jfln den Akern der Drins. Ronuni aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) 2 . Kapite l Die Herren blieben sämtlich in der Gesandtschaft zu Tisch. Die ernste Stimmung verflog bald wieder und inachte einer heiteren, beinahe übermütigen Platz. Man lachte, erzählte Anetooten, öie nicht gerade in ein Mädchenpensjonat gepasst hätten, und verniied mit seinem Takt alles, tvaS vielleicht zu einer ernsteren Wendung der Unterhaltung! hätte fuhren können. Alster schwarze Kaffee absolviert war und die ersten heimatlichen Trabukos mit ihrem blauen Gewölk daS behagliche Zimmer erfüllten, setzte sich Lohn- sperg ans Klavier und spielte fesche Wiener Walzer und Weisen Die alten Märsche stimmte er an, die immer erklungen waren, wenn österreichische Regimenter zum Sturm gegen die Feinde angesctzt hatten, den flotten „HochHabs- bnrg" den unwiderstehlichen „Radetzky" und den feierlich klingenden „Prinz Eugen". Und während die Straßen von den feindseligen Ruse» der Menge widerhallten, sangen die Oesterreicher mit ihren deutschen Kameraden: . ' „Prinz Eugen, der edle Ritter, Wollt' dem Kaiser wiederkriegen Stadt und Festung Belgerad." Desider aber verschwand still und unauffällig. Er wußte, die Freunde würden ihm die scheinbare Ungezogenheit verzeihen. Er eilte die jetzt noch stille Kronenstraße, in der die Billa deS Kronprinzen lag, hinunter und bog in die Fürst- Michael-Straße ein. Aber schon von ferne hatte er das immer lauter iver- dende Schreien und Singen der Demonstranten gehört, die von dem Meeting her zum Kronprinzen zogen. Er hoffte, noch vor dem Zuge die Hauptstraße zu erreichen, um von hier aus ungehindert sich nach der Toptschilder Allee wenden zu können. Allein, als er auf die Fürst-Michael-Straße kam, Ivälzte sich ihm bereits ein breiter, anfgeregter Menschcn- strom entgegen. Voran schritten ein paar Burschen in Nationaltracht, die große Fahnen mit Inschriften trugen. Auf der einen stand: „Das Vaterland ist in Gefahr!" Auf der anderen: „Krieg gegen Oesterreich!" „Befreit das unglückliche Bosnien!" war aus der dritten zu lesen. Die Fahnen flatterten hoch ini Winde, und ihreTräger machten stolze, feierliche Gesichter. Hinter ihnen kamen, voll Würde, die Mitglieder des „Ausschusses für nationale Verteidigung" mit ihrem Präsidenten Nuschie an der Spitze, einem kleinen Man», der Triumphatorblicke um sich warf. Dann als Ehrengäste die Italiener, Gevatter Schuster, Tischler, Drechsler, die heute nichts zu arbeiten hatte» und daher ausgezogen lvaren, Serbien aus den Klauen Oesterreichs zu retten. Sie wurden geführt von einem ganz alten, ganz kleinen, ganz vertrocs- neten Männchen, dein Garibaldianer, der sein rotes Henid mit einer Unmenge klingender Medaillen behängt hatte. Bon Zeit zu Zeit hob er seinen Regenschirm, den er sonst zur Erinnerung an alte Zeiten martialisch geschultert hielt, und' ans dieses Zeichen schrien seine zweihundert Mann: „Abassv Austria!" Woraus die Serben antworteten: „Dole Austria?" Dann brüllten die Italiener: „Evivva Serbin!" Und die Serben replizierten: „Zivio Jtaliani!" Das ivar ungeheuer erhebend und begeisternd. Hinter den Italienern kanien die „Todeslegionäre", die Auserwählten des serbischen Volks, die geschivoren hatten, entweder zu siegen oder zu sterben. Da ihnen aber noch immer keine Gelegenheit dazu gegeben war, weder zu dem einen noch zu dem anderen, begnügten sie sich damit, täglich ihren Sold einzukassieren und ihr zukünftiges Heldentum irr den Straßen der Hauptstadt spazierenzuführen. Sie