An den (Ufern der Drins. Plonian aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein. (Nachdruck verboten^ (Fortsetzung.) Da ließ sich Mr. Blackhead, der Engländer, vernehmen, der bis jetzt den Verhandlungen mit verstohlen spöttischem Lächeln gefolgt war. „Ich will Ihre Siegessreudigkeit bei weitem nicht däinpfen, Königliche Hoheit," sagte er, „aber so ohne weiteres werden die Oesterreicher Sie nicht nach Sarajevo lassen. Bis heute ist es noch keiner Bande geglückt, nach Bosnien einzndringen ..." „Sie sagen selbst den Grund dafür, Exzellenz", ent- gegncte der junge Prinz lebhaft. „Banden! Lassen Sie erst unsere Armee aii der Drina stehen, dann bekommt die Sache gleich ei» anderes Gesicht." „Ich zweifle nicht daran, königliche Hoheit," sprach der kühle Engländer, „daß Ihre ruhmreiche Armee den Oester- reichern ganz airders zusetzen wird. Ich zweifle sogar nicht einmal daran, daß Sie sie besiegen werden, aber immerhin ist Oesterreich Ungarn ein Staat, der drei Millionen Soldaten ins Feld stellen kann." „Aber nicht auf einmal! Wenn wir aushalten können, so müssen wir siegen!" „Dazu'braucht man aber Geld", sprach Savic tiest'innig. Der Engländer machte eine beinah« verächtliche Hand- bewegung. „Daran soll's nicht fehlen. Wir sind bereit, mit allen Mitteln Serbien zu unterstützen, wenn Rußland bei der Stange bleibt." „Rußland ist zu allem bereit", ries der Agent des Zarenreichs stolz. „Auch zum Kriegsühren?" „Wir werden so viel an der galizischeu Grenze zusammenziehe», daß Oesterreich dort wie festgenagelt sein wird." „Und ivenn Deutschland eingreift?" fragte Monsieur. Die französische Republik zitterte vor dem Kriege. Sie hatte gar kein Interesse für Serbien und tat nur aus Rücksicht für Rußland mit, war aber gar nicht begeistert von der Idee, sich in einen so gefährlichen Krieg wie den niit Deutschland und Oesterreich hineinhetzen zu lassen. „Deutschland rührt sich nicht", rief Ray. Im Reichstag haben sie sehr schön geredet, aber getan haben sie nichts. Was geht die in Preußen der Balkan an? In: Gegenteil, je mehr wir Oesterreich zum Kriege drängen, desto mehr wird Deutschland sich zurückziehen. Und Oesterreich allein geht daun in eine Katastrophe. Sie haben ja gehört, wie man in Böhmen „Hoch Serbien" gerufen hat. Die Slowenen, die Bosnier, sie alle stehen auf, wenn es zum Kampfe kommt." Davon war sogar der skeptische Engländer überzeugt. „Ja, das mag wohl stimmen". sagte er. „Aber uns ist doch die Hauptsache, Deutschland und Oesterreich auseinanderzureißen. Gelingt das, dann geht Oesterreich entiveder zugrunde, oder muß sich uns nähern. Auf jeden Fall ist dieses Deutschland isoliert. Und für diesen Preis ist kein Opfer zu hoch. Wir müssen also zunächst Deutschland zwangen, Farbe zu bekennen." „Das erreichen wir am besten," schlng Ray vor, „indem wir Oesterreich zu einem Ultimatum an Serbien zwingen. Dann stehen sie vor einem Entweder-oder. Das ist Ihre Ausgabe, meine Herren", damit wandte er sich an die fcr-- bischen Staatsmänner. „Eine Rede in der Skupschtina dürfte genügen", meinte Spavaitovich. „Reden, nichts als Reden!" rief der Prinz ungeduldig. „Was brauchen wir das Ultimatum! Wir führen den Plan Sr. Durchlaucht aus und brechen auf Neusatz vor. Dann gibt's kein Entweder-oder mehr." „Man könnte ja auch er» der Drina eine größere Aktion unternehmen. Das ist sogar vorteilhafter", sagte Ray. „Man tann sich im Notfälle auf die Banden ausredcn, loährend reguläres Militär unweigerlich den Krieg bedeutet. Der Plan, den ich zu unterbreiten mir erlaubte, kann ja dann jederzeit ausgeführt werden." „Zuerst raten Sie selbst zu dem Handstreich," antwortete der Prinz zornig, „und nun wollen Sie ihn wieder aufschicben!" „Wer sagt, daß ich das tun will? verteidigte sich Ray. Er beugte sich zu dem Prinzen hinüber und flüsterte