Mittwoch, (xn 9. Dezember An drn Äkrrn der Lrina. 8oman aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ' 6. Kapitel. Wenige Tage nach deni Schreckensabend in Belgrad trat Franz von Lohnsperg in Begleitung seines getreuen „Barry" tn das Zimmer seines Freundes Desider. „Hallo, mein Junge," rief er, „tvas ist denn mit dir los? Dich bekommt inan ja gar nicht mehr zu Gesicht!" ,Lich treffe meine Vorbereitungen zur Abreise," ant- tvortetc Desider zögernd. „Nanu, du willst doch nicht desertieren?" „Im Gegenteil. Ich habe mich zu den bosnischen Slreif- korps gemeldet, und vor zwei Tagen habe ich die Bewilligung erhalten. Ich bin zum Kommandanten der Abteilung in Ra- covac ernannt." Der Dragoner machte einen Luftsprung, um den ihm ein Partcrreakrobat hatte beneiden können. „Hurra, Desi," rief er, „das ist gescheit. Ich geh' mit Meinem Zuge nächste Woche auch nach dem Nest ab." In den Augen des Ungarn leuchtete es freudig auf. „Ist das wahr?" fragte er. „So wahr, wie ich schon gern über die Serben hcr- möchte. Wann fährst du?" „Uebermorgen melde ich mich beim Bataillon ab. Ich denke, dann noch am selben Abend zu fahren. O, Franz, ich kann dir ja nicht sagen, wie ich mich freue, von hier weg-- zukommen, von hier, wo ich immer hinüberschauen muh." „Nach Belgrad hinüber?" „Ja, nach Belgrad. Wenn man bedenkt, zehn Minuten Eisenbahnfahrt, und man kann sein Glück im Arm halten — zehn Minuten! lind doch durch eine Welt getrennt!" „Herrgott, Desi, werde doch nicht tiefsinnig!" rief Franz umvillig. „Jst's »och immer die Serbin?" Desider nickte und wandte sich zum Fenster, damit de» andere nicht sähe, tote ihm der Schmerz in die Augen stieg. Eine Zeitlang war's still zwischen den beiden. Franz drehte sich mechanisch eine Zigarette, zündete sie an, warf sie aber nach ein, zwei Zügen in die Aschenschale. Energisch träger auf den Freund zu und drehte ihn zu sich herum, so daß er ihm ins Gesicht blicken mußte. -„Schau, Desi, das hat keinen Zweck", sagte er. „Einem Ding, das unmöglich ist, soll man nicht nachweinen. Weiß der Teufel, unsereins nur allettvenigsten. Wir haben das Glück, baß sie uns so nahe an den Feind stellen — was glaubst du, tvie uns die andern beneiden? Der Dienst, auf den wir in Friedenszeit mit allösterreichischer Ergebenheit immer schimpfen, jetzt wird er uns da unie» eine Wohltat sein, dir und inir." »Dir und mir? Hast du auch etwa» zu vergessen?" „Ja. 's sitzt bei mir vielleicht nicht so tief wie bei dir, aber immerhin — das Weib war verdammt schön... Herrgott im Himmel, Desi... schön ... ah was .. ich seh' dich doch vor deiner Abreise?" „Natürlich. Ich komm' morgen ins Kaffeehaus, uin mich von den anderen zu verabschieden." „Also Servus derweil!" Er psifs seinem Bernhardiner und ging. Desider aber rückte den Tisch ans Fenster, um bei dem scheidenden Tageslicht noch einen Brief zu schreiben. Den Ab- schiedsbrief an Helene. Nur wenige Zeilen. Aber das Herz war ihm so voll; er mußte ihr noch einnral sagen, daß er sie nicht vergessen konnte, daß er ihr süßes, geliebtes Bild im Schrein seiner Seele mitnähme in den kommenden Kampf. Daß er sie lieben werde bis in den Tod. Und er schrieb und schrieb und bemerkte nicht, daß sich Seite um Seite füllte, daß er all den Kummer, die Sehnsucht, die ihn in den letzten Wochen gequält, sich vom Herzen schrieb... Es läutete draußen. Er hörte es nicht. Erst beim zweitenmal fuhr er auf. Seinen Burschen batte er .weg- geschickt, also mußte er selbst gehen, um zu öffnen. Acrgerlich tat er es. Vor der Tür stand ein junger serbischer Bauer, dessen Züge er in der Dunkelheit nicht zu erkennen vermochte. „Was willst du?" fragte er umvirsch. „Gospodiu Leutnant," erwiderte der junge Mensch mit merkwürdig verschleierter Stimme, „ich habe Ihnen was zu sagen von der Gospodjica Helena." In dieser Stimme war etwas, was mit