Die hundert Tage. {Romnit alle- beut Jahre 1810 von M. v o >i Witten. (Nüchoruck m&t'tm.) (gurtKliititä) (irbnutUic iiiii vom Fenster fort, hinein in bcu Saal. Mit beflügeltem Schritt durchinah sic das spiegelblante Par fett des bellen Raume» von einem Ende bi» zum andern Blücher! Dieser greise, jugendliche Held, in dem bie seele de» ganzen deutschen Potte» mit alt ihrem gluhettden Frei heitsverianqen sich zu eiserner Tatkraft verdichtet zu haben schien! Und bei alter Heidengröße zeigte silti immer von neuem, in jedem Augenblick de» Lebens in Leid und Glück — seine .eble, vornehme Gesinnung, seine tiefe, reine Menfchlichreit Wie wohl halte er ihr heute wieder getan! Sfaitiit, bafi er vor Jssq die Ulanen verlassen und sich zu einem der anderen Lagerplätze de» Zieienschen Sorbe- begebe ti hatte, war der Unteroffizier Schneider vor den Oberst von Stntterheim befohlen worden, welcher ihm mitgeieilt, daß er, Schneider, zur Dienstleistung beim Stabe des Fürsten versetzt sei und sich sofort in das Hauptquartier nach St. Eloud zu begeben habe. Wie hatte Erdmmhens Franenjeele dein greisen Helden ssir diese Jarkheii der Empfindung Dank gewusst! Wäre sie ihrem Gefühle gefolgt, so iväre sie am liebsten sofort au» dcni Heere getreten. Aber ihr war, als dränge Ulrich» Seele in ihr, bis zmn letzten Augenblicke auszuhaltcn. Und so bedeutete Blüchers feinfühlige Anordnung eine groste Wohltat für sie. Gesprochen freilich halte sie den Feldherrn noch nicht. Als jje hier oben auf dem Schlosse eingctrossen, lvaren die Perhandlungen über die Uebergabe, zn denen Blücher auch den Herzog von Wellington hatte bitten lassen, bereits im.Gang. So harrte sie denn hier int Saale, wohin inan sie gewiesen, aus den Feldherrn. Harrte bis das groste Werk zum Abschluß gebracht fein würde. Und erschöpft von allen Erschütterungen der letztett Tage und Stunden, sank sie nun in einen der hochlehnigen, blaur seidenen Sessel am Kamin und deckle die Rechte über drtz Äugen. — Endlich weckte sie ein fester, sporenklirrendcr Schritt. Eine Stimme, voll von Herzenswärme zittertet „Mädel! Koniin in meine Arme!" Blücher stand mitten in dem kleinen Saale. Mit ansgebreiteten Armen. Und Erdmuthe flog ohne Besinnen, wie in die Arme eines Vaters, hinein. Die mitfühlende Liebe des Greises halte sie nun doch um ihre Fassung gebracht. Ein heimliches Weinen stieg aus ihrer Brnst herauf. Er lieh sse ein paar Augenblicke ruhig gewähren. Und wahrend sie, immer wieder ansschluchzend. das Gesicht an seiner Schulter verbarg, strich er ihr ein paarmal tröstend über das kurze'strohblonde Haar. „Kind, wenn du mühtest, wie inich's schmerzt", brachte er dabei mit halber Stimme über sie Lippen. „War ein prächtiger Uteri! Minute euch beiden so von Herzen euer Glück." Rockt einmal stiest sie das Scktluchzen. Tan» hob sie, gesastter, wenn auch noch mit Tranen in den Augen, das Haupt. „Seien Durchlaucht nicht böse — \" „Ach was Durchlaucht'" unterbrach er sic heftig, um seine Bewegung zu berdecken. „Für dich bin ich Baker Blücher!" .„'Seien Sie nicht böse, Vater Blücher, dast es so über mich kam! Grade Ihre Güte hat mich iveich werden lassen. Halten Sie mich nicht für klein." Sie ergriff mitcher ge- sitnden Rechten seine Hand. „Bei allem egoistischen Scknnerz bin ich ja so stolz, dast amf) ich ein Opfer bringen, vast ich ihn hingeben durfte," Bon neuem schossen ihr Trauen aus den Augen. Da neigte sie sich rasch »nd drückte einen Susti aus seine Hand. Er aber legte wie zum Scqeti die Linke auf ihr Haupt. „Bist ein tapfere» Menschenkind, Erdmuthe! Wußte »a» ja immer! Hm?" Er räusperte sich. „Und nun eine frohe Botschaft! Sie