Nn örn Akern der Drins. IRomn» aus der Zeit der Annexion von Ernst Klei», (ltiachdrnck verboten^ (Fortsetzung.) ...Herr Oberleutnant," meldete der Gendarm, ..die Telegraphen leitung ist ungefähr dreiviertel Kilometer vom letzten Hause durchgeschnittcn. Wir sin» bis »ach Srebrenica geritten, aber da war dieselbe Geschichte, habe von dort einen verläßlichen Bauern nach Blaseuica geschickt." „Habt's sonst nichts erlebt?" „Nichts, Herr Oberleutnant." „Gott sei Dank; ich Hab' schon g'meiut, die Halunken schießen mir einen von euch aus dem Sattel heraus." „Nicht einen Fetzen haben wir.gesehen." „Die Ruhe ist erst recht verdächtig; lvas meinen Sie, Hassan?" „Jawohl, Herr Oberleutnant," brummte Esghi Hassan. Inzwischen hatten sich, dem Befehl .gemäß, sämtliche Strafnni und Dragoner versammelt. In Reih und Glied standen die Leute und schauten erwartungsvoll aus den Offizier Franz nahm die vorgeschriebenen Meldungen ent gegen und ging dann, um Desider zu rusen. Leise w'inkte er ihn von der Tür her und augenblicklich erbob sich der Kamerad. „Wir müssen unsere Anordnungen treffen," sagte Franz zu ihm. Mit einem Ruck riß Desider sich zusammen, und keiner seiner Strafuni sah ihm nn, wclckwr Schmerz in ihm tobte, als er vor sie hintrat. „Leute," sagte er mit fester, klarer Stimme, „wir stehen unmittelbar vor dein Kampfe. Der Feind hat unsere Tele- gravbenleitnng abgeschnittcn. Wahrscheinlich plant er einen lieberfall . . ." „Hurra!" klang's mit einem Male ivie aus einem Munde. „Wir wollen den Tag uidjt vor dem Abend loben," fuhr Desider fort, „aber wir müssen auf alles gesagt sein. Wir teilen uns in zwei Hälften, die eine Hälfte hat von nun ab immer Bereitschaft. Die Bereitschaft stellt auch die Wachen und Patrouillen bei. Die drei Patrouillen auf den Straßen übernehmen die Dragoner, die vier in den Bergen >vir. Jede Patrouille besteht ans einem Unterossizier und drei Mann. Posten werden anfgestcllt, einer an der Straßcnkrcuzu"g, der zweite ans der Straße nach Srebrenica, zwanzig Schritt vom letzten Hause entfernt, und je einer rechte- und links vom Dorf. Ich selbst werde die ersten Posten aufführen." Klar und fest gab er seine Anordnungen. Franz hatte seine Freude daran. Das war doch endlich einmal wieder der alte Desider! Er wollte ihm das Ausfuhren der Wachen ab- nehmen, aber schroff wies ihn Desider zurück. „Wofür hältst du mich?" fragte ihn vorwurfsvoll dabei der Blick der dunklen Augen. Die Patrouillen marschierten ab, die Wachtposten wur- den ausgestellt und die Bereitschaft setzte vor dem Hause der Offiziere die Gewehre an. Ettvas weiter die Straße hinauf standen gesattelt die Pferde der der Bereitschaft zugewirsenen Dragoner. Flüsternd und leise lachend saßen die Leute ber» sammen. Jetzt endlich wurde es ernst! Wenn's nach ihnen gegangen lväre, hätten sie nicht erst lang darauf gewartet, bis der Feind zu ihnen kam . . . „'s is akkurat so weit von uns hinüber zu denn Serb'n tvic nm'kehrt", murrte Korporal Huber. Und die anderen stimmten ihni bei. Der Regen hatte wieder ausgehört, klar und rein senkte sich die blaue Frühlingsnacht aufs Dorf herab, und am Hink mel standen die Sterne, milde leuchtend mit ihrem ewigen Licht . . . Da Hub einer von den Steirern eins seiner halb lustigen, halb wehniütigeii Hcimatslieder an: „Du mein herzliab's Dirnd'l Da drent tiaf im Tal, I grüaß di, i küß bi Zum letztenmal. . Verstanden doch nur die Denlschen den Text; aber den wallachische», ungarischen und bosnischen Kameraden