An den Llkern der Drina. bma» aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 8. Kapitel. Bis dahin hatten sie oft von ihren Erinnerungen gesprochen. Franz hatte Desider von seinem Abenteuer mit ver riiksischen Circe erzählt, und dieser dem Freunde wieder seine Liebe und Sehnsucht geklagt. Wie oft, wenn sie, heimgekehrt von ihren schweren Patrouillen, in ihrem kleinen Zimmer sahen und der Schneesturm um die Hütte heulte, holten sie ihre Erinnerungen hervor. Immer wieder sprachen sie dasselbe, und immer war es der sanguinische Franz, der für sic bcioe die rechten Worte fand. „Schau," sagte er, „mir ist das damals verzweifelt Nach' gegangen. Fch glaub', ich Hab' das Weib wirklich gern gehabt, und wie ich dann gemerkt Hab', daß sie mich nur zum Narren halten will — pfui der Teufel, das war ei» böser Augenblick. Also, ich hält' allen Grund, mich zu kranken und den Tod aller unglücklich Liebenden, an gebrochenem Herzen, zu sterben. Aber du, Desi! Du weißt doch, daß dich dein Mädchen liebt, daß sie sich genau so nach dir sehnt, wie du nach ihr — Donnerwetter, ich werd' ja ordentlich poetisch —i, daß bloß die Drina zwischen euch fließt, na, das ist ja gewiß ein Malheur, aber mit denk (Rück brauchst du deshalb noch nicht bös zu werden. Der- tvcileu ist der Krieg noch nicht erklärt, lag also den alten lieben Gott nur machen, was er für aut befindet und pfusch ihm nicht ins Handwerk. Er wird sich eurer noch erinnern." In dieser halb leichtfertigen, bald ernsten Tonart ging seine Rede weiter, bis Desider lächelte und nach seiner geliebten Geige griff. Daun riß Franz schnell noch einen schlechten Witz und setzte sich behaglich am Ofen zurecht, um zuzuhören, „wie Desi dem lieben Gott seine unglückliche Liebe vorweinte". Nun aber, da er wußte, daß auch jenes dämonisch schöne Weib am anderen Ufer war, und daß er es eines Tages Wiedersehen werde, ging eine seltsame Veränderung in seinem Wesen vor. Er würde still, in sich gekehrt und zeigte sich oft mürrisch und finster. Wenn er auf einsamem Patrouillenritt allein inet sich war, da tauchte vor seinen Augen das lauschige Boudoir in Belgrad auf. Er sah sich vor ihr liegen, hörte den Zauber ihrer Stimme, fühlte den Duft ihres Leibes. Alle seine Sinne standen auf und rissen und zerrten an seiner Energie, bis er sie in einem wilden Ritt über Stock und Stein wiederfand. Wie oft ertappte er sich dabei, daß er hinllberstarrte an das andere Ufer, wo hinter den verschneiten Bäumen der Rauch von Slubovizja aufstieg. Da er sie fern gewußt, hatte er mit leichtem Herzen cm sie denken können; nun, da nur eine schmale Eisfläche sie von ihm trennte, kam ihr Zauber herllbergeweht und nahm ihn wieder gefangen wie damals in Belgrad. Ob sie wohl an ihn dachte? fragte er sich einmal. Sie wußte ja, daß er in Racovac war. Ob sie auf ihrem Plan beharrte, mit seiner Hilfe nach Sarajevo zu kommen? Bei diesem Gedanken aber riß er sich auf. Die Erinnerung an jenen schmachvollen Augenblick in Belgrad wurde in ihm lebendig und gab ihm seine Kraft zurück. Da wurde er wieder der alte Franz, heiter, übermütig und sich selbst verspottend. „Hol der Teufel alle Weiber!" rief er, und als Desidev gegen diesen fromme» Wunsch protestierte, setzte er hinzui „Mit einer Ausnahme natürlich!" Ihre Wachsamkeit