lvird dich beleben wie feuriger Wein. Paris ist mein. Tie französischen Truppen marschieren hinter die Loire und die Stadt wiro mir übergeben. In drei Tagen ziehen die unsrigen in Frantreichs Hauptstadt ein!" lieber Erdmnthens blasse» Gesicht ging ein Helles Rot der Freude. „Und das hat alles unser Marschali Vorwärts voll- bracht!" Ta ivnröe Blücher tiefernst. „Erdmuthe. ohne meine» eisernen Willen stünden wir nicht hier; der hat sich rastlos durch alte Hindernisse durch gebissen. Das ist nxchr. Aber ohne Gottes Segeti iväre alles mistlniigeii! Und vollbringen konnte icksts nur durch ineine Truppe». Offiziere und Mannschaften, sic baben sich mit einer unbeschreiblichen Tapferkeit, mit einer beispiellosen Ausdauer peschlagci, und den ungeheuren Strapazen diese» kurzen Feldzuges unterzogen. Ihnen verdanke ich, nächst unsres grosten Gottes Barmherzigkeit — meines lieben Gneiscnan Besonnenheit nicht zu vergessen! — alles! Einem jeden einzelnen von ihnen. Ein jeder hat wirklich außerordentliches geleistet. Auch dein Rittmeister. Auch du! Bringst ja da auch" — er wies auf den verbundenen Finger stumpf ihrer Linken — „so ein ehrenvolles Andenken mit nach Haus. — Aber mein Trost ist dert Tie Ueberlebenden werden die Früchte ihres Tuns genießen und die Toten - sie starben für der Menschheit größte Sachet für Freiheit und Vaterland!" Eine tiefe Beivegung vibrierte in Blüchers Stimme. Sie fand ein stolzes Echo in Erdmuthens Brust Einen Augenblick schwiegen sie beide. 642 — Dann sagte Blücher, indem er eine gestopfte kurze Pfeife ans der Innentasche seines Uniformrockes zog und sie entzündete: „Und Kind, was denkst du nun zu tun?" „Jetzt, da der Krieg zu Ende, möchte ich heim, fofcalb es geht." „Das dachte ich mir! Sehne inich! auch nach Haus! Habe das Morden ichon lange satt! Wieviel mehr du! — Sobald unser König kommt, kehre auch ich heim! Weißt du, Kind," er ließ sich paffend in einen der blauen Seidenstühle nieder, „das Beste ist, du bleibst bei meinem Stabe, bis wir in Paris eingezogen sind. Ta kannst du dir daun unauffällig alles besorgen, was so ein Frauenzimmer zu seiner Aus- riistung bedarf. Hast du Geld nötig, so brauchst du mir's nur zu sagen. Will's später schon wiederkriegen. Und dann reist du heim und bleibst in Berlin ein paar Tage bei meiner Frau! Einverstanden?!" „Pater Blücher, lute soll ich für so viel Sorgfalt danken?!" „Papperlapapp — Dank! Wie soll's der Blücher dem Gottfried Schneider danken, daß er bei Ligny die Landwehrretter herbeiholte und ihn vor schimpflicher Gefangenschaft bewahrte?" „Ich tat nur, was mein Herz mir befahl, was jeder andere an meiner Stelle gatau hätte!" „Und ich tue nur, was jeder Vater für seine Kinder! tun inuh! Verstanden?" Er erhob sich schwerfällig. „Zum Teufel noch nial!" wetterte er. „Die alten Knochen mucken noch immer! Mer das verdirbt mir die gute Laune noch lange nicht!" Er legte die Hand aus ihre Schulter. „Komin, Erdmuthe! Wir Ivollcn dem Gottfried Schneider ein hübsches Zimmer in diesem verwünscht schönen Schlößchen aus- sucheu! Weißt du wohl, daß es der Lieblingssitz des weiland Kaiser Napoleon war? Hier im Orangeriesaale hat er mit seinen Grenadieren am 18. Brumaire den Rat der Fünfhundert auseinander gejagt." — -- Erdmuthe wollte es sich eben in dem fraissarbeucir Rokokozimmer, das Blücher für sic ausgesucht, und dessen Fenster nach dem Parke hinausgingen, etwas bequem machen, als es klopfte und Premierleutnant von Jäger —• Otto war inzwischen avanciert — gemeldet wurde. Gleich darauf trat er selber ein, zog, dabei den Tschako auf einen Stuhl werfend, die Tür hinter sich z>l und! kam ihr auf dem spiegelblanken Parkett des graziösen Zimmers eilends entgegen. 