srr. 283. Zweites Blatt Sonntag den 3. December L882. Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. ’:t>* Burealt: Schulstraße 7. Wochenschau. Gießen, 2. December. Der Kaiser ertheilte am Dienstag Abend dem Minister des Innern, v. Puttkamer, eine Audienz anläßlich der bedenklichen vom Rhein eingelaufenen Nachrichten. Auf Befehl des Kaisers ist Herr v. Puttkamer dann noch am Dienstag nach dem Rhein abgereist; seine Rückkehr nach Berlin wurde in diesen Tagen erwartet. Das hervorragendsteEreigniß auf dem innern politischen Gebiete war der am Dienstag, den 30. November, erfolgte Wiederzusammentritt des Reichstages, womit die lange Pause in den Arbeiten des obersten deutschen Parlaments nunmehr ihr Ende erreicht hat. Unter den hervorragendsten Aufgaben, die der Reichstag schon in seiner Vorsession in Angriff genommen hatte und die ihn jetzt wieder erwarten, befinden sich die bekannten socialpolitischen Vorlagen, sowie die Gewerbeordnungs-Novelle, deren glückliche Erledigung nur dringend zu wünschen ist. Die zur Vorberathung dieser Gesetzentwürfe eingesetzten Commissionen werden in diesen Tagen ihre Arbeiten wieder aufnehmen und während dieser Zeit dürste sich das Plenum des Reichstages wieder vertagen, so daß vorerst nur wenige Plenarsitzungen stattfinden werden. Der Bundesrath hielt am 28. November eine Plenarsitzung ab, in welcher die Gesetzentwürfe wegen Abänderung des Militär-Pensionsgesetzes vom 27. Juni 1871 und wegen Abänderung des Neichs-Beamlengesetzes genehmigt wurden. Desgleichen billigte die Versammlung die gleichzeitige Vorlage der Etats für 1883 und 1884 im Reichstage. Das preußische Abgeordnetenhaus setzte in dieser Woche die Specialberathung des Etats fort, wobei die meisten Kapitel ohne erhebliche Discussion genehmigt wurden, wie denn überhaupt die Etatsberathung sich bis jetzt in durchaus würdigen Grenzen bewegt hat. Eine kurze Ablenkung von der Tagesordnung erlitt die Debatte am Dienstag durch die Mittheilungen des Ministers des Innern, v. Puttkamer, über die bedenklichen Nachrichten vom Rhein, wobei Herr v Puttkamer eine Depesche der Kaiserin aus Koblenz an den Kaiser verlas. Die fernere Mittheilung des Ministers, daß er sofort nach Schluß der Sitzung um eine Audienz beim Kaiser nachsuchen würde — dies ist bereits geschehen, wie wir oben meldeten — wurde vom Hause mit allseitigem Beifall begrüßt. Aus der Mittwochs-Sitzung ist als Zwischenfall die Eidesverweigerung des Abg. Hörlück (Däne) zu erwähnen, welchem sodann vom Präsidenten in Folge dieser Weigerung die Einnahme seines Sitzes untersagt wurde. Am Donnerstag hielt das Abgeordnetenhaus wegen der auf Nachmittag anberaumten Wiederaufnahme der Reichstags-Verhandlungen nur eine ganz kurze Sitzung ab. Leider brachte uns dieseWoche wieder recht betrübende Nachrichten über die Wassersgefahr, von welcher eine Anzahl deutscher Gaue heimgesucht wurden. Am düstersten lauten die Mittheilungen über die Hochfluthen im Nheingau. Unterhalb Köln stehen weite Strecken unter Wasser, ebenso überschwemmte der Rhein die Bonn gegenüber gelegenen Dörfer; auch in der Umgegend von Mainz, ferner in Düsseldorf, Koblenz u. s. w. haben die Ueber- schwemmungen großen Schaden angerichtet. In Oesterreich wendet sich das Hauptinteresse der nächsten Dienstag erfolgenden Eröffnung der Reichsraths-Session zu. Wie gewöhnlich, so gehen auch diesnial der parlamentarischen Campagne Gerüchte