verdoppelten sie. Sahen es als Ansporn an, daß gkrade ihnen gegenüber der gefährliche Feind war. Immer war einer von ihnen draußen Tag und Nacht waren ihre Patrouillen unterwegs. „Sie soll nur kommen, die Hexe!" lachte Franz und ballte die Faust. Drüben in Slubovizja, am serbischen Ufer, da spähten oft zwei Paar Frauenaugen hinüber. Dort saßen Helene und Olga stundenlang am Fenster und suchten mit dem Fernglas die andere Seite ab. Und wenn sie dann die Gestalten sahen, nach denen sie ausschauten, dann lächelten sie und seufzten. Und ihre Sehnsucht flog hinüber über die Drina . . . Olga war eine andere geworden. Die Liebe hatte aus der stolzen, hochmütige» Königin des Salons ein demütiges, in Glut sich verzehrendes Weib gemacht. Sie liebte Franz, weil er unter all den Männern, die ihren Weg gekreuzt, der einzige war, der grad und aufrecht vor ihr geblieben war. Zum erstenmal in ihrem Leben war sie auf einen gestoßen, dem sie nicht überlegen war, au dessen Kraft ihre Scheinkunst wie Glas zersplittert war. Die starken Frauen verachten immer die Männer, bis sie auf einen stoßen, dev stärker ist als sie. Dann reckt die Sehnsucht, die sie bis dahin gefesselt halten mußte», die Flügel und strebt dem Erlöser ihrer Frauensecle entgegen. So erging es auch Olga. Bis dahin hatte sie ihre Schönheit nur dazu gebraucht, um durch sie sich Männer dienstbar zu machen. Sie hatte sie in den Dienst oer Politik gestellt, und wie zünftige Diplomaten ihre Schlauheit, so hatte sie ihre Schönheit svielen lassen. Ost um) hohen Gewinn. Sie war als Rußlands Geheimagentm in London gewesen und hatte die kühlen, nüchternen Briten für die russische Freundschaft begeistert. In Paris hatte sie sich von den sronzösischen Finanzbaronen so lange den Hof machen lassen, bis sie ihre Milliarden — Rußland zu Füßen legten. In Persien hatte sie de» üppigen Schah solange umschmeichelt, bis er die Verfassung, die er eben seinem Volk gegeben, wieder in Fetzen riß und sein Heil den russischen Kosaken anvertraute. Ueberall und immer hatte sie gesehen, daß ihre Schönheit männliche Kraft und Klugheit aus dem Felde schlug. Ihrem berückenden Lächeln hatte keiner lviderstanden. Und J — 678 — über dieser Erkenntnis hatte ihr Herz das Lachen verlernt. Sie vergatz» daß sie ein Wei'b war nnd sah in sich nur den Agenten, der seinem Vaterland dienen mußte. Nnd nun kam einer, ei» unbedeutender kleiner Offizier. Nnd ev, den sie als sie sicherste Beute betrachtete, blieb ihr gegenüber Sieger. Lachte ihr seine Berachtunig ins Gesicht. In ihrem weiblichen Gefühl, der Eitelkeit, wurde sie zuerst etrosfen. Aber aus der Wut über diese Demütigung stieg ie Bewunderung für den Mann auf, der von allen allein Ile niedergezwungen hatte. Nnd in der Seele einer Frau ist der Weg von der Bewunderung zur Liebe nicht weit. Eines Tages mußte sich Gräfin Olga Grekowt die Fürsten, Feldherren, Staatsmänner und Geldkönige zurückgewiesen, gestehen, daß sie den österreichischen Oberleutnant Franz von Lohnsperg liebte, daß sie sich nach ihm mit der ganzen Inbrunst ihrer so lange geknebelten Weiblichkeit sehnte. In der stillen, sanften Helene fand sie eine Freundint. die sie wohl verstand. In der Einsamkeit des serbischen Grenznestes, umgeben von rauhen, halb- verwilderten Ko- midalschis, schlossen