Nn den Akern der Dr'ma. l^oman aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein. (Nachdruck verboten^ (Schluß.> Husschläge erdröhnte» aus der Straße. Hcrlinger jagte Mit seine» Leuten vorüber. Franz rief ihn nicht an, um sich nicht zu verraten, denn der Feind mußte dicht hinter ihm sei». Dann vergingen lange Minuten. Jeder Mann hielt seinem Pferd die Nüstern zu, daß es nicht durch sein Schnauben zuin Verräter iverde... lind nlul lam's ditrch die Morgendämmernng heran... der gleichmäßige Schritt Marschierender... näher, immer näher... da zeigten sich die erste» ... ..Marsch, marsch!" schniettertc das Signal. „Hurra!" schrien die Dragoner. Und hinein in den Feind mit frisch fröhlicher Rcitcr- atiache! Die Besonnensten retteten sich noch in den Wald. Aber auch sie hielten sich nicht mit dein Schieße» ans. Nur lveiter, höher hinauf, wohin diese Dragoner mit ihren Pferden nicht nach konnten. Franz suchte noch die Straße ab. Kein Komidatschi zeigte sich. Dagegen fanden sic etma tausend Schritt lveiter die Leichen des Zugführers Nag» und seiner drei Mann. Nile hatten sic jnrchtbare Handscharwnnden, ein Zeichen, daß sic sich bis zuin.letzten Moment gegen die Uebermacht gewehrt hatten. War keiner geflohen, sondern jeder hatte ansgeharrt bis zum bitteren Ende. In ihren schrecklich -zugerichteten Gesichtern lvar noch der Griinni zu lesen, mit dein sie gelämpst hatten. Mit leisem Schaudern standen Franz und seine Leute vor den vier Toten. „Das waren vier brave Burschen, vier Helden!" sagte Franz und zog langsaitt seine Kappe ab. Einer nach dem andern folgte dem Beispiel. Und über ihren entblößten Häuptern stieg strahlend und groß die Morgcnsonne auf. l Langsam ritten sie heim, langsam, im Schritt, denn sie brachten die Toten mit sich. Bor Racovac selbst lvar das Feuer schon längst ver stuinmt. Auch hier lvar der Angriff der Komidatschi zurück geschlagen worden. Als Franz an der Kampfstätte mit seinem Zug voeüberritt, sah er, wie Bauernweiber aus Slubovizja damit beschäftigt waren, die Gefallenen und Schwerverwnrideten vom Eise aufs User hinansznschasfen. Wie sie die Dragoner erblickten, ivollten sie erschrocken flüchten, aber Franz ries ihnen mit schallender Stiinme hinüber, daß sie ohne Furcht ihre traurige Arbeit sortsetzen sollten. Am Eingang des Dorfes stand Efghi Hassan, äugen-» scheinlich auf ihn wartend. „Na, wie war's?" ries ihn, Franz entgegen. „Melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, gut. Wir haben sie mit blutigen Köpfen nach Serbien zurückgeschickt." „Haben wir Verluste?" „Melde gehorsainst, Herr Oberleutnant, ja und nein." „Hassan, alter Tschibulhcld, reden Sie nicht in Bilderrätseln. Ueberhaupt... zum Teufel... was machen Sie denn für ein Gesicht? Haben wir denn so viele Tote? Mensch, so reden Sie dock!" „Melde gehorsamst, Herr Oberleutnant, drei Leichtverwundete ... Streifschüsse..." „Na also ... aber... Hassan..." „Und einen Toten, Herr. Oberleutnant." „Einen Toten?" Franz wußte selbst nicht warum: ein beklemmendes Angstgefühl stieg ihm plötzlich die Kehle herauf. Er sprang vom Pferde und faßte den vor ihm Stehenden am Arm. „Einen Toten, Hassan, einen Toten.. »in Himmelswillen, doch nicht...?" Und da geschah ein Weltenwunder. Ans den Augen des alten Soldaten löste sich eine Träne. Rollte langsam über die Runzeln und Furchen der Wange herab und siel auf seine Bluse... Da wußte Franz, daß Dcsider das Versprechen eingelöst hatte, das er in Helenens Grab hinabgesandt. 