liebvcrtrautem Klang an sein Ohr schlug, was sein Herzblut zum Stocken brachte. „Helene!" schrie er auf und ließ die fremde Gestalt zu sich herein. lind da lag sie schon an seiner Brust und weinte und lachte in einem Atem. Und er hielt sie fest umschlungen und küßte ihr weiches, süßes Gesicht. Er war der erste, der zur Besinnung kam. Er verriegelte die Türe, so daß sie vor jeder Störung sicher waren und ündete mit zitternden Händen die Lampe an. Dann zog er ie auf das Sofa. „Schatz, geliebter," sagte er. „ich könnte dir ja auf den Knien danken, daß du gekommen bist, aber be.denke um Gottes willen, wenn man dich gesehen hätte..." In ihrem Glück, seinen Arm wieder um ihren Leib zu spüren, wurde sie fast übermütig. „Ich Hab' mich gut verkleidet. Dann bin ich in der dritten Klasse herübergefahren. Wer sollte mich erkennen! Wenn ich nur rechtzeitig zu Hause, bin, ehe der Vater und der Brrcoer aus ihrer Sitzung kommen. Schilt mich nicht, Desider! Ich Hab' dich noch einmal sehen müssen." „Ach, du — but" — fl <0 — Und wieder schmolzen ihre Seebrn in einem langen Kusse ineinander über. „Siehst im," sagte sie dann, „ich Hab' Mcff noch ein- inal sehen, noch einmal sprechen müssen. Seit jenem Abend damals, weißt dn, Hab' ich keine Ruhe mehr in mir gehabt. Ach Hab' dir ja damals so weh getan!" „Sprich nicht davon," flüsterte er zärtlich. „Ach dir Guter, du hast es mir verliehen; du Hast ja gewußt, daß. ich es nur tat, weil ich dich nicht verlieren wollte. Ach Gott, wenn du! wüßtest, was ich gelitten habe in der Zeit — Tesider, Geliebter . . . .!" Sie barg den Kopf an seiner Schulter und weinte lange, lange. Auch ihm rollte Träne um Träne die Wangen hinab, aber er hielt sich doch zusammen, damit sie sich nicht beidse verloren. „Ich komme heute, um Abschied zu nehmen," sprach sie, während das Schluchze» ihre Stimnre noch halb erstickte. „Ich gehe morgen fort von Belgrad." „Fort von Belgrad? Wohin?" „Versteh' mich nicht falsch, Geliebter. Aber ich halte es einfach nicht mehr aus. Mir rst alles zu eng, zu bedrückend geworden, seit ich dich nicht mehr küssen darf, das Haus, die Stadt. Ileberall laufen mir die Erinnerungen nach. Ich kann nicht, ich kann nicht. Ich bin doch ein junges Weib und S ab' dich doch so wahnsinnig lieb. Wenn ich in Belgrad leibe, werde ich noch verrückt. Ich gehe mit meinem Bruder an die Drina." „An die Drina?" „Er ist einer Bande beigctreten, die dorthin bestimmt ist, und ich gehe mit als Samariterin, als Krankenpflegerin, als was weiß ich. Nein, nein," rief sie, als sie sah, dsaß er sprechen wollte, „sag' mir nichts, gar nichts. Mein Entschluß ist unabänderlich. Ich schwäre es dir, wenn dn mich nicht gehen läßt, so spring' ich in die Save." Da zog er das aufgeregte, zitternde Mädchen an seine Brust. „Ich sage nichts, mein Lieb," sprach er uitto liebkoste ihren dunklen Scheitel. „Ich sollte mich ja beinahe freuen darüber. Geh' ich doch selber von hier an oie Drina. Ich bin «um Kommandanten eines Streifkorps ernannt worden, in Racovac." „In Racovac!" schrie sie auf. ,/), großer Gott!" „Was hast du?" fragte er besorgt. „Unsere Bande ist nach Llubovizja bestimmt, das Ra- covac gerade gegenüberliegt!" Wie wenn der Blitz vor prallte er zurück. „Auch das noch," stammelte er. „Wenn wir eines Tages werden schießen müssen, werde ich bei jeder Kugel zittern und beben, daß, sie dich nicht trifft!" „Daran sollst du nicht denken," sprach das Mädchen mit B aden Augen, und ihre schlanke Gestalt richtete sich ch auf. „Das wird Gott sicher nicht wollen. Er hat ini teil nicht gewollt, daß wir getrennt werden. Melleicht gönnt er uns eines Tages, daß wir zusammen sterbe». Vielleicht diirsen wir Seite an Seite ini Gdabe schlafen. Eine Stimme wird in mir laut, die mir dieses Glück weissagt."