Mittwoch den 8. November ;1»«2 srr. 268 Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Bureaur Schulstraße 7. S Preis viertetzührlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Frage" die Einbringung neuer Vorlagen zu Gunsten Irlands in der nächsten Session versprochen habe. In Italien zeigt man sich etwas verletzt darüber, daß Graf Kalnoky in dem Ausschüsse der ungar scheu Delegation so rückhaltlos die Gründe dargelegt hat, welche den österreichischen Kaiser veranlaßten, von einem Gegenbesuche in Nom vorläufig abzustehen. Der „Bersagliere" meint sogar, daß es Pflicht der Rathgeber König Humbert's gewesen wäre, denselben nicht eher nach Rom reisen zu lassen, bis nicht vorher der Gegenbesuch des Kaisers in Rom sichergestellt gewesen sei. Indessen müssen auch die italienischen Blätter stillschweigend zugeben, daß irredenüstische Anschläge gegen Kaiser Franz Josef während dessen Anwesenheit in Italien nicht zu den Unmöglichkeiten gehört hätten, so daß sich die Verschiebung der Reise wohl erklärt. — Rach den nunmehr ermittelten Wahlresultaten wird die neue italienische Deputirtenkammer aus 320 Ministeriellen, 40 Mitgliedern der Rechten, 58 Fusiomsten, 32 Dissidenten und 40 Radikalen bestehen. Aus dem Czarenreiche signalisirt man den bevorstehenden Sturz des Ministers des Innern, Grafen Tolstoi. Ueber die Ursachen, die den eventuellen Rücktritt des Grafen Tolstoi beeinflussen, ist noch nichts Genaueres bekannt. Petersburger Briese über diese Angelegenheit versichern aber eifrigst, daß jedenfalls Graf Jgnatieff keine'Aussicht habe, wieder an die Spitze der Geschäfte berufen zu werden. Vorläufig bedarf die ganze Sache noch sehr der Aufklärung. Auf der hohen Pforte zeigt man sich wegen der egyptischen Mission Lord Dufferin's fortdauernd sehr besorgt. Der türkische Botschafter in London, Musurus Pascha, erklärte Lord Granville, daß die Sendung Lord Dufferm's in dem Augenblicke, wo die Pforte mit England zu einer Verständigung bezüglich Egyptens zu gelangen suche, eine ungünstige Wirkung Hervorrufen müßte; schließlich ersuchte Musurus Pascha wenigstens um Aufschub der Reise Lord Dufferin's. Während aber Lord Granville den türkischen Botschafter mit irgendwelchen nichtssagenden Erklärungen abgespeist hat, ist Lord Duffrrin bereits am vergangenen Donnerstag auf der „Antilope" nach Egypten abgereist. Die egyptische Regierung trifft endlich Vorkehrungen, um dem unangenehmen „falschen Propheten" aus den Leib zu rücken. Ein Expeditions-Corps nach dem Sudan, über welches der egyptische Gouverneur am Rothen Meer, Alaiddin Pascha, den Oberbefehl übernehmen wird, ist in der Bildung begriffen und soll auf dem Seewege nach Suakim am Rothen Meere abgehen. Ueberdies werden sich unverzüglich drei englische Officiere nach dem Sudan begeben, um über die gesammte militärische Lage daselbst zu berichten und sich auch über den Zustand der Straße von Suakim nach Khartum, der Hauptstadt des Sudan, und die Vertheidigungsmittel derselben zu orientiren. Politische Ueberstcht. Gießen, 7. November. Der Kaiser, welchem die neulichen Hofjagden bei Ludwigslust im All- gemeinen gut bekommen sind, gedenkt demnächst einen etwas weitern Jagdausflug zu unternehmen. Das Ziel desselben ist der Fürstenwald bei Ohlau in Schlesien, wo der hohe Herr am 10. und 11. d. Mts. zu jagen beabsichtigt. Durch königliche Verordnung sind die beiden Häuser des preußischen Landtages auf Dienstag den 14. November