Preis vierteljährlich 36 ft. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 51 fr. Gießener Anzeiger. Erscheint wöchentlich dreimal: Dienstags, Donnerstags und Samstags. — Expedition: Lanzleiberg Lit. B. Nr. 1. Anzeige- und Amtsistait für den Kreis Kietzen. dkr. 21 Dienstag dm 18. Februar 1868, Amtliche Bekanntmachungen. Betreffend: Die durch Beitreibung der Gcmeindegclder im 4. Quartal 1867 entstandenen Kosten. am 41 /a 571/2-58V2 49-51 50-52 54-56 Gesellschaft „Einigkeit." Sonntag den 23. Februar: Großer Maskenball im LeiMen Saale. Anfang halb 8 Uhr. Eintrittskarten sind bei Herrn Wagner (Keller'sche Buchdruckerei), sowie Abends an der Kasse zu haben. Der Vorstand ^Angekündigter Vortrag: , lieber die Organisation der Thiere" Sberhesslsche Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. Mittwoch -en 19. Februar (statt der 969) Sitzung: Mittwoch -en 19. Fevruar sstan oer am 12. Februar ausgefallenen Sitzung). Abends 6 Uhr in Nr. 9 Ducaten . . 5 37-39 20 Frankens!. 9 30-31 Engi. Souver. 11 54-58 Ituss. Imper. 9 50-52 Doll, in Gold 2 27-28 Pr. Cass. Sch. 1 Div. Caas.-A. Pr. Friedrdor. 9 Pistolen . . 9 „ doppelte 9 Holl. fi. 10 St. 9 8 !Aus»erlaiis! Feine Mults m Ballkleidern, sehr billig, bei Georü-er Heß, Kreuz Vermischte Anzeigen 971) Ein junger hübscher Enterich wird zu kaufen gesucht Reichensand Lit. C- Nr. 121. 980) Strohhüte werden zum Waschen und Färben angenommen und erhalten dieselben die neueste Fa?on. Louise Schneider, Neuenweg B- 130- 965) Ein relativ Tauglicher sucht einen Aehnlichen durch Nummertausch zu vertreten. Näheres bei der Expcd. d. Bltts.________ 966) Nr. 178 hat die Tischdecke gewonnen. Vogel, Polizeidicner- Prioritäten. 5°/q östr. F. St. E. B. 257 . Ludwigsh.-Bexbach 1571/2 . Maxbahn 1071/4 Bayer. Ostbahn 1193/s Hess. Ludwigsbahn 1305/s 3% östr. Stsb.-Prior. 53 3% östr. s. Lombard. 427/s 30/g Livorneser 28 Toscaner 407/, Franko Hypoth.-Bank — Franks. Vereins-Kasse — 5% Elisabeth-Prior. 75 do. II. Emiss. 73 Anleliensloose. Kurh. 40 Thlr. Loose 541/g Nassau fl. 25 b.Roth. — Gr. Hess. fl. 50 b. R. 1441/2 Gr. Hess. fl. 25 b. R. 42% 40/o bayr. Präm. Anl. 100 4°/o badische Loose 983/4 Badische fl. '35 Loose 511 /< 1858r Prioritätsloose 131J/2 1860r Loose 71 !/s Amer. 6% 1882r Bds. 76*/s » 6°/o 1885r 75 Actien, Frankl. Bank 126 Oester. Bank 716 „ Creditact. 189l/j Darmst., Bankact. 220 ___ 970) Unserem alten „Aermelleibcheiff nachträglich zu seinem 30. Geburtstage ein d0nnerndes Hoch!__K 8. 967) Nr- 51 hat die Stramin-Pantoffeln gewonnen. Vogel, Polizeidiener. 939) Ein freundliches, möblirtes Zimmer ist am Canzleiberg Lit- B. Nr. 67 billig zu vermiethcn.___ 941) Im „Russischen Hoff sind La- gerräume zu vermiethen.__ 942) Zwei möblirte Zimmer sind zu ver^ miethen bei Wernhard Brück, ________________________Flügelsgasse. 945) Mein in der Marktstraße gelegenes elterliches Wohnhaus, Lit- D. Nr. 211, ist im Ganzen zu vermiethen; auch bin ich Willens, wenn sich Liebhaber dazu finden, dasselbe aus freier Hand zü verkaufen. Fritz Möhl, Metzger. 944) Im „Russischen Hoff sind meh- rere möblirte Zimmer zu vermiethen. Börseiinachrichten. 14. Februar 1868. Preuss. 4!/2%' Obi. — Franks. 3V2% Obi. 81Vs Nass. 41/2% Obi. 943/4 Kurh. 40/0 Obi. 893/4 Hess. 40/0 Obi. b. Roths. 90 Vs „ 3>/r°/o do. do. 833/4 Bayer.' 5% Obi. 1015/s „ 41/2% 1jährige — - „ 41/2% Vaiäbrige 94i/ä Würtemb. 41/2% Öbl. 94Vs Baden 4*/2% Obi. c. E.L. 94 Vs* Oestr. 5% b. R. 627/s 974) Prima Bamberger Zwetfchen, pr. Pfd-9 kr., bei Ernst Hermes. 963) Die Jahrgänge 1855, 1856, 1858, 1859,1863,1864 und 1865 der Gartenlaube, welche sich noch in sehr gutem Zustande befinden, sind zu verkaufen. Zu erfragen m dem hiesigen Gymnasium.____ 947) 5 bis 6 Wagen Mist sind äußerst billig abzugcben. Näheres bei der Exped- d. Bltts.________ 958) Drei neue 12ohmige Lagerfaß aus ungarischem Holz sind preiswürdig zu verkaufen Näheres hei der Exped. d. Bltts- 981) Der dritte Stock meines Hauses ist zu vermiethen und kann eventuell schon zu Ostern bezogen werden. ________________Professor L>r. Lange. 955) Eine Stube mit Bett ist zu vermiethen bei _ ________A. Velde, Kirchenplatz Nr. 23. 938) Ein steundliches, möblirtes Zimmer mit Cabinct in einer Gartenwohnung ist zu vermiethen und sogleich zu beziehen. Näheres bei der Exped- d. Bltts. “ ifeehsel. Amsterd. k. 8. 1OO3/§ Augsb. k. S. 993/4 Berlin k. S. 105 Bremen k. 8. 973/4 Cöln k. 8. 105 Hamburg k. 8. 88Vs Leipzig k. 8. 105 London k. 8. 1195/s Lyon k. S. --- Paris k. 8. 95 Wien k. 8. 