Wocheil-Matt, Num. v u Dienstag den 17. Februarii 17jo. - —- — ''— - . , - . . .. kNtt Hochfürstl. Hessendarmstädrisü ;r gnädigsten E^aubm'ß. Kurze Säße von der wahren und falschen Ehrbcgierdk Je Ehre bestehet in einem geneigten Urtheile andrer reute von dem Gucen, so wir an uns haben. So ist e6 einem, der sich auf Erlernung Der Wissenschaften leget, eine Eh« re, wenn man von ihm sagt, er sey fleißig, besitze bereitem grosses Erkennmiß, und führe sich auf, wie es einem frommen und rechtschaffenen Menschen zukommt. Es ist viel daran gelegen, daß man in Diesem Falle das wahre von dem falschen unterscheidet. Denn der Glan; des lezteren verführet viele, und gibt ihnen Gelegenheit, ihre unsträfliche, ja lobenswürdige Neigung, vermöge welcher sie nach der Ehre streben, schändlich ;u misbrauchen. Dieser wichtige Einfluß der gegenwärtigen Betrachtung in den Wandel und die davon abhangende Glückseligkeit und Ünglückseligkeit der Menschen , hat den Verfasser zum Entschluß bewogen, dem geneigten Leser in gegenwärtigem Blatte einige Gründe vor zu legen, welchen man bey müßigen Stunden nicht ohne grossen Vortheil weiter nachdenken wird. Zuerst fällt hierbey in die Augen, daß ein gefälliges Urtheil, welches un- zur wahren Ehre gereichen soll, uns etwas, das nicht nur dem Scheine nach, sondern in der Thal gut ist, zuleget. Wenn ein tapfrer Saufbruder von seinem Ge« & selten p Giesser Wochen--Blatt/ Num. VIT» feilen rühmet, daß er öfters auf einen Sitz drey Maaß Wein in den Leib schütte, L oen |/ten Batzen nicht achte, um in einer durstigen Gesellschaft sein Meisterstück ahmleaen ; so bildet er sich zwar ein, daß er seinem Helden keine geringe Ehre er* leiae “ Allein wer nicht gerade von eben demselben Schrot und Korne ist, wird sich nach'vernommener beschichte vordem einen so wohl, als dem andern einen sehr schlechten Begriff machen, und, wenn er etwa von dem fein gerühmten vorher et# jv,;s g halten, nunmehro ihn gar nicht achten. Wenn sich demnach jemano aufdie unrichtigen Urteile derer, die das schlimme vor gut ansehen, viel einbrldet, so suchet er seme Ehre in der Schande-. , Ist das, was man von uns rühmet, eine wahrhafte Tugend und Zierde dessen, bet) dem es angetroffen wird ; wie ist es möglich , daß es uns zu einer W ten Ehre gerechnet werde, wenn wir es nicht wirklich, sondern blos nach der irrigen Meinung des übel berichteten besitzen? Wer mir nachlagt, daß ich alle mor- aenländische Sprachen vollkommen vu stche, und das Syrische und Arabische fofer- tig rede, als das Deutsche; dem bin ich zwar für die Höflichkeit verbunden , daß er sieh eine so vortheilhafte Vorstellung von mir zu machen behebet: aber so bald ich mich betrachte, so entdecke ich, daß er sich in der Person geirret, und daß ich der nicht bin, dem dieses Lob gebühret. Bin ich also noch so weit bet) meinen Seelenkräften, daß ich mich nicht dem Spiegel zu Trutze in meine Schönheit verliebe, rv.il ein ungeschickter Maler dir Züge des Narciffus tn mein Gesicht gesetzt; so kann ich mir auö solchen Worte', die mich mchts angehen, auch keine Ehre machen. $$ ^er e,ner wahren Ehre erfordert, daß vernünftige Leute die uns kennen, und die da wissen , was gut und böse ist , von uns wohl urtheilen. Wir verlangen nicht gerade grosse und angesehene Personen. Denn es ist leider d>r Erfahrung gemäs, daß die En-sicht bet) denen nicht allemal am großen ist, bey welchen sie es billig seyn sollte. Wir sind zwar nicht in Abrede, daß dir gute Mei- nung der leiten so wohl jederzeit die beste Vermuthung vor sich hat, als auch bett m. isten Vortheil gewahret. Allein wie der höchste Stand n-chk die Macht