! Ihre Augen waren weit geöffnet, und in überirdischem Glanze brach ihre reine Liebe daraus hervor. „Nun bin ich nicht mehr traurig," fuhr sie fort. „Weiß ich doch, daß wir eines Tages flir immer vereinigt sein werden." Lange hielten sie sich dann umschlungen. Ehe sie ausbrach, gab er ihr den Brief, den er ihr geschrieben. „Er soll mein Talisman sein," sagte sie Und steckte ihn in ihren Busen. Vorsichtig huschte sie dann hinab. Gr folgte ihr nach ein paar Minuten, und solange sie in der Stadt waren, ging er unauffällig hinter ihr drein, da er sich als Offizier nicht gut neuen einem serbischen Bauernjungen zeigen konnte. Kam» aber waren sie in der dunklen Allee, die zum Bahnhof hinführt, war er schon an ihrer Sette, und eng aneinander geschmiegt gingen sie diesen letzten Weg zusammen. Als die Lichter ver Station durch die Bäume schimmerten, hiirg sie sich noch einmal an seine Brust. „Leb' wohl," flüsterte er unter heißem KUß. Sie aber' gab ihm den Küß zurück und sagte, „Aus Wiedersehen! Nicht lebe loohl! Aus Wiedersehen, Schatz, aus Wiedersehen >" D ann schlüpfte sie in ptn Pah-uhos Er ging ltzugsau, vor ihm eingeschlagen hätte, so nach, und da sie nun nicht inehr miteinander sprechen konnten, küßten st« sich imit den Augen. Der Zug fuhr eich, Helene stieg ein und setzte sich ans Fenster. Wie von ungefähr schleuderte er daran vorbei, hob die Hand und winn«. Sie nickte langsain, ganz langsam . . . Ein Pfiff' Pustend riß die Lokomotive an, ächzend fetzten sich die schweren^ plumpen Wagen in Bewegung und glitten hinaus in dis schweigende Nacht. Desider sah dem Zuge nach, der ihm sein Liebstes entführte, bis das rote Licht am letzten Wagen entschwunden war. Dann wandte er sich. Müde, gebrochen von dem Schmerz des Abschiedes^ schritt er durch die finstere Allee dahin. Und leise, wie ein verschollen Lied, trug der kühle Wind aus der Kaserne die Klänge der Retraite herüber, dieses so wehmütige „Gute Nacht" des österreichischen Soldaten. 7. K a p i t e l. An der Drina. Der Winter, der hier unten ein gestrenger Herr ist, hat bereits seine schivere Hano anfs Land gelegt, hat es begraben unter »rächtigen Schneemasken und Über den Fluß eine starre Eisdecke geworseu. Wohin das Auge schweift, alles weiß — weiß. Weiße Berge, weiße Häuser, weiße Bäume. Tausend und abertausend Diamanten funkeln da und blenden den! Blick, wenn die Sonne ihre Strahlen darauf schickt. Aber sie ist kalt, die Sonne, sie ivärmt nicht. Es ifa als wäre sie selbst erstarkt in dieser eisigen Luft. Und gaatz wenn der Wind oie Ufer des Flusses eutlangläust, wenn er den hartgefrorenen nadelscharfen Schnee von den Bäumen schilttclt und Bart und Haar des Wanderers in Eiszapfen verwandelt. Oder wenn der Schneesturm, sein loildercr Bruder, durch das Tal rast und die schweren grauen Schneewolken gegeneinander peitscht, daß sie bersten und ihre schier unendlichen Massen auf die Erde hcrabsenden. Dann ist's ungemütlich an der Drina! Tief vergraben unter den« Schnee liegen die Hütte» von Racovac. Wenn nicht blauer Rauch ans ihren Schornsteinen sich in die Luft kräuselte, würde man glauben, daß alles Leben in ihrein Innern in tiefem Winterfchlafe liege. Kein Hund bellt, kein Hahn kräht: Mensch tvic Tier haben sich an di» wärmsten Stellen verkrochen... Nur drei große, mächtige Raben zanken sich um einen alten Knochen auf der Torsstraße ... ihr heiseres Krächzen ist der einzige Laut in der ganzen weiten Runde. Da plötzlich tauchen am Ufer inehrere Reitee aus. Schlvcrsäilig stapfen ihre Pferde im Schnee daher, mit dampfenden Nüstern und Weichen. Die Klappen über Obren und Kinn gezogen, den Karabiner in der Faust, sitzen oie Dragoner im- Sattel und wärmen sich die Nasenspitzen mit dem Rauch ihrer Pfeifen. Vom Patrouillenritt kehren sie heim. Jetzt biegen sic in die Dorfstraße. Ein, zwei Pferde, die Nähe des Stalles ivitternd, wiehern, und an den kleinen, halb erblindeten Fenstern erscheinen