schlich die weiche Melodie ins Herz. Und dann summte ein Sohn des Alföld seinen schweriiiütigen Heimatssang und der Ru mäne, der Tscheche . . .Leise, ganz leise sang ein jeder vor sich hin, damit er den aiidern nicht störe. Und so grüßten sie alle die ferne Heimat . . . jeder seine eiigere, die seiner Sprache. Und sic alle zusammen unbewußt die große, mächtige Heimat, die sic alle umfaßte; Oesterreich . . . » 17. Kapitel. Bleiern schlichen die Stunden der Nacht hin. Regungslos saß Desider vor dem Belte und harrte mit brennenden Angen der Minute, daß die Geliebte zum Be> ivußtsein zurnctkehrte. Unermüdlich wechselte Olga die Koni- pressen und ebenso unermüdlich solgle Fra»; ihren graziösen, leichten Bewegungen. tSelten war ei» Rauin so von Liebe erfüllt wie dieses kleine, niedrige Zinimcr in diesem .Hause da tief driintcn an der Drina. Bon Zeit zu Zeit erhob sich Franz und ging hinaus, uni die Wachen und Posten zu visitieren. Wenn er znrückkam, setzte er sich wieder stuinnl in seine Ecke . . . Und Stunde um Stunde verrann Stunde um Stunde . . . Plötzlich zuckte Desider zusammen. » „Ich glaube, sic spricht!" flüsterte er den beiden andere» zu. Mit verhaltenem Atem lauschten sie alle. Leise, unzu - sanlinenhängendc Laute glitten durch die halb geössneten Lippen, reihten sich aneinander und bildeten Worte. „Ich muß fort . . ." flüsterte sie, „ich muß es ihm sagen . . . ach, dieser schreckliche Fürst . . . Desider . . . Geliebter ... sic wollen . . 714 Dann uaftinumte sie wieder und lag eine Weile ganz still da, mit geschlossenen Augen . . Und dann bewegten sich ihre Lippen wieder. Schrill um Schrill kehrte das Bewußtsein zurück. „Geh' nicht hinüber. . . Stojan . . . ich beschlvöre dich. . . er ist drüben ... ich loill nicht, daß du ihn« als Feind gegennbertrittst . . . der Fürst . . . laß ihn und diese — fremde Frau . . . sie liebt dich nicht . . Und dann ein schtvacher Ansschrei. Mit aller ihrer schwindenden Kraft versuchte sic sich aufzurichten . . . „Helene," bat Tesider, „Helene Einzige . . . bleibe ruhig. . .!" Es ivar, als trieb der Klang seiner Stimme das heran- nahcnde Beivußtsei» zur Eile an. Weit öfsneten sich ihre Augen und starrten mit verschwommenem Blick in die drei Gesichter, die sich über sic neigten. Allmählich, wie aus tiefem Grunde, stieg das Erkennen in ihnen herauf... fester, bestimmter tvnrde ihr Blick, uiib dann blieb er schließlich mit dem Ausdruck utiendlichcr Seligkeit auf Tesider haften. Lächelnd legte sic den Kopf an seine Brust. Olga und Franz aber schlichen aus dem Zimmer. Aus der Diele, über die eine k. und l. ärarische Stallaterne ihr poetisches Licht goß, blieben sie nebeneinander stehen. Es orängte sic beide, einer dem andern ein liebes Wort zu sagen und fanden doch nicht den Mut, es zu tun. Endlich sagte fic: „Die zwei da drinnen sind setzt glücklich." „Ein trauriges Glück, bei dem der Tod Gevatter steht!" erwiderte er. Kaum hatte er die Worte gesprochen, so ärgerte er sich schon darüber. Sic kamen ihm selber dumm und roh vor. „Besser ist es als gar keines," sagte sic mit bitterem Lächeln. Eine drückende Pause legte sich über sie beide. „Frau Gräfin," raffte er sich endlich auf, „Sie werden müde sein. Wollen Sie vielleicht in mein Zimmer treten und dort ei» wenig ausruhen?" Sie schüttelte den blonde» Kops. „Nein, ich danke Ihnen, Herr Oberleutnant," entgegnete sie, „ich bin gar nicht müde und werde hier warten, bis man mich ruft." Er redete ihr zu, wurde ivarm und innig