Giesser WoPc«klakt. Neun und Dreißigstes Stück. Dienstags den 27. Septembr. 1774. Mit Hochfürstl. Hessen DarmsiadtischLr gnädigster Erlaubniß. /^^olite Voltaire / der witzige Voltaire — nicht endlich auch ver- nünftig werden ? Er ist in den Jahren, in welchen der Hannswurst, der zu Ludwigs des Vierzehenten Zeiten daö Muster aller Hannswürste war, ernsthafter wurde. Diese lustige Personage hatte fünfzig Iah. re aelacht. Denn in dem zwanzigsten lachte er zum erstenmal öffentlich, und in dem siebenzigsten hörte er auf. Vom siebenzigsten bis achtzigste« wurde er immer ernsthafter, und in dem zwey und achtzigsten starb er so vernünftig, als nur immer ein Hannswurst sterben kann. Was bey diesem möglich war, das können wir auch von unferm gnädigen Herrn hoffen Itzt steht ihm der Mund noch, wie vorher, zurSatyre, und zu- veüen, wenn er am besten bey Laune ist, noch wie vorher, zur Pasquille. Aber, |o wahr ich der Küster zu Ferney bin : fein Gesicht wird sich noch ost verändern, ehe er stirbt. Die Bemühungen unferer hochgelehrten Geistlichen, ihn zu ernsthaft ren Betrachtungen zurück zu bringen, sind bisher vergeblich gewesen. Die wirklichen Theologen unter ihnen haben alles gethan , was die gewöhnliche Methode, einen Deisten zu bekehren, vorschreibt. Wie oft sind sie zu ihm gegangen, und haben ihm, so erbaulich als sie immer konntm, und aus das dringendeste vorgestellet, daß ein Atheist, ein Deist und Natura- * Q a ust Zvä Wochenblatt. list sich von der katholischen Kirche trennen, die, dem allgemeinen Gestand- tiig von dem halben Europa gemäss schon länger als tausend Jahre, die rechtgläubige war; und daß sie eben deswegen, weil sie sich von ihr absondern , nothwendig verdammt werden müssen! Wie viele Beweise haben sie ihm von der Wahrheit aller Satze, welche die catholische Kirche annimmt, aus den Kirchenvätern, bald griechisch, bald lateinisch angeführt! Wie ernsthaft, wie authentisch und drohend haben sie gegen die Vernunft, die Voltarreri verführt hatte, und gegen die neuere Philosophie geflucht! Alle ihre Predigten vernichteten meistentheils gerade zu dre bösen Grundsätze der Deisten, oder sie zielten doch wenigstens dahin, daß der Deist nicht zur Kirche gehöre. Was konnte von diesen rechtschaffenen Männern weiter gefordert werden? Wer nicht alles glaubt, was die Kirchenväter geglaubt haben, der trennet sich auch hierinn von der Kirche; denn diese glaubt ihnen. Beweise aus ihnen sind authentisch. Die neuere Philosophie macht nur Irrungen. Es wäre also unbillig, wenn man verlangen wollte, daß unsere ehrwürdige Geistlichen mit ihm über Satze der Vernunft, oder welches einerlei) ist, über Grundsätze der neueren Philosophen disputiren sollten. Die Kirchenväter sind, von den ältesten Zeiten her, in der catho- lischen Kirche im ruhigsten und wohlhergebrachten Besitz der Gerechtsame, daß sie allein, und nicht die Philosophen, alle Fragen der Religion entscheiden, wenn auch schon die Vernunft zuweilen entscheiden könnte. Man hat daher keine gegründete Urfach, von dem respectablcn Tribunal der Theologen , die vom deitten bis zum achten Jahrhundert nach Christi Geburt gelebt haben , abzugebeu. Unsere Geistlichen haben das ihrige gethan, und ihre Kirchenordnung kann sie nicht beschuldigen, daß sie ihre Pflicht ren versäumet hätten. . Die Schuld liegt an Voleairen. Wenn sie gerade zu gegen ihn predigten, und die Naturalisten in den Bann thaten, war Voltaire zum Unglück niemals in der Kirche. Wenn sie seine Sätze beleuchteten, und den Ungrund derselben durch den Fluch der Synoden und Concilien, durch die Aussprüche alter und neuer Märtyrer, durch die Gewährleistung berühmter Heiligen, und zuweilen durch Stellen der Schrift bewiesen , so warn