Ar 163, Donnerstag den 17. Juli 1878. Mchmer Anzeiger A»Mk- Md Amtsblatt fit dk« Kreis Gießen. - ■■.....— ~" Prei^vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. g|#»»di»*»»1ireattt 1 xchulstraß- B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50 Ps. Gxptdltisnlbureau r J —■> Amtlicher Hh eil. Bekanntmachung. Von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz ist der „Allgemeinen Sptegelglas-Versicherungsgesellschaft" in Mannheim die Sriaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Heffen auf Widerruf erthetlt worden. Gießen, am 14. AM 1879 Großherzogliches Kreisamt Gießen. p ' Dr. Boekmann. Bekanntmachun g. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 10 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der Kreisausschuß während der Zeit vom 21. dieser gemn können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen, dagegen wird der Lauf der gesetzlichen Fristen dadurch nicht unterbrochen. Gießen, am 9. Juli 1879. Der Kreisausschuß des Kreises Greßen. Dr. Bo eck mann. _ _ ______ "Bekanntmachung. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach Z 12 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der Provtnzialausschuß während der Zeit dieser Ferien können^ in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen, dagegen wird der Lauf der gesetzlichen d.dm« -ich,Der d« Ota«..- am r,. jdii io * Dr Poekmann, Provinzial-Director. politisch Nach -em Reichstags-Schlufse. Nach langer und mühevoller Session ist der Reichstag geschloffen worden. Die angestrengte Arbeit der deutschen Volksvertreter bietet ein positives und greifbares Resultat. Mehr als wir jetzt schon fühlen, wird die bejchloffene Zoüreform in eine Menge von realen Verhältntffen unsere« wirthschastlichen Gebens und nationalen, wie internationalen Verkehrs eingreifen; manche Veränderung in der industriellen Production, wie in dem Handel, welche einzelne Erwerbszweigc betrifft, wird sich dem größeren Publikum durch die Preise von Bedarfsartikeln und Fabrikaten am deutlichsten bemerkbar machen. Ein Urtheil über die ganze Reform wäre unter allen Umständen voreilig, denn selbst ein- z.lne Klagen über wirthschaftliche Nachthctle, welche bei einem Umschwünge der , esammten Zollpolitik nicht ausblciben werden, können dem Gesammtbilde rnserer nationalen Production, dem neuen Gesicht unserer Industrie und unseres Handels, deffen Züge erst im Werden sind, nicht den Gesammt-Charakter geben. Gerade auf dem wirthschastlichen Gebiete ist die Unzufriedenheit an sich noch nicht «in schlimmes Zeichen, und speciell der Hand-lrstand wird gut thun, sich des historischen Beispiels zu erinnern, daß die englischen Kaufleute unter fortwährendem Jammern über die Zerstörung ihrer Existenz und unter ewigen Klagen gegen alle gesetzlichen Neuerungen schließlich die reichsten Leute der Welt geworden sind. Niemand wird leugnen können, daß bei uns in Deutschland in den landwirthschastltchen und industriellen Kreisen, mit wenigen localen Ausnahmen und mit Beschränkung einiger weniger Exportindustrien, ein Gesühl der Befriedigung (? I) über das Erreichte kund giebt. Den Werth oder Unwerth der gegenwärtigen Anschauungen kann bet Natur der Sache nach erst die Zukunft klarstellen. Ob Freihandel oder Schutzzoll ist auf Jahre