sich die beiden Frauen eng aneinander und weinten eine an der Brust der anderen ihren Kummer auS. Auch in Helene brannte unstillbar die Sehnsucht. Aber ihre Seele Ivar rein und unberührt, sie konnte noch hoffen und glauben. Olga, die längst den erkennenden Blick in die Untiejen menschlicher Schwäche und Gemeinheit getan, hatte das verlernt. Sie kannte nur eine Zuversicht, die an sich selbst, an die eigene Kraft. Aus dieser baute sie die Träume ihrer Zukuust aus, hossend, daß es ihr doch noch gelingen werde, sich mit dem Geliebten zu vereinigen, seine Verzeihung zu erlangen und ihn von ihrer Liebe zu überzeugen. Helene betete. Darin fand sie ihre Kraft. Betete, daß Gott diesen entsetzlichen Krieg abwenden möge. Betete, daß er über Haß und Feindschast hinweg sie doch noch zu Desider K Sie wurde stärker und mutiger in ihrem Glauben als , die stets zwischen Berzweisluiig und Hosjnungssreudig- keit hin und her schivankte. Ost, iven» die Witterung es erlaubte, schlichen sie sich aus dem Dorf hinaus und versteckten sich an der Böschung des Ufers, von wo sie gut hinüberspähen konnten. Sie sahen diese wachsamen österreichischen Patrouillen vorüberziehen, hörten in der klaren Winterluft die Worte, die die Leute milleinander wechselten, die Lieder, die sie sangen, wenn sie heimkehrten. Tapfer harrten sie in der grimmigen Kälte aus, bis sie Desidcrs schlanke Figur erblickten oder Franz vorübcr- reiten sahen. Dann war die eine glücklich mit der anderen» und sie kehrten in ihre kleine Stube zurück, um, wie immer, von ihrem Lieben zu sprechen. Am Abend kam gewöhnlich Stojakt, Helenens Bruder, zu ihnen und saß mit ihnen bis zur Schlafenszeit. Selbst hier im Felde, vor dem Feind, war er Olga gegenüber der schüchterne, hilflose Junge geblieben, als den >ie ihn in Belgrad kennen gelernt hatte. Nie wägte er es, ihre Hand nur zu berühren: wenn er mit ihr sprach, wurde er unsicher, verlegen und begann zu stottern. Er rassle sich dann nur mit Hilse Helenens auf, die das Wort an ihn richtote. Mit ihr redete er freier, geriet auch wohl sogar in Schwung und t euer, wenn er von dem heiligen Krieg sprach, dein sein aterland entgegenging Fiel aber sein Blick zufällig aus die Gräfin, und sah er, >vie sie ihm nur teilnahmslos oder gar nicht zuhörte, dann schlug ihm die Röte ins Gesicht. Ein jäher Sw merz preßte ihm die Kehle zusammen, und verzweifelt stürzte er davon. ,>Der arme Junge", sagte dann Helene immer zu der schönen Freundin. „Er liebt dich so!" Und diese zuckte immer auf dieselbe Weise die vollen Schultern und gab immer dieselbe Antwort: „Ich kann ihin nicht helfen." In gleichmäßiger Elnsörmlgkett flössen die Tage dahin. Olga dachte wohl mehr als einmal daran, daß sie den Auftrag hatte, nach Sarajevo zu gehen und dort die Insurrektion Vorubereilen. Aber da ihre Auftraggeber sie nicht drängten, tat ie selbst nichts dazu, aus dem Orte sortzukommen, wo sie sich in der Nähe heg Geliebten wußte. Es war alle Energie von ihr gewichen. Sie wollte nur lieben und wieder geliebt sein, dps war alles, wonach sie verlangte. Der allmächtige Minister in Petersburg, der geheimnisvolle Ray, überhaupt Rußland, Serbien, Oesterreich, niit einem Wort die ganze Politik, an der sie früher ihre Kraft geübt, war ihr gleichl- gültig geworden, seil