über neue Parteibildungen vorher, welche aber in tiefem Falle, soweit sie sich auf die im Werden begriffene „Mittelpartei" beziehen, einer gewissen Basis nicht entbehren. Diese Mittelpartei wird sich um den Grasen Coronini als parlamentarischer Club gruppiren und weder als oppositionell noch als ministeriell gelten. Indessen hat es den Anschein, als ob der Coronini-Club zur Unterstützung des Minister- präsidenten Grafen Taaffe auf der Bildfläche des Reichsrathes erschienen sei, um gelegentlich ein Gegengewicht zu einer oder andern Fraktion der Reichsraths- Majorität bilden zu können. — Bei den kürzlich in Prag stattgefundenen Ergänzungswahlen zum Stadtverordneten - Collegium sind die vier deutschen Stadtverordneten den czechischen Candidaten unterlegen. Ein großer politischer Klatsch verdrängt in der französischen Hauptstadt momentan das Interesse an sonstigen Tagesereignissen. Des Pudels Kern ist kurz der: Gambetta soll in einer bei ihm abgehaltenen Versaminlung seiner Getreuen den General Campenon, Kriegsminister unter Gambetta, als Candidaten für die Präsidentschaft der Republik aufgestellt und sogar den fremden Diplomaten hiervon Kenntniß gegegeben haben. Die legitimistische „France" brachte dieses Gerücht, welches begreiflicher Weise großes Aufsehen erregte, zuerst; die Gambettistischen Organe dementirten dasselbe natürlich, aber Gambetta soll thatsächlich die Eventualität, Präsident Grövy durch General Campenon zu ersetzen, erörtert haben, und dies nicht nur in Freundeskreisen. In allen Kreisen von Paris wird diese Angelegenheit aus das Eifrigste erörtert und das Verhalten Gambetta's einer sehr abfälligen Kritik unterzogen. Daneben bildet die eigenthümliche Verwundung Gambetta's mit das Tagesgespräch der Pariser; der Ex-Dictator verwundete sich, wie es heißt, durch ungeschickte Handhabung eines Revolvers, wobei sich derselbe entlud, an der Hand. Die Wunde wird als ungefährlich, jedoch als sehr schmerzhaft bezeichnet. — Der „TempS" sucht in einem Artikel das Recht Frankreichs, das Protectorat über die Westküste von Madagaskar auszuüben, nachzuweisen, wobei er zu dem Schluffe kommt, daß die triegerischen Stammender Sakalven und Otakaren Frankreich als ihren natürlichen Protector betrachteten, da sie entschlossen seien, das Joch der Howas nicht länger zu tragen. PreiK vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. • Die jüngsten Mordthaten in Irland haben auch dem Cabinet Gladstone trotz dessen optimistischen Anschauungen über die irischen Verhältnisse die Ueberzeugung verschafft, daß die revolutionären Geister auf der „grünen Insel" noch lange nicht gebannt sind. Als erste Consequenz der neulichen Mordanfälle auf Dubliner Polizeiagenten und Gerichtsvollzieher ist daher die vom Vicekönig von Irland erlassene Proklamation zu bezeichnen, nach welcher für Stadt und Grafschaft Dublin das Gesetz in Kraft tritt, das den Polizisten die Ermächtigung verleiht, ihnen verdächtig erscheinende Personen auf offener Straße zu verhaften. Auf die Entdeckung der Mörder des erschossenen Zeugen Field ist die hohe Summe von 5000 Pfd. Sterl. (100,000 Jt) gesetzt worden. Neben der Verschlimmerung der irischen Angelegenheiten machen Herrn Gladstone auch die jüngsten conservativen Wahlsiege viel Sorge, da bei den Ersatzwahlen zum Parlamente in Salisbury und Cambridge die conservativen Candidaten gegenüber den Candidaten der Regierungspartei