1 „Erdmuthe!" Er ergriff ihre Rechte und blickte ihr mit heißem Schmerz in die Augen. „Erdmuthe! Vergebung! In diesem Augenblick kann ich keinen anderen Namen finden! 0 mein Gott! Wie tief einpfinden wir alle, die Ihr Geheimnis kennen und ehren, den schweren Verlust, der Sie betroffen. Wie tief traure ich mit Ihnen! Er ivar inein Freund! Mein bester, einziger Freund!" Erdmuthe vermochte das Weh, bas aus seinem Blick zu ihr sprach, nicht zu ertragen. Sie ivollte nicht noch einmal ihre Fassung verlieren. Ihre Hand ihm entziehend schloß sie die Augen. Ihre Nasenflügel zitterten und leise sagten die zuckenden Lippen: „Und dennoch haben Sic sich von ihm zurückgezogen, seit —" „Erdmuthe! Es war mir unmöglich zu reden. Es gibt Dinge, die sich nur durch Schweigen ertragen lassen," ries er in dumpfer Qual. „Wenn lvir an ihnen rühren, dann stürzen sie über uns zusammen und begraben uns unter ihren Trümmern. Und die mit, die aus Liebe zu uns, mit daran zu rühren wagten! O Gott! Ich wollte, Sie könnten mich verstehen." „Vielleicht!" sagte sie, ihm diskret ins Auge blickend, init tieferbarmendem Frauenlächeln. Von diesem Ausdruck erschüttert, öffnete sich ihr sei» bis vor kurzem noch so fest verschlossenes, durch den Tod des Freundes schon tief aufgewühltes Herz. Er ergriff von neuem ihre Hand — . „Erdmuthe! Ich habe ja so unsäglich gelitten! Wie leide ich noch! Nie lverdc ich's verwinden. Was ist ihr Leid gegen das meine!" In wilder todwchcr Hast stürzten ihm die Worte über die Lippen. „Ulrich ist tot — und er lebt Ihnen doch! Und ich! Wäre sie gestorben — ich wollte Gott dafür auf de» Knien danken!" „Herr von Jäger, Sic gehen zu weit!" verkvies ihn Erdmuthe mit schwerem Ernst. Dabei zog sie ihn, sich selber auf eins der seinen Goldstühlchen au der Wand niederlassend, neben sich in einen Fauteuil. Er ließ es geschehen, vergrub aber, sich abwendend das Gesicht in der Linken, indem er dabei mechanisch den Arm ans das längliche Nußbaumtischf, chen stützte, das unter einem Pseilerspiegel neben ihm stand. Sie aber fuhr fort. „Toska hat gefehlt. Ich will sie nicht in Schug nehme». Aber in dieser Weise den Stab über sie zu brechen — das ist im höchsten Maße ungerecht." Er fuhr herum. Aus seinen weitaufgerissenc» Augen loderte ihr eine wilde Qual entgegen. „Kein G.rnnd, wenn sic mich um einer Liebelei willen verließ?!" „Herr von Jäger, solch ein Verdacht erniedrigt Sie!" rief sie im tiefsten Herzen empört. „Toska konnte fehlgchen — wer weiß, waS sie selber dabei gelitten! — schlecht »var sie nicht!" „Wer sagt Ihnen das?" „Mein - " Erdmuthe wurde rot — „mein Frauen« gcfühl." „Ihr Frauengefühl?" Er lachte bitter. „Glauben Sic mir, eine Frau verkennt die andre nie!" „Ich habe Beweise!" „So sage ich Ihnen, daß ich eher an eine bösartige Intrige, als an eine solche Schuld Toskas glaube." „Wie?" unterbrach er sic heftig. „Wollen Sie auch dann noch aus Ihrer Ansicht beharren, wenn ich Ihnen sage, daß ..." und ivie ein lang zurückgcdämmtcr Bergstrom brach, es nun von seinen Lippen: wie auch er anfänglich darauf geschworen, daß Toska ihn nur im Zwiespalt ihrer einander befehdenden Gefühle verlassen: weil sie Napoleon vergöttert, weil ihr Vater ihr um ihrer Heimat willen geflucht — weil sic es nicht hatte ertragen können, Vater und Gatten aP Feinde in der Schlacht einander gegenüberstehen zu sehen, »nd er ihr die Bitte versagt habe, aus dem Heere zu scheiden. Wie aber dann kurz vor der Schlacht bei Ligntz der Gra! Duboit, dieser Ueberläufer, ihm einen Brief von Toska gebracht, ivie der sich mit seines Weibes