dabei, allein sie blieb fest. Da ging er dann schließlich. Keine der Patrouillen und Posten hatte etwas zu melden. Verschlafen und verdrossen rückten die Mannschaften ein, als er die Ablösung vollziehe» ließ. Aber er verstand es schon, sie auszumuntern. „Kinder," ries er ihnen zu, „machl's euch nichts draus, daß wir uns wieder einmal die Nacht um die Ohren geschlagen haben. Das wird uns noch öfters passieren. Aber ivir dürfen nicht locker lassen. Wenn die Kerle wirklich kommen, dann müssen wir auf jeden Fall bereit sein. Denn dann Müssen wir's ihnen heimzahlen, daß sie uns so oft znm Narren gehabt haben!" , Als er in das Krankenzimmer trat, fand er Helene wieder ohne Bewußtsein. Desider, von Müdigkeit und Aufregung übenvältigt, >var auf dem Sessel neben ihrem Bett in unruhigen Schlummer gesunken. Olga aber stand an dem Tische vor dem Fenster und war damit beschäftigt, aus einem Schnellkocher Kaffee zu kochen. Gerade als Franz eintrat, >var das wohlig dustende Gebräu fertig. „Es ivird uns allen wohltun!" flüsterte sie ihm mit beinahe verlegenem Lächeln zu. „Wenn cs nicht so abgeschmackt klingen ivürde, Frau Gräfin," sagte er, „würde ich Ihnen verraten, daß ich Sie für einen verkappten Engel halte." i Sie senkte das Haupt, um ihm die dunkle Röte zu verbergen, die ihr ins Gesicht schlug. Ohne zu antivorten, füllte sie ihm eine Tasse und schob sie vor ihn hin. Mit Wohlbehagen schlürfte er den starken Kaffee. „Na, und Sie, Fra» Gräfin?" fragte er. „D, mich vergesse ich nicht. Ich möchte nur den Herrn Oberleutnant auftvecken und ihm eine Tasse anbiete»." Jäh fuhr Desider auf, als sie ihn an der Schulter berührte. Mit unsäglich traurigem Blick umfaßte er die Gestalt der in tiefem Fieberwahn liegenden Geliebten, dann ließ er sich an den Tisch führen und trank mechanisch die Tasse« Kaffee leer, die ihm Olga vorsegte. Das starke Getränk verfehlte seine Wirkung nicht auf ihn. Sein Blick wurde klarer und fester. „Frau Gräfin," sagte er, „jetzt erst kann ich Ihnen danken für das, tvas Sie meinem armen Weibe getan haben." Nnd ehe sie es verhindern konnte, halle er sich anf ihre Hand gebückt und einen heißen Kuß der Dankbarkeit darauf- gepreßt. „Ihnen und meinem Kameraden tan» ich es ja sagen," fuhr er fort, „sie ist mein Weib! In den Stunden dieser Nacht hat sie es mir gestandciz, daß sie ein Ktnd von inf* unterm Herzen trägt. lind nun muß sic sterben, jetzt . . . jetzt . . ." Er preßte die geballten Fäuste vor die Augen, richtete sich aber gleich iviedcr auf. ^,Zlum Jamnier» Hab' ich jetzt keine Zeit!" sagte er und erhob sich. „Frau Gräfin, Sie cntschnldigen uns einen Moment. Ich hätte nämlich verschiedenes mit dir zu besprechen, Franz, dienstlich." „Also gut, komm' hinaus!" Sie traten vors Haus. „Als meine arme Helene bei Bewußtsein war," berichtete Desider, „hat sie mir das Folgende gesagt: In Slubovizjg drüben sind an die ziveihundert Mann versammelt. Dieser Fürst Rah ist wieder dort und hat den eigentlichen Oberbesehl über die ganze Gesellschaft. Sie selbst ist wie eine (befangene behandelt tvorden, seit sie bei uns herüben ivar. Nie dürft« sie ohne Aufsicht sich auch nur aus ihrem Zimmer entfernen. Sv eine alte Hexe ivar ihre Aufseherin. Gestern wurde nun Schnaps drüben verteilt, augenscheinlich, um den Kanrpses- mut zu erhöhen. Ihre Wärterin hat sich bei dieser Gelegenheit auch betrunken, und so konnte sie entfliehen. Sie wollte nutz warne» . . . Glücklich kam sie aus dem Dorf heraus nnd auch über den Fluß