Nr. 219. Zweites Blatt. Sonntag den 19. September 1889. Kießmer Anzeiger Alljkijk- inb MsM fit fest Kreis Gieße». NedaetiorrSburearr r ExpeditionSbureau r Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh* Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Politische Uebersicht. Der Besuch des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich am deutschen Katferhofe ist durch die Großartigkeit seiner Aufnahme in Berlin, bet welcher Fürst und Volk wetteiferten, zum politischen Eretgniß geworden. Bedürfte eS überhaupt noch eines Kittes der engen politisch-freundschaftlichen Beziehungen der beiden Kaiserreiche, so könnte man ihn in der wahren Festfreude, welche das Erscheinen deS jugendlichen Erzherzogs abermals hervorrief, finden. Den Meldungen eines bevorstehenden Beitritts Italiens zur deutsch- österreichischen Allianz ist vorläufig kein allzugroßes Gewicht beizulegen. Cairoli soll die Abstcht haben, daS Bündniß anzuregen, und man erzählt, daß ein Herr Görke, sein Vertrauter, von Wien nach Friedrichsruhe unterwegs sei. Den Italienern fehlt leider ein Cavour; man glaubt weder an große noch ehrliche italienische Politik. Um aber eine Demonstation Italiens gegen Frankreich zu unterstützen, dazu denken die deutschen und österreichischen Staatsmänner zu hoch von der Allianz ihrer Kaiser und Völker. Die galizischen Polen haben durch die wahrhaft glänzende Auf» nähme, welche fie dem Kaiser Franz Josef bereiteten, deutlich genug gegen Rußland dewonstrirt. Immerhin ist es bet einer etwaigen Friedensstörung durch Rußland von großer Bedeutung, daß der Panslavismus, den die großrussische Politik auszunutzen gedachte, auf die Polen in Rußland, Preußen und Oesterreich nicht zählen kann. In Frankreich führt Rochefort mit Geschick seinen Feldzug gegen Gawbetta. Es gehört nicht zu den Unmöglichkeiten, daß der geplante Sturz Freycinct's weniger auf eine Stärkung des Einflusses Gambetta's, als der Radikalen htnausläuft, welche langsam aber sicher die Position Gambetta^s, die mit „Allmacht" richtig bezeichnet wird, unterhöhlen. Die junge Königin Christine von Spanien hat einer Infantin das Leben geschenkt; die Neugeborene ist nach spanischem Thronrecht, so lange sie nicht einen Bruder erhält, die Erbin des spanischen Königsthrones. In England, wo man die irische und orientalische Frage mit Eifer discutirt, ist eine kurze Pause in der politischen Thätigkeit eingetreten, da alle Welt durch häufige Eisenbahn-Unglücksälle aufgeregt ist und darin, weil man bei einem Unfälle einige Dynamit-Patronen auf der Strecke gefunden hat, nihilistische Schandthaten erblicken möchte Die europäische Flottille vor Ragusa ist nunmehr vollzählig. Die militärischen Dispositionen sind dem Obercommando überlasten, welches sich jedoch vor einer Action mit den Admiralen in's Einvernehmen zu setzen hat. Eine Admiral-Con-ferenz steht also der Türkei gegenüber, doch zeigen sich die alten Seebären hoffentlich, wenn's darauf ankommt, etwas energischer als ihre diplomatischen College», die Landratten. Uebrigens scheint auch die europäische Diplomatie der Pforte gegenüber der Worte müde zu sein und Thaten sehen zu wollen. Die letzte Collectionote ist höchst energisch und fordert sofortige unbedingte Annahme der Grenzlinie, sowie ungesäumte Abtretung Dulcignos. Es herrscht in Folge besten große Bestürzung in Konstantinopel. Berlin, 16. Septbr. Die „Nat.