Giesser iSj Wochenölatk. Vier und Zwanzigstes Ststck. Dienstags den 14.1»m'i 1774. Mit Hochfürstl. Hessen Darmstädtischer gnädigster Erlaubnch. Ueber dre Ungewißheit rrü^neuschlichm Lebm. Aus dem Englischen. Nobis, cum fimul occidit brevis lux, Nox eft pcrpetuo una dormicnda. CATVLLVf. ist eine Bemerkung, die jeder Leser machen kann, daß es einige War- [y Heiken gibt, die nicht gänzlich erschöpft werden. Unsre Sele verliebt sich in gewisse Vorstellungen und Bilder - diese mögen ihr so oft vorkommen, als sie wollen, so nimt sie solche mit eben dem heftigen Verlangen auf, welches der Liebhaber beim Anblick seiner Geliebten fület , und verlaßt sie mit eben so viel Verdrus, wenn es ihr nicht mehr vergönnet ist, sich daran zu vergnügen. So gibt es viele Beschreibungen, welche die Dichter von einander geborgt haben, und die sie vermutlich allzeit brauchen werden; die die Einbildungskraft erhitzen, oder wie es die Franzosen nennen, die der Ein- Aa bildungs- LVschenblate. bilvungskrast schmeicheln werden, so lange, die menschliche Natur ihre ae- Aenwartlge Beschaffenheit behalten, wirv. 9 96 Dichtet ein Poet vom Frühling, fo ist gewöhnlich, daß fünfte StPbPte lifPeln , daß Der Hain wieder grün wird, Daß Die Vögel von ih< rer Liebe singen, Daß Die H-erden in Thälern auf bunten Teppichen hü. pfens und Doch sind wir nicht fo unempfindlich gegen die Schönheiten Der Natur, daß wir uns nicht an Der Erneuerung Der Erde vergnügten, daß wir uns nicht gefehlt suhlten,, wenn vom Frühling geredet wirb. - Ueberschatlet die Nacht eine romantische Scene, fo ist alles gant Stille, ganz Friede, ganz Ruhe. Die Dichter im Hai» hören auf »u finden, der Mond lieht erhaben, und majestätisch über der Erde, Die Mensche» vergessen ihre Arbeit und Sorgen, jede Leidenschaft schlaft. - Dis alles wußten wir lange, und doch hören wirs ohne müde zu werden Den» io ist es überhaupt mit uns, wir beschäftigen uns Da am liebsten mit Em. xßndungen, wenn wir uns derselben entschlagen feiten.. Reift uns Der Schatten eines dichterischen HainS , so wissen wir, daß wir etwas finden, was wir schon längst gesehen haben : Einen Sil. berbach, der aus Kieseln daher murmelt, einen bunten Hügel, ein schattenreiches Gewölbe und eine von der Natur formirte mit Mvrthcn beseite Grotte; können wir uns aber wohl enthalten , in dis unmutige Dunkel zu gehen, Erfrischung und Einsamkeit zu genicfen ’ und können wir uns ein V-rgnügen versagen, das die.Natur für uns geschaffen hat? Ausglei. che Weise paff n einige moralische Warheiten fo sehr aus un|ern Zustand, daß sie allzeit Beifall finden und selten ohne eine edle Rührung gelesen wer. den. Von der Art ist die Vergleichung unser« Leben« mit einer Blume - ein Gedanke, Den vielleicht jede Nation von den göttlichen Dich, kern Der Hebräer an, bis auf unsre Zeiten, schon oft in ihrer Spracheae. hört hat; dennoch gefdlt er, weil jeder seine Richtigkeit fühlt und jede Stunde ihn mit Beispielen bekräftigt. - Desgleichen - das Gebot, feine gegenwärtige Zeit anzuwenden, nichts zu verschieben , indem man nicht weis, wie lange das Leben währet. ' Diese Regel wird in der Tfiat täglich mehr eingeschärst, als die Ab. Handlungen Der Sittenlehrer. Wir sehen Leute, die sich mit einer fünfte. gen Wochenblatt l$7 gen Glückseligkeit schmeicheln, di- di- Erfüllung ihrer Wünsche auf eine «emiffe tyit frstsetzen, die manchmal