hinaus eine müßige Frage geworden, weil wir festen und vor der Hand unabänderlichen Verhältntffen gegenüberstehen. Dte That- sachen legen den Schwerpunkt des Aufblühens von Handel und Industrie und damit die Frage über dte Hebung des materiellen Wohlstandes unseres Vaterlandes, für welchen dte Lage der Landwtrthschaft von hohem Einfluß ist, zunächst zurück in dte Grundbedingungen einer gesunden Vvlkswtrthschaft. Als solche find Fleiß und Sparsamkeit, vermehrte Sittlichkeit und Moral des Volkes in Rechnung zu ziehen, die allein das Vertrauen aus sich selbst und aus eine beffere Zukunft wieder fest zu begründen vermögen. Dieses allgemeine Vertrauen kann aber nur erschüttert werden, wenn dte politischen Parteien, anstatt mit den gegebenen Verhältntffen zu rechnen, die Beschlüffe des Reichstages fortgesetzt als unglückselige und verderbenbringende htnstellen. Es wird Niemand es einzelnen Fraktionen verargen können, wenn ste auch außerhalb .des Reichstages anderer Ansicht bleiben, als die Regierung und dte Majo- rltät des Parlaments, deren Zusammensetzung auch Manchem nicht gesällt, der trotzdem mit der Zvllrcsorm einverstanden ist und dieselbe Gabe lieber aus der Hand der alten und bewährten Parteien entgegengenommen hätte, welche bisher als dte nationale Stütze der Retchsregtcrung gegolten haben. So wird man auch nichts dagegen haben können, wenn die Opposition in Zukunft Aenderungen des Tariss anprrben wird; aber im Allgemeinen kann es als kein verdienstliches Werk gelten, wenn etwa durch schleunige und forctrte Agi- ratton von Neuem Unruhe in das Land getragen wird. Gerade In Bezug auf unsere wirthschastlichen Verhältntffe möchten wir sür ein Jahr der Ruhe plä- dtren. In der Politik ist die Ruhe, die Stagnation der Anschauungen ein er Hheil. der schlechtes Zeichen und kann eine Versumpfung oder einen bedauerlichen Jndiffe- rentismus erzeugen; im wirthschaftlichen Leben aber ist sie die Ouint- essenz öconomtscher Weisheit und das einzige feste Fundament des nationalen Wohlstandes. Und nur dieserhalb verlangen wir sür eine wirthschastliche Reform, selbst wenn dieselbe Mängel hat, auch von der Opposition Nachsicht, auf daß eine Zeit der Ruhe und Erholung sür die gehetzten und durch Wirth- schastliche Unsicherheit in der allerjüngsten Zeit schwer geschädigten Erwerbs- gebiete der Landwtrthschaft, der Industrie und des Handels etntrete. Aeutschland. Darmstadt, 14. Juli. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beil Nr. 17) enthält: 1. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, dte Abänderung der Statuten der Bank für Handel und Industrie betreffend. . , 2. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, den Verkehr zwischen dem Großherzogthum Heffen und den angrenzenden Vereins- staatcn mit steuerpflichtigen Getränken betreffend. 3. Bekanntmackmng Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, die Errichtung eines Nebenzollamtes sür Poststücke zu Büdingen betreffend. 4. Uebersicht der für das Jahr 1879 von Großherzoglichem Ministerium des Innern und ter Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von kommunal - Bedürfnissen in den israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Schotten.Ueber^cht fcag ^hr 1879 von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung ^on Som» munal - Bedürfnissen in den israelitischen Religion« - Gemeinden des Kreises 6. Bekanntmachung Großherzoglichen Kreisamts Dieburg, die Umlagen israelitischen Religions-Gemeinde zu Schaafheim für 1878 beretffend. 