n den ungemessenen Verbrauchs- was der Kanzler seme Reformbcbeutet nichts anderes, als eine Verschiebung steuern. Der Plan des Reichsk nzt Minderwohlhabenden, aus die ärmeren M ff V°?ist d"r^Kern der ganzen Reform, das ist das Volksschavliche der jetzigen Politik. Wer noch im Zweifel gewesen ist über die Annabme der Resolution LingenS, der muß nach der gestrigen Rede des Reichskanzlers von dem Zweifel zurückgekommen sein. Wenn der Reichskanzler dem Abgeordnetenhause den Vorwurf macht, daß es das Verwendungsgesetz nicht gehörig durchberathen habe, so ist doch darauf aufmerksam zu machen, daß die Regierung 14 Monate gebraucht hat, um das Gesetz durchzuberathen. Der Herr Reichskanzler scheint überhaupt nicht mehr m t einem selbstständigen Parlament arbeiten zu können. Wenn er sagt, der preußische Landtag sei der Auflösung werth, so möchte ich ihn fragen, warum löst er den Reichstag nicht auf? Wir sind ja doch viel schlechter. Hat der Reichskanzler mehr Zutrauen zu dem Dreiklyssen- Wahlsystem, diesem elendesten, widersinnigsten aller Wahlgesetze? Der Ton, den gestern der Rerchskanzler gegen den Landtag angeschlagen, führe auf den Weg der Vergewaltigung. Kein Monarch hat von der Volksvertretung in diesem Tone gesprochen, wie derselbe Staatsmann, der doch der Volksvertretung verantwortlich ist. Gerathen wir in Preußen zu einem Conflict, so wird er auch das Reich ergreifen und die Verantwortung dafür trifft die Mittelparteien. Der einzige Gerechte vor dem Reichskanzler ist nur noch der Abgeordnete v. Ludwig (Heiterkeit), der ist das Ideal eines Volksvertreters für den Herrn Reichskanzler. Fürst Blsmarck führe wieder wie im Jahre 1847 die Sprache des Absolutismus. Das Heil der Dynastteen aber ruhe beim Volk. Wir vertreten hier die Interessen des Volkes, des Vaterlandes und auch des Königs, dem wir nicht weniger dienen als der Kanzler. (Lebhaftes Bravo links; Zischen rechts.) Staatssecretär im Reichsschatzamt Scholz entgegnet, die gestrige Rede des Herrn Reichskanzlers sei allerdings in gewissem Sinne eine Wiederholung früherer Reden gewesen, da es sich eben um die Steuerreform handle, zu der naturgemäß bereits Gesagtes vorgetragen werden mußte. Uebrigens gebühre gerade der heutigen Rede des Vorredners mehr die Qualität der zweiten Auflage einer bereits gehaltenen Rede, da derselbe eben durchaus nichts Neues vorgebracht habe (Zustimmung rechts). Richter würde ja auch seine heutige Rede gar nicht gehalten haben, wenn der Herr Reichskanzler eben gestern nicht ins Schwarze getrosten hätte. — Wie ein rother Faden ziehe sich durch die Reden der Opposition trotz Darlegungen des Gegentheils die unbegründete Behauptung, der Reichskanzler habe Versprechungen gemacht, ohne sie zu erfüllen. Seit Jahren würde thatsächlich an der Realisation der Versprechungen gearbeitet: das beweisen u.A. die Steuererlasse, die Ueberweisungen von Reichseinnahmen an die Einzelstaaten. Der Vorredner habe sich über den gestrigen Ton des Reichskanzlers beklagt, aber sei es denn ein angemessener Ton, wenn beispielsweise dem obersten Reichsbcamten vorgeworfen worden, er kenne nicht einmal die während seiner Amtsthätigkeit erlassenen Steuergesetze. Eine ganz ungeheuerliche Uebertreibung sei es, wenn der Abg. Richter behaupte, zur Einlösung der Versprechungen des Kanzlers seien die Erträge von 5 Monopolen erforderlich. Was die Resolution Lingens betreffe, so werde angemessene Sparsamkeit bereits von der Regierung geübt, sie brauche daran nicht gemahnt zu werden. Den Ausdruck: „Macht geht vor Recht" habe der Reichskanzler nicht, wie der Vorredner behauptet, „abgeleugnet" derselbe habe vielmehr konstatirt, daß man ihm jenes Wort mit Unrecht untergeschooen habe. Die gestrigen Ausführungen des Reichskanzlers über das Fraktionswesen ständen mit früheren Aeußerungen desselben keineswegs im Widerspruch; sie ergänzten sich vielmehr. Beifall rechts). Abg. Frhr. v. Minnigerade polemisirt gegen ckie Richter'schen Ausführungen und bezeichnet es als uneryört, daß Richter gegen den Reichskanzler das Strafgesetzbuch wegen falscher