nahe bei dem bestmiken Ziel derselben, over noch weit davon, umkommen. Aüe beschweren sich über ihre s-hlge, schlagens Hofnungen, alle Klagen/ daß sie nun die Zelt durchlebt hatten/ Vie sie nach dem Schlus des Hlmmels, ohne sie .gehörig zu gewesen/hm- bringen sollten/ daß sie den Hauptzweck des Lebens blS dahm ausgescho/, den hätten, da sie dasselbe verlassen mußten. Es ist nicht allein ungewis, wie weit wir unsrezur Glückseligkeit oder Weisheit b-stimk« Jahre, durch ein mitso vielen Zufällen und Gefahren verknüpftes Leben bringen werden, sondern es ist auch warscheinlich, daß daS- lenige, was uns j-zt hindert unsre Wichten, di-Vernunft und Gewissen uns vorschreiben, auszuüben, auch in kommenden Zeiten davon unS abhal^ ken werde. Es ist unsrer Phantasie leicht, wenn sie sich mit Dingen, die nicht -ristir-n beschäftiget, Scenen einer reinen Glückseligkeit zu schaffen, oder sich einen Lebenswandel ohne Tadel vorzustellen. Allein Vas Gute und Bös- sind in diesem Leben nie getrennt. Gewohnheiten werden mächtiger durch Nachsicht, und t>ie Vernunft verliert von ihrer Würde, je mehr sie sich von der Versuchung hat überwältigen lassen. Derjenige, sagt Martial, fo heute nickt tugendhaft;u leben tm Stande ist, rvird es morgen viel rve Niger l'cyit. ♦) Jederman Meint von der Ungewisheit der menschlichen Güter über« «uat zu sevn; und dennoch vermehrt man selbst diese Ungewisheit dmch unnötigen Aufschub, man mag äuserliche Ursachen ansehen, oder die Be- schaff-nheit unsrer Sei« -bttrachten. Derjenige, so zezt einen Trieb in sich fühlt tugendhaft zu leben , der einen vernünftigen Wandel zu füren wünscht, ist nicht gewis, daß er zur andern Zeit auch eben diesen Trieb wieder m sich erwecken könne. Derjenige, der nun Gelegenheit hat, sich von Lastern und Thorheiten loszureisen, kann nur das wissen, daß erhinfüromehrwer- *) Non bene diftuleris videas, quae pofte negari j Et folum hoc ducas, quod fuit, esse tuum. Non cd, crede mihi, fapientis dicere: Vivamt Sera nimis vita eft craftina *■> wut hodit. libr. f, XVL w-chenblaee. ip de Darein verwickelt werden und sich nach Freiheit sehnen werde, ohne sie zu erlangen. Wir sind so ungeneigt etwas, das uns nachtheilig ist, zu glauben, daß wir uns vielmehr allezeit einbtlden die Scharfsichtigkeit un* sers Verstandes und unser Muth werde unter Der Zeit wahrscheinlich mehr wachsen, als abnehmen; und schließen also, daß es unferm Willen löb- W$$^ten zu verrichten, nie an dem Beistand unsrer Kräfte fehlen Ob wir uns gleich in Bestimmung der Kräfte unserer Fähigkeiten irren können, so können wir doch an Der Ungewißheit Des Lebens, Darin wir sie gebrauchen müssen,.nicht zweifeln. Wir sehen alle Tage unsre Freunde sowok, alö unsere Feinde unverhoft Dahin sterben. Wir sehen alle Tage neue Graber für Leute üfnen, Die tbeils alter, theils junger sind, als wir; für Den Vorsichtigen und für Den Unvorsichtigen, für Den Ausschweifenden und für den Mäsigen, und für Leute, Die eben so , wie wir sich vorgenommen hatten, sich Derer Stunden zu erfreuen, oder bester anzuwenden, die nun unwiderruflich entflohen sind. *- DiS alles sehen wir , und ohne wirklich zu leben, lassen wir ein Jahr nach dem andern in X>orberet> tungen zum Leben vorbeistreichen. Es werden so oft Menschen mitten in ihren Entwürfen hinweggm'ßen, und doch verursacht Dieser plöziiche Tod eine sehr geringe Bewegung