‘'n X (3586 Plaii. »XX ett, iegimms (rausse, y 3*_______ iif. Publikum >cb den eröffnete. Zt wieder «, ir-Anstalt. im früher । U6r: (3190 en. likum zunr iegt in für die lfn «f* Lj Ubr, 'n • „erden b» . «»- täl •iss | ^3 Nr. 131. Dienstag den 10. Juni 1879. Aießener Wuciger Ansäze- «Ä AmtsdKtt fit irs Kins Gießen. «rpEonSbureaUr } «chulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch di/P°st^b-zog°"n ^i-ttelMrttch 2 Mark"s^Pf^ Amtlicher Hl-ei t. Gießen, am 6. Juni 1879. Betreffend: Statistische Nachweisungen über das Lolksschulwesen. Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen an die Schulvorstände des Kreises. Wir erwarten Erledigung unserer Auflage in rubricirtem Betreff vom 7. Mai 1879, Anzeiger Nr. 109, von den noch rückständigen Schulvorständen, unfehlbar innerhalb 8 Tagen. Zugleich bemerken wir, daß die Schulversäumniffe in % von jeder Schulklasse besonders aufzuführen sind. Dr. Boekmann. ___________■__ 8ebier;6onfcrenj des Conferenz-Bezirks Gründer^ Donnerstag den 12. Juni, Vormittags 10 Uhr, in Grüudrrg. M „ Lieh Hungen Dienstag den 17. Juni, „ „ „ in Lich. „ „ „ „ Großen-Buseck Donnerstag den 19. Juni, „ „ „ in Großen Buseck. Gießen, den 7. Juni 1879. Büchner, Kreisschulinspector. Aolitischer HHcil'. Politische Uebersicht. Während die CentrumSpartet ttn Reichstage als eifrige Stütze der neuen Zollpolitik agirt, sitzt ihr bedeutendster Publtcist, Herr Jörg, auf einem bayerischen Landsitz und lettartikelt über die neue Lage der Dinge. Er spricht in den „historisch.politischen Blättern" einige sehr beachtenswerthe Mahnungen aus. Die Bauern, meint er, könnten leicht erfahren, daß mit der einen Hand mehr genommen als gegeben wird. Es sei schon schlimm, daß man für den Nothstand den Staat uud seine Handelspolitik verantwortlich gemacht habe. Sollte aber der nun betretene Weg durch bittere Erfahrungen des Volkes sich abermals als ein Irrweg erweisen, so wäre zu besorgen, daß der (Klaube an die bestehende Gesellschaftsordnung in noch größerem Maßstabe, als es unbestritten jetzt schon der Fall ist, sinken würde. Ueber die Verhältnisse des Reiches sagt der ultramontane Politiker: „Seitdem dieses Reich gegründet ist, hat es noch mcht einen Augenblick in friedlicher Ruhe gelebt; — von inneren Kämpfen wtderhallend, befindet es sich auch in permanenter Kriegsbereitschaft nach Außen. Das ist nicht die Temperatur, unter welcher ein Volkswohlstand aedeiht." Man liest hier leicht zwischen den Zeilen, daß Jörg nur in der Ausführung des ganzen Reactionsplans des Centrums das Heil des Reiches sieht. DaS wäre dann freilich die Ruhe des Friedhofs, auf dem wir unsere Freiheit und nationale Selbständigkeit begraben können. Der Reichskanzler hat dafür gesorgt, daß das Sperrge,etz mcht nur alsbald publicirt, sondern auch sofort telegraphisch zur Ausführung gebracht worden ist • er wollte keine Stunde und keine Mark verlieren. Als das Sperrgesetz in der Druckerei des „Reichs-Anz." gedruckt wurde erging per Draht die An» Weisung an die Zollämter, sofort den Rohetsenzoll zu erheben. So kam es, daß Schiffsladungen von Roheisen halb unverzollt über die Grenze kamen, während die andere Hälfte dem Verhängniß zum Opfer fiel. Es handelt sich dabei um sehr beträchtliche Quantitäten, da viele Firmen versuchten, noch vor Tboreszuschluß sich mit mächtigen Quantitäten zollfrei zu versorgen. Es war nlto -me Abfassung" in optima forma, die dem Kanzler gelungen ist. ’ Allem Anschein nach wird der Culturkampf