Vorspiegelungen, Ausbeutung des Leichtsinns, Nothlage, der Unerfahrenheit zitirt habe. Das System des Kanzlers könne unmöglich als das Bestreben nach Mehrbelastung des armen Mannes zu Gunsten der Reichen bezeichnet werden; dem widersprächen schon die cingebrachten Arbeiterversicherungsgesetze. Die Rede des Kanzlers bezwecke Aufklärung des Volkes. Richter wolle Aufregung zu politischen Zwecken, dessen Rede schaffe keine Beruhigung, sondern erzeuge neue Unruhe. (Zustimmung rechts). Die Drohung mit fortschrittlichen Erfolgen bei den nächsten Wahlen erschrecke ihn nicht, man habe es schon erlebt, daß sich der Richter (Hagen) in einen Richter (Berlin) umwandelte (Heiterkeit). Daß Richter einen Konflikt nicht scheue, glaube er gern, aber das Urtheil über den Patriotismus der Fortschrittspartei während der Konfliktsperiode überlasse er getrost der Geschichte. Die Fortschrittspartei sollte doch nicht vergessen, was Deutschland dem Reichskanzler schulde. Der Reichskanzler werde trotz aller oppositionellen Anfechtungen immer der große Mann bleiben oder als solcher anerkannt werden, selbst dann noch, wenn man von der Fortschrittspartei nichts mehr wisse. — Zum Monopol selbst übergehend konstatirt Redner, daß ein Theil feiner politischen Freunde aus sachlichen Gründen theils für, theils gegen das Monopol fei, jedenfalls verdiene das Monopol resp. die höhere Besteuerung des Tabaks die ernsteste Erwägung. Redner setzt sodann weiter auseinander, daß man systematisch gegen die Straßburger Tabaksmanufactur Hetze und sie zu diskreditiren suche, er wendet sich sodann gegen die Kommissionsberathung, die ihn nicht befriedigt hat Redner schließt mit der Erklärung, daß einTheil seiner politischen Freunde für das Monopol stimmen würden. Abg. Dr. Windthorst: Ich halte ausdrücklich aufrecht, was ich in der ersten Berathung gesagt habe. Abg. Bamberger hat die Insinuation wiederholt, als ob ich bemüht gewesen wäre, eine Entscheidung über die Tabaksfrage an sich hinauszuschicben. Das habe ich zu keiner Zeit gewollt und zu keiner Zeit einen Schritt in dieser Richtung gethan. Ich habe nur darau hingewiesen, daß es nöthig sei, die Sache gründlich zu erörtern. Ich wünschte, daß die Herren vom Fortschritt das Monopol bei den Wahlen nicht wieder in derselben Weise ausnutzen, wie dies bisher geschehen. Ich kann weder die Kommtssionsberathung noch den vorliegenden Bericht als objektiv bezeichnen; es liegt keine objektive Berathung der Entschädigung und ebenso keine Erläuterung über die Frage vor, wie weit die neue Steuer aus das Gewerbe der Tabakinteressenten eingewirkt hat, und gerade dieser Punkt wäre nothwendig gewesen, ausführlich zu erörtern. Wenn Sie diese Untersuchung unterlassen, so sage ich Ihnen im Voraus, daß daraus das stärkste Argument für die Wiedereinbringung des Monopols angeführt werden wird. Wenn die Regierung mit dem Monopol wieder kommt, wird man begreifen, daß es richtiger gewesen wäre, wenn man dem Rathe des alten Windthorst gefolgt wäre (Heiterkeit). Ich habe keinen Verzicht des Reichskanzlers auf das Monopol vernommen und ich möchte deshalb in dieser Beziehung keine Illusionen aufkommen lassen. Wir Gegner des Monopols hatten also alle Ursache, die Sache gründlich zu prüfen, und die Fabrikanten mögen es sich gesagt sein lassen, die heutige Diskussion ist das Ende nicht. Das ist aber ein großer Schaden für eine große Industrie und für die weitere ruhige politische Entwickelung. Im Interesse einer gesunden ruhigen konservativen Politik möchte ich deshalb noch einmal an den Herrn Reichskanzler die Bitte richten, offen und bestimmt zu erklären: „nach dem ablehnenden Votum trete ich von d.m Monopol zurück". — Er halte den Gedanken des Reichskanzlers für sehr bedeutend, aber er theile denselben nicht und glaube auch nicht, daß er sich in diesem Leben zu der Ansicht des Kanzlers bekehren werde. Zahlreiche Leute würden durch das Monopol brodlos, viele Existenzen vernichtet werden. Vorzugsweise aber würden unsere Hansestädte unter dem Monopol leiden, ein Menschenalter würde nicht ausreichen, diesen