KA Erstes Blatt. Sonntag den 15. Januar 3882. Gießener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Bttrea«: Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Amtlicher Hheil. Gefundene Gegenstände: 1 Brache, 1 Pelzkragen, 1 Zeichnen-Borlage, 1 Handschuh, 1 Denkmünze, mehrere Schlüssel. Gießen, am U. Januar 1882. ' Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen. t Fresenius. Eröffnung des preußischen Landtags. Berlin, 14. Januar, 1 Uhr Mittags. Der Landtag wurde heute Mittag 12 Uhr eröffnet. Die Thronrede constatirt die Besserung der Finanzlage im abgelausenen Rechnungsjahr. Dieselbe ergibt vorzugsweise aus den Staatsbahnen 29 Millionen Ueberschuß. Eine Anleihe in mäßigen! Betrag wird zur Entwickelung der Wirthschafts-Jnleressen und zu productiven Zwecken gefordert. Die Thronrede verkündigt ferner die Vorlage von Gesetzen zur Unterstützung Hinterbliebener Staatsbeamten, zur Verwendung vom Reiche überwiesener Beträge zur Erleichterung der Schullasten und stellt einen ferneren Steuererlaß, abgeschlossene Verträge mit Eisenbahnen und die vorjährigen Entwürfe für die wirthschastlichen Erfolge des Staatseisenbahn-Systems in Aussicht. Lebhaft befriedigt habe die Wiederherstellung geordneter Verwaltung in mehreren katholischen Bisthümern, sowie die Abhülfe von Rothständen in der Seelsorge und Erleichterung der krankenpflegenden Genossenschaften. Das Gesetz vom 14. Juli 1880 soll erweitert wieder in Kraft treten. Freundliche Beziehungen zum Pabste lassen einen diplomatischen Verkehr wieder anknüpfen. Deutschland. Straßburg. 13. Januar. Die „Etsaß-Lothr. Zeitung" publicirt einen Befehl des Statthalters, durch welchen der Allerhöchste Erlaß vom 4^d. Mts. allen Beamten in Elsaß-Lothringen, welche dein Kaiser den Eid der Treue geleistet haben, zur Kenntnißnahme und Nachachtung mitgetheilt wird. Ferner bezeichnet das nämliche Blatt die durch eine Reihe deutscher Zeitungen gehende Notiz, daß für die Erbauung des Kaiserpalastes in Straßburg eine ganz andere und ungleich ungünstigere Stelle als. die ursprünglich bestimmte in das Auge gefaßt sei, als der Begründung entbehrend, es sei hinsichtlich des Platzes nichts geändert worden. Hesterreich. Peslh, 10. Januar. Die Lorbeeren der inagyarischen Chauvins lassen den Kroaten keine Ruhe; letztere stehen im Begriff, auch ihrerseits eine Deutschenhetze in Scene zu setzen, damit :uan sich in weiteren Kreisen auch mit ihnen beschäftige und ihnen kein anderes südslawisches Land die Rolle eines „südslawischen Piemonts" streitig mache. Die kroatischen Blätter haben soeben die^furchtbare Entdeckung gemacht, daß die Germanisirung in den kroatischen Städten, besonders in jenen Slavoniens und Sirmiens, immer mehr um sich greife und daß Kroatien-Slavonien sich aufraffen müsse, um der drohenden Germanisations- Gefahr kraftvoll entgegenzutreten. „Die aus Oesterreich und aus Deutschland nach Kroatien eingewanderten Deutschen, die bereits seit längerer Zeit in Kroatien-Slavonien ansässig sind, zeigen nicht die mindeste Lust, die kroatische Sprache zu erlernen. Die Juden lassen sich von den eingewanderten Deutschen als Werkzeuge zum Zwecke der Germanisation benutzen und sie tragen eme kroatenfeindliche Gesinnung zur Schau. Ja, selbst die kroatischen Aristokraten, die jungen Herren und Damen, und die Bureaukraten, die alle recht gut kroatisch sprechen, „geniren sich", die Landessprache im öffentlichen Umgänge zu gebrauchen; sie reden deutsch! Welche Schande! Es giebt Ortschaften, welche vor vier bis fünf Jahren ganz kroatisch oder serbisch waren, jetzt sind sie größtenteils deutsch geworden; sie gründen