7. Ordensverleihungen. , , . 8. Ermächtigungen zur Annahme und zum Tragen ftemder Orden. 9. Namensveränderungen. (Schluß folgt.) ,, Darmstadt, 15. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben all ^^^^d^Hauptsteueramts-Assistenten 1. Elaste bei dem Haupt- steueramte Mainz Wilhelm Dornseiff zum Revisions-Juspector bei diesem Amte, sowie den Hauptsteueramts-Assistenten 2. Elaste bet dem Hauptsteueramte Darmstadt Heinrich Daniel S t a u s ck zum Hauptstemram s-AWe^-n 1. Elaste daselbst zu ernennen: am 4. Juli das diesseitige Mitglied der Directwn der Main-Weser-Eisenbahn zu Castel, Regierungsrath Adolf Schulz, »um vor- tragenden Rath bei der Abtheilung des Ministeriums der Fmanzen für Bauwesen mit dem Amtstitel „Oberfinanzrath» zu ernennen i°wbe demse ben zugleich dte Stelle des ersten Regterungs-Commtstatrs bet der Hessischen Ludwigs SFW.8-» JE.- «M di. -WM. möchte es doch von besonderem Interesse sein, zu erfahren, wie unser ultramontaner, mit Hülfe der Socialtemokraten gewählter Reichstags-Abgeordneier Domcapttular Dr. Moufang bei der Abstimmung über Zoll- und Steuererhöhungen sein schriftlich gegebenes Wort eingelöst hat. Der socialdemokratische Abg. Liebknecht, welcher in dem Reichstag den in der vorhergegangenen Plenarsitzung wiederholt erwähnten Brief Dr. Moufang's zur Verlesung bringen wollte, aber dazu die Trlaubniß nicht erlangen konnte, veröffentlicht den- selben nun im „Kl. F. K." Derselbe lautet: „Die drei an mich gerichteten Anfragen beantworte ich, in Uebereinstim- mung mit dem Programm des Centrums-Fractions-Vorstandes vom Juni 1878 und dem des hiesigen Wahl-Comitös der Volkspartei in gewünschter Kürze dahin: daß ich entschlossen bin, falls ich Mitglied des Reichstages werde, zu stimmen 1) gegen die Abänderung des im Art. 20 der Reichsverfaffung begrün- deten allgemeinen und directen Wahlrechts; 2) gegen Ausnahmegesetze und einseitige Verschärfung der Strafgesetze in politischer Beziehung; 3) gegen Vermehrung der Steuern und Lasten. Mainz, am 4. August 1878. (gez.) Dr. Christoph Moufang." Herr Moufang stimmte mit den übrigen Klerikalen, natürlich in Folge gegebenen Commandos, trotz seiner gegebenen Versicherung für die Tarifvorlage mit allen ihren Folgen; ein anderer rheinhcssischer Abg., Dr. Schröder von Worms, welcher mit Nein stimmte, erklärte im Reichstage: „Beschließen wir heute mehr Einnahmen über dhs laufende Bedüifniß, so wird in Kürze so viel mehr für das Militär verausgabt und werden dann um so leichter mehr Ausgaben vom Reichstage verwilligt. Das Jahr 1881 ist nicht fern, das Militär-Septennat hört dann auf; dann wollen wir sehen, ob das bisher im Verwilligen knappe Centrum, das nach seinem Programm die Finanzzölle nicht verwilligen will und durch viele seiner Redner die wachsenden Militärausgaben bemängelte — dann werden wir sehen, wer der Dupirte ist und wer ja sagt, weil der Wechsel etngelöst wurde, welcher jetzt mit der Annahme dieses Gesetzes in Umlauf kommt. Ich stimme gegen das ganze Gesetz, weil ich das Einnahme-Bewilligungsrecht