1A. Kapitel. Bor dem Hause standen die Strafnni, mit bekümmerten, verstörten Gesichtern. Sie konnte» es nicht glauben, daß ihr junger Offizier kalt und steif da drinnen im Hause lag. De» ganzen Winter über ivar er unter ihiicn gewesen, nicht ihr Vorgesetzter, ihr liebster, treuester Kamerad... Und daß der 'Tod gerade ihn ans ihrer Sckar heraus^ gegrijsen! Als Franz kam, traten sie schiveigend zur seite. „Kinder," sagte er, „die Freude ist teuer erkauft!" „Wie ist's denn eigentlich gekommen?" fragte Franz. „Hat keiner von euch gesehen, ivie der Herr Oberleutnant gefallen ist?" Ein Mann trat vor, ein Rumäne. Und in seinem gebrochenen Deutsch erzählte er: „Meid' gehorsamst, Herr Oberleutnant, ich. Ter .Herr Oberleutnant ist grad 'neben mir in Schwarmlinie gelegen und hat g'schaut, was wir haben für Feuerwirkung. Und plötzlich fei)' ich, mell»' ich gehorsamst, ivie der Herr Oberleutnant sich so bissel in Höhe ivirft »nd sich mit der Hand nach der Brust greift... und dann sinkt er nach vorn über auss Gesicht. . . und, und . . ." dem Mann versagte die Stimme... „und rührt sich nicht mehr... und da war er tot.. der Herr Oberleutnant..." „Können wir ihn noch einmal sehen?" fragte» inehrere. Franz nickte nur, sprechen konnte er nicht. Dann ging er hinein. So, wie er gefallen, in dieser Uniform, hatten sie ihn nivdergelegt, nur vom .Schmutz hatten sie Bluse und Hose 718 — veinlich gereinigt. Feldbinde und Säbel trag er. Sein schönes Gesicht war ruhig, kein Schmerz verzerrte seine Züge. Franz glaubte darin die Freude zu lesen, daß die Erlösung gekommen war. Zwei, drei ältere Unterossiziere standen in einer Ecke f usammen, sprachen leise slüsternde Worte miteinander und ahen Olga zu, die mit sorglichen Händen das Totenbett mit frischem Tannenreisig schmückte. Franz war nicht erstaunt, sie anzutreffen, fragte nicht, wieso sie kam, sondern hätte sich viel eher gewundert, wurde er sie nicht des traurigen Amtes waltend gefunden haben. Sie nickte ihm zu, als er an das Bett trat, und zog/ sich da»» bescheiden zurück. Und da stand er nun vor dem toten Kameraden, und starrte in das bleiche, ruhigstille Antlitz. Und starrte und starrte und konnte es nicht glauben, daß er tot war. Dunkle Erinnerungen seiner Kinderzeit stiegen ihm herauf, da er noch beten konnte Er, der Spötter, der Zweifler, wollte auf einmal beten. Irgend etwas in seiner Seele drängte ihn vor dieser friedlichen, weltentrückten Majestät dazu. Unwillkürlich fanden sich seine Hände über der Kappe zusammen, aber es siel ihm nichts ein. Stumm, mit bebenden Lippen, schaute er auf den toten Freund herab und wußte auf einmal, wie lieb er ihn gehabt, wieviel er jetzt mit ihm in die Erde legte. Kismet! Nach langer, langer Weile wandte er sich zurück. „Wir wollen die anderen herei,-lassen," sagte er zu den Unteroffizieren, und einer von diesen ging auf den Zehenspitzen hinaus, um die draußen wartenden Strasuni zu rufen. Zwei und zwei kamen sie herein, um von ihrem toten Offizier Abschied zu nehmen. Scheu traten sie an das Bett heran, bekreuzigten sich und beteten ein stilles Gebet. Die eine und die andere der derben -Fäuste glitt wohl in letzter Liebkosung den Arm des Toten entlang, und einer bückte sich gar nieder und drückte einen Kuß auf die starre Hand. Am Nachmittag trugen sie Desider und die vier anderen zu Grabe. War kein Leichenzug. wie ihn das k. und k Exerzierreglement vorschreibt, sondern ein echtes Soldatenbegräbnis vor dem Feind. Je vier Mami trugen einen Sarg, und tn dumpfem Wirbel gab die Trommel den Takt dazu. Die Dragoner voran, dann die toten Kameraden, und Mann für Mann hinter ihnen die Strafuni. Langsam, Schritt um Schritt ging's hinauf zum Friedhof. . . Droben schaute gar mancher verwundert, als