gewähret, das falsche wahr zu machen , so. bleibet auch das günstige Urtheil, des vornehmsten Mannes, wenn es reine Warheit zum Grunde, und den Verstand nicht rum Führer hat, eine falsche Ehre. Vielmehr ist also die allerbeste Meinung unverständiger Leuten von uns ein Schatten, und eigentlich ein Nachtheu, derselben, weil die klügeren so lange, bis das Gegentheil klar ist , nicht ohne Ursache die Gedanken hegen, daß dieselbe auf einen seichten Grund gebaut seyn werde. Nichts ist in der Welt gewöhnlicher, als die Verstellung , und dieselbe äustert sich am meisten bet) denen Lobeserhebungen, womit man einander begegnet. Der gröste Theil der Menschen leget sich aufs Schmeicheln, und, wenn man gleich Memuget ist , daß der andre an Leib und Seele nichts tauget; so denket man doch, die Worte kosten kein Geld/und weil man# da doch gesprochen werden muß, Dienstag den r?ken Febr. i?fo. f, nicht mehr Mühe anzuwenden braucht, den Ehrgeizigen zu rühmen, als etwa vom Wetter zu reden, durch das erste aber denselben, dessen nun bey gewisser Gelegenheit sich bedienen will, zum Freunde machen kann; so schilt man ihn tapfer, gelehrt, witzig, tugendsam, reich, schön u- s- w. mit dem geheimen Vorbehalt, daß man im Herzen das Gegentheil zu glauben die Freiheit habe. Man schmeichelt auch wohl denen , die uns weder nützen noch schaden können , um sich auf ihre Rechnung lustig zu machen ; und vergnüget sich an dem Anblick eines Menschen, dec sich über das unverdiente Lob wie der Frosch in der Fabel aufbläsct. Wenn es also wahr ist , daß die Ehre in dem guten Urrheile andrer von uns bestehet, und in diesem Falle die andre in der That nicht gut von uns urcheiien; so muß jemand sehr unvernünftig seyn, der dergleichen Reden sich vor eine Ehre hält. Es ist also nö- rhig, daß die guten Worte von Herzen gehen, und eine ungekünstelte Versicherung eines aufrichtigen und verständigen Mannes, daß er uns vor tugendsam halte, gilt hier mehr als alle mit unendlichen kobfprüchen ausgezierte Heucheleyen. Es gibt gewisse sehr gleichgültige Dinge, welche in den Augen und Ohren der Ehrgeizigen grosse Würkung haben. Von der Art sind die Titel, Der Rang u. d. g. Der Rang ist dazu gewiedmet, um wohlverdienten Leuten einen Vorzug vor andern einzuräumen. Man lässet sie voran und auf der rechten Seiten gehen, man setzet sie oben an, man spricht ihnen zu erst zu, und erzeiget ihnen sonst alles, woraus geringere abnehmen können, daß man jene höher hält, als sie. Allein alle dergleichen so genannte Ehren wiederfahren nicht selten denjenigen, die nicht allein ttn geringsten nichts vor andern zum vcxlus haben, sondern die in der That werth wären, daß man gar keine Achtung vor sie hätte. Dieser Ursache halber ist ein hoher Rang eine elende Speise sehr ehrhusgriger Seelen, und ob es gleich verdrießlich ist, wenn man sehen muß, daß man weniger Höflichkeit gegen uns, als gegen einen andern, der nicht den zehnten Theil so viel edles an sich hat, äussert; so ist eS einem weisen Manne gleichwohl nicht schwer, dieses kleine Unglück zu ertragen , weil er sich damit tröstet, daß ein lastbares Thier nicht deswegen besser ist, als Der Müller, weil es vor ihm h rgchet. Die Titel sind von gleich-r Beschaffenheit. Wenn man sie durch Tugend und Wohlverhalten erworben ; so zieren sie, aber nicht so wohl sie selbst , als vielmehr unsre Vortrestichkeit, davon sie ein Zeichen sind. Hat man sie gekauft oder wenigstens nicht verdient; so sind sie Schatten ohne Cörpcr, die nichts bedeuten, als etwa höchstens eine Eitelkeit, vermöge Der wir wünschen, Daß anDre glauben möchten wir seyn etwas, daß wir nicht sind. Sind sie