hinüber. Aber da entdeckte sie der Posten, den sie dort stehen haben, und schoß sie au ... und jetzt, jetzt..." „Desider!" mahnte Franz. „Ja, ja, ich Hab' mich schon lvieder zusammen. Also, wir wissen jetzt, wie die Dinge stehe» . . ." „Und sind vorbereitet!" ries Franz. „Sie sind zwar zwei gegen einen von »ns, aber ich mein', das ist das richtige Verhältnis. Ich schätze, heute nacht werden sie kommen." „Ich hoffe es; wenn ich beten könnte, würde ich mich auf die Knie werfen und den Himmel daruni bitten!" preßte Desider zwischen de» Zähnen hervor. Da erschien Olga in der Tür und tvinkle ihnen. „Gcht's zu Ende?" fragte Desider mit bebenden Lippen. Sie nickte stumm. iDrinnen hatte sich die Sterbende mit letzter Kraft aufgerichtet. Ihre Augen ivaren weit geöffnet und hatten ein. Leuchten, das nicht mehr von dieser Welt war. „Desider... Geliebter!" rief sie mit schwacher stimme. Da kniete er schon neben ihr und legte ihr schmales Köpfchen an seine Brust. „Ich bi» bei dir, Helene, hier... erkennst du mich, mich, deinen Tesider, deinen Mann?" flüsterte er. Ihre Seele, die schon weit voransgeeilt war in jenes Land, das unser aller letzte Heimat bildet, waiidte sich noch einmal zurück bei dem Klang dieser Stimme. „Ja, du bist da," lächelte sie. „Ich fühle dich, ich sehe dich. Nicht tvahr, du kommst dato nach zu mir zu unserem Kind?" Lange, lange lchnre sie an Desiders Brust. Schwächer und schwächer wurde ihr Atem, und so ging sie hinüber, ein glückseliges Lächeln aus den Lippen, weil sie in den Arinen des Geliebten hatte sterben dürfen... Gemeinsam mit Franz verfaßte er den Bericht a» das Brigadekommando. Schnallte hieraus Säbel und Feldbinde um, setzte die Kappe auf und marschierte seinen alltäglichen Patrouillengang ab. 18 . Kapitel. Tnrch die Straßen von Belgrad lies die Begeisterung und tobte sich in schmetternden Ziviorufen auf den König, den Kronprinzen, aus Rußland, England, aus Gott und alle Welt aus. Die zahlreichen Zeitungen, die in der kleinen serbischen Hauptstadt gedruckt werde», veranstalteten einen erbitterten Wettlaus um Nachrichten. Alle lgilbe Stund« erschien ein anderes Extrablatt, nnd jedes ivußte etwas Neues zu melden, machte die Meldung des Vorläufers zu einer von vorgestern. „Oesterreich-Ungarn stellt ein llltimatnm!" „Serbien erklärt de» zßrica !" „Rußland mobilisiert an oer österreichischen Grenze!" „Englands Flotte dampft in das Adriatijchc Meer abl" So jagte eine Meldung die andere, die zweite immer 715 wahnsinniger als die erste. Alle wurden geglaubt und im Wettertragen vergrößert. „Krieg — Krieg!" gellte es an allen Ecken und Enden der Stadt. Um die Reiterstatue des Fürste» Michael aus dem Theaterplatz drängte sich eine tausendköpsige Menge. Oben auf dem Sockel stand ein Redner, irgend ein Universitätsprofessor oder Schriftsteller, der sich bemüßigt suhlte, seine» Landsleuten die Mitteilung zu machen, daß er und alle Serben zu sterben bereit seien. „Dole Austria! — Nieder mit Oesterreich!" brauste der Ruf empor. Kops an «ops drängte sich die Menge an der alten, bröckelnden Wehr. Ruhig, im goldenen Friihlingsschein, lag Semlin da, und alles, was sie drüben sahen, waren weit draußen aus dem Exerzierplatz ein paar Züge Infanterie, die seelenvergnügt wie zu den friedlichsten Zeiten Gewehrgriffe übten. Stolz aufragend über den Dächern von Semlin strebte der Arpadturm ui die Lust. Und sein goldener Adler schien sich zu regen und zu rühren im flimmernden Sonnen- lickit, schien sich zu