er sah, daß Desiders Sarg in das Grab des jungen Weibes gesenkt wurde, das sie am Tag vorher begraben hatten. Mer keiner fragte. Dumps rollten die Ehrensalven über die toten Soldaten hin, brachen sich an der gegenüberliegenden Bergwand, kamen zurück und verhallten langsam im Dal... Als Franz zurückkam, erblickte er Olga an, Fenster ihres Zimmers. Er wollte mit stummen, Gruß vorübcr- gehen, aber es trieb ihn hinein zu ihr, ein gutes Wort ihr zu sagen. Sie kam ihm an der Türe entgegen, und in ihren schönen Augen schimmerte die Freude wie immer, wenn sie ihn sah. „Frau Gräsin," sagte er, „ich habe Ihnen vieles abzubitten. Ich war rauh und hart — aber ich Hab' geglaubt, ich muß es sein. Gott weiß, wie schwer es mrr geworden ist." Sie nickte nur. „Reden Sie nicht vom Abbitten," sagte sie nach einer kleinen Panse. „Ich habe längst begriffen, was Sie zu Ihrem Verhalten trieb, Herr Oberleutnant. Und ich ehre Sie darum nur noch höher. Ich bin eine andere geworden in diese» Tagen, glauben Sie mir, eine ganz andere. Wenn man den Tod an sich vorübergehen sieht, bekommt das Leben ein anderes Gesicht. Ich bin müde, Franz!" Ta fuhr er in seiner gewohnten Kraft aus. „Müde Sie...," ries er, „eine Frau wie Sie! Solche Menschen wie Sie haben Zeit, müde zu sein, wenn sie alt und grau sind." Sie lächelte trübe. „Sie irren, Herr Oberleutnant. Ich habe viel durch- gelämpst... In meiner Heimat Twer in Rußland steht ein Kloster. Das liegt mitten in einem stillen Garten, und im Somnier blühen tausende Rosen in dem Garten, und die Welt ist weit, so weit hinter seinen Mauern. Dort ist der Frieden. Man betet und träumt. Das ist alles. Träum, von einem Glück, das einmal nahe war und dann unaufhaltsam in die Ferne hinansglitt. Und mau ttäumt und tränntt. und dabei schläft alle Sehnsucht, alles Wünschen ein, und es bleibt nur das wehmütige Sicherinnern..." Sie hatte das mit leiser, eintöniger Stinnne gesprochen, schlaff hingen ihr dabei die Arnie herab, und ihr Blick wanderte an Franz vorbei in die Weite, als sähe sie jenes Kloster. Schön war sie wie nie zuvor in diesem Augenblick. „Olga," stöhnte er wild, „Olga, Himmelherrgott! Es ist zun, Rasendwerden . . . Wir zwei, uns hätl' der alte Gott nicht schöner zusammenbringen können, und nun, Kloster, wehmütiger Abschied, Entsagen ... Himmelherrgott, säst möcht' ich den armen Desider beneiden!" Und unfähig, sich länger zu beherrschen, stürmte er davon. Spät am Abend warf er sich erst aufs Bett. Er hatte einen drei Meter langen Bericht an die Brigade abgefertigt, hatte zweimal Bereitschaft iino Posten revidiert und nahm sich nun nicht mehr Zeit, sich erst lange auszn kleide». Gestiefelt und gespornt wie er war, ließ er sich ans die derbe» Polster fallen. Seine gesunde Jugendkraft kannte kein unruhig qualvolles Träumen, Stöhnen und ruheloses Herumwäizen. Er schlief tief und fest. Mer plötzlich fuhr er aus. Barry, der neben seinen, Bett lag, knurrte, knurrt« immer drohender, immer stärker. „Halt's Maul," schrie er ihn an. Aber der Hund ivollte sich nicht beruhigen. Nun sing er sogar an, wütend zu bellen. „Teufel, da ist was los!" sagte sich Franz und sprang in die Höhe. Wie ein Blitz durchzuckte es ihn: Olga wurde nicht mehr von Posten bewacht... war ja auch lächerlich... an« Ende wieder ein Befreiungsversuch, dieser schuftige Ray... In der Dunkelheit tastete er nach seinem Browning, dann stürmte er hinaus... Da gellte ihn, ein Schrei entgegen: „Franz, Franz, zu Hilfe!" Im schwachen Mondlicht sah er einen großen Kerl, der nnt einer heftig sich wehrenden Franengestalt iin Arm dem Wald zn lies. Ein zweiter, viel