Doitrcriifli. den IO. Detemben Kn den Akern der Drins. küoinan aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Er steckte seine Krippe aus die säbelspitze und hob sie langsam und vorsichtig über den Busch empor. In derselben Sekunde knallten drüben die Gewehre, und die Geschosse zischten über die beiden Offiziere hinweg. „Das ist ja erheiternd", brummte Franz in seiner trocke- neu Art. „Meine Leute müssen ja jede Minute da sein", sagte Desider, vorsichtig über die Böschung spähend. „Tann sind wir die Kerle drübeti los." __ Er hatte die Worte noch nicht ausgesprochen, da siel ein Schuß aus ihrer Seite, ein zweiter und dritter... ein schrei gellte über bas Eis herüber. „Da sind sie," rief Desider, „jetzt hinauf!" Mit einem Satz schnellten sie sich nach oben. Keine fünfzig Schritt von ihnen entfernt, lagen etwa zehn bis zwölf Gestalten im Schneet der eine und der andere Schuß blitzte noch aus ihrer Reihe auf. Aber die drüben dachten an keinen Widerstand mehr. Teutlich sah man, wie sich zivei Kerle davonzuschleichen suchten, indem sie ihren verwundeten Käme raden milschleppten. „Laßt sie laufen", sagte Desider. „Sie lverde» an dem Denkzettel genug haben. Sagt mir lieber, ivie ihr so rechtzeitig daherkommt?" Tie Leute erhoben sich, klopften sich bcn Schnee von den Blusen und lachten ihren Borgesetzten freudig au, glücklich darüber, dass sie ihn hatten befreien können. „Herr Oberleutnant, i mclv g hursamst," berichtete der Führer, dem man trotz seiner Vermummung ans zehn Schritte weit den Wiener ansah. „Wie nra so a lzalbe Stund' aus dem Nest, dem Bitkovici, drangt san, hör» ma von derer Gegend her schiaß'n. Alsdann mir Laufschritt und g'rennt. Richtig, seq'n ma 'n Herrn Oberleutnant mit Herrn Oberleutnant von Lohnsperg hinter dem Busch dada hock'». Und der Herr Oberleutnant von Lohnsperg hebt g'rad Sab't mit der Ziapp'n in d' .Höh'. Na, rins kann das net golt'ii haben. Also mnass da drüb'n was los sein. Und akkurat schiaß'n die drüb'n. Na, Herr Oberleutnant, das war was für uns! Endlich amal hab'n ma s' vor die G'wehre! Tiefste Aussatzstellung, langsam feuern — na, und jetz'tn is so a Kerl weniger." „Das war brav gemacht, Leute," sagte Desider, und er sowie Franz reichten jedenl der Burschen die Hand. Abenteuerlich genug sahen sie aus, diese gefürchteten Strafuni. Bunt zusammengewürfelt wie eine Horde zu- sammengelausener Soldaten. Zwei Bosnier waren dabei mit ihren roten FeS, drei Steirer Jäger; deutsche, ungarische, kroatische, ivallachische Regimenter, alles war in der kleinen Schar vertreten. Aber es waren lauter ausgesuchte Jungen. Nicht jeder, der sich zu den Strafuni meldete, wurde genommen. Da konnte man nur Leute brauchen, die Kopf und Herz am rechte» Fleck hatten uno die was aushalten konnten. Der Dienst der bosnischen Streifkorps war schwer und erforderte Leute, die eine» Puff vertrugen. Tag und Nacht mußten sie unterwegs sein, mußte» die Augen an der Grenze haben und wieder jeden Winkel des ihnen zugewiesencn Reviers durchforschen. Wie oft jagte sie ein falscher-'Alarm in der Nacht, nachdem sie den ganzen Tag über auf den Beinen gewesen waren, in ^n Schneesturm hinaus. Irgendwo hatte irgendwer irgend was gesehen. Also hin! Oft über vereiste Gebirgspsade, »eben denen tückische Abgründ« lauerten, oft bei einer Kälte, die unwiderstehlich durch Jacke und Wollhemd drang und das Blut in den Adern stocken machte. Tann nach vergeblichem Umherirren im frühe» Morgengrauen heim, rasch den lseißen Kaffee Hinunterstürzen und Ivieder hinaus auf den täglich vorgeschriebenen Patrouillengang. Und nie müde, nie marode, immer guter Dinge, immer die Faust am Slbzug, nur von dem einen Wunsch beseelt, endlich eininal ran zu düiLil an den Feind. Das waren die bosnischen Strafuni, diese Kriegshunde Oesterreichs, die treu und unermüdlich an den ungarischen Reichsgrenzen die Wache hielten. Ihnen ist es zu danken, daß es in Bosnien selbst ruhig blieb, während rings die Flauunen des Hasses gegen Oesterreich loderte» nicht