in Frankreich in Sürre seinen Höhepunkt erreichen. Regierungsblätter erklären Die Gerüchte von einet Vertagung der Debatte über die Ferry'sche Unterrichtsvorlage für völlig arundlos. Mitte Juni wird also das Schauspiel in der Kammer erwartet, welches bei der lebhaften Natur der Franzosen sich dramatischer gestalten wird, als einst die Debatte über die Maigesetze in Deutschland. Bisher haben die iilti-amontanen nur etwa 80,000 Unterschriften für ihre Petitionen aufgebracht. SÄ K" « sein, daß zu den Verlheidigern des Ferry'schen Gesetzes auck ein Bonapartist, Herr Janvier de la Motte, gehört. $ Vavst Leo XIII., überall geschickt diplomattsirend, hat gegenwärtig Sckritte gethan, um wenigstens osficiöse Beziehungen zur Türkei herzustellen, dami die katholisch-Kirche womöglich Ausdehnung oder em Uebergewicht über die andern Kirchen erlange. Man sagt, daß verschiedene Mäch e die Pläne des Papstes billigten, und zwar als das einzige Mittel, m gewissen Thecken der Türkei die Cioil.sation einzusühren. In Italien erregt die^ablehnende Haltung des Papst-s gegenüber der Civilehe großes Interesse. Bleibt Leo XIII. in der Verdammung des Gesetzes eonsequent, so gewinnt auch dort der »Cuttur^ampst * n^e^Nahrung. D(tlumclie ns mancherlei Schwierigkeiten. Auch in Bulgarien dürften binnen Jahresfrist neue fetten durch die panbulgarische Bewegung erstehen. Der Fried- Asg Han ist ans mit England ist Rußland ein Dorn im . fnv,n,n sehlt es an jedem Anlaß zu einer Einmischung. E n a l a nd richtet sein Augenmerk auf die Bekämpfung der Hungers- no.b inÄdten, welche eine bedauerliche Höhe in Caschmir erreicht hat. ^n Südamerika steht der Ausbruch eines allgemeinen Krieges bevor. Die neneie Post dürste über das Engagement Brasiliens Nach- lichten bringen. Deutschland. Berlin, 7. Juni. Se. Maj. der Kaiser hatte eine gute Nacht und hat das Lager auf der Chaiselongue mit Sitzen im Lehnstubl vertauschr. Berlin, 4.Juni. Prof. Laspeyres in Gießen veröffentlicht in der „Natwnal- Zeitung" Untersuchungen über den Einfluß der Steuern auf die Preise, denen wir folgende interessante Daten über die Wirkungen der Mahlsteuer entnehmen: Wir untersuchten, wie hoch die Mehlpreise in 10 schlesischen Städten mit Mahlfleuer bis 1875 durch die Staats- und Communalsteuern belastet waren. Für Weizenmehl betrug die Mablstcuer 5,48 4 per Kilo, für Roggen 1.38 4. Man darf nun freilich nicht fragen, ob das Weizenmehl in diesen Städten um 5,48 4 billiger g worden ift, denn es kann aus anderen Gründen der Preis mehr gestiegen, als durch Steuerbefreiung gesund'n "ein, oder der Preis kann aus anderen Gründen noch mehr gesunken sein, als durch Die Steueraufhebung bedingt, oder er kann aus anderen Gründen genau um so viel gestiegen sein, als er durch die Steuerbefreiung sank. Steigen der Preise in diesen Städten oder Gleichbleiben beweist so wenig gegen die verbilligende Wirkung der Steuerbefreiung als Sinken der Preise für dieselbe. Nur wenn wir die Preisbewegung in 10 anderen Städten, welche den obigen Städten in Allem außer der Steuerbefreiung möglichst gleich sind, hiermit vergleichen, können wir die Wirkung auf die Preise ermitteln. Vom December 1874, dem letzten Monat der Mahlsteuer, auf Januar 1875, dem ersten Monat der Steuerbefreiung, sind die Weizenpreise m den 10 Mahlsteuerstädten durchschnittlich herabgegangen von 6,8 4 per Kilo, in den Städten, da keine Steuer wcgsiel, nur um 1,6 4- Differenz ist 5,2 4, während die Steuererleichterung 5,48 