deutsche Volksschulen, gebrauchen in der Verwaltung die deutsche Sprache und verursachen dadurch der kroatischen Negierung die größten Verlegenheiten. Ein Fremder, der nach Agram kommt, glaubt, er befinde sich in einer deutschen Stadt, weil er in allen öffentlichen Localen deutsch reden hört." So jammern die kroatischen Blätter, und dieser Schmerzensschrei soll dazu dienen, daß man in Kroatien-Slavonien der deutschen Sprache überall. iüo man sie hört, den Krieg erkläre und besonders Agram zu einer rein kroatischen Stadt umgestalte. Es wird sich bald zeigen, welche Wirkung der Aufruf der kroatischen Chauvins auf die Bevölkerung Kroatiens Hervorrufen wird. Bekanntlich sind die kroatischen Studenten auch in Agram die Vollstrecker der Unternehmungen der kroatischen Opposition; Angesichts der Leidenschaftlichkeit und Rohheit der südslawifchen Ultras ist es zu befürchten, daß in Agram und in den Städten Kroatiens .und Slavoniens ein wahrer Terrorisnius um sich greifen wird und daß unter dem Vorwande der Bekämpfung der Germanisation die intelligenten Kreise und die Deutschen allerlei Unbilden ausgesetzt sein werden. Hoffentlich wird die kroatische Negierung die Hände nicht in den Schoß legen und schon bei Zeiten Vorkehrungen treffen, um der Deutschenhetze ein Ende zu bereiten. Es ist aber auch nicht umnöglich, daß sie aus Rücksicht aus ihre Popularität die Augen schließt und den: Treiben der Ultras freien Lauf läßt. Spanien. Madrid, 12. Januar. Das Journal „Liberal" veröffentlicht eine Zuschrift des Jnfanten Franz von Bourbon, eines Vetters des Königs Alfons, in welcher derselbe England äuffordert, Gibraltar an den Papst abzutreten, falls es mcht vorziehen sollte, Gibraltar an Spanien zurückzugeben. Deutscher Reichstag. 24. Sitzung vom 13. Januar. Präsident v. Leoetzow eröffnet die Sitzung um l*/» Uhr. Am Buvdetzrathstifche: Bitter, S cholz, v. Bötticher u. A. Der Präsident macht Mittheilung von einem ihm vom Abg. Dietz (Soz.) d. d. SnUtgait, 12. Januar, Abends 6 Uhr 15 Mm., zugegangcnen Telegramm, in welchem derselbe zur Kenntniß des Reichstags bringt, daß er am Mittwoch wegen Verbreitung des angeblich verbotenen „Omwbuskalenders" verhaftet worden ifL . Abg. Kayser (Freiburg) kündigt zur Geschäftsordnung einen Antrag auf Frer- lassung des verhafteten Abgeordneten an . Tagesordnung: 1) Mündlicher Bericht der Budget-Commission über den derselben wied.rhott zur Beratbung überwiesenen Titel 1 (Zölle), Capitel 1 der Einnahme .des Etats. — In diesem Titel bcfinbet sich der Ausgabe-Etat für die Karserl- Haupt- Zollämter in den Hansestädten. Die Commission beantragt, den Titel unverkürzt zu bewilligen. Dle Debatte wird getrennt und zunächst über die E nnahnun aus den Zöllen eröffnet. Aba. Oechelhäuser verbreitet sich m längerer, im Zusammenhänge aus der Tribüne < ^stündlichen Ausführung n über die Wirkungen der Zolle auf unsere wirthschastlichen Verhältnisse. Er bestreitet, daß diese m Folge der neuen Zollpolitik einen Aufschwung genommen hätten Wo stellenweise ein kleiner Aufschwung der Industrie zu constawen sei. sei derselbe nicht auf die Zollpolitik, sondern auf andere Verhältnisse zurückzuführen. Redner nimmt im wetteren Verlaus seiner Rede die Berichte der Handelskammern gegen die Angriffe der Regierung m Schutz und^ stellt insbesondere jede tedenziöse Entstellung der wttthschaftlichen Lage durch diese Berichte Abg. Czarlinski beschwert sich darüber, daß die Bekanntmachungen der Zollbehörden in den polnischen Landestheilen nicht auch in polnischer Sprache zur Kennt- niß des allein dieser Sprache mächtigen Publikums gebracht Eden. Redner