101 Vs Disconto 3% G. Geldsorten. Feuilleton. Vetter und Base. Eine Familiengeschichte. (Fortsetzung.) , „Ach nein, Vetter! ich bitte Sie, lassen Sie es nicht so weit kommen/ flehte Pauline mit Thränen in den Augen; „ich weiß und begreife zwar nicht, was Sie mit ihr vorhaben, aber Iva iss nicht schlimm — sie ist von Haus aus gut, nur verzogen und verwöhnt. Ersparen Sie ihr den Schmerz, lieber Vetter, und die Beschämung, welche Sie ihr zugedacht haben, wenn ich Sie recht verstehe. Ach, wenn Sie wüßten, Vetter, wie wehe Beschämung und Demüthigung thut! und nun erst einem Wesen, wie Ida, das lebenslang nie gewußt hat, was Leid und Leiden ist! Bedenken Sie doch, daß solch ein verwöhntes Kind dem schweren Schlage erliegen könnte!" „Wie? und das sagen Sie mir, Pauline?" fragte der Buchhalter ver- wundert. „Ja, Vetter, das sage ich, weil ich erfahren habe, wie bitter Schmach und Demüthigung schmerzen! Ich bitte Sie inständig, schonen Sie Ida!" „Hat sie es je um Dich verdient, armes Kind?" fragte der Buchhalter; „war sie je besser gegen Dich als Henriette? ‘ „O ja, gewiß, sie ist freundlicher gegen mich und wäre.es wohl noch mehr gewesen, wenn sie gedurft hätte," rief Pauline; „aber hievon handelt es sich ja gar nicht. Sie sollen nur Iva nicht wehe thun!" Der Buchhalter betrachtete stumm unv mit aufrichtiger Rührung Vas weinende Mädchen, Vas seine Blicke so andächtig flehend auf ihn richtete; dann ergriff er ihre Hand und sagte: „Liebes Büschen, sein Sie ruhig: ich verspreche Ihnen, so schonend wie möglich mit Iva zu verfahren, wenn Sie mir geloben wollen, mich von allem gewissenhaft zu unterrichten, was Sie bezüglich Jva'ö und des Italieners wahrnehmen oder auch nur zu bemerken glauben. Aber Sie wissen ja selbst, daß auch der zärtlichste Vater und mildeste Lehrer dem Kind nicht die Ruthe ersparen kann, wenn es nicht hört. Just so ist auch der Schmerz die Ruthe der Züchtigung in der Schule veS Lebens, und was ich auch thun mag, geschieht nur immer zum Besten Jva's und zu ihrer Rettung!" Unv plötz- lid) einen andern Ton anschlagend setzte er jovial und beinahe leichtfertig hinzu: „Sehen Sie, liebes Väschen, in der Welt macht man gar oft die Erfahrung, daß der sittliche Abscheu ver Menschen vor irgend einem Schritte nur ven Personen unv nicht der Sache selber gilt. Und wenn daher Damiani wirklich ein reicher Graf und ein Mann von Ehre wäre, so würden wir beide vielleicht die allfällige Entführung mit milderen Augen ansehen I" ,Glauben Sie?" versetzte Pauline und riß ihre großen schönen Augen weit auf; „wie Sie darüber denken, der Sie in der Welt gelebt haben, weiß ich freilich nicht, noch will ich es wissen. Allein was mich aniangt/ setzte sie mit einem ergreifenden aufrichtigen Ernst hinzu, „so kann ich Sie nur versichern, daß ich Jda's Schritt für nicht minder unrecht, unsittlich, unweiblich und gegen Gottes Gebot und menschliche Ordnung verstoßend halten würde, wenn ihr Entführer ein Prinz, als wenn er ein Abenteurer wäre!" . x „Bah, Pauline! es bedingt doch einen Unterschied, ob aus einer solchen Verbindung Glück over Unglück für ein Mävchen zu entspringen droht," sagte der Buchhalter. „Und gesetzten Falls, ein reicher junger Mann, ver sie liebte unv von Ihnen wieder geliebt würde, hätte — aus irgend welchem beliebigen Grunve — keine andere Wahl, Ihre Hand zu erringen, als eine Entführung, so würden Sie am Ende doch sich von ihm zu einer solchen bewegen lassen r „Nein, nun und nimmermehr, Vetter," erwiederte Pauline sanft aber bestimmt; „ich würde nie ein weltliches Glück, und wenn es auch noch so glänzend wäre, mit einem Verstoß gegen mein Gewissen erkaufen; ich würde nie meinen Seelenfrieden verkaufen — weder um Liebe und Treue, noch um Geld und Glanz. Ich würve eher entsagen, als mich und meinen — Freund entwürdigen. Und dabei schaute sie ihm so ruhig, offen und fest in's Gesicht, daß er wohl fühlte, diese Worte kommen aus tiefster Seele, und seien kein bloßer leerer Schall. „Wirklich, Väschen? ist dicß ihr völliger Ernst?" rief er. „Mein völligster." „ v „Pauline, Sie sind — ein Goldmädchen!" rief er, druckte ihr mit Warme die Hanv, und warv dann plötzlich schweigsam und gedankenvoll. Und als er ans diesem Sinnen wieder erwachte, sprach er von etwas Anderm; aber von diesem Augenblicke an begegnete er ihr mit sichtlich erhöhter Achtung. 11. Noch am selben Abend war der Buchhalter im Saale des Hütens zum Falken zu scheu, wo er von von einem einsamen Nebentischchen aus das Treiben ver „golveneu Jugend" von Stockshcim, der jungen Fabrikantensöhne und angehenden oder embryonischen Commerzienräthe, beobachtete. Es war ein zügelloses Genußleben, Vas in diesem Kreise herrschte, ein raffinirter Luxus in Speise unv Trank, ein ewiges Knallen von Champagnerkorken, und ein Ton der Unterhaltung, welcher dieser Lebensweise entsprach. Damiani war in diesem Kreise der Mittelpunkt ; seine Anekdoten waren die zweideutigsten oder schlüpfrigsten, sein Ton der übermüthigste, seine Laune die unversiegbarste. Die Anderen staunten ihn an unv versuchten umsonst es ihm gleich zu thun; aber sie standen an Anmuth der Ma- Nieren wie an Glätte der Welterfahrung unter ihm. Der sehr weit vorgerückte Abend und die Menge der geleerten