einberufen. Ueber die Vorlagen, welche dem Landtage zugehen werden, herrscht nach Ungewißheit; daß der Etat dem Abgeordnetenhause zugehen wird, erscheint selbstverständlich. Ueber die Dauer der Session, resp. die eventuelle Vertagung des Landtages, verlautet ebenfalls noch nicht das Geringste. Da der Reichstag am kommenden 30. November wieder zusammentreten soll, so ist eine Collision zwischen beiden parlamentarischen Körperschaften unvermeidlich. Hoffentlich wird sich jedoch das Nebeneinandertagen von Reichstag nur auf eine kurze Zeit beschränken. Die Frage, ob es der preußischen Regierung gelingen werde, eine ihren Zielen entsprechende Majorität im Abgeordnetenhaus zu finden, drängt sich jetzt, wo die neue Neichstagssession vor der Thür steht, immer entschiedener auf. Daß die Regierung der Conservativen nicht entbehren kann, ist klar, aber wenn auch letztere gesonnen sein sollten, die Regierungspolitik in allen Stücken zu fördern, so bilden sie selbst nach Hinzurechnung der Freiconser- vativen die absolute Majorität noch lange nicht. Es erscheint daher erklärlich, daß die Regierung nach einer weitern Stütze sucht und diese sucht sie, wie man aus einem neuerlichen Artikel der officiösen „Nordd. Allg. Ztg." entnehmen kann, bemerkenswerther Weise unter den Gemäßigt-Liberalen. Die „Nordd. Allg. Ztg." ermahnt in dem betr. Artikel die Conservativen, mit den Nationalliberalen eine Majorität, aber keine neue Fraktion zu bilden. Mit ihren Wahlsiegen hätten die Conservativen eine große Verantwortung übernommen; das Land erwarte eine von Partei-Uebertreibungenen freie, stetige Entwickelung und werde sich, wenn hierin getäuscht, von den Conservativen wieder abwenden. Die Conservativen möchten Thiers' Mahnwort an seine Freunde beherzigen: „Vor Allem dürfen wir keine Fehler machen." Das Reichsgericht hat das freisprechende Urtheil des Landgerichts II Berlin, in dem Beleidigungsprocesse, den Fürst Bismarck gegen den Reichstags- Abgeordneten Mommsen angestrengt hatte, auf Revision der Staatsanwaltschaft cassirt. Die ganze Angelegenheit ist an die erste Instanz zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung zurückverwiesen worden, so daß dieser Proceß hierdurch vermuthlich nur noch mehr Aufsehen, namentlich in den parlamentarischen Kreisen, erregen wird. Die Erklärungen, welche sich der österreichische Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, in dem ungarischen Delegations-Ausschüsse für das Auswärtige neulich zu geben genöthigt sah, bilden für die österreichische Presse noch immer einen Gegenstano lebhafter Erörterungen. Es ist dies sehr erklärlich, da diese dem Minister von den Delegirten abgesorderten Erklärungen verschiedene wunde Punkte der auswärtigen Politik Oesterreichs betrafen, wie das Verhältniß zu Italien und zu Montenegro. Die Offenheit, mit welcher Graf Kalnoky die Gründe darlegte, welche Kaiser Franz Josef eine Reise nach Rom gegenwärtig nicht nöthig erscheinen lassen, verdient alle Anerkennung. Zugleich beobachtete Graf Kalnoky Italien gegenüber die Liebenswürdigkeit, zu erküren, daß der vertagte Gegenbesuch des österreichischen Herrschers in Italien einen störenden Einfluß weder auf die herzlichen Beziehungen zwischen den Höfen von Rom und Wien, noch der beiderseitigen Staaten ausgeübt habe. Viel zurückhaltender drückte sich der Minister über das eigentümliche Verhältniß Oesterreichs zu Montenegro aus, was aber vielleicht