die Gesichter von Soldaten. Bauern und Kindern. Vor dem Hause des Serdars, dem größten des Ories, macht die Patrouille halt. Der Korporal steigt ab, reckt die erstarrten Glieder und geht hinein. Drinnen in der Stube fitzen zivei Ossiziere, Franz von Lohnsperg und Desider Gronah. Sie sind gerade int Begriff, ihr kärgliches Mittagsbrol, Einbrennsuppe und Hammelfleisch, zu verzehren, als der Patrouillenkomniandant cin- tritt. „Melde gchorsamst, Herr Oberleutnant," spricht er im vorgefchriebenen Tone, „Patrouille wieder eingerückt." „Na, Weiher," sagt Franz, „wie geht's dem geehrten Feind?" „Sitzt drüben in seinem Nest und traut sich nicht heraus. Einmal sahen wir ani andern User so einen Kerl mit einem Gewehr, tote wir aber näher gekommen sind, ist er davon." t „Das ist alles?" „Leider, Herr Oberleutnant." „So. Na, Weher, dann gehen S' nach Haus mit Ihren Leuten und lassen sich das Essen gut schmecken. Wer hak Nachmittag Patrouille?" „Zugführer Toma und Korporal Herlinger." „Zugführer Toma un „'s ist gut. Servus!" Der Unteroffizier haute die Stiesel zusammen, daß di« Sporen klirrten, und verschwand. Delider sah ans die Uhr. „Mein« Leute müßt»» auch schon da sein," sagt« ««. •71 g*8ei|y du loa-, w-ir könnten ihnen »tn Stillkerl entgegen- , /Angenommen!" Sie zogen ihre Pelze an und gingen hinaus. Sie schritten die Drum hinunter und bogen auf die nach Vitrovici K rende Straße ein, auf d«r sie der Patrouille begegnen ßten. „Ich weiß nicht," meinte Franz, indem er den Blick irach dem am feindlichen Ufer liegenden Llnbovizja schweifen ließ, „diese Arche gefällt mir nicht. Da drüben sitzen doch! Mindestens hundert Mann, daß man doch von denen keine Nasenspitze zu sehen kriegt!" „Denen ist die Kälte genau so unangenehm wie uns," lachte Desider. „Nur mit den» Unterschied, daß sie im warmen Nest hocken können, so lange es ihnen beliebt. Wir aber müssen hinaus, ob schön oder nicht; müssen da die verdammten Berge abklettern, während die Schufte behaglich hinterm heißen Ofen sitzen und uns auslachen." „Du hast dich so gefreut mif den Dienst hier." „Ach was, freuen! Das ewige Einerlei wächst einem allmählich zum Halse raus, kann ich dir sagen. Weißt du, dieses unaufhörlich« aus der Lauer liegen macht die Nerven rebellisch. Uno dabei hat man immer die verdammte H , am End' passiert einem doch was. Man ist doch nur tensch »nd kann doch nicht überall zugleich sein. Gerade diese Stille da drüben macht mich, ganz nervös. Ich dritte am liebsten Lust, mal hinüberzureiten und so ein bißchen zu rekognoszieren." „Tu weißt doch, daß uns das strengstens verboten ist." „Ah was, Verbote» hin, verboten her. Wir liegen hier am Feind, wir wissen besser als die droben tn Wien, was wir tun müssen. Weiß der Tensel — je mehr ich mir die Geschichte überlege, desto mehr bekomm' ich Lust dazu." „Wir könnten ja einen verläßlichen Bauern hinüber- fchicken." . „Wer geh, die Kerl« sind selber eingefleischte Serben m>d stecken mit denen driiben unter einer Decke. Tu, ich Möchte einmal sehen, ob das Eis ein Pferd samt Reiter trägt. " Sie kletterten das stell« Ufer hinunter. Unten räumten pe mit Stecken den Schnee beiseite, bis das Eis freilag. <5 war dunkelgrün und ganz klar; augenscheinlich ging es bis auf den Grund hinunter. „Ta kommt eine Haubitzcnbatterie hinüber," sagte Lfranz. Während sie oas Eis untersuchten, hatten sie das gegenüberliegende Ufer ganz außer acht gelassen. Sie sahen daher nicht, wie zwei, drei dunkle Gestalten hinter den Büschen sichtbar wurden und sich vorsichtig an den Rand der Böschung vorschoben. Dunkle, haßerfüllte Augen verfolgten ihre Bewegungen. Gewehrläufe blinkten in der Sonne. Und bann plötzlich zwei kurze, peitschcnscharfe Knalle, die fast in eine» verschmolzen... Desiders Kappe flog in weitem Boden in den Schnee, und an Franzens Säbel schlug etivas Hartes