Gkffer Wochcnklakl. Fünfzigstes S t ü ck. Dienstags dm r^.Decembr. 1774*. Mit Hochfürstl. Hessen Larmstädtischer gnädigster Erlaubniß. Ueber das Lügen.*) Quicunque turpi fraude ferne! innotuir, Etiamfi vera dicit, amittic fidem. FHAEDRVS. man einsmalS den Aristoteles fragte, was für einen Vortheiljk- mand sich dadurch erwerbe, daß er Unwahrheiten rede; so antwortet er; diesen/ daß man ihm auch alsdann nicht glaubt, wenn er warheit redet. Der Charakter eines Lügners ist nun einmal so verhaßt und verächtlich , daß man selbst von denen , die ihre Tugend verlohren haben, hoffe« känn/daß sie ihr Stolz von Verletzung der Warheit zurück-alten werde. D d d Fast . *) Diese Abhandlung haben wir aus dem Adventurer, einer englischen Wo, chenschrift übersezt, bic in England sowol, als in Deutschland vielen Beifall gefunden hat, und innerhalb drey Jahren zu London dreymal aufgelegt wor, den ist. Nur Echade, daß man sie in unserm Daterlande noch durch keine volständige deuksche Uebersetzung bekannter gemacht hakt H. z-4 Wochenblatt Fast jedes andere Laster, das die menschliche Natur entehrt, kann durch Beyfall und durch Gesellschaft in der Ausübung desselben, bey Ansehen erhalten werden. Der Zerstörer der Unschuld eines Mädchens, sieht sich von andern beneidet, und wenigstens von den Weibern doch nicht verabscheuet. Der Trunkenbold findet leicht solche, die sich gleich ihm der lärmenden Frülichkeit oder der todten Unempfindlichkeit wiedmen; seine Siege über Lehrlinge in der Unmäßigkeit erheben, sich als Kameraden seiner Stärke rühmen und mir Vergnügen von den vielen i^'en werden, die eine unglückliche Nacheiferung zu frühe ins Grab gebracht hat. Selbst der Räuber und der Meuchelmörder haben ihre Nachfolger, die ihre Geschwindigkeit und ihren unerschütterten Much, ihre List beim Plündern und die Treue gegen ihre Bande bewundern. DerLügner, und allein der Lügner, ist allezeit und überall verachtet, verlassen und verworfen. Ihm fehlt der innerliche Trost, der ihm Beruhigung bey dem Urtheil seiner Nebenmenschen über ihn, verschaffen könnte. Er kann sich zu keiner Verbindung begeben, wo man seine Laster für Tugenden hul- te; sondern ohne Freund, ohne Vertheidiger ist er dem Auözischen einer Menge überlassen. DiS ist daS gemeine Schicksal der Falschheit, daß sie der Tugendhafte sowohl, als der Bösewicht in gleichem Grade verabscheuen „Die Teufel/ sagt ein gewisser Schriftsteller, ♦) belügen einander nicht; denn Aufrichtigkeit ist in allen Gesellschaften nothwen- -rg; nicht einmal die Gesellschaft der bösen Geister kann ohne dieselbe hesteheu. u Man sollte natürlicherweise erwarten, daß jederman ein Laster, welches so algemein verabscheuet wird. vermeiden, oder doch wenigstens ohne dazu durch eine hinlängliche Versuchung gereizet zu werden, einer Schande aussetzen würde, um derentwillen er nicht bedauert wird. Man sollte ferner erwarten, daß man nicht leicht einen starken Reiz zu einem Verbrechen fühlen werde, das so leicht entoekt und so hart bestraft wird. Nichts destoweniger wird öfters die Wahrheit aus Geringschätzung des Tadels und der Verachtung verletzet. Ja die wachsamste und unnachläßlgste Vorsichtigkeit, wird.denjenigen, der mit Menschen umgeht, kgum davor sichern •) Herr Thomas Brown, Hf Wochenblatt. j-- ei-H.if h*c M nicht alle Augenbliche bön Stufen hinfti gongen M" Ätn« MumÄtbät«, daß sie ihm einigenS»a. 6en und ft» felbften einigen unrechtmäsigen GemnnzujuftM wurden-selbst da , wo man nicht vermuthen sollte, daß b.e Sache, wM de r,st Le.