gerade dafür spricht, daß in den Beziehungen der österreichischen Monarchie zu ihren unruhigen Nachbarn in den Schwarzen Bergen Vieles, wenn nicht Alles, faul ist. Der Umstand, daß mehrere in Montenegro internirt gewesene bosnische Jnsurrections-Chefs plötzlich entflohen sind, dürfte nicht dazu beitragen, diese Beziehungen zu verbessern. Die anarchistische Bewegung in Frankreich weist noch immer bedenkliche Zuckungen auf. Vor einigen Tagen wurden in Paris zahlreiche revolutionäre Plakate voll der wildesten Drohungen gegen die besitzenden Klassen und mit der Überschrift: Internationales revolutionäres Executiv-Comito — Section Frankreich — an die Mauern angeschlagen. Zwar ist es der Polizei gelungen, einige Individuen beim Ankleben der Plakate zu verhaften, doch dürften die Verhafteten nur untergeordnete Werkzeuge der revolutionäen Liga sein, so daß ihre Verhaftung schwerlich zur Entdeckung der Urheber dieser bluttriefenden Manifeste führen wird. Jedenfalls darf sich die französische Regierung durch das Bewußtsein, die Haupträdelsführer der Bewegung von Montceau-les- Mines in Händen zu haben, in ihrer Wachsamkeit gegen die von den anarchistischen Elementen drohenden Gefahren nicht einschläsern lassen. Im englischen Unterhause hat der Premier Gladstone in den Verhandlungen über die Reform der Geschäftsordnung einen bedeutenden Erfolg davongetragen. Nach dreitägiger Debatte verwarf am Donnerstag das Haus das Amendement des Oppositionsmitgliedes Gibson, wonach der Schluß der Debatte nur dann erfolgen kann, wenn zwei Drittel der Deputirten sich dafür aussprechen, mit 322 gegen 238 Stimmen. Die Bedeutung dieses Erfolges liegt weniger darin, daß ein der Regierung ungünstiges Amendement abgelehnt wurde, sondern vielmehr darin, daß die Iren gegen dasselbe und also indirect gegen die Negierung stimmten. Man erklärt diese Schwenkung der irischen Pai tei dadurch, daß Gladstone derselben für ihre Unterstützung in der „Cloture- Telegraphische Depeschen. Wolffs telegr. Eorrespondenr-Nrrreair. Berlin 6 Novbr. Der „Reichs-Anz." veröffentlicht eine Anordnung des Regierungsvräsidenten von Gumbinnen, welcher Angesichts der neuerlichen wiederholten Einfuhr seuchenbehafteter Schweme eme thwrarztüche Untersuchung aller mittelst Eisenbahn über Eydtkuhnm und Prostken aus Rutzland emge- sührter^Schwelm versugt^^ unsers handelspolitischen Verhältnisses zu Berlin, 5. November. Wir fcaben schon bei früherer Gelegenheit darauf hin- aewiesen daß im Gegensätze zu Frankreich und England, woselbst es üblich geworden Ist für gewrsfe Bücher, Zeitschriften und Brochüren ganz btftimmle Formate anzu- wenden, in Deutschland ein förmlicher Format- und Sortenwirrwarr herrscht, indem hier die verschiedenartigsten Gewichte und Formate gebräuchlich sind, welche nur unwesentlich von einander abweichen, durch diese Mannigfaltigkeit aber sowohl für die Fabrikanten als auch für die Grossisten die größten Nachtheile herbeiführen. Nachdem schon im Jahre 1875 im Vereine mit den österreichisch-ungarischen Papierfabrrkauten em Versuch gemacht worden ist, diesem Ucbelstande zu begegnen, hat sich die letzte Generalversammlung des Vereins deutscher Papterfabrikanten auf's Neue mit die.sem Gegenstände beschäftigt, und es ist eine Commission eingesetzt worden mit dem Auftrage, über die Herstellung einheitlicher Papierformate mit allen Interessentenkreisen eine Verständigung anzubahnen. Die betreffende Berathung wird