exekutierten ein mächtiges Geschrei und hauten die Füße auf das holprige Pflaster, daß die Fensterscheiben ini Konak klirrten. Den Schluß bildete ein regelloser Haufen, zumeist ans halbwüchsigen Burschen bestehend, die Zerrbilder ans Kaiser Franz Josef vor sich hertrugen und die Panse» zwischen den nationalen Gesängen mit Schreien und Johlen aussüllten. Sie sollten augenscheinlich in den, Zuge bas serbische Volk repräsentieren. Das ganze war so gemacht, so wenig aus der Seele dev Masse heraus, daß Desider sich unwillkürlich seiner Worte in der Gesandtschaft schänite. Diese Männer, halb .Hans- Würste, hash arme Teufel, diese Gassenjungen, die wagten es, im Namen des serbische» Volks anfzutreten? Und ihr Geschrei und ihre Phrasen wurden von den Jeitungskorrespon- dente» in die ganze Welt Hinaustelegraphiert und inachten sie zittern! Waren diese Leute wirtlich .Komödianten oder waren sie Narren, arme, bedauernsiverte Narren, die ihr Land ins Verderben rissen! Eng an die Mauer eines kleine» Hauses gedrückt, staut» der junge Ossizier, um vom Strome nicht initgerissen z» werden, aber als die große Menge sich heranwälzte, wurde er doch vom Wirbel gepackt und fortgezogen. Er konnte nichts Besseres tun, als sich nickst dagegen zu stemmen: ini Nu war er in der Masse eingekeilt und fühlte sich mit vorwärts ge-« schoben. Zur Billa des Kronprinzen ging'». Dort stauten sich in der schmalen Straße die Hausen- Ein tausendstimmiges „Zivio" stieg auf, und die Fahnen wurden geschwenkt. Da» serbische Bott erwartete seinen Helden. Und programmgemäß ösfnete sich in der kleinen unscheinbaren Billa ein Fenster, das schmale, scharf gezeichnete Knäbenantlitz des Kronprinzen erschien, und still ward'S unter der aufgeregten Menge, mäuschenstill. Der Kronprinz aber sprach mit weithin vernehmbarer Stimme: „Brüder! -Ich danke euch, daß ihr gekommen seich um mir eure Treue zu beweisen. Seid versichert, daß ich ebeilso fest zu euch halte wie ihr zu nt in! Da,S serbische Volk fühl t 660 sich eins mit seiner Dynastie in diesem Moment der Gefahr, und ich sage euch, nichts wünsche ich sehnlicher herbei alA den Moment, da ich an die Spitze der Legion des Todes treten kann, um sie gegen den Feind zu führen. Wir werden siegen oder sterben! Eine andere Wahl kenne ich nicht! Darum ziehe niemand mit mir, der nicht für sein Vaterland fein Letztes hinzngeben bereit ist! Wer leben will, der sols sterben, iver aber sterben will, der verdient zu leben!*) Hoch lebe das serbische Volk, das für seine heilige Sache zu sterben bereit ist!" In wildem Chor brausten die „Zivios" zu dem schmächtigen Jüngling hinauf, aus dessen dunkeln Augen Desider; die erste echte Begeisterung blitzen sah. Unter allen diesen schreienden, tobenden Menschen war Kronprinz Georg vielleicht der einzige, der es ernst mit seinen Worten meinte. Er war ein Schwärmer, ein Träumer, aber es lag etwas Fortreißendes in seinen Worten, als er sie trotzig hinausschrie. Dann sprach der famose Nuschic. Drosch Phrasen und troff nur so von Blut, Patriotismus und Heldentum. Der Prinz hörte seine Reche mit zusammengebissenen Lippen an und verneigte sich dankend, mit ernstem. Gesicht, als die „Zivios" schier unaufhörlich zu ihin hinaüfgcllten. Jetzt war wirklich so etwas wie Rausch in der Masse. Desider gelang es, sich in eine Hanstüre zu schieben. Dort hielt er sich versteckt, bis die Demonstranten zur engs- lischen Gesandtschaft abgezogen waren, dann trat er hinaus und wollte zu dem Platz eilen, >vo seine Geliebte auf ihi^ wartete. Aber... da sah er sich zu seinem Erstaunen mehre!