Schaden wieder gut zu machen. Gerade aber für Norddeutschland seien die Hansestädte von der größten Wichtigkeit. Was die Auswanderung anlange, so sei es zum Theil der Steuerdruck, der die Leute von hier forttreibt, dann aber auch, weil man es in Deutschland Vielen unmöglich gemacht, ihrem Gotte zu dienen. Der Kanzler habe durch die Wirthschaftspolitik sich ein großes Verdienst erworben, und seine Partei werde auch die weiteren Ziele desselben, Erleichterung der ärmeren Klassen, Erleichterung der Kommunen und Erleichterung der Schullasten, gern unterstützen, aber das Monopol bitte er abzulehnen. Lasse man endlich in Ruhe, was man nicht erreichen kann (Bravo im Centrum). Abg. v. Kar dorff ist der Ansicht, daß der Tabak eine höhere Besteuerung sehr wohl vertragen kann und daß diese auch werde eintreten müssen. Gerade für die arbeitenden Klassen bilde diese höhere Besteuerung ein erziehliches Moment, und das sei auch der Grund, weßhalb man in allen Kulturländern das Monopol eingeführt habe. Es fei den Arbeiterinteressen nicht förderlich, daß die Arbeiter den vierten oder fünften Theil ihrer Einkünfte für solche Genüsse ausgeoen, und wenn man in dieser Beziehung Erschwerungen eintreten läßt, so thue man ein gutes Werk. Nach dem manchesterlichen Grundsatz kann allerdings der Arbeiter nach Möglichkeit ausgebeutet werben, der Fabrikant solle volle Freiheit haben, aber vom Staate behaupte man, daß er die Arbeiter bedrücke. Redner hat aber mancherlei Bedenken gegen das Monopol, namentlich befürchtet er von der Vermehrung der Staatsbetriebe eine Schwächung der konservativen Partei. Man müsse mit dem allgemeinen direkten Wahlrecht rechnen, wenn er aber sehe, wie von fast allen Parteien an die Leidenschaften der Masse appellirt wird, so möchte er nicht die Mittel für diese Agitation durch neue vermehren. Auf das Urtheil der Masse, von welchem Herr Bamberger gesprochen, lege er fein so großes Gewicht; was wäre aus Deutschland geworden, wenn die preußische Reaieruna sich bet der Armeeorganisation sich von diesem Willen hätte beeinflussen lassen Redner wendet sich sodann gegen die^Art und Weise der fortschrittlichen Agitationen, der verstorbene Abgeordnete Waldeck wurde sich solcher Agitationen geschämt haben. Weiter wendet sich Redner gegen die zahllosen Verdächtigungen, denen der Reichskanzler fortdauernd gusgesetzt sei. Die Agitation des Herrn Bamberger, der ohne Auftrag im Namen des deutschen Volkes gesprochen, gehe darauf hinaus, nicht blos dem Reichskanzler fein Amt zu verleiden, sondern auch dem Volke die Freude an dem Reiche rn wissen^"' $ie ^^6)^ werde die Thaten des Reichskanzlers besser zu würdigen ™ t Unterstaatssekretär Dr. v Mayr bedauert, daß der Vorredner, der doch ein Bahnbrecher der Wirthschaftspolitik der Regierung gewesen und diese in ihren Begebungen auf dem wirthschaftlichen Gebiete unausgesetzt unterstützt habe, gegen das Monopol sei. Redner wendet sich hierauf gegen einzelne Aeußerungen der Vorredner und beleuchtet an der Hand eines umfassenden statistischen Zahlenmaterials die von ihm in der Kommission gemachten Darlegungen, indem er sich dabei insbesondere auch gegen den Referenten wendet. ,. . Dr. Abg. Magdzinski präzisirt den Standpunkt der polnischen Fraktion da- hm, daß sie sich der Abstimmung über das Monopol enthalte und gege jede Resolution stammen werde. Hierauf vertagt sich das Haus bis Mittwoch 11 Uhr. Schluß 51/» Uhr. Telegraphische Depesche«. Worff's telegr. Correspondenr-Brrrearr. Berlin, 13. Juni. Einigen Abendzeitungen zufolge hätte sich der Reichskanzler privatim dahin geäußert, daß die Regierung dem Anträge auf Vertagung des Reichstags nicht entgegentreten würde. — Der Kaiser wohnte mit der Kaiserin und der Kronprinzessin der Einweihung der Altersversorgungs-Anstalt Der Kaiser-Wilhelm- und Augusta-Stiftung bei. Gegenüber dem Oberbürgermeister Forckenbeck drückte der Kaiser seine Freude über die so schöne Herstellung des Gebäudes aus, welches einen neuen Beweis der Opferfreudigkeit bllde, worin Berlin der ganzen Monarchie voranleuchte. Ein Festgottesdienst schloß die Feier. Breslau, 13. Juni. Das „Schles. Morgenbl." veröffentlicht die Antwort des Reichskanzlers auf das Begrüßungs-Telegramm des conservativen Parteitages, in tvelcher Fürst Bismarck für die Zusage der Unterstützung seinen Dank ausspricht und erklärt, daß er an der nach dem Willen des Kaisers in Angriff genommenen socialpolitischen Reform festhalten werde, so lange er im Amte bleibe. Meißen, 13. Juni. Bei der am 9. ds. stattgehabten Reichstagsnachwahl für den Wahlkreis Meißen erhielt nach ofsicieller Feststellung Kümpffer (Fortschr.) 