Miefstsche wöchentlich- gemtlmDge WW Mö Nachrichten Siebentes Stiiek. Dienstags 6en Uten Februar. 176g; Mit Hochfürstl. Hessen- Darmstädtischer gnädigsten Erlaubnis. Schreiben an einen jungen Herrn von Stande, in M. der sich nicht nach der neuesten Mode richten will. Mein liebmswSrdtzer Zreund! (AAüg ich Ihnen sagen, was man hier von Ihnen spricht? Man bemb het sich, Ihre Ehre anzugreifen, und zwar auf einer Seite, wo man sich einbildet, Sie am empfindlichsten zu beleidigen. Mao sagt, Sie wären ein ordentlicher Sonderling, Sie wären ein Mensch, der sich in keinem Stücke nach der neuesten Mode richten wollte. Ist er denn wahr, daß Sie immer noch so denken, immer noch so leben, als Sie vor zehn Jahren dachten und lebten? Sie sollten doch wissen daß sich ftic dieser Zeit die Mode sehr verändert hat. Damals war es noch keine gross Schande, als jetzo, auf gut deutsch zu leben. Damals glaubten noch viele, daß der Fleiß und die Rechtschaffenheit unter die Sitten und Vorrechte der Deutschen gehörte. Jetzo gilt diese deutsche Lebensart aüenfals nue noch unter dem Pöbel. Leute von Stande haben sich schon lange darüber hinausgesetzt, und haben es als die vernünftigste Meinung angenommen, daß man nach französischem Fuße, so wie es gegenwärtig in Paris die neueste Mode ist, denke», reden und handeln mW. CS kann Ihnen also gar G Nicht f® Mestsche wochmtlich- gemeittttZtzige Anzetzen Nicht unbegreißich Vorkommen, daß sich die deutsche pariser Welt über ihre unmodische Aufführung lustig macht. Man hat erfahren, daß Sie im Sommer schon des Morgens um fünf Uhr aufstehen und zu studieren anfangen, und daß sie sich im Winter nicht eher als um Mitternacht zu Wette legen. Sie sollten nur einmal hören, wie sehr man Sie darüber auslacht. Köpfe, die am besten frisittsind und Leute von der neuesten Mode, befürchten so gar, sie möchten sich noch öberstudrren. Die Nachmittagsstunden, die andre Leute von Ihrem Stande mit Spielen und mit Aufwartung bey galanten Damen hinbringen, wenden Sie bloö zum Bücherlesen, zu Visiten bey gesetzten und uneitlen Frauenzimmern oder zum vertrauten Umgänge mit Ihren Freunden und manchmal so gar mit Freunden von niedrigem Herkommen, an. Ich will Sie selbst urthei- len lassen, ob das nicht schnurstracks wider die Mode ist. Wo haben Sie jemals einen jungen Herrn aus einer so alten Familie, wie die Ihrige ist, Lesehen, der sich auf eine so bürgerliche Art mit den Studien abgegeben hätte, gerade, als wenn Sie gelehrt seyn müßten, um ein groser Mann in der Welt zu werden und in derselben eine beyfallswürdige ME Zu spielen - Wie? M Sie machen sich noch das Studieren zu einer Art von Vergnügen, Sie sehen das beständige Müßiggehen, daS tägliche Spielen, und jeden unnützen Zeitvertreib mit Kleinigkeiten nnd Tandeleyen noch immer für eine unerträgliche Arbeit an? O! das ist nun vollends ganz unerhört.' Nein, das hätte ich nimmermehr gedacht, daß Sie auch jetzt noch, da sich die Mode so sehr verändert hat, die Erler- rwngder Wissenschaften für unentbehrlich zu Ihrer wahren Glückseeliakeit vnd Ihrer höheren Bestimmung halten würden. Konnten Sie dann nicht ohne dieselbe eben so glücklich für ihre Person und eben so nützlich für ren Nächsten und eben so brauchbar für ihren Landesherrn werden? dann gerade nöthig, daß man sein Herz mit edlen Gesinnungen schmücken, und seinen Verstand mit mannigfaltigen nützlichen Erkenntnissen bereichern -muß, wenn man allenthalben gutes stiften und ein treuer und rechtschainer Bürger im Staate seyn will? Die Mode zählt dieses unter die büraerti- Oen Voruttheile, und Sre, Sie können sich nicht einmal überwinden, sich über dieses Vorurtherl hinauszusetzen? Wenn Sie noch Romanen Wu Ar und Ihre Zeit allenfalls über Liebesgeschichten zu brächten; dann würde Sre jedermann für emen belebten und artigen Menschen, für einen Men- fthenvon Belesenheit und der besten Erziehung paßiren lassen. Aber so keim Sieblos Schuften, dlezur Erweitere Ihm Einsichten, zur Bit- ??vv ' ' - z düng Ni- Nachrichten- ft düng IhttS Herzens und zur Verbesserung Ihres Geschmacks etwas bey- tragm können. L) wie bürgerlich ist das! ruft jedermann aus. Und denken Sie dann nicht an die Folgen Ihrer vernünftigen Lectüre? Ich mag mir die Mühe nicht nehmen, Ihnen einige von diesen unausbleiblichen Folgen zu nennen; ich würde Ihnen sonst sagen, daß Sie durch alle Ihre nützlichen Schriften in der Sprache der feinen Welt eben so unerfahren, als in der Sprache der Verliebten bleiben. Mein, wie sagen Sie, wenn Sie etwas loben oder bewundern sollen, wenn Sie zum Exempel einen wohlgewählten Frauenzimmerputz oder ein schönes Gesicht sehen? Nicht wahr? Da sagen Sie weiter nichts, alS: dieser Anzug ifi mk