Clicquot-Flaschen thatm seiner unverwüstlichen Heiterkeit keinen- Eintrag. Jetzt bestürmten ihn seine Zechbruder, er solle singen. Einer schlug vas Piano auf, welches im Speisesaale stand; ein Zweiter begehrte vas Trinklied aus Robert, ein Dritter schlug das aus Zarnpa vor. Nach einigem Bitten setzte sich Damiani an's Piano unv sang beide mit Warme, mit Leivenschast und mit guter Schule, «eine Stimme war nicht mehr frisch und voll, das Falsett war schwach und dünn, aber sie mußte einst ein schöner Bariton gewesen sein. Sein Gesang war ganz vramatisch, tadellos rn Schule, Ausdruck und Phrasirung, und erntete stürmischen Beifall. Das Trinklied aus Robert mußte er wiederholen, und die Zuhörer fielen ein: „Hast ja gesagt, das Gold ist nur Chimäre!" — Und „Würfel her! spielen wir! machen wir ein kleines Spiel!" tönte es durch den Saal, unv im Nu blinkten Haufen Gold unv Silber auf dem weißen Tischtuch, die Würfel klapperten im Becher, und Damiani hielt die Bank. Ziemlich entfernt an einen der eisernen Pfeiler des Saales gelehnt, verfolgte der Buchhalter schüchtern und ohne Aufsehen den Gang des Spiels. In seinem Innern ging etwas vor, was er mit Mühe va drinnen verborgen hielt. Bei den ersten Strophen von Damiani's Gesang war er jählings aufgestanden, und hatte sich so gestellt, baß er dem Sänger in's Gesicht sehen konnte; und nun verwandte er'keine Sekunde lang vas ernste forschende Auge von ihm, und auf seinen Zügen lag etwas wie lauernde Erwartung. Dann glättete sich sein Antlitz, und er kehrte leise auf seinen Platz zurück, blickte in sein Glas und schlürfie bedächtig in langen Zügen dessen Inhalt, bis das Spiel begann, wo er sich auf's neue so stellte, daß ihm keine Falte in dem voll beleuchteten Gesicht des Italieners entgehen konnte. Und als er dann endlich genug von^ihm gesehen haben mochte, zahlte er seine Zeche, und ging fast unbemerkt aus dem Saal. „Dieser Mensch ist gefährlich," murmelte der Buchhalter vor sich hin; „aber ich wage es dennoch mit ihm. Er soll sein Ziel nicht erreichen." Am andern Tage beschied der Buchhalter den Brigadier der Gensd'armerie zu sich und hatte eine lange Unterredung mit ihm, welche den angeblichen Grasen Damiani betraf, dann suchte er den Postmeister auf und flog auch mit diesem ein sehr vertrautes unv angelegentliches Gespräch unter dem Siegel der größsten Verschwiegenheit. Die Folge davon war, daß Damiani noch am selben Abend erfuhr, Vie Polizei sei auf ihn aufmerksam gemacht, was ihn sichtlich nicht behaglich stimmte. Zwei Tage später saß der Buchhalter auf seinem Reitstuhl im Comptoir, als ihm noch früh am Nachmittag ein Knabe ein Billet überbrachte, welches nur die Worte enthielt: „Heute Abend um sechs Uhr, wenn die T. mit H. in's Theater geht, soll die Entf. stattfinden." P. Der Buchhalter hatte Kaltblütigkeit genug, dem Jungen ruhig sagen zu können: „Schon gut; ich werde kommen! — Ein Besuch von einem Freund, Onkel, der auf der Durchreise Stocksheim berührt unv mich in seinen Gasthof einlädt," sagte er dann entschuldigend zu seinem Oheim, nahm Hut und Ueberrock und ging. Sein erster Gang galt dem Brigadier, der zweite dem Postmeister, um in aller Stille Pferde zu bestellen, dann eilte er nach dem Landhause und sprach Paulincn ohne Zeugen, ging dann auf sein Zimmer und schloß sich daselbst ein. Pauline wankte umher wie ein Schatten, obschon sie dem Buchhalter gelobt hatte, gefaßt zu sein unv sich nichts merken zu lassen. Als Ver Wagen vorfuhr, welcher Vie Commerzienräthin unv ihre Tochter in's Theater bringen sollte, war sie Zeuge davon, wie Ida sich lautweinenv an der Mutter Busen warf, unv wie viese sie zu beruhigen suchte. Dann ging Vie bethörte Mutter, zufrieven vamit, dafür gesorgt zu haben, daß ihre Tochter nicht mit Damiani allein reiste, sondern ein Mädchen mitnahm, das schon seit Jahren im Hause diente. Kaum war der Wagen weggefahren, so huschte eine dunkle Gestalt in einem Mantel in den Gartensalon, jedoch nicht unbemerkt, Denn in Dem anstoßenDen Wintergarten lauerte schon sein Doppelgänger. Iva kam mit ihrem MäDchen, beiDe bebend wie Espenlaub. Damiani suchte seine Geliebte zu beruhigen, und schleppte sie beinahe mit sich fort durch Den dunklen Garten unv Park an eine Hinter- thüre, Die auf einen Feldweg mündete. Hier stand ein Diener in Livroe und wartete auf Die Flüchtigen, nahm Den kleinen Koffer in Empfang, welchen das Mädchen trug, und schritt Den Drei Personen durch Den dunklen nebeligen Abenc voran. Noch waren sie nicht zehn Schritte entfernt, so kletterte Der Buchhalter so behend als es sein Mantel erlaubte, über das Pförtchen, Das Damiani hinter sich verschlossen hatte und im selben Augenblick trat auch eine hohe dunkle Gestalt aus dem Schatten Der Hecke unD bot Dem Buchhalter hülfreiche HanD. „Sputen Sie sich, Herr BalDer, und laufen Sie im Schatten Der Hecke bis zu dem Wagen. Ich habe