- htnfcbaften in Bewegung setzen, und weder Hofnung, noch Furcht, weve? Eifersucht noch Bosheit erregen würde, die vermögend seren, M^dm da- Kin tu bringen, daß er seinen guten Namen, so germg er lhnauch schätzen ÄÄÄ$uU-n , oder in ihm die Siebe zur Warheik, I» schwach ihr Einfluß auch seyn möchte, zu unterdruclen. Die Siktenlehrer haben die Lügen sehr genau nach betr h,r die daiu erfordert werden , in ihre Klanen emge theilet Allein, wie mich dünkt haben sie überhaupt dülwAm ausgelassen, welche am gewöhnlichsten stnd und wohl den meisten Schaden verursachen, und welche ick /weil sie die Moralisten mit keinem besonder» Namen bezeichnet haben, unter der allgemeinen Benennung; Lügen au» Ruhmsucht, begreifen werde. Man schreibt billig ber Ruhmsucht die meisten von denjenigen Un« tMflfcrfwih’n welcke ieder Aufmerksame bemerkt, und auch wohl die mer^ weaunasarund bey den Lügen im Handel, und bcy den boshaftenLuge ist so offenbar, daß man selten vermuthet, daß Re nut so obenhm gesagd oder E ,ni unteraelaufm seyen Der Argwohn ist allzeit auf eigennützige Handlungen aufmerksam, und wenn jemand die Hofnung nach Aewmnst, oder die Schavensreude anlreiben kann, etwas zu be,ahen, so wird sich «m andrer dnrck eben so starke Gründe bewogen fühlen, es zu verneinen. Aber au sollen matten Annehmlichkeiten ergözt sich d'< Ruhmsucht und sehnt.sich nach dem lang auSdleibenden Vergnügen, daß ihre döse Kunstgriffe keines Lärm erregt haben, und daß ihre List nicht leicht enldekl wird- - Ost verfolgt zwar der Argwohn die EbrsuM nicht; denn derjeuige, der aus alle ihre Bewegungen aufmerksam seyn wollte , SX können. Die AuSbrüch^de^BetrugS und der »EM sind 396 wochettblatk. begränzt; und zu ihrer Wirksamkeit ist gelegene Zeit und ein bequemer -Ort nüthig. Aber selten windet sich einer von seiner Ehrbegierde nur einen Augenblick loS; und derjenige, der bey der Warheit fernen Vortheil nicht findet, ist überhaupt geneigt, solchen bey der Unwarheit zu suchen. Herr Rerrelni Dr'gb? bemerket/ daß jederman gern über dre erhaben zu seyrr scheine , wenn es auch nur darin bestehen sollte / daß er mehr gesehen hat / als jene. Man solte glauben , daß man einen solchen zufälligen Vortheil, weil er weder Verdienste erwirbt, noch zu Ehrenstellen erhebt, nicht so heftig wünschen würde; und dennoch bringt diese eitle Ehre, so nichtswürdig sie auch ist , eine Menge von Erzählungen hervor, die allezeit falsch sind, aver für mehr oder minder glaubwürdig gehalten werden, ,e nachdem derjenige der sie erzählet, Kenntnis; oder Frechheit besizt Wie viele mag wohl ein Mann von einer weitläuftigen Bekanntschaft kennen , deren Leben durch rmzahlige Entrinnungen merkwürdig worden; die nie einen Fluß paß,- ren, ohne einen Sturm auszustehen, oder nie eineReise aufdas Landthun, da ihnen nicht mehr Abentheuer begegneten, als sie denen irrenden Rittern der alten Zeiten, in unwegsamen Waldern, oder in bezauberten Schlü- kern, aufgestoßen sind ’ Wie viele muß ein solcher kennen, denen Wun- derzeichen und fürchterliche Dinge täglich begegnen, die in Mr Minute Wunder gewahr werden, die allen andern unsichtbar sind; nur damit sie Stof zu ihrem DiskurS haben. . Noch andere Leute giebt es , die bey gröserer Gefahr entheb und beschimpfet zu werden , Vergnügen an Ausbreitung von Unwahrheiten finden — Leute, die durch einen glücklichen Zufall durch ein allgemeines Zutrauen und Freundschaft kenntlich sind, die bey jeder Schwierigkeit um Rach gefragt werden, denen man alle Geheimnisse anverrrauet und die man zu jeder