ihm ins Ohr. „Denken Sie doch daran, königliche Hoheit, wer tn Racovac, an der Drina, Ihrer harrt!" „Sie haben recht, Fürst," sagte er, aufstehend. „Ich werde die Aktion an der Drina leiten. Heute noch erbitte ich mir hierzu Urlaub vom König, lind wenn er ihn mir nicht gibt, dann . . . dann. . Und ohne den Satz zu vollenden, stürmte er davon und ließ die vollständig überraschten .Herren sitzen. „Der Hitzkopf >vird uns noch alles verderben", sagte der russische Diplomat. Auch der Engländer wiegte mißbilligend das Hauvt. Ray aber rieb sich mit triumphierendem Lächeln die Hände. „Auch ich bin der 'Ansicht, daß der Prinz trotz seines heiligen Feuers unserer Sache mir schaden wird", sagte er. „Wenn mir daher die Herren gestatten, werde ich mich hinunterbegeben, um den Stein ins Rollen zu bringen. Nur muß der Prinz hier unbedingt festgehalten werden." „Darauf können Sie sich verlassen", sagte Minister Merolanowitsch. „Meine Kollegen und ich werden uns von hier direkt zuni König begeben und ihm Bortrag darüber halten, sowie ihm auch über die Berhandlnugen hier Bericht erstatte». Ter Prinz wird in Belgrad bleiben." Ray fuhr fort: „Das hohe Kriegsministerium wird die Güte haben, wir einen Befehl an sämtliche Banoenführer mitgeben, daß sie sich meinem Kommando niiterznordite-- habet«. Ich will mit einer möglichst großen Macht iit*c> - — 710 — Drina gehen. Wir müssen, ob so oder so, auf jeden Fall einen Eroslg erringen. Wen» wir ihnen erst ein Dorf niedergebrannt haben, wird wohl die sogenannte Langmut der Oesterreicher ein Loch kriegen." „Exzellenz, Durchlaucht," sagte der Engländer. „Oesterreich stellt das Ultimatum und Deutschland muß. gleichfalls t arbe bekennen. Großartig! Stellt es sich offen aus die eite Oesterreichs, dann ist noch immer Zeit zum Einlcnken." Dainit waren alle einverstanden... Rah begab sich ins Kriegsministerium, wo er mit den Offizieren des Ministeriums und des Generalstabs' eine lange Konferenz hatte. Als er nach drei Stunden in sein Hotel zurückkehrte, hatte er in der Tasche den vom Oberstkommandierenden der serbischen Armee Unterzeichneten Befehl an sämtliche an der Grenze stehenden Komidatschiführer, sich ihm unbedingt unterzuordnen. Am Abend fuhr er bereits an die Grenze... Hinter seinem Zuge drein aber jagte ein Reiter auf schäumendem Pferde. In der einen Hand hielt der Reiter ein blutgetränktes Schwert, in der anderen eine lodernde Brandfackel... Der Reiter war der Krieg. 16. Kapitel. Eine Woche ist darüber hingegangen. Auf den Sturmes- K der Bora kommt der Frühling über die Berge gereiht die mächtigen Schncemassen von den Hängen und Bäumen und macht die Straßen und Wege gangbar. Auf der Drina wird das Eis dünner, weicher und zeigt große Sprünge. Wie lange noch, und der Fluß wirft seine Fessel ab und tollt wieder fröhlich im freien Bergbelt seinem Ziele zu. Der Frühling, sonst von aller Welt mit Jubel und Freude begrüßt — im Jahre 1909 sah man ihm nur mit Bangen entgegen. Hieß, es doch, im Frühling würde der Krieg ausbrechen. Die serbischen Zeitungen verkündeten triumphierend, daß das kleine Serbien bereit sei, den Kampf mit dem großen Oesterreich aufzunehmen. Ihre Sprache lvnrde von Tag zu Tag drohender und provokatorischer. Die englischen und russischen Journale sekundierten ihnen in einer für Oesterreich geradezu beleidigenden Weise. Oesterreich, das mutwillig Recht und Vertrag gebrochen hat, inuß sich dem Richterspruche Europas unterwerfen, so hieß es in allen möglichen Tonarten. Mer Oesterreich richtete sich mit einem Male auf. Weil es Jahrzehnte hindurch still und ruhig, vielleicht auch etwas langsamer als die andern, seinen Weg gegangen war, hielt man es für schwach und verbraucht. Und nun riß die Welt erschrocken die Augen aus, als sie sah, welch übermächtiger Riese sich da von seiner Ruhe erhob