Gunst gebriistct — f „Ach!" Otto schlug die Hände vor die Auge» in Scham und Schmerz. Ein trockenes Schluchzen rang sich aus seiner Brust, Stoßweise in blutcndcnl, wütendem Gram. „Armer Freund!" Erdmuthe erhob sich und leise zu ihin tretend, legte sie ihm tröstend die Rechte auf die Schüller. „Was dieser Gras schwätzt, das kommt doch gar nicht in Betracht. Einzig das, was in Toskas Brief gestanden!" Da warf er den Kopf empor. „Was in Toskas Briese gestanden? Ich habe doch den Bries nicht gelesen! Zerrissen habe ich ihn!" „Wie? Ist das möglich?" rtc^ Erdmuthe in edlem Unwillen von ihm zurücktreteud. „Sie kenne» den Inhalt nicht einmal und verurteilen Ihre Frau?" „Bah!" Seine Lippen zuckten verächtlich. Mit beinahe feindseliger Entrüstung blickte er Erdmuthe a». „Wenn sie mir den Brief durch einen Mann sendet, der mir mit geckenhafter Prahlerei entgegenhält, daß er es war, für den Toska einst bestimmt gewesen, — daß — daß sie ihn» bei seiner! Abreise Avancen gemacht — ! Tann weiß ich genug! lieber« genug!" lFortsctzung folgt.) Grenzseuer. Aus den Franzosentagcn im Elsaß. Bon Rens Schreiber. liebet dem ichwarzblauen Rotenbachcr Kopf, der »vie ein mächtiger Riegel das Miinstcrtal in den Südvogcsen gegen Frankreich absperrt, verglomm das Abendrot in lodernden Brände». Die ersten schweren Schatten schoben sich an die Höhen und ballten sich um die kleinen Dörfer, die vom bcrgfcrnen MNtlach dich gegen den Rhein das grüne Tal init ihren bunten .Häuschen besticken. Unzählige Herdenglocken-Gcläute aus den Matten und dann und ioauii der SchnsnchtSruf eines Alphorns ließen den Sommcrlag besonders srieosam erklingen. 1 Der deutsche Maler, der unter dem Gipset der- Kastenbergs sei» einsames Künstlerhaus hatte, trat noch einmal tu die offene Plau- dcrlaubc und spähte mit Hellem scharfen Blick hinaus in die stärker iverdendc Dämmerung. Ein fruchtbarer Arbeitstag lag hinter ihm. Sei» großes Vogesenbild, das er wochenlang tu der Seele getragen, ftmtb in de» Grundzügen fertig ans der Staffelei. Ms festem Äranitbkock ein junger Münstertäler Melker inmitten der weiten, freien Welt. Das Haupt und die nackten Arme sonnebestrahlt, die blauen alemannische» Augen in die Ferne gewendet, wo die lebten, mächtigsten 648 Berge des Hochlands sich tn duftigen Schleiern ain Horizont b«r- loren. Ein Werk sollte es werden, malerisch bis ins Kleinste oinein, und doch zugleich ein Symbol für die wuchtigste Größe des jBerglandes. Ami Frühnachmittag loar der Künstler plötzlich durch ein schrilles Glockenzeichen seines Haustelephons im emsigen Schaffen gestört worden. Aus einem der Münstcrtäler Städtchen verlangte Itian dringende Auskunst, ob aus der Kaminhöhe oben, die das Reich vom Welschland trennt, sich feindliche Patrouillen gezeigt hätten. Ter Maler hatte die Frage zunächst für einen Scherz gehalten. Was sollten mitten ritt Frieden wohl französische Truppen in unseren Bergen zu suchen haben? Tie Nachricht von der deutschen Mobilmachung war noch nicht in die Welteinsamkeit des Kastenbergs gedrungen, und deni sonstigen politischen Gezänk und Geplänkel in den Blättern hatte der Künstler, wie so oft, keine ernstere -Bedeutung beigemessen. „Halten Sie sich jedenfalls bereit," hatte die Stimme in» Telephon noch gesagt, „Sie werden heute abeich Besuch bekommen." Nun stand der Maler an der Brüstung seines kleinen Hauses u,ch heftete den Blick auf die Hochmatt, um die der Weg in scharfen .Kurven vonr Tal zur Kanimhöhe führte. Tort unten loar alles still. Nur die Tannen in keinem Berg- gärlchen orgelten ihr altes, dumpfes Lied, und aus den Kltppen- hängcn zur Linken pfiff ein Steinkauz deir