bei denen, die es sehen, es müßten Denn außerordentliche Umstände Eindrücke auf ihre Aufmersamkeit machen Auch ich sah, wie andere, viele Hunderte sterben, sah' Den Ehrgeizigen mitten in seinem Triumphe dahinstürzen, sah, Die Schönheit mitten in ihrer Blüte Dahin sterben - und Doch bin ich selten so sehr gerührt worden, als Durch Das Schicksal DeS Euryalus/ Den ich lezthin verlor, als ich ihn anßeng zu lieben. Euryalus hakte sich vor einiger Zeit durch eine einträgliche Hand- thierung m glückliche Umstände versezt, allein eine unauslölchliche Neugierde erhizte seine Phantasie Er ward es müde immer einerlei trage Lebensart zu füren, und entscdlos sich mit Der mühsamen Arbeit Geld zu er* werben, nicht langer mehr zu quälen, alle Geschäften und allen Gewinn fahren zu lasten, und sich einige Jahre auf Reisen zu vergnügen Seinen Frmnden machte er zwar sein Vorhaben bekant, sie glaubten aber nicht, Daß ers aussührm würde. Ader er blieb fest darauf, schlos in Este feine Rechmm- 1*9 Wochenblatt. > üüTviuftc seine Habseligkeiten, bküehte voch einige Tage mit Abschiednehmen von seinen Freunden zu, und durchkreuzte B Glückseligkeit zu suchen, mit dem ।eir§L ben /3rt* der in der altern oder neuern Geschichte berühmt mar, )e»e ö oenü, die entweder Natur oder Kunst vor andern auögezerchnet^atte, böD» tt « btftben. ■- SuSete er, als der Gegenstand der Hofnung und hpr LVrm irfuna seiner freunde wieder an. Sie erwarteten von rhmN^ch* richkw von oen neuen 2lufttitren, die ihm begegnet waren, allein in einr. gen Tagen bekamen fle die, daß er tod se». D>s war das Ende des Euryalus. , Nun ist er in nerfcAt, daraus niemand wieder zuruckkehren wird^ Je-t ist er sei- n-n Äm7°'n nüjijch , als ein beständiges und kräftiges Beispiel von em akuhefriaen Begierde und von der Ungewisheir aller irrdilchen Guter. Vielleicht aber har jeder, so wie ick, einen Euryalus verloren, vielleicht hat ieber einen freund gerade da sterben sehen, da der Grund zu seinemGluck nobne und glaubet doeh noch vor dem Tode sicher zu seyn, und ver. schiebt das aus irgend eine gelegnere Zeit, dessen gänzliche Ünkerlaffung, w « wohl überzeugt ist, für ihn schädliche Folge haben wird. p. in mit diesen Schwachheiten in der That eben so, wie mit andern, die unsrer Natur ankleben. Die Neigung, das auf eine andere Zeu aus- ruschieben, was jezt nicht ohne einige Mühe, oder ohne embuffung einiger (SraÄ'lidVeiten geschehen kann, wird vielleicht nie gänzlich überwunden, ober unrerdrük? Es wird allezeit etwas da seyn, das wir wünschen werden aendiat m haben, und bas wir nichts destowemger, anzufangen,un. a nekg stnv Allein es ist unsre Pfiichk wider diese Ungeneiglheit zu stre.-- ten und jeder Sieg über unsre Leidenschaften macht uns einen künftigen ^i-a leichter Die Gewohnheit ist bei Verrichtung kugendhaster Handln gen den so mächtig, al» bei lasterbasten. Unsere Natur wird immer d ° Vernunft seyn, allein ihre Anfälle werden immer schwacher werden, je öfter sie» «oder V-rnunst ist überwunden worden. Die so gewöhnliche Vernächlässtgung der gegenwärtigen Zeit ist straf, barer und schändlicher, weil es nicht aus Jrrrhum, sondern aus Saum, seligk-il geschieht. Der schwächste Verstand betrachtet d,e,Unbestand,gke.t diese-iedens nie unrecht, obgleich der durchdringendste Verstand öfters 19Q Wochenblaer? unterläßt sie gehLrig zu betrachten. Vernunft rind Erfabruna