- ren Studenten gegenüber, die ihm den. Weg verstellten. _ „Was wünschen Sie, meine Herren?" fragte Desider ruhig und gelassen in serbischer Sprache. „Wir müssen Sie ersuchen, sich zu legitimieren", antwortete der Aelteste, der den Wortführer machte. „Darf ich fragen, mit welchem Recht Sie dieses Ersuchen an mich stellen?" „Wir sind Mitglieder des Ausschusses für nationale Verteidigung." „Als solche haben Sie kein Recht, mich anzuhalten." „Oho! Da irren Sie! Wir haben Sie während der Rede des Kronprinzen genau beobachtet. Sie sind einOesterreicher." „Ja, der bin ich. lind was weiter?" „Ein österreichischer Offizier ist er!" schrie jemand aus der Menge, die sich von Sekunde zu Sekunde vergrößerte. „Ich kenne ihn, er steht bei den Honvcds in Semlin." „Ein österreichischer Spion!" krächzte eine branntwein- heisere Stimme. „Schlagt ihn nieder, de» Spion!" brüllten mehrere gleichzeitig. Fäuste wurden erhoben, Stöcke wurden geschwungen; immer bedrohlicher wurde die Situation für den jungen Offizier. Aber der blickte so kühn und frei auf seine Gegner, daß diese sich unwillkürlich nicht näher an ihn hcranwagten. „Sie sehen," sprach der Wortführer der Studenten ivic- dcr, „wie aufgeregt die Leute find. Was haben Sie in Belgrad zu tun?" i,Jch heiße Desider Gronap und bin in Semlin stationiert. Ich kam herüber, um eine mir befreundete Familie zu besuchen." „Wieso kamen Sic denn in den Demonstrationszug? Sic wollten sich ivohl über uns lustig machen?" Desider hätte ja sagen können, daß er selbst der Sohn einer Serbin sei, aber das schien ihm in diesem Moment als eine Feigheit. Er antwortete also: „Auf dem Wege eben zu dieser Familie geriet ich in Ihren Zug und wurde mitgerissen. Da haben Sic die Erklärung." „Nun, dann haben Sie wenigstens gehört, daß wir Serben uns vor euch Ocsterreichern nicht fürchten", sagte der Student. „Ja, das habe ich gehört. Wollen Sic mich nun endlich geheii^ lassen?" Sein kaltblütiges Benehmen verfehlte seinen Eindruck nicht. Die Studenten traten zurück und. auch die Menge Machte Platz. Langsam schritt Desider hindurch, keine Miene »Nckke in seinenc braunen Gesicht, als er durch das Kieuz- sener feindseliger Blicke und Worte ging. „Kommt nur her mit euren Militärkapellen!" schrie IHM einer nach. *) Wörtlich, so sprach Kronprinz Georg bei einer seiner tze- rühmten Fenßerreben. Er: achtete nicht darauf, sondern lief jetzt inehr als «r « ing der Toptschider Allee tzu. Er hatte durch den Aufenk- alt eine ganze Stunde verloren. Dort, wo die Häuser der Stadt zurllcktratcn und di« Save durch die hohen, mächtigen Bäume der Allee schimmerte, stand ein junges Mädchen, das mit besorgtem Mick die Straße hinaufsah. Ms sie Desider erblickte, lief sie ihm mit leisem Frendenrus entgegen. „Da bist du endlich!" „eBrzeih', Helene," entaegnete er und zog sie von der Straße an das stille, von dichten, Gebüsch umgebene Saveufer hinunter. „Ich kam in den Demonstrationszng uird wurde dadurch aufgehalieu." Bon seiner Affäre erzählte er ihr nichts, um sic nicht zu ängstigen. „Ich ivar so besorgt, Desider," sprach sie. „Es gibt gewiß eine Menge Menschen in Belgrad, die dich kennen; wenn dich einer von ihnen jetzt sehen würde!" „Würde mir auch niemand den Kopf Herunterreißen," erividertc er mit einem schwachen Versuch zu scherzen. Llbcr der mißlang. War ihnc doch das Herz ebenso schiver wie ihr. „Tn hast ivieder geweint," sagte er nach einer kleinen Pause, während