Messer Nochen-Matt, Num. XXV. Dienstag den 1750. Mit Hochfnrstl. Hestendarmstädtrfcher gnädigsten Erlaubniß. ,r haben Mit nicht tveniger Betrübniß vemomnlen/ daß wir Su Putze bey manchem Frauenzimmer Mecht« Ehre emgeleget haben sollen / ohnerachtet unsre SSÜSaÄ’ T &„w- Wir haben UNS daher entschlossen unsren guten Willen inskünftige nicht mehr der Dispositron unserer Einsicht zu überlassen/ sondern ent- weder von gar nichts mehr zu schreiben/ was das schöne Geschlecht angehet / oder- wenn ja dergleichen von uns gefordert wird/ nicht nach unsrem eignen Sinne sondern nach dem Geschmacke derer / die es betrift/ uns zu richten. Schwerlich wird man einen großmuthlgern Schriftsteller finden / der seinen Verstand mehr unter den Gehorsam der Ehrfurcht demurhiget / als wir hinführo thun wollen. Und von diesem un- serm ernsten Vorsatz soll gleich dieser Bogen die Probe sepn. Man hat uns mit grosser Mube dahin gebracht / dasi wir vom Kusse schreiben; da wir aber endlich nachgeben müssen/ so wollen wir uns dergestalt aufführen/ daß es uns nicht zum Vorwurfe gereichen kann. Zuvorderst aber erinnern wir/ daß eine vorsichtige Bemühung uns bereits fehl geschlagen. Wir dachten : das Frauenzimmer nimmt Antheil / es wird also gut !e»n/ daß man sich rnit ihm unterrede/ und frage/ was es befehle/ das wahr oder falsch / gut oder böse seyn soll ; aber diejenige / .Die am meisten imeresstrel sind / Vb Wei, Gresser WSchett-Blatt/ Num. XXV haben wir nicht die Ehre zu kennen/ und die wir kennen / fertigten uns damit ab/ daß sie sagten / es gehe sie nichts an. Unsre drey gute Lehrmeisterinnen / die man unter hem unrechten Namen gerathen hat/ wollten auch nicht mit der Sprache heraus/ so wohl weil wir ihnen vorher aus Unvorsichtigkeit im Vertrauen gesagt/ daß sie ihre Gedanken von der Kleiderzierde in Gesellschaften nachdrücklicher verthardigen oder gewär- thiget seyn sollten / daß wir nach dem Beyspiel des H. Augustins Widerruffungen schrieben um die verlohrne Gnade ernigee Frauenzimmers wieder zu erhalten; als auch weil man ihnen ansehen konnte / daß sie solche Grundsätze hegen/ mit welchen man nicht heraus rücken darf/ ohne zu wagen / daß man es noch ärger verdirbt- WaS war also zu tbun ? Wir verfielen auf einen andren Amchlag und siehe! er schlug wie- der sthl. Denn wir hielten davor/ man müsse sich ein ganz vollkommenes/ wolggezo. aenes/ vernünftiges/ tugendhaftes und dabey doch galantes u. s. w. Weibsbild/ mit einem Worte em unverbesserliches Muster des Frauenzimmers/ in der Einbildungs- kiiist vorstellen und alsdenn die aus seinen Eigenschaften vermutheteMaximen als solche/ die von allen andern gebilliqet werden mü|ten/ vertragen. Allein dabey kamen so viele Bedenklichkeiten vor / daß wir es wieder willig fahren liessen. Denn / um nur die hauptsächlichste anzusühren/so fürchteten wir dieses den Engeln allerdings nahekommende Bild möchte uns aus Mangel genügsamer Lebhaftigkeit und Nachdenkens mcht recht gerathen und zu Lehren verleiten / die von feurigen Köpfen mit spöttischen Anmerkungen könnten durchgezogen werden. Diese Furcht stärkte noch das/ daß ein solches Frauenzimmer kaum einmal in der-Welt ist/ und folglich von den andern so oft Überstimmt werden muß/ daß/ wenn auch an aller unsrer auf seine Vorschriften gewendeter Mühe nichts auszusetzen wäre / sie dennoch in keine Betrachtung gezogen werden würde. Also war nichts übrig/ als daß wir/ da wir doch von Küssen reden sollen / erst von solchen sprechen/ dabey wir feine Gefahr habm uns zu versehen / und alSdenn zu letzt von den gefährlichen so handeln/ daß uns kein Tadel treffen soll/ als welchem diejenige selbst unterworfen sind/ deren Handlungen wir urfie Richtschmy fepn E^n^er wird nicht nur durch die Gewohnheit gerechtfertiget / sondern die Vernunft selbst muß ihn leben/ in so weit er ein Zeichen unsrer Unteribämgfeit und Hochachtung ist. Es ist uns eine Ehre / wenn em grosser Herr uns vergönnt/ daß unsre Lippen seinen Rock berühren / und er unterscheidet uns von andern vorzüglich/ wenn er uns an dessen statt die Hand barbutet. Wir können ihn nicht in die Seele sehen lassen / so müssen wir durch äusserliche Kennzeichen an den Tag legen/ was in ihr jss. Warum fällten nicht also unsre Lippen/ die gewöhnliche Dollmctscher des Herrens/ auch hier auf eine besondre Weise eine besondere Gemüthsverfassung auszudru. cken die Erlaubniß haben/ und wie könnte man den hohen Begriff von dem andern und folglich die Erniedrigung ferner selbst besser zu verliehen geben/ als daß man durch Er- Sreiffung des Kleidesanveuket/ daß man sich vor unwürdig erkennet/ die Glieder selbst gnzmührelr? Dienstag den;een 3tut. i7fo. r-s Eine freue und herzliche reine Liebe ist so nahe mit her auftichtigen Hochach^ tung verwandt/ daß die B-lligkeit erfordert jene und diese mit einerlei Merkmal zu erkennen zu geben. D-e Liebe ist eine Vereinigung der Seelen / was ist vernünftiger/ als daß man sie durch die Vereinigung der Lester anzeiaek? W>e aber die Bosheit überhaupt auf keine Weise zu entschuldigen / so ist si- besto scheußlicher / wenn sie ihren Gift mit der Farbe der Freundschaft zu überkleistern sich bemühet. Man muß demnach die Unmenschen mit Entsetzen ansehen / die ihren innerlichen Groll und die öfters blos aus Furcht der Straffe zurück gehaltene Mordbegierde mit dem falschen Judaskuß zu versiellen pflegen. Ioab stoßt zwar heui zu Tage nicht gleich mit dem Dolche zu / allein fein Mund ist noch auf Erden, und sein -Herz ist deswegen nicht besser. Sollten wir auch alle Küsse theils aus Ernst / theils heuchelnd loben / so lasset doch unsre Natur nicht zu / diese verfluchte Art derselben auch nur zum Spotte zu verthaidigen. Bis daher wird niemand wegen unsrer Philosophie über die Küsse sich zu beschweren Ursache haben. Es sind aber noch andre von den vorigen unterschiedene übrig / die eine andre und zweyerley Geschlechter erfordernde Gattung der Liebe zum Grunde haben. Wir hatten im Sinne sie geile Küsse zu nennen. Weil wir aber befürchteten/ diejenige / die zu sehr an den Worten zu kleben gewöhnet sind/ möchten daraus den Verdacht schöpfen / als wollten wir durch einen unangenehm klingenden Namen alsbald im Anfänge einen Widerwillen gegen sie erwecken / und unö den Zahnen der Splitterrichter überantworten; so haben wir es aus Behutsamkeit unterlassen/und heissen sie hiemit verliebte Küsse- Von denen sind die Meinungen der Gelehrten unterschieden- Die sich am besten darauf