Sache aufforderk - deren grösteg Glück es ist, mit einem lärmenden Unterricht alle Gesellschaften zu betäuben, immer voll Zuversicht auf ihre ungezweifelte Erfahrung oder glaubwürdige Kenntnisse zu zweifeln und zu widersprechen Em Lügner von dieser Art der ein gutes Ge- dachtniß und eine lebhafte Einbildungskraft besizt, ist sehr oft das Ora- M einer Zusammenkunft guter Freunde, welche er biö man seine Betrügereien Wochenblatt 397 reien entdekket, mit einem ungetadelten Ansehen belehret. Denn wenn eine öffentliche Frage aufgeworfen wurde, so war er bev ihrer Entscheidung gegenwärtig; wenn einer neuen Mode Erwähnung geschieht, so war er gleich am ersten Tage bey Hofe, da sie erschienen; wenn eine neue Schrift die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht, so war ers , der den Verfasser derselben begünstigt und das Manuscript in Händen hakte. Wird ein groser Verbrecher zum Tode verurtheilt, so bat er fein Schicksal oftmals vorhergesagt und sich um seine Besserung bemühet: - und derjenige, Der entfernt von dem Schauplatz Der Handlung lebt, der sollte sich unterstehen einem Mann zu widersprechen, der Das erzählt, was er mit seinen Augen und Ohren empfunden hat, Dem alle Leute und alleDin- ge so genau bekannt sind? Diese Gattung von Lügen hat insgemein eine Zeitlang den erwünschten Erfolg, weil man sie mit einer gewissen Furchtsamkeit und Vorsicht tighit auöstreuet; allein das Glück eines Lügners ist von kurzer Dauer. Der Glaube, Den man einer Erzählung bemüht, ist allezeit eine Amei- zung eine andre die weniger wahrscheinlich ist, zu vergessen. Er triumphirt über eine stillschweigende Leichtgläubigkeit, bis sich Der Stolz, oder Die Vernunft gegen ihn empört, und seine Gesellschafter ihn nicht langer mehr für weiser, als sie selbst sind, halten wollen. Es ist offenbar, daß die Urheber aller dieser Erdichtungen sich dadurch über andre zu erheben suchen , und daß sie Der Ehrgeitz von der schuldigen Treue gegen Die Wahrheit zurückhalte. In ihren Erzählungen sind allezeit einige Folgerungen für ihre Unerschrockenheit, für ihre Klugheit, oder für ihrr Geschäftigkeit, für ihre Bekanntschaft mit Den Gelehrten und für ihren vertraulichen Umgang mit Den Vornehmen , enthalten. Sie sind immer gefessttt von Dem Vergnügen, daß sie sich über andre, mit denen sie umgehen, erhöhet sehen, daß ihnen diese mit einer stillen Aufmerksamkeit zuhören und sie mit einer beneiDenswürdigen Hochachtung belehren. Aber öfters wird auch der Ruhmsüchtige durch weniger in die Augen sallenoe Vorteile zu Erdichtung verleitet. In unferm gegenwärtigen Dd d - Zeitalter 98z Wochenblatt. dalter aiebt es eine Gattung von Lügnern, die damit zufrieden sind, Unwahrheiten ausgestreut zu haben, und deren Stolz darin besteht, andre zu hmtergehen, ohne sich felbsten dadurch Vorthei! oder Ehre zu verschaffen. Dahin gehört das gross Vergnügen eine Frau von Stande im Komödienhaus, oder im Park*) zu bemerken, und als ein Libhaber, der schnell von ihren Reizen gefesselt worden, eine Nachricht welche eine pünktliche Beschreibung ihrer Gestalt und ihres Putzes enthalt, in die nächste Zeitungsblätter einzurücken. Allein das einzige, was durch diese List ausgerichtet wird, sind Bestürzungen, die der Verfasser nie sehen, und Vermuthun- gen, die er nicht erfahren kann. Demohngeachtet glaubt er einen Possen gespielt zu haben; welches allerdings von einiger Wichtigkeit ist. Nun beschäftigt er seine Erfindungskunst wiederund bringt eine Erzählung von einer Plünderung, oder von einem