verweist darauf, daß die kaiserliche Botschaft in polnischer Sprache veröffentlicht worden ,ei es sei dies ein Beweis dafür, daß man die polnische Sprache nicht ganz entbehren könne. Es wäre nur logffch, wenn die Regierung auch m den fallen, wo es sich um die materiellen Interessen des Volkes handclt, sich ebenfalls zu ihren Publikationen der polnischen Sprache bedienen würde. Abg. v Kardorff bedauert das Verfahren der Zollbehörde. Nichts könne den neuen Zolltarif m der Bevölkerung mehr schädigen, als die Vexationen, wie sie vorgekommen sind, und die nur geeignet sind, den Spott herauszufordern. Herr Zechet- Häuser habe sich widersprochen; er habe erst behauptet, der Export sei geschädigt worden, und kur, daraus, derselbe sei gestiegen. Er behaupte, daß der Schutzzoll zur Hebung des Erports beitrage. (Widerspruch links,) Herr Richter bemühe sich b-lonbers, zu üb-rtreiben und durch solche Uebertreibungen würden die Arbeiter entwöhnt, gegenüber der wirthschastlichen Loge selbst nachzudenken. (Gelachter links., Er hosse, daß die jetzige Zollgesetzgebung auch dazu beitragen weide, die Leute wieder zum chachdenk-n zu bew g-n, Eine große Anzahl von Zöllen treffe die ärmere Bevölkerung überhaupt nur in geringem Maße. Selbst der Petroleumzoll treffe die vornehmere C aff mel mehr, als die ärmere. Als ein Beispiel führt Redner an, daß seiner „beiche^denen Haushaltung im Durchschnitt mehr Petroleum consumirt werde, als von den Bewohnern sein's Heimathsortes einem Dorfe von 700 Bewohnern, die sich durchweg Es gewissen Wohlstandes erfreuten. Auch der Zoll auf Colomalwaaren werde fast aus schließlich von den wohlhabenderen Klassen getragen, Redner Ichlietzt " der sicheren Erwartung, daß seine Hoffnungen und Prophezeihungen bezüglich des neuen Zoll, und Wirthschaflssysttms in Erfüllung gehen werden. . Abg, Dr, Barth (Bremen) wendet sich zunäM gegen du: Nüheren Uu - führungen des Dircctors vom Reichsamt des Innern, Burchard, v , ® , en Einfuhr und gegen die Behauptung, daß der Getreidezoll vom Auslande ge^iag n werde Das Getreide müsse überall den Mmktpreisi zahl-n, der b-n Z°ll n,cht u . berücksichtigt lasse. Es sei zu bedauern, daß man nut gesetzgebewschm $®[f gegangen sei, ohne sich vorher genau zu onenltmi de"di^Rich°wttde7°°hl°derH«°en von der Schutzzollpolitik nichts wißen wolle, habe ble Richt ) er- v. Varnbüler, Löwe und Berger bewie en, und daß Herr v^Kard^en schienen sei, habe dieser nur einem Zufall zu o^rdanken laisser-aller, der Ration lasse sich nicht in gesetzliche Bestimmungen em-wangen $ebeutung< bafe das man dem Freihandelsystem zum Vorwurf mache b aI§ bi§ man nad) man mit gesetzlichen Bestimmungen ut^t siüher vorgehm wirthschastlichen allen Seiten volle Klarheit geschaffen habe. Daß d ' jhm jemals vor- Selbsthülfe das Nachdenken verhindern solle, fei ba« .iMAbenfen, das Volk solle gekommen. Gerade das Schutzzollsystem verbinde Selbstthätigkeit gar nicht auf- nicht nachdenken, das gegenwärtige System . Perbältnisse unserer Cxport- kommen. Redn-r verbreitet sich sodann noch r neuen Zolltarifs erb blich Industrie. Er sucht nachzuweisen, daß diese- m ^rmindert worden sei. zurückgegangen und im Allgemeinen die Ez,P ^rredner für seine Behauptung, als Geh. Rath Burchardt die Beweise schuldig sei die Exportinduftrie in Folge des neuen Z ^j^h^ng des neuen Tarifs eme steige- geblieben. Die Einsuhrstottst.I^^ergebe da» mUhab- nicht allem der rung ber |@in'Ubr von Rohmaterial statt« si no g..partgeschäft in den letzten Jahren Gewerbebetrieb Im Allgemeinen a^wefen, eine weitere Thatigleit des Getreidezolles vollständig «ufrcÄ' SS dKoUkunosa