Mr 123. Grstss Biatr. Sonntag beii 30. Mai 1880. Kichener H(n^iger Amizk- unb Amtsblatt fit hra Kreis Sich,. RedaettooSdoreaur \ ,,L n „ 1O «Tpeditt4»nsb«rechor / Schulstraße B. I8. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. Ein wichtiges Aktenstück. Was etwa i och in den ,Motiven zu der kirchenpolittschen Vorlage für den preußischen Landtag unklar war, erläutert Fürst Bismarck durch die Publikation eines Erlasses, welchen er am 20. April an den deutschen Botschafter In Wien, Prinz von Reuß, gerichtet hat. Die Regierung kennzeichnet darin umfassend ihren Standpunkt der römischen Kurte gegenüber, und die Veröffentlichung wirkt wett über den Zweck hinaus, einzelne Zweifel und irr- thümliche Auffassungen früherer staatsmintfterieller Beschlüsse in ihrer Beziehung zu der neuen Vorlage zu zerstreuen und zu berichtigen. Mit der Vorlage selbst und mit ihrer Ergänzun.z durch den Inhalt des Erlasses an den Prinzen Reuß ist das lange beängstigende Stillschweigen über den Stand der Friedensverhandlungen mit Rom endlich gebrochen, das Dunkel lichtet sich und wir erblicken den Reichskanzler wieder seinem alten Grundsätze treu, daß kein Frieden geschlossen werden würde, der die Eqre des Staates verletzt. Füist Bismarck stellt allen Umtrieben und aller Geheimnißkrämerei der Diplomatie des Vatikans jenen Bundesgenossen des guten Rechts gegenüber, den das Papst- chum immer gefürchtet hat, die öffentliche Meinung! Der schlichte Sinn des deutschen Volkes erkennt unschwer, daß die Ehrlichkeit und die wahre Friedensliebe nicht im Vatikan, sondern bei der deutschen Regierung zu Huuse sind. Indem der Papst die weitgehenden Zugeständnisse des Staates ablehnte, um noch mehr zu erpressen, vergaß er, daß es sich nicht um einen Vertrag zwischen Personen handelt, nicht um ein Geschäft, das für den Schlauesten den meisten Gewinn bringt, sondern um eine öffentliche Angelegenheit, an welcher außer Deutschland die ganze Welt Antheil nimmt, um eine Frage des Geistes und der Herzen, der Ehrlichkeit und des Rechts, deren Lösung zu erschweren oder unmöglich zu machen, kein Verdienst ist, sondern den Unversöhnlichen in der öffentlichen Ächtung herabsetzen muß. Die preußische Staatsregierung hat bisher dis Courtoisie gezeigt, an die Aufrichtigkeit der Friedensliebe des Vatikans zu glaufc.n; sie hat sich den Anschein gegeben, als verstebe sie die Schwierigkeiten zu würdigen, welche die Haltung des Centrums der römischen Kirchendiplomatie bereuet. Nachdem der Kanzler aber erkannt hat, daß sich nicht das Centrum hinter den Papst, sondern der Past hinter das Centrum rersteckt, spricht er offen die schwere Anschuldigung des Papstes aus, von dem ein Wort genügt härte, um die CentrumSleute von ihrer steten Bekämpfung der Regierung zurückzubrtngeu. Der Papst ist verantwortlich für die Haltung des Centrums. Wichtiger als diese Kritik ist der Hinweis auf die Zukunft. Die Fortsetzung des Kulturkampfes, eine neue Auflage der Hetzereien und Drohungen find nicht geeignet, die Regierung einzuschüchtern. Der Staat leidet darunter, aber die Kirche jedenfalls noch mehr. In dieser Hinsicht spricht Fürst Bismarck offen aus, daß die katholische Agitation im Lande zu früh ihr Pulver verschossen habe; mehr, als sie bisher erreicht, werde sie trotz aller Anstrengungen niemals erreichen, und da der Staat bisher die Anfeindungen ertragen habe, so hat er auch in Zukunft nichts zu fürchten, Dank der Vortreffltchkeit jener Gesetze, die er zum Thetl zu opfern