am Montag den 4. December d. I., Vormittags 10 Uhr, in Berlin im Restaurant Julitz Unter den Linden 14, 1 Treppe, stattfinden. ~ t * An der Conferenz werden theilnehmen eine Anzahl hervorragender Fabrikanten aus allen Theilen Deutschlands, ferner Vertreter des Papiergroßhandels, des Borsen- vereins deutscher Buchhändler, des Berliner Verlegervereins, der deutschen Buchdrucker rc. Auch der Dirigent der Reichsdruckerei ist eingeladen worden, an den Berakhungen Theil zu nehmen. Es ist im allseitigen Interesse zu hoffen, daß em positives Resultat errcicht^werde^ Oberrechnungshofes, welche mit der Nachprüfung der Handelsbücher und der Kaffenführung der Kaiserlichen Tabakmanufaktur, sowie mit.der Prüfung der Bestandaufnahme vom 1. Oktober 1882 beauftragt sind, sind in Straßburg eingetroffen und haben bereits ihre Arbeiten begonnen. cynt1imr 1ßqq — Es dürfte am Platze sem, daran zu erinnern, daß mit dem 1. Januar 1883 die Bestimmungen des Reichsgesetzes vom 24. Februar d. I, betreffend „das gewerbs- mäßige Verkaufen und Feilhalten von Petroleum , tn treten.JJJ Petroleum, welches unter einem Barometerstände von 760 Millimetern schon bei einer Erwarmung auf weniger als 21 Grade des hund.^ttheiligen bare Dämpfe entweichen läßt, nur in solchen Gefäßen halten gestattet, welche an in die Augen fallender Stelle auf rothem Grunde iu deutlichen Buchstaben die nicht ver- mifrhhtirp iTeueraesäbrlich" tragen. Wird derartiges Petroleum gewerbsmäßig zur Angabe m Mengen von weniger als 50 Kilogramm ffilgehalten oder in M6en3äerfnaen OT nafn neifauft. so muh di- Inschrift In gleicher W->!° noch dle Wotte: „Nur mit besonderen Vorsichtsmaßregeln zu Brennzwecken verwendbar« enthalten. _______ Spanien gegenüber hebt die „Nordd. Allg. Ztg." hervor, Spanien habe eine Verlängerung der bestehenden Verträge nur mit denjenigen Staaten vereinbart, mit welchen über die Grundlagen eines neuen Vertrages eine Verständigung bereits erfolgt sei. Eine Verlängerung des deutsch-spanischen Vertrages sei aber erfolgt und die Befürchtungen somit ungerechtfertigt. — Gegenüber den Zeitungs-Erörterungen über die Frage, welche Partei- Eombination die Negierung versuchen werde, um sich die Majorität zu ver- jchaffen, hebt die „Nordd. AÜg. Ztg." hervor, daß in Preußen ein Partei- Negiment weder rechtlich noch faktisch irgendwelchen Boden habe. Eine Regierung, welche ihre Aufgabe darin finde, als listiger Makler von Fraktion zu Fraktion herumzuziehen, um ein Geschäft zu Stande zu bringen und die erwünschte Courtage emzuheimseH, stehe im schroffsten Gegensatz zur Auffassung derjenigen, denen die Erhaltung des preußischen Staatswesens am Herzen liege. Die Regierung werde bei den Vorlagen an die Volksvertretung lediglich das Staatswohl im Auge haben. Die Partei, welche die Regierung dabei unterstütze, werde naturgemäß Einfluß aus die Regierung gewinnen, weil sich beide auf ihren Wegen treffen müßten. Die Regierung werde aber abwarten, daß ihr die Unterstützung entgegengebracht werde. Bonn, 6. Novbr. Der Professor der Zoologie, Franz Herrn. Troschel, ist hier gestorben. Hannover, 6. Novbr. Schatzrath Hugenberg ist heute Morgen nach längerem Brustleiden am Blutsturz gestorben. Petersburg, 6. Novbr. Die Newa ist voll Eis, der Eisgang aus dem Ladogasee dauert fort, die Schifffahrt ist geschlossen. Wernigerode, 6. September. Seine Majestät der Kaiser, welcher sich heute Vormittag mit dem Grasen zu Stolberg in das