und bedächtig, aber mit der unbeugsamen Entschlossenheit des Starken, das Schwert aus der Scheide zog. Die Eiseubahnzüge begannen zu rollen und führten Regiment um Regiment hinunter an die bedrohten Südgrenzen. Deutsche, ungarische, böhniische Truppen kamen und folgten willig dem Befehl ihres Kaisers. Ernste und reffe Männer waren unter ihnen, die Wejb und Kind daheim ließen. Sie jubelten nicht, aber in ihren Augen stand der Entschluß geschrieben, ihre Pflicht bis zuin letzten Ende zu tun. Mit einem Male ging das Erkennen durch das Reich, daß es noch ein Oesterreich-Ungarn gäbe, daß sie alle, Deutsche, Tscheche», Magyaren, Polen, Slovenen, nur einen Teil des Ganzen bildeten, daß sie unlöslich miteinander verbunden waren. Mit Staunen und Schrecken schaute die Welt auf dieses Schauspiel. * In Racovac verspürte» sie wenig davon. Verschollen kanr mal die eine oder die andere Nachricht in ihr einsames Vrcnznest, und die einander ividersprechendeu Zeitungsmeldungen blieben die Hauptquelle ihres Wissens. Aber doch ersahen sic daraus, daß Oesterreich-Ungarn nun ernstlich rüstete, und ihre Hoffnung stieg, daß sie eines Tages den Befehl bekommen würden: „Ueber die Drina!" DaS Fieber der Erioartung packte sie alle, die beiden Offiziere wie ihre Leute. Sie waren die ersten am Feind, Ihnen war es als den ersten bestimnit, den feindlichen Boden zu betreten. MS die ersten der ganzen Armee konnten sie Ruhm und Ehre gewinnen. Auch Desider ward ruhiger bei diesem Gedanken. Seine Sehnsucht zwar blieb nie still, und seine Träume wanderten »ach wie vor auf das andere User der Drina hinüber. Mer die Gewißheit kam über ihn, daß ihm die Erlösung nust werden mußte. Ms Soldat zu sterben, für seinen Kaiser, und an seinerfLeute Spitze, das erschien ihm als das größte Glück, das er noch erringen konnte. Mit Franz sprach er gar nicht mehr daricher. Er wußte ja, daß sein Freund anders über diese Mt der Erlösung dachte, und es tat ihm weh, wenn Franz in seiner leichtfertigen Manier ihn zu seiner Anschauung bekehren ivollte. Franz dagegen beichtete ihm offen und rückhaltslos sei» Verhältnis zu Olga Grekow. „Ich glaube nun selbst," sagte er, „daß sic wirklich das für mich empfindet, lvas man Liebe nennt. Tu hättest sie nur damals sehen sollen, weißt du, in der Nacht damals, in der die Hunde sie befreien wollten. Desi, so spricht nur ein Weib, das einen Mann wirklich gern hat. Aber Hiuimel-- herrgott — ich mag die Sache hin- und herdrehen, ich finde keine Antwort auf die Frage, lvie ein österreichischer Ofsi- ier eine russische Spionin heiraten soll. Ich ivollte, ich ätte sie nie gesehen." „Wir sind wirklich ein paar arme Schächer," sprach Desider mit bitterem Lächeln. „Weißt du, Desi," meinte Franz, „ich Hab' oft das Gefühl, als hielte uns das Schicksal euisach zum Narren. Da sehen tvir das Glück so nah' vor den Augen, daß lvirglauben, wir brauchen nur zuzugreifeu — na, und wenn lvir dann die Hand ausstrecken — dann ist es am andern Ende der Welt. Aber — Himmelherrgott... ich laß mich nicht zum Narren halten, ich nicht!" „Und die Frau, Franz — die Frau?" „Die Frau — die Frau! Ich hab's ihr doch ost genug gesagt, daß wir zwei nie und nimmer zusamincnkonimcn können. Ich weiß nicht, früher war sie ein ganzer Kerl- jetzt ist sie so ein Tränensack w»c — du! Wäre sie früher ... ah was... von dem „wenn" haben wir nichts! Kismet, Desi, Kismet!" 