einen Feind ließen sic auf den Boden, der ihnen anvcrtraut war. Ihrem stillen Heldentum wird kein Dichter entstehen: wir aber wissen, daß eine Armee, die solche soldaten hervorbringt, ihren Mann stellt. Auf eine Parade hätte Desider init seine» Leuten nicht kommen können, nicht auf die bescheidenste Magazinswache. Wer sie von weitem herankommen sah, schlug lieber einen großen Bogen um diese fragwürdigen Gestalten. Ihre dicken stosibliisen waren geflickt, und darunter guckten Wollhem- den oder Trikots in allen möglichen Farben hervor. Die wenigsten trugen Stiefel, die »leisten die landesüblichen Opanken, die Bundschuhe, unter denen sie die Füße bis zu be.it Knien mit warmen Filzlappen umwickelt hatten. Mancher war mit einen« wilden Barl geziert, denn das Rasieren lvar ein Luxus, den man sich nur selten gönnen konnte. Lachend, pfeifend und singend schritten sie hinter den Offizieren her, die sich von dem Zugführer Bericht erstarken ließen. „Mir san noch über Bitkovici hinaus, Herr Oberleut- uaut!" meldete er. „Weil nänilich in dem Nest a Bauer g'sagt hat, er hakt' auf der Straß'u drei K'crk'n g'seh'n, die Pä- tronengürtel und G'wehre g'habt hab'n. Na, wir san noch a Stund'aus Sopotnik zu marschiert, ein Teil auf der Straße, der Korporal Babru mit fünf Mann oben im Wald, mir hab'n aber nix g'seh'n." 674 „Wir müssen einmal den ganzen Bezirk abstreifen lassen!" sagte Desider. „Was meinst du, Franz?" „Ja, bin auch dasür", antwortete dieser. „Wir teilen den ganzen Rayon auf, jede Patrouille erhält ihr Stück zuge-, wiesen. Ich übernehme die Straßeir." „Gut, wir werden das alles noch abmachcn, bevor Toma und Herlinger ansmarschieren." Eine Stunde später versammelten sich sämtliche Chargen und Patrouillenkommaudanten bei den Offizieren. Auch Efghi Hassan, der alte Gcndarmericwachtmeister, der den aus sünf Leuten bestehenden Gendarmerieposten im Orte unter sich hatte, nahm au der Beratung teil. Er war ein Musel--« mann und hatte noch vor 1878 als Zaptie den Türken ge- dient, war klug und verläßlich und kannte vor allem das Land wie das Innere seines ehrwürdigen, verwitterten Fes. Es wurde beschlossen, daß die Dragoner die Straßen »ach Vitkovici,Fetkovic und nach Srebrenica abreiteu sollten. Besonders die letztere war genau zu beobachten, denn sie siihrtc ins Innere des Landes, und es war anzunehmen, daß, wenn serbische Komidatschi sich über die Drina ins Gebirge geschlichen hatten, sie noch vor Srebrenica die bequemere Straße zu gewinnen suchen würden. Franz selbst wollte mit der Patrouille reiten, die hier ihren Weg nehmen würde. Desider übernahm de» Bezirk im Norden der Straße »ach Srebrenica, Efghi Hassan den im Süden. Auf jeder Seite wurden drei bis vier Patrouillen bestimmt, denen auf der Generalstabskarte ganz genau Route und Ziel festgelegt wurden. Gegen sieben Uhr moraens sollten alle wieder einrücken. Die Leute wären in gehobener Stimmung. Die zu erwartenden Strapazen schreckten sie nicht, im Gegenteil: das kurze Intermezzo vom Nachmittag hatte in allen die Hoffnung rege gemacht, daß sie endlich etwas Ernsteres zu tun bekommen würden. Zugführer Toma und Korporal Herlinger zogen sogar schiefe Gesichter, daß sie am Nachmittag schon fort mußten und dafür in der Nacht zu Hause blieben. Punkt acht Uhr abends standen die Patrouillen zum Abmarsch bereit. Auf allen Gesichtern lag freudige Spannung, leise flüsternd unterhielten sich die Leute über die Aussichten eines eventuellen Kampfes. Jeder hatte die Feldslasche voll heißen schwarzen Kassee, reichlich gespritzt mit starkem Schnaps, und im Brotbeutel, wohl verpackt, Pfeife und Tabak und damit alles, was ein rechter Strafunc zu schwerem Marsch braucht. Die Dragoner standen neben ihren Pferden, die leise schnaubten und ungeduldig mit den Füße» scharrten. In weitem Bogen hatten sich die Dorfbewohner gesammelt und blickten mit großen Augen aus das ungewohnte militärische Schauspiel. Heller Mondschein flutete über das Dorf und zeichnete lange, schwarze Schatten