auf. Instinktiv sprangen beide zugleich hinter einen dichten Kusch, der ganz in Schnee gehüllt am Ufer stand. „Uff," sagte Franz, „das war knapp. Da schau her, den ganzen Korb haben sie mir hingcmacht." „Und meine Kappe ist auch futsch", meinte Desider und warf einen wehmütigen Blick nach seiner „Behauptung", die etwa 15 Schritt von ihm entfernt friedlich im Schnee lag. „Du siehst also, sie liegen doch nicht auf der faulen Haut," setzte er hinzu, „wie wir angenommen haben. Sie passen sogar ziemlich scharf aus." „Dafür schießen sie hundsmiserabel." „Sie haben gegen die Sonne geschossen. Das Licht muß sie geblendet haben. Eigentlich, Franz, waren wir riesig unvorsichtig." „Stimmt. Aber cs hat doch wenigstens das Gute, daß wir wissen, was wir von ihnen zu erivarten haben. Schweinebande, die schießen, ob der Krieg erklärt ist oder nicht." „Das Schlimmste aber ist, daß wir in so einer Art Mausefalle sitzen. Die liegen doch sicher drüben und warten auf den Moment, bis uns die Beine eingeschlasen sind und wir aufstehen." „Warte, das werden wir gleich haben", sagte Franz, l Fortsetzung folgt.) Naukastscher.') Sechs Woche» nach Ausbruch des Krieges schlich sich zu mir in das Arrestlokal — in einer kaukasischen Stadt, deren Namen mit Wsicht nicht genannt wird —, wo ich mit anderen guten Deutschen gefangen gehalten wurde, um dann nach Sibirien deportiert zu werden) ein grusinischer Fürst, den ich zufällig von früher her kannte. Es tvar schon dunkel, so daß wir ungesehen und ungestört auf dem Hof«, der zu dem Arrestlokal gehörte, und den die deutschen Gefangenen mitbenutzen durften, uns unterhalten konnten. Der Mann hatte eine Bitte an mich. Ich sei ein gelehrter und gebildeter Herr, so meinte er, und deshalb könne ich chm vielleicht Bescheid geben, wie er und seine Freunde eS anzufangen hätten, um zum deutschen Heer tn Polen zu stoßen. Ich wußte, daß die Grusiner, bie wir in Europa meist Georgier nennen, keine Russenfreunde sind. Ich wußte auch, daß die russische Regierung nach dem japanischen Krieg bei den Revolten im Kaukasus am »leisten mit den Grusinern zu tun hatte, ihren erbittertsten und tapfersten Feinden im Kaukasus. Die Grusiner besaßen auch von jeher einen gewissen Respekt vor den Deutschen, worüber ich vielerlei persönliche Erfahrungen machen konnte während meiner unterschisdlichen Reisen im Kaukasus. Wer von dem Wunsch jenes Fürsten war ich doch einigermaßen überrascht. Daß er es mit seiner Absicht nur ernst meinen konnte, war mir sofort klar. Ich hätte ja nur ein Wort über seinen Wunsch zu äußern! brauchen, und der Mann baumelte am nächsten Äalaeil, wir befanden uns ja in einem russischen Gefängnislokalh wo so leicht niemand zu mehr oder wenigen guten Scherzen aufgelegt ist. Da ich nicht sofort eine Antwort auf seine! Frage hatte, wurde der Fürst dringlicher und erklärte mir, er und einige seiner Freunde seien bereit, mit 40 000 Grusinern den Deutschen zu Hilfe zu kommen, wenn sie nur wüßten, welches der beste Weg sei, zu ihnen zu stoßen. Und da sollte ich eben als ein gelehrter Mann mit meinen geographischen Kenntnissen zu Hilfe kommen. Leider mußte ich dem Fürsten klar machen, daß ich trotz meiner geoarriphischeil Kenntnisse keine Möglichkeit sähe, wie sie ihren Wunsch erfüllen könnten. Schließlich zog der Fürst betrübt ab, versicherte aber nochmals, daß er und die Seinen jederzeit den Deutschen gegen die Russen zur Verfügung ständen. Ich weiß, das ist ernst gemeint: wie dieser eine denken sehr viele Grusiner, namentlich die Emeritiner. Und deshalb sollte man, wo sich unter den russischen Gefangenen Grusiner finden, diese mit möglichster Schonung und Humanitär behandeln. Wo sich besonders große, schöne, schwarzbärtige, schwarzhaarige Männer unter den russischen Gefangenen befinden, sollte man sie fragen, ob sie Grusiner sind, und demnach behandeln. — Im