■ " Kicsscr Wochen-Wlatk, Num. VI. Dienstag Den io. Februarii 17jo. Mit Horhfürftl. Hcssmdarmstädttscher gnädlgsicn Erlaubmß. Beschreibung des Au«rs und der Vortbeilen Durch welche man Das Gesicht so weit es ohne Hülfe des Arztes möglich ist, erhalten kann. er berühmteste Augexarzt, Herr v. Johann Taylor, welcher durch feine ausserordentliche und verwundrungS- würdige Euren sich in der ganzen Welt einen unsterblichen Namen erworben , hat sich eine Zeitlang in unsrer Nachbarschaft aufgehalten, und wir sind so glücklich gewesen , ihn selbst in unsrer Stadt zu sehen. Seine unbeschreibliche Geschicklichkeit hat jederman Gelegenheit gegeben, sowohl von ihm und seiner Wissenschaft, als von dem Auge, mit dessen Heilung er sich beschäftiget , zu reden. Wir haben deswegen dafür gehalten, daß es sich bey diesen Umstanden nicht übel schicke, wann wir in unserm Wochenblatte unfern geehrteste» Lesern vom Auge und dessen zum Sehen dienenden Theilen einen Begriff ertheilten, auch dabey einige Lehren vortrügen, durch deren Beobachtung may sich hüten kann, daß dieses köstliche Glied nicht durch unsre Schuld Schaden nehme. Die Absicht unsrer Schrift erfordert solche Abhandlungen, die von einem jeden verstanden und genützet werden können. Wir wollen daher daö Werkzeug 8 des < Gftsier Wdchm-Blatt/ dlum. VI. des Gesichtes auf eine solche Weise zu beschreiben uns angelegen seyn lassen, baß nicht nur dessen Beschaffenheit ohne Mühe erkannt, sondern auch das Erkenntniß sowohl die unendliche Weisheit des Schöpfers vernünftig 6u bewundern, als daö, was Nachtheii bringen kann, sorgfältig zu vermeiden angewendet werden kann. Wir betrachten demnach zuvordech die zwei) hauptsächlichsten Theile des Auges. Der erste ist eine sehr dichte und den festen Cörpem nahe kommende durchsichtige Feuchtigkeit, welche rund und auf beyden Seiten erhaben ist. Sie wird die crystaUine Feuchtigkeit genennct, und kann mit nichts besser vergli- et en werden, als mit einem etwas grossen Vergrösserungsglas, daS auf beydm Seiten erhaben geschliffen in. Der andre ist ein überaus zartes aus den allerfeinsten Nervenfasern gewognes Häutlein , welches den Namen der netzförmigen Haur fahret. Jene sinder ihren Platz beynahe in der Mitte der Höhle des Auges, und diese Überzieher die Hintere Wand derselben. Die Strahlen, welche von den au,fern Dingen ausfahren , gehen durch die crystalime Feuchtigkeit durch und malen auf der netzförmigen Haut die Bilder der Sachen klar und deutlich, aber sehr klein ab; so daß man sich dieses alles aufdas natürlichste vorstellen kann, wenn man ein Vergrösserungs-Brenn-oder Brillenglas gegen das Fenster kehret und dahinter in einer Weite, die man durch Versuchen bald findet, ein weisses Papier hält. Dann alsdenn stehet man auf dem Blatte ein durch das Glas nett abgemaltes Bildlein des Fensters, welches desto schöner und Heller erscheinet^ je dunkler der Ort um dasselbe herum ist. Dieser Vottheil ist auch von der Natur nicht versäumet worden. Denn das menschliche Auge welches blos vornen mit einer durchsichtigen, sonst aber rings herum mit einer undurchsichtigen Haut umgeben, ist inwendig schwarz, damit der innere Raum recht finster sey , und daher daS Bildlein auf der netzförmigem Haut an feiner Lebhaftigkeit keinen Abgang leide. Die crystalline Feuchtigkeit wird in ihrer gebührenden Entfernung von des netzförmigen Haut durch eine andre eurer ziemlich fteiffen Stärke gleichende Feuchtigkeit, welche die glaferne heisset, erhalten ; und der vordre Raum des Auges zwischen der crystalluien Feuchtigkeit und der durchsichtigen, der Aehrmchkeit