Giesser MMN MH Zweites Stück. Dienstags den ro. Jarinuan i77f* Mit Hochfürsil. Hessen Darmstädtrschcr gnädigster Erlaubnrsi. Von den verblümte« ober uner'gentlrchett Redensarten. Ällenn man auf die Art zu reden genau Achtung giebt, der sich imge- ^23 meinen Leben sowohl Gelehrte als Ungelehrte zu bedienen pflegen, s- wird man finden, daß man in den wenigsten Fällen , die Worte und Redensarten im eigentlichen Verstände nimmt; oder daß man selten vollkommen also denkt, als man denken würde, wenn man mit derrWor- ten die Bedeutung verknüpfen wollte, die ihnen anfangs beygeleget worden Die Redner und Poeren sind die ersten, welche diese Art uneigentlich zu reden, ich will nicht sagen, erfunden, sondern in Schwung und Aufnehmen gebracht. Nur die Philosophen haben die eigentliche Bedeutung dee Worte beybehalten, daher der philosophische Vortrag nothwendig deutlicher, der oratorische und poetische aber dafür desto angenehmer schn muS. Die Lehre der Redekunst haben vcrschiedne Arten und Klassen berun- eigentlichen Redensarten ftstgesetzet; weil man aber schon im gemeinen Leben anfängt, die verblümten Reden immer hoher zu treiben, so wird man sich bald gezwungen sehen, die bisher bestimmten Klassen der tropischen Redensarten mit neuen Zusätzen zu vermehrend Die vornehmsten und rpöhnsichsten Arten dieser orarorischen Zierathen bestehen darinnen, wenn P man Wochenblatt- i» man um einen geringen Sbiil einer Sache auszudrüeken, das ganze dafür f„t, »der umgekehrt, ferner wenn man da« Zeichen für die bejeubneteea» Z eine allgemeine Gattung für die besondere Atk dieser Gattung brau« *Z und umgekehrt. Man rechnet auch dahin die Vergrösserungen oder chvverbeln, Mgleichendie Ironien, die eigentlich nicktS al» (Spottreben finn Es wird vermuthlich meinem Leser nicht zuwied-r seyn , wenn ich Mich- im gemeinen Leben vorkommende Redensarten erkläre, und die Tro, pen zeige die darinnen enthalten sind. Engel. Diese« Wort bedeutet eigentlich einen Geist, der nicht wie wir Men» <4.,„ tindi Mein hat. °tai gemeinen Leben wird ein junger äeu« fit öfters Engel genennet, wo alsbenn die Gattung für die besondre Art - seit wird. ES ist auch sehr gewöhnlich, daß man Personen, 6« nut allein dem Körper, nicht aber zugleich der Seele nach, schön sind, Engel bei» ®iefe Redensart ist aber ironilch, indem das Work Engel » welches .wen Geist anyigt, in diesem Falle für das Gegenthe.l, neml.ch für einen Ümten «örver gefeit wird. Die Redensart, mein schöner Engel, würde, wmn man sie eigentlich ausdrükte, öfters soviel Hessen, aismem schöner Körper. Gedicht. «siefei Wort wird selten in seiner eigentlichen Bedeutung gebraucht, äusser bei) Glückwünschungen Und Leichcngedichten. Denn bei) diesen An« ffienbeiten wird, wegen der erdichteten tobfpruebe, Der wahreVerstand d e es WorteS noch am besten beybehalten. In der wabren Bedeutung ist ein Gedicht nichts anders, als eine Fabel. Man sollte also Die meisten Lobgedichte Fabeln nennen. Geist. Die Red-nSart ein starker Geist wird meistens Spottweise, oder b,,,A Ztonie gefeit, und das Gegentheil darunter verstanden. Denn ^7?» ^nannttr starker Geist, welcher in der Religion so gar viele Zwei« ci „.tbecfefi macht insgemein solche Schlüsse, daß man ihn für eine blos köw rüche MEine hatten mus i die mit keinem denkenden Geiste, »der Mil keiner vernünftigen Seele verknüpft ist. Gnadk. Wochenblatt. n Gnade. Das Ehrenwort; Eur. Gnaden, ist ein Zeichen, daß diejenigen, die diesen Titel führen , mit denen, die ihnen unterworfen sind , gnädig verfahren sollten. Weil aber nicht ein jeder sogenannte gnädiger Herr auch in der That gnädig ist: so wird, in solchem Falle, nur das Zeichen für die bezeichnete Sache genennet. Diejenigen, welche gar das Gegentheil der Gnade ausüben, werden durch eine