sie erkannt halte, daß des Weibes ©lüdj auf einem ganz anderen Felde blühte. Am liebsten hätte sie sich hinübergestohlen nach dem kleinen Ort, vor dem die österreichischen Bajonette Wache hielten. Hätte sich vor dem Mann, den sie liebte, hingeworscn und ihm zugejubelt: Nimm mich. Ich will nichts aus der Welt mehr als dein sein. Wer eines Tages brachte ein Kurier aus Belgrad einen Brief, der sie aus ihren Träumen ausschreckte. Ray tvar's, der ihr schrieb: „Verehrte Frau Gräfin! Zu meiner großen Verwunderung habe ich noch immer keine Nachricht von Ihnen aus Belgrad. Ich kau» mir ja denken, daß Sie gern in dem idyllischen Slubovizja weilen, da es doch Rncovac so nahe ist, allein zu meinem größten Bedauern muß ich Ihnen mittcilen, daß inan in Petersburg meine Verwunderung teilt. Während ich jedoch als Ihr Freund Ihre Gefühle begreife, ist man dort ivenig geneigt, darauf Rücksicht zu nehmen, sondern schonungslos cs Sic fühlen zu lassen, daß Sie gehorchen müssen. Man kenn» auch dort Ihre Geschichte und will trotz aller meiner Vorstellungen zu Ihren Gunsten unbarmherzig davon Gebrauch machen, falls Sie noch länger zögern sollten, Ihre» Auftrag zu erfüllen. Ich hoffe, verehrte Frau Gräfin, Sie werdeij mich verstehen, ohne daß ich deutlicher zu werden brauche, und sich daher hüten, die mächtigen Herren in Petersburg noch länger zu reizen. Ich ertvarte in der nächsten Woche bestimmt von Ihnen die Nachricht, daß Sie in Sarajevo Ihre Tätigkeit begonnen haben, und begrüße Sie inzwischen als Ihr allezeit ergebener Hektar Ray." Wütend knüllte sie den Brief zusammen, als sie ihn gelesen hatte. Der Zorn leuchtete aus ihren blauen Augen, und ihr Busen ivogte wild aus und nieder, so daß Helena sie ganz erschrocken ansah. „Hast du eine so unangenehme Nachricht erhalten?" fragte sie besorgt. Olga ivars ihr den Brief hin. „Da lies," sagte sie, „ivenn du ein Dokumcilt menschlicher Gemeinheit sehen willst." Helene glättete das Papier und las. „Das ist wohl derselbe Fürst Ray," sagte sie, „der meinen Bruder verführte, Komidatschi zu iverden? O, dieser Mensch war mir von allem Anfang an verhaßt. Er hat unsere Familie auseinanderaerissen. So heimtückisch ist er, wie eine Schlange, die sich von hinten an ihre Opfer heranschleicht." „Er ist des Teufels Abgesandter oder der Teufel selber," rief Olga. „Nur aus die Erde geschickt, um Böses zu tun. Und ihm bin ich ausgcliefcrt; dieser Mensch kann eines Tages mein Schicksal sein. O, es ist zum Wahnsinnig- werden!" „Was ist das für eine Geschichte, auf die er da aue spielt?" fragte Helene. „Das ist ja eben die Kette, an der er mich hält," stöhnte die schöne Frau. „In ruhigen Tagen werde ich sie dir einnial erzählen. Jetzt ist die Zeit der Träunic vorbei« Ich muß fort." Die beiden Frauen sanken einander an die Brust und weinten und küßten sich. Dann holte Helene ihren Bruder. „Sie wissen," sagte Olga zu dem Jüngling, ivaS sie mir in Belgrad versprochen haben?" „Ja," erwiderte er mit leuchtenden Augen. Endlich sah er sich nni Ziel seiner Wünsche. Allein mit der schönen Frau iu de» einsamen Bergen, er ihr Schützer, ihr Ritter — jetzt mußte es ihm gelingen, ihre Liebe zu gewinnen. Er Ivar bereit, für sie zu sterben. Der Führer der Bande, ein in den mazedonischen Kämpfen ergrauter Komidatschi, wurde