in den Schnee der Straße, auf die trotzig und duster der Berg- wald herabstarrte. Nun traten die Offiziere und Efghi Hassan heraus. Durch die Reihen der Leute lief ein fast hörbarer Ruck. Die Patrouillenkommandante» traten vor und meldeten sich. Die Berittenen schwangen sich in den Sattel. Ein lehtes Wort an die Zurückbleibcnden, dann setzten sich, fast wie aus ein! Kommando, alle Abteilungen in Bewegung. Der Gendarmeriewachtmeister zog mit seinen Leuten e südwärts, während Franz und Desider eine W,eile noch: nmen blieben. Erst am Kreuzweg trennten sie sich, ssränz ritt geradeaus weiter, auf Srebrenica zu, Desider bog ins Gebirge ab. Bora» die zwei Manu der Spitze mit aufgcpflanztcm Bajonett, die andern so weit als möglich auseinander gezogen, so tauchte die Patrouille in den finsteren, schweigenden Wald unter. Schwer und mühselig war der Aufstieg, oft nur auf ausgetretenen Waldpsaden niöglich. Trotz der hellen Mondnacht war es stockfinster unter den dicht stehenden, alten Bäumen. So kamen sie nur langsam vorwärts. Schritt um Schritt, und sich von Zeit zu Zeit anrufend, damit kein Glied der Kette etwa abirrte. Sonst wurde kein Wort gesprochen, und nichts war hörbar, als das Keuchen der Leute, die sich unverdrossen in die Hohe arbeiteten. So gingen drei Stunden hin. Sie waren schon nahe dem Saunipfad, der über die Berge von Racovac auf die Straße nach Sobotnik führte. Bo» hier an? sollte dann der wilde Stock des Buljin abgestreist werden. „Kinder," sagte Desider aufmunternd zu seinen Leuten, „nur noch ein kurzes Stückel. Darin ruhen wir uns eine Stunde lang ans." Im selben Moment blitzte ein Feuerstrahl vorn bei der Spitze aus, und wie ein Donnerschlag rollte der Schuß durch den schlafenden Hochwald. lind noch ein Schuß, dann ein dritter. Wie elektrisiert stürniten die Leute vorwärts, Desider allen voran. Die beiden Soldaten der Spitze knieten jeden hinter einem Baume. „Dort, Herr Oberleutnant, dort," flüsterte der eine mit vor Aufregung zitternder Stimme und wies in das Dunkel hinein. Mit dem Nachtglas spähte Desider hin. War es Täuschung seiner erregten Sinne, oder war cs Wirklichkeit? Dort bewegten sich menschliche Gestalten. Endlich, endlich! Das Fieber des ersten Kampfes fuhr in die Burschen. Dazu das Düster-Unheimliche des nächtlichen Waldes, die Ungewißheit, wen ste vor sich hatten — ihre starken Fäuste schlossen sich krampshast um den Kolben des Gewehres. Sie waren kam» zu halten. Desider behielt seinen klaren Kopf. Es konnte eine der von ihm selbst ausgesandten Patrouillen sein, die den rechten Weg verfehlt hatte, und nun den ihren kreuzte. „Nicht schießen," befahl er, „es kann auch eine Patrouille von uns sein Zugführer Nagy, suchen Sie sich mit vier, fünf Leuten von hinten an die Kerle dort anznschleichen. Dort, — ja — ja! aber nicht schießen, bis Sie sicher si»d> wer es ist." s z Eine halbe Stunde verging, bis der Zugführer seinen Auftrag ausgeführt hatte. Derweilen lagen die Zurückgebliebenen mit znsammeugebissenen Zähnen regungslos hinter den Bäumen und ließen die brennenden Augen nicht von den dunklen Schatten, die sich dort vorne gerührt hatten. Nicht laut zu atmen wagten sie. Und dann krachte es plötzlich vorne, wild und schnell! hintereinander; Nagh war an den Gegner geraten. Nim gab's kein Halten mehr. Aus sprangen sie und» rannten vorwärts. Da siel einer über eine Wurzel, dort lies einer direkt in einen Baum! — ein derber Fluch half über das Malhenö hinweg. Nur vorwärts, vorwärts! Das Schießen zog sich immer mehr den Berg hinunter. „Die Hundling lauf'» davon," rief einer von den Steirern, „Sakra fix no' amal, wiederum ham ma's Stachsehn." Da erreichten sie endlich, keuchend, atemlos, den Ing- fiihrer. „Dort unten, Herr Oberleutnant," sagte er, „dort rennen sie! Drei Kerls sind's." Nun ging die wilde Jagd los, schnurgerade hinnntev ins Tal. Desider durchschaute die Absicht der Serbe». Sie wollten die Straße von Srebrenica gewinnen. Wenn er sie dort hinuntcrjaate, mußten sie ja Franz und