Jagdrevier Hasserode begeben hatte, traf Nachmittags 472 Uhr wohlbehalten hier wieder ein. Seine Majestät erlegte 4 Hirsche, 3 Rehe und 23 Sauen. Das Frühstück wurde im Jagdzelt eingenommen und nahmen an demselben auch die Gräfin Otto Stolberg, die Prinzessin Reuß und die Gräfin Udo Stolberg Theil. Um 7 Uhr findet ein Galadrner statt, zu welchem auch die Generäle v. Bose, v. Lyncker und v. Chevallerie geladen sind. Für morgen s>üh ist eine Treibjagd auf Hasen in Aussicht genommen- Um 12 Uhr wird ein dejeuner dinatoire eingenommen werden und um 4 Uhr gedenkt Se. Maj. nach Berlin zurückzukehren. London, 6. November. Unterhaus. Northcoce kündigt an, er werde sobald als möglich die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Verwendung der englischen Truppen in Egypten lenken und eine Resolution beantragen, des Inhalts, das; das Haus berechtigt sei, eingehender als das bisher geschehen, hierüber informirt zu werden, sowie auch über die Kosten der Okkupation. Er werde morgen an den Premierminister die Anfrage stellen, wann er einen Tag zur Diskussion dieser Fragen ansetzen könne. Stockholm, 6. November. Zur Feier des 250. Jahrestages der Schlacht bei Lützen und des Todes Gustav Adolfs fand heute Vormittag in der RUterholmskn-che ein von dem Erzbischof celebrirter Festgottesdienst statt, welchem die Mitglieder der königlichen Familie, sowie die Frau Großherzogin von Baden beiwohnten. Das Denkmal Gustav Adolfs am Gustav-Adolfs-Platze war mit Lorbeeren und mit in der Schlacht bet Lützen erbeuteten Trophäen geschmückt. Die Truppen der Garnison desi- lirten vor dem Monument. Trotz des ungünstigen Wetters nahm die Bevölkerung m reger Weise an den Festlichkeiten Tyeil. Abends findet bei dem Denkmal Gustav Adolfs eine Gesangsaufführung statt. Alexandrien, 6- November. Von den bis jetzt vernommenen 380 Gefangenen sind 50 in der Voruntersuchung für schuldig befunden und werden dem Kriegsgerichte überwiesen werden. — Es sind Vorbereitungen im Gange, um ein Truopenkorps von etwa 8000 Mann innerhalv 14 Tagen nach Subkim zu senden, 3000 Mann sollen als Reserve in Korosco bleiben. Verwischtes. Wien, 1. November. Bei der entsetzlichen Katastrophe am 8. Deeember v. I. befand sich unter den im Ringtheater Verbrannten auch der 18jährige Student Gustav Petter aus Gotha. Er war der einzige Sohn der Kaufmannswittwe Amalie Petter, die nach Wien kam, um ihr theures Kind, dessen Leiche man aufgefunden, auf dem Centralfriedhofe bestatten zu lassen. Fünf Wochen später entriß ihr der Tod auch ihr zweites Kino, ein 17jähriges Mädchen. Dieser Schlag versetzte sie in die tiefste Schwer- muth und sie hegte nur noch den einen Wunsch — mit ihren Kindern vereint zu sein. Vor mehreren Tagen verließ sie Gotha und traf am 27. v. M. in Wien ein. Nachdem sie sich tn einem Hotel in der inneren Stadt einlogirt hatte, bestellte sie sofort einen großen schönen Blumenkranz, welcher ihr gestern adgeltefert wurde. Unmittelbar darauf fuhr sie mit dem Kranze auf den Centralfriedhof un) legte ihn auf das Grab des Sohnes nieder. Ueber zwei Stunden kniete sie betend und laut schluchzend an der letzten Ruhestätte ihres Kindes. Spät Abends kam sie in das Hotel zurück, ließ sich von dem Stubenmädchen ein einfaches Nachtmahl bringen, berührte dasselbe aber nicht. Dem Stubenmädchen gab sie sodann ein Geschenk von 5 Fl Das Mädchen sträubte sich, diesen Betrag anzunehmen, da es wohl bemerkt hatte, daß die Frau