Giesser Wochenblatt. Acht und Dreisigstes Stuck. Dienstags den ri. Sept. i?7;. Mit Hochfürstl. Hessen Darmstädtischer gnädigster Erlaubnis. Der Herbst ein Schäfergedicht aus dem Englischen ves Pope. 4 |nter dem Schatten, welche eine weitläuftige Buche ausbreitete, sangen | £ Hylas und Aegon ihre ländlichen Gesänge. Dieser beklagte eine uns treue, jener eine abwesende Geliebte, und der Nähme von Delia und" Doris erfüllte den Wald. Ihr mantuanischen Nymphen schenckt mir cuern heiligen Beystand: ich singe des Hylas und Argons ländlichen Gesang. Du welchem die neun Schwestern den Witz des Plautus, die Kunst Terenzens und Menanders Feuer einfiößen , dessen richtige Vernunft uns belehret, dessen Laune ergötzt, dessen Urtheile uns leiten, und dessen Lebhaftigkeit uns ins Feuer setzt, o du, der du in der Natur erfahren bist, sich die Herzen der Hirten, ihre ungekünstelte Leidenschaften , und ihren zärtlichen Kummer. Der untergehende Phöbus schiene hell und glänzend, und wollichre Wolken wurden von einem Purpurlicht durchstreift, als der vortrefliche Sänger Hvlas mit seiner harmonischen Klage Felsen weinen, und Berge seufzen lehrte. Geht angenehme Winde und tragt meine Seufzer weg! Bringt die zärtliche Töne zum Ohr meiner Delias So wie eine traurige Turteltaube ■ - P p ihren L9s A>4>chmblatze. ihren vsrlohrnen Geliebten beklaget, und mit tiefem Girren die schallende Ufer erfüllt, so klage ich entfernt von Delia den Winden, wie sie, unert Hütt, unbedauert und trosiloß. Geht angenehme Winde und tragt meine Seufzer fort! Jhrentwe- M vergessen Vie gefieverte Chöre ihren Gesang: Jhrencwegen versagen die Linden ihren erquickenden Schatten : Jhrentwegen hangen die Lilien das Haupt und sterben. Ihr Blumen die ihr von dem Frühling vergessen werdet und verwelket, ihr Vögel, die ihr von dem Sommer verlassen seyd und zu singen aufyürt, ihr Baume die ihr verwelket, wenn die Warme des Herbstes entweicht, sagt, ist die 'Abwesenheit nicht ein Tod für diejenige welche lieben ? Geht angenehme Winde und kragt meine Seufzer weg! Verflucht sey das Feld welches meine Delia zurückhält: eine jede Blüthe verwelke, ein jeder Baum werde entblättert, eine jede Blume sterbe, und alles gehe zu Grund; nur Sie nicht. Was habe ich gesagt ? Wo meine Delia hin- sliegt, da soll sie der Frühling bedienen, plötzlich Blumen entspringen, und sich öfnende Rosen knotichte Eichen zieren, und fließendes Ambra von einem jeden Dorn tropfen. Geht angenehme Winde und tragt meine Seufzer fort! Die Vögel sollen aufhören ihren Abendgesang ertönen zu lassen , die Winde zu wehen, und die schwankende Gefilde sich zu bewegen, undSttöhme zu murmeln ehe ich aufhöre zu lieben. Wallende Quellen sind dem durstigen Hirten nicht halb so angenehm , noch der balsamische Schlaf denen von Arbeit verzehrten Landleuten, noch der Regen den Bergen, oder der Sonnenschein den Bienen, als mir dein Anblick ist. Gcht angenehme Winde und tragt meine Seufzer fort! Komm, Delia, Komm, wofür dieser lange Verzug? Durch Felsen und Höhlen erschallt der Nähme von Delia, und Delia antwortet eine jede Höhle und wiederhallender Felsen. Ibr Götter was für eine angenehme Einbildung schmeichelt meinem Gemütbe? Träumen die Liebhaber, oder ist meine Delia geneigt'? Sie kommt, meine Delia kommt: Höre nun auf mein Gesang, und ihr Winde hört auf meine Seufzer hinweg zu tragen. Hierauf Wochenblatt. 299 Hierauf sangAegon, indessen ihn die Wälder von Windsor bewunderten. Erzehlet ihr Musen, was ihr selbst ihm eingegeben habt. Erschallet ihr Hügel, erschallet von meinem traurigen Gesang. Ue- ber die treulose Doris beklage ich mich sterbend , hier wo die Berge sich schmählern, je mehr sie steigen, wo sie die niedre Thäler verlassen , und sich in den Himmel hinauf stehlen; indessen daß die arbeitsame -Ochsen mit Mühe und Hitze beschweret, von dem Feld mit matten Tritten zurückkehren, und der sich ringelnde Rauch von den Spitzen der Dörfer gesehen wird, und die schnelle Schatten über das dämmernde Grüne hingleiten. Erschallet ihr Hügel, erschallet von meinem traurigen Lied ! Unter jenem Pappelbaum haben wir oft unsre Täge hingebracht, oft habe ich in die Rinde ihre verliebten Gelübte eingeschnitten , während dem sie die gekrümmten Aeste mit Kränzen behängte. Die Kränze sind verwelckt, die Gelübde sind verschwunden. So starb ihre Liebe, und so verschwand meine Hofnung. Erschallet ihr Hügel, erschallet von meinem traurigen Gesang! Nun erfreuet der glänzende Arcturus die fruchtbare Saat: Nun scheinen gold- ne