feinen Dragonern in die Hände laufen. Sie konnten ihm also nicht entgehen. Bon Zeit zu Zeit blieb einer von ihnen stehen, riß das Gewehr an die Schulter und schoß. Und wenn dann die Kugel harmlos über ihre Köpfe fuhr oder in einen Baum schlug, erhoben die Strafuni ein großes Hohngeschrei und riesen cin-> ander mehr oder minder schlechte Witze zu. Diese halsbrecherische Jagd auf Tod und Leben war ihnen augenscheinlich eine prächtige Unterhaltung. Da lichtete sich der Wald. Die Straße wurde sichtbar.. Noch einige wenige Sprünge, und die Flüchtlinge hatten die Straße erreicht. Wenn die Dragoner an dieser Slelle schon vorüber waren, dann entwischten sie. Desider stieß «inen Fluch aus und schrie seine Leute an. „Derf ma' schiaß'n jetz'n, Herr Oberleutnant?" fragte der Eder Toni, der daheim in Steiermark das lobsame Gewerbe eines Forstgehilfen ausübte. „Ja, aber treffen Sie", rief Desider im Weiterlaufen. „Wir müssen wenigstens einen haben." Da kniete der Toni Eder nieder »nd zielte langsam und bedächtig. Aber der Gedanke zuckle ihm ans einmal durch den Kopf, daß es zum erstenmal mar, daß er ans einen Menschen schoß... Unwillkürlich ließ er das Gewehr sinken. „'s is halt der Krieg", flüsterte er vor sich hin. Er setzte noch einmäl an. Nahm ganz genau das Körn ins Grinset und drückte ab. Mit starrem Auge schaute er dann nach vorn. Die drei da nuten liefen noch weiter____ aber da... da, der Eder Toni schlug ein Kreuz... da warf der eine, der, auf den er gezielt hatte, die Arme in die Luft! und rollte kopfüber den Abhang hinunter. Rollte an den Kameraden vorbei und schlug hart aus qji dem Meilenstein 676 unten, jog sich mühsam dran entpor, bracki aber zusammen, riß sich noch einmal in die Höhe und blieb dann liegen. Die beiden andern rannten ohne Aufenthalt weiter. Die Strafuni aber jubelten, als sie des Steirers Meisterschuß sahen, und während zwei, drei bei dem Erschossenen blieben, setzten die anderen die Verfolgung fort. Die aber nahm nun ein jähes Ende. Denn als die Flüchtlinge, die schon nicht mehr recht weiter konnten, in die Bl«-- gung lenkten, sahen sie die österreichischen Dragoner auf sich heranjagen. Im selben Augenblick waren sie gepackt und gefesselt. Mit finsteren, verbissenen Gesichtern liefen sie neben den Pferden her. Franz und Desider wechselten ein paar rasche Worte der Aufklärung. Dann begaben sie sich zu der Stelle, an der der Tote lag. Scheu blickten sie alle auf den armen Teufel, dev nun bleich und starr dalag, in dem hageren Gesicht noch die Wut und die Angst, mtit der er um sein Leben gelaufen war. Es watr der erste Tote, den sie alle sahen, der erste Tote, nach dem der Gott des Krieges gegriffen. Unwillkürlich schlich dem einen und dem anderen das eisige Gefühl den Rücken heraus: Wer weiß, wie lang noch, und du liegst auch so starr da. Dann hoben sie eine tiefe Grube au§ und legten den Toten hinein. Sein Gewehr gaben sie ihm. Und als sie das Grab zngeschaufelt hatten, zogen sie, ohne Befehl, einer nach dem anderen die Kappe herunter, und die Lippen der jungen Burschen schickten ein heißes Gebet empor. Hatte doch jeder seincHeimat und da etwasLiebes, das er nicht verlieren wollte. Der Eder Toni stand mit finsterem Gesicht abseits. Als Franz ihn wegen seines Schusses beloben wollte, wehrte er rauh ab. „Lass'n S' 's, Herr Oberleutnant, 's is mir schwer gnua g'word'n." Und dann schnitt er mit dem Taschenmesser zwei starke Zweige ab und band sie zu einem Kreuz zusammen. „Stcckt's ihm eini," bat er einen der Kameraden, „i... i... kann net in d' Näh geh'n!" Mit verwunderten Augen schauten die Serben auf die „verfluchten Schwabas", die ihre Feinde selbst begruben, und nicht wie sie selbst es in Mazedonien seligen Gedenkens geübt, den Toten Nasen und Ohren abschnitten. Stumm und gedrückt wurde der Heimweg angetreten. Aber Soldaten dürfen nicht lange traurig sein. Es dauert» denn auch nicht lang, und der ein« oder der andere fing zu singen an. Die Wieirer ließen eins ihrer Lieder los, und die