Namen eines höbern Amts, als wir bekleiden; so stehen sie uns, wie Dem kleinen Kinde der Rock seines Vaters- Ist man endlich durch Schandthaten dazu gekommen , so sind sie Schellen, die man uns angehänget hat, damit wir, wo wir hinkommen, unsre Schande verkündigen. Rang, Titel und alles, was hierher gehöret, sind kurz zu sagen Dinge, die Den flehten mcht groß, und Deren Mangel Den grossen nicht klein macht, und G z Die ft Giesser Wochen-Blatt/dkum. Vlk. die mit dem wahren Wesen der Ehre selten, oder geringe, oder gar keine Gemeinschaft haben. Aus diesen Gründen fliesten die Regeln, nach welchen die Begierde nach der Ehre en zurichten und zu mäßigen ist. Wer sicher fahren will, der mache sich derse lben würdig, d. i. bestrebe sich, alle Tugenden des Verstandes und des Willens, Verdienste um den Nächsten, um das gemeine Wesen , um dieiWiffen- schäften und mit einem Worie alle schöne und vortrefliche Eigenschaften eines vollkommenen Menschen zu erhalten und überlaste geruhig der Zeit und dem Glücke daß v-rnünftige und auf ichtige Leute von dem Guten, das ihm beywohnet, Nachricht erhalten- Dieses ist der untrügliche Weg zu einer beständigen Ehre, die man nimmermehr verliehren und nach der man ohne Hochmuth und Ehrgeiz ringen kann und soll, zu gelangen. Zeit und Glück thun allerdings hierbey das ihrige; denn man kann niemand zwingen , daß er ein ungeheucheltes geneigtes Urtheil von uns fällen soll. Des andern Verstand und Willen nimmt Theil an diesem, und wenn ich gleich der ehrlichste Mann von der Welt bin; so kann ich eS mit keiner Gewalt dahin bringen, daß er meine Ehrlichkeit, die ich ihm entweder nicht bewiesen habe oder die er einzus Herr nicht Fähigkeit genug besitzet, erkennet und dieselbe ohne dem Neide Platz zu geben mit Herz und Munde rühmet. Ja das Edle, was wir an unS haben , bekommt erst dadurch die rechte Annehmlichkeit, wenn man stehet, daß wir keine intereßirte Absichten führen , daß wir damit nicht pralen , daß wir es nicht thun um gelobt zu werden. I» weniger wir es zeigen , je mehr buchtet eS hervor, und desto bester gefällt es. - Man findet bey uns immer etwas unvermu- thetes, etwas neues, das man hier nicht gesucht hat, und daS glänzet viel herrlicher , als was ausposaunet und vor den Äugen gleichsam eingeiadener Zuschauer verrichtet wnd. Viele bemühen sich um Ehre; wenige greiffen es recht an. Man fehlet in Erwählung der Absicht, und trift die unrechte» Mittel. Jene bekümmern sich nicht darum, daß sie sich einen inner ichen Wcrth zu Wege bringen; sondern trachten nur nach dem äusserlichen Scheine- Sie verlangen nicht fromm, nicht gerecht, nicht gelehrt u- s. f. zu seyn, sondern wünschen nur davor angesehen zu werden. Manche richten sich gar nach dem Geschmacke der unvernünftigen Menge, und führen sich so auf, daß sie nach deren verdorbener Einbildung vor etwas besonders gelten. Sie fluchen, schwören , saufen und wälzen sich in den Unflate aller Laster herum, damit sie aus dem Munde der Thoren den Ruhm hören, sie seyn ganze Kerl, die sich um GOtt und die Welt nichts bekümmern. Manche ringen nach hochklingendcn Namen und begehren den Vortritt vor andern zu erlangen, den sie die Schuftemen aufzulösen öfters unwürdig sind. Sie haben den Wahn, die Menschen verhielten sich wie die Ziffern, die viel oder wenig bedeuten, nach dem sie weit zur linken oder zur rechten Hand stehen; oder eine Ueberschrift thue heut zu Tage noch Dienstag den men Fcbr. i7jo, f j noch den Dienst, wie vor Alters, da ein ungeübter Zeichner, wenn er statt eines Pferdes einen Esel gemalt hatte, den Mangel damit ersetzte, daß er darüber schrieb: dieß ist ein