der sie stumm nebeneinander am Flusse hinge- schrittc» waren. Das Mädchen schaute zct ihm auf und ihre schönen Augen füllten sich mit Träne». „Ich muß immerzu weinen," sagte sie mit rührender Schlichtheit. Desider riß sie au seine Brust und küßte sie, die ihre kveichcn Arme um seinen Hals schlang und ihm seine Küsse glühend zurückgab. „Es ist ans, hofsnungslos ans," sprach sie dann unter Schluchzen. „So lieb mein Vater uiich Yak, als ich ihn gestern nur so — so im Scherz, weißt du —- fragte, ob er: mir nicht erlauben würde, einen Oesterreicher zu heiraten. Desider, da hättest du ihn sehen sollen! Nur daß er inich nicht geschlagen hat! lind ich ... ich tat doch nur, als ob ich einen Scherz machte!" „Wie eng ist doch der Horizont des Menschen!" mur- melkc Desider finster. „Tein Vater ist ein Professor, ist ein Gelehrter und selbst ihm schließen so ein paar Grenzpfähle die Welt ein! lind deshalb soll man fein Liebstes auf der Welt hergeben! Ich kann's nicht, Helene! Ich kann's nicht! Wenn ich drüben in Semlin an dich) denke, glaub' ich, ich inuß wahnsinnig werden! Ich Hab' dich ja so lieb, so lieb!" Er schrie die Worte säst heraus und sie stammelte, überwältigt von ihrem Glück und ihrem Schmerz: „Mir gehk's ja nicht anders!" Wieder lag sie au seiner Brust, ivieder küßten sie sich. Langsam schlich der Abend übers Land, vom Flusse stiegen iveißc gespenstige Wassernebel auf und der Wind fuhr raschelnd durch das dürre Herbstlaub, Trüben,-am anderen User, sang int Schilf ein Regenpfeifer feilt trübseliges Abendlied. „Was nun?" fragte er dumpf und tonlos, als sic ihm aus dem Arm geglitten ivar. Sie stand vor ihin, hielt seine Hände umfaßt nndf schaute ihm in die Augen, »nd da sah er, lvie in ihnen deutlich, immer deutlicher eine heiße Bitte heraufstieg. Nicht mißzuvcrstehen ivar dieses stumme Flehen der dunkelblauen Augensterne. „Nein, Helene," schrie er ans, „das kannst du nicht von mir verlangen! Wenn du willst, geh' ich mit dir sterben, aber das nicht!" „Warum nicht, Liebster, warum nicht? Wo es doch der einzige Weg ist, der uns zusammenführt!" Ihre Stimme klang süß und weich wie nie zuvor; ihr schlanker Leib preßte sich an den seinen. „Komm zu uns!" flüsterte sie, während sie ihn näher an sich zog. „Zu mir komnt! Bist doch ein halber Serbe. Laß diesen stolzen Kaiser in seinem glänzenden Wien! Was ist er dir? Ein Begriff, weiter nichts, lind ich ... ich! Sagst du nicht immer, ich bin dein alles, dein Leben?" Er stand in furchtbarem Kämpfe. Sein Atem keuchte, seine 'Nasenflügel bebten, aber nur eine kurze Minute. Dann ritz er sich fast rauh von ihr los und trat zurück. „Wir wollen gehen!" sagte er mit einer Ruhe, die ihr unheimlich klang. „Es ist spät!" „Desider!" schrie sie auf und wollte ihn noch eiikmqL umklaimnern. > Er aber schüttelte den Kopf. 651 „Du hättest das nicht verlangen sollen," sagte er, indem jb sich langsam, mit schlaff herabhängenbem Arm, dem Heim- stieg> zmoandte. „Du hast mir damit den .Abschied so unsagbar bitter gemacht!" „Desidcr, Geliebter, Einziger . ^ .!" Und ehe er es noch Verhindern konnte, hatte sie sich blieb er stehen ujnd ergriff Ihre Hand: „Leb' wohl!" sprach er. „Ich swöre dir, nach dir werd' ich keine mehr lieben, keine! Viclleichj: sehen wir uns ans der Erde noch einmal wieder. Wenn nicht, dann drüben, Helene! Leb' wohl, leb' wvhl... du ... mein Leben!" Tie Stimme versagte ihm. Tann sah er ihr »ach, tvie sie mit müden, matte» Schritten ihrem Hanse zuging. Noch einmal sach sie sich um. Noch einmal umfaßte er die geliebte gestalt mit heißem Blick... dann fiel das Gitter ihres S artens zu ... Und von der Fürst-Michael-Straße trug der tind den Ruf der Menge herüberi „Dole Austria!" „Rat Austria!" — „Nieder mit Oesterreich!" „Krieg gegen Oesterreich!" (Fortsetzung folgt.) Die hundert Tage. kkoman aus dem Jahre 1815 von M. von Mitten. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) In trübe» Gedanken verloren fuhr Erdmuthe nach ihrem Ouartier zurück. Sic zergrübelte sich den Kopf, wie cs noch Möglich sein könnte, hier zu Helsen. Ihr edles, mütterliches Herz wollte sich noch nicht darin findest, daß diese beiden Menschen, die der unerbittliche Tod verschont hatte, durch das Leben auseinander gerissen werden sollten. Der Fiaker hielt. Sic zahlte, stieg ans. In gramvoliem Sinnen stieg sie Pie Treppen hinan, t hrill den langen düster» Korridor entlang nnd betrat, von er einfallendcn Sonne geblendet, ihr Zimmer. „Erdmuthe! Gott sei Dank, daß Sie endlich kommen! Verzeihen Sie nur, daß ich mir erlaubte, Sie in Ihren» Zimmer zu erwarten. Aber es ließ mir keine Ruh. Ich wollte keine Minute verlieren —" Tiefer in das einfache Zimmer tretend, dessen getünchte Wände ein paar alte Kupferstiche schmückten, sah sic Otto von Jäger vor sich stehen, diesen schlanken, hochgewackisenen Mann, dessen vorteilhafte Erscheinung durch die Uniform noch gehoben wurde. In Gedanken stellte sie sofort Toska an seine Seite. Ihr Herz zog sich von neuem zusammen: Maren diese beiden nicht wie füreinander geschaffen?! „Was gibt es denn?" fragte sie trübe. „Erdmuthe, wo tvaren Sic so lang? Sie sind erschöpft. Ketze» Sie sich! Ruhen Lie sich aus! Tie Worte schossen ihm nur so Von den Lippen. Dabei drückte er sie in einen der beiden braunen Rips-Fauteuils nieder, die rechts und links vom Sofa, um einen ovalen Tisch standen. „Tenken Sie sich doch nur!" Er' holte tief Atem. „Gras Dnboit hat sich verlobt." . Erdmuthe hatte, ganz in ihr schmerzliches Nachdenken Versunken, nur halb hingehört. „Was wollen Sie damit sagen?" fragte sie abwesend. „Aber verstehen Sie denn nicht?" ries er ungeduldig. „Dieser Ueberläuscr hat sich verlobt -- verlobt mit der Tochter des Generals Bourmont, der kurz vor der Schlacht von Lignp mit ihm gemeinsam zu den Bourbonen übergegangen! Dieser Schurke! Zornbebend ballte er die Rechte zur Faust. „Er hat mich also doch belogen! Toska muß ihn abgewiesen haben!" Da ging in Erdmuthens Herzen ein helleuchtendes Verstehen und ein frohes heimliches Lachen auf. Aeußerlich aber vlieb sie tiefernst!: ja sie brachte es fertig, ihr Gesicht in menge Falten zu legen. „Warum erzählen Sie mir das?" entgegncie sie mit gemachter Kälte. „Habe ich etwa je an Toska gezweifelt?"! Betreten stand- er vor ihr, an einer Spitze seines Schnurrbart? nagend. In Erdnmtbc aber wuchs der geheime Jubel. „Es kann mit einer Liebe wahrhaftig nicht weit her sein, die äußerlicher, zufälliger Beweise bedarf, um glauben zu können." „Q mein Gott! Wenn Sie wüßten, wie ich gelitten, Sie richteten nicht so streng!" murmelte er mit zuckendem Munde. „Aber im übrigen ist das ja jetzt alles einerlei," fuhr sie unbeirrt mit einer gewissen kalten Strenge fort, wie ein Arzt, der gezwungen ist, Schmerzen zu bereiten, um zu heilen. Dabei verwandte sie aber, mit feinster Aufiuerksani- keit spürend und auslauschend, kein Auge von seinem alle seine Seelenregungen widcrspiegelnden Gesicht. „Hören Sie mich! Ich komme von Toska---" „Bo» Toska?" unterbrach er sie zusammeuzuckend. „Ja. Von