1 Und dann klirrte er aus dem Zimmer, um dem Freunde nicht zu zeigen, wie schwer ihn dieses Kismet drückte... Eines Tages war er draußen auf Patrouille. Spät wars schon und dunkle Schatten krochen bereits vom Tal die Berglehnen hinauf. Mit leisem Rauschen strich der Früh- lingstvind durch den Wald, in dem schlver und voll die Tropfen des schnielzendcu Schnees j» Bode» klatschte». Noch stand das Eis in der Drina, aber da und dort zeigten sich schon große Risse tind Spalte», die die warmen Strahlen der Sonne hineinschluge». Frühling... Frühling! ... Mit weit geöffneten Tolmans trabten die Dragoner dahin. Plötzlich riß Franz, der einige Schritte vor seinen Leuten ritt, seine Stute zurück. Auf der Böschung, halb ist dem gelben, morastischeu Schnee, halb mit dem Oberkörper nach unten, lag eine weibliche Gestalt. Im Nu war er aus dem Sattel und beugte sich über die.Frau... Älhnächtiger... Helene! Bleich lag sic da, mit geschlossenen Augen, die Hände ineinandergekrampft. Fast uninerklich hob sich ihre Brust in schwachen Atemzügen. Sie richteten sie mif, behutsam und sorglich, und da entdeckte Franz, daß in der Höhe der Schulter ei» Loch in der Jacke >oar, und aus diesem Loch sickerte Blut in dicken, schwarzen Tropfen. Sie mußte über den Fluß gekommen sein, und von rücktvärtS hatte sie dann die Kugel des Verfolgers niedergeworsen. Aus zwei starken Resten und ihren Satteldecken machten sie eine Bahre, auf die sie die Schiververwundcte legten., Sie >var von tiefer Besinnungslosigkeit umfangen, nur als sie sie auf die Decken niederlicßen, kam ein leiser Seufzer, ein Hauch, über ihre Lippen. Während zwei Leute die Bahre ansnahmen, jagte Franz voraus ins Dorf hinein. Es galt, Desider vorzubcreiten. Er fand ihn bereits gerüstet zum Mmarsch auf die Nacht» streifung und nur noch auf ihn ivartend, da ein Offizier immer in der Station sein mußte. „Du bist aber heute pünktlich", rief er ihm entgegen. „Mir scheint gar, du bist deinen Leuten auf und davon- geritten!" „Stimmt", erwiderte Franz. „Schau nämlich, Desi, es ist was passiert. . ." „Helene!" schrie der andere aus. „Sie ist tot!" „Nein, das nicht. Aber augenscheinlich schwer verwundet. Ich fand sie, als ich nach Hause ritt, aus der Straße . , 711 Destper hörte Ihn kaum noch. Me er War, Wollte «r ^vonstür^mi, aber Franz hielt ihn mit seinem eisernen „Bist du wahnsinnig, Junge?" fragte er ihn, während er den Widerstrebenden ins Zimmer zurückzog'. „Soll denn bas ganze Dorf wissen, daß du ihr Geliebter bist? Warte hier im Zimmer ans sie..." ' . „Und wenn sie inzwischen stirbt . . ." „Gott bewahre: so gefährlich ist die Geschichte nicht. Richte derweil alles her. Ich werde um den Doktor tele* graphieren — ^ur den Kops hoch, Junge!" Seine Ruhe und Energie bliebe» nicht ohne Wirkung aus die erregten Nerven Desiders. Eilends schlug er sein eigenes Bett auf, richtete Handtücher, Verbandzeug und warmes Wasser vor und wartete dann, den Kopf m die Hände gestützt, die Ankunft des traurigen Zuges. Franz eilte inzwischen zum Gendarmeriekommando hinunter, in vessen Haus der Telegraph untcrgebracht war. „Schnell, Hassan," ries er, als er das Wachtzimmer betrat, „wir müssen um den Doktor nach Blasenica telegraphieren !" Ohne zu fragen, für Uten der Arzt benötigt wurde, rief Efghi Hassan den jungen Menschen herbei, dem die Bedienung des Telegraphen anvertraut war. Der Telegraphist setzte sich an seinen Apparat und gab das Anrufzeichen. Aber kein Ticken des Stroms ließ sich hören, als er den .Hebel niedcrdrückte. Erschrocken schaute er zu dem vor ihm stehenden Franz und Efghi Hassan auf. „Herr Oberleutnant," sagte er stotternd, „da ist etwas nicht in Ordnung. Ich kann reinen Strom hören." „Probieren Sie noch einmal!" Der junge Man» befolgte den Befehl, aber mit demselben negativen Resnltät. Efghi Hassan psisf durch die Zähne. „Da haben die Hunde die Leitung abgeschnitten!" sagte er. „Sie werden doch keine» neuen Ueberfall planen?" Der alte Gendarm zuckte die Achseln. „Sieht säst so aus, Herr Oberleutnant," knurrte er. „Na, mir kann's recht sein!" rief Franz lachend und reckte die Arme. „Wir werden ihnen schon „guten Tag" sagen. Aber, Hassan, edler Tschibnkheld, wie Ivärs, wenn Sie sich ein paar von meinen Leuten nähmen