andern, die es nicht verstanden, summten die Melodie mit. So kamen sie nach Racovac zurück. Und bald daraus rückte auch eine Patrouille nach der anderen ein. Keine hatte was zu nielden, und voll Neid blickten sie aus die Glücklichen, die so interessante Erlebnisse gehabt hatten. Während die Leute dann in ihre Quartiere tzurück- kehrten, machten sich Desider, Franz und Efghi Lassan daran, die Gefangenen auszufragen Der eine von ihnen, ein älterer Mensch, intt hartem, verwittertein Gesicht, spuckte, als ihm die erste Frage gestellt wurde, ingrimmig aus. Das war seine Antwort. Der andere war ein junger Bursch von kaum achtzehn Jahren, der seine Angst kaum verbergen konnte. Den nahm sich Eghsi .Hassan vor und verschwand mit ihNl in ein anderes Zimmer. Wie er mit ihn, verhandelte, konnte man nie erfahren. Fest steht nur, daß der Junge, als er mit ihn« zurückkam, sich bereit erklärte, zu gestehen, was er wußte. Er und seine Kameraden waren hie drei Männer gewesen, die der Bauer aris Vitkovici gesehen und denen Zugführer Huber und Korporal Babrn vergebens nachgespürt hatten. Sie waren von Slnbovigja weggeschickt worden, über das Gebirge sich nach Srebrenica zu schleichen. Dort sollten sie einem Manne etwas nielden. Was aber und wen,, das wußte er nicht, denn das war nur seinen Geführtes gesagt worden. Wieviel Mann brüben seien, wurde er gefragt. Ungefähr sechzig bis achtzig, llnd zwei Frauen seien auch dabei. Die eine ein junges Mädchen, ungefähr so alt wie er selbst, die andere stolz undchschön, eine vornehmes lwchmütige Dame. Kein Mensch wisse, was die bei der Bande wollte. Franz und Desider sahen einander an. Während aber über Desiders Gesicht ein leises Lächeln des Glücks zog, preßte der andere die Zähne zusammen und sagte: „Jetzt gilt's, die vornehme Dame ist niemand anderes als die Grekow, die hier üher die Grenze will." „Sie soll nur kommen," antwortete Desider. Und lächelt« noch immer. (Fortsetzung folgt.) Deutschland und der welt-pelzmarkt. Unter diesem Titel bringt die russische Zeitung „Rjetsch" einen Anssatz, dessen Inhalt auch für unS von besonderem Interesse ist. „In der Kommission der Reichsduma für wirtschaftliche Angelegenheiten ist von W. S. Wostrotin und anderen Vertretern Sibiriens die Frage ausgeworfen wordm, wie die Verlegung des Pelzmarktes von Leipzig nach Moskau oder nach einer anderen russischen Handelszentraie durchführbar sei. Die Anregung hierzu ging von dem schirischen Führer des Pelzhandels, A. I. Gromowoi, aus. In Sibirien sowohl wie in Amerika und in West-Europa habe ich die Pelzindustri« studiert und möchte daher sagen, was uns fehlt, um den Pelzmarkt von Leipzig nach Rußland zu verlegen. Leipzig ist aus drei Gründen der Mittelpunkt des Pelzhandels mit einem Umsatz von über 50 Millionen Mark geworden. Zunächst sind nirgends, als in Deutschland die Kreditverhältnisse zu solch einer umfassenden Entwicklung gelangt. Nirgends erreichte ferner die Pelzbearbeitung eine derartig« Vollendung, wie sie Leipzig oder Hamburg auszuweisen vermag. Die demschcn Märkte haben es sodann verstanden, Moden für gewisse Pelzarten ein- zusührcn und dadurch künstlich eine Preissteigerung für Pelzwerk niedrigeren Wertes zu erzeugen. Die Großsirmen in Leipzig machen ihr» Einkäufe au! den Jahrmärkten in Jrbit und Nhschnv-Noivgorod. In Leipzig wird die Ware verarbeitet und gefärbt, und so gelangt sie in veränderter Form, zum doppelten Preise und mit hohem Zoll belastet wieder nach Rußland. Leipzig verdient sowohl an der Verarbeitung, als an dem Zwischenhandel des Pelzes. Um diesen Zwischenhandel auS- zuschalten, müßte unsere Fertigkeit in der Bearbeitung und im Färben des Pelzes hinter der deutschen nicht zurückstehen. Wir werden jedoch von der Konkurrenz nur in der Bearbeitung einer Pelzart — des Fees — nicht erreicht, ebenso wie die Engländer in der Bearbeitung des Robbenfells. Alle andern Pelzarten erfahren in Deutschland die beste Behandlung. Biele Mittel hierzu sind ein Geheimnis der Meister. Für einige