Abend an. Mit einem Mal war es deni Einsamen auf seinem vorgeschobenen Posten, als ob auf dem Berggrat drüben sich geisterhafte Schatten bewegten. In dunklen, unbestimmten Massen stieg es auf und drängte von Westen her über den freien, vom Sternenlicht nur matt beleuchteten Kamm. Immer neue Geisterfchwadronen jauchten auf, und daztvischen klaitg es wie fernes Klappern zahl- : loser Hufe auf hartem Fels. i Ter Künstler schreckte zusammen. Während seine Blicke dem seltsamen Zug noch verwundert folgten, stand plötzlich — wie aus der Erde gewachsen — ein junger deutscher Offizier dicht j »eben ihm und legte grüßxnd die Hand an den Helm. } „Mir kommen offenbar zur rechten Zeit, um das Schauspiel dort drüben mit eigenen Augen zu sehe». Die Herrschaften haben es ziveiscllos eilig. Noch keine Kriegserklärung und docki schon Fein des besuch! Tie schönste Grenzverletzung, die man sich denken kann ..." „Tas ivären dort?..." „Natürlich Franzosen i Nicht etwa eine lunchige Fernpalronsile, sondern dicke, volle Regimenter — Chasseurs » cheval, Jnsanteric und Geschütze. .. sehen Sie nur..." Ain nahen Grcnzkanim, der vom Schluchtpaß gegen den Belchen läuft, hielt das gespenstige Treiben an. In schweren dunklen Wollen quoll eS empor, zog auf der Höhe hin und sank tn die Schallen der Nachbarberge zurück. Hunderte, Tausende mussten cs fein. Bon Frankreich rückten sie heran, wie di« Diebe l» der Nacht, unt ins Elsaß eimmbrechen. „Mit meinen zwölf Mann da unten an der Ferme kann ich natürlich nichts ausrichten. Wir habe» nur ieststellen wollen, was wir jetzt wissen. Nun wird es ernst! Die Kerle dort oben setzen sich feft: die werden durch keine diplomatische Note mehr hinaus- gesch missen." Ter Leutnant drückte abichiednehinend dein Maler die Hand: „Ich denke. Sie schließen Ihre Bude und bringen sich selbst in Sicherheit. Wer weiß, was inorgen kumnit..." Ter Künstler sah dein jungen, schlanken Menschen nach, der behend und leise über den Grasboden glitt uitd unten bei den Bnchenheckcn vcrschivand. Tann trat er in sein Haus, nahm den Revolver von der Waich »ich packte richig Bilder und Malzeug zusammen. Vieles, sehr vieles, was in all den Jahren einsamen Schaffens ihm lieb und wert geworden war, mußte er oben urücklasscn. Am nioisten schmerzte ihn das nnvollcicheie Bild, as der nassen Farben wegen nicht mitgenommen werden tonnte. lieber die wcißbereisten Matten des »astenbergs schritt ein preußisches Landwcbrbatnillon in den frühen, glashellen Sep- lcmberinorgen hinaus. Im Rheintal unten waren die schwercit Gefechte mit deutschen Siegen zu Ende gegangen. Nun galt cs, den frenchcn Eindringling ans den Vogesen zu werfen, in dessen Schluchten und Wäldern er hartnäckig standhielt. l Tie braven Landwehrlcute hatten Arbeit in Hülle u>ch Fülle. Kuppe Um Kuppe mußte stürmend genommen werde». Bon allen Seiten, sogar von den Bäume», wo die Chasseurs alprus sich sestgeschuallt hatten, prasselten die kleinen Geschosse wie .Hagelkörner auf die Bordringendcn, »ich zwischen hinein warfen die Schrapnells ihren Kugelsegen in die Lust. Toch es ging vorwärts, Schritt für Schritt. In den Mittcl- vogescn loar der Fcinv schon über die Grenze, und hier tut Süden hatte das tod- und verderbenbringende Ansränmen noch kein Ende. Als die Vorhut die Höhe des Kastenbergs erreicht hatte, waudte der Hauptmann der dritten Kompagnie sich an den neben ihm schreitenden Offizier: „Jetzt komincn wir wohl in Ihr Gelände, Herr Oberleutnant. Tort drüben steht dock Ihr Haus, wenn ich nicht irre." Die scharfen -Auge» beS Künstlers hätten die strohbedeckte Hütte längst entdeckt. Nach jener gespenstigen Sommernacht