kleinerer, rannte neben ihm her u,ü> schaute sich von Zeit zu Zeit nach etwaigen Ver- folgern um. Da sah er Franz, der mit Barry hinter ihnen drein kam. Cr blieb stehen und schlug sein Gewehr an. Da erkannte ihn Franz: Ray war's. Mit eine», Sprung war er an ihn heran. Ter fchlvere Browning sauste nieder und grub sich krachend in dew Schädel des Fürsten ei». Ohne einen Laut von sich zu geben, sank er zusamnie», ein Zucken riß seinen Körper ein-, zweimal in die Höhe... dann streckte er sich lang aus... Fürst Hektar Ray war tot. Sein Begleiter hatte Olga längst fallen lassen und lvar auf und davon. Der Hund bellend ihm nach .. „In, Schlaf haben sie mich überfallen," erzählte sie ihn,, während er sie zum Hause zurücksührte. „Ich war stumn, vor Entsetzen, als ich diesen Teufel ivieder vor mir sah... erst in der frische» Luft tam ich ein bißchen zu mir und rief, rief..." Sie standen an der Türe ihres Hauses und umfaßten einander noch mit einem letzten Blick. . „Ich ries den Mann, den, den ich liebe..." flüsterte sie... „den ich lieben werde in alle Ewigkeit!" Er stand vor ihr, mit krampfhaft geballten Fäuste»; seine Zähne knirschten, seine breite Brust hob sich und senkte sich in heißem Kampf... Und dann fühlte sie auf einmal mit wonnigem Schauern ztvei starke Arme uni ihren Leib, fühlte sich emporgerissen durch eine stürmische Krast... „Ich liebe dich..." flüsterte sie noch. Dann versank die Welt hinter ihr. Am nächsten Morgen kam der Arzt aus Vlasenica. War noch ein junger Man», mit flottem Schilurrbärtchcn und prunkvollem Rcnommierschmiß aus der Wange. Als er cr- K , daß nieinand mehr im Dorfe auf seine Heilkuust jtudj erhob, ließ er sich durch Franz der Gräfin vorstellen. „Sagen Sie, in ganz Bosnien erzählt inan sich von der märchenhaft schönen Gesaugenen, die Sie hier haben sollen," interpellierte er Franz. — 719 „Was wollen Sie denn von ihr, Sie Kurpfuscher?" fragte der nicht eben freundlich zurück. „Mensch, Lohnsperg, Sie sind hier in dem Nest wohl ganz versauert!" ries der andere entrüstet. „Eine schöns Frau must man imnier kennen lernen; wer weist, vielleicht ..." „Na, ich weiß, daß .., na, meinetwegen, kommen Sie mit!" Aber nach fünf Minuten merkte der schönheitsdurstige Oberarzt, daß er sich auch hier nicht betätigen tonnte. Da ward er beleidigt, setzte sich auf sein Pferd nnd ritt' von dannen. Franz und Olga sahen sich von da ab nicht mehr. Bis eines Tages der Befehl kam, die Gräfin Olga Grekow sret- zugeben. Es stünde ihrer Reise nichts im Wege, auch wenn sie durch Bosnien fahren wollte. Und so fuhr fie ab. Efghi Hassan, ohne Gewehr und mit möglichst zuvorkommendem Gesichtsausdrmk, saß mit ihr, auf dem Wagen, um sie bis nach Blasenica zu geleiten. Von dort nahin sie dann die Post auf. Franz stand neben dem Gefährt und half ihr hinauf. „Leb' wohl — leb' wohl!" flüsterte er. Sie war dicht verschleiert, aber durch den Schleier hindurch sah er ihre Tränen glänzen. Er trank noch einmal ihre Liebe in sich hinein, preßte noch einmal ihre Hand —' fühlte ihren heiße» Gegendruck... Dann trat er zurück. Die Strasuni und- Dragoner salutierten — sie hatten ihr nicht vergessen, daß sie Desiders Totenlager so rührend geschmückt... Efghi Hassan gab dem Bauern neben ihm auf dem Kutschbock einen ermunternden Rippenstoß... „Hö... o hö...!" Und die Pferde ssogen an... am Ende der Straße wandte sie sich noch ernmal um — winkte. Franz aber lies in den Stall und holte seine Halbblutstute heraus. Aussagen — ausjagen... am liebsten bis ans Ende der Welt... S ch l u ß. Ter Frühling des Jahres 1909, der anfangs so schrecklich mit den Waffen