Stadien der Bearbeitung sind Maschinen erforderlich. DaS Bestreichen des Fells mit einem säuerlichen Gerbstoff, durch den die Weichheit des Pelzes vermindert wird, ist bei den deutschen Kürschnern nicht üblich. Mit Hilfe von Maschinen entfernen sie die Fett- und Schmutztelle von dem Fell, und seine weitere Reinigung ersolgt durch Dampf, während bas Ausklopfen mit dem Stock, wie es bet uns geschieht, abgelehnt wird. Durch die sorgfältige Säuberung mit Maschinen wird da« feine seidenartige Petzhaar erzielt. Noch mehr Geschicklichkeit entfalten di« Deutschen im Färben des Pelzes! Durch di« chemische Zusammensetzung der Färbemittel, die ebenfalls in der Hauptsache ein Geheimnis bilden, ist dafür gesorgt, daß die Haare weder an Feinheit, noch an Weichheit etwas einbüßen. Das ist die Ursache, warum unsere Pelzhändler nach Leipzig reisen, um unsere eigenen Pelze in verbesserter Form dort anzukaufen. Auch in New Aork ist mir gesagt worden, daß dt« amerikanischen Pelzhändler erfolglos Versuche gemacht hätten, mit der deutschen Bearbeitung und Färbung des Pelzes zu konkurrieren. Noch erstaunlicher ist es, daß unsere Pelzhäudler in Leipzig auch unbearbeiteten sibirischen Pelz kaufen, anstatt es in Moskau, Nysch- ny oder Jrbit zu tun. Das ist eine Folge des bei uns teuren und wenig entwickelten Kredits. Durch Vertrauen und Kreditzugänglichkeit ziehen die Deutschen auch die russischen Käufer heran, die für etwa 20000 Rubel einen Abschluß von 200 000 bis 300 000 Rubel in Leipzig machen können. Der russische Kaufmann zahlt 10 Prozent fhr die Vermittlung und 10 Prozent für' den Kredit, den er aber m weiten, Umfange genießt. Die deutschen Firmen rechnen davon 6 Prozent für das Risiko. Freilich ist ein Risiko dabei stets vorhanden, aber es wird meistens wett gemacht durch die Höhe des Umsatzes. Auf den Leipziger Markt kommt auch Pelzwerk aus Britannien und den Vereinigten Staaten Nordamerikas. Nach der Bearbeitung in Deutschland werden die Pelze in Europa und auch in Amerika verbreitet. Zwischen dem Leipziger und Londoner Markt bestehen große Unterschiede. Ter Engländer will ganz sicher gehen und seinen Verdienst ohne Risiko einheimsen. Ftir die großen Pelzauktionen in London wird die Ware in Amerika, Kanada, Australien und anderen Ländern allgekauft. Tie Agenten der großen englischen Firmen geben zwar auch einen gewrsscn Kredit, aber nur gegen Unterpfand und im Umsange von 75 Prozent des Güterwertes. Aus den Auktionen wird im allgemeinen per Kassa gehandelt. Und wenn ein Kredit für gewisse Prozente gewährt wird, so hastet die Ware doch für ihre völlige Auslösung vom Lager. Tie Auswahl erfolgt dabei sorgfältiger. Auch die auf der Londoner Auktion erstandenen amerikanischen, kanadischen und austra lischen Felle gehen nach Leipzig, uni dort verarbeitet zu werden. So ist Deutschland, ohne selbst Pelze im eigenen Lande oder in seinen Kolonien zu haben, dennoch zum Weltmarkt für Pelz geworden!" _ vermischte». * Die Riviera in Kriegszelten. Die tiefe Stille pnd 'friedevolle Ruhe, die jetzt an der Riviera herrscht, bereitet ihren Bewohnern durchaus nicht die ungeteilte Freude, die man 676 eigentlich in diesen sonst so aufgeregten und unruhigen Zeilen erwarten sollte. Vielmehr macht die ganze Gegend von Cannes bis zur italienischen Grenze nach den Schilderungen eines Berichterstatters der „Times" den Eindruck einer prächtigen Szenerie, die ungeduldig und schmerzlich der Schauspieler harrt, um das! Stück zu beginnen, Ueberall schwüle Spannung und dumpfe Erwartung, Die kleinen leblosen Häsen scheinen aus die Luxusjachten zu ivartcn, die sonst hier ankern: die lieblichen Villen schauen hinter ihren dichtgeschlossenen Fensterläden begierig nach Gästen aus, die in ihnen wohnen wollen. Die goldenen Früchte und die purpurne Klematis verleihen der Landschaft einen Schimmer von Licht und Farbe, der seltsam abslicht von dem Schweigen der verlassenen Terrasse» und Gärten. Ist denn die ganze Welt in den Krieg gegangen, tvill niemand mehr