bemerkt Redner zunächst, daß es dern Bun desrath vollständig fern liege, den Zollpflichtigen Schwierigkeiten zu Bereiten. Es lei auch nicht eine einzige Bestimmung hervorgegangen, welche die Zollbehörden zu einer strengeren Handhabung der Tarifbeftimmungen veranlassen konnte. Die bereits früher angeregten Beschwerdepunkte seien von dem Bundesrathe geprüft und die Entscheidungen der obersten Landesbehörden als zutreffend erachtet worden. Es werde aber eine generelle Anordnung getroffen werden zur Prüfung der Frage, ob und inwieweit die Bestimmungen über die Tara, die Anlaß zu Beschwerden gegeben haben, einer Abänderung bedürfen. Die betreffende Vorlage werde dem Bundesrathe demnächst zugehcn. ~ ege f)ä[t bic ganze Debatte für ziemlich überflüssig, da sie aber einmal angeregt worden, müsse auch er auf dieselbe eingehen. Er glaube, man habe alle Veranlassung, die ehrliche Probe des neuen Zolltarifs abzuwarten, und Ruhe in unjern wirthschaftlichen Verhältnissen eintreten zu lassen. Er hoffe noch die Zeit zu erleben, wo ein Mitglied dieses Hauses so wenig ein Gegner des gegenwärtigen Zolltarifs werde sein wollen, als man heute Culturkämpfer fein möchte. (Heiterkeit.) - Abg. Dirichlet bekämpft die Ausführungen des Vorredners. Er erörtert die Wirkung des Schutzzolls auf die landwirthschaftttchen und speziell bäuerlichen Verhältnisse. Es stehe fest, daß der neue Zolltarif den kleinen Mann und den kleinen Land- wirth, roenn auch nicht ausbeute, so doch stark benachtheilige Bezüglich auf den Einfluß der Getreidezölle auf die Ernährung des Volkes verweist der Redner die Rechte auf eine Brochüre Lassalle's, der ja jetzt auch zu den Comervattven zahle. (Heiterkeit.) Die Conservativen könnten aus derselben Manches lernen. Der Getreidezoll bleibe auf jeden Fall unmoralisch. Alle Argumente der Conservativen liefen darauf hinaus, daß sie den Gegnern der Zollpolitik falsche Behauptungen unterstellten. Redner legt die ihm aus persönlicher Erfahrung bekannten Verhältnisse auf dem Lande dar, aus denen sich ergebe, daß das Brod in dem Maße verteuert werde, als der Zoll den Preis des Scheffels Roggen steigere. Es werde auch nicht von uns behauptet, daß genau der Betrag des Zolles in der Preissteigerung des Getreides enthalten fei. Dagegen fei es doch eine krasse Uebertreibung, daß der Kornzoll vom Auslände getragen werde. Der Weltmarkt ergebe den Preis nach Angebot und 'Rachfrage und in Jahren schlechter Ernte laste der Zoll gerade mit vollem Betrage aus dem Jnlande. Die Behauptung, daß der Zoll gar keinen Einfluß aus den Getreidepreis habe, werde sehr schlagend durch eine Tabelle des statistischen Amts widerlegt, welche seit dem Jahr 1821 ein konstantes Steigen der Getreidepreise ergebe. Die Mahnung, man möge doch dem Zolltarif die ehrliche Probe gönnen, berühre ihn nicht; habe man denn auf der andern Seite des Hauses der Aufhebung des Eisenzolls die ehrliche Probe gegönnt? Mein, wir werden gegen diesen Zolltarif auch ferner ankämpfen und immer wiederholen, daß der ärmere Theil der Bevölkerung durch den neuen Zolltarif zu Gunsten der wohlhabenden benachtheiligt werde. . Staatssekretär v. Bötticher: Er wolle stch nicht auf die Debatte emlassen. Hier im Hause werde man sich doch gegenseitig nicht überzeugen, so lange wir uns gegenseitig als Mohren ansehen. Eine praktische Vorlage, an die wir anknüpfen könnten, liegt nicht vor. Er wolle nur einer mißverständlichen Auffassung seiner Rede vom 16. Dezember v. I. vorbeugen. Er habe nicht das Institut der Handelskammern überhaupt angreifen wollen; er habe in seiner Rede der Thätigkeit der Handelskammern sogar