diese Beweise zu langweilig für ihn. Er gieng unbekehrt zurück, und wenn er nicht sogleich lachte, so lachte er doch über der Tafel. Alle ihre Bemühungen waren also verschwendet, und der Fluch auf die Deisten wurde umsonst von den Kanzeln herunter gedonnert. Wie beklommen müssen Wochmbtarr 307 müssen die Herzen dieser redlichen und vor die Austechthaltung der catholi- schm Kirche im höchsten Grad besorgten Männer gewesen seyn! Das ganze Europa, das itzo lebt, und die Nachwelt hätte Ken Namen deS Geistlichen gesegnet, der Voltaire« bekehrt hätte. Ihn zu bekehren, war also rühmlicher, als ganz Frankreich zu bessern. Was vor ein Verdienst für einen Pater, den «roßen Voltaire mit der Kirche vereinigt zu haben! Welch ein glückliches Werkzeug vor sie, wenn er ihren so fürchterlichen Feind besiegt hätte. Er war nun einmal ihr Feind, der ihr immer gefährlicher wurde. Zu seiner Parthei giengen täglich tausend Fähnriche über. Sie wurden mit ihm erleuchtet, und sahen ein, daß der sinnliche Trieb , den sie mit einem jeden andern Vieh gemein haben , die Bestimmung des Menschen sey; daß man also, bey dem vollen Becher und bey der Buhlerinn, nicht den geringsten Gebrauch von der christlichen Religion machen könne. Der junge Held in seiner Garnison, ist allezeit von kurzer Entschliessung. Voltaire ist ein Mann nach seinem Geschmack. Er gieng, ohne sich lange zu bedenken, ohne sich mit langweiligen, verdrießlichen Untersuchungen der Religion abzugeben, zu ihm über, und warb in allen Wirthshäusern neue Anhänger. So viele Ladendicner Voltairs Manifeste lasen, traten auch zu ihm über, und warben den Pöbel, der sich um sie in Den Buden versammlete. Die Damen bewunderten ihn an den Nachttischen , wenn sie seine Romanen und Trauerspiele lasen. Ueberhaupt von dem Schriftsteller eingenommen, der ihre zärtliche Seelen so leicht rühren, der ihnen ohne Mühe Thränen erpressen konnte, der nichts sagte, was nicht mit ihren Gesinnungen und Empfindungen übereinsiimmte, erstaunten sie ebenfalls über seinen großen Geist, wenn er sich über die Religion lustig machte, und stimmten ihm bey, ob er sie gleich mit ganz andern Augen als der Pater ansah. Warum soll Voltaire, der in allen Stücken so schön für die Damen schreibt, nicht auch eine Religion nach ihrem Geschmack erfinden können Sehr viele unter ihnen wurden Deisten. Der Stutzer denkt allezeit , wie die Damen denken. Er war also auch Delst. Wer in Gesellschaften , die nicht trocken und abgeschmackt heißen sollten , das ist , in Gesellschaften von Damen und Stutzern, von der Religion sprach, und nicht zugleich lachte, war abergläubisch und lächerlich. Wer einen Geist- Qq 2 sicher 3o8 Wochenblatt- lichen, besonders einen Ordensgeistlichen, unter dem Fenster hergehen sch, und nicht entweder über seinen unmodischen Habit, über feinen Gang, der noch nicht von dem besten Tanzmrister tactmasig gemacht worden war, oder über die Religion, zu der er sich bekannte, witzige Anmerkungen machte , denen eine spöttische Miene zum wenigsten einen Schein der Satyre gab, der verstund die Welt noch nicht; man hielt ihn für melancholisch, und gab ihm den Rath, muntere, lustige Gesellschaften zu suchen. Kürzt der Stutzer wurde Deist. Von dem iungen Abbe hätte mans nicht denken sollen. Aber weil er in allen Stücken Hochachtung für Damen hat, so hat er sie auch für ihre Religion. Es würde nicht artig seyn/wenn er ihnen widersprechen wollte. Er ist allezeit ein Mann nach dem modernen Geschmack. Der dümmste Advokat am Untergericht, der vor kurzer Zeit angefangen hatte Suppliquen zu machen, nahm Voltairs Parthey. Er verschwur sich dem Teufel, daß er nichts mehr glauben wolle, was der Pfaffe glaubt, und nun war er ein starker Geist. Er