gerasselt hatte, war nun doch ein Frühling des Friedens geworden. Serbien, von seinen Freunden schmählich im Stich gelassen, gab klein bei, entließ seine Reserven, zog die Truppen und Banden von den Grenzen zurück uird stopfte seinem Nationalhelden, dem Kronprinzen, höchst kategorisch den Mund. Oesterreich-Ungar» hatte dank seiner Festigkeit und dank der Treue des deutschen Bundesgenossen einen Sieg erfochten, der um so schöner war, als er fast ohne Blntver-« gießen errungen wurde. Was wiegt das Leben der lvenigen Tapferen, die da unten cm der Drina sielen, gegen den großen Erfolg! Sie sind unbekannte Helden für die große Masse, die ihre Namen und ihre Taten nicht weiß. Wohl meldete das emo oder das andere Blatt von einem heftigen Grenzgefecht, das an der Drina stattgefundeu haben sollte, aber die Dementis liefen hinter der Nachricht her und schlugen sie tot. Ein Gerücht, wie viele andere in solchen aufgeregten Zeiten, sagten die Leute. Nur die Freunde und Kameraden vergessen nicht. Die Strasuni sind längst wieder zu ihren Regimentern zurückgekehrt, aber dort erzählen sie denen, die nicht dabei waren, von ihrem jungen, schönen, feschen Oberleutnant... „Und er is g'storb'n als wie a Held und in ein Grab mit seiner Frau ham ma ihn begrab'»... Und sein Freund, der Oberleutnant von die Dragoner, is dabei g'staud'n und hat g'want und wir alle, alle.. ' - - - - - - - - - Ein Jahr später... Auf dem kleinen Friedhof in Racovac erhebt sich ein Grabhügel, auf dem zwei Kreuze stehe», ein lateinisches und «in griechisches. Ganz schlicht und ernsach sind sie, mit vergoldeten Spitzen, und zwischen ihnen liegt eine ganz kleine Marmortafel, darauf zu lesen ist: „Helene Stojanowitsch — Desider Gronay — ll. und 12. März 1909". Zwei Namen sino es und ein Schicksal. Auf dem Grabe breitet sich ein riesiger Kranz vow herrlichen Rosen. Nun sind sie im Welken und senden nur ihren Duft empor. Weit aus den, Russischen ist der Krcurz gekommen, weit her... aus einem Nonnenkloster, erzählte der Friedhosswächter... Franz steht an dem Grabe und hörte aus die Worte des alten Mannes... Weit aus dem Russischen... Dort ist ein Garten, ein großer, stiller Garten, in dem tausende Rosen blühen.. Und dort träumt eine Frau, träumt Er bückt sich, nimmt eine volle schivere Rose aus dem Kranz und birgt sie unter seinem Waffenrock... „Du bist nicht bös, Desi," denkt er mit wehmütigem Lächeln. Dann verläßt er den Friedhof und geht gerade und fest hinaus in den lachenden, in den blauenden Frühlingstag. Silvesternacht. Skizze von C u r t K ü h n s. lNachdruck verboten.) Ein scharfer Nordwcst pfiss über die graue, schäumende Nordsee. Zerrissenes Gewölk jagte am nachtdunkeln vunmel, und nur aus Augenblicke schien das blasse Mondlichl durch die sich treibenden Wolken. Schräg, mit dem blanken Bug die breit heraurollende Sec teilend, dampfte S. M. Kl. Kreuzer „Gazelle" dahin, ohne Lichter, gefechtsktar. Die .Eiszapfen an der Reling, die leichten Schneekroncn aus Masten und Tcckbauten >oaren Zeugen cmes gewohnten Kampfes, aber auch Spuren eines andere» Kampfes wies der Kreuzer aus: Das Loch im Schornstein, die Verbeulung eines Geschützturms, das waren die ehrenvollen Narben im Frer- heitskampse unseres Vaterlandes. Auf der Brücke ging mit kurzen Schritten der wachhabende Osstzier ans »nd nieder, der kleine Lenzen, wie er allgemein nur genannt wurde, ein kleiner, aber strammer Herr; in dem ausdrucksvollen, glatt rasierten Gesicht lag ein unverkennbarer Zug von guter Laune und frohem Mut. Ter Mond hatte sich eben ivieder hinter de» Wolken versteckt, eine steife Bö jagte heran, einen