sich keineswegs tn glänzenden Verhältnissen befinde. Frau Petter drängte ihr jedoch das Geld auf und machte hierbei die Bemerkung, daß sie ohnehin in Wien fern Geld mehr brauchen werde. Als die Frau heute früh viel länger als gewöhnlich in ihrem Zimmer blieb und auf wiederholtes Klopsen an der Thüre nicht öffnete, entschloß man sich, mittelst des Hauptschlüssels aufzuschließen. Man fand Frau Pttter regungslos im Bette liegen; an der Bettwäsche klebte getrocknetes Blut; an der Seite der Frau entdeckte man einen sechsläufigen Revolver — sie hatte ihrem Leben em Ende gemacht. Man konstatlrte, daß sich die Unglückliche aus dem Revolver eine Kugel mitten durch das Herz gejagt hatte, worauf der Tod momentan eingetreten fern muß. Vor Ausführung der That schrieb sie an ihre Angehörige drei Briefe, welche verschlossen auf dem Tische lagen. Daneben sand man einen offenen Zettel mit mehreren letztwilligen Anordnungen. Zunächst bittet sie, man möge ihr die Sünde verzeihen, daß sie, um mit ihren Kindern vereint zu sein, sich selbst den Tod gegeben hat; dann spricht sie den Wunsch aus, an der Seite ihres Sohnes bestattet zu werden; die Kosten des Leichenbegräbnisses möge man aus ihrer Baarschast, welche 84 Gulden und ungefähr 120 JL beträgt, bestreiten; den sodann verbleibenden Rest, sowie ihre Schmucksachen und Effekten möge man ihren Angehörigen in Gotha ausfolgen. Die unglückliche Frau zählte 51 Jahre. Mainz. Schon seit einer Reihe von Jahren ging in unserer Stadt das Gerücht, daß hier wohnende Persönlichkeiten ein Geschäft daraus machten, junge militärpflichtige Leute vom Militärdienst zu befreien. Das Hauptaugenmerk dieser Persönlichkeiten sei auf Militärpflichtige aus Elsaß-Lothringen gerichtet, doch verschmähten sie es durchaus nicht, auch hier und tn der Umgegend wohnenden wohlhabenden Eltern gegen gute Bezahlung ihre Dienste anzubieten. Ihr Hauptgeschäft war, militärdienst- untaugliche Männer aufzufinden, welche sich an Stelle der wirklich Milttärpflichiigen und unter deren Namen bei einem Arzte Dienstuntauglichkeitszeugmsse verschafften. Dieser Tage erschien nun ein Poltzelcommissär aus Mülhausen i. E in unserer Stadt, um in dieser Angelegenheit NachfIrschungen anzustellen. In Mülhausen und in Straßburg wurde nämlich die Sache verrathen und sind daraus ca. 60 junge Leute - scimmtlich Israeliten aus dem Mülhausener und Straßburger Kreis - wegen Zuwiderhandlung gegen § 143 des Str.-G -B- in die dortigen Gefängnisse abgeführt worden. Die im Elsaß eingeleitete Untersuchung hat ergeben, daß von Mainz aus ichon seit längerer Zett die Dienstuntauglichkeitszeugniffe ausgestellt und auch die übrigen Befreiungsmanipulattonen ins Werk gesetzt wurden. Eine Reihe hiesiger Personen sind nun in dieser Angelegenheit verwickelt, doch ist es leider dem Haupt- betbeiligten gelungen, vor seiner Verhaftung flüchtig zu gehen. Verhaftet sind bis jetzt in Mainz: Agent Hartwig Rosenthal und ein Schwager desselben, Eisenhandler Carl Reichert; flüchtig gegangen ist Friedrich Wilhelm Wolff, Makler und Instrumentenmacher und dessen Sohn Eugen Wolff, sämmtlich hier in Mainz wohnhaft, doch keiner geborener Mainzer. Gegen die flüchtigen Wolff ist bereits ein Steckbrief erlassen. — Nachträglich erfahren wir noch, daß sich die emgeleitete Untersuchung auch auf einige unserer Nachbarstädte erstreckt. Auch soll ein gewesener Militärarzt bei der Sache stark compromittirt fein Der oben angezogene § 143 des R.