mit ins Vertrauen gezogen. „Ich habe einen Freund iu Srebrenica," sagte er. „Den will ich verständigen, daß er Sie dort erwartet. Von dort wird er Sie übers Gebirge au die Straße nach Sarajevo E ren. Aber es ist ein harter Weg, Frau, besonders Im nter." „Ich muß ihn gehen." antwortete sie. Am selben Tag noch schickte der Mann seine Boten über die Drina. Sie sollten ihr» den Bescheid bringe», daß der Mann in Srebrenica bereit lei. Aber sie kamen nickt zurück. Den einen hatte der Eder Tont erschossen; hie «79 #tiben anderen hielt der grimmige Efghi Lassan unter Schloß und Riegel. Als Tag um Tag verging, ohne daß die Boten sich einstellten, ward es klar, daß sie den Oesterreichern in die Lände gefallen sein mußten. Und als eine ganze Woche herum war, sagte der alte Koinidatschi: „Die verdammten Schwabas haben sie sicher abgefangen!" In dem tiefsten Winkel ihres Lerzcns fühlte Olga eine heiße Freude emporsteigen, daß sie noch nicht fort mußte. Und zugleich war sie stolz auf den Geliebten, der so fest seine Pflicht tat und keinen Feind durchließ. Auch Lelene war glücklich. Brauchte doch ihr Bruder nicht das tollkühne Abenteuer zu wagen. Aber da kam nach zwei Wochen ein neuer Brief Rays. Ganz kurz war er, aber gerade aus seiner Kürze war die Drohung herausznlesen, die er enthielt. „Höchste Zeit! Ray." Das war alles. Aber die starke, mutige Olga erbleichte, als sie die drei Worte las. Sie zog die weinende Freundin an die Brust und sagte ihr in feierlichem Tone: „Ich muß es wagen. Ich muß. Verzeiht mir, daß ich deinen Bruder mitreiße. Verfluche nicht mich, sondern jenen Schurken dafür. Bete zu Gott, daß wir entkommen. Aber wenn du mich wirklich lieb hast, dann flehst du zu ihm, daß sie uns fangen." Helene senkte das Hailpt und weinte, (Fortsetzung folgt.) Feinde. Eine vorweihnachtliche Episode von Anna Lahr oa, ein firmer Mathematiker und Kurt Weiser ein spottschlechter. Abc» aus solchen kleinen Gefälligkeiten beruhte nun einmal di, Freund, schüft. Es gab schlechtere Motive als diese. Der Weg zur alten Ziegelei führte eine Weile zwischen Aeckern dahin. In der frostklaren Winterluft gingen die Jungen tüchtig zu. Sie hatten sich ohnehin seit geraumer Zeit daran gewöhnt, einen derben Mannschaftenschritt anzunehmen, der nur in den Schnürstiefeln leider nie so natürlich ausfiel, wie in den Langschältigen der Soldaten. Das Gespräch drehte sich natürlich um nichts als Schützengräben, Sperrsorts, Breitseiten und geschützte Kreuzer. Die militärischen Facbausdrücke slogen nur so durch die fast feiertägliche Stille des hellen Tages, der nichts von Krieg und Tod zu wissen schien. Sie durchquerten einen Birkenhain, zwischen dessen mageren Stämmen hindurch man schon das Ziel sehen konnte. „Na!" sagte Kurt Weiser plötzlich entrüstet. „Da ist ja alles zu!" Sonst hatte man ringsum leisten Zutritt zu dem verödeten Anwesen gehabt. Wie ost waren sie bei ihren Spielen durch die leeren Ziegelscheunen gekrochen! Nun ragte da eine hohe, neue Bretterplanke, die noch unverwittert war und nach frisckzem Holz roch. — „Eine richtige Gemeinheit ist das!" knurrte Kurt Weiser. „Nichts kriegt man zu sehen. Da können wir also wieder abziehcn." Hans, der praktischer war, gab die Sache nicht so schnell verloren. Seine Äugen suchten und hatten