feinen, grauvligen Schnee in dickem Wirbel über die See Peitschend. Ter kleine Lenzen schlug den Mantelkragen höher und ging mit festeren Schritten auf und nieder. Das war eine gemütliche Silvesternacht. Nun, für einen Seeosstzier war das ja eine gelvohnte Feier, — aus der Brücke in Sturm und Schnee. Der Wind ließ einen Augenblick nach,' und aus dem Vor- schisf, wo unter Deck die Frciwache bei einem warmen Punsch saß, klangen ein paar Töne ihres Gesangs herauf: Die Heimat, die Heimat--- Ja, ja, die Heimat. Ter kleine Lenzen war wahrhaftig lein- schwermütige Natur, aber so in der Silvesternacht konnte mau sechs schließlich mal leisten, über das Unglück seines Lebens nack>- zudenken. Er hatte keine Liebe» daheim in der Heimat niehr. Seine Eltern — im vorigen Jahr erst seine Mutter — waren gestorben. Geschwister hatte er nicht. Er hatte eigentlich niemand, bloß — eine sogenannte heimliche Liebe! Irma, Tochter seines Admirals, eines der schönsten und besten Mädchen, — nein: das schönste und beste Mädchen der Welt, nur--- zwei Köpfe .größer als er. Ter kleine Lenzen vstss durch die Zähne Na ,a, er war eben mal ein bißchen kurz geraten; er, mußte sich darum eben ein kleines Persönchen aussnchen, nicht eine Königin an Figur. Wenn er aus einem Ball mtt ihr getanzt hatte, — tote auf dem vergangenen Silvcstcrball — halte er immer Gelegenheit, ihr schönes Perlenhalsband aus nächster Nähe zu beivnndern, — soweit reichte er gerade. , ., ,, „ .., „ . ,Jch versperre Ihnen wencgltens mcht die Ausncht," hatte er gesagt. „Gnädiges Fräulein können bcgueni über mich weg- gucken, können sehen und gesehen werden, während ich bescheiden zu Ihren Füßen liege." Sie hatte gelacht, ein freundliches, silbernes Lachen: „Ich glaube," hatte sie gcankwortet, „Sie sind gar nicht so anspruchs- los, wie Sie tun." Er konnte sich- noch heut ohrfeigen, wenn er daran dachlc. Sicher hatte er bei ihr verspielt. Er war wieder an Bord kommandiert worden. Tann kam im Sommer die GeschwaHerreise nach Norwegen, dann — der Krieg. Er hatle nichts mehr von ihr gehör!, auch nichts mehr von sich hören lassen. Liebesgcjpräch« besüzderte ihr Funksprucki- apvarat an Bord ja nicht, imd zum Schreiben kam er nicht vor Bombardieren und Torpedieren. Aber Zeit hatte er immerhin, ihrer zu gedenken. Vollends heut in der Silvesternacht, wo alles enger zusammenrückte, alles seiner nahen und fernen Lieben gedachte! Eine Hand legte sich aus seine Schulter: der Kommandant stand hinter ihm. Ter kleine Lenzen fuhr herum und entartete Meldung. Ter Komamndant blickte einige Augenblicke, ins Wetter, suchte nrit dem Glas den Gesichtskreis ab, dann sagte, er, der Gestrenge, den Cetil Mensch im Dienst ein nndienstliches Wort >e hatte sprechen Poren: „Ob meine Jungen zu Dause auj sind 720 bis Mitternacht und mit Eterpunich trinke» S>iitfeu, — das war voriges Jahr ihr sehnlichster Wunsch, — ober ob Mutter sie zu Bett geschickt hat?" Der kleine Lenzen lächelte leise, lpehrnütjg. Er hatte es eigentlich noch nie so empfunden, wie schwer es war, so ganz allein zu stehen. „Es ist bald Mitternacht, da iverden Sie abgelöst." sagte der Kommandant. „Wir trinken noch ein Glas zusammen!" Er grünte srenndlich und ging tvieder unter Teck. Wieder tvanderte der kleine Lenzen aus der Brücke aus und ab. hörte aus das tiefe melodische Brausen der See, auf das Weheir des Windes. Der Mond tauchte eben, dicht über der Flut, untergchcnd in dunkles Gewölk. So versank das alte Jahr, mit all der Not, die es über die Menschheit gebracht. Mitternacht! Tie Schisfsglocke schlug leise a». Die neue Wache zog auf: durch die