und mal nach- schautcn, wo die Gesellen eigentlich den Draht durchschnitten haben." „Zu Beseht, Herr Oberleutnant!" erwiderte Efghi Hassan. „Und es muß einer nach Srebrenica reiten, damit die von dort aus telegraphieren. Wir müssen einen Arzt haben. Denken Sie sich, Hassan, wie ich von meiner Patrouille heino» komme, liegt auf der Straße ein schwer verwundetes Mädchen. Wissen Sie, die Schwester von dem Stojan, den tvir damals eingesanqen haben. Sicher haben ihr die eigenen Leute nachgeschossen!" Fünf Minuten später jagte Efghi Hassan mit einem Korporal und fünf Dragonern die Straße nach Srebrenica entlang. Sie lagen tief gebückt auf den Hälsen ihrer Pferde, denn jetzt konnte hinter jedem Bann, der Tod mit schußbereitem Gewehr lauern. Als Franz in sein Quartier kam, langte» gerade die Leute mit Helene an. Bleich, mit zusammengcbissenen Lippen stand Desider im Zimmer, als sie die Bahre niedersetzten. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, da lag er schon vor der Geliebten ans den Knien und preßte einen heiße» Kuß auf die blutleere Stirne. Er sah nichts, er hörte nichts, dumpf rang sich sein Schmerz aus seiner Brust heraus und nufschlnchzend barg er seinen Kopf neben dem ihren auf den Decken. Franz ließ ihn gewähren. Und mit plötzlichem Entschluß verließ er das Zimmer und eilte hinüber zu Olga. Das schöne Weib lvar nicht wiederzucrkennen. Ihre Wangen Ivaren fahl und eingefallen und ihre einst so strahlenden Augen trüb und unischleiert; sic hatten den müden Blick der Augen, die viel weinen. Nur als sie Franz so unvermutet bei sich eintreten sah, flammte das alte Feuer wieder in ihnen auf. „Sie... Franz?" staminelte sie, verwirrt, fassungslos tn ihren hellen Freude. Er fand nicht den kühlen Ton, in dem er mit ihr hatte iprechen wollen Er liebte sie fa nicht weniger als sie ihn und da er fie so gebrochen vor sich sah, sprang ihin das! ergene Weh, das er immer so brutal nrederdrückte, in die Kehle und machte seine Stimme weich und zärtlich „Es ist ein Unglück geschehen, Frau Gräfin!^sagte er. //Ich habe eine halbe stunde non hier Fräulein Helens Stojanowitfch mir einer schweren Schußwunde im Rücken gefunden. Nun liegt sie drriben in unserem Haufe; wolle» Sie uns helfen, Frau Gräfin?" Ohne ein Wort zu verlieren, warf sie ein Tilch über. Die Freude, dem Geliebten eine» Dienst erweisen zu können, färbte ihre Wangen rot, gab ihr die Elasttzität und Lebhaftigkeit ihrer früheren Tage wieder. „Kommen Sie!" rief sie und öffnete die Tür. Sein Herz lag ihm auf der Zunge. In seinen Armen zuckte das Verlangen, sie an sich zu reißen und an denj weichen, süßen Lippen, deren ersten und letzte» Kuß er nie vergessen konnte, Verzeihung zu erbitten für das Leid, das er ihr tat, tun mußte. Mer nein, nein! Er durfte es nicht, jetzt nicht, niemals. Und gerade und fest schritt er hinter ihr drein. Bei Helene angelangt, ging Olga unverzüglich ans Werk. Sie legte die noch iinmer Bewußtlose mit Desiders Hilfe auf das Bett, schickte dann die Männer Humus und entkleidete das junge Mädchen. Mit behutsamen Fingern wusch sie ihr die Wunde aus und machte ihr einen Verband aus der Scharpie, die Desider vorbereitet hatte. Flüsternd standen die beiden Freunde derweilen auf der Diele. „Und gerade jetzt muß ich fort, die Leute werden ohnedies nicht verstehen, wo ich bleibe!" sagte Desider. „Es ist besser, du gehst heute nicht!" gab Franz zurück. „Es hat sich nämlich verschiedenes zugetragen. Die Tele- S aphenleitung ist durchschnitten. Ich Hab' Efghi Hassan o» hinausgeschickt. Wir werden warten, bis der zurück- kommt. Dann ist es am besten, wir schicken nach allen Seiten kleine Nachrichtcilpatrouillen hinaus, einen Unteroffizier mit ein paar Mann. Die ganze Sache sieht stark nach einem geplanten Ueberfall aus." „Mein armes Mädchen wollte uns