wo»,« .,»« 'mm-r von unserm wirklichen Zustand unterrichten •«Ärfn nitXf ihre Vorschläge, weil unser Herz ungeneigt ist denselben ru fof-in« tslm «?»rb«etol6 n'*M"Inständiger für ein vernünftiges Westn, als die^Au! gen dann zu verschliessen, Wenn es die Strasse sicht, irnrdnf Ä5Ä"«“-Ä E. R. Wie lang wird doch der deutsche Thor Nach gnechschen Musen schreyn? Wir haben selber unser Chor Und mehr noch wohl als neun. Und werd ich nun von dir gefragt Wo ist dann unser Pindus? So höre was man mir gesagt Von unserin deutschen Pindus. Du weist ja wo der Blocksberg liegt Ich glaubt er liegt in Sachsen Und kurz er liege wo er liegt Dieß ist der Berg der Musen. Sie kommen alle Jahr einmal Die erste Nacht im Maien, Und wohl viel hundert an der Zahl Hier ihren Tanz zu halten. Der Besen ist ihr Pegasus, Sie salben sich mit Oele Und reiten muthig gut gut gut Hin durch dir dünnen Lüste, Apoll» 9 Wochenblatt. Apollo, den ein Pferdfus ziere Schlagt die verstimte Zither Und wenn er Dann den Reihen fuhrt So tanzet Die Gemeine. Und alle Musen singen dann Da Fels . und Wald ertönet So lang biß jede nicht mehr kann Denn hat Da& Lied ein Ende. Dann bringt Apollo einen Pack Gedankenloser Reime Und jeoe steckt davon in Sack Und eilet mit von hinnen^ Seit dem'S ins Deutschland" Mode ward Hexameter zu drechseln Uno Verse nach HorazenS Art In römschen Stolz zu singen. Bringt er auch Zeilen von Verstand Und Reimen gleich entblößet Doch werden sie im fremden Tand Germanien gefallen. Wann dann ein deutscher Brod - Poet Zu einem Hochzeit Carmen Die alten Griechschen Musen steht Und diese ihn nicht hören,. So bieten deutsche ihm die Hand Indem sie ihm erscheinen In völlig griechischem Gewands Und lehren ihn ein Liedchen Lin r-r Wochenblatt. Ein Chronologisches Spiel/ welches die merkwürdigsten Bege- benheiten unserer bekannten Welt in ihrer chronologischen Folge auf einer Art von Tabelle enthält/ unD fast wie das bekannte Gänsespiel mit einem Würfel gespielt wird / hat so eben die Presse verlassen, und ist nebst den dazu gehörigen Regeln in der Kriegerischen Buchhandlung alihier das Stück a 6 kr. zu haben. Eitt--und auspastirende vom 4. Jrmü bis den n- 3uni. 1774» Herr Baron Dürenthal/ paßiret durch. Herr Soute, Secretariusvom Fürst von Waldeck, pass, durch. Herr Baron Pleß, logirt im Einhorn. Herr von Wedderkop Kammerjunker vom Bischof zu Lübeck, zu Eutin, logirt im Einhorn. Herr -ObristlieutenantvonVollstätt, inEhursachstschen Diensten,pass, durch. Monfieur de Dudas Lieutenant in Englischen Diensten, pass, durch Herr AmtSkeller Braun, von Neustadt, log. im Einhorn. Herr Hofrath Hofmann, komt von Münster, paßiret durch Herr Meyer, KammersecretariuS von Hannover, passtet durch Herr Hofrath von Bülow, in Fürstl. Braunschw. Lüneburgischen Diensten, paßiret durch. Gebohren und Geraufte. Am 12.. May Johann Andreas, Johann David Lampus, BürgerSund Metzgers, Söhnlein. Am r.2. May Johann Conrad, Johann Adolph Flett, Bürgers und Eisenkrämers, Söhnlein. Am rv. May Conrad, Johann Conrad Zinsers, Bürgers und Schönfärbers, ISöhnlein. Beerdigte. Am 14- May Elisabeths, Johann Christian Görings, Bürgers und Buchbinders, Töchterlein. Am rf. May Andreas Helfrich Franck, Bürger und Kuhhirt allhier. Am 26. May Philipp Gerhard Fillmann, Bürger und Zimmermann. Eodem Henrich Andreas, Johann Andreas Hüters, Bürgers und Schneiders, Söhnlein.