bereit ist. Der Reichskanzler schildert eingehend das praktische Entgegenkommen, welches die Staatsregierung bereits bewiesen hat, und er gedenkt ja bekanntlich trotz der Ablehnung der Kurie die Formen debatttren und beschließen zu lassen, unter welchen ein noch weiteres Entgegenkommen möglich ist. Dabet verschweigt er allerdings nicht, daß es thöricht sein würde, wenn die Regierung ihr scharfes Schwert zerbräche, während man Seitens der Kurie keinerlei Garantien besäße. Aber an und für sich zeigt Fürst Bismarck dabei eine Friedensliebe, die ungewöhnlich wett geht und möglicherweise vom preußischen Landtage nicht gutgeheißen werden wird. Ist das Centrum trotz alledem und alledem feindlich, der Papst trotz allem Entgegenkommen hartnäckig widerstre- Lend, warum sollen wir nicht ruhig warten, da wir warten können? Deutschland hat seinen guten Willen gezeigt, es ist nicht nöthtg, ihn noch einmal eklatant zu bekunden, um vielleicht zum dritten Male abgewiesen zu werden. Vielleicht, oder vielmehr wahrscheinlich, wird die Kirche entgegenkommender werden, wenn man die Gesetze bestehen und Alles beim Alten läßs. Deutschland. Darmstadt, 29. Mai. DaS heute ausgegebene Großherzogltche Regierungsblatt Nr. 17 enthält die Instruction für die Großh. Kretsämter, Kreisgesundhettsämter, delegirten Kreisärzte und Ortspoltzeibehörden zur Ausführung des Gesetzes vom 10. Septbr. 1878, 6etr. den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren. (Regier.-Blatt 1, Sette 118.) m. Darmstadt, 29. Mai. Von Seiten eines Comite's von Vertretern der Städte Friedberg und Hungen und der Orte Dorheim, Mehlbach, Södel, Wölfersheim, Berstadt Wohnbach, Obbornhofen und Bellersheim ist an die zweite Kammer der Stände eine Eingabe gerichtet worden, welche in der Bitte gipfelt, das Project der Anlage einer Secundärbahn von Hungen nach Friedberg unter Anschluß an die projectirte Bahnlinie Mücke-Laubach-.smngen mit Ausmündun- der Bahn über Wölfersheim, Södel, Mehlbach, Dorheim nach Friedberg genehmigen zu wollen. Die Eingabe führt des Näheren aus, wie es von den Bewohnern der Provinz Oberhessen und insbesondere denjenigen der Wetterau, des gesegnetsten Landstrichs jener Provinz, auf das Tiefste empfunden werde; daß die Anlage der Oberhessischen Bahnen für den natürlichen Verkehr Tas nicht gebracht, was möglicherweise beabsichtigt gewesen. Von jeher aus uralten Seiten bewege sich die Verwerthung der Landesproducte, sowie der Gewerbserzeugnisse aus der Wetterau und selbst vom Vogelsberg herunter vorzüglich Frankfurt zu, also fast in grader Richtung von Norden nach Sijden. Es habe sich daher unter Würdigung dieser sehr wichtigen Verkehrsverhältnisfe unter dem Vorsitze Sr. Erlaucht des Grafen zu Solms-Laubach ein (Sonnte gebildet, um die Erbauung einer Secundärbahn von Station Mücke über Laubach nach Hungen und von da über die Orte Berstadt, Echzell, Reichelsheim nach Nieder-Wöllstadt oder nach Friedberg anzustreben. Dies habe die Bewohner der Hanptorte der Wetterau: Dorheim, Mehlbach, Södel, Wölfersheim, Wohnbach, Obbornhofen, Bellersheim und Berstadt veranlaßt, nicht müssig zu bleiben, und bereits unterm 25. Januar I. I. habe zu Berstadt eine sehr zahlreich besuchte Versammlung stattgefunden, welche den einstimmigen Beschluß faßte, unter Anschluß an das Project Mücke-Hungen — entgegen der Linie Echzell-Reichels- heim-Nieder-Wöllstadt ober Friedberg — mit Ausmündung der Bahn über Berstadt auf dem nächsten Wege der Straßenrichtung über