loar er trotz seiner Jahre fteiivilltg unter die Fahne getreten, um an den Bogesenkämpfen te-ilzunehmen. Jetzt kam er »t erstenmal wieder aus seinen Berg, wo er in stillen Friedensjahren der Kunst als ein einsam. Schassender auS vollein Herzen gedient hatte. „Znm Teufel, was ist das?,.." Ein häßlich heulender Ton schnitt durch die Lust, und gleich darauf Prasselle ein Schauer zerrissener Tannenäste aus das erste Glied der anrückenden Kolonne. Hauptmann und Offizier wußten sofort -Bescheid. „Erster Zug in Schützenlinie ansschwärmen , . . Marsch, marsch!" . . ." In wildem Lauf stob die Landlvehr auseinander und warf sich, Teckung suchend, ins reiffiasse Gras. Vom Grenzkamm drüben feuerte eine feindliche Batterie aus die anrückenden Deutschen. Ti« graubraunen Wölkchen der Schrapnells tanzten rot« Kinberschwänne durch den jungen Morgen und barsten dann krachend auseinander. Nun ivurde auch das gesckpvätzige Tack-Tack-Tack der Maschinengewehre und das fineube Pfeifen des JnfaiUeriefeuers lebeir- big. T-ie Kugeln gingen zu hoch und schlugen splitternd in Baum und -Busch-. Am Boden kviechcird, den kleinsten Block zur Teckung nehmend/ zog die deutsche Linie sich mehr und mehr in die Breite. Schon gab as Berivundete und Töte. Ter Maler führte di« Leute seines Zuges zum Wald zurück und strebte — von einer Gelände joelle gedeckt — tn flackern Bogen zu seinem Haus. Tritt kannte er jeden Fels und jeden Grabe». Bon dort ließ, der linke Flügel der seindltchen Infanterie sich besonders gut unter Feuer nehmen. Nock waren sie dreihundert Meter von der Hütte entfernt. BesttniMt und ruhig gab der Künstler seine Befehle. „Mir Deckung, Leiüe, und keinen Schutz, bis das Kommaitbo kommt." Tie Landwehr folgte in musterhafter Disziplin. Plötzlich dröhnte «tir dumpfer Schlag über die Borrückendm hin. Ein zweiter folgte, und dann ein dritter. Keine zehn Meter von dem Maler loirbelten Gras und Erbe empor. Ein klaffendes Loch, war in den Boden gerissen.. Drei Mann wälzten sich in ihrcnr Blut. Ter Feind ans deni Kamm hatte beit Schützcnzug beim Malerhaus entdeckt und warf Granaten gegen das sichtbare Ziel. „Vorwärts, Landlvehr, dort hinteit gibt's guten Schutz." Ein neues Dröhnen und Poltern folgte. Ein Donnern, als bräche der Tannenforst in Blitz und Wetter zusammen. „Tic Hütte... Herr Lberleutnant..." Der Künstler blickte hinüber. Das trauliche Strohdach war in Brand geschossen. In blut- roler Lohe schlugen die Flammen zum hellen Septcmberhirnimel. enipor. Ein zweiter Treffer riß die Ostwand in Stücke. Nun brannte das Haus — sein Haus, das er mit so viel Liebe und Fleiß errichtet hatte, — an allen Ecken und Enden!... „Borwärls, Ihr Leute, das solle» die Schufte uns bütz-en!" Bald lagen sie alle in fester Teckung und gaben bedachtsam Schuß auf Schuß ab. Tie anderen Kompagnien faßten de» Gegner beim Bühlkops in der Flanke an. ' Ein Donnern und Brausen war über dem Lands als wäre die Hölle lebendig geworden. „Mir zwingen es schon, Jungens, imr kaltes Blut." Das .Prismenglas vor den Augen, verfolgte der Künstler den Fortgang des schweren Gesechts. Ta sah er an, Waldrand hinter der eigenen Stellung ein deutsches Geschütz. Ein zweites wurde von unten herausgeschafft, dann noch ein drittes und viettes. Alle gedeckt durch steil ansteigende Matte, die den Feind am Beobachten hinderte. „Nun wird es recht, Leute! Paßt aus, wie die preußischen Kanoniere schießen!" Im nächsten Augenblick psiff die erste deutsche Granate gegen die feindliche Stellung. Tas Dröhnen und Donnern verdreisachte sich. Es war, als splitterten alle Bogesenknppen in Stücke. Immer leidenschaftlicher, immer