4 betrug. Sollte man glauben, der Preisherabgang wäre nachher schnell wieder rückgängig gemacht worden, so frage man, wie das ganze Jahr 1875 gegen das ganze Jahr 1874 sich stellt? Antwort: Wo die Steuer wegfiel, Preisfall 14,50 4 per Kilo, wo sie nicht wegzufallen hatte, 7,60 4, also Mehrsenkung um 6,9 4, beim Steuer- wegsall von 5,48 4- Will man einen noch längeren Durchschnitt 1873/74 gegen 1875/76, wohlan: Steuerstädte Preisfall 13,9 4, Nichtsteuerstädte 7,2 4 Differenz, 6,7 4 bei 5,48 4 Steuererleichterung. Zufall, wird man sagen! Gut, Gegenprobe: Gehen die einen 10 Städte im Vergleich mit den anderen auch sehr verfchieden in den Zeiten, in denen die Steuerverhältnisse in beiden Städtegruppen gleichblieben? 18/3 auf 1874 sank der Weizenpieis in den Städten, welche die Mahlsteuer batten, und behielten, um 2 20 4 per Kilo, in den Städten ohne Steuer um 1,29 4, Differenz in der Bewegung nur 0,91 4 gegen 5,2 oder 6,7 oder 6,9 4 beim Steuerwegiall. Oder nachdem die 20 Städte einander dadurch wieder gleich geworden waren, daß die Mahlsteuer in keiner bestand, 1875 auf 1876 stieg der Weizenpreis um 3,28 4 m den früher mahlsteuerpflichtigen Städten und um 2,15 4 in den niemals steuerpflichtig gewesenen. Differenz 1,13 4 statt 5,2 oder 6,7 oder 6,9. Oder anderer Gegenbeweis: Getreide, welches in dem Monat der Steuererhebung auf Mehl ja nicht betroffen wurde, fiel 1875/76 gegen 1873/74 um 22,75 Procent in den Mahlsteuerstädten und in den Nichtsteuerstädten 23,10 Procent. Wo kein Grund zu einer verschiedenen Preisbewegung vorlag, fand auch keine verschiedene Bewegung statt, wo aber eine vorlag, wirkte er auch. Nicht anders beim Roggenmehl. Das Roggenmehl war mit 1,38 4 pro Kilo Mahlsteuer belastet. Deeember 1874 auf Januar 1875 sank der Roggenpreis in den Steuerstädten um 2,6 4 per Kilo, in den Nichtstcuersiädten nur um 0,2 4, Differenz 2 4 4. Ganz 1874 auf 1875 sank der Roggenpreis um 7,5 4 in den Steuerstädten, aber nur um 4,5 in den Nichtsteuerstädten. Differenz 3,0 4, endlich im Durchschnitt der beiden letzten Jahre vor und nach der Steuer-Aufhebung Senkung in den Steuerstädten um 5,94 4, in den anderen nur um 3,21 4, Differenz 2,73 4- Zu Zeitpunkten ohne Grund verschiedener Preisbewegung z. B. 1873 auf 1874 sank der Roggenpreis in den Steuerstädten um 0,07 4 und stieg in den Steuerstädten um 0,58 4- Differenz 0 65 4 gegen oben 2,4 oder 3,0 ober 2,73 4 Pi"° Kilo Ebenso 1875 auf 18< 6 stieg der Roggenpreis in den Steuerstädten um 1,58 4, in den 'Nichtsteuerstädten auch um 1,20 4, Differenz nur 0,38 gegen 2,4 oder 3,0 oder 2,73 4, oder der von der Steuer unberührte Roggen in Körnern fiel 1875/76 gegen 1873/74 von l/,/o Procent in den Steuerstädten und ebensoviel 17,45 Procent in den Nichtsteuerstadten Sehr natürlich, ein Grund für verschiedene Preisbewegung lag nicht vor, dieselbe trat auch nicht em. Und nun sage einer noch, die Aufhebung dieser das Kilo Mehl um nur em paar Pfennig belastende Mahlsteuer habe den Consumenten Nichts genutzt! Die Anwendung auf die Frage, ob eine Steuer-Erhöhung auch den Eonstimenten nichts schaden wird, 8egt Juni Fürst Bismarck wird am 9. b. Mts. hier zurückerwartet. — Anläßlich des zwischen Chile und Boltvia und Peru ausgebroche- nen, die deutsche Industrie und Handels-Interessen mit schweren Schädigungen bedrohenden Krieges, bringt die „Nordd. Allg. Ztg." den amtlichen Consulats- bertchten entnommene statistische Notizen, welche eine ungefähre Schätzung der