Alles abgemacht. Der Spitzbube fährt nicht mit Extrapost, sondern mit der Equipage des jungen Dönning, der seiber kutschirt. Ich habe den Lakai durch Versprechungen unD Drohungen gewonnen, daß er Ihnen Den Hintersitz überläßt, sobalD Der Wagen sich in Bewegung setzt. Dönning führt die Leutchen nur bis zur nächsten Poststation, hernach soll Extrapost genommen werden. Aber so gut seine Mecklenburger auch laufen mögen, so will ich doch noch vor ihm Dort sein. So, jetzt nur fort! unser Wagen steht im Hofe der untern Mühle." _ Der Buchhalter lief wie ein Fuchs im Schatten der Hecke die Anhöhe hinunter bis in den Hohlweg, wo Dönning's Wagen stand. Die Frauenzimmer und Damiani waren schon eingestiegen; der Besitzer des Wagens im Pelzroö saß auf Dem Bock, der Diener zündete Vie Laterne eben an. Balver drückte sich hinter den Wagen, und im Augenblick, wo Ver Lakai beiseite trat, um Den Wagen vorüber zu lassen, schwang er sich auf den Reitsitz hinten und riß dem Lakai den gallonirten Hut ab, Der Dann rasch hinterher lief, sich seines Ueberrocks entledigte und ihn seinem Ersatzmann überlieferte. Der Buchhalter verwandelte sich in den Lakaien, und bog sich Dann so weit vorwärts, um in den Wagen hereinzusehen, soweit es das dürftige Licht der beiden Laternen erlaubte. So fuhr Der Wagen Durch Die kühle, stille, nebelige Nacht. Die fünf Viertelstunden nach der nächsten Poststation vünkten alle, die in unv auf diesem Wagen fuhren, eine halbe Ewigkeit. Glücklicherweise kam kein Fuhrwerk irgenv welcher Art hinter ihnen her, sondern sie durften sich alle einer gewissen Sorglosigkeit in Betreff der Verfolgung hingeben, und nur in Der letzten Viertelstunde Der Fahrt bemerkte Herr BalDer von seinem hohen Sitze aus einen Wagen, Der ihnen in einiger Entfernung voranfuhr. Es war die Extrapostchaise, worin Der Brigadier mit einem Gensd'armen fuhr; dieser hatte auf Seitenwegen abfeit der Landstraße einen Vorsprung von einigen Minuten gewonnen. Jetzt bog man in den Flecken ein, an dessen jenseitigem Ende das Posthaus lag. Des Buchhalters festgeschlossene Lippen und gerunzelte Stirn verkündeten (inen unerschütterlichen Entschluß unv eine eiserne Willensfestigkeit. Der Wagen hielt unD er schwang sich herab, um Den Schlag zu öffnen; da nahm ihm jemand den Hut vom Kopfe — es war Der Lakai, Der mit Dem Brigadier vorangefahren war. Er hob Damiani und Die Damen aus Dem Wagen, und führte sie zu einer Extrapostchaise, die schon vor dem Posthause reisefertig hielt. Damiani kutzte, aber in Dem Glauben, fein Freund Dönning habe dieß angeordnet, gab er Den ursprünglichen Plan auf, sich mit feiner Geliebten auf eine Viertelstunde ein Zimmer geben zu lassen, und hob Iva in den Wagen; ihr MäDchen und er folgten, und aus dem Schlage der Postchaise heraus nahmen Damiani unD ein FreunD noch einen zärtlichen Abschied. „Nun fort, und alles Glück auf Den Weg!" flüsterte Dönning; „wo ist Der Postillon?" „Hier," rief Der Brigadier unD trat hinter einem Holzstoße hervor; „Diesmal fahre ich, Herr Dönning, aber nur nach Hause. Sie ftnD verhaftet, Herr Dönning, — irn Namen des Gesetzes! GensD'arm Fester, führen Sie den Herrn in das Posthaus!“ Damiani hatte aus dem Schlage springen wollen, aber an der einen Seite des Wagens tauchte Die Pickelhaube eines GensD'armen, an Der anDern des Buchhalters bärtiger Kopf auf, dessen Fäuste sich wie eiserne Bänder um Den Hals unD Das rechte HanDgelenk des Italieners legten. „Lichter her!" rief Der BrigaDier, unD im Nu war Der Posthof hell von Lichtern unD Laternen unD gefüllt mit einem Dutzend handfester Männer. „Was hat der Herr mit Den beiden Frauensleuten da Drinnen vor?" fragte Der Brigadier unD leuchtete in Den Wagen hinein; „Der Herr ist verhaftet als einer, Der seinen Gläubigern heimlich entwischen wollte." „UnD als Der Entführung einer jungen Dame überwiesen, Die noch nicht volljährig ist, — zwölf Jahre Zuchthaus," setzte Der Buchhalter hinzu. Damiani's Fassung kehrte toieDer. „Wohlan," sagte er in feinem gebrochenen Deutsch, „bringen Sie mich nach Stocksheim zurück unD stellen Sie mich vor Gericht. Ich roerDe Dann Den Namen Der Dame laut genug bezeichnen, Damit sie mir bezeuge, es sei ihr freier Wille gewesen, mit mir zu gehen!" „Davon reDen wir hernach Dort Drinnen zwischen Thür und Angel, Signor Alberto Manei," ertoicDerte ihm BalDer. „Ihr Spiel ist für Diesmal verDorben." Ida hatte sich mit einem lauten Schrei an Den Geliebten angeklammert, als ihn Der BrigaDier abführen wollte; aber Damiani schien in Diesem Augenblick gar nicht zärtlich gestimmt, sonDern ganz mit sich selbst beschäftigt zu sein, unD ließ Den Buchhalter gewähren, Der Ida sanft am Arme ergriff unD ihr zu- flüsterte: „Kommen Sie, Cousine! überlassen Sie Viesen Menschen seinem Schicksal, unv entwürvigen Sie sich nicht vurch einen Act unzeitiger Großmuth. Dort Drinnen werDen Sie erfahren, welch