etwas wissen von diesem „Paradies Europas", zu dem sonst alle Erhol»,igs und Ruhebedürstigen strömten'? Das ist die eine grobe Frage, die die Riviera an den einsanren Wanderer richtet von den düster »rüden Blumenfeldern von Grosse bis zur Bar voti Garavan. Was diese Frage für den Süden Frankreichs bedeutet, das läßt sich aus der einfachen Tatsache ermessen, daß die Zahl der Fremden, die sich im vergangenen Jahre als durchreisende Gäste iui Fürstentum von Monaco eintrugen, fast l 800 000 betrug, Tie Städte an der Riviera warten jetzt so ängstlich!, weil cig völliger Ausfall der Frenrdensaison ihre» Ruin bedeutet: darum sehen alle nnt solcher Spannung nach Fremden aus, die Friseure und Luxushändler in ihren Läden, die Kellner in den Hotels und den Cafss. Auf das Drängen der Bewohner haben sich die Deputierten der betreffenden Departements an dre Regieruikg in Bordeaux gewendet und bei den Ministerien des Innern und der Finanzen eine Petition eingereicht, die eine Erleichterung für den Reiseverkehr nach der Riviera erbittet und Maßnahmen fordert, durch die der Ruin der ganzen Industrie aufgehalten wird. Ueber da? gegenwärtige Aussehen der Riviera kann man sich eint Vorstellung machen, wenn man lxört, daß der Berichterstatter auf einer zweitägigen Autotour auf der großen Autostraße von Mentone nach Nizza und auf der Fahrt von Mentona nach dem berühmten Golfplatz von Sospcl nur einem einzigen Auto begegnete, und das war ein Militärauto. Jin Nizza smd alle großen Hotels, mit Einschluß der Winter- und Riviera- Paläste von Cimiez, von der Militärbehörde für die Zwecke des Roten Kreuzes bet Beginn des Krieges belegt worden, und die ganze Stadt rlistete sich, ein Lazarettnrittclpunkt zu werden, Tie Zahl der zuerst geforderten Betten betrug 10 000, und so mußten die Hotelbesitzer annehmen, daß es mit ihrem gewöhnlichen Geschäft völlig auS sei. Außer den von der Militärbehörde mit Beschlag belegten Hotels wurden noch drei andere von den Stadtbehörden dazu verwendet, um die mittellosen Flüchtlinge von Verdun uich anderen von den Deutschen besetzten Gegenden aufzunehmen. Nun aber stehen die meisten der von der Regierung belegten Betten frei; nur 4000 sind bisher benutzt worden, und die Zahl verringert sich ständig, da viel niehr Soldaten die Lazarette verlassen, als Verwundete hergebracht tverden. Den Neid der Bewohner der französischen Riviera erregt die italienische Riviera, tvo viel mehr Tätigkeit und Verkehr herrscht. So ist z. B, hei Rouchers Ranges, kauni 100 Meter von der Grenze, ein neues Kasino eröffnet worden, das eine schwere Konkurrenz für Monte Carlo bedeutet, und in Ta>n Remo und Bordigher« sind viele Fremde, hauptsächlich aus Frankreich geflüchtete Deutsche und Oesterreicher, Tie Deutschen, die bisher einen so wichtigen Bestandteil der Fremdensaison bildeten, bleiben in diesem Jahre natürlich in Italien, und deshalb möchte mau an der französischen Riviera urit aller Gewalt eine englisch-amerikanische Saison groß- ziehen. Daher der jdringliche Wunsch an die Regierung, sie inöchte englischen und amerikanischen Villenbesitzern und ständigen Be suchern die Reise auf jede Weise erleichtern und selbst die Reklame für die Riviera übernehmen. Wie während des Burenkrieges sollen ErboluugSheime für verwmrdcic englische Offiziere errichtet werden, und 'man will aus der Entente eordiale den größtmöglichen Vorteil ziehen, 'Der Sitz-Codex, Wir lese» in> neuesten Heile von HanS von Webers unterhaltendem „Ziviebelsisch": Ein überaus wertvoller Codex, der sich inr Besitze einer deutschen Hoibibliolliek beiunden halte, konnte auf der Bngra leider nicht ansgeslellt iverde», weil er — in ieiner Heimatsbücherei verschwunden war. Alles hatte man durchsucht, alle Listen nachgesehen, ob er nicht doch verbotenerweise anSgeliebe» worden rvar — er war weg I Ta verreiste eines Tages der Oberbibliolhekar aus längere» Urlaub und seinen Sitz nahm der zweite Beanite ein. — Dein war der Sitz zu hoch, und als er ben seltsamen Stuhl seines