bald etwas entdeckt „Mer da sind Astlöcher," bemerkte er, „und Spalten." „Wo?" fragte der andere etwas gereizt. Er ertrug cs nicht immer gut, wem» jemand findiger war als er. Mlerdings, da waren Astlöcher. Eins war rund m»d groß und befand sich etwas unter Augenhöhe. Dadurch konnte man photographieren. Darüber lies noch ein klaffender Querspalt zwischen zwei Brettern hin. Selbstverständlich sah Kurt Weiser zuerst hinein. Hans richtete unterdessen seinen Apparat. Es war wenig über zwölf Uhr. die Sonne schien hell, da konnte er wohl aus Momentaufnahmen ein» stellen. „Ich sehe welche," signalisierte Kurt Weiser halblaut. „Nah?" „Ziemlich." „Wie sehen sie denn aus?" „Ruppig." < „Das läßt sich denken. Was tun sie denn?" „Nichts. Sie bummeln so herum." Damit ließ- er das Guckloch frei, und Dans trat neugvar eine Abwechselung. Und was ist denn Gefangenen lieber als Abwechselung. Sre sollten photographiert werden? Gut. Man Mußte eine Gruppe bilden, Das Messerspiel wurde verlasse^, man suchte sich Haltung »u geben; einige zogen spöttische, em wenig herausfordernde Grimassen, Während sie nach schwatzten und gestikulierten, erschien ein einzelner Mann, der aus der Tür einer Baracke getreten svap. Er mochte vierzig Jahre alt sein. Sein spitzer Bart, der nur wenig verwildert war, sah schon grau aus. Fragend gingen seine imnklen Augen über die Gruppe. Was bedeutete das? Warum standen seine Landsleute so in Positur? Und tvarum sahen alle nach derselben Richtung? Unimllkürlich folgten seine Blicke.. Da sah er — und wie in jähem, heißem Schreck riß er dre Vertragene Mütze ab und hielt sie vor's Gesicht.).. „Mensch, was machst du denn? Du überbelichtest ja!" Keine Antwort. Hans hörte nicht. Er starrte nur den einen Nimm an. Den Mann, der sich geschämt hatte! Mit einemmal verstand er alles, den niedrigen Leichtsinn der Gesellen, die die Sache von der lustigen Seite genommen hatten, und die bittere Empfindung des älteren, der aus anderem Holz zu sein schien. Mechanisch ließ er den Knopf zurückschnellen, Tie Photographierten rührten sich wieder. Endlich lieh auch der, der zuletzt gekommen war, die Mütze wieder sinken. Sein Blick war ernst, er sah halb mitleidig, halb verächtlich zu den andern hinüber» ' Und dann sah er den Jungen an, der jetzt durch das Astloch schaute. Es war ein so trauriger Ausdruck in den etwas abgemagerten Zügen« „So sieht einer aus, denr es schwer geworden ist, sich zu ergeben," durchfuhr es Hans; i Und nun schämte er sich. Mußte er hier glotzen wie ein dummer Junge? Muhte er sich ein Schauspiel aus dem Unglück anderer machen, und wenn es hundertmal Feinde waren? Es war ihm, als müßte er dem Dtann da etwas sagen, daß es ihm leid täte, daß er ihn nicht hätte kränken wollen, ihn, der gewiß ein Tapferer war und seine Sotdatenpslicht so treu, so chrenhast getan hatte, wie irgend einer auf unserer Seit«. Aper wohin war sein Französisch? Reihen von Paradigmen standen vor seinem inneren Auge, — er sah die aufgcschtagene Granmiatik förmlich vor sich, aber kein noch so einfacher Satz wollte ihm einfallen, der im geringsten zu dieser Lage paßte. » Da kam ihm ein Gedanke. Blitzschnell hob er den Apparat wieder an die Oessnung, aber so, daß man von drinnen sehen konnte, wie er die Hinterwand des Kastens öffnete imd