-Str.-G.-B. lautet: „Wer in der Absicht, sich der Erfüllung der Wehrpflicht ganz oder theilweise zu entziehen, auf Täuschung berechnete Mittel anwendet, wird mit Gefängniß bestraft; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden. Dieselbe Strafvorschrift findet auf die Theilnehmer Anwenvung." — Unter den vielen Jnsecten, welche als Raupen großen Schaden an den Obstbäumen anrichten, ist es besonders die Raupe des Frostnachtspanners, Geometra brumatra genannt- Dieselbe ist oft für die Obstbäume sehr nachtheilig. Das Weibchen des Schmetterlings, welches sehr kurz beflügelt ist und nicht fliegen kann, kriecht im Herbste (Oktober und November) am Stamme hinauf, um an den Zweig spitzen und Knospen ihre Eier zu legen. Diese entpuppen sich im ersten Frühlinge und fressen sich dann in die Knospen hinein. Am leichtesten schützt man die Bäume dagegen durch Anbringung eines klebrigen Gürtels am Stamme. Diese Gürtel verhindern sie nicht allein daran, sondern fangen dieselben auch auf. Man bereitet sich leicht solche klebrigen Gürtel, indem man starkes Papier ober Leinwand mit Bindfaden oder Draht fest an einer glatten Stelle des Stammes anbringt und mit dicken Theer ober Leinöl gemischt (oder Fischthran, dickem Terpentin) bestreicht. Diese klebrigen Stoffe müssen alle 3 bis 4 Tage erneuert werden. — Ein den Apfelbäumen sehr gefährliches Jnsect ist die Blutlaus, welche namentlich dieses Jahr großen Schaden angerichtet hat. Da sich im Wrnter die meisten lebenden Blutläuse in den Boden hinabziehen und da in der Wurzelkrone ihre Zerstörung fortsetzen, so nehme man im Spätberbste ober Winter die Erde etroa 1 Meter im Durchmesser um den Baum bis zu den Wurzeln weg und man wird an diesen Wurzeln, sofern der Baum die Blutlaus hatte, gewöhnlich weiße Flocken wie Schimmel von Pilzen aussehend, finden Das sind Blutläuse, die sich im Spät- herbste zum Schutze in die Erde gezogen haben. Hier wird nun um die alten Wurzeln herum 1—2 Gießkannen Kalkwaffer oder Aschenlauge eingegossen und dann etwa 3 Ctm. hoch Kalk, gebrannter und zerfallener, darüber gebreitet, worauf man die Erde wieder anhäufelt. Dies ist das sicherste Vertilgungsmittel. — Des Rauchers Freuden in Italien beschreibt die „Magd Ztg." mit köstlichem Humor folgendermaßen: Wie man gelbe Erbsen und Pökelfleisch am Saume der Apenninen nicht haben kann, so verzichtet man auf die heimische Cigarre und versucht das Landesübliche. Cavour, Toskana, Minghetti, Vevey stehen zur Wahl, von denen nur Minghetti tiefer in die Börse bineingreift Toskana geht am meisten. Dies Wunderwerk hat die Gestalt einer mäßig dicken, aber dafür desto längeren Nudel und liegt, wie beim menschlichen Leibe, die Beleibtheit hier in der Mitte; die Extremitäten sind dünner. Dieser gewickelte Tabak ist von wundervollster Eigenart. In unzerbrochenem Zustande scheint es unmöglich, einen Luftzug durch denselben zu letten, weshalb man oben und unten je zwei Finger breit abbricht. Es gereicht dieser Cigarre zur Ehre, daß sie sich dieses gefallen läßt; sie verträgt wirklich die Bruchschäden, ohne dabei zu zersplittern; die charaktervoll knorrigen Blätter wirken dabei werkthätig mit. Auch die so verkürzte Cigarre verlangt bann noch etwas Umsicht, wenn ihr natürliches Phlegma in Feuer gerathen soll. Die Leuchter der Geschäfte kommen uns dabei zu Hilfe. Sic zeigen über den Flammen eine fein erdachte Vorrichtung, ein behagliches metallenes