durch den Krieg gesährdelen deutschen Interessen ermöglichen. - Das Kriegsgericht in Sachen des „Großer Ktwsürst" schloß heute Mittag 1 Uhr seine Verhandlungen. Der gefällte, noch schriftlich ausjuarbeitende Urtheilsspruch geht zunächst an das Corpsgericht des Garde-Corps, welches denselben dem Kaiser zur Bestätigung vorlegt. — Die „Nordd. Allg. Ztg." dementirt, daß die Regierung nicht abgeneigt sei, sich dem Plane der Vertagung des Reichstags bis zum September anzuschließen. Dieselbe werde vielmehr auf die unterbrechungslose Erledigung der Geschäfte der gegenwärtigen Session drängen, zumal die Interessen der gewerblichen Kreise die unverzügliche Erledigung der betr. Fragen erheischen. Berlin, 7. Juni. Dte Tarifcommission nahm den Antrag v. Wedell- Malchow'S, dte Regierungscommisiarien möchten der Commission über dte muth- maßliche Vermehrung der Zolleinnahmen gegen früher durch die Annahme des Zolltarifs eine Berechnung machen, mit einigen Modifikationen an und genehmigte ferner den Antrag Windthorst's, vor der definitiven Annahme von Zöllen und Steuern sei dringend geboten, daß die Ftnanzminister über dte Finanzlage der Etnzelstaaten genaue Angaben machten. In der fortgesetzten Berathung der Baumwollzölle genehmigte die Commission die Positionen für gebleichtes oder gefärbtes Baumwollgarn, ein- und mehrdrähtiges, drei- und mehrdrähtiges, mehrfach gezwirnte Nähsäden unverändert. Unter Position Baum- wollwaaren wurde ein besonderer Titel „roher Tüll" mit 60 Mk. für 100 Kilo angesetzt. Für gebleichte dichte Gewebe unter dem besonderen Titel wurde der Zoll von 120 auf 100 Mk., für baumwollene Fischer- netze von 12 auf 3 Mk. herabgesetzt. Der Zoll für Schmirgeltuch wurde ganz gestrichen. Der Antrag Hammacher's auf Herstellung des Aus- gangs-Zoüs für Lumpen wurde mit 14 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Dresden, 7. Juni. Das „Dresd. Journal" meldet aus Wien: Die in dem Art. 7 der türkisch-österreichischen Convention vorgesehenen Verhandlungen zwischen den österreichischen Behörden Bosniens und den türkischen Behörden über Novibazar finden bereits statt. — Bet der Arnauten-Versammlung in Mitrovitza ereignete sich zwischen den Arnauten selbst ein blutiger Zusam- menstoß, wobei 80 Arnauten fielen. — Dte Besetzung der Limlinie wtrd tn kürzester Zett erwartet. Hesterreich. Wien, 7. Juni. Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel von heute, die Pforte fei durchaus nicht geneigt, den serbischen Ansprüchen aus Schadenersatz wegen des Einfalles der Arnauten bei Kurtschumlje zu entsprechen, da der Einfall von serbischer Sette provoctrt worden sei. — Dieselbe Correspondenz meldet aus Bukarest, Rumänien habe die diplomatische Agentte tn Belgrad zum Range einer Gesandtschaft erhoben. Dänemark. Kopenhagen, 7. Juni. Das Jubiläumsfest der Universität endigte mit einer Galatafel beim König, welcher jedoch wegen Unwohlseins nicht anwesend war. Der Kronprinz brachte den Gruß des Königs an dte Universität und die Gäste, wobei er dte Hoffnung aussprach, der Verkehr unter den nordischen Gelehrten werde dte nordischen Universitäten und dadurch die nordischen Völker enger verknüpfen. Kopenhagen, 7. Juni. Eine amtliche Bekanntmachung hebt dte unterm 11. Febr. und 15. März Rußland und Finnland gegenüber angeord- nelen Quarantäne-Maßregeln gegen dte Pest auf. Irankreich. Paris, 7. Juni. Durch eine tm „Journal osficiel" veröffentlichte Verfügung vom 5. Juni werden 225 wegen der Insurrektion vom