erschütternder brauste das Lied der Schlacht über die Berge hin. Die Batterie ain Grenzkamm setzte aus. Nur das Kleingewehrfeuer von oben antwortete noch auf die donnernde Sprache der deutschen Geschütze. , „Vorwärts, marsch, marsch!" Auf allen Seiten drangen die Landwehrmänner itürmend vor Tie ersten feindlichen Gräben wurden genommen. In roten und blauen Wellen flutete es über die Grenze zurück. ' Leichen bedeckten die Matten, wo sonst die Herden ihre Glocken läuten ließen. Verwundete schlevvten sich mühsam gegen den Wald, oder sie lagen unter den schnell über sie geworfenen Zeltbahnen mit stillen, glänzenden Augen und warteten auf das Rote Kreuz. Auch den Künstler hatte der Tod hart gestreift. Ein Lungen schuß, nicht weit vom Herzen, hatte ihn bei seinem Hänschen ins niedergetretene Gras geworfen. Bon .Kaineraden sorgsam gebettet, ruhte er nun in seiner ver wüsteten Arbeitsstätte aus. Seme Blicke liefen hin und her. Alles verbrannt und zerstört! Die schweren ollen Möbel von seinen Künstlersahrtcn ein einziger Trümmerbanien! Die Betten und Decken verkohlt! Die fröhlichen Kleinigkeiten des Hausrats verschwunden unter Schutt imd Asche! Nanz oben ans der wüsten Niattc lagen die Resie eines Bildes. Ein Stückchen Bcrgland unter heißem Sommerhirnmel und der stopf eines' Mannes, der mit blauen alemannischen Angen in die Ferne sah. Sein Bild, das er nwchenlang in der Seele gerragcn und an dem er zuletzt gearbeitet hatte, ehe die Geiste, schwadronen über die Grenze ritten Dos mürbe wobt niemals wieder gemalt tverden können 1 Der Künstler vergrub den Mopf tiefer in das ausgeschichtete Gras. Bor seine dämmernde Seele trat ein anderes, größeres Bild: Das Bild eines weiten, freien Landes in breuuendeiu Herbst glänz, und darin das deutsche Volk, kämpseild und leidend, siegend uud auflwuend . . . Das sollte die nächste Ausgabe sein! vermischte«. * Das Blitze li der Blüten — d i e Lösung eines 1 5 (>j übrigen Rätsels. Bor rund lüO Jahren, im Jahre 1762, beobachtete Elisabeth Linnß, die Tochter des großen Natur- furscberS, daki die rotgelbeu Blätter der Kapuzinerkresse ab und zu „blitzten". Lange haben die Gelehrten darüber gestritten, lvie die seltsame, von vielen Forschern bestätigte -Erscheinung zustande käme, und durckl die neuesten llntersuchnngen darüber, die von A. Sckileiermacher (IstOd imd Friedrich ?i. Tlwnias ( 1914), ist das Rätsel endgültig gelöst. Ein Aussatz vou Tr. O. Damm im „Prometheus" (Verlag vou Otto Spamer in Leipzig» macht über dies Blumcurätsel und seine Lösung fesselnde Mitteilungen. Die Beobachtung geliugt nur in der Dämmerung, u. z. an lebhasl seuerroten Blüten, die sich von, grünen Blatthintergriind abheben und man kann sic künstlich mit buntem Papier uachahmeu: man nehme ein grüneres Stück kornblumrubtaues Pacher und ilrbe ein feuerrotes, möglichst glanzloses Stück Papier daran», das ctiuu l bis 4 Ouadrcttzeutimeter groß ist. Dann bewege mau das Blatt ick,mell hin und her, ohne daß der Blick dem Pacher folgt. Es entsteht ein deutliches Ausblitzen. Roch einiger Uebinig gelingt der Versuch auch bei ruhendem Objekt und wanden'.vern Blick »nd schließlich nimmt man das Aufleuchten auch ivahr, lvenn man den Blick nur gerade bis auf da-s rote Pacherstück und iticiil dorüvcr hinaus lenkt. Tie Gelehrten, die iit den, Blitzen der Blüren eine elektrische Erscheinung vermuten, sind nun durch Versuche endgültig tviderlegt worden» in der Nähe einer anfblitzenden Blicke zeigt ein empfindliches Elektrofkop keine» Ausschlag» es ist datier keine elektrische Erscheinung in der Art des St. Elmsfeuers. Es kommt überhaupt keine phvsikalrsckic Kraft in Frage, die