Ironie also benennet. Und so ist es mit den übrigen Ehrenti'teln beschaffen. Herz. Sein Herz zu Gott erheben hust bey einer Betschwester nichts anders als die Augen verdrehen, die Hgnde falten, Seufzer auöstoßen, und nichts dadey gedenken. Hier wird die Wirkung für dre Ursache gesezt. Ein steinern Herz, wenn es von einem Buhler gebraucht wird, Heist ein Herz, welches auch gegen die kunstmqsigsten Liebeserklärungen uns empfindlich bleibt: denn in diesem Falle ist es so viel, als ob der Liebhaber einen Stein durch seine zärtlichsten Liebkosungen dahin bringen wollte, ihm einen Kuß zu reichen. In dieser Redensart wird der Subjekt für das Avjunct gebraucht. Haut. Dieses Wort wird oft in uneigentlicher Bedeutung gebraucht z. E. wenn jemand keine andreTugend besizt, als die Redlichkeit: so nennt man ihn Vorzugsweise entc ehrliche Haue/ und alsdann wird ein Theil vom ganzen Menschen. Man könnte noch eben dieser tropischen Redensart, eine Person, die keine andern Vorzüge gl- Schönheit bestzt- gleichfalls Vorzugsweise eine schöne Haut nennen, Welt. Es ist fast kein Wort, welches im gemeinen Leben so wenig in seiner eigentlichen Bedeutung genommen wird # als dieses; und es wird fast beständig das Wort Welt durch eine sehr starke Hyperbel für einen geringen Theil der Welt genommen. Z. E. in den Redensarten: sich um die welk verdient machen, die welk durchreisen/ die Welt kennen. -Br * Pie Wochenblatt« 14 Di« bekannt« Rom-l-. Nile welk wird dieses zugestehen/ fiat eben tieft Bedeutung. Ich habe, bey einer öffentlichen D'spu-atton, -lnenge- I-Hrten Mann statt deö Beweises , den man von ihm glsordm hak, bl« Morte gehöret , alle Well wird mir mir einig se»n, worunter er abervek- mulbstchmk einen sehr kleinen Lheil der Welt verstanden hak. Nemlich nur einen Theil der Mensel en, und linker diesen insbesondre di«,enig-, die solche Schluffe machen, wie er selbst zu denken und zu schliefen gewohnt war. Witzig. Dieles Wort wird ln den neuern Zeiten in einer sehr uncigentlichen Bedeutung genommen. Man sagt dieser Mensch bestzr Witz / ober K s ist ein allerliebster witziger junger Herr, welcher nut einem ange- nehmen Ton- scherzen kann, ohne babey seine Zuhörer durch denken Muhe »u machen. Leute, die nicht gerne denken, haben -in G-sallen an dem Uus- im-ck>-n wohlklingender und nichts bedeutender Wort-, und dies nennen si- nach iKr-^Sprache -inen Witz. Dies- M-tapbor ist sehr stark, denn h,er wird Vasganze nicht etwa»für -inen kleinen Theil, sondern fürgar nichtsgesezk. Versprechen Diese« Work hi-s In den alten Zeiten, alS man die Kunst verblümt «1 reden noch nichts» weit erhöhet hat, soviel, alSi-mand sagen, daß man •Lm üutcö cricicwn tvl)üe, tvo man zugleich fo gemacht, aI6 man bat Deut cu Tage wird -smehr-nth-ils also verblümkgebraucht,baß man da« erst« n mm,, und das leztre wegläst. Z. E. -in Patron verspricht ES, das -r ihn b-fö-d-rn wollte, das ist, er sagt, -rwoli-chn b-snkvern, und er denkt dock im Herzen, baß -r-Sm-malzu khnn willenssey, »der* wenigstens Mchr «her thun werde. alö bis er sich durch Geschenke so v^e Verdienste erworben, als man zur Beförderung haben mus. Bey d t Redensart wird das allster- Zeichen für die bez-ickn-t« Sache genom, men Eben so sind die Worte angelabcn, schwörcu, bcrhcurm, j“ »irstehen W(t6(n 6i# Redensarken , jemand sein Be^lcid be> „„neu, «Slück wünschen, und überhaupt alle Complimcnke in unei- ae Nicker B-d-uiunq gebraucht. Es ist mir ein Epmpel bekannt, daß eln Cowpekint über den andern, ter das Amt davon getragen, greulich fiuch- und alS er auSgesluchc hatte, sogleich seinen Diener ruft-, ihm in sei, mm Namen zur «rhallnen Ehrenstill« Glück zu wünschen. . wXy Wochenblatt O Die Wahrheit und die Jabel« Die Fabel rechter Art ist wie em schönes Kind, Das klug