des Reichstages geschmälert sehe, ein Recht der Volksvertretung, das ich bei dem nahe bevorstehenden Ablauf des Sep> tennats um so höher halte, je entschiedener ich überzeugt bin, daß das deutsche Volk aus die Dauer die wachsenden Militärlasten nicht tragen kann, Lasten, die es ruiniren, die cs volkswirthschastlich ruiniren." Berlin. Nach fünf Monaten hat der Reichstag seine Session geschlossen. ■ Mit 217 gegen 117 Stimmen gelangte in namentlicher Abstimmung der Zolltarif zur Annahme Für den Taris stimmten geschlossen die Deutsch-Conseroativ-n, di- Reichspartei, das Centrum (bis auf die Abgg. Dr. Lieber und Freiherr o. Hafenbrädel die stw der Abstimmung enthielten), von seinen welfischen Hospitanten dafür die Abaa v. Alten-Lmden, Graf Grote, o. Reden (Celle), ferner dafür die im Haus- anwesenden Elsässer, Grad, Lorette, Schneegans, von den Wilden Berger, Mosle und Trcitschke Dagegen stimmten das überwiegende Gros der Naiionalliberalen, die Fortschrittspartei' die welfischen Hospitantcn^ des Centrums, v. Adelebsen, Baron o. Arnswald, Dr. Brühl' v. Benthe, die Polen, Socialdemokraten, ferner die Abgg. Dr. Beseler, v. Böckum-' Dolffs, Delbrück, Härle, Köpfer, Sonnemann. Wir wollen hier noch das interessante Factum registriren, daß der Abg. Löwe (Bochum), der Vorsitzende der schutzzöllneri Len wirthschaftlichen Vereinigung des Reichstags, der im Verein mit Herrn v Varnbüler die bekannte Erklärung der 204 zu Stande gebracht, bei der Schlußabstimmung über den Zolltarif getehlt hat. u _ t Die »Volkszeitung" schreibt: „Am interessantesten gestaltete sich am 11. ds hie D-battc und Abstimmung über die Erhöhung des Roggenzolles von 50 4 auf 1' \ M't Matoritat von 26 Stimmen gelangt- diese Erhöhung zur Annahme, während ste bei der zweiten Lesung mit lc> Stimmen abgelchnt worden war. Angesichts der Thatsache, daß der Minister Friedenthal, dem sich der Cultusminister Falk anschloß gegen die Erhöhung des Kornzolls stimmt-, während sein Nachfolger im Amte, Lucius £.° fir«n°r£r J' l Friedenthal hatte auch gegen den zur Annahme gelangten Aii- ^"8, Melbeck aus Erhöhung der Remscheider Eisenwaaren gestimmt — wird wohl die chsiciose Presse mit ihren Declamationen einhalten, daß Herr Friedenthal nur aus G-sundheitsruckstchten um seinen Abschied -ingekomm-n ist. Daß Herr Lucius dem Reichskanzler unbedingt Heeresfolge leisten werde, davon war man überzeugt sium großen Theil ist die Abstimmung zu Gunsten der Erhöhung des Kornzolles auf die Stimmen der Polen und Ellaß-Lothringer, sowie einiger Conservativer zurückzufübrcn d,e b-, der zweiten Lesung nicht nur gegen di- Erhöhung, sondern überhaupt gegen I-den Kornzoll votrtten. Aus der Debatte sind namentlich die Reden der Abgeordneten v. Forckenbeck, Richter (Hagen) und Bamberger hervorzuheben. Forckenbcck's Aus- ^önlngen, der dem Berliner Magistrat das verfassungsmäßige Recht wahrte den Stadtetag -.»berufen zu haben, als der bekannte Brief des Reichskanzlers an Herrn d. Thungen erschien werden im ganzen Land- und R-iche einen mächtigen Eindruck Hervorrufen. Das Wort Forckenbeck's, daß die Consumenten erst anfangen zu d-nk-n wenn sie suhlen, was ihnen für Steuern zugemuthet werden, wird überall verstanden werden. Forckenbeck erklärte es aseme Pflicht des Magistrats, gegen