einen sehr großen Werth beigelegt und dieselbe für Handel und Industrie als unentbehrlich bezeichnet. Er habe sich nur mit dem Bericht der Handelskammer in Grünberg beschäftigt. Dieser Bericht liege ihm nun vor. Er wolle daraus verzichten, die Details desselben vorzutragen. Wenn aber in dem Bericht gesagt sei: „daß ein sehr beträchtlicher Theil des Volkes in Folge der Zollpolitik jetzt gezwungen sei, weniger und schlechter zu essen" „daß die Nährkraft und Wehrkraft des Volkes geschwächt werde , daß „die Industrie gegenwärtig lediglich auf das Inland angewiesen sei", so sei das sachlich schwarz, wenn nicht tendenziös gemalt. In dem Bericht heiße es ferner, daß „die Tuchmdustrie nicht mehr im Stande sei, ein gutes Stück Waare zu verkaufen", und drei Seiten weiter: „Das Geschäft in Tuchen war sehr befriedigend zu nennen;" das seien Differenzen, die man nicht unbeachtet lassen kann. Wir haben ja alle menschliche Schwächen, aber diese Schwäche der Grünberger Handelskammer durste nicht unerörtert bleiben. Abg. v. Schalscha beleuchtet in einem längeren Vortrage die ersprießliche Wirkung des Zolltarifs vom Gesichtspunkte der landwirthschastliche^ Interessen aus. Die Landwirthfchaft an der russischen Grenze sei früher durch die Einfuhr aus Rußland arg bedrängt und verschuldet geworden; der Getreidezoll habe die Verhältnisse wesentlich gebessert. Redner bedauert, daß kein Schutzzoll aus Goldausfuhr vorhanden sei, damit unser Gold nicht in so großen Mengen ins Ausland geführt werde. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird abgelehnt. Abg. Dr. Bamberger bemerkt zunächst dem Staatssekretär v. Bötticher, daß wenn die Grüneberger Handelskammer auch so schwarz gemalt haben möge, so sei die ihr zu Theil gewordene Behandlung dennoch eine ungerechte. Man habe noch niemals gehört, daß eine Handelskammer deshalb rektisizirt worden sei, weil sie Jubelhymnen auf die neue Wirtschaftspolitik angestimmt habe. (Sehr wahr! links) Eine lleber- treibuna sei so schädlich wie die andere und vernrtheile man das Eine, dann sei es ungerecht, auch nicht das Gegentheil zu tadeln. Der Redner geht sodann auf die Zollauslegungen des Näheren ein: er bedauert die Zollchikanen des Auslandes, diese dürfen aber nicht zu Repressalien Veranlassung geben. Der Importeur sei gezwungen, seinen Waaren eine angemessene Ausstattung zu geben und werde damit der Industrie gedient. Die Tarabehandlung der Behörden führe dahin, daß schließlich auf Verpackung keine Sorgfalt mehr verwendet werden könne. Redner zählt die Zollkuriose aus und fragt, wann man die „Tinte" als „Goldwaare" verzollen müsse, ob man etwa die Tinte in Löschpapier oder in Säcken einführen solle, oder ob sich die Patienten an die Grenze stellen und so lange warten sollen, bis das „ungarische Bitterwasser" zu uns herüber geflossen kommt. Die Zusicherung des Herrn Direktor Burchart, wonach die Bestimmungen über die Tara event. Abänderung erfahren sollen, werden sicherlich zur Beruhigung beitragen und sei er für diese Zusicherung dankbar, er bitte dieselbe aber zu beschleunigen. Sodann geht der Redner auf das Submissionsverfahren beim Ankauf von Eisenbahnschienen ein, und weist durch Zahlen nach, daß unsere Werke nach dem Auslande billiger verkaufen als an das Inland. Herr Freege erwidert, daß, wenn gestern die Centrumspartei einen Triumph errungen hat, so sei dies ein Triumph des Liberalismus gewesen. Direktor Burghart bemängelt die Zuverlässigkeit der Zeitungsnachrichten und aus diesem Grunde auch die vom Vorredner neu erwähnten Zollbeläftigungen. In Bezug auf das Submifsionsverfahren für Eisenbahnbedarf ist