geöffneten Decktüren klangen Töne des Flaggcnliedes und ein herzliches Prosit Neujahr! hinaus in Wind und Wetter. Ter kleine Lenzen ging in die Messe hinab. In dem gemüt- lichen Raum strahlten freundlich die Lampen, die Punschbowle dampfte auf dem Tisch. Die Kameraden standen, ihre Gläser in der $>var zu groß. Wie ein Habicht seiner Beute, setzte der Kreuzer dem fremden Schiffe, einem großen Lloyddamvfer, nach. So oft dieser seinen Kurs änderte, stets lvnrde das Manöver erkannt, immer näher rückte der Verfolger seinem Opfer. So ging die Jagd dahin, durch dicke, unsichtige Zchnecböen und über offenes Wasser. Ter Morgen graute sahl. man erlannte jetzt am Heck des Schisses die feindliche Kriegsslagge. Schuhweite! In der Stück- psorte der „Gazelle" erschien blitzschnell der Schlund des Geschützes, der feurige Gruh flog hinüber, — der feindliche Hilfskreuzer stoppte Plötzlich ab und strich die Flagge Es war Tag geworden, lim die Wolkenränder int Osten flammte ein goldiger Rand, die grau- Flut blitzte auf in goldigem Widerscheine. Klar stieg die Sonne hoch an dem kalten Winteimor^en. „Ein Sieg am Neujahrstage," sagte der Kommandant. ,,Er sei glückverheißend für das neue Jahr. Durch Krieg zum Sieg — zum Frieden!" - vermischter. Moltke und die Daten. Es gibt Leute, die sür Daten keinen Sinn, d. h. kein Gedäcktnis besitzen. Mcrkürdiger- weise soll zu ihnen auch Helmuth o. Moltke gehört haben, lin- genau,gleiten dieser Art sind ihm wenigstens in seinen Schriften ziemlich zahlreich »achzuweisen. Auch in der Einleitung z« Molt» kcs Briefen aus der Türkei mackst der Herausgeber, Prof. G. Hirsch- fcld. aus diesen Umstand aufnierksam und erinnert daran, daß der tneneralieldmarschall auch mit Geburistagsdaten aus recht schlechtem Fuße gestände,» zu haben scheint. Schrieb Moltke doch einmal an seine Mutter: „Ich muh Dir gestehen, daß ich mich nicht mehr recht besinnen kann, ob Dein Geburtstag auf den 2 ., 3. oder 4. diese» Monats fällt." Auch hinsichtlich seine» eigenen Geburtt- tages irrte er sich, verlegte ihn z. B. vom 28. auf den 28. Oktober, »nd denientsprechend heißt es mich in einem seiner Briefe: „Uebri« gens hatte ich inich in dem Datum, meines Geburtstages geirrte und Du iviißtest ihn besser als ich." Zieht nian dies in Betracht, so wirkt es drollig und erheiternd, wenn Moltke nichtsdestoweniger seine Schwägerin einmal ernsthaft tadelt, Iveil einem ihrer Brief« das Datum fehlte — „gegen das", wie er binznsügt, „die Damen in der Regel eine Abneigirng haben". * E i i, aniertkaniscbeS Eharakterbild de» deutschen ® e n e r a l f! a b S d, e f S. Die Pe>sönlichkeit de» »eiien denlschen Generalstabschels v. Falkenbaun, au! dem seht die große Au,gab« der Führung der deutschen Heer« ruht, beschäftigt iialurgeinäß auch da» Ausland in bobein Maße. In «wem Ebaraklerbild, da» die .New Port Time»" von ibin zeichnet, beißt es, er wäre ebenso ivie lein Vorgänger, General v, Molikez «In wenig ein Rätlel, wen» er auch i» setneui Teinoeraincnt den geraden Gegensatz zu jenem darstelite. Wäbrenü Molike ruhig, inetbodisch, vorsichtig ist, ist Faltenday» ganz Nerven, säbrt leicht au!, erlaßt die Tinge mit Ichneller Intuition und gibt rasch sein« Beiekle, Aeußerticki bat der neu« Geneialstabschei icltl»i»er>ve>s» eine gewisse Aehulichkeit mit einein anderen Generalstabschel, dem Javaner Kodama Ei hat dasleibe lebhnfte Auu«, dasielbe stegreich« Lächeln, dielelbe stürmische Geivohnheit, unauibörlich Fragen zu stellen, dieselbe j gendirtsche cveistcsstnrke. Ein Oistzier, der lange Zelt unter dem General v. Falkenhabu gedient hat, «rzäblte, daß er wälnend der