Mr. IS2. Freitag den 4. Juli 1879. Aießener Anzeiger AMlgk- uai Amtsblatt für bes Kreis Gießen. • I Vchulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. —————————————________________ Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf. politischer Hk eit. Die neue Justizorganifation. II. Di« Schöffengerichte. Die Schöffengerichte werden bei den Amtsgerichten gebildet und bestehen aus dem Amtsrichter als Voisitzenden und zwei Schöffen als Beisitzern. Die Schöffen sollen verständige und unbescholtene Leute aus dem Volke sein, von denen man eine gewiflenhafte Verwaltung ihres Ehrenamtes, d. h. also, daß das Amt eine Bürgerpflicht ist und keine Entschädigung dafür gezahlt wird, zu erwarten ist. Zunächst muß der Schöffe ein Deutscher fein. Als unfähig sind ausgeschloffen: Personen, welche die Befähigung in Folge strafgericht- licher Verurthetlung verloren haben (Zuchthausstrafe, Aberkennung der kürzer, ltchen Ehrenrechte, Verlust der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter), — Personen, gegen welche das Verfahren wegen eines Verbrechens oder Vergehens eröffnet ist, welches zur Aberkennung der Ehrenrechte rc. führen kann, — Personen, welche in Folge gerichtlicher Anordnung in der Verfügung über ihr Vermögen beschränkt sind (Leute, die unter Curatel stehen, Concuestfexe rc.). Feiner sollen nicht berufen werden: Personen unter 30 Jahren, — Personen, die »och nicht zwei Jahre in der Gemeinde wohnen, — die innerhalb der letzten drei Jahre Armenunterstützung erhielten, — die wegen geistiger oder körperlicher Gebrechen ungeeignet sind; Dienstboten, Minister, Reichs- und (Staatsbeamte, welche jederzeit in den Ruhestand treten können, richterliche Beamte, Staatsanwälte, sonstige Gerichtspersonen, Religionsdiener, Volks- schullehrer und Militärpersoncn. Ist hiernach die Urliste aufgestellt, so wird sie nach erfolgter Bekannt- machung des Zeitpunkts eine Woche lang öffentlich in der Gemeinde aufgelegt. Innerhalb dieser Zeit kann schriftlich oder zu Protokoll Einsprache erhoben werden. Insbesondere können nach weiteren gesetzlichen Bestimmungen das Amt eines Schöffen ablehnen: Mitglieder einer deutschen gesetzgebenden Versammlung, Personen, welche im letzten Geschäftsjahre die Verpflichtung eines Geschworenen oder an wenigstens fünf Sitzungstagen die Verpflichtung eines Schöffen erfüllt haben, Aerzte, Apotheker, die keine Gehülfen haben, Per- sonen, welche das 65. Lebensjahr zurückgelegt haben, Peisonen, welche glaubhaft machen, daß sie den mit der Ausübung des Amtes verbundenen Aufwand zu tragen nicht vermögen. Ist die Etnsprachefrist abgelaufen, so wandert die Urliste nebst Einsprachen und etwaigen Bemerkungen des Gemeindevorstehers an das Amtsgericht des Bezirks. Bei diesem tritt dann alljährlich ein Aus- schuß zusammen, bestehend aus dem Amtsrichter als Vorsitzenden, einem Rezie- rungscommiffar und sieben aus den Einwohnern des Bezirks gewählten Vertrauensmännern. Dieser prüft und entscheidet über die Einsprachen. Eine Beschwerde findet gegen seine Bcschlüffe nicht statt. Sodann wählt et aus der berichtigten Urliste die für das Jahr erforderliche Anzahl Schöffen und Hulfsschoffen (Ersatzmänner), die dann in besondere bei dem Amtsgerichte geführte Verzetchniffe ausgenommen werden (Jahreslisten), und der Amtsrichter legt dann die Reihenfolge auf, in welcher die Schöffen ihres Amtes zu warten haben, und setzt sie von dem Ausfall in Kenntniß. Bei später eintretenden Behinderungsfällen steht dem Amtsrichter die Befugniß zu, die Schöffen von ihrer Dienstleistung zu entbinden. Bei der ersten Ausübung ihres Amtes werden sie von dem Amtsrichter vereidigt. Die Schöffengerichte sind in folgenden Strafsachen zuständig: zunächst für alle