eine schreckliche Gefahr Ihnen geDroht hat, Die wir mit Gottes Hülfe noch glücklich abgewanDt haben!" WiderstrebenD ließ Die tief erschütterte weinenDe Iva sich von Dem Buchhalter in's Haus führen, wohin ihnen Der BrigaDier unD Die Gensv'armen mit ihrem Verhafteten vorangegangen waren. (Fortsetzung folgt.) Die deutsche Seemannsschule auf der Elbinsel Steinmarder bei Hamburg. Die Nothwendigkeit, die für unsere deutsche Jugend fetzt so beliebte und vortheilhafte See- mannölaufbahn in jugendlichem Alter zu beginnen, war bisher ein großer Uebelstand, weil die unvorbereitet den Seedienst antretenden jungen Leute in der Regel nur sehr mangelhafte, wenigstens mangelhafte fachliche Schulbildung mit aufs Schiff brachten und das praktische Leben, die Neuheit der Verhältnisse ganz und gar ihre Aufmerksamkeit beanspruchten, so daß für die Theorie weder Zeit noch Gelegenheit, noch Anleitung blieb. Ein anderer Nebelstand für die ,ee- unqewohnten jungen Leute, sogenannte „Landkrabben-- war, daß sie häufig m Folge der durch ihre seemännische Unbeholfenheit hervorgerufenen derben Behandlung ihrer Vorgesetzten ihren mit so vielem Eifer ergriffenen schönen Seemannsberuf bald wieder aufgaben und dadurch Zeit und Geld, ja nicht selten durch den längeren müssigen Aufenthalt in der großen Hafenstadt zur Erlangung einer Stelle auf einem Seeschiff, sogar ihre Gesundheit einbüßten. Diesen und anderen Uebelftänden für unsere seeluslige deutsche Jugend ist durch das oben genannte Institut abgeholfen, welches vor 5 Jahren von zwei Capitänen und Offizieren der weiland deutschen Kriegsmarine, der Herren Schuirmann und Thaulow mit Hülse patriotischer Hamburger Schiffsrheder zu dem Zweck in'd Leben gerufen wurde, 13—15jährige seelustige Knaben theoretisch und prattisch für das Seefach vorzubereiten, nach beendetem zweijährigen Emstus aus einem Seeschiff unterzubringen und somit in ihre Laufbahn gut einzuführen. — Daß der Anstalt dieß in erfreulichster Weise gelungen ist, geht zur Genüge daraus hervor, dap dieselbe wahrend ihres 5jährigen Bestehens schon 175 Zöglinge (fast alle Söhne guter Familien aus allen Gauen Deutschlands) aufgenommen und 140 vorbereitet und untergebracht hat. Die Letzteren befahren die entferntesten Meere, sind mit wenigen Ansnahmcn bis jetzt sehr glücklich gewesen und werden von ihren Capitänen wegen ihrer Tüchtigkeit nnd Zuverlässigkeit besonders gelobt. — Neben der bisherigen Ausbildung junger Lente für die Handelsmarine wird die See- maunsschule mit dem 1. April d. S. in Verbindung mit der polytechnischen Schule in Hamburg auch solchen jungen Leuten, die sich für die Kriegsmarine bestimmen, Gelegenheit geben sich auf die Kriegsmarine vorzilbereiten, so daß demnach die deutsche Seemannsschule mit Recht als eine Pflanzschule unserer Handels- und Kriegsmarine betrachtet werden darf. In Würdigung dieser Thatsachen bewilligte der Nationlverein vor 2 Jahren und wiederum im vorigen Jahre (kurz vor seiner Auflösung) dem gemeinnützigen nationalen Institut namhafte Beihülfen aus den Flottenfondszinsen, was unzweifelhaft den nngetheilten Beifall der patriotischen Geber sener Gelder gewonnen haben wird. _ Den Eltern aber im Binnenlande, deren Söhne sich für das Seefach bcstimmen^, kann nur dringend gerathen werden, schon früh auf eine gute Realschulbildung statt der im ^nlande üblichen klassischen Vorbildung der Knaben Bedacht zu nehmen und dieselben wenn möglich vor dem M5. Lebensjahre der deutschen Seemannsschule zur seemännischen Vorbereitung zu übergeben. Das daheim gelernte Griechisch und Latein werfen die Seemannsschüler gleich als unnützen Ballast über Bord, während sie in der Regel mit den vernachlässigten Studien der für den gebildeten Seemann unentbehrlichen Mathematik und neueren Sprachen (besonders Englisch) in der Seemannsschule mühselig von vornen wieder beginnen müssen. — ________ ((fine Mllsteranzeige.) Agenten, denen es Schwierigkeiten machen sollte, ihr Geschäft durch die Affeeuranz oder diese durch das Geschäft zu empfehlen, verweisen wir auf den Raty des Herrn Sam. Dau. Bruch in Saarbrücken, der in dortigen Blättern Folgendes bekannt macht. Feinstes, ächtes Eau de Cologne wird in Vi und Vz Flaschen, bei mir gekauft, gerade, fo al direct von Cöln bezogen, sich calcnliren. Ich bitte den geehrten Theil beS Pudli diesem meinem Depot geneigt seine Erinnerung schenken und ihm gefällige Entbietungen in beim Champagner der Firma Bruch-Foucher & Co. gönnen zu wollen. Auch 0utc ’f; !fc .