Pferd. Und wer wolte die falsche Absichten alle erzählen, die einjeder nach seiner Neigung zu erreichen sich vorsetzet i Die Mittel, die zu solchen übel ausgesuchten Endzwecken führen sollen, sind selten besser beschaffen. Viele verachten jederman neben sich, verläumden den Nebenmenschen, kranken den Unschuldigen mit gottlosen Lügen, um vor scharfsichtige, die die verborgenste Fehler entdecken können, und vor scharfsinnige, die gutes und böses lächerlich durchziehen können, angesehen zu werden und zugleich von sich die ungegründete Vermuthung zu erwecken, daß sie nichts Tadelhaftes an sich haben. Die Eigenliebe und der Hochmuth überreden sie, andre ftpn halb taub und nicht im Stande, den Vogel am Gesänge zu erkennen. Viele suchen sich bey denen, von welchen ihre Beförderung abhänget, einzuschmeicheln ; sie schämen sich keiner Niederträchtigkeit, erdulden von denen, die sie erheben sollen, alle Verachtung und allen Spott, bequemen sich die lustige Person vorzustellen, und verleugnen da- bißgen Verstand, das sie in ihrem Leibe haben , um einen kleinen Schritt auf der Bahn der falschen Ehre weiter zu kommen. Viele werfen die wahre Ehre hinweg um die eingebildete zu erreichen, sie stellen sich, wie der Hund, der über den Steg lief und das wirkliche Stück Fleisch, das er mit den Zähnen hielte, fallen ließ, um den Wiederschein desselben in dem Wasser zu erhaschen. Viele opfern ihre, ihrer Weiber, ihrer Kinder, ihrer Freunde Ehre auf, um ein wenig Ansehen bey denen zu bekommen, die in ihren eignen Augen die Mühe nicht lohnen, in Betrachtung gezogen zu werden. Viele wollen mit Geld, von dem sie glauben, daß es die ganze Welt zwinget, die Ehre kaufen, die bloß vor Schweiß feil ist. Viele erhandeln sich vor Geld drei) Buchstaben, die die Kraft haben, sie und ihre Nach» foiger in das Verderben zu stürzen. Wer mehr dergleichen ungeschickte Künste lernen will, der gebe nur Acht auf das, was täglich geschiehst; so wird er zugleich inne werden, daß nicht allein dieses Blatt, sondern der ganze Jahrgang nicht hinreiche, von allen eine Verzeichnis zu machen. Äusser dem, was wir von den Absichten und Bemühungen derer, die von der wahren Ehre keinen Begriff haben, bereits angemerket, verdienet auch noch dieses angeführet zu werden, daß sie sich einen Schatz sammlen oder sammlen wollen, der der Gefahr, verlohren zu werden, gar sehr unterworfen ist. Tägliche Beyspie- le überzeugen uns davon, und wie ists möglich, daß ein Gebäude, das keinen Grund hat, fest stehe ? Vor allen dergleichen Zufällen aber, vor aller List der Feinden, vor allem Unglück, und vor allem, was andre ängstlich fürchten, ist der ruhig und sicher, der ein wahres Lob durch Tugend erworben hat. Denn obgleich der Erdboden allezeit Creaturen träget, deren neidische Zungen sich angelegen seyn las. fen, den ehrlichsten Mann um seinen guten Namen zu bringen, so gibt es doch gar leichte Mittel, sich wider ihren Gift zu wehren. Sind die Lügen allzu offenbar, Gr , als f4 Giesser Wöcheu-Blatb / Num. VH. als daß sie tzin Vernünftiger glauben könnte, oder ist der Verleumder zu bekannt und zu geringe; so straft man ihn Mit Verachtung, und verhält sich gegen ihn wider Mono, Der sich das Bellen der Hunde nicht anfechten lasset. Versündiget sich ja ein Mann an uns, dessen üble Nachrede uns schädlich seyn kann; so widerlege man ihn mit der That, und zeige der Welt dasGegencheil mit den Werken/kurz, man verlasse sich auf das Sprichwort: hüte dich vor der That, der Lügen wird bald Rath. Kennzeichen einer wahrhaften Ehre trift man bey einem in folgendem beschriebenen geringen Manne an, davon der 33te Brief. Der Amufemens