Uebertretungen, d. h. jede mit Haft (bis zu drei Monaten) oder mit Geldstrafe bis zu 150 Mk. bedrohte Handlung, ferner für diejenigen Vergehen, welche nur mit Gefängniß von höchstens drei Monaten oder Geldstrafe von höchstens 600 Mk. allein oder neben Haftstrafe oder in Verbindung mit der- selben bedroht sind (also z. B. gewöhnlicher Hausfriedensbruch), bann für die nur auf Antrag zu verfolgenden Beleidigungen und Körperverletzungen auf erhobene Privatklage, endlich für die Vergehen des Diebstahls, der Unterschlagung, des Betruges und der Sachbeschädigung, wenn der Werth der Sache 25 Mk. nicht übersteigt, und der Hehlerei und Begünstigung, wenn die Handlung, auf welche sie sich beziehen, nach dem oben Erwähnten zur Zuständigkeit der Schöffengerichte gehört. Wenn voraussichtlich auf keine höhere Strafe als drei Monate Gefängniß ober 600 Mk. Geldstrafe erkannt werden wird, können außerdem auf den Antrag der Staatsanwaltschaft die Strafkammern der Landgerichte folgende, eigentlich zu ihrer Eompetenz gehörige Vergehen zur Aburtheilung an das Schöffengericht überweisen: Widerstand gegen die Staatsgewalt, Vergehen gegen die öffentliche Ordnung, wider die Sittlichkeit (letztere beide in bestimmten Fällen), Beleidigung und Körperverletzung (ohne Antrag), Diebstahl, Unterschlagung, Begünstigung, Hehlerei, Betrug, strafbarer Eigennutz, Sachbeschädigung (bei Objecten über 25 Mk.). Die Schöffen sind bei der Beurtheilung und Abstimmung gar nicht an den Amtsrichter gebunden. Sie werden sich natürlich seiner Rechtsbeleh- nung nicht entziehen können, allein ihr Urtheil ist ganz frei und ungehemmt; sie üben das Rtchteramt in vollem Umfange, also nicht nur bei der Frage der Schuld, sondern auch bei der Strafausmeffung, aus und mit gleichem Stimm- rechte, wie der Amtsrichter, so daß sie diesen, wenn sie anderer Ansicht, aber unter sich eins sind, überstimmen. Nur in ganz vereinzelten Fällen ist der Amtsrichter befugt, ohne Hinzu- ziehung von Schöffen zu verhandeln und zu verurtheilen, nämlich: 1) in den Fällen des richterlichen Strafmandats, in denen ohne Verhandlung eine Strafe vorläufig festgesetzt und zudictirt wird (also bei ganz geringfügigen Uebertre- tungen, wie z. B. grober Unfug rc.), — 2) mit Zustimmung der Staatsan- wauschaft, wenn der verhaftete Beschuldigte, der nur wegen einer Uebertretung verfolgt wird, vorgeführt die Thai eingesteht, und 3) in Forst- und Feldrüqe- sachen, wenn die Landesgesetze dies vorschreiben. Deutschland. Darmstadt, 1. Juli. Das heute ausgegebene Großh. Regierungsblatt Nr. 27 enthält die Allerhöchste Verordnung, die Organisation der Per- waltung der Hauptstaatskaffe betreffend. Berlin, 1. Juli. Die Entlaffungsgesnche der Minister Falk und Friedenthal an ben Kaiser sinb vorgestern nach Ems abgegangen. Der Rücktritt Falls sollte erst nach dem Schluß bet Reichstagssession beantragt werden unb es ist anzunehmen, baß ber Minister bis zu biefer Zeit unb jedenfalls bis zur Ernennung eines Nachfolgers im Amte verbleiben wird. Der jetzige Entschluß, die Entlassung zu fordern, hat zweifellos feinen Grund in der allgemeinen Situation, welche dem Minister die Ueberzeugung verschafft hat, daß seine Stellung in derselben unhaltbar geworden ist. Die vielfach verbreitete Annahme, wonach der Minister Falk dazu ersehen wäre, das Portefeuille des Justizmtnisters nach einem etwaigen Rücktritt des Dr. Leonhardt zu übernehmen, darf für jetzt gänzlich unbeachtet bleiben. — Heute Nachmittag kurz vor Schluß der Sitzung erschien der Reichskanzler im Reichstage, zog sich indessen sofort in fein Conferenzzimmer zurück, wo er eine längere Besprechung mit dem Abg. Frhrn. v. Franckenstein hatte. Berlin, 1. Juli. In Folge des Entlassungsgesuches der