Kaukasus gärt es gewaltig. Neben den christlichen Grusinern stehen alle Mohammedaner zu den Deutschen. Das war schon so längst vor der türkischen Kriegserklärung. Sowohl bei den Persern wie bei den Türken im Kaukasus. Nachdem wir Deutfche drei Wochen eingesperrt waren, ohne dt« Möglichkeit zu haben, uns Mch mir einmal gründlich , waschen, revoltierten wir und verlangten, da sogar die rns S jen Zuchthäusler das Recht besitzen, von Zeit zu Zeit ei, ad zu erhalte», auch unsererseits wenigstens einmal in vier Wochen baden zu dürfe». Endlich wurden wir zwei und zwei unter polizeilicher Bedeckung in die öffentlichen Bäder geschickt, deren gesamtes Personal ans Persern besteht. Bon Liefen Persern wurden nur ausgenommen wie Brüder und behandelt wie die besten Kameraden. Sie trösteten uns in rührender Weise und erklärten, sie zögen alle ge^en Rußland, fo wie die Stunde gekommen! sei, und die stunde sei nahe. Das große Rußland könne unmöglich an Gott glauben, da es über ein so lleines Land wie Deutschland herfalle. Es gärt im Kaukasus. Dafür noch ein letztes Beispiel. Ein alter russischer General war dazu ansersehen, alle Ränber- völker des Kaukasus zu sammeln, um! sie gegen die Deutschen zu führen. Er war ein großer Bramarbas und renommierte mir gegenüber, er habe schon 60 000 Mann bereit. Dazu wurde eigens ein Großfürst aus Awskau in den Kaukasus bemüht, um die Heerschau über diele Armee abzuhalten. Wer fiehe da, aus den 60000 waren inzwischen 6000 *) Dieser interessant« Aufsatz entstaimnl der Feder «ine? dcut- E cii Reisenden, der sich bei AuSbruch des Weltkriege? zu wisscn- asllichen Zwecken im Kaukasus aufl^ieH, mit anderen Deutschen 8 Gefängnis geworfen, dann nach Sibirien transportiert wurde und soeben über Schweden nach Deutschland zuriickgekehrt ist. geworden; und altS die 6M0 dann auf dem Bahnhof verladen werdeu sollte», rissen noch 800t) anS, ®ie hätten keine Lust mehr, als Kanonenfutter zu dienern Gerückte von deutschen Siegen waren inzwischen schon dis zu ihnen in die Berge gedrungen, und die ersten russischen Verwundeten^ die von der Front in den Kaukasus kamen, wußten so ftirch- terlicke Dinge von den deutschen Kanonen und Maschinengewehren zu erzählen, daß die kaukasischen Räuber es vor- zogeu, in die heimatlichen Felsnester zurückzukehren, um der Stunde zu warten, ivo es wieder leichter und lukrativ wäre, in Rußland selbst, im Kaukasus, ihr Gewerbe auszuüben, das in der Hauptfache darin besteht, Reisende aus»u- plnndern und russische Beamte einzusangen und gegen Losc- geld wieder auszuliefern. GS gärt tml Kaukasus. Nur die laulastscheu Armenier erwarten immer noch Heil von Rußland. Heute aber vielleicht auch nicht mehr. vermischte«. 'Venedig ohne F r e m d e » b e s u ch. Schwer hat di« .Königin der Lagunen" unter der Kriegszeit zn leide», obivdhl Italien selbst sich der Friedens ersrent. Tenn die Fremden, von denen doch Venedig auch heut noch zn sehr erheblicken, Teile Jebt, bleiben Heuer jo gut wie ganz an». Tie sonst so belebten eitle der Galerie der Akademie sind säst ganz verödet, und manche Tage zählt man dort nicht in«hr als zwei bi« drei Besucher. Auch dar Schicksal der Internationalen Kunstausstellung ist durch den Krieg besiegelt worden — sie geriel einiach in Vergessenheit und schloß am 8. Novcinber mit «mim beträchtlichen Tetizit ab; auch der Verkaulseilös ist, wie die „Kunslchroni!" berichtet, ebenso wie die Besucherzahl wett hinter der vorige» Ausstellung zurückgeblieben. Ten einzige» Borlell hat Venedig von dem Ausbleiben der Freniden, das; die Sicherungß- und Wiederherstellungsarbelten an den Baubenkinälern der Stadt um Io ungestörter fortgesetzt werden können. An dem Akademicgebäude hat man Portal und Vorhalle in Angriff genommen, um de» bedenklichen Senkungen zu steuern, die sich seit Jahren gezeigt haben und die in letzter