Ruhebänkchen, auf das man diesen hartnäckigen Gegner gewöhnlich wagerechr hinstreckt Gesetzt, daß das Licht gut brennt, so kann man nach einigen Minuten die Cigarre brennend herunternehmen. Führt man sie wirklich zum Munde, so findet man die kleine Schattenseite, daß die vorher noch glatte Kehle etwas reibeisenartig rauh wird und der Kopf wenigstens so weit benommen, daß gerade diejenigen italienischen Phrasen, auf die man am meisten stolz war, das Hasenpanier ergreifen Da man diese nun bitter noth hat, so empfiehlt es sich im Ganzen am meisten, höchstens eine Toskana dicht vor Schlafengehen anzuzünden, da im Traume das Deutsche auch tn Bologna genügt und die Ermüdung des Tages die Lider auffällig zu schließen pflegt. — Diese beliebte Cigarre kauft man beim Händler für 8, im Gasthof für 10 bis 15 Cmtesimi. Die Cavours enthalten einen Strohhalm, den man gratis bekommt, aber nicht mitzu- rauchen pflegt. Diese Abart fand ich im Ganzen noch etwas weniger tauglich- Die kostbareren Minahettis schmecken etwas widerlich süß. Die kleinen sehr kräftigen Veveys brauchen wenigstens nicht zerbrochen zu werden und haben im Ganzen das Gute, daß man bei fortgesetztem Gebrauche sich das Rauchen bald abgewöhnt. LandwirthschaftlicheS. — Um fäuleverdächtige Kartoffeln im Keller oder,in der Miete zu conserviren, wird Folgendes rnitgetheilt: Hauptsächlich gilt es, die Feuchte von den Kartoffeln abzuhalten, sie derselben zu entziehen; dies geschieht durch Verwendung gebrannten, jedoch ungelöschten Kalkes; derselbe wird entweder als Staubkalk über die Kartoffeln gestreut ober es werden Kalkstücke in den Hausen ober in bie Miete eingelegt und mittelst Stroh, Reisig ober babureb, baß man ben Kalk in Körbe gibt, von ber unmittelbaren Berührung fern gehalten. Der Kalk zieht die Feuchte an, welche ben Kartoffeln und ber Luft entzogen wirb. Auch das Bestreuen mit Kalk, bas Bespritzen mit Kalkmilch ist räthlich, weil hierburch ber aur ber Oberfläche sitzenbe Krankheitspilz getöbtet wird- Als ein weiteres Mittel gilt bas Schwefeln. Sobald die Kartoffeln ausgeschwitzt haben, unb wenn ber Keller ober sonstige Aufbewahrungsraum sich gut absperren läßt, wirb in bernselben eine Schale voll gewöhnlichen Schwefels zum Verbrennen gebracht unb läßt man bie entstandenen Dämpfe einige Tage auf den Haufen einwirken. Kleinere Partien können korbweise geschwefelt werden, indem.man den mit Kartoffeln gefüllten Korb über den brennenden Schwefel stellt unb bie Dämpfe burchziehen läßt. In beiden Fällen wird ber Krankheitspilz theilweise vernichtet und hierburch die weitere Ansteckung verhindert- Solche Mittel und überhaupt die größte Sorgfalt, wende man insbesondere ber separaten Deponirung ber fürs Frühjahr bestimmten Saatkartoffeln zu; ein Mangel an Speisekartoffeln im Winter läßt sich burch anbere Nahrungsmittel ersetzen, aber bas nothwenbige Saatgut läßt sich oft nicht einmal um schweres Geld beschaffen. Handel und Verkehr. Gießen, 7. November. Auf dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter per Pfund cX 1.15—1.20, Hühnereier per Stück 7—8 H, Käse per Stück 5—7 H, Käsematte per Stück 3 4, Erbsen 1 Liter 22 Linsen 1 Liter 24 H, Tauben das Paar 50—65 H, Hühner per Stück .X 0.80—1.00, Hahnen per Stück J4 0.60 bis 1.00, Enten per ' Stück 3L 1.70—2.00, Ochsenfleisch per Pfund 66—70 Kuh- und Rindfleisch 56—60 Kalbfleisch 54 bis 56 4, Schweinefleisch 62—64 Hammelfleisch 60—66 H, Kartoffeln per 100 Kilo