drei Minister Hobrecht, Dr. Falk und Friedenthal herrscht in Berlin große politische Aufregung. Ihr Abgang wäre der Grabstein für den deutschen Liberalismus der gemäßigtesten Art innerhalb ber Regierung. Im Parlament wie im Volke würde Klarheit unb Einigkeit herrschen und bie Basis für eine einige nationale Opposition wäre mit einem Schlage geschaffen. Der Reichskanzler ist vielleicht ber genialste unb kühnste Politiker unserer Zeit, aber man kann bas Gefühl nicht unterdrücken, als ob er das Staatsschiff durch den Bruch mit den volksthümlichsten, tüchtigen und organisatorifchen Kräften, die das Steuer führten, nicht allzu kühn der Brandung entgegenführt. Das Vertrauen des Volkes wird auf eine harte Probe gestellt, denn es sieht Gestalten auftauchen, von denen es sich einer gedeihlichen Leitung der Staatsangelegenheiten nicht versehen kann. Wenn man steht, zu welchen Männern und Parteien ber Kanzler seine Zuflucht nehmen muß, um seine Pläne zu erreichen, so kann man sich bes Bebauerns nicht enianßern, baß bie Stütze ber großen nationalen Partei, welche in Deutschlanb bisher zu Bismarck stand, einfach über Bord geworfen worden ist. — Dem Kaiser bereitet der mannhafte Entschluß der drei Minister eine unangenehme Unterbrechung der kurzen sommerlichen Zett, welche er seiner körperlichen Erholung ungetrübt zuwenden zu können glaubt. Man hält eine sofortige Gewährung der Entlassungsgesuche für unwahrscheinlich und spricht von einer Berufung des Reichskanzlers nach Ems. Am meisten sicher erscheint der Abgang Dr. Falk's. In hohen Kreisen hat seit einigen Jahren der Hofpreviger Dr. Kögel, ein noch junger Mann, der aus Krotoschln stammt, gleich dem Kaiser ein fester Anhänger der positiven Union, einen großen Einfluß zu erringen verstanden. Man sagt, daß er den Ernennungen zur General- synode, welche die Majorität der Orthodoxen vergrößern, nicht fernsteht. Diese Ernennungen aber bilden den äußeren Anlaß zu der längst erwarteten Demission des Cultusministers. Oesterreich. Wien, 1. Juli. In Oesterreich beginnt die deutsche Wtrth- schaftspolttk eine Rückwirkung zu äußern. Oesterreichs Industrie und Landwirtschaft. fehlt in keinem Programm der zahlreichen Kandidaten um ein Mandat für das Abgeordnetenhaus. Der gesunde Egoismus im Verkehr mit den fremden Staaten wird als Panacee gepriesen und es erscheint schon heute außer Zweifel, daß der künftige österreichische Reichsrath die deutsche Zollpolitik mit wetteren Erhöhungen der Zölle und allerlei Re- presialien beantworten wird. Die Aufforderung an den Handelsmtntster v. Chlumacky, Gegenmaßregeln solcher Art zu treffen, entspricht ganz der Stimmung des Handels- und Gewerbestandes. England. London, 1. Juli. Das heute veröffentlichte Blaubuch über die griechische Frage enthält eine Depesche Lord Salisbury's an den Botschafter Layard vom 12. Juni, durch welche Layard instruirt wird, sich mit den anderen Botschaftern behufs Vereinbarung von Vorschlägen zur Recttflctrung der griechischen Grenze in Verbindung zu setzen. Lord Salisbury betont in dieser Depesche bie* Nothwendigkeit der Grenzberichtigung und bedauert, daß solche nicht unverzüglich nach dem Schluffe des Krieges ausgeführt wurde, wo sich eine günstige Gelegenheit dargeboten habe, den 1832 begangenen Jrrthum gut- zumachen. Die Pforte habe noch keine Absicht kundgegeben, wenigstens annähernd die vom Congreffe vorgefchlagene Grenzlinie zu acceptiren. Die Botschafter dürften es demnach, ehe sie die genaue Anwendung der Congrlßoorschläge biscutiren, für zweckmäßig halten, die Türkei und Griechenland aufzusordern, deutlich zu erklären, ob sie die vom Congreffe befürwortete allgemeine Linie acceptiren wollen. Durch die Grenzberichtigung im Sinne des Congreffes