Jahre 1871 Verurteilte begnadigt. Paris, 7. Juni. Wie versichert wtrd, hat der Präsident der Republik Blanqui begnadigt. England. London, 7. Juni. Der Martnemintster Smith hielt gestern bet dem Banket der konservativen Partei in St. Edmunds-Renee eine Rede, worin er zunächst mtttheilte, daß nach Beendigung des Zulu-Krieges dte Colonien Süd- Afrikas so conpituirt werden würden, um künftighin sich selber gegen Bar- baren-Stämme vertheidtgen zu können. Aus die orientalische Frage übergehend, bestritt der Minister die Behauptung, daß England nur ungern Ostrumelien die Autonomie zugestanden habe. Die britische Regierung bestand lediglich auf Aufrechterhaltung des Rechtes des Sultans zur Besetzung des Balkans, weil die Bolkangrenze nothwendtg für die Existenz der Türket, letztere aber tm Jn- tereffe Europas sei. Dte Behauptung von Differenzen zwischen England und Frankreich, betr. Egypten, sei falsch; beide Mächte seien momentan in völligem Einvernehmen. Der Khedtve schadete sich durch sein Verhalten unendlich. Die größte Vorsicht und Klugheit seien erforderlich. England und Frankreich seien entschloffen, bei Lösung des Problems nicht übereilt vorzugehen. Dte britische Regierung beanstande nicht die Aspirationen Griechenlands, wünsche aber nicht, daß letzteres unvorbereitet in einen Krieg verwickelt werde. Die Regierung begünstige die Ausdehnung des griechischen Gebiets und werde im Verein mit den Großmächten Alles thun, Griechenland zu geben, was in deffen und Europas Jntereffe vortheilhaft sei. — Der Fürst von Bulgarien confe- rirte Donnerstag mit Salisbury. Rußland. Petersburg, 7. Juni. Dte gestrige Sitzung des obersten Gerichtshofs wurde unter dem Vorsitze des Fürsten Uruffoff 10 Uhr 10 Mtn. Morgens eröffnet. Als Staatsanwalt fungirte Justizminister Nabokoff, als Ver- theidiger der vereidete Advocat Turtschaninoff. Der Anklageakt recapitulirt die bereits bekannten Details des Attentates und enthält das von Solowjeff gemachte Gestäl.dniß folgenden Inhalts: Er gehöre zur social-revolutionären Partei, habe jedoch beim Attentat keine Mitschuldige gehabt und sich dazu aus eigenem Willen entschieden ohne jeglichen Einfluß Seitens seiner Meinungs- genoffen, glaube aber im Sinne seiner Partei gehandelt zu haben. Aus den weiter im Anklageakt mitgetheilten Aussagen Solowjeff's ist ersichtlich, daß er noch während der Studien auf dem Gymnasium, wonach er die hiesige Universität zwei Jahre besuchte, ernsthafte religiöse Zweifel hegte, welche ihn zur Annahme der Ansichten des sog. Deismus führten. Noch damals habe er den Plan gefaßt, sich dem Dienste des Volkes zu widmen, dessen Armuth und Entbehrungen ihm stets an's Herz griffen, wobei er dieselben für das Resultat der bestehenden unbefriedigenden staatlichen und socialen Ordnung hielt. — In dem Proceffe gegen Solowjeff hat der oberste Gerichtshof folgendes Urtheil gefällt: Solowjeff ist schuldig, daß er, einer verbrecherischen Genoffenschaft angehörend/, welche bestrebt ist, dte in Rußland bestehende Staatsordnung durch Gewaltihätizketten zu stürzen, am 16. April in der zehnten Morgenstunde in Petersburg mit Vorbedacht es auf das Leben des Kaisers abgesehen und mehrere Reoolverschüffe auf Se. Majestät abgefeuert hat. Der Gerichtshof hat deshalb brschioffen Alexander Solowjeff auf Grund der Art. 241, 249, 17 und 18 des Strafgesetzuches alle Standesrechte zu entziehen und ihn mittelst Stranges hinzurichren. Petersburg, 7. Juni. Schluß des Anklageaktes. Aus