jede Besteuttung der Nahrungsmittel laut zu protestiren. Richter (Hagen) wies darauf hin daß dsi? I-nigen Parteien die untergrabenden Elemente seien, welche dem Volke sein Brod ver- Afuern- Bamberger hatte ganz Recht mit der Bemerkung, daß jedes weittre Wort überflüssig sei, wo Recht und Verstand nicht mehr gehört und gewürdigt werden Di- Fract,on-n stimmten gethe.lt; für den erhöhten Kornzoll votirtcn fast geschloffen d e Deutsch-Conservatwen und die R-,chspart-i. Die Mehrzahl des Centrumch unter ch„en Schorlemer, Franckenst-ln Moufang, dafür, Windthorst, d,e beiden Rc.chensp raer da gegen von den Nat.onall.beralen vier b,s fünf Mitglieder, wie Fäustel, Reinecke Kreuz' 'n4> ?“e H°us° anwesenden Elsässer, sowie die in der Provinz Posen ae' wahltcn Polen; d,efemgen aus der Provinz Westvreußen betheiligten sich nicht an der Abstimmung und schließlich stimmte noch für d-n erhöhten Kornzoll unter d?m laii-en Hört! der liberalen L>eite der Vater des R-ichs-Gefundheitsamtcs - der Aba ordnet- Dr- Lowe (Bochum), der fetzt ganz zur clerical-cons-rvativ-n Coalsiion Überg gang-n ch, wahrend seine näheren Freund- B-rg-r und v. Dockum-Dolffs ihm „icht^ folaten Dagegen votirte fast die ge,ammt- nationallib-ral- Fraction, öic 5»rtfc67itt§nartc? e-'ug-Cons-rvatwe wie Flügge °. B-br, Fürst Carolath, v. Unruhe-Boms v Gerfacki die Minorität des C-ntrums, die Soc,aldemokrat-n, ferner von den Wi den - «-s-ler Delbrück, Sonnemann, Harle, Köpfer. - Die Sitzung brachte jedoch nodi ein ru Tage, welches selbst dem Abg. v Varnbüler, dem enrag.rtesten Schutz-öllne^ üb?- rasch-nd und unerwartet kam. Mit-m-r Stimme Majorität wurde nämlich der Änkraä des Abg. v. Ow. Flachs, der nach der Vorlage, vom Zoll befreit ist, mit einem sioll von 1 M zu belegen, angenommen. Eine Stimme hat genügt, um über st e aan-e Jndustr,- ,eine perhangn,„volle Cataftrophe hcreinb.cchcn zu lassen. Herr v Varnbü er und Genossen geben „ch nun alle mögliche Müh-, diesen Beschluß wieder zu'redr-fsir-n -S wird ihnen indes en dieser Versuch schwerlich gelingen, da der Beschlußin dritter' Lesung aefafet.unb em definitiver ist." B m Duttcr , , Derlin, 14. Juli. Dem Vernehmen der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge begeben sich die drei neuernannten Minister im Lauf- des Tages nach Eoblenz UM sich dem Kaiser und der Kaiserin vorzustellen. ... k .^a8" 3f0-" metDct fctnet: Gestern Nachmittag verab- sckiedete sich der bisherige Minister Friedenthal im kleinen Saale des land- wtrthschastlichen Ministeriuois von beu Directorcn und Räthen beider Abtsi-i- luugen seines Ressorts; er richtete an jede Abtheilung herzliche Abschi-dswort- und wies °uf dte freundschaftlichen Beziehungen hin, welche währmd seiner Amtsführung stets zwischen ihm und seinen Mitarbeitern bestanden D - D'r-ctor-n dankten irn Namen ihrer Abtheilungen für das Wohlwollen ' welches der Minister allen Personen, mit welchen er während seines Wirkens in'geschäftliche Berührung gekommen, so vielfach beihätigte, und riefen ihm ein her liches Lebewohl zu. Hierauf begrüßte der neuernannte Minister Lucius die Versam melten und ließ sich die Räihe und HülfSarbetter des Ministeriums durch di. Abtheilungs-Chefs einzeln vorstellen. England. London, 14. Juli, Abends. Unterhaus. Unterstaatssecretär