Wölfersheim, Södel, Mehlbach, Dor- Henn nach Friedbeig zur Erbauung einer Secundärbahn alle möglichen Schritte zu thun. Nach den weiteren Ausführungen der Eingabe dürfte die Herstellung einer Secundärbahn Mücke-Friedberg der Bahn Mücke:Nieder-Wöllstadt gegenüber als das kürzeste und weniger kostspielige, sowie voUheckhafteste Project zu bezeichnen sein. Zunächst sei die Strecke Berstadt-Friedberg weit kürzer, als die Strecke Berstadt-Reichels- Heim-Nieder-Wöllstadt; weiter könne bei der Strecke Berstadt-Friedberg die vorhandene breite Staatsstraße znr Bahnlinie benutzt werden, onne daß dadurch der sonstige Verkehr auf der Straße beeinträchtigt werde, während bei dem anderen Project kostspieliges Gelände angekauft werden müßte; fobtmn berühre die Theilbahn die Hauptorte der Wetterau, der Verkehr auf derselben werde gewiß für Güter sowohl, wie für Personen ein sehr bedeutender werden, da von hier aus die Erzeugnisse der Landwirth- schaft und der Gewerbe nach Friedberq, Frankfurt und weiter gebracht werden und endlich dürsten eine besondere Berücksichtigung die Bergwerke von Wölfersheim und Mehlbach verdienen, da besonders da letzteres Werk seine ausgezeichneten Preßklötze (ein sehr vortheilhaftes und billiges Brennmaterial aus den Braunkohlengruben) in die Gegend nach Friedberg und Frankfurt hin veikaufe Schließlich wird bemerkt, daß das Comite sich auch bemüht habe, mit dem Eomite der andern Linie Mücke-Laubach - Berftadt-Echzell'Reichelsheim-Nieder-Wöllstadt eine Vereinbarung zu erzielen, es aber nur dahin gebracht habe, daß es für sein Project ebenfalls die nöthigen Vorarbeiten selbstständig ansführen lassen sollte. Die Eingabe, welche die demnächstige lieber? fendung des Planes, der Kostenüberschläge und statistischen Erhebungen in Aussicht stellt, wurde dem vierten Ausschuß der zweiten Kammer zur Berichterstattung überwiesen. " Berlin, 27. Mai. Im Orient werden die Verhältnisse immer verwirrter. In der qesarnrnten Türket herrscht heute nirgends mehr Sicherheit des Lebens und Eigenthums. Selbst in der unmittelbarsten Umgebung der Hauptstadt mehren sich die Raub- und Mordanfälle auf offener Straße. Am kritischsten gestalten sich die Dinge in Albanien. Die Albanesen weigern sich fortgesetzt, an Montenegro die Gebietstheile abzutreten, welche diesem nach dem Übereinkommen der Mächte zufallen sollen. Montenegro ist zu schwach, um, sich die ihm zugesprochenen Gebiete durch das Schwert zu nehmen. Die Mächte fordern von der Pforte, daß sie die von ihr mttunterzetchneten Abmachungen durchführen solle. Die Pforte besitzt dazu nicht einmal den Willen; sie speist die Mächte mit Winkelzügen ab. In solchen sind sämmtltche orientalische Diplomaten groß, ihnen kann nur der ernste Wille, hinter dem militärisches Einschreiten steht, imponiren. Die Pforte weiß aber, daß keine der Mächte sich für die nächste Zett in kriegerische Unternehmungen einlassen will. Die Pforte besitzt auch gar nicht die Macht, den Anforderungen nachzukommen. Sie hat die Autorität über die Albanesen verloren; wenn ihre Beamten sich dem Willen der Albanesen widersetzen, droht ihnen grausamer Mord, wie das Schicksal Mehemed Ali Pascha's beweist. Die Soldaten der Pforte sind zum Theil selbst Albanesen, welche nicht gegen ihre Landsleute kämpfen, sondern mit oder ohne Billigung der Pforte zu ihnen übergehen, zumal sie seit Jahren keinen Sold empfangen haben und für ihren Unterhalt auf Raub und Plünderung angewiesen sind. Hannover, 26. Mai. Der „Hann. Kur." erzählt