verstehen / und denen man folglich / als Meistern in der Kunst/ am meisten glauben muß/ halten sie vor ganz gut und löblich. Dieses ansehnliche Vorurtheil ist die Ursache/ derenthalben wir uns entschliessen/ zu dieser Parthie über zu tretten. Wir sehen zwar wohl zum voraus/ daß es mistrauische Leute geben wird/ die sich nicht scheuen werden / vielleicht so gar öffentlich zu sagen / eS sey nicht unser Ernst / und wir wollten unS entweder auf Kosten der Verliebten lusti- machen/ oder/ welche Auslegung unS zur Noch noch lieber wäre / wir sähen eine solche Verstellung alS ein Mittel an / die Gernküsser und Gernküsserinnen auf andre Gedanken zu bringen. Allein solche Urkhcile andrer müssen wir uns zwar gefallen lassen/ weil ihre Gedanken nicht weniger als unsre zollfrei) sind; wenn man aber auf das folgende acht haben will/ so wird man sehen/ wer recht hat. Und damit jederman so wohl von der Güte der verliebten Küssen/alS von unsrer ungeheuchelten Gesinnung desto geiviffer überzeugt werde / so wollen wir neben dem Vortrag unsrer Gründen / die Feinde der Küssen nicht nur geziemend widerlegen / sondern auch heftig herunter machen. Ein gewisser alter Grillenfänger/ Namens Gocrates / der ein paar bös» Weiber hatte/ die in ihrer Jugend Huren waren / ein Mann der vor der ganzen Welt/ selbst vor feinen Richtern keinen Respekt hatte/ aber auch endlich einen feinen Becher Bt> i voll rzS Gresser XVoebenbldtt/ Nurn. XXV. voll Gift davor austrinken mußte, ließ sich/ als ein gewisser Lntöbulus ein hübsche- Magdgen küßte / mit einer ihm gar nicht geziemenden Automat vernehmen/ derselbe sey viel verwegener gewesen / als wenn er in die Spitze blosser Degen oder ins Feuer gelausten wäre / weil er die Kühnheit gehabt/ ein schönes Gesicht zu küssen. Man sichet wohl/ daß Sscrates die Welt nicht gesehen hat / wäre er zu Paris und an dergleichen galanten Orten gewesen / so- sollte er anders geurtheilet haben. Xcns<- Phon gab ihm daher eine tüchtige Antwort : gewißlich / sagte er / mich deucht / daß ich mich eben derselben Gefahr aussetzen würde / als er. Wir wollen ihre fernere Unterredung hierher setzen/ damit jedcrman sehe/ was ein jeder vor Gcknde hat. Soi erstes erwiederte/ ach du Unglücklicher bedenkst du nicht / was sich äussert/ nachdem du ein schönes Gesicht geküsset hast; verlierst du nicht deine Freyheit» wirst du dicht ein Sklave; verbindest du dich nicht zum übermäßigen Aufwande / deine Wollust zu sättigen; findest du dich nicht in der Unvermögenheit Gutes zu thun; und fühlest du dich nicht gezwungen / dich ganz und gar zur Erlangung solcher Dingen aufzu- legen / welche du verachten würdest / wenn deine Vernunft nicht verdorben wäre > O GOtt, sagte Xmophon/ dieses heißt einem Kusse Stärke beylegen. Und du wunderst dich darüber/ antwortete Socrates : siehst du nicht die Meine Spinnen / deren Biß so giftig ist / daß er nicht allein unsägliche Schmerzen verursachet / sondern auch so gar den Verlust des Verstandes nach sich ziehet. Ich weis es gar wohl/ sagte Xenophon; allein diese Thiere lassen beym beißen den Gift fahren. Und du denkest/ Uiwernunftiger! setzte Soctares dazu / daß die verliebten Küsse nicht vergiftet sind/ weil du das Gift nicht siehest ? Wisse / daß ein schönes Frauenzimmer ein viel gefährlicher Thier / als die Sco. Pionen/ ist/ weil uns diese nicht eher verletzen können / als bis wir sie anrühren; allein die Schönheit rühret uns / ohne daß wir uns derselben nähern: man mag sie von einer Seite her ansehen von welcher man will/ so vergiftet sie uns/ und verrücket unfern Verstand. Ich rathe dir also/ Lenophon wenn du irgend eine Schönheit entdeckest / zu fliehen ohne hinter dich zu sehen: und was dich anbelangt/ Kritobulus! so deucht mich / daß es dienlich vor dich seyn würde/ wenn du dich ein ganzes Jahr entferntest ' Denn diese Zeit wird zur Heilung deiner Wunde nicht zu lange seyn. Hier hat das albere Gespräch cm Ende/ welches jederman selbst zu beurtheiien im Stande seyn wird. Wir sind gezwungen etliche / wiewohl an sich überfiüßige/ Anmerkungen blos zu dem Ende zu inachen/ damit man überzeuget werde / daß wir es mit dem artigen Lenophon unö nicht mit dem nrurrischen Sociales halten. Was soll das heissen / durch einen Kuß die Freyheit verliehren und ein Sclav werden? Wahrhaftig wer ein schönes Weibsbild küßt / der nimmt sich ja eine Freyheit und bahnt sich den Weg zu mehreren Freyheiten/ wie kann man denn sagen/ daß er die Freyheit verliehre. Gesetzt es gienge auch auf einer andern Seite etwas von derselben drauf/ so begiebt man sich ja dessen gutwillig/ und ist also daraus kein grosses Werk zu machen. Das übrige was Socrateö gleich darauf setzt/ zeigt an/ daß er ein GeitzhqlS/ ein Pietist und ein bequemer Weichling gewesen/ Per qlle zum Vergnügen _ Drenstag den i;ttn Jun. r-fo. l97 gnügen gereichende Ausgaben fliehet/ mit nichts als guten Werken zu chun haben will/ und alle Bemuhungen/die mit einer sorgfältigen Furcht begleitet sind/ verabscheuet. Das aber ist entsetzlich/ daß er das Frauenzimmer mit Spinnen und dazu nut Taranteln vergleicht. Wir sehen nicht die geringste Äehnlichkeit ausstr di«/ daß die von Taranteln gestochene und die Verliebte alle beyde gern tMzen/dabey aber ist doch dergroffeUn- tei schied / daß jene durch den Tanz geheilet/ diese mehr verwundet werden. Beraubt denn das Frauenzimmer einen des Verstands? Ev man sieht ja nicht/daß ein Mägdgen um ein Haar breit klüger wud/ wenn sie schon zehn Liebhaber hat/ und da das weibliche Geschlecht zum scherzen und sticheln aufgelegt ist/ so muß es ja heissen: vcxatia dat intellcdum. Ganz und gar unerträglich lsts/ wenn er Vie schöne Art der Menschen abscheulicher machen will / als die Sco, pionen; es ist kein Wunder / daß seine Weiber so böse mit chm umgegangen. 3cantippt kormre die Mannsleute vor ihrer Verehlichung gar wohl beleben, und man hat fein Epempel/ daß sie einen mit Gift hingerichtet hätte. Wenn man aber erst ein Scorpion gescholten wird/ so ist kein Wunder / daß man sich scorpionenmäßig ausiühret. Am Ende relegiert er noch gar den artigen Kritobulus. Wenn man auf Universitäten so zufahren tvolte / so würde man sie in weniger als vier Wochen gänzlich zu Grunde richten/ und wo wollte man die Leute hinfehiefen / da sie nicht wieder etwas zu küssen anträfen. Das war ein ungeschicktes und deswegen widerlegtes Urtheil von einer Mannsperson. Man hat auch WeibSleute / die sich so vergehen. Eine alte Königin / Namens