Mord, unter die Leute, und bestirnt alle Umstande des OrteS und der Zeit ganz genau. Dieses Spielwcrkhat eine stärkere Wirkung und ist von einer längern Dauer. Sezt er den Schauplatz der Geschichte in die Nähe drs Orts , darin er sich befindet, so kann er eine Frau auf einige Tage für ihren Mann, und eine Mutter für ihren Sohn besorgt machen; und auf diese Art sich selbst mit der Betrachtung schmeicheln, ldaß durch seine Geschicklichkeit und Fähigkeit daö Elend des menschlichen Lebens um.etwas vermehret worben. Es ist, wie mich deucht, ein altes Gesetz in Schottland, vermöge dessen das Lügen sehr hart bestraft worden. Ich wünsche zwar nicht, daß die LebenSstrafen in diesem Reiche vermehrt würden , aber diejenige, die die gesellschaftliche Treue zerstören; der Glaubwürdigkeit im Umgänge und die 'Sicherheit im gemeinen Leben schädlich sind; die den Schwachen ermüden und den Furchtsamen mit Lärmen verwirren ; diese sollten doch füglich ins Zuchthaus oder an den Pranger verurtheilt uod dadurch zu einer Em pfindung ihrer Verbrecheu ermuntert werden. Denn einige sind so un ihr Geschicks Trennt sie auf ewig nun von mir; Noch folgen ihr die nassen Blicke, Und meine Freuden fliehn mit ihr. Sie flieht! Umsonst, verwaist^ Linde, Lockst du mich itzt in deine Schatten hin, Schmückst dich umsonst, denn ach Selinde, Selinde sieht dich nicht mehr blühn. Ihr Bild beglückt nicht mehr die Quelle A'? der ich ost sie einsam fand, Wenn sie auf frischbcmooßtcr Stelle - ' Vergiß mein nicht und Rosen für mich band V Schweig, holde Sängerin des Lenzen, Dir lohnt nun nicht ihr zärtliches Gehör, Verwelkt ihr Blumen, denn zu Kränzen Pflückt euch die sanfte Hand nicht mehr. Schwermüthig seh' ich dort die Buche, Wo noch die Rind' ihr süßer Name schmückt, Wo ich voll Sehnsucht oft sie suche, Und ohne sie mich auch kein West erquickt Du Lerche hörst mein banges Sehnen, Geb, fleuch und sing eS ihrem Ohr; Empfang', o Fluß, die heißen Thränen, Und eil' und ströme sie ihr vor. O Schmerz? 4°c Wochenblatt. O Schmerz! so muß von meinen Tagen Der Frühling fern von ihr verblühn, Verwelken muß er unter Klagen, Und wlever wirv er nie mir blüh». Nachricht. - ^Z» Anfang d«S Jahres gel. Gott wird die Hochsurstl. Hessen Homburgische Leibrentenbanco Die 4te Quartalverlosung in Homburg vor sich gehen, dahero die respective Herrn Mitglieder aufs freundlichste ersucht werden ihre Nachschußgelder vor dem iwn December gütigst em- zusenden, indessen Entstehung die zurück gebliebenen Nummern nicht in die Verlosung kommen, miD leicht cavucirt werden. Frucht-und andere Preige am Marktag deni°. December 1774. EießerMaas 1 Achtel Korn , fi- alb. Pf. ft. * . , alb. pf. ft. alb. Pf. a 189 Pf. 3 iS 1 Ochsenfleisch $ 2 4 1 Karpfen 5 1 Achtel Gerste t 1 Kühfleisch x f> 2 1 Hecht r 6 1 Achtel Weitzen 6 10 1 Rindfleisch x 2 1 Perslng , 6 1 Achtel Hafer 1 2 1 Kalbfleisch - 2 4 1 Brasem , 1 1 Meste Erbsen f 16 1 Schweinefleisch 3 4 1 Echleyen 1 Butter f 3 4 1 Meste Linsen » 16 1 Hammelfleisch 1 Pfund Hirse f 2 1 Schaffleisch I 4 Bfund. "nF 1 Pfund geschälte Gerste t x 1 Pfund klein gex X 4 1 1 1 Bockfieisch x Wurst - - Kakbsgelüng 1 r 4 4 loRindsfctr 1 iv Hamelsf. j 1 Lichter x 15 J5 Pl schalte Gerste x 4 l s Kalbö r Leber 3 d 5 Eyer inländischeSeif 4 1 MaaßFruchtBrandetv. 12 1 Meste Saltz ro alb. alb. xPf. Bratwurst;al b.-Pf. e 6 alb. Becker-Preiß. Kornju 3 ff. 15alb. Weitzen ju 6 ff. 12alb. ft. I koth.jQu. alb. pf. ft. Loch. Lu. Brod. Z lButter Bretzel - 4 f 3 r 9 r; 22 4 Weck - - Taigscher $ alb. pf, - 4 » 4