de 1" aautle Nachricht gibt, welchen man deswegen übersetzt hat. b§in Ort ist so wüste, wo man sich nicht erbauen kann, wenn tugendhafte Leu- iJv le daselbst zu finden sind. Es ist hier ein Ackermann im sieben und achzigsten Jahre seines Alters gestorben. Er war so rechtschaffen , als je ein Mensch seyn mag- Den Tag vor seinem Tode arbeitete er noch über zwey Stunden, in seinem Garten. Weil ich mich öfters mit ihm unterredet hatte, besuchte ich ihn, so bald ich von seiner Krankheit Nachricht erhielt. Aber wie sehr muste ich mich verwundern , da ich ihn mitten unter seinen Kindern bey Tische sitzen sähe. Er wolte mit ihnen seine lezte Mahlzeit halten, um sie zur Einigkeit und zum Frieden zu ermahnen. Als er sich hierauf wieder in das Bett hatte legen lassen , rief er seinen ältesten Sohn zu sich und sagte ihm in meiner Gegenwart mit einer beweglichen Stimme und einem recht gelassenen Muthe: Mein Sohn, ich hinterlasse dir wenig Vermögen; aber eben dasselbe, wovon ich gelebt habe: Arbeite, wie ich , und du wirst alsdenn vor einen Menschen von deinem Zustande genug zu (eben haben. Du fiehest mich auf dem Todbette liegen, aber ich sterbe ohne Unruhe, weil ich mir nie Rechnung darauf gemacht habe, daß meine lezte Wohnung hier seyn würde. Prä^ ge die Furcht GOttes deinen Kindern durch dein Beyspiel ein. Hatte Freundschaft mit deinen Brüdern, und habe Ehrerbiethung für jederman und denke, daß du, wie ich , sterben wirst. Er redete mich darnach also an : Ich bin recht glücklich, mein Herr, daß ich so lange gelebt, daß ich alle meine Kinder zur Tugend habe anführen können: Sie sind mein Trost in meinem Alter gewesen , und ich sterbe in dem festen Vertrauen, daß GOtt für sie sorgen wird- Als er dieses gesagt, reichte er mir die Hand dar, und wendete sich auf die andre Seite. Ich versich- re Sie, daß ich inniglich gerühret wurde. Niemals hat mich ein Held, ein weiser Mann und ein Philosoph so sehr in Verwunderung gesetzt, als dieser arme Mann auf seinem Lager. Er schien sich so wenig vor dem herannahenden Tode zu fürchten, daß man hätte glauben sollen, er gienge ihm von selbsten entgegen. In der That muß man gestehen, daß ein Mann, der ein so langes Leben nur in Einfalt scheinet Dienstag dm i7teri Febr. 1750. - n scheinet zugebracht zu haben , uns stark genug bewegen kann, von unserm Hochmuth nachzulassen. Ich stelle mir alle Äugenblick vor, was ich gesehen habe, und mich dünket, ste werden es mir danken, daß ich ihnen davon Nachricht gegeben habe. Beschluß der Abhandlung vom Auge und den Vortheilen, durch welche man das Gestüt erhalten Hann. Wer seine Angen erbat en will, der sehe nicht in die Sonne, und andre sehr hell leuchtende Dinge. Denn die allzuhäufige und mit Gewalt auf das Netzhautlein auffahrende Strahlen beschädigen dasselbe eben so wohl, als der allzustarke Schall dem -Ohre nachtheilig ist. Kleine Kinder müssen vornehmlich in obacht genommen werden, daß ihnen nicht in den ersten Wochen zu viel Helle in die Augen fället; weil, gleich wie an ihrem ganzen Leibe alles viel zärter ist, als nachmals bey zunehmenden Jahren, so schadet auch ein geringeres ihren Augen viel mehr, als einem erwachsenen das grössere. Wie oben angemerket worden, ists nicht rathsam bey allzuschwachem Lichte zu sehen. Deshalben hüte man sich, vor dem Lesen bey der Demmerung, und noch mehr bey dem Mondschein , und halte sich des Abends hell und stätbrennende Lichter. Ein Schirm , der darüber gesetzt wird und dem untern Theile eines Zucker- Huts, von welchem der obere abgehauen worden, gleichet und inwendig hell poliret ist, thut dabey gute Dienste; denn er hält nicht