Penelope/ die Mutter des Telemacbs/ bei) dem der bekannte gleichfalls mit solchen unfreundlichen unO heut zu Lage aus der Mode gekommenen Grundsätzen ungefüllte Mentor Hofmeister war / sott von so übertriebener Keuschheit gewesen sei-n / daß sie die viele in ihres Gemahls des Ullfses Abwesenheit sich bey ihr versammlende Liebhaber dergestalt kahl und unhöflich abgefertiget / daß sie sich nicht ein einigmal von ihnen küssen lassen; ja sie soll ihren eignen Sohn von Mutterleib an bis an ihr Ende blos deswegen nie geküßt haben/ weil sie die abgeschmackte Meinung hegte/ daß sie diese Ehre niemand als ihrem Gemahl erzeigen dürfe. Man will eben das von de, Maria von Medrcis sagen. Allein entweder sind diese Erzehlungen falsch und von den Poeten erdichtet; oder wenn sie wahr sind ; so waren daS zwey ausnehmende Muiier des Frauenzimmers/ nach welchen wir uns / dem obigen Versprechen infolge/ ganz und gar nicht richten wollen. Es ist in dergleichen Dingen höchst gefährlich/ die Handlungen der Alten sich zur Richtschnur dienen zu lassen/ und die Welt hat/ nachdem sie vernünftiger worden ist/ eingesehen/ daß sie es in vielen Stücken gröblich »ersehen. Z. E- Lucrena begieng die abscheuliche That eines Selbstmordes/ weil ihrer nach dahmaliger Art so genannten Ehre Gewalt angethan worden: aber in unsren Tagen lacht man darüber und ein Mann / der die Welt kannte/ machte folgenden schlechten aber dabei) gründlichen Vers darauf: Lucretia / hab Dank vor deine Ehrr Hegt iu TW ersticht sich keine mehr, B l> ; Soft f«;g Gresser Wochen--Blatt, Num. XXV. Solche Sachen entstehen daraus/ wenn man die Maximen der Penelope hat/ und/ wofern daü wahr rft / was wir kaum von ihr erzählet haben / so ist sehr vcmiukh- hd) / daß sie/ wann sie in die Umstande der Lucretia gekommen wäre / in eben diese.dc Verzweigung würde gefallen seyn. Worzu l)at man aber nüthig/ sich derglei- eben Unglück auszufetzen ; man erlaubt lieber ein Küßgen in Ehren / so wird man nach und nach dazu aufgelegt / auch was weiteres zu ertragen. DaS ist in der Tbat etwas nachdenkliches und etwas / daö uns in unsrem Gewissen überzeuget / daß die Erdul« düng verliebter Küssen auf Seiten des Frauenzimmers / als ein gewisses und sichres Mikkel wider den Lucretzischen Selbstmord allerdings jederman verdienet angepriesen zu werden. Zudem scheinet man ein ziemlich neidisches Gemüth dadurch zu verrathen/ wenn man seinem unschuldigen Nächsten/ der einen herzlich liebt / und der vor Br« Zierde ein wenig an einem zu kecken mit allen Gliedern des Leibes zittert / diesen kleinen Gefallen abschlägt- Man hat ein Exempel von einem schlechten Manne in der Gegend/ der einer schwängern Frau vergönnet/ dreymal in seinen blosen Arrn zu beissen und mit seinem Blute ihre Lust zu stillen; warum sollte man einem/ wohl nicht am Leibe/ doch in der Seele mit weiteren Gedanken/ die «hin sonst ohnfthlbar qbgehen würden/ schwängern Freunde riicht den Liebesdienst erweisen und ihn / damit wir nach der verliebten Sprache reden / etliche Rosen von den Lippen pflücken lassen/ die nicht nur ohne Schmerzen / sondern noch dazu mit bevderfeitigem Vergnügen abgebrochen werden können ? Wenn ein Mannsbild ein Feind der Küsse ist / so zeigt es