würde die Türkei eher gekräftigt, als geschädigt werden. Wenn der Sultan Garantien für eine künftige freundliche Haltung Griechenlands verlangen sollte, würde England, und wie Salisbury glaubt, auch Frankreich alle dteferhalb von der Pforte propontrten Maßregeln in sorgfältigste Erwägung ziehen. Die Canalflotte wird den „Boadicea" mit der Leiche des Prinzen Napoleon von Madeira nach England eskortiren. — So wett am 10. Juni in der Capstadt bekannt, hatte im Zululand kein weiteres Gefecht stattgesunden. Die Capstadt bereitete Sir Bärtle Frere bei seiner Rückkehr einen enthusiastischen Empfang. Die Leiche des Prinzen Louis wird, vom Dampfer „Boadicea" überbracht, gegen den 16. Juli hier erwartet. — Rouher verließ mit noch anderen Bonapartisten Chislehurst und kehrt nach Frankreich zurück. Amerika. Washington, 30. Juni. Präsident Hayes legte sein Veto ein gegen die Bill, welche die Besoldung der MarshalS und Deputy Marshals, Beamte, denen die Ueberwachung der Wahlen obliegt, verbietet. Das Repräsentantenhaus stimmte deshalb von Neuem über die Bill ab, jedoch gelang es der demokratischen Partei nicht, die Zweidrittel-Majorität zu erzielen, welche noch- wendig ist, um das Veto des Präsidenten zu beseitigen. Die Bill ist daher jetzt definitiv abgelehnt. Hayes richtete ferner an das Repräsentantenhaus eine Botschaft, worin er die Nothwendigkeit betont, die Besoldung der Marshals und Deputy Marshals zu regeln. — Der Senat verwies eine Resolution, welche vollständige Wiedereinführung der Silberprägung verlangt, an die Finanzcommtsston. Washington, 1. Juli. Der Senat und die Repräsentantenkammer haben die Bill angenommen, durch welche der Zoll auf Chinin aufgehoben wird. Der Congreß hat sich auf unbestimmte Zett vertagt. Telegraphische Depeschen. Wagner's telegr. Tsrrefpoudeur- Bureau. Ems, 2. Juli. Der Kaiser hat gestern Nachmittag eine Spazierfahrt unternommen und Abends der Theatervorstellung betgewohnt. Heute srüh Kurgebrauch wie gewöhnlich. Berlin, 2. Juli. Reichstag. Fortsetzung der Berathung der Zolltarifvorlage. Von Nr. 2 (Baumwolle und Baumwollwaaren) werden die Positionen a (Baumwolle, rohe rc.), sowie b (Baumwollwatte) unverändert nach den Commissionsanträgen ohne Debatte genehmigt. Bei Position c (Baumwollengarn) entspinnt sich eine längere Debatte. Ham- macher und Löwe (Berlin) haben Amendements auf Ermäßigung verschiedener Sätze, Dollfus ein solches auf Erhöhung gestellt. Letzterer rechtfertigt zunächst fein Amendement; Hammacher bekämpft dasselbe und plaidirt für seinen Antrag, v. Varnbüler tritt in längerer Ausführung für die von der Commission vorgeschlagenen Sätze ein. Reichensperger (Grefe Ib) plaidirt für den Antrag Hammacher. Bundes-Commissar Herrmann empfiehlt die Annahme der Commissions-Vorschläge und erklärt sich gegen sämmtliche Abänderungs-Anträge- die Commissions- Vorschläge hielten die richtige Mitte; sie seien erforderlich und hinreichend, die Concurrenz des Auslandes einzuschränken. Löwe (Berlin) rechtfertigt seinen Antrag, v. Bötticher rectisicirt einzelne Ausführungen Lowe's. Hierauf wird die Debatte geschlossen. Bei der Abstimmung werden sämmtliche Amendements abgelehnt und Position c nach den Commissionsanträgen angenommen. — Fortsetzung der Berathung morgen. Berlin, 2. Juli. Die „Prov.