folgendes Curto- fum: Bestraft wegen Flaggens in den Reichsfarben wurde der Verleger des „Htldesh. Courters", Herr Fünfstück. Der Redacteur des Blattes hatte wegen Beleidigung des Hildesheimer Magistrats ein fünfwöchige Gefängntßstrafe abgebüßt. Am Tage seiner Entlassung hängte der obengenannte Verleger eine schwarz-wetß-rothe Fahne aus und erhielt darauf folgenden Strafbefehl: „Auf Antrag der königlichen Staatsanwaltschaft wird gegen Sie wegen der Beschuldigung, daß Sie aus Anlaß der am 28. April d. I. erfolgten Entlassung des Redacteurs Schusser aus dem Gefängnisse des hiesigen Landgerichts eine große schwarz-wetß-rothe Fahne aus ihrem Hase gesteckt, dadurch Aufsehen erregt und groben Unfug verübt haben, — Übertretung gegen § 360, 11 St.-G.-B. — wofür als Beweismittel bezeichnet sind: Staatsanwalt Jänisch hierselbst, eine Geldstrafe von 30 und im Falle dieselbe nicht beigetrteben werden kann, eine Haftstrafe von 3 Tagen festgesetzt. Zugleich werden Ihnen die unten verzeichneten Kosten mit 3 10 auferlegt. Geldstrafen und Kosten sind an das königliche Steueramt Hildesheim zu zahlen. Königliches Amtsgericht V. Daß man wegen Aushängens einer Flagge in den deutschen Reichsfarben „groben Unfug" verüben kann, ist in der That neu. Italien. Rom, 27. Mat. In der heutigen Sitzung der Deputtrtenkammer stimmten bei der Wahl der vier Vicepräsidenten 426 Abgeordnete. Auf Vare fielen 211, auf Spantigatt 207, auf Manrogonato 206, auf Rudtnt 200, auf Abtgnente 200, auf Ptanctoni 195, auf Tajant 190, auf Baccelli 135 Stimmen. Da kein Candidat die nothwendtge Sttmmenzahl erhielt, findet Stichwahl statt. Für diese wie für die Wahl der Secretäre und Quästoren einigten sich die Parteien der Constttuttonellen und Dissidenten, eine gemein- same Liste vorzuschlagen. Zu Secretären wurden Solidati und Ferrint (Dissidenten), Martotti und Quartiert (Constitutionelle) gewählt. Für die übrigen vier Secretäre stndet morgen Stichwahl statt. Auch die Wahl der Quästoren macht eine Stichwahl erforderlich. Rumänien. Bukarest, 27. Mai. Das „Amtsblatt" veröffentlicht eine von den Mohawed.rnern der Dobrudscha anläßlich der Feier des 22. Mai an den Fürsten Karl gerichtete Abreffe, worin es heißt, daß die Mohamedaner in An. betracht der Rechtsgleichheit und des Schutzes, welches sie unter dem rumäni- scheu Gesetze genießen, glücklich sind, in würdiger Weise, sowie die Rumänen, den Jahrestag der Thronbesteigung des Fürsten begehen, welchem sie eine lange glorreiche Regierung wünschen. Telegraphische Depeschen. Wagner'« telegr. @»n?efptn>e*i • »trete*. Berlin, 28. Mai. Die „9t A. Z." schreibt gegenüber Auslastungen national liberaler Blätter: Die Regierung habe in der kirchenpolitischen Frage die Neigung des Entgegenkommens bekundet, aber noch keine Concesston gemacht und den Grundsatz festgebalten, nur pari passu Concessionen zu machen. Durch gegentheilige Insinuationen von Fractionsblättern werde die Verständigung nicht gefördert, deren gerade die nattonalltberale Partei, die im Begr ffe sei, wieder den Zug zu versäumen, zu ihrer Kräftigung bedürfe. Pesth, 28. Mai. Der im Duell verwundete Graf Zichy-Ferraris ist gestorben. Paris, 28. Mat. Deputtrtenkammer. Ciemenceau tadelt die am Sonntag ftattgefundene Entfaltung von Polizeimannschaften, um eine Manifestation zu verhindern, die zwar früher beabsichtigt gewesen, aber wieder auf- gegeben sei. Redner wirft der Regierung vor, daß sie kein Vertrauen in die Freiheit setze. Die Bevölkerung