ganz deutlich/ daß ihm vor der reinen und zarten Haut des Frauenzimmers eckelt / und das ist ein Beweis / daß es kein rechter Mensch ist. Denn ein solcher muß denken / daß ein Weibsbild Fleisch von seinem Fleische ist / davor er Feinen Widerwillen haben darf/ besonders wann eS sauber ist. Ist es also ein Vorzug eines Vernünftigen vor andren / daß er in allen seinen Thaten sich als ein Mensch erweiset; so erfordert auch die von den Gesetzen auferlegte Weisheit von einem Manne/ daß er sich im Küssen fleissig übe. Die Natur weis uns gar wohl ihren Willen bekannt zu machen / wenn man nur auf ihre Stimme achtete. Man sehe einmal das unvernünftige Vieh oder Leute an/ die ihren Begierden eben wie dasselbe den Zügel schiessen lassen; so wird man die Triebe entdecken/ den man zu folgen hat. Einige Thiere beriechen sich/ andre belecken sich/ noch andre schnäbeln sich / mit einem Worte / ein jedes hat seine Liebkosiingen; also versteht man ja daraus / daß dem Winke der Natur zu Folge die Menschen einander küssen müssen. Nun haben wir gewiß das unfrige rechtschaffen gethan. Denn dielverlieb- ten Küsse sind noch von keinem Menschen so herausgestrichen und ihre Güte ist nie so erwiesen worden / als von uns. Die Eigenliebe flieht uns daher das Recht zu vermu- then / daß alle diejenige, die durch unsre Moral bisher beunruhiget worden/ durch unsre jetzige Mühe wiederum werden besänftiget werden. In derselben Hofnung wollen wir nun zum Beschlüsse noch alle Einwürfe aller möglicher Widersacher mit einer bündigen Kürze in eins zusammen ziehen/ und dieselbe alle mit einem Schlage zu Boden wer- Dwnsrag den i.)Un Jun. 1750. werfen. Man sagt/ Küssen diene nicht nur zu nichts/ und sollte also schon deswegen unterlassen werden : sondern es sey noch dazu ein verbottenes Oel/ daö in das Feuer der unvernünftigen Begierden gegossen werbe. Es küsse sich niemand/ wenigstens in unfern Gegenden / als solche/ die bereits verliebt sind/ dadurch aber zeige man nicht nur einander/ daß beyde leiden tonnen, daß es weiter kommt und öfne also die Thür zur Sünde/ zur Schande und zum Schaden / sondern «nach« auch die allschon ihre Schranken überschreitende Hitze nod) g-walriger. Man starke den Feind / den man schwächen sollte / und setze sid) also äusser den Stand seine Keuschheit zu bewahren. Dabey öfne man andern Leuten den Mund und werde bey ihnen verächtlich / weil sie tbellö mehr glauben / als nod) zur Zeit etwa geschieht/ theils wisten/ was bey solchen Umständen ferner zu geschehen pfleget. Man verliebte also einen Tbeil seiner Ehre unD verursach« / daß andre einem diejenige Dienste und Freundschaft nicht mehr erzel- gen/ deren sie uns vorher würdig hieben/ u. d- g. Die beste/ sicherste und kürzeste Antwort/ dadurch man hn Augenblicke den Einwürfm ein Ende macht / ist die: Was gehts dich an / ich mag thun / was ich will; du hast mir nichts zu befehlen. Werde id) unglücklich / so werde icks vor mich. Was man von mir redet/ ist mein geringster Kummer / weil ich nach des PÖbelö Geschwätz nichts frage- So istö am besten. Denn läßt man sich ins disputieren ein / so kann man Mrlistet werden. Fertigt man einen aber kurz ab / so gehr er mit dem gestopften Maule davon, und läßt einen künftig