7005, der Gegen-Candidat Schickert (conf.) 6443 Stimmen. Rom, 13. Juni. Deputirtenkammer Der Minister des Auswärtigen, Mancint beantwortete die an die Regierung gerichteten Interpellationen bezüglich Egyptens und gab zunächst eine Ueberficht über den Verlauf der Ereignisse seit dem September 1881. Mancint äußerte sich sympathisch Über das Erwachen des nationalen Lebens in Egypten sowie über die Thät'gkett der Notabeinkammer, betonte aber, daß dem durch die Ueber- griffe des Militärchefs geschaffenen anormalen Zustande nur die Einigkeit der Machte ein Ende machen könne. Der Minister erwähnte sodann den identischen Schritt der vier Mächte in Paris und London, um die Competenz europäischen Concerts zur Lösung der egyptischen Frage zu betonen. Weiter theilte der Minister mit, daß Frankreich und England die Competenz des europäischen Concertes anerkannt und sich anheischig gemacht hätten, weitere Maßregeln mit den Großmächten und der Türket zu vereinbaren. Im Einverständniß aller sechs Machte sei dann dem Sultan die Entsendung eines Commissars nach Egypten angerathen und der französisch-englische Conferenzvorschlag von den übrigen Machten befürwortet worden. Der Zweck der Conserenz sei die Aufrechterhalrung der von Europa anerkannten politischen Verhältnisse Egyptens. Mancini glaubt, daß die zeitweilige Absendung türkischer Truppen im Nothfalle das geringste Hebel wäre. Die vier Großmächte hätten von der Entsendung von Kriegsschiffen Abstand genommen, sich aber vorbehalten, erforderlichenfalls zum Schutze ihrer Staatsangehörigen herbeizueilen Demzufolge sei, als die Nachricht von ernsten Unruhen, biejn Alexandrien ausgebrochen, eintraf, das Panzerschiff „Castel- sidardo" von Port e>a'b nach Alexandrien beordert worden. Die blutigen ©eenen seien um so mehr zu bedauern, als viele Personen denselben zum Opfer gefallen sind. Mancini hob zum Schluß hervor das mehrmonatliche beständige Einvernehmen unter den vier Cabineten und die Haltung der Westmächte; diesen gegenüber könnte es als die glückliche Erprobung eines wirksamen, für die Lösung ernster internationaler Fragen wohlthätigen Mittels und als ein Unterpfand der Eintracht und des europäischen Friedens betrachtet werden. Der Schriftwechsel werde in dem Grünbuch vorgelegt werden; die Regierung werde in der dargelegten Politik verharren und sorgfältig ihre Pflichten erfüllen. (Anhaltender Beifall ) Petersburg, 13. Juni. Die Kaiserin ist heute Morgen in Peterhof von einer Tochter glücklich entbunden worben. Die neugeborene Großfürstin erhielt den Namen Olga. — Der größte Theil der hiesigen Presse äußert sich mit Genugthuung über den Rücktritt Jgnatieff's, dessen einjährige Ministerthätigkeit im Allgemeinen Angesichts der schwierigen Lage als wenig fruchtbringend bezeichnet wird. Bezüglich der Ernennung des Grafen Tolstoy halten sich sämmtliche Zeitungen reservirt. Alexandrien, 13. Juni. Der Khedive und Derwisch Pascha sind hier angekommen und im Palais Ras-el-Tin abgestiegen. — Die italienische Corvette „Castelfidardo" ist hier eingetroffen. Lokale-. Gießen, 14. Juni. Dem Thierschutz-Verein für das Großherzoglhum Hessen gehören aus unserer Stadt ca. 230 Mitglieder an. Der jährliche Beitrag derselben im Minimum von 1 jä wurde nach Darmstadt abgeführt und erhielten die Mitglieder hierfür die Zeitschrift des Vereins zugestellt. Im strengen Winter 1879/80, welcher das Erbarmen aller Thierfreunde erforderte, war es eine Anzahl hiesiger Herren, welche aus ihren Mitteln und unterstützt von Freunden