lachte wenn er einen Pater sah, weil Voltaire Satyren auf die Geistlichen geschrieben hatte, und fluchte, so oft ihm ein Küster begegnete. Sem Copist suchte sich fein Zutrauen zu erwerben, kachelte ihm seinen Veyfall zu, wenn er fluch, te, und fluchte auch. Er gieng in die Vierschenke, und, um zu zeigen, daß er ein Advocat worden wäre, wenn er das Recht siudirt hätte, wiederholte er die Flüche, und die Pasquillen über die Religion, die er von seinem Advocat, und die dieser von berühmten Deisten gelernt hatte. Ohne Zweifel werden es der Herr Fahndrich, die Damen und ihre galante junge Herrn und der Advocat für eine Sünde halten , wenn der düster zu Ferney den Verstand hat, den sie allein zu haben glauben, wenn er sich in den Sinn kommen laßt, ein starker Geist zu seyn. Aber sie können zufrieden damit seyn, daß ich den Küster zuletzt nenne, und sie alle, in Ansehung des Verstandes, den ein Deiste sich zuschreibt, ihmvor- fetze. Er würde auch in der That, wenn er Volrarren nicht gelesen hat- re, seinen natürlichen gesunden Menschenverstand behalten haben. Ihm allein hat er es zu verdanken, daß er von einer so überflüßigen Sache, als der Verstand ist, befreyet und ein starker Geist wurde. Vielleicht hat Voltaire/ seit der Zeit, daß ich die große Ehrelhade an dem Ort Küster zu seyn, der durch ihn berühmt und erleuchtet wird, keinen größeren Bewunderer unter allen feinen Anhängern , als mich , gefunden. Ich laS alle seine Schriften, uni) wenn man anders einem Küster, der alle Zeit, * die Wochenblatt. Z09 die er übrig hat, auf die Werke des Witzes wendet, zum wenigsten eben so viel Geschmack zuschreiben kann, als ein Fahndrich sich zuschreibt, der etliche Lustspiele und Romanen zu erzählen weis, so las ich sie mit Geschmack. Ich fieng an ihn nachzuahmen, und schrieb Satyren, Heldengedichte, Romanen und, so lange ich noch nichts gelesen hatte, als was Voltaire zu glauben für gut fand, verschiedene Piecen gegen die Religion Aber als Küster war ich niemals dreiste genug, sie einem Buchhändler an-- zubieten. Ich bin zufrieden, da ich weiß, daß meine Nachahmungen selbst Voltairs Beyfaü gefunden haben. Denn großer Verstand und wahre Gelehrsamkeit waren so wenig bey mir zu dergleichen Versuchen , als bey meinem Original nothwendig. Der Witz laßt sich schon eher bilden, besonders wenn Voltaire ihn bildet. Zur Satyre und noch mehr zum Spott, war ich schon als Bauernbube in meiner frühesten Jugend aufgelegt. Ich konnte lachen, ohne es lernen zu dürfen, und zwor übereinen jedm, der mir auf der Straße begegnete. Mein Vater und meine Mutter und der Pater im Dorf musten sich vor mir in acht nehmen, wenn sie nicht ausgelacht ser-n wollten. Wenn ich Meßdiener war, machte ich Satyren hinter dem Meßgewand. Ich erzählte sie hernach den übrigen Schülern, und ich fühlte, wenn sie über meine Zoten lachten , alles was Voltaire fühlt, wenn der Advocat seiner Satyre Beyfall gicbt. Ich hatte also alle Fähigkeiten, seine Schriften zu lesen. Und zum Beweis, daß ich sie gelesen hatte, wurde ich ein Deist. Wenn sich aber dieses Gift so weit verbreitet, daß so gar die Küster davon angesteckt werden, die es wieder unter ihren Schülern ausbreiten, so ist die catholilche Kirche ihrem Untergang nahe. Unsere Geistlichen sahen es mit Entsetzen an. Nun durfte, wenn sie Verfechter ihrer Religion heissen wollten, kein Mittel unangewandt bleiben, VoLrairen zu belehren, und hierdurch seine Anhänger zurück zu bringen. Aufs neue wiederholten sie ihre Besuche, und schärften ihm zum letztenmal alles , was sie seinetwegen öffentlich auf den Kanzeln geredet hatten, ein. Wenn er sich itzo nicht unter den Gehorsam der Kirche begab, so war er nicht anders, als ein Zöllner und Sünder