Zeit sogar bereits einen »»abgeschlossen«,! Tei! de» groben Saales ü, Mll- ieldenschast zogen. An S. Marco, sowie an der Frarikirche wird stcibig weiter restauriert: a»ch wird Venedig um ein Museum bereichert werden: da; Goldont-Muleum, da» in dem voii der neugegründeleii Goldanisttttnng angekauslen Wohnhaus« des Ttchleri eingertchtel werdei, soll, nachdem da» Hau» sachgeniäb wiederhergestellt und in seinen «henialigen Zustand versetzt sein wird. * Wenn Engländer Französisch lernen. Au» französischen Feldpostbrielen hat man eriahren, daß e» mit der Verständigung zwischen Franzosen und Engländern im Felde bedenklich haperte. Uni »in» Waiidlung berbetzusühren, hat ein Engländer nun elnen sranzöstschen SprachlÜhrir für englische Süldaien hergestellt, ln dem dt» gebräuchltchsten Redewendungen auch in vhoneltschcr Umschreibung zu lesen sind. Dt« .laulgetreue- Schreibung de» Franiösischei, sür den Engländer wirkt aus uu» natürlich noch bedeutend drolliger al« di« entsprechenden in Sprach- sühreru sür de» Gebrauch des deutschen Soldaten, wie ein paar Proben zeigen! -Oomblea est-ce en argent anglais ? (Kon-bee-an ajs gu arjou anglay.) Oo inbleu cofttera ce paqnet? (Kon-bee-an koot-ra eer pakay.) Prendre la tempörature. (Prandr Iah ton-pay- rah-tnyr.) Je «oia faohi de partir. (Jer swee fab-shay der par-teer.)“ War eine weitere Probe, bei der die sranzösische Schreibweise nicht hinzugeuigt ist, bedeutet, mag der Leser hiernach selbst herau»- »ubekommen suche». Wa» meint Tommy Atktns, wenn er tragt t .Oo-sb-Iee-boo-kay t" k W i e 1k a s l« e e n t g i i t e t wird. äUetcn schadet weniger ba» Koffein, vielmehr üben die Röstprodukie des Kaffee» aus den Magendarmkana! eine derartige Wirkung aus, daß Menschen mit empfindlichem Magen der Kaffee nicht bekomnit. Neuere Vers,ich« gingen daher daraus hinaus, diese beim Röste» deS Kaffees entstehenden, dein Menschen schädliche Subslanze» aus de» Kaffeebohne» zu «ntserneu, dabei aber keine Koffeinenlziehung vorzu- Iictzinen, um dem Kaffee seine die Nerven anregende Wirkung zu vetageu. Ein nuninehr erniitieltes Versah,,n besteht nach den „Nntnrivissenschasten" darin, dab die Kaffeebohnen beim Rüsten mi! geiviffen Stoffe» überzogen werde», die, wie z. B. Porzellan- to», die gistigeii Produkt« auffange». Ter Ton wird entweder in Breisorin aus die Bohnen ausgetragen oder durch die beim Rösten der Kaffees entiveichende Feuchtigkeit aus den Bohnen zum Hasten gebracht.^ Jnsolge der Kapillarwliknng des Tons iverden dann die bei», Rösten entstehende» Produlte auigesangt, indein Fett und barzige Stoff« von der äußeren Fläche und der oberste» Rmden- schicht der Kaffeebohne sortgeiionnnei, iverden. Proieffoc Gorbtng hat mit derartig entgiltetem Kaffee Versnctie angestellt, die zeigten, dag bei 17 Perloueil, die geivöhnltchen Kaffe« nicht vertrugen, sich »ach den, Gennb ketnerlei nachleillg« Wirkungen einstellten: neun weitere Personen vertrugen den entgtiteten Kaffee besser al» ge- wohnlichen und „ur in elnen, Falle konnte kein Unterschied sest- gestelll werden. vachertisch. — 19 1 4. An Tr. Eduard Engel. Lieferung 60 Pfg. (Ber Berlin, Hamburg.) T schichte des Welt uns allen abrollt, hat trotz sehr vieler Versuche bisher üoch'nichj seine .Befriedigung gefunden. Selbstverständlich ist ein« gelchrte, pro ginn tische Geschichte dieses Krieges nicht rare setzt, sondern noch für sehr lange ein Trug der Unmöglichkeit. Nicht imr möglich aber, sondern dringend erwünscht ist eine geschichtliche Darstellung der ungeheuren Ms umdrängenden Ereignisse tu btx einzigen dankbaren Form, der eines geschichtlichen Tage« buches, das di« Stunde, den Augenblick dieser unaussprechlich! großen Zeit für iinmer festhält. Ein Blick schon in die erste Lieferung wird sofort zeigen, mit welcher Begeisterung, Sachkunde, Meisterschaft der Verfasser diese