Toska. — Sie hat gestern ihren Vater in die Erde gesenkt." „Ich hörte davon." Sein Blick irrte von ihr weg alt den Wänden des Zimmers entlang. Und dann kam es leise — zögernd: „Trägt sie schwer an dem Verlust?" „Wohl trägt sic schivcr daran," entgcgnetc Erdmuthe in einem Tone, als wäge sie jedes Wort. „Aber weit schwerer trägt sie an dem Unrecht, das Sie ihr angetan." „Ich?" „Ja, Sie!" nickte Erdmuthe in seine weitaufgerissenen Augen hinein. „Sie fühlt sich durch jenen Verdacht, den Sie sie durch Ihr Verhalten in Genappe nur allzudeutlich fühlen ließen, aufs äußerste entwürdigt und beschimpft." „Das — das hat sie Ihnen selbst gesagt?" Entsetzt starrte er sic an. i „Das hat sie inir selbst gesagt!" „Das kan», das darf nicht sein! Erdmuthe, beschimpfen wollte ich sie nicht! O mein Gott! Was hätte inir ferner gelegen! Aber sic hat recht. Wenn sie unschuldig ist--> dann . . .!" Fassungslos preßte er die Hände gegen die Schläfen. „Ah! Ich muß zu ihr — muß sie um Vergebung bitten —!" t „Wenn Sie nur vorgelassen tverden — —" „Sie m u ß mich annehmen! Ich werde mich zu ihr drängen! Ehrensache ist das jetzt für mich, ihr Abbitte zu leisten! — Gott! wie das wohltnt, ivieder glauben zu können! — So, ihr reines Bild im Herzen, werde ich die Trennung eher ertragen." Er war außer sich und ohne sich dessen bewußt zu werden, hatte er sein Herz von neuem der stumm aufhorchenden Frau seines toten Freundes erschlossen. Jäh und stürmisch ergriff er ihre Hand und zog sic an die Lippen. „Ich reite sofort zu ihr. Auch die tleinste Verzögerung wäre von Uebel." Er stürmte davon. Erdinuthe blieb allein. Ein feuchter seliger Glanz schimmerte in ihren Augen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen — das wehe und doch so wundervolle Lächeln eines Menschen, der entsagend, im Glück der anderen sich ein neues Leben ansbaut.-- Eine Stunde später sprang Otto vor dem eisernen Tore, das zu Toskas Behausung sührte, vom Pferd. Er hatte, ohne sich's selber einzugcstehen, ganz besonders sorgsältig Toilette gemacht. Ter Tschako mit den langherabhängenden schwarz- weißen Federn, das blaue bis zu den Hüften reichende Kollet mit den Goldknöpfen und den, kurzen Schößchen, der rote Kragen, die tuchenen Diensthosen saßen ihm vortrefflich. Ja sogar eine Schärpe — die )eine war ihm verloren gegangen — hatte der Schlverenöter aufzutreiben gewußt. Als der Portier öffnete und seine Frage, ob Madame zu Halls sei, bejahte, warf er dem ohne viel Federlesens die Zügel seines Rosses zil und eilte an ihm vorüber hinein in den Garten. Wie Heimathauch nmsingss ihn hier. Er sah sich plötzlich wieder, wie er, vor mehr als Jahresfrist, Frau von Eure am Arni, Toska zu ihrer Rechten schreitend, Mutter und Tochter hierher in ihr Heim zurückgebracht hattte, Ter Tust und Zauber dieser jungen Liebe mit all ihrer keuschen Süße stieg wieder in seinenr Herzen herauf. Tiefer und tiefer sank die Qual der letzten Monde darin unter: Im Vestibül begegnete er einer Jungfer. Er wolle Madame sprechen. Sie solle ihn melden, sagte er ihr. Seine Worte trugen mehr den Ton eines Befehls als den einer Bitte. 652 * DaS hübsche .