erhebe» und aufzustcigen. Das sahen sie nicht... Im Ministerium des Aeutzern und i»> Kriegsmiuiste- rium Ivar ein unaushörliches Kommen und Gehe». Fremde Diplomaten fuhren mit wichtigen, verschlossenen Gesichtern in ihren Wagen vor und begaben sich zsu den Ministern. Adjutanten flirrten die Treppen hinaus und herunter. Amtsdiener schleppten große, geheimnisvolle Aktentaschen. Sie ivaren sich ihrer Würde bewußt — sic halsen Weltgeschichte machen. Der österreichisch-ungarische Gesandte Gras Forgach hatte der serbischen Regierung eine scharfe Note überreicht, in der es ziemlich unverblümt hieß: Entweder — oder. Mit einem Stoß schob damit Baron Aehrenthal den Winkelzügen seiner serbischen Gegner den Riegel vor. Und nun spielte der Telegraph zwischen Serbien, Petersburg und London... Aber unhörbar und sicher ging der Frieden seine» Weg. In Sarajevo empsing man die Meldung von der Drina, daß die am anderen Ufer stehenden Banden über kürz oder lang zum Angriff aus die Grenztruppen schreiten würden. Der elektrische Draht trug diese Meldung nach Wien weiter. llnd noch am selben Tage läßt sich der deutsche Botschafter beim Minister Jswolsky melden und gibt ihm im Austrage der Regierung des Deutsche» Reichs den freundschaftlichen Rat, die Serben vor übereilten Schritten zu warnen. Und um seinem Rat mehr Nachdruck zu verleihen, teilt er ihni mit, daß Deutschland sonst das Königsberger, Posener und das Breslauer Korps mobilisieren müsse... Da hatte der Frieden nur noch einen Weg zu machen, den von Petersburg nach Belgrad. Hier kan, er i» dev Form einer Depesche an, die den Serben dringend, nein dringendst anriet, eine direkte Verständigung mit Lester- reichcklngarn zu suchen. Rußland sei nach wie vor bereit, ihre Ansprüche zu unterstütze», aber es dürfe keinen europäischen Krieg herausbeschwören. Und dann setzte sich der abgehetzte Frieden und ruhte sich aus. Tenn jetzt drohte ihm keine Gefahr mehr. Selbst nicht durch die ivuteutbrannten Artikel der serbischen Presse. In Racovac wußten sie nichts von dieser Rundreise des Friedens. Wären auch gar nicht entzückt davon gewesen, denn hier warteten sie, die Hand am Gewehrkolben, auf den Krieg. Ten ganze» Winter hatten sie auf ihn gewartet, hatte» ohne Murren alle Mühen und Anstrengungen getragen, unermüdlich die Wache gehalten vor dem Feind, all ihren Groll und Grimm gegen ihn ausgespeichert und gesammelt. Und nun endlich, endljch! Am Nachmittag begrub Desider sein totes Weib. Franz und Olga folgten außer ihm noch dem Sarge, den vier Strafuni zu dem kleinen Friedhof draußen am Waldessaum trugen. Andächtig lüfteten die Soldaten die Kappen, da der kleine Zug a» ihnen vorüberkam, und keiner merkte, daß da ihr Offizier sein Teuerstes zu Grabe füli-rte, denn erade und fest, mit eiserneni Gesicht, schritt Desider neben em Freund einher. „'s ist die Schwester von dem jungen Burschen von damals; sie hat zu »ns fliehen wollen, und da ist ste^on den eigenen Leuten erschossen ivorden," erzählten die Soldaten einer deni ander». Desider aber stand ruhig, fest an dem Grab. Einen stunimen Gruß sandte er hinunter und ein Versprechen .. Der Abend kam. Verschollen glänzten ein paar Lichter von Slubovizja herüber, sonst >var alles still drüben, still, gawz still. Bor den Häusern saßen die Strasuni und Dragoner und aßen ihr Nachtmahl Eine fiebernde Spannnng ivar in ihnen allen. Als die Dunkelheit völlig ins Tal siet, ivaren sie alle vor dem Hause ihrer Offiziere. Da fragte keiner, ob er eben