nur die Strahlen auf, daß sie nicht gerade aus dem Lichte ins Auge fallen, sondern er wirft auch diejenigen, welche sonst auf jene Seite gefallen wären, hervor und hilft also das Buch, oder was man sonst vor sich hat, desto mehr erleuchten. Einige Leute können bey schwachem Lichte wohl sehen, sind aber bey Hellem blöde, weil theils der Stern in ihrem Auge zu weit ist, und sich nicht genug zu» sammen ziehen lästet, theils das netzförmige Häutlein zu empfindlich ist. Sollen nun solche bey starkem Lichte ohne Beschwerlichkeit sehen ; so stecken sie Brillen vor, die, wofern nicht zugleich ein andrer Fehler eine aus den oben unterschiedenen Gestalten erfordert, ausganzgrad geschliffenen und etwas dunkelen z. E- grünen Gläsern bestehen- Von dieser lezten Farbe sagt man ohnehin, daß sie dem Gesichte vorträglich sey, wenn man aber auch darauf nicht rechnet, so lasset doch die geringere Durchsichtigkeit, die von dieser unfc> andern Farben herkommc, nicht alle Strahlen in das Auge, und es ist folglich nun eben so, als wenn das Licht schwächer wäre. Weil über dieses die Gläser gerade sind, so verändern sie den Lauf d>ackS. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß eben derselbe vielen, die an Feuchtigkeit mrKop- ft Ueberfluß haben, dienlich ist und das Gesicht schärfet. Allein die, von denen wir gegenwärtig reden, haben allezeit Schaden davon zu gewarten. Sonst ist ü- berhaupt zu viel ungesund und diese Regel leidet auch bet) denen, die sonst gute Wür» kung von Schnuptoback empfinden, keine Ausnahm. Auf die Beschassenheit des selben kommt es nicht minder an. Man hat aus der Erfahrung angemerkt, daß der spanische den Augen mehr zusetzt, als der andre, und diejenige Gattungendes (enteren, die den Kopf einnehmen und sonst beschwerliche Zufälle nach sich ziehen, sind denselben gleichfalls mehr als andre schädlich. Das andre ist dieses. Das Schielen ist ein Fehler, dessen Ursprung ge# memiglich von der Zeit, da man in der Wiegen gelegen, herzuhohlen i|L Ein Licht, oder etwas anders besonders, das die Aufmerksamkeit kleiner Kinder auf sich ziehet, macht, daß sie ihre Augen nach einer gewissen Seite zu kehren sich angewöhnen, weil sie den Leib und den Kopf noch nicht zu drehen vermögen. In einem so zarten Cörper ist leicht etwas verrückt, und eine öfters wiederhohlte und lange er# haltene Stellung, wird ihm leicht natürlich, daher geschieht es denn, dcß bey spä- «wen Jahren mit aller Gewalt dielTheile in keinen andern Stand können gebracht werden, und also muß Der Mensch atsdenn sein Lebenlang in Die Quer oDer ins Creutz sehen. Weil mit vernünftigen Vorstellungen zu der Zeit noch nichts auszurich# ten ist , so muß man sich hüten, daß man Den Kindern keine Gelegenheit gibt, die Augen zu verdrehen, und wenn man merkt, daß sich ein Anfang des Fehlers spüren läffet, so muß man ihnen etwas um Den Kopf binden, welches sie nicht anders als gerade vor sich sehen lasset. _____ Lus Leyden hat mau allhier Nachricht erhalten / daß ter berühmte kheo ogu« und Philokoqn« Derr D. Llbrechr Schulten« daselbst »«Jan. in srten^hr seiner Älter« gestorben. Dessen Sohn/Derr D. Joh. Ja» rod Schulten«/ welcher zu Derborn gestanden, trurfe im Sext. 174-. »onda ais Lehrer terMvrgevl-ndi- scheu Sprachen nach Leyden be.iiseu/ an wo er nun stehet/ und den Verlust seine« Demi Vater« ersehet. Dieses Wochenblatt wird alle Diensttage allhier bey dem Verleger Johann Philipp Krieger denjenigen, so auf ein Jahr mit r. fl. oder auf ein halb Jahr mit 1. fl. prxnumetiret, zugesendet; auch wird das Stück einzeln vor ;.kr. abge- aeben. 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