der Thierwelt die so sehr nothwendigen Futterplätze für das feiernde und hungernde gefiederte kleine Volk herrichteten und mit dem nöthlgen Futter versorgten. Vom Hauptverein in Darmstadt ist eine ausreichende Unterstützung hierbei nicht geschehen. Damit nun für die Folge die hiesigen Mitglieder des Thierschutzoereins sich enger aneinanderschlicßen und einen festen Halt und demgemäß auch einen eigenen Fond haben, aus welchem die nöthigen Ausgaben bestritten werden, hat sich ein prov. Comitä gebildet, welches die Bildung eines Local-Zweig- vereins für den Thierschutz in hiesiger Stadt anstrebt- Die Herren halten es wohl für selbstredend, daß alle Mitglieder des Landes-Vereins auch Mitglieder des Local-Vereins werden. Eine Mehrleistung am Vereinsbeitrag wird nicht beansprucht, da von dem bisher gezahlten Betrage der Landes-Verein seinen Beitrag für die Zeitschrift erhält, der überschießende Rest jedoch, sowie etwaige weitere Gaden nur für die Interessen des Vereins in hiesiger Stadt verwendet werden sollen. Das seitherige Verhältniß der Mitglieder zum Hauptveiein war gewissermaßen eine Anomalie zu nennen. War hier Noth unter der Thierwelt, so mußte in die eigene Tasche gegriffen werden, abgefehen davon, daß durch die engere Aneinanderschließung der Mitglieder im Local-Verein die Vereinszwecke viel mehr gefördert werden. Die Generalversammlung des Landes- Thierschutz-Vereins am 9. November 1881, welche dahier im Hotel zum „Einhorn" tagte, hat es auch für wünschenswerth erachtet, daß sich überall Zweig Vereine bilden und glauben die Herren, welche das Inserat in heutiger Nummer unterzeichnet haben, keinen Fehlgriff zu thun, wenn sie alle Mitglieder des großen Landes-Vereins zur Bildung eines Zweig Vere'ns für Gießen einladen. Feststellung der Statuten und Wahl des Vorstandes wird die Tages-Ordnung einer auf Freitag den 23. d. Mts. r Ane S? M 6e,ftr i» Äi£ «y W, lWn der ßrn> ^ateriors J-rebn« h ÄL rte M insbesondere -SSte hätte sich der I oem Äntrage auf ^Prinzessin der Ein- ^Angusta-Stistuno e der Kaiser seine feinen neuen 1 Monarchie voran- erössentlicht die Ant- 1 des conservativen Unterstützung seinen willen des Kaisers in de, so lange er im bten Reichstags/^- Feststellung topfet :3 Stimmen. üuslvärtigen, SDlancinl lejüftlid) Egyptens und dem September 1881 alenWns in Egypten 3 dem durch die lieber; e Einigkeit dec Mächte identischen Schritt der opäischen Eoncerts zur inifter mit, daß Jranf; § anafannt unb M i(fyttn unb der lüuti btm Sultan bit 6nt? sranzösisch-enMche m. Der Ä« Truppen a i von brr Entsendung nlocderlichensalls zum als die Nachricht von is Panzerschiff Fastel- Die blutigen Scenm m Opfer gefallen M ü? Einvernehmen un « Silber könnte es als die !S» ÄS# Morgen in WHt iA mit GrmgW «AS Ssrr ffl&TÄ SiklS l'ÄSS testen besE en sfteSs sfcÄ Loc^?Landes' .^AlllNö ^Who.sN i'L'-S!!" -äss t« etf? ff ff tm Caf4 Schwtnn abzuhaltenden Generalversammlung sein. Hoffen wir, daß alle Mitglieder des Landes-Vereins zur Bildung des Zweig-Vereins ihre Zustimmung geben und daß noch viele andere, welche seither dem Thierschutz-Verein fern gestanden, nunmehr sich thatkraftig an der schönen edlen Sache betheiligen und als Mitglieder des Zweig-VereinS beitreten. Gießen, 14. Juni. Die Sterblichkeit in unserer Stadt war während der Woche vom 4. bis 10. Juni nicht nur im Vergleiche zu der vorausgegangenen Woche, sondern auch an und für sich eine sehr niedrige. Es waren nur 2 Sterdefälle zu verzeichnen, einmal erfolgte der Tod durch Eitervergiftung, einmal durch Lungenerweiterung. Beide Fälle ereigneten sich bet Frauen. G. — Ein junger Mensch wurde wegen Diebstahl von einem Paar Stiefel verhaftet. — Ein Handwerksbursche, der in betrunkenem Zustande bettelte und verhaftet wurde, fühlte sich bei seiner Verhaftung gekränkt, als der betr. Schutzmann ihn fragte, wo er den Schnaps getrunken habe. „Ich habe mich nicht an Schnaps, sondern an Bier voll gesoffen*, erwiderte er. Vermischte». Wiesbaden, 7. Juni. Gestern früh starb nach längerer Krankheit der Prediger der hiesigen freireligiösen Gemeinde