Redner außer Stande zu antworten. Die Debatte wird nunmehr geschlossen. Die Abstimmung über Titel 1 wird bis nach Beschlußfassung über den Zollanschluß ausgesetzt. Der Präsident theilt nunmehr den inzwischen schriftlich eingebrachten Antrag des Abg. Kanser (Freiburg) betreffend die Verhaftung des Abg. Dietz mit. Das Haus beschließt den Antrag als einen schleunigen sofort zu behandeln. Abg. Kayser führt aus, daß die Verhaftung des Abg. Dietz nach dem dem Herr Präsidenten und auch ihm zugegangenen Telegramm wohl zweifellos sei, und daß sich das Vergehen, wegen dessen Verhaftung erfolgt ist, gehe aus dem Umstande hervor, daß die Gefängnißverwaltung die Absendung des Telegramms, dessen Inhalt ihr doch bekannt war, nicht inhibirt habe. Bei Verhaftungen von Reichstagsabgeordneten sollte man etwas vorsichtiger verfahren, sonst sei die Sicherheit eines großen Theils der Abgeordneten aufgehoben. Er bitte deshalb dringend, noch heute über seinen Antrag Beschluß zu fassen und das Recht der Abgeordneten zu wahren. Abg. Freiherr v. Minnigerode b'ttet die toadjc |o lange zu vertagen, bis das Haus über den Fall genau unterrichtet ist. Staatssekretair v. Bötticher unterstützt diesen Vorschlag. Er habe sofort an die württembergische Regierung dieses Falles wegen ein Telegramm gerichtet und er warte noch im Laufe des heutigen Tages Antwort. Es scheine ausfällig, daß für eine Handlung, die nur mit 6 Monaten Gefängniß bedroht ist, die Verhaftung des Abg. Dietz verfügt worden sei. Er glaube, eS werde bei der ^acbe noch ein verschärsteres Moment hinzutreten; vielleicht handelt es sich um hochverrätherische Handlungen. Er bitte deshalb, da es sich nur um einen Aufschub bis morgen früh handle, daß es sich mit Rücksicht auf die unaufgeklärte Lage empfehle, für heute die Beschlußfassung auszusetzen. Abg. Lasker bittet ebenfalls, die Sache auf morgen zu vertagen. Es sei unmöglich, auf Grund eines einseitigen Vortrages Beschluß zu fassen. Abg. Dr. Windthorft erklärt sich aus denselben Gründen für eine Aussetzung des Beschlusses und beantragt, die Geschäftsordnungskommission mit der Berichterstat- : tung über den Antrag zu beauftragen und den Gegenstand auf die Tagesordnung zu i setzen. Abg. Dr. Hünel widerspricht diesem Anträge. Die württembergische Regierung hätte die Pflicht gehabt, das Reichstagspräsidium uon der Sachlage sofort in Kenntnis; zu setzen. Wenn diese ihre Pflicht nicht erfüllt habe, so habe der Reichstag darauf keine Rücksicht zu nehmen. , . „ .... f c .. Abg. Richter (Hagen) betont ebenfalls die Nothwendigkeit einer sofortigen Beschlußfassung ; ebenso Abg. Stolle, während die Abgg. v. d. Goltz, Marcard und wiederholt Lasker und Windt hör st widersprechen. Der Antrag wird hierauf mit großer Majorität angenommen und dann die Sitzung vertagt. ~ , , Nächste Sitzung Samstag 1V2 Uhr. Tages-Ordn.: Antrag Kayser; Fortsetzung der heutigen Tagesordnung und erste und zweite Berathung der Berufs- ftatistik. Schluß 5V» Uhr. Lokales. Gießen, 14. Januar. sS-tzung der Handelskammer vom 10. d. M.) Anwesend die Herren Ed Silbereisen, L. Georgi, S. Heichelheim, A. Katz, F. C B. Koch, R- Schee l, A. Zinß er, A- Kraatz Der Vorsitzende begrüßt zunächst die neu eingetretenen Mitglieder und theilt hierauf mit, daß die Bestätigungsurkunde der Ergänzungs- resp. Neuwahl vom 15. Dezember nebst den Wahlacten von dem Eftoßh. Mimsterium des Innern und der Justiz der Ka nmer zugffandt worden sei. Derselbe theilt ferner mit, daß die Umlagen auf die wahlberechtigten Mitglieder des Handelsstandes (zu den Kanzleikosten der Handelskammer) ausgeschrieben seien. Hierb-i wird auf