sei weiser als die Regierung. Es wäre an der Zett, In Frankreich einen Versuch mit der Politik der Freiheit zu machen. Der Minister des Innern erwidert: die Regierung konnte eine Manifestation, welche auf Verherrlichung verbrecherischer Thaten abzielte, nicht dulden. Gerade weil wir die öffentlichen Freiheiten lieben, wollen wir sie schützen gegen diejenigen, welche Aufregung in die Gemüthrr und auf die Straße bringen (Beifall ) Eastagnac äußert: wenn die Manifestation strafbar war, warum stellte man die verhafteten Individuen nicht vor Gericht? Redner beschuldigte die Regierung, sie habe zweierlei Maß und Gewicht, indem sie gegen die Rechte Strenge übe, die Linke aber schone. Clemenceau beantragt den Ueber- gang zur Tagesordnung, indem die Kammer ihr Bedauern ausdrücke, daß die Regierung kein Vertrauen zur Weisheit der Bevölkerung von Parts gehabt habe. Die Regierung verlangt dagegen die Annahme der einfachen Tagesordnung. Diese wird von der Kammer mit 309 gegen 31 Stimmen beschlossen. Petersburg, 28. Mai. Der „Regier.-Anz-" vublictrt die Begnadigung der im Weymar-Proceß Verurtheilten. Mtchaeloff zu zwanzigjähriger, Saburoff fünfzehnjähriger, Trotschansky zehnjähriger Bergwerksarbeit; Wey- mar zu zehnjähriger Festungsarbeit; Kolenkina zu zehnjähriger, Berdnttoff achtjähriger, Löwenstein sechsjähriger Fabrikszwangsarbeit; Natanson und Witanjew zur Ansiedelung nach Sibirien; Malinoska zur Verschickung nach Tobolsk. Das „Petersb. Journal" nennt den 15. Juni für den Zusammen- tritt der Berliner Conferenz. Lokales. Gießen, 28. Mai. In der heute abgehaltenen General-Versammlung des Hessisch-Rheinischen Bergbau-Vereins, wo 540 Actien vertreten waren, erstattete nach Erledigung der anderen Gegenstände der Tagesordnung die Direction einen eingehenden Bericht über die Lage des Unternehmens; es war aus demselben zu ersehen, daß die Besserung der Geschäftslage der Gesellschaft im vorigen Jahre sehr beträchtliche Fortschritte gemacht hat, insbesondere seit der Mangel an Betriebsfonds, mit dem früher das Unternehmen zu kämpfen hatte, durch die Reconstruction der Gesellschaft beseitigt ist und in Folge dessen die Arbeiten auf den Gruben und Brüchen kräftiger ausgenommen werden konnten. Die Direction erklärte zwar, noch nicht in der Lage zu sein, über die definitiven Resultate des per Ende Juni schließenden Rechnungsjahres schon jetzt Daten zu geben, obwohl solche bereits jetzt approximativ geschätzt werden könnten; sie könne aber bereits heute mittheilen, daß das vertheilbare Betriebs-Ergebniß keinenfalls unter 4°/o, wahrscheinlich auf circa 5% belaufen wird. Ein weiterer beträchtlicher Aufschwung der Geschäfte dürste von dem Betrieb der diversen Gruben, deren Ankauf heute zur Genehmigung der General-Versammlung siebt (es sind dies vornehmlich Brounkoblen- und Eisensteinbergwerke und zwar unter andern Nordstern, Nordstern I, Augustine, Augustine I, Dulheucr) erwartet werden. Zur Zahlung des Kaufpreises hierfür und zu den durch deren Betrieb und Neubauten erforderlichen Vergrößeiung von Betriebsmittel erklärt alsdann die Verwaltung, die Summe von circa JL 350,000 vorerst zu benöthigen, die im Wege der Anleihe aufzubrmgen fei, für das Geeigneteste hält, zumal für die Uebernahme derselben bereits diverse, durchaus günstige Propositionen vorlägen, lieber die in Aussicht genommene Acquisition eines ferneren, sehr ausgedehnten und werthvollen Grubcnbesitzes, wodurch der Verein in die Lage käme, als größter Kohlenproducent