mit großer Majorität gewählt wurden. Diesen bedenklichen Niederlagen gegenüber erscheint die im Nnterhause nach dreiwöchentlichen Debatten Anfangs dieser Woche der Hauptsache nach erfolgte Annahme der Bill über die Reform der Geschäftsordnung nur als ein schwacher Trost für die englische Regierung. Ueber die Thätigkeit Lord Dufserin's in Egypten kommen jetzt die ersten zuverlässigen Nachrichten. Nach denselben hat Lord Dufferin beschlossen, aus Grund des vom englischen Generalconsul Wilson erstatteten Berichtes die egyptische Regierung zur Einstellung der Hauptanklage gegen Arabi wegen der Brandstiftungen und Maffacres in Alexandrien auszufordern. Von der egyptischen Regierung ist bis jetzt noch keine Antwort hierauf bekannt. Vermischtes. Metz, 27. November. Die Ueberschwemmungen um Metz gewinnen stündlich an Ausdehnung und die Gefahr für die Landbewohner ist in stetem Zunehmen begriffen. Tas Dorf Magny steht auch heute noch unter Wasser, aus welchem viele Häuser kaum noch zur Hälfte hmausreichen. Das Vieh ist aus eine nahe gelegene Anhöhe getrieben, wo es mit einer Anzahl Menschen unter freiem Himmel campirt. Im Dorfe vermitteln Pioniere mit Pontons den Verkehr von Haus zu Haus und führen den vom Wasser eingeschlossenen • Bewohnern die nöthigen Lebensmittel zu oder befreien sie aus ihrer Gefangenschaft. — Dasselbe traurige Bild wie hier sehen wir in dem dicht bei Metz gelegenen Dorfe Sablon. Auch hier ist die Seille über ihre Ufer getreten und mehr als 20 Häuser stehen unter Wasser, das theilweise bis an das erste Stockwerk reicht. Die Felder und Gärten gleichen einem einzigen großen See, aus dem hin und wieder die Krone eines Baumes hervorragt. Schrecklicher als in den vorgenannten Orten ist es den Bewohnern des Städtchens St. Avold ergangen, wo sich in der Nacht zum Sonntag eine wirklich furchtbare Katastrophe zugetragen hat. Gegen 12 Uhr wurde jung und alt durch das Getöse einer Wasserhose aus dem Schlafe geweckt, die überall die furchtbarsten Verheerungen anrichtete und sich mit ungeheurer Geschwindigkeit fortbewegte. In kaum einer halben Stunde war die Mertzclle, welche durch St. Avold fließt, aus den Ufern getreten und hatte einen Theil der Stadt unter Wasser gesetzt. In wenigen Minuten waren Keller und Erdgeschosse überschwemmt und die Bewohner der am meisten bedrohten Häuser mußten in die oberen Geschosse flüchten Die Ueberschwemmungen der Mertzelle sollten aber, wie sich sehr bald zeigte, nur das Vorspiel zu einer noch viel grauenhaftern Scene sein, die sich am Sonntag früh 8 Uhr abzu- sprelen begann. Dte Fosselle, welche schon aus ihrem Bette getreten war, verwandelte sich m Folge eines Dammdurchbruchs am Weiher von Merbette in ein Meer. Sämmtliche Gerbereien, das Schlachthaus, die Mühlen und die prächtigen Gärten, welche auf beiden Seiten des Flusses in der Nähe der Stadt liegen, sind überschwemmt. DieRosselle selbst groß und schäumend wie noch nie zuvor sie Jemand gesehen hat, rollte brausend dahin und führte die mannigfachsten Hausgeräthe, ganze Fuder Heu und selbst lebende Thiere mit sich fort. Der Schaden in den Gerbereien wie in den Gärten ist sehr beträchtlich, beim in diesen Anlagen hat das Wasser die größten Verwüstungen angerichtet und viel werthvolles Äkaterial fortgeschwemmt. In Ars zeigten sich in der Nacht zum Sonntag ebenfalls Svuren emes außergewöhnlichen Anwachsens des Mauvebaches und gleich nach 1 