die volle Helligkeit hineinströmen ließ. Und das Tageslicht verdarb die Platten. Tann schob er das Gesicht wieder vor das Astloch, nnd das erste französische Wort löste sich von seiner Zunge: „Compris?" Ta sah er etwas Wunderbares. Ter Mann, der sich geschämt batte, lächelte. Und er kam auf ihn zu, nun gaitzz vertöaueich. Er hatte verstanden: verstanden, was es heißt, wenn em Schüler teure, vom schmalen Taschengeld gekaufte Platten freiwillig vernichtet. Als er nun vor ihm stand und sie sich ins Auge sahen, entstand auss neue die Schwierigkeit der Verständigung. Mer auch der Franzose hatte einen Einfall. Er griff plötzlich in eine Brusttasche und zog eine kleine Photographie heraus. Sie stellte einen Jungen dar, der in Hansens Aller sein mußte. „Mon siks," erllärte der Mann, „mon fils!" Hans begriff, daß dies soviel heißen sollte wie: „Ich habe auch einen Jungen, nnd darum verstehe ich dich. Er würde gehandelt haben, wie du eben gehandelt hast. Er ist ein guter Junge, wie du. Ich weiß, daß du mir ein demütigendes Gefühl hast ersparen wollen, und ich danke dir!" Nichts von alledem war mit Worten gesagt worden. Aber es lvurde gefühlt, hüben und drüben. „Merci, monsieur!" stammelte Hans, glücklich, nun doch noch etwas Französisch an den Mann zu bringen. Der andere lächelte noch einmal. Dann steckte er das Bild sorgfältig wieder ein. Da wurde drinnen gleicher Schritt und Tritt hörbar. Wahrscheinlich wurde eine Wache abgelöst. Sofort entfernten sich die Franzosen von der Planke, uni nicht Fluchtverdacht zu erwecken. Ter älteste ging zuletzt zurück. Er winkte noch einmal mit zwei Fingern zurück. Haus wandte sich langsam ab. Zwei anständige Menschen hatten sich verstanden. „Willst du nun vielleicht so freundlich sein, mir zu sagen, was das alles bedeutet?" sragte eine spöttische Stimme »eben ibin. Ach so, Kurt Weiser war auch noch da. lind seine Frage war durchaus berechtigt. Man mußte also erklären, obgleich solch« ge« fühlsmäßigen Sachen scheußlich unbequem zu crllären waren. Es wollte Kurt Weiser auch nicht gleich in den Kopf, daß ma^ überhaupt so fühlen konnte. „Die schönen Platten!" inurrte er. „Ja, die schönen Platten!" seufzte Hans. Und die Bilder wären ein schönes Weihnachtsgeschenk sür Vaters Kriegsmapp« gewesen. Aber, — er hob den Kops, — so ivac es doch besser. Würde er das Fest nun nicht froher feiern? vilchertisch. - ' — Zu Sck, utz und Trutz. Eine Samnilung ernster und heiterer Kriegsdichtungen in Poesie und Prosa. Heransgegeben von Karl Fischer, Lehrer in Gardelegen. Hesse L Becker Verlag in Leipzig. 224 Seiten. Geb. 1,50 Alk., in Lctnenbaiid 1,80 Mark. — DaS mit Fleiß nnd Sorgiatt zusanunengeslellle Bnch enthält erniie und heitere VerS- nnd Prosabeilräge, nnd zwar durchweg Stücke, die sich zuin Vortrag eigne». Es wird datier nicht nur' den Veranstaltern von Volksbilonngs- »nd Vortragsabenden, sondern auch denen willkommen sein, die ihrer Familie oder einem Bekannlcnkresie eine z itgemäße llnterbaltnng verschaffen wollen. Neben eindrucksvollen Skizze» von Franz Adam Beyerleni, Karl Ettlinger und dem Freiherr» v. Schlicht findet man prächtige Gedichte von Oskar Blnmenthal, Eäiar Flailchlcn, Ludwig Fuida, Ludivig Ganghoser, Max Halbe, Gerhart Hauvt- mann, Rndoli Herzog, Rudols Presber, Otto