aufzutreten und zu dessen Erwerbung zu günstigen Bedingungen die erforderlichen Schritte geschehen sind, wird in der nächsten Sitzung Bericht erstattet- — Der Antrag von der Verwaltung wurde einstimmig von der Versammlung genehmigt. — Auf die Ansiage eines Actionär theilt die Direction noch mit, daß die Basaltbrüche Stumperich, Hummelsberg und Asberg sich im besten Betriebe befänden und in letzterer Zeit größere, namhaften Gewinn versprechende Abschlüsse mit dem Niederrhein gemacht seien; ferner daß die Errichtung einer Briquettesfabrik in Aussicht genommen sei- Klcmkmder-Bewchranstalt?u Gießen. Der unterzeichnete Vorstand sieht sich veranlaßt, betreffs der hiesigen Kleinkinderschule folgende Mittheilungen an die Eltern zu richten, die Kinder in diese Schule schicken und schicken wollen- 1) Nach S 1 der Statuten „soll die hiesige Kleinkinder-Bewahranstalt den Einwohnern der Stadt, die sich außer Stand befinden, ihren Kinderm von 2Vz bis 6 Jahren die nöthige Sorgfalt zu widmen, die Gelegenheit geben, dieselben unter- sichere Aufsicht zu stellen und in eine verständige und liebevolle Bewahrung zu bringen." Demnach ist die Anstalt hauptsächlich für arme Familien bestimmt, in denen Vater und Mutter auf Verdienst ausgehen und den Tag über um der Arbeit willen ihr Haus verlassen müssen; ihnen will die Anstalt unterdessen die Kinder verwahren. Für solche besser stehenden Familien aber, in denen der Vater oder besonders die Mutter dauernd zu Hause bleiben können, und die rnr um der eigenen Ruhe willen und um ihre Kinder von der Straße zu bringen, sie uns schicken, für solche Familien ist, wenn nicht besondere Verhältnisse, Krankheit u. s. w., vorliegen, unsere Anstalt nicht bestimmt, die aus freiwilligen Liebesgaben wohlthätiger Menschen unterhalten werden muß. Wir bitten deshalb dringend, alle diejenigen Eltern, die recht gut im Stande sind, ihren kleinen Kind rn die nöthige Sorgfalt selbst zu widmen, uns dieselben gar nicht anzubieten; es giebt ja hier noch andere Klinkinder-Pflegeanstalten, denen sie ihre Kino^r zuweisen mögen- Unsere Anstalt ist zudem so überfüllt worden, gegen 160 Kinder — daß die Arbeit für zwei Lehrerinnen zu groß und die richtige Pflege, Beschäftigung und Erziehung der Kleinen fast unmöglich wird. Wir dürfen auch für die Dauer nur dann auf die willige Unterstützung der Einwohnerschaft Gießens rechnen, wenn wir derselben die Versicherung geben können, daß die Anstalt wirklich als Wohlthat und Unterstützung für bedürftige Leute dient, nicht aber zur Bequemlichkeit für Eltern, die die Unruhe und Last mit ihren Kindern gern einige Stunden des Tags los sein möchten. Wir werden deshalb künftig Kinder nur aus solchen Familien in der Schule lassen und neu aufnehmen, für welche dieselbe gegründet wurde und durch Liebesgaben unterhalten wird. 2) Nach § 3 der Statuten ist die Zeit des Aufenthalts der Kinder in der Anstalt festgesetzt im Sommer von 7 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends, und nach § 6 wird den Eltern derselben „zur Pflicht gemacht, die Kinder zu den vorgeschriebenen stunden pünktlich zu bringen und wieder abzuholen." Hiervon weichen viele Eltern ganz willkürlich ab; von Morgens 7 bis 11, ja. 12 Uhr kommen die Kinder unaufhörlich in die Anstalt herein, und dadurch wird alle Ordnung und aller Zweck der Schule völlig vernichtet. Wir bitten dcßhalb die Eltern dringend, ihre K-nder pünktlich zu bringen und etwaige Verspätungen genügend zu entschuldigen; die Lehrerinnen sind angewiesen, über diese Verspätungen eine Liste zu führen und von nächster Woche an unbedingt kein Kind mehr für den Tag anzunehmen, das nach 9 Uhr Btor- gens erst erscheint. 