einem früher stattae- habten politischen Processe erhellt, daß Solowjeff während seines Dienstes im Bezirk Toropez (Gouvernement Pleskau) mit einem gewissen Nikolai Bogdanowitsch in nahen Beziehungen stand. Letzterer hatte auf seinem Gute eine Schmiede eingerichtet wo Socialisten behufs näherer Berührung mit dem Volke thätig waren. Besonders nahe Beziehungen hatte Solowjeff zu Bogdanowitsch's Bruder, Jury Bogdanowitsch einem der energischsten Socialrevolutionäre. Auf Bogdanowitsch's Gute sammelten 'sich oft Socialisten, darunter auch der, der Betheiliguug an der Ermordung des Generals Mesenzoff angeklagte und 1878 verhaftete Michailoff. Im Jahre 1876 verheirathete sich Solowjeff mit Katharina Tschelistscheff, lediglich um derselben in moralischer und materieller Hinsicht eine selbstständige Stellung zu geben. Nach Petersburg gekommen lebten die Gatten geschieden. Nach einem Aufenthalte von l‘/? Monaten in der Hauptstadt, wo Solowjeff mit Mitgliedern der revolutionären Partei thätig verkehrte, bereiste er die Gouvernements Wladimir und Nischni-Nowgorod, wobei er in Schmieden behufs der Propaganda unter falschem Namen arbeitete. Später ging er zu agitatorischen Zwecken nach Samara, woselbst sich damals eine revolutionäre Gesellschaft gebildet hatte, dann nach dem Gouvernement Saratow, wo er unter falschem Namen in der Eigenschaft eines Dorfschreibers fungirte. Im Jahre 1878 übersiedelte Solowjeff nach Petersburg, stieg bei seinen Eltern ab und fuhr fort, mit Socialisten thätig zu verkehren, wobei er oft verbotene Druckschrifte, wie „Semlja i Wolja" (Land und Freiheit) in ganz frisch gedrucktem Zustande, augenscheinlich unmittelbar aus der Druckerei kommend, nach Hause brachte, Solowjeff war auch bei der Verbreitung von revolutionären Proclamationen thätig. Aus seinem Handeln und Wandeln schlossen seine Familie und Bekannte, daß er dem Executtocomitä nahe stehe, was auch durch seine moralische Theilnahme an dem Attentat auf den General Drentelen bewiesen wird. Auffallend ist, daß, obwohl Solowjeff nach Petersburg ohne jegliche Mittel kam und keine lohnende Arbeit hatte, derselbe doch bald die Möglichkeit fand, beträchtliche Summen für seine Bekleidung zu verwenden und sich einen ziemlich werthvollen Revolver anzuschaffen rc. Der Anklageact schließt auf einen Zusammenhang zwischen dem Attentat Solowjeffs und der Thätigkeit der socialrevolutionären verbrecherischen Gesellschaft. — Nach dem Verlesen des Anklageactes gestand Solojeff, auf eine Anfrage des Präsidenten, auf den Kaiser geschossen zu haben. Er habe gethan, was ihm seine Ueberzeugung und sein Gewissen vorgeschrieben habe und keine Mitschuldigen gehabt. Er sei bei der Herausgabe revolutionärer Druckschriften nicht betheiligt gewesen und habe dieselben nur zufälligerweise verbreitet. Weiter erklärte Solowjeff, er brauche keinen Vertheidiger, da solcher nichts zu seiner Rechtfertigung sagen könne. Der Gerichtshof beschloß jedoch, dem Vertheidiger den Auftrag zu geben, seine Pflicht im Lause der Sitzung zu thun. Sodann schritt das Gericht zur Ergründung der Beweise. Amerika. Sant-Jago (Chili), 6. Juni. Bolivische Kaperschiffe sind von der bolivischen Regierung ermächtigt worden, Kaufmannsgüter wegzunehmen, selbst wenn dieselben unter neutraler Flagge fahren und nicht einmal als Kciegs- contrebande angesehen werden. Telegraphische Depeschen. Wagner's telegr. Sorrefpondenz-vurea«. Paris, 8. Juni. Das gestrige Fest in der Oper zu Gunsten der