Bourke theilt auf Befragen Denison's mit: Die Russen unternahmen Operationen an der Atrek-Mundung in der Richtung des Gebietes der Tekke - Turkornaiien. Die russische Regierung und L-chuwaloff stellen in Abrede, daß ein Vormarsch gegen Merw beabsichtigt fei. Unterstaalssecretär Stanhope erklärt auf eine wettere Anfrage Denison's: Der Khyber-Paß bleibt mit 2 Batterien, 5 Regimentern Infanterie, einem Kavallerie-Regiment und Genietruppen besetzt. Rußland. Ein Unglücksschlag folgt hem andern. Pest, Heu- schrecken, Getreidekafer, Wallersnoth, Dürre, Nihilismus und Feuersbrünste das alles haben wir m diesem Jahre in Rußland durchgemacht und noch scheinen die Prüfungen nicht am Ende zu sein. _ Ein neues Telegramm über einen nochmaligen furchtbaren Arand in Irkutsk ist gestern hier eingelaufen. Dasselbe lautet: Am 24^ Juni 12 Uhr iueittagö, brac^ inim Centrum der Stadt bei ungewöhnlicher Hitze und heftigem Sturm abermals Feuer aus und ungeachtet der ergriffenen Maßregeln und der Anstrengung der Loschcommandos, die von dem vorhergehenden Brande erschöpft waren breitete sich das Feuer nach allen Seiten aus, die besten Gebäude wurden ein Raub Jammen. Nledergebrannt sind fünf Kirchen, die katholische und die lutherische Kirche. -Boni §euer haben gelitten: Die im Bau begriffene Kathedrale und Synagoge- ferner sind nledergebrannt: die Gouvernements-Regierung nebst der Druckerei der Cameralhof, der Controlhof, das Gouvernementsgericht, das Zollamt, die Duma Bezirksgericht, die städtische und Bezirkspolizeiverwaltung, die Telegraphenstation,' da^o Postcomptoir, die Rentei, die Gouvernements-Zollverwaltung, der Bezirksstab die Hauptwache, das classische Gymnasium, die technische Schule, das Mädchen-Gymnasium die Kreisschule, mehrere Pfarrschulen, die 2. Abtheilung des Kinder-Asyls, der Klnder- m , Flndelhaus, die Ingenieur-, Artillerie- und Medicinaloerwaltung und alle Jrei Banken, alle drei Apotheken und der Adelsclub. Von den Privathäusern ist über die Halste der Stadt, dazu die bessere, zerstört. Die Zahl der umgekommenen Personen ist noch nicht ermittelt. Die Vorräthe der Intendantur, das geschmolzene Geld und die Summen der Banken sind gerettet. Die Einwohner haben mit der geretteten Habe die Stadt verlassen und sich zum User der Flüsse Angara und Uschakowka be- geben. Das Feuer rast fort. Ein geringer Theil der Gebäude am Angara-Ufer brennt. Maßregeln zur Besorgung und Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse der Ab- gebrannten sind getroffen. Die Verluste der Privatpersonen und der Assecuranz- Gesellschatten sind ungeheuer. Alle großen Firmen der Stadt sind abgebrannt, ferner Reihen und beide Kaufhöfe. So sind in kurzer Heit vier blühende Städte in Rauch aufgegangen, der zahlreichen niedergebrannten Dörfer und der großen Feuersbrünste in anderen Städten gar nicht zu gedenken. Die Beftürzuna über diese sich unausgesetzt wiederholenden Unglückssälle .st natürlich keine geringe denn obwohl triftige Beweise hierfür vor der Hand fehlen, erblickt man doch in jenen Branden den rothen Hahn, den das rothe Gespenst auf die Dächer von Ocenburg und Jrbltsk gesetzt hat. Der Regierungs-Anzeiger erließ zur Zeit der ersten Brände eine Mittheilung, durch welche er nachwies, daß alljährlich in Rußland der Dürre und