vielleicht warnen, — o diese Tiere, auf ein Weib zu schießen!" stöhnte Desider und seine dunklen Augen sprühten nur so vor Wut. „Wir werden uns revanchieren, verlaß dich drauf!" bruinmte Franz. „Jetzt wollen wir nur warten, bis Hassan zurück ist." Im selben Moment öffnete Olga die Türe und hieß sie eintreten. Desider erfaßte, von seinem Impuls getrieben, ihre Hand und preßte einen heißen Kuß der Dankbarkeit darauf. Dann schob ex sich auf den Zehenspitzen an das Bett und setzte sich zu Helenens Häupten nieder. Franz blieb an der Türe stehen, und ohne daß er es selbst wußte, folgten seine Augen den Bewegungen Olgas, die geräuschlos und geschickt mit Kanne und Waschbecken hantierte. Heißer, verlangender wurde sein Blick, je länger er ihr zusah, und wie wenn sie ihn auf sich brennen fühlte, fuhr sie plötzlich herum. „Glaubst du mir endlich?" fragten ihre Augen. Tie seinen flammten ein einziges „Ja". Ein rührend glückseliges Lächeln glitt über ihre bcr- härmten Züge. Da gab's ihm eine» Riß. Er mußte zu ihr sprechen, mußte ihr ein gutes Wort sagen. Leise ging er zu ihr hinüber. „Das wird Ihnen mein Freund nie vergessen, Frau Gräfin!" sagte er. „Ich wollte, ich könnte noch mehr für iftit tun," jlüstcrte sie zurück, „und sie rette». Aber da ist alle Mühe vergebens!" Und als sie seinen erstaunten Blick sah, setzte sie zu: „Ehe ich Gräfin Grekow wurde, habe ich in Zürich' Medizin studiert und habe noch nicht alles vergessen. So weit es mir möglich war, habe ich sie untersucht. Ich glaube, die Kugel sigt tief drin in der Lunge." „Armer Test!" flüsterte Franz, mit mitleidigem Blick den Kops schüttelnd. Tann ging er leise hinaus. Ihm selber war die Brust so eng, er mußte ins Freie. Ta stand Gewehr bei Fuß die Mannschaft, mit der Te- sidcr hätte abmarschicre» follcn. „Kinder," sagte Franz, „mit eurer Patrouille ist'S beute nichts. Wir werden mehrere kleinere Patrouillen abschicken. Sage» Sie den Leuten, Zugführer, daß sie sich alle hier versammeln, Ivenn Efghi Hassan znrückkommt." 712 ,,Befehl, Herr Oberleutnant!" Und davon straften die Leute. Ein feiner, leiser Sprühregen kam plötzlich und machte den Aufenthalt im Freien ungemütlich. Franz trat Mieder ins Haus und schlich sich in das Zimmer, in dem das >uii- glückliche Mädchen lag. Noch innner war Helene nicht m sich gekommen, und regungslos saß Dcsider am Bettrand und hielt ihre fieberheiße Hand in der seinen. Olga ging mit unhörbaren Schritten ab und zu und legte kühlende Kompressen auf ihre Stirn. Still wars im Zimmer, ganz still. Irgendwo pochte in dem alten Fachwerk ein Holzwurm. Plötzlich horchte Franz aus. Sein scharfes Ohr hatte den Husschlag herangaloppierendcr Pferde vernommen. Leise, tote er gekommen, schob er sich wieder zur Tür hinaus und trat vors Haus. , Im selben Moment zügelten Cfghi Hassan und die Dragoner ihre Pferde vor ihm. (Fortsetzung folgt.) Landwirtschaftlicher Arbeitrkalender für den Monat Zanuar. Bon M. Danklcr. Schon wieder haben wir mit einem zwar milden, aber doch ! >öchst unfreundlichen und ungesunden Vorwinter zu rechnen, und ür tveitere Bezirke Tentschlanos scheint ein tüchtiger Schneefall zum seltenen Ereignis zu werden. Für die Feldarbeiten waren .herbst und Vorwinter nicht schlecht und konnten rückständige Arbeiten noch ständig nach- geholt werden, so daß nun wohl die ganze Flur für die Früh- liugssaat bereit liegt. Die Frühjahrssaat ist min in den komnien- den Monaten besonders durch Beschaffung guten Saatgutes vorzubereiten. Hier scheu« man keinen höheren Preis, um das Beste zu erhalten. Tie Wintersaaten stehen durchweg in ganz Deutschland mittel bis gut, so daß ein gutes Erntejahr zu crhosseu ist. Wcnn_sie wird wie das letzte Jahr, wollen wir sicher zufticden sein. Tie Verwendung der künstlichen Dünger und des hochgezüchteten Saatgutes hat die Erträge