Bestchligungeii niemals stille stand, sondern lort- ivävrend hierhin und dorthin ginn, und dab er sich dadurch-von dem qeivöhiittchen Typus des deutschen Soldaten, der diszipliniert und starr ist, unterschied. Einmal sragte ihn ein anderer älterer General: ..Warum bewege» Sie sich nur so viel und geben Sie iuimer hin und her? Glau! e» Sie nicht, daß diese Beweglichkeit Ihre Soldaten schädlich deeinstuste» kann?" v. Falke,ibayn ant» worete, .Die Soldaten sind kein Spielzeug und ei» Offizier vraucht nicht «in Kunstgegenstand zu sein, den zu beivegen ac'äbrlich ist. Warum lallte ein Oistzier iiilltteben, wen» seine Soldaten ln Be- ivegung sind? Ein Oistzier braucht kein llcbersvldat z» sein, er muß sich zweiniat mehr als ein einlacher Soldat bewegen und tausendmal mehr tu» . . ." Das aiiiertlanifch« Blatt ivein daraus hin. daß t>. Falken tzayn die militärische Erziehung des Kronprinzen geleitet hat. „Dieses Zeichen der kaiserlichen Huld ivurde der ?t«- sang einer große» Freundschalt zwilchen dem Krouvriuzeu und dem General, einer Freundschalt, die auch durch die Tatsache verstärkt wurde, daß v. F. lkeuhayu einer aristokratischen Familie angehörk, deren A el sieben oder acht Iah,hiuieerte zuriickreicht. D,e Freund- schaii de» Kronpltnzeu hat gewiß die Lauibahn de» General» erleichtert; aber man darf darum nicht glauvcn, daß v. Falkeuhayn eine einfach« Pup, « i» den Händen seiner kaiserlichen Freunde wäre. Er bat die llnabbängiakeit seines Eharakters bewabrl, leine Gedanken sind immer durchaus veriöulich, und es heißt, daß er seine Unabhängigkeit und seine perlönlichen Eiiipfindungcn vor ollem in allen mtliläriiche» Dingen beivabre »nd zeige. Sei» Gestchtsvunkt ist in allen Dingen tinmcr der eine» Soldaten. Er ist nieinais ein Diplomat oder ein Politiker geivesen . . ." VNchertisch. — Standarten weh» u u d Fahne». Lieder an» großen Tage» Ausgewählt von R Geheet> Mit Zeichiiunge» von Pros. Walter Klemm. Vertag vo» Albert Lange» in München. — ES sind in den letzien Monalen nnzä liae Samm- lunae» der Baterlandö- und Kampllwdcr erschienen, die bei» Weltkriege vo» heute Ihr Entliehen verdanken. Doch leid«! jede solche ?lusu>alst niit Aaturiicuweiidigkelt darunter, daß dem Herausgeber der ?lb!la»d fehlt, aus dem allein der Werl dieicr Ttchtuuge», losgelöst vo» der auqc» licklicheuZe tstimminig, beurlcckl iverden ka»u. Demgegenüber ist die vo,liegende Sammlung sehr z» begrüßen, deren Herausgeber mit KenntuiS und ieiiicm ibeschinack nur anerkannt und Lauernd Wertvolles aus dem Schatze unlcrcr vater- ländiichen Lyrik aiisivählte, — das Beste von jenen Liedern ver- ggugener Tage, die imsere große und ernste Zeit zu neuem Lebe» und neuer A trkuug erweckt hat. R. Gebeeb Hot mit Bewußisei» auf die beule lebend?,, und dichtenden Lyriker verzichtet »ud sich auch in der Zahl der Lieder die äußerste Beschränkung aulerleat. Und so eiilh stl die Sammlung das Schönste und Krastvollste vo» dem, was seil dem Dreißigjährige^ Kriege b,s aus Fontane »nd Liliencron entstanden ist. Mstgischer ü)>!adrat. , In die Felder ucbeustehends,, Quadrats sind ___I_ die Buchstabe» BEEEIIILLLOORR S 8 derart einzutragen, daß die ivagerechlen u. --senkrecht.Recbcu alcichlauteuS tolgeudes bedeuten: t. Beranscheiides Getränk. ——-i— 2. Feldherr aus dem dreißigjährige» Kriege. 3. Al,griechische Landschaft. 4. Elus Blume. tAufl. in nächster Nr > Austüsuiig des Neuiabrsrnl e!s i» voriger Ruunner: Herzlichen Glückivunsch zum Neuen Jahre. Schrtstleftung: Aug. Goetz. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen l>niv,rsttä,s-B»ch- und Stelndruckeret, M. Lang«, Gieß«»