Unachtsamkeit wegen größere Feuersbrünste stattfindcn und gab den dadurch dem Reiche erwachsenen Schaden auf etwa 50 Millionen Rubel an; es ist jedoch erwiesen daß in noch keinem Jahre Feuersbrünste von solch kolossalen Verhältnissen ausgebrochen sind Wenn man nun auch nicht ohne Weiteres behaupten kann, die Nihilisten seien die Brandstifter, so steht doch wenigstens das fest, daß keine natürlichen und alltäglichen Ursachen diese Riesenbrände heroorgerufen haben Viele Leute behaupten, das Feuer sei durch Diebesbanden angelegt worden, welche den Win'war benutzen, um zu stehlen und zu rauben. Andere wieder schieben die Schuld in Betreff der ersten Feuersbrünste auf die Kosaken oder die mohamedanische Bevölkerung, doch ist das letztere nicht recht glaubhaft, und die unter Kosaken und Tartaren oorgckommenen Unruhen waren nur unbedeutender Natur. Das Elend in Irkutsk ist ungeheuer groß. Der Kaiser hat sofort 20,000 Rubel aus seiner Privatschatulle für die Abgebrannten angewiesen. Die strengsten Untersuchungen sind eingeleitet und von hier einige 20 Geheimpolizisten nach Irkutsk entsandt worden. Ob dabei aber irgend etwas entdeckt werden wird, das ist sehr fraglich, denn hier in Rußland lodert nach allen solchen Vorfällen der Diensteifer schnell wie Strohfeuer auf, erlischt aber auch eben so bald wieder Heute, drei Monate nach dem Attentat auf den Kaiser, sieht man kaum noch einen Kosaken und nur wenige Schutzleute mehr auf den Straßen, während vor sechs Wochen die Stadt wie ein Heerlager aussah, und die vielberühmten Nachtwächter-Hausknechte, die Dworniks sie schlafen ruhig und unbekümmert vor ihren Hausthüren den Schlaf der Gerechten gerade wieder wie ehemals. Telegraphische Depeschen. Wagner's telegr. eni • iBureem* Berlin, 15. Juli. In der gestrigen Sitzung der Minister erfolgte die Einführung der drei neuen Minister. Die Uebernahme der Ministerien durch die Neuernannten hat bereits stattgefunden. Berlin, 15. Juli. Die „Nordd. Allg. Zig.", die Errichtung eines besonderen Reichsamtes für die Verwaltung der ReichSetsenbahnen und die Uebertragung seiner Leitung an den preußischen Arbeitsmtnister als Nebenamt besprechend, hebt hervor, daß eine nähere Anlehnung der Verwaltungen der elsaß-lothringischen Bahnen an dte preußischen Staatsbahnen, dte sich an mehreren Punkten an der Mosel und Saar berühren, im Interesse des Verkehrs und der Oeconomie schon früher in's Auge gefaßt wurde und nach der Ein- setzung einer besonderen Landesverwaltung für Elsaß - Lothringen, zu dessen Landesetgenthum die Bahnen nicht gehörten, noch mehr ängezeigt gewesen sei. Besondere Ausgaben erwüchsen dadurch nach keiner Seite, indem die Beamtens welche bisher in dem Reichskanzleramt für Elsaß-Lothringen dte Eisenbahn- Angelegenheiten bearbeitet hätten, in das neue Reichsamt überträten, der Chef des Reichsamts als solcher aber eine Besoldung nicht beziehe. Paris, 15. Juli. In den Bureaux des Senats vertrat heute Ministerpräsident Waddington den Ferry'scheu Unterrichts-Entwurf. Er stellte in Abrede, daß die Freiheit der Familienväter bedroht sei. Die Regierung habe eine Gesellchaft treffen wollen, die sich jederzeit als Feind der Regierungen gezeigt und deren Unterricht in der Negation der modernen Ideen bestehe und drohe das französische