in den letzten Jahren so gehoben, daß Tentsckckand seinen Bedarf ungcsähr decken taut. Das ist eine großartige Leistung, aus welche die deutsche Landwirtschaft stolz sein kann. Also rmr nmtig weiter! Im Gemüse-und Blumengarten herrscht noch vollständig Ruhe. Man kontrolliere seine Samen, versuche bei altern durch die Keimprobe, -ob sie noch gut sind und bestelle neue. Auch hier bestelle man mir beste Ware bester Firmen, denn bei schlechtem Samen ist alle Arbeit umsonst. Ta in den letzten Fahren so viel über schlechten Spinat geklagt wache, so versuche man doch einmal rin Beet Silbennangold. Dieses Mangold hat eine dunkelgrüne Farbe, schmeckt kräftig, aber zart, und liefert den ganzen Somuier hindurch stets ein schönes Gemüse, wenn! c-s mal an andern fehlt. Tie ersten Treibbeete für Radieschen, Salat, Karotten, Binmenkohl, Gurken uft». könne» angelegt werden, doch kommeu sie nneist imr für größere Hcrrschaftsgüter in Betracht. Sie müssen mft reinem, frisck>em Pserdemist gezackt sein und sehr starke Umschläge erhalten. Wer die roten Radiese schlecht durchbe- konnnt, bestelle füll einmal eine Prise Eiszapfen mit, da wird er Freiche daran haben. I nt O b stg arten werden die Baumscheiben ausgelockert und gedüngt. Ein vorzügliches.Düngemittel haben wir im «hten .Peruguano (Füllhornmarke 7x10x2), die dem Baume alles gibt, was zu seinem Gedeihe» notwendig ist. Dazu kommt noch eine Gabe Kalisalz oder Kainit und Kalk. Tic Raapcancstcr werden ausgeschnitten und die Obstbäumc tüchtig niit Obstbanmkarboli- »eum ausgespritzt. Bei dem gut entgifteten Schacht-Obstbanm- karbolineinn kann man 10 SOprozentige Lösungen (für Stamm und Aeste stärker) ohne Gefahr verwenden. Im P s e r d e st a l l muß bei stärkerer Kälte zioar für Wärine, aber auch für frische Lust gesorgt werden. Das Getränk darf nicht eisig kalt sein. Warin gearbeftete Pferde schütze man vor naßkaltem Regen und Zug. Es sei nochmals daraus hingewiesen, das Gebiß im Stalle selbst ouftubewahren, damit cs nicht eiskalt ins Maul der Tiere komnit und die Zunge verletzt. Ter Pfcrde- -üchter muß die Anforderungen der letzten Remonteeintäuse genau beachten . Züchter, die eing,-sahreue Koppeln für Maschinengewehre abgeben konnten, haben sehr hohe Preise erzielt. Tic Zucht des Kaltblutes darf nicht vernachlässigt werden; aus dem letzte» Markt in Linuich wurden Turchschnittsprcise von 1200 bis I--00 Mk. für Arbeitspferde bezahlt (vor dem Kriege'. Trotz des ^lutomobils sind heute schwere Arbeitspferde sehr gesucht. .. . F ni R i ii d v i c h sta l l fallen jetzt viele Kälber. Hier zeigt iirti heute schon der Segen der ptaiimäßigen Zucht, die in den letzten Jahren mehr und mehr gefördert wurde. Trotz der hohen Fleiichpreise erzielen gute Ziichtkälbcr ans bekannten Ställen 10—20 Mk. Uebergeld (mehr als der Metzger zahlt'. Zur Zuckst mir die besten Kälber auswählen und nicht an Milch sparen. Tn die Maul- und Klauenseuche wieder droht (sie ist sowohl im Osten als im^Westen sestgestellt), so lasse man fremde Hände mir daim in den Statt, wenn cs hochnötig ist. Unter Mittag wird ausgcmistct und das Vieh auf den Dungplatz getrieben. Ab und zu w den Tieren etwas Salz gegeben, um die Freßlust zu fördern. Im S ch w c i n e st a l l ist viele „ich gute Einstreu vonnöten, da hier .mehr als bei andenn Nutzvieh Niederschläge entstehen. Trächtige Schweine erhalten besseres (nicht stark maßendes) Futter und einen möglichst warmen, trockenen und geräumigen Stall. Futter und Getränke sind besvnders bei Kälte warm zu verald, reichen. Ueberhaupt sind Schweine für eine gute Zubereitung de? Futters viel dankbarer, als gewöhnlich angenommen wird. Auch die Schasst alle müssen worin gehalten und tüchtig mit Einstreu versehen werden. Tic Wintcrlammnng geht vor siclrniich der Bocksvrung zur Sonimerlaiiimung ist