3) Es wird nach $ 6 der Statuten den Eltern der Kinder weiter zur Pflicht gemacht, „ohne gegründete Ursache, z. B Krankheit, die Kinder nicht aus der Schule zu lassen, und, muß dies geschehen, die Anzeige davon in der Schule zu machen." Auch von dieser Bestimmung weichen manche Eltern willkürlich ab; und wenn sie ihre Kinder einen oder mehrere Tage zu Hause behalten, dann wollen sie auch den kleinen Beitrag nicht zahlen- Wir haben deßhalb den Beschluß gefaßt, daß für alle unentschuldigten Versäumnisse der Beitrag fortgezahlt werden muß. Und von nächster Woche an ist die Bestimmung getroffen, daß, wenn ein Kind ohne Anzeige und Entschuldigung der Eltern länger als 8 Tage hinter einander fehlt, es als ausgetreten gilt und von den Lehrerinnen ohne einen von dem Vorsitzenden neu ausgestellten Aufnahmeschein nicht wieder angenommen werden darf. 4) Weiter haben nach § 6 die Eltern die Pflicht, „die Kinder während der Tageszeit ununterbrochen in der Anstalt zu lassen und alles für dieselben bestimmte Essen an die Aufseherin der Kinder, nie aber an diese selbst abzugeben", daun „die Kinder reinlich gekleidet, sauber gewaschen und gekämmt und mit einem Taschentuch versehen, in die Schule z-i bringen." Dazu wird § 5 bestimmt: „Die Kinder erhalten in der Anstalt Mittags eine nahrhaste und kräftige Suppe, und haben dafür wöchentlich 20 4 zu zahlen und außerdem ihr Brod für 10 und 4 Uhr mitzubringen und bei ihrem Eintritt in die Schule der Lehrerin zu übergeben." Und § 6 heißt es endlich noch ausdrücklich: „Von den gegebenen Vorschriften kann kein einmal in die Anstalt aufgenommenes Kind befreit werden" Auck diese Bestimmungen bringen wir hiermit in Erinnerung mit der Bitte um Einhaltung derselben; wir selbst müssen künftig genau nach denselben verfahren. Gießen, den 28. Mai 1880. Der Vorstand der Kleinkinder-Bewahranstalt: Dr. Carl Naumann, Pfarrer, Vorsitzender. Handel und Verkehr. Gießen, 29 Mai. Auf Dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter per Pkd. JL. 0 80 lik JL 0.90, Hühnereier 1 Skück 5—0 H, 2 Stück 9—0 H, Enteneier 1 Stück 5-0^. Käse per Stück 5 — 12 H, Kasematte per Stück 3 H, Erbsen 1 Liter 20H, Linsen 1 Liter 21 Tauben Da« Paar 0.60—0.80, Hühner per Stück JL 1.20—0.00, Hahnen per St. 1.30 bis 0.00, Wälsche 8—9, Enten per Stück 2 50—0.00, Kartoffeln per 100 Kilo 7—0, Zwiebeln p. Elr JL 30—00, Milch per Liter 16 und 1« H, Ochsenfletsch 68—00 H per Pfv.. Kuh. unv Rindfleisch 50-56 H, Kalbfleisch 40—46 Hammelfleisch 66—70 Schweinefleisch 60 H. Kirschen per Pfund 60 Der Kartoffel- und Gefchirrwarkt befindet fich von Dienstag, den 1. Juni d. I. an wieder auf dem Brand. Auszug aus denStandesamlsregiflern des Standesamts Gießen Vom 22. bis 28. Mai 1880. Aufgebote. 22. Bierbrauer Gottfried Ferdinand Tobias von Klein - Lauth mit Karolinc Mar:e Löber, Tochter des verst. SwuhmachermeisterS Jacob Löber von Gießen. 25. Kaufmann Konrad Heß von Homberg a. Ohm mit Kaiharlne Dietrich, Tochter d-s Lohgebers Heinrich Dietrich von Homberg a Ohm. 25. Taglöhner Heinrich Frey von Burgsolms mit Elisabetp »Ibach, Tochter des Taglöhners Philipp Albach von Daubrrngen. 27. Metzgermeister Wilhelm Emil Vogt von Gleßen mit Anna Clara Emilie K'mmer, Tochter des Pfandmeisters Christian K-mmer von AlSfcld. 