-Corresp." schreibt In einem Artikel unter der Überschrift: „Die nationalliberale Agitation und der Reichskanzler" Folgendes: Es sei eine Umkehrung der Thatsachen, wenn der Regierung, insbesondere dem Reichskanzler, das Streben auf Schwächung der nationalliberalen Partei zugeschrteben werde. Wohl aber hat das ganze Verhalten derselben in den letzten beiden Jahren in fortwährend scharfen Angriffen und Kundgebungen des Mißtrauens gegen den Kanzler sich bewegt. Wenn Verstimmungen bestehen und sich stets erneuert haben, so sind sie nachweislich von den Nationalliberalen und deren Preffe herbeigesührt und verschuldet. Der Regierung liegt es fern, die^Bedeutung der nationalliberalen Partei für die jeweilige Reichspolitik zu unterschätzen. Die Abwendung einer so großen Fraktion von der Regierung, wie solche im Lause des vergangenen und gegenwärtigen Jahres stattgefunden, muß die Reichs- regierung nothwendig dahin drängen, für die'Erreichung ihrer unverändert sestgehaltenen nationalen Ziele andere Wege und Bahnen im Einzelnen einzuschlagen. Agitationen, wie sie dem Rücktritte v. Forckenbeck's vom Reichstags- Präsidium vorausgingen und seitdem in fast allen großen Parteiblättern und Reden einzelner Mitglieder der Partei in immer gesteigerter Tonart zum Ausdruck gelangten, mußten vollends den Eindruck machen, daß die Partei als solche die Zollreform und Finanzreform zum Anlaß unverhohlener Kriegserklärung gegen die Regierung genommen habe. — Der Artikel schließt: Je mehr zu wünschen und zu hoffen ist, daß die große Zahl wahrhaft patriotischer Elemente, welche sich der nationalliberalen Führung mit dem entschiedenen Willen ernster Unterstützung der Regierung angeschlofien haben, auch fernerhin lebendigen und wirksamen Anthetl an der positiven politischen Arbeit für das Reich nehmen, um so dringender muß der Ruf an die besonnenen Männer der Partei ergehen, sich endlich offen und bestimmt von einer agitatorischen Oppositions- Haltung loszusagen, welche die Partei zu jeder praktischen Betheiligung an der weiteren Gestaltung der nationalen Aufgaben unfähig macht. Berlin, 2. Juli. Die „Prov.-Corr." bestätigt, daß die Minister Hob- recht, Friedenthal und Falk ihre Eutlaffung eingeretcht habe. — Bezüglich der Verhandlungen über die Zoll- und Finanz-Reform meldet die „Prov.-Corr.", indem sie die Anträge Bennigsen und Franckenstetn reproducirt, daß die Regierung sich an den bez. Verhandlungen ihrerseits nicht belheiligt habe, da für sie die Frage von durchaus entscheidender Bedeutung sei, ob neben den Schutzzöllen auch die Finauzzölle so ausgiebig bewilligt werden, daß der Gesammt- plan zur Ausführung gelangen kann. — In der heutigen Sitzung der Zolltarifcommisston des Reichstages wurde hinsichtlich des Petroleum- und des Kaffeezolles kein Resultat erzielt. Für die Regierungs-Vorlage stimmten die Deutsch-Conservativen und die deutsche Retchspartei, für niedrigere Sätze das Centrum, für die niedrigsten National-Liberale und Fortschrittspartei. Somit erhielt kein Zollsatz auf beide Objecte die Majorität. Die Hoffnung auf Verständigung wird nicht aufgegeben, da das Cenlrum heute und morgen in der Fraction die Frage, ob ein Compromiß in Feststellung der betreffenden Zollsätze mit der Regierung abzuschließen sei, erwägen will. Bukarest, 2. Juli. Bezüglich des Couflictes in Sulina ergab die Untersuchung des Commiffars der rumänischen Regierung, daß der rumänische Hasencapitän seine Instructionen eigenmächtig überschritten hatte. Derselbe wurde abgesetzt. — Die mit der Vorlage über die Judenemancipation beauftragten Commissionen der Revisionskammern haben sich bis jetzt noch nicht geeinigt. Konstantinopel, 2. Juli. Die „Turquie", welche anläßlich der Nachricht, daß Frankreich und England die Aufhebung des Firmans von 1873 mißbilligten, ihr Erstaunen ausspricht, sagt: Die Aufhebung habe nicht die Bedeutung einer Repreffalie und die Rechte der Mächte bezüglich ihrer Unter» thanen seien gewahrt. Der Firman jedoch, welcher so schlechte Resultate hatte, sei aufgehoben worden, um die Veranlaffung zu neuen Nachtheilen in Egypten zu beseitigen. Berlin, 2. Juli. Die Nationalliberalen haben erst