-Ztg.", Bismarck's Ernennung zum Handelsminister besprechend, sagt: Diese Thatsache weist darauf, daß der lei- tende Staatsmann den in dieses Restort fallenden Gegenständen seine Aufmerksamkeit mit besonderem Nachdruck zuwenden wird. Fragen wir, welche Gegenstände dles sein können, so repräsentiren sich zwei Angelegenheiten, bet denen man an Verstärkung der unmittelbaren Initiative Bismarck's denken kann: die eine Frage ist bie Abschließung der Handelsverträge, die allerdings reich competirt, für deren Bearbeitung aber das preußische Handelsministerium die geeignete Instanz ist, die andere Angelegenheit ist das Versicherungswesen, für welches der Reichskanzler besonderes Jntereffe zeigt. Von verschiedenen Blättern wurde angedeutet, Zunft und Jnnungswesen solle ganz besonderen Reformen entgegengeführt werden. Wir lasten das dahingestellt. Die Lage scheint nicht danach angethan, sie durch Experimente in dieser Richtung noch mehr zu compliciren. Die persönliche Sette der Sache kommt wohl am meisten darin zum Ausdruck, daß die Stellung des Vorstandes der Reichskanzlei, Geheimen Rathes Tiedemann, der Stellung eines Minister sich nähern wird. Die „Voff. Ztg." erinnert daran, daß man bis jetzt immer gehört hätte, daß eine Verschmelzung des preußischen Handelsministeriums mit dem Retchsamte des Innern dringend geboten sei. Das „Tageblatt" meint, der neue preußische Minister sür Handel und Gewerbe wird also auch in das neu von ihm zu leitende Ressort seinen Geist zu tragen bemüht fein. Aber wird sich der junge Wein in alte Schläuche füllen lasten? Wird das altbewährte preußische Beamten- thum auch in diesem Verwaltungszwetge eine umstürzlerische, wenn auch rückläufige Bewegung von oben her ohne schwerste Schädigungen altüberkommener Vorzüge zu überdauern im Stande sein? — Die päpstliche „Aurora" versichert, der Klerus werde seine Theilnahme an dem Kölner Domfest auf das Tedeum beschränken. Lokales. Gießen, 18. September. (Sitzung der Stadtverordneten am 16. September.) Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, die Beigeordneten Herren Keller und Heß; von Seiten der Stadtverordneten die Herren Batst, Dtery, Gail, Grüneberg, Hoch, Homberger, Kauf, May, Ad. Noll, Aug. Noll, Pfannmüller, Scheel, Schop- bach und Wortmann. — Der der Versammlung vorliegende Rechenschaftsbericht der Löber'schen Stiftung weist bet einer Einnahme von 3087 JL 81 und einer Ausgabe von 2331 Jü 72 einen Kassenbestand von 756 JL 9H, sowie am Schlüsse des Rechnungsjahres ein Gesammtvermögen von 48,920 JL 95 auf. — Im Auftrage des General-Commando'S des 11. Armeecorps ist Seitens des Commando's des 2. Großh. Hess. Infanterie Regiments Nr. 116 an Großherzogliche Bürgermeisterei ein Schreiben eingegangen mit dem Anfragen, ob die Stadt aus Anlaß der Neubildung des nach Gießen zu verlegenden 3. Bataillons genannten Regiments in der Lage sei, einen größeren Exercicrplatz zu beschaffen. Nach Einsichtnahme des Terrains zwischen der Sicher Chaussee und der Oberhessischen Eisenbahn hat die Militärverwaltung den Plan, dort einen Exercicrplatz herzurichten, aufgegeben, da man die Beibehaltung des alten Exercierplatzes und die Vergrößerung desselben um ca. 36 Hcctare (144 Morgen) im Auge hat. Die Größe des Platzes selbst ist auf 800 Schritt Lange und 800 Schritt Breite angegeben, so duß, falls das Project zur Ausführung kommt, der hintere Thetl des Philosophenwaldes dazu genommen werden muß. Nach längerer Debatte, in welcher namentlich der Verlust der dortigen Waldanlagen als für die Bewohner der Stadt empfindlich hervorgehoben, jedoch auch in einem von Großherzogltcher Oberförsteret Gießen vorliegenden