Herr Carl Hiepe. Geboren 1812 zu Hanau, studirte er in Gießen Theologie; die hiesige Stelle bekleidete der Verstorbene schon seit 30 Jahren. Baumbach, 5. Juni. Eine Bauersfamilie aus dem Dorfe Schwarzenhasel ließ thr kleines Kind, während sie auf dem Felde arbeitete, im Haus zurück und vergaß wahrscheinlich die Stubenthür zu schließen. Letzteres Versehen sollte sich bitter rächen. Ein Schwein drang durch die Thür in das Zimmer, fraß dem armen Kind ein Ohr und die Finger ab und richtete überhaupt das Würmchen so zu, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Wie ernst mahnt dieser Fall, daß Eltern mehr (Sorgfalt für ihre Kinder haben sollen. Mannheim, 12. Juni. Ein mit sieben jungen Leuten besetztes Ruderboot eines hiesigen Rudervereins fuhr gestern Nachmittag von hier stromaufwärts auf dem Neckar und es hatten sich die Ruderer trotz der eindringlichsten Warnungen wegen der hoch- gehenden Wellen nicht von dieser Fahrt abhalten lassen. Dieselbe sollte leider eine sehr verhängntßvolle werden. In der Nähe der Freudenheimer Ueberfahrt bekam das Boot Wasser, die Jnsaffen glaubten, dasselbe nicht mehr gegen die Strömung halten zu können und sprangen deshalb zu gleicher Zeit ins Wasser, um sich durch Schwimmen zu retten. Vier von den jungen Leuten gewannen das Ufer, ein weiterer hielt sich an dem Boot fest und wurde von dem Fährmann gerettet, während Fritz Schuppe von hier und Franz Kaser von Appenweier, beide in hiesigen Kaufmanns-Geschäften thätig, sofort ertranken, trotzdem dieselben als gute Schwimmer bekannt waren. Der Fall ist um so bedauerlicher, als beide Ertrunkene die hoffnungsvollen Söhne von Wittwen sind, deren Schmerz um den harten Verlust man sich leicht denken kann. Jedenfalls mag diese unheilvolle Catastrophe eine Warnung fein, mit schwankenden, leichtgebauten Booten bei stürmischem Wetter größere Fahrten zu unternehmen und den beliebten und gern gepflegten Sport zu leichtfertigen Wagnissen zu benützen. Budapest, 13. Juni. In Werschetz fand ein furchtbares Gewitter statt. Die Brücke stürzte ein, 44 Personen blieben tobt, die Noch und Aufregung ist groß. — sGesundheitsgefährliches Hutfutter.) Es ist in der letzten Zeit häufig vorgekommen, schreibt ein Berliner Blatt, daß die Träger von neuen Strohhüten von^einem friefelarttgen Ausschlag an der Stirn, soweit sie von dem Hute bedeckt wird, befallen werden, wozu sich auch bald Kopfschmerzen und ein eigenthümlrches Pochen in der Schläfegegend gesellen. Meistens werden diese Krankheits-Erscheinungen der Hitze oder anderen Umständen zugeschrieben, dieselben sind indessen thatsächlich nur daraufzurückzuführen, daß das Futter in den neuen Hüten in diesen Fällen mit Anilinfarben gefärbt war, welche Arsenik enthielten und dadurch den nachtheiligen Einfluß ausübte. Man vergewissere sich also beim Ankauf von neuen Hüten in dieser Beziehung über das Futter der Hüte Wafferwärme der Lahn. Am 14. Juni, Mittags zwischen 11 und 12 Uhr: + 1O%° R-, Luftwärme + 9° ft. L. Ehr. Rübsamen. ~ tEine drollige Antwort.) In einer fashionablen Töchterschule in Detroit fragte die Lehrerin kürzlich, wie viele der Mädchen anwesend seien. Als sie keine ^rorortk erh'-lt, wiederholte sie die Frage, worauf die jüngste Schülerin antwortete: „ES sind achtzehn junge Damen anwesend, die Mädchen sind alle tn der Küche." ~ f®,ne Ordensgeschichte.) ß., ein Offizier a. D- in Twer, erhielt für frühere ftab,enftc einen Orden und sollte dafür an Sporteln 20 Rubel zahlen. L-wies 5 ih" Nicht bezahlen konnte. Der Ol den wurde nun der Äb^faudt mit der Anweisung, denselben an den Mann zu bringen und dafür 20 Rubel emzukassiren. Auch der Polizei gegenüber blieb der Offizier standhaft, ^homCOnKb0(^7 SS ?°2>CCl^rOn' sich den Orden selber kaufen werde, da er in jebem Caben 7 bis 8 Rubel unb nicht 20, wie bei ber Krone, koste. Die Polizei hat nun höheren Orts angefragt, was mit bem Widerspenstigen zu thun sei. Mord.) Vor dem Wiener Schwurgerichte stand kürzlich Michael aItZ r?