Rentier, Hermann Sudermanu u. v. a. lowie packende vaterländische Dichtungen nuS der Vergangenheit. Das vortrefflich ansgestattete Merkchen eignet sich auch gut zu Geschenkzwccken. — Ein Wandich muck sürs Bismarckjahr 1915. In die Stunde ne» erwachter deutscher Lebenskrait und ungeahnter MachtemsaltuiiH Deutschlanos sollt am 1. April 1915 des ziel- bewußten Begründers deutscher Einigkeit Bismarcks 10». Geburtstag. Allen Feinden zmn Trotz rüstet sich das ganze deutsche Volk zu eindrucksvoller, erhebender Feier mitten in bochbewegtcr Zeit. Der Stistungl-vcrtag in Potsdam bietet daiür als würvtgen Wandschmuck daS von dem bekannten Künstler Karl Bauer kinstvoll gezeichnete Bild der gewaltigen Persönlichkeit unseres Altreichskanzlers in Schwarzdrnck mit Chinalon aus starkem Karton 48x64 em groß ld 30x85,5 em) mit dem Namenszug Bismarcks zu dem Preise von 2,- Mk. tRolle 20 Ptg., Porto l0 Ptg.) — ,E i n deutscher Robinson.' lieber diese im Verlag von E. Roth» Gießen erschienene Jugendschrist, herausaegeben von Lyzealdircktor Dr. Hartman» vir sind Teiitsche: und ivir Deutsche haben uns auch »»seren Platz an der Soi,»e und in der Welt erobert, de» uns, will'S Gott, die verlogeiien und vecstohleucn Engländer nicht ivieder ivearaiiben sollet,. Darum war es Zeit, daß .Ein deiilicher Robinson' geschaffen wurde. Lyzealdirektor Tr. Ernst Hartinanii hat daS Verdienst. das tu de,» soeben erschienene» ersten Band der Sammlnnq „Deutscher Jugendborn" getan zu haben. Er erzählt »ns mit kundiger Hand von einem jungen Deutschen, der mit seinem Oheinr nach Südwest zieht und dort eine Farn, gründet, in he ßer, schwerer Arbeit zun, Manne reist, in, vereroauistand übermenschlich Schweres erlebt, aber sich durchhält und mit eiserner Energie aus den Trümmern setuer srühcren Farm eine »eite gründet, di« er z» blühendei» Wohlstand emporiührt, ei» Kulturträger in, lernen Airika, ei» Bannerträger des Teulschtunis in der Welt der Barbarei. Das mit vier schönen Aquarellbitdern ousgestattete Buch ist so zeit- geniäß, so lebensirisch und warm geschrieben, so von, Hochgelübl des Deutschtums geschwellt, daß mir kein Zweffcl ist, daß cS bald sich dle Herze» aller Knaben und Jünglinge erobern wird. Plächt« eS hellen, sie alle zu tüchllgen, kernhasten Mensche» heranzuziehen, wie Roll Walter, der deutsche Robinson l Das Buch weiter zu verbreiten, eS t» allen Schulen und Jngendbibltolheken einzu» bürqern und aui alle Weihnachtstische zu legen, halte ich !ür eine vaterländische Psilcht. Gott sei mit »iiseren, großen deutschen Vaterlande, dabeim und draußen in der Welt; Deutschland, Deutschland über alles I _ Rätsel. Ein Flüßchen, das links ln die Elbe rinnt. Verwandelt sich in etwas Böses geschwind, Sobald man di« vordersten Zeichen vertauscht. Dort, wird auch me», Flüßchen, daS iriedltch rauscht, Sobald nur das zweite Zeichen iälit aus, Zur prächtigste» Blume in, herbstliche» Strauß. Wird aber das dritte Zeichen genonime», So seht ihr die andern mit Bange» kominen. Auslösung in nächster Nununcr. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummert Harb« — Rembolil — Anna — Uron — Sinlomo — JE(m « I,koni; — Brauselimonade. Kchiistleitung: Aug. Goetz. - Rolatiotisdruck und Verlag der Brühl'sche» ll»iversiiälS-B»ch- und Steindruckerci, N. Lange, Gießen.