in Ruhe. Sterb - Fälle. Der Gelehrte und geschickte Herr Dr. Job- Christoph Balser / dessen Tod in vorigem Wochenblatte Nro xxiv. angezeigel und dessen Lebensumstände mitzucheilen ver« sprochen worden / ist den ?itcn Jenner 1710. allhier zu Gsisten gebobren/ ein Sohn Herrn Joh. Balthasar Balsers / Hocbfürstl Hessen- Darmstädtischen Dbereinnehmers und Stadtschreibers hiesildst / welchen er im Lten Jahre seines Alter-/ durch den Tod Verlobten. Nachdem er durch sorgfältige Aufei zirhung und guten Privatunterricht erstlich in hiesiger Stadtschule / und bald nachher im illuftri Pzdagogio unter der Aufsicht des bei ühmten damaligen Pzdagugijrcben untProfeflbris Dr. Joh. Henrich Mayen und auch der Übrigen treuen Lehrer/ in kurzer Zeit cö so weit gebracht / daßenmisten Jahre seines Alters / auf hiesiger hohen Schule seine Sradia ferner fortzusetzen vor würdig geschätzet worden : so befliße er sid) vor allen Dingen auf die Humaniora und Weltweisheit/ insbesondere aber auf die PHyfic und Mathematic, worzu er bey den damahligen berühmten Lehrern dieser hohen Schule/ und insonderheit bey seinem Herrn Orxle Herrn Dr. Berdrieö die bewährtesten Gründe geleqet hat. Vor diesen allen aber erwählte er sich die Rechtögelahrtheit/ welche er mit solchem Esser triebe / daß er 17fg. in seinem r6ten Jahre / feine inaugural* Diflenation de prrna llupri ohne l'rac- fide verkheidigte / und daraus zum J-U. Licentiato ernennet rourDe. Im folgenden Jahre träte tr eme Resse nach Sachse" An und suchte mit denen berühmtesten Lehrern ter roo Gresser Wachen/Blatt/ dlum. XXV. hohen Schulen zu Jem/ Halle/ Leipzig und Göttingen Bekanntschaft / und der- 5iÄ Rath und Anweisung sich zu Nutze zu machen. Als er wiederum in ftyn Vaterland zurück kenn/ läse er der studierenden Jugend verschiedene Collegia, und zwar mit solchem guten Veyfall/ daß er im Jahr 1742. zum ausserordentlichen Lehrer der Rcchtsgelahrtl-eik und der Juristis. Facultät Beysitzcr ernennet wurde / welche Stelle er mit der Rede de refponfis prudcntum antrate. Im Jahr 1744. den rqtenScptem-- dr;S/ wurde ihm das AmteineS ordentlichen Lehrers derer Rechten aufgetragen/worauf,er 1747. die Doktorwürde in der Juristifcl-en Fakultät öffentlich annahme- Sein Lehramt Hal er mit aller Treue und unvergröfferlichem Fleise/brs kurz vor seinem Ende/ welches Den i4tenJumi Abends gegen 5.Uhr erfolget/ versehen/ feines Alters 40« Jahr' 4. Monarhe >4. Tage. Er hat nachstehende Schriften hinterlassen: Disquifitio de libertäre religionis, contra Jo. Petri ßanniza: dodrinam de toletantia diverfarum religionum in eodcna tcrricorio : De forma teftamenti judicialis externa : De caufa & origine diftindionis fponfalium de prxfenti & futuro : De arrcfto fadi & illicito, a judice rei Citx contra forenfem decreto : De foro rei fine apud Germanos : de differentia juris Romani & Germanici, quöad forum rei fitae. Zu verkauffett. Nachdem Se Hochfürstl. Durchlaucht ein vor allemahl gnädigst befohlen/ daß die eingelöste qo.Morgen Stadt-Güter oder sogenannte Wiesenvierteln auf 1.2. ?. Jahre öffentlich verstrichen werden sollen/ als wird solches zu dem Ende jedermännig- sichen bekannt gemacht/ daß ein /eder/ der darzu Lust traget/ sich mif den 24km hujue