Fruchte an beladnen Aesten, und süße Trauben schwellen von Fluchen von Wein: Nun mahlen rolhe Beeren den geldlichen Wald. Gerechte Götter, müssen alle Dinge in ihrer Ordnung wieder kommen, nur die Liebe nicht? Erschallet ihr Hügel erschallet von meinem traurigen Lied ! Die Hirten rufen: deine Heerden sind ein Raub. Was hilft es mich die Hcerden zu hüten, mich der ich mein Herz verlohr, währenddem ich meineSchaa- se bewahrte. Pan kommt und fragt, was für eine Zauberey meinen Schmerz verursacht, und was für böse Augen schädliche Strahlen schiefen. Ach was für andre Augen als ihre sind fähig zu rühren , und giebt es noch eine andre Zauberey außer der Liebe? Erschallet ihr Hügel, erschallet von meinem traurigen Lied! Ich fliehe von den Hirten, den Heerden, und den blumichten Ebenen. Ja, von den Hirten den Heerden und den Ebenen will ich fliehen , das menschliche Geschlecht, Uttddie ganze Welt vergessen, nur nicht dieLiebe, ich kenne dich . ' P p 2 Liebe, Wochenblatt. 500 Liebe, du bist in entfernten Gebürgen geboren, Wölfe haben dich gesaugt, und grausame Tüger genahret: du birt aus des 2letna brennenden Einge« weiden herausgerissen worden, von strengen Sturmwinden erzeugt, und in dem Donner gebobren. Erschallet ihr Hügel, erschallet von meinem traurigen Gesang! Lebt wohl ihr Walder, lebe wohl du Licht des Tages : Ein Sprung von jener Küppe soll meinen Kummer endigen. Erschallet ihr Hügel erschallet nicht mehr von meinem Gesang. So sangen die Hirten bis zum Anbruch der Nacht: Die Himmel waren noch roch von dem scheidenden Acht, als der fallende Thau mit Perlen den Wald bedeckte, und die niedrige t^omie die Schatten verlängert hatte. Die Lebenoregel eine Erzählung. Als ein gewisser angesehener und wackrer Greis, der in seiner ganzen Nachbarschaft beliebt war, an derjenigen Krankheit darnieder lag, "welche die Welt eines so würdigen Mannes beraubte, behielt er feinen Verstand und sein aufgeräumtes Wesen bis an sein Ende. Den Nachmittag zuvor, ehe er starb, ließ er alle seine Kinder rufen. Nachdem sie sich um sein Bette versammelt hatten, sprach er mit gelaßmr und lächelnder Miene also zu ihnen: Es ist hohe Zeit, meine lieben Kinder, daß ich von euch Abschied nehme. Betrübet euch nicht so sehr; ihr wisset ja, ich bin in meinem sieben und achtzigsten Jahre. Weil ich zu einem so hohen Alter gekommen bin, so habe ich des Lebens völlig genug, und zweifle nicht an einer glücklichen Zukunft. Da ich aber so lange in der Welt gewesen bin , so habe ich euch noch einige Worte, n?;gen eures Bezeigens darinn, nach meinem Abschiede, zu sagen: Ich habe bemerkt, daß es zehn Lebensregeln giebt, nach welchem sich die vornehmsten Leute der gegenwärtigen Zeit zu richten scheinen. Sich bevm Eintritt oder Ausgange aus dem Zimmer Mit einer Art von Sorglosigkeit, oft auch Nachläßigkeit, zu beugen. Sich Wochenbett. > 3°i . Sich eines beschwerlichen Dinges, mit Namen Sittsamkeit, so zeitig als möglich zu entschlagen. Bereit zu seyn, in allen Gesellschaften vou allen Materien obenhin zu schwatzen. Sich zu stellen, als ob man für nichts sorgte; und in der That auch nur für sehr wenig Dinge sorgm. Seine Häuser weit kostbarer zu schmücken und auszuschlagen, als es die Einkünfte erlauben. Vergnügt zu scheinen, meine Söhne, wenn ihr böse seyd; und böse zn scheinen,'meine Töchter, wenn ihr vergnügt seyd. Für Gunstbezeugungcn ein schlimmes Gedachtniß, für Beleidigungen aber ein sehr gutes zu haben. , • , Jeden zu verachten, der ärmer oder nicht so wohl erzogen ist. Sich Ehegatten auf Lebenszeit mit geringerer Sorgfalt und Vorsicht auszusuchen, als man bey dem Kaufe eines Kutschpferdes gebrauchen würde. - , M Sorgen und Pflichten des Lebens, welche die Folgen einer solchen Vttbindung sind, hinwegzulachen. Dieß sind die zehn großen Lebensregeln, welche itzt von den besten Leuten nach der Mode beobachtet zu werden scheinen. Ich aber muß euch n'stchett, daß ick selbst so altfränkisch gelebt, und niemals viel darauf ge- halten habe. Anstatt auf jene Regeln zu achten, ist^ vielmehr der einzige Nweck meines Lebens dieser gewesen: So wenig Boses , und so Viel Gutes, als nur möglich, zu thun. .Und diese große Lebensregel vermache ich euch, meine lieben Kinder, als eine Erbschaft, welche dre Güter weit übertrifft, die euch mein letzter Wille zuergnen wird. AvertifTement. Nachdem« dir Sophia Hjußerin eines verstorbenen Soldaten hin. tetb'iebenc ledige Tochter von hier aus Giesen bärtig feit kurzem mit Zurücklassung eines geringen Vermögens bui'