Donnerstag Abend wieder Fraktions-Sitzung und setzen bann die Berathung des Antrages Franckon» stein betreffs der Stellungnahme zur Tarifvorlaze fort. Die Tarifcommission tritt erst Donnerstag früh wieder zusammen zur zweiten Lesung und will Donnerstag die Berathung der Finanzzölle definitiv beendigen. Der Bundesrath verwies in seiner heutigen Plenarsitzung die Vorlagen wegen Veränderung des Bestandes der vom Reich erworbenen Grundstücke und über die 1878 in den deutschen Münzstätten erfolgten Silber- und Goldausprägungen an die Ausschüsse und nahm den Antrag des Ausschuffes hinsichtlich des zu gewerblichen Zwecken benutzten Branntweins an. Lokales. Glesien, 2. Juli. Gestern fand am Vormittage die Feier des Stiftungsfestes der Ludoviciana in der großen Aula statt. Vor einer sehr zahlreichen Versammlung gedachte der derzeitige Rector, Herr Prof. Dr. Streng, zunächst des doppelten schmerzlichen Verlustes, der im Verlaufe dieses Jahres unser hessisches Fürstenhaus betroffen hat- Sodann gab derselbe einen kurzen Aufriß der wichtigsten Ereignisse dieses Jahres, so u. A. die Bedrückung der Socialdemokratie im Gefolge der frevelhaften Attentate auf den deutschen Kaiser, sodann die Erscheinungen in der Natur, die nicht wenig zu bedenken gaben, z. B. die großen Ueberschwemmungen An letztere anknüpfend, entwickelte der Herr Rector sodann in einem längeren Vortrage die geologische Bedeutung von Ueberschwemmungen nach ihrer zerstörenden und aufbauenden Wirkung. Schließlich stattete er, wie alljährlich, Bericht ab über den Erfolg der eingelaufenen Preisarbeiten. Von vier solcher eingelieferten Arbeiten wurden die folgenden drei gekrönt: Die theologische: „Characteristik der corinthischen Christenparteien nach den in den Corinther- briefen gegebenen Andeutungen nebst Beurtbeilung der in dieser Hinsicht aufgestellten Hauptansichten". Der Verfasser dieser Arbeit ist der Student der Theologie Wilhelm Volp aus Gießen. Die botanische Arbeit hatte zum Thema: „Geschichte der Einwanderung von Xanthium, Elodea canadensis und Puccinia Malvacearum. Mit Karten." Diese Aufgabe löste der Student der Naturwissenschaften Egon Ihne aus Siegen (Preußen). Die dritte Arbeit endlich, aus dem Gebiete der Mineralogie, hatte zum Thema: „Ist die Zusammensetzung des Magnetkies — FeS? Enthält dieses Mineral mehr Schwefel, als dieser Formel entspricht, oder beruht der höhere Schwefelgehalt auf einer mechanischen Beimengung von Schwefelkies? Es wird zunächst eine möglichst vollständige Zusammenstellung und kritische Beleuchtung der Literatur über diese Frage verlangt. Die Frage selbst soll aber beantwortet werden durch die Analyse der verschiedenen unter Zuhülfenahme eines Magneten erhaltenen Schlämmproducte des Magnetkies von Bodenmais". Diese Aufgabe wurde gelöst von dem Studenten der Naturwissenschaften Heinrich Habermehl aus Harreshausen (Hessen). Giesien. 3. Juli. Voriges Jahr wurden an einem Abend auf dem Wege vom Schiffenberg nach hier mehrere Bäumchen beschädigt und abgebrochen, sowie ein Wegweiser seiner Arme entledigt und dieselben fortgeschleppt. Die ermittelten Herren, welche zum Theil neulich spät in der Nacht nach einem verlorenen Portemonnaie auf der Polizeiwache nachfragten, erhielten je 3 Wochen Gefängmß. Zur Warnung für Zerstörungslustige theilen wir ausnahmsweise diese wohlverdiente Strafe mit. Vermischtes. Offenbach, 2. Juli. Eröffnung der Landes-Gewerbe-Ausstellung für das Grotzher. zogthum Hessen. In Gegenwart Sr. königlichen Hoheit des Großherzogs und ez'ner Unzahl von geladenen Gästen wurde heute Morgen die Landes-Gewerbe-Ausstellung für unser Großherzogthum eröffnet. Schon seit gestern hatte die Stadt Offenbach ein Ehren- und Festkleid angelegt, m reichem