Uhr brach der Schrecken mit voller Macht über die im tiessten Schlaf liegende Bevölkerung herein. Jenseit der Grenze war ein heftiger Wolkenbruch niedergegangen und hatte die in die Mosel mündenden Flüsse zu reißenden Strömen umgewanoelt; der Mauvebach war zu einem See geworden, der die Dämme bei den Mauvemühlen plötzlich durchbrach, und gleich einer mehrere Meter hohen Wassersäule drang die Fluth über den Ort herein. Durch die Ars seiner ganzen Länge nach durchziehende Hauptstraße raste ein Bach mindestens einen halben Meter hoch, unterwühlte die Fundamente und deckte mit gelbrothem Schlamm Straßen, Gärten, Keller und Wohnungsräume. In den der besonder» Wuth des Wassers ausgesetzten Straßen konnten die Bewohner der Erdgeschosse sich nur mit Mühe retten; in einem Falle mußte sich eine Familie über ein Dach in ein Nachbarhaus flüchten. Das wüste Tosen des Wassers wurde von den Hülferufen der in Gefahr Befindlichen übertönt denn es war eine Scene der Angst und Verwirrung, wie sie noch Dtiemanb erlebt hat und wie sie Niemand nochmals zu erleben wünscht, und es muß fast als ein Wunder angesehen werden, daß kein Menschenleben zu Grunde gegangen ist. Hier hat sich bereits ein Comitä gebildet, um die durch die Katastrophe am schwersten heimgesuchten Einwohner zu unterstützen. Aufwärts von Ars und Jony, bei Corny, Novöant, Pagny u. s. w. bildet die Mosel einen See, aus dem nur die höchsten Sträucher und Baumkronen hervorragen. Steele, 27. Nov. Hier ist die Wassersnoth zu einer überaus frechen Erpressung benutzt worden, worüber man der „Ess. Ztg." Folgendes schreibt: Der hohe Wasserstand der Ruhr hat das Wohn- und Wirtschaftsgebäude des Herrn Abraham Löwenstein jenseits der Ruhr vollständig unter Wasser gesetzt und von jedem Verkehr abgesperrt; es war daher anzunehmen, daß der auf diese Weise von dem Feftlande abgeschlossene Bewohner des jenseitigen Nuhrufers einen Besuch wohl füglich nicht erwarten konnte. Und dennoch stellten sich in der sechsten Nachmittagsstunde des Freitag vier handfeste Kerle, jeder mit einem Revolver versehen und das Gesicht vermummt, bei ihm ein und verlangten, indem sie die Mordwaffen auf sein Haupt richteten, Herausgabe seines Geldes. Herr Löwenstein, der sich nur mit Knecht und Magd im Hause befand, hielt unter diesen Umständen eine Gegenwehr für erfolglos unb hänbigte den Räubern seinen ganzen Baarbestand von 3- bis 4000 .AL ein. Nachdem sämmtliche Behälter, worin Geld ober Werthsachen vermuthet werden konnten, was allerdings auch auf eine genaue Localkenntniß schließen läßt, durchstöbert waren, entfernten sich die Diebe mit ihrer Beute unb wünschten dem aus diese Weife Beraubten eine „gute Nacht". Die Untersuchung ist eingeleitet. — In Mailand wüthet seit einigen Tagen ein heftiger Straßenkampf gegen die Cylinderhüte; man will auf solche Weise die Bevölkerung zwingen, wieder den Garibaldihnt aufzusetzen. Die Polizei daselbst hat nun beschlossen, die Rechte des Cylinderhutes mit aller Macht zu schützen und jeden Angriff gegen denselben mit einer Geldstrafe zu ahnden Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. M. Kann, Mndenplah. 7816 fliLsoerftaul. V rc. Wasch- und Badebütten, 7888 Neustadt. 7742 H e. Sonnenstrasse 25 7687 8 J. Scliiiiücker Quantitäten. 6121 6775 7559 Blumenkübel, Zuber, Brenken, Eimer, lackirte Wasserzüber u. s. f. Bühner, Großh. 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