die Lückenhaftigkeit des vor- yandenen Firmenreg'sters aufmerksam gemacht und beschlossen eine Revision desselben mit Hülfe her Geweibesteueilisten vorzunehm n. Laut Mittheilung der Reichsbankhauptstelle Frankfurt a. M beträgt die Tantieme für den Reichsbankagent Dietz dahier für das Jahr 1881 JL 697.52, der seitens des Handelsstauds und der Stadt zu leistende Zuschuß folglich 1302.49 Herr F. C B. Koch erstattet Bericht über die letzte Eisenbahnconferenz in Köln- Die Verhandlungen waren ohne spezielles Interesse für den hiesigen Platz. Hierauf warf der Vorsitzende einen Blick auf die Thätigkeit der Handelskammer im vorigen Jahre, in dem 493 Eingänge in 24 Sitzungen erledigt worden, eine Reihe Eisenbahnconferenzen in Frankfurt a M.. Hannover, Darmstadt und Köln, die Sitzung des Hessischen Handelskammertages in Mainz, der 10. deutsche Handelstag in Berlin beschickt wurden rc- Zuletzt schritt die Kammer zur Vornahme der Wahlen des Vorsitzenden und dessen Stellvertrete's pro 1882. Die Herren F. C. B- Koch und S. Heichelheim werden zu Skrutatoren ernannt. Die erste Abstimmung ergab 7 Stimmen für Herrn Silbereisen und 1 für Herrn Georgi. Herr Sil der eis en ist somit als Vorfitzender wiedergewählt. Die zweite Abstimmung ergiebt 7 Stimmen für Herrn Georgi und 1 Stimme für Herrn Heichelheim. Herr Georgi ist demnach zum Stellvertreter des Vorsitzenden für 1882 wiedergewählt. Peide H-rren nehmen die auf sie gefallene Wahl dankend an. Herr F C. B. Koch spricht hierauf den beiden Herrn für ihre bisherige Ge- schaftsfühiung den Dank der Kammer aus. — Zwei Handwerksburschen, welche gestern Nachmittag in betrunkenem Zustande die Straßen btr Stadt scandalisi end unsicher machten, wurden verhaftet und erhielt jeder derselben heute Morgen 4 Tage Haft. Handel und Verkehr. Gießen, 14. Jan. Auf dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter per Pfd. JL 0 85—100, Hühnereier 1 Stück 7—8 2 Stück GO—00 H, Enteneier per,Stück 6 Gänseeier p. St. 00—00 H, Käse per Stück 5—9 H, Käsematte per Stück 3 Erbsen 1 Liter 22 Linsen 1 Liter 25 H, Tauben das Paar 80-100 H, Hühner per Stück JL 1.00-1.40, Hahnen per Stück Jl. 1.30—2.00, Enten per ©türf 1.70—2.00, Gänse per Pfund 60—72 Welfche per Stück JL 00—00, Ochsenfleisch per Pfund 60- 62 H, Kuh- und Rindfleisch 40—50 H, Kalbfleisch 40—44 H Schweinefleisch 60 bis 64 £>, Hammelfleisch 50-60 H, Kanoffeln 100 K-lo 3 00-4.00, Zwiebeln per Centn er JL 6—7, Milch per Liter 16—18 H, Weißkraut das Hundert ji7.50—9. Frankfurt a. M., den 14. Januar, Nachmittags 2 Uhr — Mtn. (Telegr. Coursbertcht Mttgetheilt durch das Bankgeschäft Albert Kaufmann in Gießen.) Credtt- actien?291^Staattzb.-Actien 275Vr. Galizier 263Vr,Oeft. Stlberrente 667/e, 4% Ungar Goldrente 767/i6, 4°/0 1880er Russen 725/8, 2. Orient-Anleihe 59Ve, ö% Rumänische Rente 88Vtz, Lombarden 125.75. Tendenz still. Auszug aus den Standesamtsrcgistern des Standesamts Gießen. Aufgebote. Den 10. Jan. Kaufmann Michael Bär von Vetzberg mit Auguste Reiß, Tochter des verstorbenen Lithographen Salomon Reiß von Gießen. 12. Taglohner Johann Georg Albert von Hattenrod mit Christine Dietrich, Tochter des Schuhmachers Simon Dietrich von Frudingen. Eheschließungen. Den 11. Jan. Steindrucker Johann Friedrich Theodor Damm von Schwarza mit Friederike Wilhelmine Klamberg, Tochter des verstorbenen Schuhmachers Philipp August Klamberg von Dillenburg. 13. Der Sergeant im II. Großh. Hessischen Infanterie- Regiment Nr. 116 Wilhelm Friedrich Ruckel von Bettenhausen nut Katharine Brand geb. Heß, Wittme des Polizei-Sergeanten Gustav Robert Wilhelm Brand, von Nieder-Bessingen. Geborene. Den 30. Dez. Eine Tochter von auswärts, Waldburga. 