anzusehen. Aber er ist unbiegsam. Alles, was sie sagen, ist Traum und Fabel. Er lacht bey ihren Erzählungen von den Heiligen und von den allerneuesten Wundern der (acholischen Kirche, läßt sie reden, so lange sie wollen, setzt sich auf sein Canapee, schläft ruhig ein? und träumt lindesten selbst einen Roman, sagt ihnen hernach, Qg 3 daß 3to WodxrtbUte. daß sie ihn ermüden, und siebt ihnen zu verstehen, daß er es ungnädig aufnehmen würde, wenn sie ihn langer belästigen wollten. Sie empfehlen sich ihm und trösten sich nachmals damit, daß sie zu ihm gegangen sind, daß sie das ihrige gethan Haden. (Die Fortsetzung folgt.) Auf die Promotion des Herrn Menavie, weiland Burgers und Schuhmachers , uunmehro hocherfahrnen Doctors der Arzeneikunst zu Altona. Der Schuster Menadie ist jüngst ein Arzt geworden; Greifswalde nahm ihn auf in Meditrinens Orden. So abentheuerlich, wie mancher Spötter spricht, Ist die Verwandlung'warlich nicht. Der Kneif, womit er sonst dem Schuh den Zuschnitt gab, Der schneidet künftighin der Parce Faden ab. C. ’Avertiflemenr. Nachdeme nachstehende zu weyl. des Fürstlichen Generalmajor von Schwalbachs Debitmaffe gehörige Stücke, als nemlich: i) das soge- nante Hofhaus, nebst Scheuer und Hof in der Hintergaffe, z) Ein großer Hinkergarthen in allhiesiger Stadt neben dem Stadtbrauhaus und Herrn Steuer»commiflario Lyncker dem Stockhaus gegen über gelegen, halt r Morgen 5- Ruthen. j) Eine Meße am wißmarer Weg, in Venen sogenannten großen Weiden hält mit dem so das Wasser an dem Rain zur Wieße gestoßen 1 Morgen Ruthe. 4) Ein Garthen auf der Neustädter Schoor, gegen der Schanze über hält 22 J Ruthe, nebst Garthenhäußgen auf dahiesigen Regierungs«Canzleybau den 12. -Octobr. a. c. des Nachmittags L. Uhr öffentlich fubhaftirct und gegen baare Bezahlung an den Meistbietenden unter denen in Termino fest zu setzenden Conditionen erb-und eigenthümlich überlassen werden sollen; Als wird solches Wochenblatt. i11 ches tu dem Ende hiermit bekannt gemacht e damit diejenige welche Lüsten haben mit zu steigern, sich in loco & Termino zeitlich emfinden können. Signatum Gießen, den 7ten Septembr. 1774. Fürstlich Heßische zu dieser Sache specialiter verordnete Commitrarii und Regiernngsräthe. Grolman. Besserer. V7. S. Sodenn wird fernerweitig hiermit bekannt gemacht, daß nach geendigtem vorbemeldtem Verstrich, ebenfalß eine freyadeliche Wiese a 5 Morgen weniger zo Ruthen ohngefehr haltend, in der sogenannten Schinders- Eck, an dem Gießer Stadtwald dem stolzen Morgen gelegen , öffentlich an den Meistbiethenden gegen baare Bezahlung erb und eigenthümlich versteigert werden solle. Wer so wohl von dieser Wieße, als auch von denen vorbemeldten von Schwalbachischen Gütern nähere Nachricht verlanget kann sich bei dem Herrn RegierungS-^dvocaro Rittershausenmelden. neue Bücher. Oraifon funebre de tres grand Prince Louis XV. R01 de France par Mellire lean de Beauvais Evegue de Senez 8. 8 kr. Ifenbiehl (Laur.) Chreftomataia Patriftica Graeca 8. Mogunt 1774. 1 fl. 12 kr. Beantwortung der Frage ob der Mensch eine Verbindlichkeit habe seine Schönheit zu erhalten nebst verschiedenen anderen 8. 24 kr. Braun (Heinrich) Gedanken über die Erziehung und den öffentlichen Unterricht in Trivial - Real und latem: Schulen 8. Ulm 40 kr. Lobethan (Friedr. Georg) Einleitung zur theoretischen Ehe RechtSgelahr- heit gr. 8. Halle 36 kr. Gespräch eines Landpredigers mit Hans GernkluK einem seiner Zuhörer über Vie Abschaffung der Feyertäge 8. 8 kr. (Sind in der Kriegerischen Buchhandlung zu haben.) Wochenblatt. Eitt^uttd Mspaßirende vom 17. September bis den L4> September 1774. Herr Hofjager Groß von Darmstadt, log. im Posthaus. ‘9$rr (ogirt im EinhorniMi? 8°" °tr ®*wii