Änd musterte den strammen Preußen verwundert, aber doch mit unverhohlenem Wohlgefallen inrol führte ihn, ohne irgend eine Einwendung zu machen, den! teppichbclegten Flur entlang nach dem Salon. Er folgte ihr auf dem Fuße. Nun öffnete sie die dunkle Eichentür, um ihn vom Flur her Eintreten zu lassen. Im nächsten Augenblick hatte st« aber, lacertenartig ins Zimmer schlüpfend, die Tür auch schon wieder hinter sich zngezogen. Er hörte drinnen eine,« leisen Aufschrei, das Flüchten leichter Fühe, schleifende Frauengewänder. Sein .Herzschlag sehte aus — doch schon halte die Jungfer wieder die Flügeltür vor ihm ansgeschlagen. Sein ganzes Wesen »»geduldigste, heiligste Erwartung, trat er ein. Und hier, zwischen den seinen alten Rokokomöbeln der gleiche berauschende, in süße Träume versenkende Drift! Nur intensiver noch als draußen im Garlen! Dort aus diesem Sessel nahe dem Schreibtisch hatte Toska gesessen — damals als er hier mit ihr und der blin- den Mutter kurz vor seiner Rückkehr nach Eonrcelles noch eine wonnige halbe Stunde verplaudert. Schweratmend trat er tiefer ins Zimmer hinein. Schweratmend stand er vor dem Sessel still. Toskas Bild mit all seinem süßen Zauber, mit all seiner Unschuld und Schöne wuchs und wuchs aus dieser Umgebung strahlend vor ihm heraus — ein Zittern befiel ihn, ein bitteres Schamgefühl. Diesem Mädchen, dieser Fra» hatte er eine unedle Handlungsweise zntranen können? In zorniger Wut gegen sich selbst driickte er die geballten Fäuste gegen die Auge». Da wurde die Tür geöffnet und wieder ins Schloß gedrückt Er fuhr empor. Ein paar Schritte vom Eingang stand Toska — nicht ein Wabngebilde seiner Phantasie! —i nein! Toska selber in all ihrem unbeschreiblichen Liebreiz und doch voll königlicher Würde. Ein Schauer, wie im Allerheiligsten, rann ihm durch alle Glieder. Er stürzte vor, sank in die Knie ulnv erfaßte ihre Hände. Toska, vergib mir! Vergib mir!" Sie neigte sich über ihn, mit fassungslos glückseligem Ausdruck in Miene und Geberde. „Otto — dir i — du kommst zu mir? Du, mißtraust mir nicht melir?" Da blickt er zu ihr aus. Mit überzeugender Liebesgewalt wirkte ihr ganzes Wesen auf ihn. „Vergib mir! Vergib mir," ries er, daß ich an der Lauterkeit deines Herzens bezweifelt! Jetzt fühl' ich's, jetzt weiß ich's — du — du konntest mich nichtz ans unreinen Beiveg- gründen verlassen!" Sie legte die feine Rechte aufs Herz, Auge senkte sich tief in Au-ge. „Otto — Gott ist mein Zeuge, >vas es mich gekostet hat, von dir zu gehen! Um — um — " ein dunkles Rot der .Scham überzog ihr Gesicht — „um Graf Tuboits willen geschah es nrcht! Aber ich fand keinen anderen Ausweg aus dem Labyrinthe! -- Heute weiß ich," — die warme Stimme senkte sich zu kaum verständlichem Flüstern — „daß ich's nicht hätte tun dürfen!" „Daß du's nicht hättest tun dürfen, Toska — ?" In hochgespanntester Erregung preßte er ihre Hände gegen sein wildklopfendes Herz. „Ich war dein Weib — dir hatte ich Treue geschworen." „Und dein Vater, Toska — und Napoleon?" „Otto — Napoleon starb meinem Herzen. Und mein Vater hat sterbend meine Liebe gesegnet." ,.O mein Gott!" Da brach's über rh» her wie ein feuriger Sturm. Aufspringend ritz er sie in seine Arme. Sie lag «ns seiner Brust mit seligem Lächeln. „O du! du!" Seine Küsse bedeckten immer von neuem ihre Lippen, ihre Wangen, ihre Angen. „Toska — Toska — mein bist du, — mein! Toska, hast du noch den Mut, mich tvieder zu verlassen?!" Da schlug sie die Angen, die schönen dunklen Stugen voll sonniger Glut zu ihm empor. „Otto! Wo du hingehst, da tvill auch ich hingehen. Dein Vaterland sei mein Vaterland —" „Toska! Heiliger Gott! Das sagst du--?!" „Meine Liebe sagt eS, Otto," erwiderte sie mit einem Lächeln süßester Verheißung. Und leise, in heiligem Bekennen fügte sie hinzu: „Wahre Liebe ist stärker als alles - wahre Liebe ist stärker als selbst der Tod!" Vermochte«. * Ein