31. Dem Schreiner Christian Krekel von Braunfels eine Tochter, Cmma. 2. Jan. Dem Taglöhner Karl Reuter II. ein Sohn, Karl Philipp Wilhelm Martin. 4. Dem Schreiner Karl Hahn ein Sohn, Karl Theodor Wilhelm. 5. Dem Schattemnacher August Lang eine Tochter. 5. Eine Tochter von auswärts. 9. Dem Taglöhner Werner Horn eine Tochter. 10. Dem Gerichtsvollzieher Emil Geißler ein Sohn. 12. Dem Schlosser Adam Uhl ein Sohn. Gestorbene. Den 7. Jan. Elisabeth Stephan, geb. Philipp, 37 Jahre alt, Ehefrau des Postboten Heinrich Stephan. 9. Helene Petri, geb. Knoche, 73 Jahre alt, Wittwe des Postschaffners Wilhelm Petri. 9. Julie Balser, 77 Jahre alt, Tochter des verstorbenen Geheimratbs Professor Dr. Wilhelm Balser. 10. Der Oeconomiehandwerker im II. Großh. Hessischen Infanterie-Regiment Nr. 116 Johannes Diehl, 23 Jahre all, von Alsfeld. 12 Pumpenmacher Karl Konrad Lang, 61 Jahre alt. 13. Gustav Karl, 1 Monat alt, Sohn des Zugführers Heinrich Rörig. 13. Katharine Formhals, geb. Schön, 75 Jahre alt, Wittwe'deS Schreiners Philipp Formhals, von Alt-Buseck. 13. Drechsler Heinrich Felsina, 26 Jahre alt, von Groß-Felda. v ' Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen. Evangelische Gemeinde. Getraute. Den 11. Januar. Johann Friedrich Theodor Damm, Steindrucker in (Aieüen und Friederike Wilhelmine Klamberg, ledige Tochter des verft. Schuhmachers Vbilivv August Klamberg zu Dillenburg. ' ^uymacherS W Den 13. Januar. Wilhelm Friedrich Rückel, Sergeant m ®le6en mih Br-md, geb. Heß, Wittwe des Polizeisergeanten Gustav Robert Wilhelm Brand zu Gelauste. 306an^nÄÄnb1e8n81i2. 3°h°nn Georg Michel -ine Tochter, Wilhelm,'UÄ27.’Otto Roth ein Sohn, Friedrich Chrstti?e"geb°LJ-°n^De^ber^''°'"' Bommersheim -in- Tochter, Anna Denselben. Dem Mechaniker Georg Böger eine Tochter, Marie Louise Johanna, geboren den 13. November. Denselben. Dem Bäcker Carl Heidt ein Sohn, Carl, geboren den 9. Dezember Denselben. Dem Vicefeldwebel Heinrich Seum eine Tochter, Wilhelmine, geboren den 14. Dezember- Denselben. Dem Kaufmann Adolf Michel ein Sohn, Friedrich Georg, geboren Len 29. November. Denselben. Dem Wagenmeister an der Eisenbahn Philipp Stiehl eine Tochter, Wilhelmine, geboren den 3. Dezember. Den 13. Januar. Dem Lokomotivführer Wilhelm Noll ein Sohn, Carl Gottlieb, geboren den 8. November. Beerdigte. Den 7. Januar. Margarethe Susanne Kehm, geb Selzer, Wittwe des Seifen- sabrikanten Johann Georg Kehm, alt 61 Jahre, gestorben den 5. Januar. Den 9. Januar. Elisabethe Stephan, geb. Philipp, Ehefrau des Briefträgers Heinrich Stephan, alt 36 Jahre, gestorben den 7. Januar. Den 11 Januar Julie Johannette Balser, ledige Tochter des verst. Professors Georg Friedrich Wilhelm Balser, alt 77 Jahre, geworben den 9. Januar. Denselben. Helene Petri, geb. Knoche, Wittwe des Postschaffners Wilhelm Petri, alt 73 Jahre, gestorben den 9- Januar. Den 13. Januar. Johanes Diehl, Soldat, lediger Sohn d s zu Alsfeld verstorbenen Tagelöhners Johannes Diehl, alt 23 Jahre, gestorben den 10. Januar. änte Brodpreise vom 15. bis 29. Januar 1882. b'T Backe 1 2 1 2 1 2 Kgr. (2 Pfd.) Weißbrod H ii ) „ . „ (2 „ ) Schwarzbrot) I. Sorte H (4 II ) II ff ff (2 „ ) „ II. Sorte n . (4 n ) ii ft bet Konrad Rinn III. . . . . . 3 „ (6 Pfd.) Schwarzbrod II. Sorte bei K. Haas ....... „ K. Wallenfels ..... „ F. W. Hartmann..... „ H- Kuhn „ L- Keil, Chr. Faß, L- Krone- berg, E. Wallenfels, M. Lenz NB. Schwarzbrod II. Sorte wird von F. Hennings u. A. Noll nicht verkauft. 32 64 29 Ä8 ^6 ;52 ,54 ^72 73 75 76 78 1 2 1 2 3 1 2 3 Gießen, den 14. Januar 1882. oer B-o veifduf