schwierige, aber schöne Ausaab« gelöst hat. Jedes wichtig« Ereignis wird nicht nur festgehauen, sondern mit seinen Urkunden lebendig gemacht und durch fortlausende Mitarbeit in ein Ganzes vcrivoben. Ein Buch sür jeden Deutschen, em gleich einem edlen Kunstroman spannende» Lesebuch soll hier dargcboten werden, an dem wir alle intS begeistern, ja erbauen werden. Tag um Tag, oft Stunde um Stunde folgt die leidenschaftliche, von höäister Vaterlandsliebe durchglühte Erzählung den Begebenheiten und den durch sie in allen Deutschen beflügelten Herzschlägen. Eduard Engel, der Verfasser der bekanuteu Deutschen Literaturgeschichte, der weitverbreitete» Teutschen Stil tun st, der Herausgeber unsrer Teutschen Meisterprosa, ist von der gesamten Presse als et« Meister deutsckxen Stils und der deutschen Sprache, als einer der erfolgreichste» Förderer echter deutscher Bildung und Gesinnung sowie durch seine seltene Kunst einer für jedermann verständlichen Tarstellung anerkannt. Wir sind überzeugt, daß sei» neues Werk durch inneren Wert und hinreißende Fori» sogleich das beherrschende Geschichtswerk unsrer Zeit werden wird. In 8—14tägigen Zwischenräumen wird ein Heft mit >e etwa 48 Seiten Umfang erscheinen. Das t. und 2. Heft liegen bereits vor. Eine genaue Tageschronik und ein sorgsames Name u- verzeichnis werdeu der letzten Lieferung beigegeben, desgleichen die Kriegskarten. Für jeden Teilnehmer am Krieg wird Engels Geschichtswerk von höchstem Reize sein, für den schlichten Landwrhrmanu wie für den Offizier jedes GradeS. Daß es ferner hervorragend geeignet ist, als vaterländische Waffe iw! Lügenseldzug des feindseligen Auslands zu dienen, lehrt der ersitz Blick in daS erste Heft. Es gib! kaum etwas Wirksamere» zur .Aufklärung über den gerechten deutschen Krieg als Engel; Werk» — Sven Hedin und die deutsche Jugend. Hedint wundervoll tapferes Eintreten sür die makellose Ehre des deutschen Volkes rechtfertigt eine besondere Empfehlung seines ausgezeichneten Jugend- und Volksbuches „VonPolzuP o l". Wollt rhr durch die kriegerische Türkei nach Asien Vordringen, die Geheimnisse Tibets oder die Wunder Indiens kennen lernen, wollt ihr bez Persern oder Chinesen zu Gaste sein und die Ruinen von Port- Arthur besuchen, um durch Sibirien und Rußland nach Europa heimzukehren, so greift zum erstell Teil „Rund um AsienN Wollt ihr mit Nausen oder Andräe zum Nordpol oder reizen euch die Abenteuer eines Emin Pascha, Slatin Pascha und anderer Helden der Entdeckungsgeschichte Afrikas, so wählt den zweiten Teil „VomNordpolzumAeguato r". Verlangt euch die Schicksale der Auswanderer in Amerika zu verfolgen, mit Indianern über Prärien zu streiten, mit Huuiboldt den Orinoco in Südamerika zu besahren oder auf den Flügeln des Albatros um die Inseln der Südsee zu kreisen, so erfüllt der dritte Teil „Durch Amerika z u m S ü d p o l" eure Wünsche. Laßt ihr euch aber das ganze Werk vom Weihnachtsmann bescheren, so trabt ihr die ganze Welt gewonnen! Jeder Band ist in sich abgeschloffen, mit schwarzen und farbigen Bildern und Karten reich geziert und kostet in haltbarem Lelnenband 3 Mark _ Tagebuch über den Weltkrieg vo» Mit Urkunden, Bildnissen, Karten. ^__ lag von Georg« Westermann, Braunschevelgu as Verlangen nach einer wirklichen G«- krieges, der sich mit Donneraana vo» versteckrätsel. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbe „an" in.Wanderer-, Andernach — Regenbogen — Bethanien — Plerdebahn- schaffner — Marburg — Feldarbeiter — Listenwahl — Rittergut - Ruhrort — Hohenstausen. Auslösung in nächster Nummer. Auslösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer« P B V » e 0 r r r Par» ff r a p h »erg ff e i • t V o r r 6 i t e r » i t P s 6 h t r Schrlstleitnng: 4lug. Goetz - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unlv»r!ltätS-Buch- »nd Steindrnckerel, $. Lange, Gießen.