^oIÄ verheiratet, Taglöhner, Vater von brel Kindern, holten, unter der Anklage, er habe am 8. Mai d. I. Morgens in seiner Wohnung der Magd Barbara Lachinger unb seinen ehelichen Kinbern Michael und Maria Haunold tn ber Absicht, dieselben zu tobten unb zwar ber Barbara Lachinger tm tückischen Angriffe an verschiebenen Theilen bes Körpers lebensgefährliche Ver- letzungen beigebracht, woraus bei jeher ber brei vorgenannten Personen ber Tob erfolgte und habe daburch bas Verbrechen bes Mordes begangen. Der Angeklagte ist seiner sicher er noch einen Selbstmordversuch unternommen hat, vollkommen geftänbig unb wurde nach bem Wahrspruche ber Geschworenen zum Tobe burch ben Strang verurtheilt. ~ ~ sDie Ausstellungen in Nürnberg unb in Wien.) Wiener Blätter schreiben: „Die Nürnberger Ausstellung erfreut sich eines außerorbeMlich zahlreichen Besuches. Bis zum Abenb bes 3. Junt würben 89,000 Eintrittskarten beim Eintritte abgegeben unb bte Zahl ber h erbei nicht mitgerechneten Saifonkarten ist schon über 5300. In bem irn Verkehrspavillon befinblichen, mit einer prachtvollen, aus früheren Jahr- hunderten ftammenben Holzvertäfelung geschmückten Lesezimmer liegen beretts 122 Fach- zettschnften unb politische Zeitungen auf." Daran möge sich bas Comite ber inten Z onalen Ausstellung in Wien ein Beispiel nehmen! Die Nürnberger Ausstellung tft lediglich eine Lanbes-Jnbustrie-Ausstellung unb ist erst seit dem 15. Mai eröffnet «"o die Besucherzahl ist bereits eben so groß wie jene der Wiener internationalen Kunstausstellung, die fojon am 1. April eröffnet wurde. Man muß es nur verstehen, eme Ausstellung in Scene zu setzen- — In Straßburg erscheint eine neue Zeitung, die van Herrn Wurst gedruckt wird; ber finanzielle Direktor heißt Schmutz und die Druckerei liegt auf dem Saumarkt. t I"e tn Dingolfing erscheinende „Jsarzettung" erfährt „aus bester Quelle", der erste Treffer ber Dingolfinger Lotterie mit 60,000 Mark sei bem „Gesangslehrer am Taubstummeninstitute in Straubing", Herrn Mayer, zugefallen. Gesangslehrer am Taubstummeninstitute, bas ist nicht übel. — Aus dem Familienleben des Khedive verdient hervorgehoben zu werden, daß derselbe auf europäische Art erzogen, nur eine einzige Frau und keine Favoritin besitzt. Seme Muße bringt derselbe ausschließlich im Kreise feiner Gattin unb feiner brei Kinder zu. Der Vicekönig ist von mittlerem Wüchse, trägt einen Hellen Vollbart unb weist eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit bem Prinzen von Wales auf. rr $*”**£* «. M., 14 Juni, Nachmittags' 2 Uhr - Mn. (Telegraphischer Coursbericht. Mitgetherlt burch bas Bankgeschäft Albert Kaufmann in Gießen.) Crebitactten 274%, Staatsbahnactien 278%, Galizier 269%, Lombarden 123%, Nord- westbahnactien 175%, Darmstäbter-Bankactien 159, Oberschlesische E.-B.-Act. 246%, Oesterr. Silberrente 65%, 4% Ungar. Golbrente 75, 4% 1880er Russen 69%, 5% 1877r Russen 84"%, 2. Orient-Anleihe 56, Spanier 28%, 5% Rumänische Rente —, 4% Unific. Egypter 66%. Tendenz —. Oderhess. Eisenbahnen. Mit dem 1. Juli gelangt der Nachtrag v zum Lokal-Perfonentaris zur Einführung. Derselbe enthält Bestimmungen wegen Beförderung von Krankenpflegern bczw. Krankenpflegerinnen zu ermäßigten Preisen, sowie wegen Fahrpreisermäßigungen bei Schülerausflugen. Nähere Auskunft hierüber ertheilen sämmtliche Billetexpeditionen. Gießen, den 9. Juni 1882. 4109 Großh. Direktion. Betr.: Konkurs über das Vermögen des unbekannt wo abwesenden Krämers Gustav Köhnke von Wieseck. R e s o 1. Die Konkursgläubiger des Gustav Köhnke von Wieseck werden zum besonderen Prüsungstermin für die nachträglich angemeldete Forderung des G. Chr. Spruck von Gießen von an. Wirth s JVachf. Vermietyungen. 4099 Großes und kleines Logis zu Der; miethen. Karl Heil, Schützenstraße. 4094 Der 2. Stock, bestehend in 3 Zimmern, Küche nebst allem Zubehör, ist bis 1. September zu vermiethen. Georg Oertel, Frankfurterstraße. 4091 Parterre-Wohnung (5 Zimmer nebst allem Zubehör) ist zu vermiethen. Näh, beiC. Vogel, Nord-Anlage 116*. 4095 Ein kleines Logis vermiethet _________Karl Euler, Hammstraße. 