zu veranlassen. Tvkrächtigen Schafe müssen genügend Platz an der Rause haben, damit sie sich nicht zu drängen brauchen. Ehe die Schafe lanimen, tut nian gut, die um das Enter befindliche Wolle abziischcrcn^ damit die Lämmer keine Wolle verschlucken. Im Ziegen stalle wie im letzten Monat. Für jung« Böcke bester Rasse ist Sorge zu tragen. Im Geflügel st alle stelle man, wenn Frühbruten beabsichtigt sind, jetzt schon die Ställe zusammen. Wenn gut >rnd richsig gefüttert worden ist, kommen jetzt schon tückftig Eier, dis mit 16—18 Pfg. pro Stück bezahlt werden. Ich. habe neue Versuche anstelleii lassen und bei Zugaben von tüchtig Grünfutted und Spratt Patent bereits im Dezember die Hühner jchön am Legen. Von besonderem Einslnsse hieraus aber halte ich mich eine besonders aufmerksanie Behandlung während der Mauser. Am Bienenstände sehe man nach, ob alles noch richtig verpackt ist, und sorge sonst für vollständige Ruhe. vermischte». — Eine Frau als Kriegsberichterstatterin. Im österreichischen Prcssegnarticr ist eine Dame als Berichterstatterin eingetroffen: die in Amerika bestens bekannte Journalistin Nelly Blv, der die dllifgabe übertragen ist, das amerikanischc_„Jonrnal" und das Hearst-Tyndikat zn vertreten. Das Hearst-Spndikat ist das größte Zeitungsuutrrnchinen der amerikanischen Union und umsaßt im wesentlichen gerade jene Blätter, die, trotz der Beherrschung des Nachrichtendienstes ausschließlich durch England, bemüht waren, deutschen Originalnachrichten zu erlangen, uni etwas mehr Gerechtigkeit walten zu lassen. Miß Bly wird also eine der verantwortlichsten und anstrengendsten Stellungen einnchmen und ihre Eindrücke werden von größter Bedeutung für die Stimmung in Amerika sein. — A l s erste deutsche Lazarettärztin ist Dr. Elisabeth R c i »i k tätig. Sie bekleidet den Rang eines Sanitätsoffiziers« — Tapfere österreichische Telegraphcnbeam- t i n n c n. In der Nacht, als die erste» Granaten in die Ort« Schabatz und Klenak einschlngc», ivaren von den niänulichen Postbeamten drei plötzlicki abgereist, der vierte erkrankte. Nur zwei junge Mädchen serbischer Nationalität blieben ans ihrem Posten und bedienten an Stelle ihrer männlichen Kollegen im Granatseuer die Apparate währeich des ganzen, langandcuienideft Bombardements bei Tag und Nacht, ohne auch nur eine Minute arisznsetzen. Sie taten das so steißig, furchtlos und bescheiden- daß man im Korpskommmido von der Not ans dem Klenaker Tele« graphenaint erst nach dem Bombardement erfuhr. — Ern ähnlicher Fall ereignete sich bei der Beschießung von Bazias. Der Ork liegt am Donaunfcr, südlich von Ungarisch-Weißkirche». Das Bahn- und Postpersonal floh. Die Beamtin Jlonka Paliukas allein blieb, übernahm den gesamten Telephon- und Telegraphe,«- dienst und führte ihn bis zum letzten Augenblick der Beschießung durch. _______ Gleichkldng-Rätstl. Hauvtwort trägt besond're Kleider Und spricht sremd im deutschen Lande. Zeitwort setze» wir beiin Schneider Am getragenen Eeivande. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung der Skat-Aufgabe in voriger Nummert In, Skat liegen cZ »nd carA. Hinterhand wo Ule Pique-Solo spielen mit: oarE, trA, tr8, pZ, pK, pl), ptz, p8, p7, c9, Mittelhand hat den Rest. Verlaus des Svielcs: Vorhand zieht der Reihe »ach ihre drei Buben und spielt schließlich Eoeur ans. Falls nun Mittelhand in der Absicht, die oZ zu langen, um dadurch de» Schneider zu retten, das cA zurückhält und zweimal klein zngibt, bekommt der Spieler sämtliche Stiche und die Gegner werden schivarz. Sticht jedoch Mittelhand mit dem cA, so werden höchstens 25 Angen eingebracht. Daß das Piane-Solo der Hinterhand unverlierbar ivar, zeigt jede Probe. Kchristleitmig: Ang. Goch. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» UuiversitälS-Bnch- und Ssclndruckerei, R. Lange, Gießen.