vom Dienst kam oder als der nächste wieder an der Reihe war. Blieb keiner im Quartier und streckte die Glieder auf dem Strohsack aus. Franz und Desider waren »litten unter ihnen. Franz lachend, übermütig, Desider ernst und still. Mit deni wechselten sie ein Wort, mit jenem. Franz erzählte Witze aus seiner Kadettenzeit... Zehn Uhr... elf... Mitternacht... Da ein Schuß vorn am Ufer.. noch einer... Sie springen alle auf. „Jetzt!" Wie ein Ruck geht's dlirch sie alle. Die Ojsizicre stürzen »ach vorne zu dem Posten, der geschossen. „Dort, Herr Oberleutnant, dort!" flüstert der Mann mit vor Ansregung heiserer Stimme. Schwarzes, undurchdringliches Dunkel liegt aus der Böschung. Nichts regt stch, nichts. Zehn, fünfzehn Minuten starren sie hinüber, aber es bleibt alles still. „Ich Hab' ganz deutlich drei Mann gesehen," beharrt der Posten. „Nur Ruhe, inehr Ruhe," sagte Desider zu dem Mann. „Beobachten Sie solange wie möglich und schießen Sie erst im allerletzten Moment." Er war in dieser Stunde vor der Entscheidung kühl und gelassen. Jetzt war es vielmehr Franz, den die Aufregung gepackt hatte und nicht mehr losließ. Der Traum eines jeden österreichischen Offiziers ging ihm ja in Erfüllung: im Kampf sich zu erproben und auszuzeichnen. Und dann — das Avancement in Friedenszeiten war ja gar zu langsam .... Desider dachte an kein Avancenicnt, an keine Karriere mehr. Er hatte mit der Erde abgeschlossen. In ihm war der feste Wille, in deni Kampfe zu sallen. Mit seinem Leben ahlte er dem Kaiser die Zeit, um die er sich zu früh aus eineni Dienste losriß. Franz hatte ihm versprechen müssen, ihn in einem Grabe mit .Helene beizusetzen. Ein Uhr wurde es, und noch eine Stunde schlich vorbei. Und da, da . . . alle drei, Franz, Desider und der Posten sahen cs, das war keine Täuschung, die Dunkelheit drüben wurde lebendig. Noch dunklere Schatten glitten aus ihr heraus . . . durch die Totenstille der Nacht drang ganz leises Flüstern herüber. . . „Sie tommen!" „Schnell, Oleanu," besaht Desider dem Posten, „lausen Sie schnell zurück, sagen Sie dem Feldwebel Schwarmlinie an der Böschung, von mir hier angefangen. Kein Wort darf gesprochen werden, kein Schutz abgeseuert werden, bis ich pfeife." Lautlos Verschtvand der Posten in die Nacht. Die beiden Freunde aber blieben regungslos liege» uud starrten hinüber. Sie sahen nichts als das Hin uud Her dunkler Schatte». Hörten ein-, zweimal das Knacken eines Gewehrverschlusses. Und plötzlich faßte Desider die Hand des neben ihm Liegenden und preßte sie mit starkem Druck. „Du weißt, was du mir versprochen hast," flüsterte er ihm ins Ohr. „Ja. Aber derweil bist du ja noch nicht gefallen." „Ich werde sallen; ich weiß es, Franz. Dieses ist mein erstes und letztes Gefecht. Schwöre mir, daß du dein Versprechen hältst." „Ich schwöre es dir. Aber ich mein', ich werd' Zeit genug haben, bis ich es erfüllen muß." Desider antwortete nicht mehr. Weit vorgebeugl lauschte er hinüber. Unten am Flusse war ganz deutlich ein Manu zu sehen, der aus das Eis hinaustrat, um es auf seine Stärke zu prüfen. Waren auch die Tage schon sehr warm, die grnnd tiefe Eisdecke der Dr,na hatten sie noch nicht zu zerstören verinocht. Der Mann schritt vor, soweit der Schatten der Böschung reichte, und klopste mit de:» Gewehrkolben vorsichtig aus. 71(1 Das EiS schien »och fest und tragsährg. Lautlos huschte er wieder in die Dunkelheit zurlick. Inzwischen kamen auch die Strafnui heran. Mit der einen Hand das Bajonett haltend, damit