Vorgesetzten höher untersuchte, fand er zu feinem Staunen und mit stolzer E,itdeckeriiende — den vermißten Codex I Ter Oberbibliolhekar, vo„ Gestalt fast ein Zwerg, halte gefunden, daß zu seiner Bequemlichkeit beim Arbeiten ans biesem Sessel gerade anSgercchnet der Ranin gekehlt halte, der der Breite des berühmten Cobex entsprach. — Ta hätte man freilich lange suchen können: unter dem Herrn Ehes hätte ihn doch niemand gesucht I Einsames Stricken. Ich strick« und stricke und denke zurück An meinen Buben und sein Geschick, Einst ging es besser — und Bubi klein Lullte dabei in den Schias ich ein. Der Bub' ward größer — beut' ist er nicht mehr, In Fraiikreich starb er für Deutschlands Ehr'. Es ist mir »och io, als säh' ich den Kleinen, Ein Stückchen als Gäulchen zwischen den Beinen, Am papiernen Hut die flallerndc Quast, Wie er erhitzt durch die Gassen gerast. Gar blutiger Ernst wards Kinderspiel — lind hoch zu Roß im Sturme er fiel. Ter Gaben Hab' ich ihm viele gefiricki, Zuvor ihin der Tod die Kugel geschickt. »Fürs Feld" jetzt strick' ich tagaus, tagein. Und manche Träne strick' ich hinein. Di« Träne gilt meinem herzigen Bub, Tem ein fernes Grab man in Frankreich grub, lind jede Träne, die niederran», Sei den Brüdern im Felde ein Taltsinaii. Es betet für sie tagaus, tagein Beim Stricken ein einsames Mütterlein. Nur manchmal bäuint es sich in mir am, Meinein Hasse geb' ich dann freien Laus. Dich, England, baß ich allein in der Well, Tn hast mir allein das Leben vergällt. Ter Feind, der den Tod meinem Jungen gesandt, Verteidigte nur sein verblendeies Land. Du aber häufest Lüge ans Lüg', Und hetztest „die andern" in blutigen Krieg, Tie Kugel, die meinen Bube» fand. Gegossen ward sie von deiner Hand. Nicht sterbei, ivill ich, bevor ich erlebt. Daß England vor seinen Feinden erbebt Und daß es vernichtet zu Boden liegt, Boii Misere» Blaue» und Graneii besiegt, Ta»» iolge ich gern meinem blonden Bub', Tem ein fernes Grab man in Frankreich grub. Stbgr. vüchertisch. — Moj, Roman von HanS von Hoffensthal. Verlag Ullstein & Co,, Berlin-Wien. — In diesem Roman aus Tirol, der deiilsch ist in seder Gestalt lind jeder Empfindung, hat Hans von Hoffensthal ein Werk voii feinem poetischen Zander geschaffen. Die braune Mos ift Maria Aobis ans Maria Hi»inieliahrt bei Bozen, die fromme Sängerin in der ToriprozesNon, deren dnnkle, volle Stiinine jubelnd über die Menge hinivegtönt. Bon enier vertrauende» und getänickilen Seele erzählt Hoffensthal, von einem großen Schmerz »i,d bitterster HerzenSnot: doch über allem liegt eine süße Weichheit, die das Tragische des Vorwnrls mildert, eine schwärmerische Seligkeit, die mit ihren Sanften Melodien geiangen- mminl. Ten Hintergrund gibt die Schönheit der Bergnatur, die feierliche Siille der Tolomiteiilandichall, ihrer ivürzigeii Wälder und blühcnüei, Halde», Eii, eroiisches Zivischeiilpiel ans ägyptische» Rächtei, nnterbricht das Tiroler Idyll, mit den bmiteste» Farben des Morgenlandes lockeiid. — Das große Welt-Panorama der Reileii, Abenteuer, Eiitdeckiingcn, Kiilturtaten ic. (W. Svemaiin, Stiittgart) bringt als diesjährige» Haupticllager eine höchst lebendige Erzählung ans deni Großen Krieg „Bo» der Maas bis an die Marne", mit zahlreichen lebenswahren Photographien nnb packenden Original- zeichnnngen von Künstlerhand. Ter anch in seine» übrigen Beiträgen reiche und stattliche Band ivird bei »nscrer Jugend zivciselloS wieder freudigen Beiiall finden. Arithiiwgriph. 1 8 2 1 6 ein Fisch. 2 C 9 1 10 7 12 ein Philosoph. 3 11 11 3 weiblicher Vorname. 4 2 3 11 ein Metall. 5 8 7 10 9 10 biblischer Name, 6 7 9 ein Gebirge. 7 6 10 11 8 italienischer Bildhauer. Die AnsangS- und Endbuchstaben der gefundenen Wörter b« zeichnen ein erfrischendes Getränk, Auslösung in nächster Nunimer, Auslösung des Versteckrätsels in voriger Nummer! Nach getaner Arbeit ist gut ruhen. cvchrlstleitimg: Ang, Goetz,-- RotaliouSdruck und Verlag der Brühl'schen Ik»iversitäls-Änch- und Sleindrnckerei, R, Lange, Hießen.