und nützlich spricht und auf Vergnügen sinnt. Ihr schönen zürnet nicht dey dem vermeinten Streiche Das ich mit Fabeln euch vergleiche. Ihr habt ja sonst der Fabel Eigenschaft, Ich sag es, ohne euch zu kranken. Und wie denn? Schön seyu, und schön denken Das scheint ja vielen fabelhaft. * ♦ * ♦ ♦ ♦ ♦ * * Die Wahrheit trug vor alter Zeit Ein schlecht und abgetragnes Kleid Nicht nach der Mode zugeschnitten. Doch nackend gieng sie nimmermehr, Wer dies behauptet irret sehr, Und krankt dadurch der Wahrheit Sitten. Sie selbst war immer liebenSwerth. Doch weil die Schöne nie begehrt, Der andern Schönen Putz zu übenr So hatte, wie mans öfters macht, Auf ihren Reiz fast niemand acht, Man sah sie, ohne sie zu lieben. Sie redte klug beherzt und frey Und allzeit ohne Schmeichele!), So wohl bey Thoren, als bey Weisen. Bey ihr galt nicht Betrug und Schein, Bey ihr hies allzeit Ja und Nein, Was sie vor Alters her greifen. Getrieben durch Beweis und Grund, Beschrieb ihr nie erkaufter Mund Der Dinge Werth nach ihrem Wesen. WaS Lob verdient, das lobte sie. Der Tugend Schein erhob sie nie, Wie wir doch in Poeten lesen. B; Das 14 Wochenblatt. Das Lasier und den Unverstand Bestrafte sie mit kühner Hand Bey groß und niedern, Feind und Freunden. Doch weil sie frey und ernsthaft schalt, So machte sie sich viele bald, Wie könnt es anders ftyn? zu Feinden. Hier zürnt man auf ihr kühnes Wort. Dort jagt man sie vom Hofe fort, Hier durch Proteste aus den Städten. Fast jedes Hand ist wieder sie: Nur mancher Kluger giebt sich Müh, Und will der Wahrheit Unschuld retten. Die Wahrheit trozt auf Recht und Pflicht, Jedoch umsonst man hört sie nicht. Ihr Zorn entbrennt, sie eilt zur Rache, Und nimmt, weil man sie boshaft tritt, Die Satir, ihre Freundin», mit; Doch sie verderbt nur ihre Sache. Nun nimmt erst recht im ganzen Land F>aß und Verfolgung überhand; Nun hört man sie sogar verfluchen. Dies, gute Wahrheit! zwingt dich bald, Wer kann denn wieder die Gewalt? Ern ander Land dir ouszusuchen. Sie geht, und ohne Gegenwehr. Doch dies verdriest sie nur so sehr, Daß ihre Feindinn schalkhaft lachte; Und daß die freche. Lügenkunst, Die Fabel, sich fast jedes Gunst Mit ihrem Schein zuwege» brachte. Dies ' Wochenblatt. 17 Dr'eS frey und tolle Aftsrkind Mar unverschämt, voll Schein und Wind, Uno doch beliebter,^ als manS meinte. So unverschämt sie greichwol log, So sehr sie jedermann betrog, So hatte sie doch viele Freunde. Ihr Putz war nach der Mode Brauch, Und eben drum gefiel sie auch, Gleich einem buhlerischen Weibe. Und darum zog sie mancher Thor, So machtS Die Welt der Wahrheit vor, Uno hörte sie zum Zeitvertreibe. Die Wahrheit siehts, und sinnt der Schmach, Und auch zugleich den Mitteln nach, Sich mit der Feindinn auszusöhnen. Sie khuts, und geht den Anschlag ein, Um fre» und unbekannt zu feyn, Der Fabel Aufputz zu entlehnen. Und seht, wie sehr sie glüklich ist! Ein neues Beyspiel von der List Der klugen und verschmizten Frauen. Sie geht zurück und jedermann Sieht sie für jene Fabel an, Und weigert sich nicht ihr zu trauen. Seit jener Zeit, als dies geschehn, Last sich die Wahrheit wieder sehn. Und jedermann ist ihr gewogen. Sie straft, wie vor, sie tadelt, schilt, Doch alles mit der Fabel Bild; So, Menschen; wird die Welt betrogen! Aver- *16 wschenbl ^nde von 3 zu ^Wnchen, die Einlage kann geschehn allhier in Gießen bep dem Schutz und Handelsjuden Simon Levi wohnhaft in der Brandgaß. Em--Uird auspaßrrende vom 31. Deccmbcr bis den 7. Jannuar. i77f- Herr Rath Pfeiffer, in Kmmainzischen Diensten, lsgirtim Posihaus. Serr Assellor von Löwenfeld von Marburg, logirt im Einhorn.' Herr v. Noldkng, Holländischer Capitain,unter der Guarde zu Fuß, passdurch Herr Lieutenant von Dittsurch, vom Dittsurchischen Regiment, pass „durch.