27. Schreiner Heinrich Carl Demuth von Gießen mit Elrlabety Buch, Tochter des verst. Lehrers Johannes Buch von Kelsterbach. 28. Schreiner Johannes Kinkel von Annerod mit Elisabeth Berghäuser, Tochter des verst. Bergmanns Peter Berghäuser von Klein-Altenstävten. Eheschließungen. 26. Nangirer Friedrich Wilhelm Bachmann von Leubingen mit Elise Rupp, Tochter des verst. Hirten Johann Georg Rupp von Nieder-Weidbach. Geborene. 17. Karl Heinrich Philipp, Sobn des Schneiders Georg Wilhelm Lotz. 15. Her mann, außerehel. von auswärts. 16. Louise Alwine, außrrehel. von auswärts. 21. Mar. Sohn des Lehrers Wilhelm Plaut. 19 Emma Elisabeth, Tochter deS Färbermeisters Valentin Klein 22. Heinrich, außerehel. von auswärts. 22. Dem Küfermeister Heinrich Becker eine Tochter. 22. Theodor, Sohn des Fruchthändlers Salomon Goldenberg. 21. Karl Peter Joseph, Sohn des Schmids Peter Hardt. 2n. Clara Bertha, Tochter des Büchsenmachers Karl Albert Schu.tz. 21. Anna Marie Elisabeth Gertrude, Tochter deS Locomoiivführers Heinrich Ludolph. Gestorbene. 22. Elise Noll, geb. Weigardt, 32 I. alt, Ehefrau des Friedhossaufsehers Jacob Noll. 23. Emilie, 1 M. alt, Tochter des Färbermeisters Adolf Vogt. 21. Marie, 3 I alt, Tochter des Schuhmachers Heinrich Krick von Niederglren, Kreis Wetzlar. 23. Anna Elisabeth, 8 I. alt, Tochter detz verst. Sckmieds Adam Barth 24. Cvristian, 13 I. alt, Sohn des vei,l. Bahnarbeiters Christian Preijag. 25. Dem Bremser Johannes Gilbert eine todtgeb. Tochter. 25. Karl, 4 I alt, Sohn des Wirths Jacob Thomas. 24. Heinrick, 30 Siunden ate. außerehel von auswärts. 27. Elisabeth, I I. alt, Tochter deS Schlossers Georg Baltzcr. 27. Emma Marie, 1 I. alt, Tochter des Pfarrers Georg Schlosser. Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen. Evangelische Gemeinde. Getaufte Den 23. Mai. Dem Fnedhofsaufjeher Jocob Noll ein Sohn, Heinrich Jacob Georg geb. den 13. Mal. Den 26. Mai. Eine unehel. Tochter, Katharine Louise, geb. den 9. Mai. Ü) t e r H g t f. Den 23. Mai. El.se Noll, geb. Weigardt, Ehefrau des Friedhofsaufsehers Jacob Noll, alt 32 I 23 T., gcst. den 22. Mai. Den 26. Mai. Christian Preisag, Sohn des verst. Güterarbciters Christian Preisag, alt 13 I. 2 M. 5 T, gest. den 24. Mai i Die Liste der w(rb drei W IflI 5, im» er' -er SübanW Ut die Se-nE binnen drei «etter ictibtn. . Giryen, bei 3725)____ M Hamen »n An der i .«gen den Schlossern Jnb den Kreisbaua Klein, beide von G digniig, hat das @ri g-licht zu AM m A März 1880, an meld haben: ' l. Gr- Amtsrichter! sitzender, 2. Rentner Bücking, 3. Gemeinde-Einneh Schöffen, Gr. Amtsanwalt E Beamter der Stuc Gr. Gerichtsaccessisl richtsschreiber, für Recht ertannt: beide Angeklagte sm gesetzten Beleidigun wird Karl Stohr van zehn Mark uri urtheilt, und dem bas Recht zugespro, binnen einer Woch stellung einmal au Stohr im Gieße: öffentlichen, dagege Klein auf Grün! B. für straffrei _ V. R. . Die Richtigkeit der A formet wird beglaubig! iarfett des llrtüeits bei Tuben, den 22. Mai . Aeidda ^chtsjchleidn dts tz Grass; Verstei; im Forste Mag iit„ z. x n Vormittags ;öhbftk«Wrfae® 2" jungen \ ÄÄ einigen t am 24. G 3691) W --2Ni „Ntig, knip" Locai kW i *5 4 ft1«'®® ,A wenn wir Kr Achten. be5fl?hU C lü,itn 0C5flabtn unter; Ier.'"J-er An- ^^ds, und >u den vorge- ;r;on weichen ‘ kommen die J8 unb aller il)tt Kmber 8^ '- b’t Ähre- ln" v°n nötbittr °ch 9 Uhr -'ta M Pflicht ou- btt Hchule wachen." Auch wenn sie ihre auch dm kleinen 6 OK alle unent- n nächster Woche d Entschuldigung k >1 «J kV 3 3 p w 3 > 8 sä fD