Laub- und Fahnenschmuck prangten die Straßen bis zu dem stattlichen Villenquartier im Westen und über dieses hinaus, bis zu dem Ausftellungsplatze. Geschäftig regte es sich allenthalben noch gestern bis spät in die Nacht hinein und mit dem ersten Morgengrauen waren tausend geschäftige Hände bereits wieder in Thätigkeit, um das Werk an dem sie so lange rüstig und wacker gearbeitet, feiner Vollendung entgegen zu führen. Die Feierlichkeiten verliefen ganz in der vorgesehenen Weise. Kurz nach 10 Uhr erschienen, von dem Vorstände bewillkommnet die zum Feste geladenen Ehrengäste auf dem Ausstellungsplatze, während das General-Comitö sich in der Haupthalle des Ausstellungsgebäudes versammelte. Um 10V2 Uhr traf Se. königliche Hoheit der Großherzog in Begleitung des Erbgroßherzogs, verschiedener Prinzen des Großherzoglichen Hauses mit großem Gefolge am Eingänge der Ausstellung ein, wo der Vorstand sie erwartete. Von diesem geleitet nahte sich der Zug der Festtribüne, die in Gestalt eines imposanten Zeltes vor dem Hauptportale errichtet war. Hier hatten sich mittlerweile die Spitzen der Behörden von Offenbach und einigen Nachbarstädten versammelt; auch aus Frankfurt waren der Oberbürgermeister, der Polizeipräsident und der Stadtcommandant zur Begrüßung des Großherzogs und zur Theilnahme an der Feier erschienen. Nachdem die hohen und höchsten Gäste ihre Plätze eingenommen, stimmten die vereinigten Sangerffereine von Offenbach eine nach dem Chor „Macte Imperator“ von Fran; Lachner eigens für die Feier gedichtete Festhymne an. Nach dem trefflich ausgeführten Gesänge ergriff der Präsident des Gesammt-Comitös Herr Commerzienrath Wecker das Wort um m einer sehr klar disponirten und beredt vorgetragenen Festrede auf die Bedeutung des Tages und das Ziel des unter dem Protektorate des Landesherrn stehenden Unternehmens hinzuwelsen. Ein dreimaliges Hoch auf Se. königliche Hoheit den Großherzog, in das alle Anwesenden kräftig mit einstimmten, schloß den Vortrag. Die vereinigten Sangcrvereine fangen foöann unter Begleitung der Musikkapelle den Chor „an die Künstler" von Mendelssohn, nach dessen Absingung der Großherzog Befehl zum Oeffnen der Ausstellung ergehen ließ. Unter Führung des Vorstandes betrat hierauf der Großherzog mit seiner Suite, gefolgt von dem Gesammt - Comite und den Ehrengästen durch das große Portal die .^aupthalle. Sämmtliche Aussteller befanden sich an ihren Plätzen; mit vielen derselben unterhielt der hohe Protector der Ausstellung sich längere Zett; in der Maschinenhalle nahm er an einer der dort ausgestellten Druckerpresscn die Festnummer der unter der Redaetion von 5L Hartmann im Verlage von G- L- Daube & Co. erscheinenden „Ausslellungszeitung" in Empfang. Gegen 1 Uhr war der Rundgang beendet. Nachdem der Großherzog kurze Zeit in den für ihn reservirten Räumen des Mittel-Pavillons verweilt entbot er eine Anzahl der anwesenden Ehrengäste zu einem in dem abgeschlossenen Saale der Restauration servirten Frühstücke. Um 2 Uhr wurde die Ausstellung dem Publikum geöffnet, das trotz des etwas bewölkten Himmels sehr zahlreich erschienen war und alsbald den großen Ausstellungsplatz zu einem äußerst belebten machte Die einzelnen Räume machen einen ungemein günstigen Eindruck; das Ge sammtbild ist trotz seiner Compactheit ein buntes und vielgestaltiges und ladet xu fortgesetztem Beschauen ein. Ist hie und da auch eine kleine Arbeit im Rückstände gebli ben, so macht das Ganze doch entschieden den Eindruck des Fertigen und Abgeschlossenen. Als eine Seltenheit, aber eine sehr willkommene, darf es bezeichnet werden, daß den ersten Eintretenden der vollständig fertig gestellte Katalog (gleichfalls wie die Zeitung im Verlage von G. L. Daube. & Co. erschienen) überreicht