4100 Eine freundl. Wohnung von vier schönen Zimmern und Küche in verschl. Cor- ridor, mit Boden und Keller sogleich zu vermiethen. W. Ferber, Buchhdlr., Kirchenplatz. 4086 Ein Logis von 3 Zimmern in meinem Vorderhaus, sowie ein kleines im Nebenhaus zu verm. I. GesrgUnverzagt- 3696 Ein kleines Mansardenlogis für ein auch zwei Personen hat zu vermiethen ____________L. Petri II., Ludwigsplatz. 4087 Der erste Stock oder der Mansardenstock meines Hauses (Neue-Bäue B. 87) ist per 1. August zu vermiethen. __Frau Dr. Brühl Wwe. 4089 Ein kl. Familienlogis zu ver- mtethen im Hinterhaus und eins desgleichen im Vorderhaus. „Gasthaus z. Löwen". 4107 Logis, sowie ein einzelnes Zimmer, gleich beziehb., zu verm. in Neue-Bäue B. 90. □Kg“ Wegen der eingetretenen ungünstigen Witterung findet das 1. Abonnement Concert nicht morgen, sondern erst Z Donnerstag den 22. Juni statt. C Krauste, Kapellmeister. TWiwiS des Evangelischen Kirchengesangvereins für Hessen, unter Mitwirkung der Vereine von Aliendorf a. d. Lumda, Frankfurt, Friedberg, Giessen, Lieh, Londorf, Nauheim,, Zwingenberg, am 18; Juni 1888, Nachmittags ?‘/2 Uhr, in der Stadtkirche zu Giessen. Eintrittskarten und Texte sind in der Universitätsbuchhandlung von? Ferber und in der Musikalienhandlung von Rudolph zu haben. Preise der Plätze: Reservirte Plätze auf der Orgelbühne und im vorderen Schiff 2 X- Plätze unter der Orgel und auf der ersten Bühne 1 X Plätze auf der zweiten Bühne 50 H. Texte ä 10 H. 3917 Da* FeNt-Oomlte» = Poschels Brauerei. Heute, Mittwoch den 14. Juni, Abends von 8 itijr ab: MMM-LlMffrl der Familie Gartner. Todes-Anzeige. Statt besonderer Anzeige Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Mittheilung, daß unser unvergeßlicher Gatte, Vater, Schwiegervater und Großvater Daniel Hilgardt im Alter von 66 Jahren nach langem, schwerem Leiden sanft verschieden ist. Gießen, den 13. Juni 1882. Die trauernden Hinterbliebenen. Die Beerdigung findet Donnerstag Nachmittag 4 Uhr vom Sterbehause, Wagengasse Nr. 26, aus statt. 4103 4101 Ein Familienlogis zu vermiethen. Löwengasse C. 108. Vermischte Anzeigen. 4088 Eine ältere Frau oder ein junges Mädchen für die Tagesstunden zur Beaufsichtigung eines kl. Kindes gesucht. Näheres bei der Exped. ds. Bl. Carl Stohr, Schlosser, empfiehlt sich zur Ausführung uoii BUtzMeiter- Anlageu in bewährtester Construction. Durch Nachprüfung meiner ausgeführten Blitzableiter durch die Herren Dr. Buchner und Architect A^Hug wird die Leistungsfähigkeit und Solidität derselben nach- gewiesen.3738 4093 Verloren wurde auf dem Weg vom Bahnhof durch die Stadt eine Cnniee-Broche. Der redliche Finder wird gebeten, dieselbe gegen eine Belohnung auf der Exped. ds. Blattes abzugebcn.___________________ Verloren wurde am Abend des 13. ds. auf der Liebigstraße ein in Papier eingewickeltes Paar goldener Manschettenknöpfc. Man bittet um Abgabe derselben gegen Belohnung in der Exped. ds. Bl. 4101 4062 Laden sowie Lagerräumlichkeiten werden in guter Geschäftslage auf sofort zu miethen gesucht. Offerten unter R. 22 franco an die Exped. ds. Bl. erbeten. 4108 Für ein gemischtes Waarengeschäft wird ein Lehrling vom Lande unter günstigen Bedingungen gesucht. Offerten nimmt Ne Exped. ds. Bl. ent- gegen.____________________________________ 4092 Mädchen, welche die Küche und Hausarbeit gründlich verstehen,, suchen Stellen auf Johanni oder 1. Juli. Frau Tränkner, Neue-Bäue.^ Akadem. Hospital. Dienstmädchen auf sofort gesucht. ES 4030 Ein^Hausmädchen und ein Mädchen, welches bürgerlich kochen kann, werden per Johanni zu imethen gesucht. Seltersweg C. 185. Nicht zu übersehen! Wäsche zum Bügeln wird angenommen (Hemden 6 Herren- und Damenkragen 2^, Manschetten per Paar 4H rc.)> Für pünktliche Bedienung wird gesorgt. 3825 C. Alt, Kreuz 111. ^16/6A.8V2N.Conf.u.Ball. I. Gr. 4105- Geld» GourS. 20-Francs-Stücke . . do. in,/g Englische Souvereigns Russische Imperiales . Ducaten ..... Dollars in Gold . . 16 16 20 16 9 4 26-30 25—28 36-40 71-76 53—58 17—21 Verantwortliche Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Vrühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen. Hierzu ein zweite» Blatt.