Ueberschwemmten von Szegedin war glänzend. Alle Botschafter waren anwesend, die Zahl der Theilnebmenden ungeheuer. Es wurden alle Sachen zu enormen Preisen verkauft. Die Einnahmen dürften sich auf 200,000 Frcs. belaufen. Madrid, 8 Juni. Einer amtlichen Depesche aus Kuba vom 7. Juni I zufolge ist die Nachricht, daß dort vollkommene Ruhe herrsche, unrichtig. Es sind noch bewaffnete Banden vorhanden. Darmstadt, 9. Juni. Der Fürst von Bulgarien trifft nächsten Freitag in Jugenheim ein. München, 8. Juni, Abends. Nach neuester Bestimmung reist Prinz Arnulpb als Vertreter des Königs nach Berlin zur Goldenen Hochzeitsfeier. Paris, 8. Juni. Eine Depesche des „Temps" aus Constantine meldet: Der Stamm Uledaud in der Nachbarschaft von Brtna ist tn völligem Aufruhr. Der Sohn des Kaid und mehrere Häuptlinge wurden getödtet Die in Batna angekommenen Truppen haben auf dem Marsche viel gelitten. Die Bevöikerung von Batna verlangt Gewehre. Lokales. Gießen 8. Juni. Herrlicheres Wetter kann sich kein Verein zu einem Ausfluge wünschen, als es der „Obcrhessische Verein für Localgeschichte" bet seinem gestrigen Ausfluge in den Arnsburger Wald und nach Arnsburg in der That hatte. Die in der Annoncirung des Ausflugs angekündtgte Ausgrabung traf einen der Wachtthürme, welche von den Römern zur Sicherung 'hres Grenzwallcs (Pfahlgrabens) unmittelbar hinter diesem gebaut und mit kleinen Besatzungen belegt worden waren; es gelang der 5stündigen Erschließungsarbeit, drei Ecken der Grundmauer des Tburmes und die östliche Front desielben bloszulegen; dabet wurde die Grundmasse des Tburmes festaestellt und eine Anzahl römischer Topfscherben im Bauschutt des wahrscheinlich im Angriff verbrannten Thurmes gefunden. Da inzwischen die Hitze des Nachmittag- groß war, erwuchs in demselben Maße den Veretnsmitgliedern der Durst, aber dte Erfrischungen, von denen die Annonce mit solcher Sicherheit behauptet hatte, daß für sie „gesorgt" sei, waren — in Folge eines Mißverständnisses — nicht zur richtigen Zett und Stelle im Walde angelangt. Unter sothanen Umständen wurde doppelt freudig und dankbar die Einladung angenommen, welche der bei der Ausgrabung mttanwesende Eigenlhümer des Waldes, Herr Graf zn Solms' Laubach, an die Veretnsmitglteder richtete und welcher entsprechend sich dieselben unter Führung des genannten Grundherrn nach Arnsburg begaben zur Besichtigung der dortigen Merkwürdig» Feiten, aber auch zum Genüsse der preislichen Erfrischungen, mit welchen der Herr Graf, der dem Verein bereits seit deffen Gründung angehört, die Mitglieder deffelben in den Klosterräumen erfreulichst überraschte. Vermischtes. — Im Zoologischen Garten zu Berlin gab es neulich sehr erregte Scenen. Während die Affen im Freien sich tummelten, gelang es einem der Vierhänder, aus dem Käfig zu flüchten, unu vier andere Genoffen ahmten seinem Beispiel nach. Sofort erkletterten die Flüchtlinge die Bäume unv es wurde nun mit Netzen, «Striefen und sonstigen Geräthen Jagd gemacht, um Die Durchgänger wieder zu fangen. Die Tribüne hört, daß dies erst nach langen Mühen gelungen ist. Schifrsbericht. Mttgetheilt von dem Agenten des Norddeutschen Lloyd C. W. Dietz in Gießen. Newyork, 7. Juni. ^Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Mosel, Eapt. H. A. F. Neynabcr, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 25. Mai von Bremen und am 27. Mai von Southampton abgegangen war, ist heute 6 Uhr Morgens wohlbehalten hier angekommen. Baltimore, 7. Juni.