hast er fo genannten, Hornhaut wird von der wässengeir Feuchtigkeit erfüllet. Diese festere ft sehr fiüßlg, und Dringet, wenn das Auge verletzet wild, gelchwiud zur Wunde heraus. Hmter der Hornhaut befindet sich noch eine andre sehr zarte und bey verschiedenen Menschen mit verschiedener Farbe gezierte, welche daher dre Farben* haur genennet wird. Sie ifts, welche dem Auge das schönste Ansehen giebt, und von ihr sind die: Benennungen der schwarzen, braunen, blauen u. s. w. Augen herg^nommen. Wann mau sie abgesondert und alleine steht, fo trauet man ihr die Kraft, die Herzen zu ziehen und zu überwinden, welche sie vermöge der Erfahrung hat , nicht zu. 9?^n kann also aus ihrer Betrachtung einen in andern Fak- Drensiagl den roeen Febr. 171*0, so würbe das Gemälde noch viel dunkler worden seyn eben/ als hatte man das Papier noch weiter hinaus gerücket. Allein wenn man das Glas in einer zu kleinen Entfernung vor dem weissen Blatte befestiget, und dadurch abermals em undeutliches Bild erhalt; so kann man dasselbe dadurch deutlich machen/ wenn man ein schickliches erhabenes Glas aussucht und nahe vor jenes hakt. Ergriffe man statt des erhabenen nun ein hohles, so würde die 21b* fthuderung ebenso noch undeutlicher werden, als wenn man das Papier noch nä- her herbey beweget hätte. Da nun im Auge die crysialline Feuchtigkeit an der Stelle des Hauptglases in unsrem Versuche/ und das netzförmige Häutlein an der Stelle des Papiers stehet; so verstehet man die Ursache von der Schärfung deS Gesichts durch Gläfer- Diejenigen welche stch beständig mit Betrachtung naherund kleiner Dingen beschäftigen, erhalten den CrystaU immer in einer grossen Weite von dem netzförmigen Hauklem. Daher wird diese weite Stellung endlich dem Auge natürlich und zu kezt unmöglich besagte Therle näher zusammen zu ziehen. Solche Leute verkehren also bas Gesicht in die Ferne. Eben so verliehren es andre in die Nahe, welche durch beständiges Schauen in die Weite den Crystall dergestalt gewöhne haben nahe bey dem Netze zu stehen, daß er sich nicht mehr weit davon hinweg ziehen lassen will. Wer folglich seine Augen nrcht verderben will, der muß nicht unaufhörlich nahe Sachen betrachten, auch nicht beständig weite; sondern er muß omwechseln- Wenn man ein zeitlang in einem Buche gelesen har, so muß man (irre Weile zum Fenster hinaus schauen , etwa ins freye Feld/ oder wo man sonst eine ziemliche Aussicht hat. Man thut auch mchr wohl/ wenn man z. E. m Buchern / die mit allzu zarter Schrift gedruckt sind, liefet/ oder andre gar zu zarte Dinge lange scharf ansiehet, oder bey der Demmerung und anderem geringem Lichte genau zu sehen sich angreiffet; weil man in solchen Umständen die Sachen gar nahe halten muß. Insbesondre müssen sich diejenigen/ welche sich auf Wissenschaften legen, und also vor anderen der Gefahr unterworfen sind, das Gesicht in die Ferne zu verliehren , angelegen seyn lassen, daß sie die Augen nicht zu nahe an die Bücher oderdas, was sieschrewen, bringen; |o..bern dieselbe so weit davon halten, als sie immer können. Leitern haben deswegen vornehmlich auf ihre Kinder acht zu geben ► denn in der zarten Jugend kann man sich leichter verderben, als bey späteren Jahren. Wenn der Fehler einmal vorhanden und die Besserung ohne Hülfe des Arztes noch möglich ist; so kann man ihn folgender Gestalt wiederum gut machen. L i Wer 4? Giesser Wochen-Blatt/ Num» VI, te er allhier an, nahm den ften und sten verschiedene OperLrwnen, welche vollkommen glücklich von statten giengen, in Gegenwart vieler Personen von vornehmem und geringem Stande vor und gieng den