-V unter der so beliebte Pekoe-Congo, halte ich, ohne die Waare auSznstellen, feil, nu Iw- Wasser in einem ganz von der Wagenschmiere abgesonderten Raume, von weiche wy, zur Bequemlichkeit der kleinen Fuhrleute ein halbes Pfund ii 3 Sgr. ablaste u , 'V; " zugabe das Pfund auf 6 Sgr. erhöhe. Wer wegen der Ungewißheit dee--eben$ $ . l Inskription der „Concordia" nehmen will, kann bei gesundem Körper und nuch t. ? ! um auf Tödesfall den ©einigen ein Capital zu garantiren, ju einet : feljrbi1 gen‘ f dieser Gesellschaft ankommen, auf welche Lebens-Versichenmgs-.lnstalt ich so J fr - meister sowohl, wie Beamte und Lehrer besonders aufmerksam mache, d 1 . I , sich beiheiligen können und die Familie für den möglichen Tod des Ernährers dann Etwas habe ganz abgesehen von den epidemischen Krankheiten, d" nächstes Fruhzahr nach dem in den östlichen Provinzen eristirenden Typhus anderwärts nicht ausbleiben und leichter da sich einstellen konnten wo nre flüssige Odeurs zur Mischung der Zimmerluft augewedek werden. Prämie der Feuer-Affecuranz wird ebenfalls ordentlichen Leuten ungemein nieder bei mir gestellt Diese und hauptsächlich jene Ver- sicherung empfehle ich angelegentlichst. Saml. Dl. Bruch. Politische Nun - sch o u Darmstadt, 13. Febr. Der von ter großh. Regierung den Ständen vorgelegte Entwurf eines Einkomminsteuergesetzes enthält im Wesentlichen folgende Normen: Dieser ©teuer fine alle Inländer beiderlei Geschlechtes, welche selbstständig ein jährliches Einkommen von wenigstens 800 st. beziehen und im Großherzogthum wohnende Ausländer, welche daselbst eine mit Erwerb verbundene Beschäftigung ausüben, unterworfen. Das Einkommen aus im AuSlanve bclegencm Grundeigenthuin bleibt außer Betracht. Inländer, welche im Ausland wohnen, versteuern nur dasjenige Einkommen, welches sie aus dem Großherzogthum beziehen. Außerdem sind Ausländer , welche im Großherzogthum Grundeigenthuin, oder daselbst gewerbliche oder HankelSanlagen besitzen, oder Theilnehmer an solchen sink, zur Entrichtung rer fraglichen Steuer für ihr Einkommen aus kiesen Quellen verpflichtet wenn kaffelbe int Ganzen wenigstens 800 fl. beträgt. Die Einschätzung jedes Steuerpflichtigen in eine oer 30 Klassen geschieht nach Maßgabe des Gesammtcinkommens, welches ihm aus Grunkeigenthum, Kapitalvermögen oder aus Besoldungen und Pensionen, aus Pachtungen, Gewerben unk Handel oder sonst aus dem Ertrag irgend einer gewinnbringenden Thätigkeit zufließt. Das Steuercapital jeder Classe b.steht in zehn Procent von der unteren Gränze des betreffenden Classeneinkontmens, so daß z. B. einem Einkommen von 800 bis 1000 fl. (6. Classe) ein Steuercapital von 80 fl., einem Einkommen von 3000 bis 3500 fl. (10. Classe) ein Steuercapital von 300 fl., von 10,000 bis 12,000 fl. (18. Classe) ein Steuercapital von 1000 fl., einem Einkommen von 100,000 fl. unk darüber (30. Classe) ein Steuercapital von 10,000 fl. entspricht. An dem Steuercapital der Classe, zu welcher der Pflichtige eingeschätzt ist, kommt, wenn derselbe personalsteuerpflichtig ist, fein Personal- steuercapital in Abzug. Bei der Schätzung des Einkommens der Pflichtigen ist alles Einkommen, kessen Betrag nicht firirt ist, nach feinem wahrscheinlichen Ertrag anzuschlagen und dabei der Durchschnitt des Ertrags der letzten drei Jahre zu Grunde zu legen, sofern das betreffende Einkommen schon drei Jabrc fließt. Die von dein Pflichtigen zum Erwerb und zur Erhaltung seines Einkommens zu bestreitenden Auslagen kommen bei der Einkommensberechnnng in Abzug. Außerdem werden bei der Feststellung des steuerbaren Einkommens auch die Zinsen erweislicher Schulden, sonstige auf Rechtsverbindlichkeiten beruhende, das Einkommen schmälernde Lasten unk die von den Pflichtigen zu zahlenden Grund- und Gewerbesteuern in Abzug gebracht. Für den Unterhalt des Pflichtigen findet dagegen keinerlei Abzug statt. Verwendungen zu Meliorationen, Geschäftserweiterungen, Capitalan- lagen oder Abtragungen dürfen ebenfalls nicht in Abzug gebracht werden. Für jedes Stenercommis- sariat wird in der Rege! unter dem Vorsitz des Steuerconimissärs des Bezirks eine Einschätzungs- cornmission aus Einkommensteuerpflichtigen durch den Bezirksrath gebildet und sind alle Gemeinvevorstände, Verwaltungs- und Finanzbehörden verpflichtet, den bezeichneten Commissionen jede gewünscht werdende amtliche Auskunft über die Vermögensverhältnisse der Bezirksangehörigen zu geben. Die Einschätzungs- Commission kann, wenn sie dies für nöthig erachtet, Einsicht in die Verhandlungen der freiwilligen Gerichtsbarkeit und die Hypothekenbücher nehmen. Gegen die Beschlüsse der einzelnen Commissionen sinket Berufung an eine Landescoinmission statt. D e Mitglieder der Commissionen werden eidlich zur Geheimhaltung der bei dem Einschätzungs-Geschäft zu ihrer Kenntniß gekommenen Vermögensverhältnisse verpflichtet. Wissentliches Verschweigen eines Theils des Einkommens wird mit einer Strafe gleich dem vierfachen Jahresbetrag der Steuer, um welche der Staat verkürzt worden ist, bestraft. Mainz. Der Wahlaufruf der neulichen demokratischen Versammlung ist nunmehr erschienen. Darin wird zuerst die Aufgabe unk Zustänvigkeit rcs Zollparlaments bezeichnet, hervor.,ehoben, Vaß zum erstenmal kas Volk zur