Gutachten dar- gethan wird, daß die Waldverhältnisse am Exercierplatz mit der Zeit doch eine Aenderung erfahren würden, beschließt die Versammlung, der Militärbehörde den zur Vergrößerung des Exercierplatzes nöthigen Thetl des Philosophenwaldes zu überlassen, d. h. gegen eine jährliche Pacht von 5 JL pro Morgen. Auch betreffs der Herstellung von 5 Schießständen, wovon einer eine Länge von 400 Metern, die 4 übrigen eine solche von 300 Metern haben und die Entfernung derselben von einander 30 Meter betragen soll, erklärt die Versammlung, den hierfür nöthigen und noch zu bestimmenden Raum pachtweise zur Verfügung stellen zu wollen. — In Betreff der Unterbringung des neu zu errichtenden 3. Bataillons ist von Seiten der Intendantur 11. Armeecorps hier angefragt worden, ob nach Miethung des seitherigen Kreisamtsgebäudes, des Hofoertchtsgebäudes und des alten Garnisonlazareths die Stadt in der Lage sei, den Rest dieses Bataillons in der Stärke von 248 bis 320 Mann in Bürgerquartteren unterzubrtngen. Angesichts des Umstandes, daß alljährlich eine größere Anzahl von Quartieren angemeldet würden, die nicht belegt werden können, sieht sich die Versammlung veranlaßt, durch Großh. Bürgermeisterei erklären zu lassen, daß die Unterbringung dieser Mannschaften möglich sei, indem sie dieselbe zugleich ermächtigt, das Weitere in dieser Sache zu thun. — In Ausführung des Reichsgesetzes vom 6. Mai 1880, die Einberufung der Ersatz-Reserve 1. Classe betreffend, §at Großherzogl. Kretsamt an Großherzogl. Bürgermeisterei die Verfügung erlassen, zu erklären, in welcher Weise die Stadt die zu den Uebungen herangezogenen Mannschaften unterzubrtngen geneigt ist. Da jedoch über die Anzahl der in diesem Falle unterzubringenden Mannschaften eine bestimmte Auskunft nicht zu erlangen war, erklärt die Versammlung, Beschlußfassung deßhalb vorerst auszusetzen. — Das Bauerlaubntßgesuch des Bürstenbinders F. E. Winter, welcher an Stelle der abgebrochenen alten Wohnhäuser an der Wallthorstraße ein neues massives dreistöckiges Haus derart bauen will, daß die zwischen seinem und dem Schmtdt'schen Hause befindliche Ecke in Wegfall kommt, wird dem Anträge der Baudeputation gemäß genehmigt, wenn sich der Gesuchsteller mit dem Eigenthümer des ehemals Schmtdt'schen Hauses wegen Verbauens des HauS- eingongs des letzteren einigt. Das erforderliche Straßengelände soll dem Gesuchsteller für den Preis von 2 JL für den Quadratfuß überlassen werden. — Die Bauerlaubnißgesuche von Kaufmann Karl Schlüter (Veränderung an Fenstern), Heinrich Schäfer III. (Erbauung einer Waschküche mit Stall), Christian Keller (Erbauung eines Stalles), Schlosser Heinrich Noll (Erbauung eines Schuppens), Georg Throm (Umbau an einem Gebäude und Errichtung eines Schuppens), Wilhelm Schäfer (Anlegung einer Einfriedigung), Gebrüder Heinrich und Jacob Keßler (Anlegung einer gcpflasterttn Ueberfahrt in der Gartenstraße), Schneider M. Weiner (Errichtung eines Hintergebäudes) werden genehmigt. — Das Bauerlaubnißgesuch von August Nauheimer Wittwe wegen Umbau eines Gebäudes zu einem Wohnhause wlrd nicht befürwortet, da die Umfassungsmauern desselben nicht die gesetzlich vorgeschrtebene Stärke haben. — Mehrere die Mißverhältnisse der Bewohner der für den 1. April 1881 zum Abbruch bestimmten Jsterling- schen Häuser an der Reichensand-Bahnhofsstraße bett. Gesuche werben genehmigt, ein ^iiethgesuch unteT der Bedingung, daß Gesuchfteller einen Bürgen stellt. — Die Klagerhebung gegen die Orts- armenverbänoe Ködtingen, Frankfurt