es nicht klapperte, glitten sie an die Böschung und verteilten sich, ohne ein Wort zu sprechen, hinter die niedrigen Gebüsch«. Jeder Zeigefinger lag am Ziingel — den Atem hielten sie fest an ... . Und dann . . . schatten kamen aus der jenseitigen Böschung herab, zehn, zwanzig . . . mehr . . . mehr . . In breiter Linie traten sie nnss EiS . . . Da hob ein Strafnui, von der Erregung sortgerissen, das Gewehr, dort einer . . lvarnm pfiff der Oberleutnant nicht? Die Hunde waren ja da . . . worauf noch Wartens? Aber Desider wollte den Gegner erst in der Mitte des Flusses haben, im freien, hellen Mondlicht: da war jeder Schuß ein Treffer. Er schob die Pfeife in den Mund und wartete. . . Jetzt . . . jetzt . . . schrill gellte der Pfiff durch die Nacht. Und fach w-re eine Gcneraldecharge krachten die Schlisse der Strafnui darauf... Ein jäher Schreckensschrei der vollständig überraschten Gegner antnwrtete... Fürchterlich tvar die Wirkung der Salve Wohl an zehn bis zwölf Mann der Komidatschi stürzten auf das Eis nieder Einzelne erhoben sich zwar wieder »»cd schleppten sich zurück in das rettende Dunkel am User. Wie von einem Rausch gepackt, schossen die Strafclni hinter den Fliehenden her. Zweimal mußte Desider das Signal zum Feuereinstrlle» geben, ehe ihre Gewehre schwiegen. Und nun löste sich die furchtbare Spannung der Leute. Der Huber, der Wiener, sprang in die Höhe, schwenkte seine Kappe und schrie: „Hurra, Leutln, gnat is' gangen! Hurra — hurra!" Und jubelnd stimmte» sie alle ein. Drüben wurden befehlende Stimmen laut. Die Führer suchten ihre ganz kopflos gemachten Leute zu sammeln, zu ermutigen. Drohungen, Scheltworte erklangen... „Ich weiß nicht," flüsterte Franz, „die Kerle müssen rein von Gott geschlagen gewesen sein! Haben die denn geglaubt, wir liege» in unsere» Betten drin und schlafen? Aha, jetzt verleihe» sie ihrein Unmut beredten Ausdruck." Die Gegner schienen sich doch von ihrem panischen Schrecke» erholt zn haben. Schüsse blitzten drüben ans, zuerst wild, nnregelmäßig, dann besonnener und ruhiger. Sie tasteten die Böschung ab, wo sie die Strafnui vermuteten Bis jetzt hatten die Strasuni noch nicht den geringsten Verlust zu beklagen. Die Geschosse des Gegners gingen viel zn hoch über ihre .Köpfe weg, aber allmählich schoß sich der ein; immer tiefer, immer näher hörten sie das ominöse Saicsen. Unwillkürlich preßten sie sich enger an den Boden an. Der Feind war stärker: das sab man an seiner viel längeren Feuerkette, in der eS nnanfhörlich aufblitzte. Die merkwürdig« Erscheinung, daß der Mann sich uin so sickierer laubt, je häufiger und schneller er schießt, zeigte sich auch ier. In ihrer wahnsinqige» Erregung schossen manche der Leute wie blind darauslos. Desider kroch hinter der Kette von Mann zu Man». „Langsam schießen, langsam schießen," ermahnte er sie. „Nur ivenn ihr ein sicheres Ziel habt." Seine Worte wirkten beruhigend. Rach einer Weile erinnerten sie sich dessen, was sie im Friede» gelernt hatten, zielten langsam und bedächtig, setzten wieder ab... Franz fieberte. Da zuschauen müssen — Himmelherrgott... Plötzlich — in der Flaute — loeit drunten auf dev Straße nach Fakovic zu Schlisse . .. schnell hintereinander... „Hörst düs?" rief er Desider zu, der einige Schritte von ihm entfernt lag. „Ja," gab dieser zurück. „Sie versuchen dasselbe Manöver wie das letztemal." „Ich reit' hin!" Und Franz schob sich nach rückwärts, bis er aus der Feiicrlinie war. Dann sprang er ans und rannte zu