werden konnte. Die nnn Frankfurt ist eine sehr reae: die Züge der Localbahn bringen alle Stunden mit festlich geschmückten Lokomotiven Schaaren über Schaaren von Besuchern aus der benachbarten Mainstadt. Um 5 Uhr begann nn Ausstellungssaale die Fest- -täfel, die während wir diese Zeilen schreiben, noch andauert und einen sehr heiteren Verlauf zu nehmen verspricht. Selters bei Ortenberg, 30. Juni. Heute Nacht 12 Uhr kam eine wohlgekleidete etwa 33 Jahre alte Weibsperson, angeblich von Offenbach kommend, in une hustge Wirtdschait -nd bat um Quartier. Obgleich der W rth wegen des spaten Verlangens S schönste so aestattete er doch das Bleiben bis zum nahen Tage, da auch G-Eer^m AnL 'wa'r ' Mtt Tagesanbruch entfernte sich die Person und eilte ^der ^'4 Stunden weit liegenden Eisenbahnstation Stockheim zu. Um /r4 Uhr horte nun ein Mäher, der sich das nöthige Wetzwaster m dem nahen Nidderbach holte das Kammern eines Kindes. Auf einmal erblickte er an der nahe,: Brücke em etwa Mhrsties Mädchen, welches bis zum Leibe im Wasser stand, einen Stein umklammernd, auf welchen es seinen Kopf gelegt. Alsbald wurde das arme Würmchen in die nahe Mühle gebracht, woselbst es durch erwärmte Kleider und sorgsame Pflege wieder neu- mnrbe Das Kind sagte aus, es heiße Lina Gemmer und seine Mutter habe L ü e^Brück? in da- ^Wasser'gestürzt - Das Auskommen des bMch neu Mädchens ist noch fraglich, da es außer den vom Sturze Herruhrenden Verletzungen «nn 12 bis 31/, Uhr im Wasser war. Der Verdacht fiel nun auf die bereits erwähnte Person welche vor dem Einsteigen in den Gießen-Gelnhauser Zug bei einer Tasse Kasse inhaftirt, die That eingestand und dem Landgerichte Ortenberg zugefuhrt wurde. Dieser Rabenmutter floß keine Thräne, als sie ihr lebendiges Kind wieder sah, das sie aus einer Höhe von 15 Fuß herabgestürzt. S teinfurt. 3u bet nächsten Freitag, Samstag und Sonntag in Frankfurt statt- -findenden Rosenausstellung liefert die rühmlichst bckanntt diesige Firma Gebrüder Schultheis ein Bouquet, wie es nur von einem solch ausgedehnten Geschäft beschafft werden kann. Dasselbe bat einen Durchmesser von etwa N/r Meter und ist zusammengesetzt aus mehr alS 10,000 Rosen von einer und derselben Sorte, die von etwa 14,000 Stöcken ausgewahlt sind. (O. A.) Butzbach 1. Juli. Es durchläuft ein Gerücht die Stadt von einem im Rockenberger -falbe verübten Raubmorde. Eine Frau vonMockenberg sei mit dem Frühzuge hier angekommen Änd habe nach Hause gehen wollen. Mit ihr sei ein Mann ausgestiegen, der ihr vorausgeeilt sei und sie später erschlagen und beraubt habe. Vilbel 2. Juli, Als gestern der erste Omnibuszug in Eschersheim cintraf und an der Haltestelle hielt, stand die ganze Gemeinde zur Begrüßung bereit. Das Zugpersonal wurde mit 15 Maschen Wein regalirt, der Schullehrer hielt eine Rede und die Schulkinder sangen. Die sämmtlichen Schulkinder und die halbe Gemeinde hatte Billete nach Frankfurt genommen. Nachmittags erfolgte die gemeinschaftliche Rückfahrt und Abends fand Festball statt, zu dem Alles eingeladen war, was nur halbwegs wie ein „Eisenbahner" aussah. (O- Handel und Verkehr. * Zu Wcltpostkarten mit Antwort werden vom 15. Juli ab besondere Formulare eingeführt, welche mit je 2 Frankostempeln zu 10 versehen sind. Postkarten mit Antwort können bekanntlich vorläufig nach folgenden Ländern des Weltpostvereins benutzt werden- Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Portugal, Rumänien, Schweiz, Spanien, Argentina. Das nahe gelegene Oesterreich hat sich bis jetzt auffallender Weise zu dieser Verkehrserleichterung noch nicht entschließen können. Frankfurt, 2. Juli. (Marktbericht.s Butter im Großen 1. Qual. «X0,90, 2. Qual. 80 H das Pfd. im Detail 1. Qual.