a. d. O. und Hattenrod wird genehmigt, da dieselben sich den durch das Unterstützungswohnsitzgesetz vorgeschriebenen Verpflichtungen zu entziehen suchen. — Die Herstellung des Anstrichs im neuen Realschulgebäude, sowie verschiedene daselbst vorzu- nehmcnde Reparaturarbeiten werden genehmigt, desgleichen die Vergebung der Waldculkurlöhne für das Jahr 1881 in der seitherigen Weise. — Die für den Ausbau der Ludwigsstraße vorgesehenen Kosten im Betrage von 3830 JC. werden genehmigt, die Gesuche von Balthasar Strauch und Kaspar Schomber wegen Abtragung von städtischen Rainen befürwortet. — Die Versammlung beschließt ferner, die an der städtischen Turnhalle für nothwendig befundenen Reparaturen in Bälde vornehmen zu lassen, nachdem man von einem Umbau der Halle abzusehen beschlossen. — Dem Gesuch der Actienbraueret um Errichtung eines Petroleumlagers und Veränderungen am Spritzen- und Requisitenhaus wird statigegeben. — Die Zinsen aus der Stiftung des Kupferschmteos Karl Ludwig Kirsch für die Zeit vom 6. Februar 18so/gi un& zahlbar am Todestag des Stifters den 20. September d. I. mit 109 JL 92 H wurden, den Bestimmungen des Testaments entsprechend, 11 Personen zugewiesen.___________ Vermischtes. Mainz, 15. September. Bei den Hebeversuchen der Pfeiler an der alten Rheinbrücke wurde auch ein großes, langes Eisen, welches in einem Pfeiler lag, zu Tage gefördert. Dasselbe wurde dem Großh. Kretsbauamt eingehändigt. Nachdem man es vom Roste gereinigt, stellte cs sich heraus, daß man es hier mit einem römischen Handwerksgeräthe, seiner Form nach einer Feile, zu thun habe. Die Zähne an der Feile waren nach Entfernung des Rostes noch so scharf, daß damit hartes Holz gefeilt werden konnte. Dieser Fund wird hoffentlich dem römisch-germanischen Museum einverleibt werden. Worms, 14. September. Die hiesige Polizeiverwaltung wird auf Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung demnächst einer Reorganisation unterworfen werden, indem an die Stelle der Poltzeidtener Schutzleute, mit einem Reviervorsteher an der Spitze, unter dem Befehl des Polizeicommtssärs, bezw. des Bürgermeisters treten. Um die ausgeschriebene Stelle eines Reviervorstrhers sollen sich bis jetzt 104 Bewerber gemeldet haben. — König Ludwig von Baiern Hot angeordnet, daß die letzte Aufführung des Ober- Ammergauer Passionsspieles ein Privatissimum für ihn bilden soll. Die Passionsfpiele gehen in diesem Monat zu Ende und so wird wahrscheinlich die Vorstellung am 26. oder eine Street dazu arrangirte Passions-Vorstellung am 27. allein für den König stattfinden. Frankfurt, 16. September. Heute Morgen kurz nach 6 Uhr war das neue Opernhaus in großer Feuersgefahr. Ein Arbeiter, welcher beauftragt ist, den Hauptkrahnen früh Morgens nur nach erfolgter Anfrage zu öffnen, hatte die Anfrage unterlassen. Ein anderer war mit dem Anbtingen der Gasregulatoren neben der Bühne beschäftigt und zog, nachdem er sich einen Augenblick entfernt hatte, einen Gaskrahnen, um ihn abzuschmergeln, heraus. Das Gas strömte in großer Quantität aus dem Rohre, die daneben befindliche brennende Lampe entzündete sofort eine Leiter, Bretter und anderes Holzwerk, und die Flammen schlugen hochauf. Dicht nebenan hingen die Coulissen zur ersten Aufführung des „Don Juan". Nur der raschesten Hülfe gelang es, unberechenbares Unglück abzuwenden. — Die Eröffnung des Opernhauses soll jetzt am 19. October stattfinden, da der Kaiser diesen Tag für seine Anwesenheit bestimmt hat. 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