seinen Dragonern, die neben ihren Pferden an, Dorfeingang standen. ; „Aufsitzen!" Im Nu waren sie im Sattel. Jetzt endlich durste» auch sie mittun, brauchten nicht inehr schön sick^r gedeckt dazu- stehen... Im Schritt ritten sie hinter dem Dorf herum, da sie ja an der Feuerlinie nicht vorbei konnien. Dann mußten sie sogar absteigen und die Pferde am Zügel durch den Wald aus die Straße hinnnterführen. Hier schickte Franz den Korporal Hertinger mit drei Mann voraus. Fünfzig Schritt hinter diese» folgte er mit dem Zug. Je näher sie dem Schießen kamen, desto schwacher wurde eS. Nur mehr vereinzelte Schüsse trachten noch, dann war gar nichts mehr zu hören . . plötzlich kam noch einer.., und noch einer, . ein allerletzter... darauf blieb's still. Franz lvar keinen Moment lang im Zweifel darüber, was das zu bedeute» hatte. Die Patrouille dorten war überwältigt Für die Tapferen kam er zn spät. Weiterreite» ins Blaue hinein n>ar gefährlich. Der Feind stieg sicher in den Wald hinauf, und er lvar dam, hier her unten ans der Straße wie ans dein Präsentierteller. Und die Wut fuhr in ihm ans. daß er die gefallenen Kameraden nicht rächen konnte... Der Zug hielt Ungeduldig schnaubten die Pferde iin Morgenwind Da kam einer der Dragoner HerlingerS zurückgesanst. ,F)err Oberleutnant, Korporal Herlinger meldet," rav- portierte der Mann, „ein .Hausen von uirgefähr fünfzig Mann kommt die Straße entlang. Korporal Herlinger zieht sich hierher zurück." Aus der Straße kamen sic? Grairdios! Keine hundert Schritt von der Stelle, an der Franz hielt, bog der Weg zum Bcrglverk ab. Ans ihm stellte sich Franz mit seinen Leuten auf. Leise zuckten die Säbel aus den Scheiden . • _ (Schluß folgt.) Verinischte». - N tun b v i i ch i f ß f u i in K riege Es ist bekanntlich eine alte, nickt nur in Teulicklaud, sondern auch sonst noch weitverbreitete Sitte, da? »enc Fat» einzuschießcm, Im Kriege bat das nun eine reckt seltsame Wirkung. Der wlirttembergischc Garuisonpsarrer G. Si'mtmaim erzählt in,seinen Kriegserinnerungen von 1870, wie er als Offiziersaipirant an, Silvesterabend mit 25 Mann zum Schanzen kommandiert war lim 9 Ul» war die Arbeit fertig. Er erzählt: „Sebr befriedigt, daß die letzte Arbeit des Jahres vollbracht war, zogen wir in irvber Stimmung ab und marschierten, die Nackt mit munterem Marsckgesang erfüllend, rii unsere Quartiere. Und unser Beispiel fand Nachahmung. Als ich mich, von der Arbeit müde, aus mein Lager legte, war von Schlaieu noch lange teure Rede: den» das Singen der heünkehrenden Abteilungen steckte an. daß auch die Daheimgebliebenen mit einstimmten und das Singe» nach und nach mehr zum Schreien steigerte». Bald >oar ein Spektakel los, der deni liblicbeir NenjabrSnackt Soektakel der volizeibewackte» Heimat nichts »ackgab. Als oollends um l2 Uhr ein mutwilliger Bollen einen Sckuß abgab, de» Franzosen das Neu- jabr aiizuschießen, begann aus alle» Seilen ein tolles Geschieße, von dem meine Soldaten znrückznbalteu ich alle Mühe hatte. Die Folge lvar, daß die Franzosen jenseits der Marne aus ihren Fcld- loachten alarmünt wurden und bis an den Morgen in Gefechtsbereit schast stehen mußten. Natürlich göuuteu loir ihnen in verzeihlicher Schadenfreude die gestörte Nachtruhe," Neujahrsrätsel. Austö'ung in nächster Nummer. Auslösung des Gleichklangrätsels in voriger Nummer! Wenden. Kchcislleitung: Aug. Eoeh. - Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'sche» Nntv«rßtäls-B»ch- und Steindrnckeret, N. Lange, Dießen.