Volk in zwei feindliche Lager zu theilen. Zweck des Gesetzes fei, diesen Unterricht zu unterdrücken. Die Bureaux des Senats wählten eine Commission zur Prüfung der Unterrichtsvorlagen. Von deren Mitgliedern sind fünf gegen, vier für die Vorlagen. Die dabei abgegebenen Stimmen repräsentiren 136 gegen und 123 für dieselben. Die Kammer der Abgeordneten verwarf trotz der Befürwortung des Ministers des Innern den Art. 5 des Gesetzes über dte Rückkehr der Kammern nach Paris, wie derselbe von dem Senate votirt ist, und nahm den Art. 5 mit der Besugniß des Präsidenten an, die bewaffnete Macht zur Stütze der Kammern direct zu requtriren. London, 15. Juli. Das Unterhaus erledigte heute die Specialdebatte über die Armeedisctplin-Bill. Dte Berichterstattung wurde auf Donnerstag festgesetzt, wo dte Frage der Prügelstrafe neuerdtngs debattirt werden soll Marquts Hartington kündigte bezüglich der Prügelstrafe an, daß er und seine gteunbe derselben opponiren würden- — Das Oberhaus nahm die irische Universttätsbill in dritter Lesung an. Wien, 15. Juli. Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel: Die französische Regierung hat Ismail Pascha's Ansuchen, in Algier wohnen zu dürfen, abgeschlagen. Derselbe soll entschlossen sein, in Nizza seinen Aufent. halt zu nehmen. — Dieselbe Correspondenz meldet aus Philippopel: Di- russischen Truppen haben vorgestern Philippopel verlassen. — Aus Bukarest meldet die „Polit. Corresp." : Die Sektionen der rumänischen Kammer wählten 7 Deputirle zur Anbahnung eines Compromifles mit der Regierung in der Judenfrage. Heute soll Bratiano mit dem österreichisch-ungarischen Gesandten in der Judenfrage conferiren. Berlin, 16. Juli Fürst Bismarck ist mit seiner Gemahlin und seinem zweiten Sohne, Graf Wilhelm, heute Morgen um 8>/, Uhr nach Kissingen abgereist. Lokales. Gießen, 16. Juli. Dom 6. bis 12. Juli hatten wir in Gießen im Ganzen sechs Todesfälle. Ein Kind im ersten Lebensjahre starb an Bronchienentzündung, von zwei von auswärts bierhergebrachten Kindern starb das eine (P/a Jahre alt) an häutiger Bräune, das andere (3 Jahre alt) an Diphterie. Erwachsene Personen starben drei, nämlich eine an Bronchien- Erweiterung, eine an Brightischer Nierenkrankhett und eine endete ihr Leben selbst durch Vergiftung mit Eyankalium. 0. Vermischtes. Offenbach, 14. Juli. Der Mittelrheinkreis, welcher am 2., 3. und 4. August in -unserer Stadt sein 11. Kreis-Turnfest begebt, umfaßt gegenwärtig folgende Gebietstheile: Die Provinzen Starkenburg, Rheinhessen und Oberhesien, das Gebiet der Stadt Frankfurt, den ganzen Regierungsbezirk Wiesbaden einschließlich Kreis Biedenkopf, den südlichen Theil des Regierungsbezirks Kastel, den Kreis Wetzlar, von Bayern die Gegend von Aschaffenburg und Miltenberg, den Theil der Rbeinprovinz südlich der Mosel. Coblenz, Neuwied und Umgegend, fcte Gegend der Nahe und Saar und endlich die Stadt Metz. Die äußersten Punkte des Kreises sino demnach Miltenberg, Gelnhausen, Alsfeld, Marburg, Neuwied, Coblenz, Metz, Saarbrücken und Worms. Dermalen ist derselbe in folgende 10 Gaue eingethetlt: Hessen, Maingau, Main- und Rheingau, Rheinhesten, Südnastau, Nahe- und Saargau, Frankfurt, Offenbach, Rhein-, Mosel- und Labn-Dillgau. Im verflossenen Jahr zählte der Mtttelrheinkrets