Mitwirkung bei der Feststellung einer nationalen • Zoll- unk Handels-Politik berufen sei, es müsse dieses im Sinne der Handels-unk Ver- kehrssreiheit geschehen. Es sei die Steigerung bc- stehenver und die Auflegung neuer Lasten zu befürchten, es müßten darum Männer gewählt werden, welche mit den Bedürfnissen kes Verkehrs- und Erwerbslebens vertraut feien, die ein Herz für Cie socialen Nothstänke und den ernsten Willen hätten, der Erhöhung der bestehenden und Einführung neuer Lasten entgegenzutreten. Das sei die Ausgabe des Zollparlaments, nicht aber eine politische. Die na- tionalliberalc Partei wolle bei Gelegenheit des Zollparlaments die Frage des unbedingten Anschlusses an den Rorkbund in den Vordergrund krängen, das stehe mit kein bestehenden Vertrag im Widerspruch, führe weder zur Freiheit noch zur Einigkeit. Man dürfe nicht zur Ausbildung des Militärstaates auf Jahre hinaus Mittel bewilligen und kann die Verwirklichung kes Rechtsstaates in Aussicht stellen, nicht fortmährend den Absolutismus kräftigen unv dann von den Machthabern das Geschenk freiheitlicher Zugeständnisse erwarten. Die demokratische Partei dagegen erstrebe fortwährend die Einigung aller deutschen Volksstämme und ernt Verfassung, welche das deutsche Volk in Wahrheit einige und seine ewigen unverjährbaren Grundrechte gewährleiste. Der Aufruf schließt: „Wir wollen die Ereignisse kes Jahres 1866, deren Tragweite wir nicht kennen, weder beklagen, noch in den Himmel erheben. Mit dem Norden bindet uns eine gemeinsame Militär-Verfassung, ein Schutz- und Trutzbündniß, ein Zoll und Handelsvertrag; das Post- und Telegraphenwesen ist an Preußen übergegangen. Eine gemeinschaftliche Vertretung kern Auslande gegenüber, die gegenseitige Freizügigkeit und freie Ausbildung der Berufsthä- tigkeit lassen sich auf dem Wege des Vertrages erreichen. — So lebhaft wir im rheinischen Grenzlande die Beseitigung des trostlosen Provisoriums unserer politschen Zustände wünschen, so wiverstrebt es unserer innigsten Ueberzeugung, daß durch Annahme der jetzigen norddeutschen Bundesverfassung die nationale Einigung gefördert werke. Wir rufen unsere Gesinnungsgenossen zur Wahl. Wählet Männer, deren Grundsätze und deren Verhalten Euch eine Gewähr geben für ihre Wirksamkeit, Männer, die, unbeirrt von augenblicklichen Machterfolgen, die Unabhängigkeit ihres Rechtsbcwußtscin, den Sinn für Wahrheit und Freiheit sich bewahrt haben, und den großen nationalen Gedanken nicht zu Grabe tragen wollen." Wir behalten uns vor an anderer Stelle auf das Schriftstück zurückzukommen, bemerken jedoch einstweilen, daß uns die Stelle: „Wir wollen die Ereignisse des Jahres 1866 weder beklagen, noch in den Himmel erheben" eines öffentlichen Partei-Aufrufs unwürdig erscheint, da es einem bestimmten Urtheil aus dem Wege geht und dafür eint nichtssagende Phrase setzt. Wenn die Annahme der nordd. Verfassung der innigsten Ueberzeugung jener Herren widerstrebt, müssen sie entweder ehrlich heraussagen, daß sie die Ereignisse, welche zu der jetzigen Lage geführt haben, verdammen, oder sie müssen wenigstens deutlich machen, was das für ein Standpunkt ist, der zwischen nicht beklagen und nicht in den Himmel erheben mitten inne steht. Berlin Wie der Telegraph uns als Gerücht überbringt, soll in Frankreich die Bildung eines parlamentarischen Ministeriums in Aussicht sein. Vorausgesetzt, daß dieses Gerücht auch nur einen Schein der Wahrheit an sich trüge, so wäre daran, außer dem Vorgehen Oesterreichs, wohl die Einsicht Schuld, die sich in kett Pariser Regierungskreisen Geltung verschafft, daß es so nicht mehr weiter gehen könne, solle nicht auf die eine oder die andere Weise der zu straff angespannte Bogen reißen. Ein Zeichen der Zeit ist jedenfalls das Aktenstück einer geheimen französischen Regierung, welches die „Kölnische Ztg." nach demRepublique" mittheilt und kas an Heftigkeit 6er Sprache alles bisher Dagewesene überbietet. Berlin, 13. Februar. Die Angelegenheit der hannöverischen Flüchtlige beginnt eine etwas unangenehme Wendung zu nehmen und der sanfte, unschuldige Charakter, welchen man den „Verfolgten" von einer Seite beizulegen versuchte, macht einem etwas rauheren Platz. ÄuS Basel bringe nämlich der Telegraph die Kunde, warum die schweizerischen Behörden das Treiben der Hannoveraner mit der Neutralität der Schweiz unverträglich sanden. Die Veranlassung der Ausweisung der Hannoveraner aus der Schweiz sei ein Telegramm des Hauptmanns Hartwig, eines der hannöverischen Osficiere gewesen, der an den Grafen Platen telegraphirt habe: „Eben Ordre erhalten, uns rasch nach Haute - sur - Marne zu begeben. Alles wird vorbereitet; bitten schleunigst um 100,010 Fr. Wechsel, Näheres brieflich." Von Berlin aus wirk kern Herrn v. Beust die Hartnäckig- feit der Flüchtlinge Schuld gegeben und die „Nordd. Allgem. Ztg." unk die „Kreuzzeitung", welche kiese