M anno der das Her» rechts hat. Ein« mmn* wissenschaftliche Merkwürdigkeit ersten Ranges ist tn Milwaukee iß den Bereinigten Staaten entdeckt worden. Ein Arzt, Dst. C. % Fortier, untersuchte zufällig einen Stewart des Schiffes ..Arizona , Jan Los, der vor kurzem mit seinem Schiff nach Mluvaickce gvl kommen war. Durch eine genaue Untersuchung und durch die Ausnahme von mehreren Rontgenphotographien stellt« der Arzt fest, daß sich das Herz, die Leber und zahlreiche ander« innere Organs von Los im Körper aus der entgegengesetzten Seit« befinden unß gerade umgekehrt im Körper liegen, wie es bei dem normale»! Menschen der Fall ist. Ter Magen hat eine völlig ander«''Atel-> lung als gewöhnlich, und die Spitze des Herzens liegt auf der äußersten rechten Seite. Los ist kein geborener Amerikaner, sondern am 10. Oktober 1892 in der Schweiz zur Welt gekommen. Er wurde Seemann iuü> kam 1910 auf einem Schiff nach Amerika, Die gewöhnliche Lage seiner inneren Organe soll schon von eineist Arzt in Lehden in .Holland sestgestellt worden sein. Das merkwürdige Naturwunder, das sich der besten Gesundheit erfreut, erregt in Anierika großes Aufsehen uns ist bereits mehreren gelehrten Gesellschaften vorgeftdllt worden. viichertisch. Den weihnachtlichen Sendungen, die jetzt wohl an allen Orten von Kirchengemeinden inrd größere» Verb lind eh, für die im Felde stehenden Krieger vorbereitet werben, wich man wohl überall gerne auch eine geistige Gabe beilegen wollen, die unseren Soldaten in weiter Ferne die Wcihnachtsbotschaft nah« bringt und für ihre besondere Lage deutet. Zn diesem Zweck ist vom ev. Preßverband für Württemberg ein Büchlein herans- gegeben loorden — betitelt „Ein Weihnachtsgruß für unsere Krieger" — das n. a. enthält: Ei» trästigeS religiöses Wort als Gruß aus der .Heimat. Weihnachten im Feld, Weihnachtsgeschichte, ein Soldatengebet sür Weihnachten. - Alitarbeiter ist xi. a. der frühere Direktor des Friedberger Predigerseminar», Professor 0. Wurster-Tübingen. Da? Büchlein ist geschmückt mit sinnige», tiefe» und deutschen Weihnachtsbildern. — Der Weihnachtsgruß, der handlich — zum Lesen in den Schützengräben — und mit möglichst widerstandsfähigem Umschlag ai>S- gestattet ist, kostet im Einzelbezug 25 Pfg. Bei größeren Bestellungen ist der Preis erheblich billiger. Das Büchlein ist zst beziehen durch den Ev. Preßverband für Württemberg in Stuttgart, Järberstraße 2. — Im gleichen Verlag sind auch bk» Kriegsflngblätter von Direktor Schöll-Friedberg er« sckiienen. Tieie ganz vortrefilichen Blätter können warm zuck erschienen: von den zuletzt erschienenen ist besonders wertvoll Verschienen: von den zuletzt erschienenen ist besonders wertvoll das Blatt Nr. 9 mit der Uebersckrift: Geiallen. Die Blatdeil kosten: 50 Exemplare 90 Pfg., 100 Exemplare 1,50 Mk., 500 Exemplare 6 Mk _ rlönigzpromenadt. Man dar! die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weil« miteinander verbinden, daß man — wie der König ank dem Schachbrett — fteis von einem Feld au» auf ein benachbartes übergeht ist keiner hoch erd» aus gestellt mir bei st«ht daß neben der ver achte wie gen da» selber ich ihm gibt leibst schla hoch will mich den sich jeder an ich wert ein selbst niich Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des magischen Quadrat» in voriger Jlutiimu:’ E|U L |e D K | E| R L | E I N E J R N J A Schrlftleltiing: 4kug. Goeh - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen tinlverßtäir-^uch- und Stetndruckeret, R. Lange, ließen.