Angelegenheit besprochen, heben dabei hervor, daß Oesterreich durch Ertheilung von Pässen an die Flüchtlinge die Pflichten eines befreundeten Staates verletzt habe. Die „Kreuzztg." versichert, der französische Minister Pinark habe den Straßburger Präfekten angewiesen, die hannöverischen Emigranten der französischen Protection zu vergewissern. „Die deutsche Presse," sagt die „Krzztg.", wird sich fragen müssen, zu welchem Zwecke die militärische Organisation jener Legion conservirt wird? Sie wird sich fragen müssen, welche Gründe Oesterrich haben kann, preußische Unterthemen massenhaft behuse ihrer lieber* siedelung nach Frankreich Pässe zu verleihen? Die Hannoveraner in Frankreich sind durch dieses Verfahren unter den Schutz des österreichischen Botschafters des Fürsten Metternich gestellt. Das sind unnatürliche Verhältnisse, auf deren Beseitigung der österreichische Reichskanzler bedacht sein muß." Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Politik des österreichischen Reichskanzlers als eine solche, die sich auf „einer gefahrvollen Bahn befinde". Berlin. Herr Krupp in Essen läßt eine zweite Riesenkanone anfertigen, welche die auf der Pariser Ausstellung angestaunte noch übertreffen soll, auch berichtet man von der Erfindung eines neuen Schießmaterials für Hinterlader, welches das bisher gebräuchliche Schießpulver vollkommen ersetzen soll. — Wenn doch nur Einer etwas erfinden wollte, womit man, ohne dem lieben Staatsschatz wehe zu thuu, die hungernden Ostpreußen satt kriegte! Dresden, 13. Februar. Eine Wiener Cvrre- spondenz des „Dresd. Jl." sagt: Der interconfessto- nelle Theil des Concordates fei unmöglich geworden, die katholische Kirche müsse im constitukionellen Oester- reich auf die Bevorzugung vor anderen Confessionen und auf Zwangsmittel in Akten des bürgerlichen Lebens verzichten. Eine Wiener Korrespondenz desselben Blattes bemerkt über die Concordatsfrage: Oesterreich habe in derselben die guten Dienste Frankreichs angerufen und Graf Sartiges sei bereits dem entsprechend inftruirt worden. Dieselbe Korrespondenz rühmt ferner das Entgegenkommen Preußens in den Zollverhandlungen und spricht die Erwartung aus, daß eine weitere Herabsetzung des Eisenzolles statt- finven werde. München. Es scheint, als ob es mit dem Leben des Königs Ludwig I. von Baiern zu Enke geht. Wie der „Etendard" auS Nizza von vorgestern Abend berichtet, war der König sehr leidend, koch sei es den Aerzten gestern Morgen gelungen, das Fortschreiten 6er Krankheit aufzuhalten un6 Hoffnung auf Heilung sei noch vorhanden. Wien. Der Ex - Diktator Polens , General Langiewicz, ist unermüdlich thätig, um die polnisch- türkische Legion für einen eventuellen Kampf gegen Rußland zu verstärken, unk scheint von der lieber* zeugnng durchdrungen, daß dieser Kampf nicht mehr lange werde auf sich warten lassen. In einem Schreiben an die Redactivn der „Turquie" sagt er: „Im Hinblick auf die nahende Krisis kenne ich für mich und für alle ankeren Polen keine ankere Pflicht, als zum Handeln bereit zu fein für den Moment, wo die Türkei angegriffen werken wird von ihren Feinden, die auch zugleich die Feinde Polens und der Civilisation sink." Florenz. Die Verbanklungen zwischen Frankreich unk Italien kürften zur Zeit wie folgt liegen. Frankreich wünscht Vie volle Wiederherstellung der Septemberconvention, nnv würde also, sobald dieselbe ausgesprochen worden, selbstverständlich seine jammt« lichen Truppen zurllckziehen und den Schutz des päpstlichen Gebietes abermals ausschließlich Italien überlassen. Jialien hat im Princip nichts einzuwenden, aber es erklärt sich außer Stanke, kiesen Schutz in wirksamer Weise zu gewähren, wenn ihm nicht d e eine ovcr Vie ankere „Grenzrectification" bewilligt unk Vas Besatzungsrecht in einzelnen „strategisch wichtigen" Plätzen des Kirchenstaates eingerdumt werde. Darüber wird jetzt sowohl von Frankreich mit Italien, als von Frankreich mit Rom, verhandelt. Rom. Die päpstl. Armee zählt jetzt 22,000 Mann; sie soll aber bald auf 25,000 gebracht werden. An den Befestigungen wird fortwährend gearbeitet, ebenso an den Vorbereitungen an einem Ausstand in Süditalien. Paris, 12. Februar. Die berühmte Druckerei kes Abbä Migne (er beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Nachvrucke der Werke der katholischen Schriftsteller unk der Kirchenväter, von welchen er ungefähr 500 Bände veröffentlicht hatte) ist heute Nacht abgebrannt. Das Feuer brach gegen halb zwei Uhr aus. Obgleich schnelle Hülfe vorhanden war, so brannte doch das ganze Atelier nieder. Ein Theil der Bibliothek kes Adbä, sein Mobiliar und seine Gemäldesammlung wurden gerettet, aber seine Clichäs — seine Sammlung war bedeutender als die der kaiserlichen Bibliothek — gingen zu Grunde Der Scha- den wird auf 6 Millionen geschätzt. Redaction, Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.