das Blitzen her- »orrust, chelmehr ist die Erscheinung nicht objektiver, sondern fub- iektiver Natur und findet in der phvstolvgischen Optik ihre Erklärung. Der scheinbare Blitz, der von der Blüte oder dem Farbcn- papier auSgeht, hat in Wirklichkeit seinen Sitz im Auge des Beobachters und ist nichts anderes, als das Nachbild, das bei rnhendem Objekt und bewegtein Ange ebenso hinter dem heilen Objekt er- scheiill, wie wenn das Ailge ruht und der Gegenstand bewegt wird. Der Untergrund der Blumenblätter, die viele blaue Strahlen aus- lende», tvic das Papier bei dem kliustlicheu Bcrsnch — gibt ein Helles Nackwild: die Enipsindung seiner Helligkeit snmmiert sich mit der berecks vorhandenen Rotempsmdnng, und so kommt das plötztiche Anflenchtcn zustande. vücherlijch. — MteinzStirlings Abenteuer im Frieden und im Kriege. Etu Buch für die Fugend vou Fedvr v. Zobeltitz. Mi! Bildern von Fritz Schoeu. Verlag Ullstein L- Co., Berlin-Wien. 6 Mk. Mit der Vollkraft seines großen Erzähler talents schildert der bekannte Berscksser hier die Geschichte eineck jungen Menschen, den oigeirtiimliche bäusliche Berbällnisse auS der gewohnten Bahn heränsgeschltnidert und in eine abenteuerliche! Welt voll bunter Erlebnisse und mannigialtigcr Gcckahreu getrieben haben. Von der deutschen .Heimat, kommt der jugendliche Held nach Rußland und der Türkei, unten,im,nt mit einem türkischen Fliegerossizier eine» wilden, tollkühnen Flug über die Berge, Steppen und Wüsten Kleinasiens bis nach den, Anti- Ltbauon. Er gerät in Gesanqenschast,. befreit jid>, macht eine ein» stustreiche Bekanntschaft und finde! endlich einen Lebensberus: die drahtlose Telegraphie. So kommt ec nach Belgien, wird iir Lüttich vom Kriegsausbruch überrascht, entzieht fick, mit großer List imd Geistesgegenwart seiner Berhastuiig als Spion und erlebt den ruhmreichen Einzug der deutschen Trnvpen. Der tortreißende Schwung, der durch alle diese farbigen Bilder geht, hält das Inter- Esse und bte Spannung der Leser bis zum Schlüsse lvach. Es ist das Buch eines Dichters, der die Jugend liebt und weiß, lvas sie begeistert und fesselt. — K r i e g s n n in in e r 16 der „I l l u st r i e r t e n Zeitung" (Verlag I. I. Weber, Leipzig». Die vorliegende Nummer ist wieder von cinrr Fülle vorzüglichen und interessanten Bildee- matcrials in mustergültiger technischer Wiedergabe. Bon großer Unmittelbarkeit der Wirkung sind die Bilder des SondrrzeichnerS Professor Hans von Hahek, der n»S tmckende Szenen von den nwstlicheu Kriegsschauplätzen vor Augen sticht. O. I. Olvertz, der in der Front kämpfende Mitarbeiter der „Illustrierten Zeitung", ist mit vier kleineren Bleisttstzcichuungen vertreten, die deutsche Soldalcngräbe, bei Reims wiedergehen und in ihrer Schlichliwil voll erschütternder Tragik sind. Bon größeren Bildern seien uock» genannt: „Im Lazarettzug": „Deutsche Patrouillcnsahit im Auto- uwbil durch ein von Franzosen besetztes Dorf": „Deutsche Brücken wache an der Maas"» „Kampf der türtischen Tardanellensorts gegen -die vereinigte englische und französische Flotte" ustv. Bon gesunder,, Hnmor zeugt das prächtige dovvelieckige Bild Richard Aßmanns „Eine Erinnerung an den Fall vou Antwerpen". Sen, uttereifant sind ferner als hlegeustäcke zur deutschen bildlichen Kriegsberickjterstattnug drei Adbckdungen aus den englischen Zeit schritten „abe Sptierc" und „Jllnstratcd London Rems". Wie stets enthält die reichhaltige Rümmer ferner »ock, eine große Anzahl kleinere Ltreiibtllur von den verschiedenen Kriegsschauplätzen, sowie neben ansgezeiümeten Ausiützeu aus berufenen Federn eine chrdiwlogische Darstellung der kriegerischen Ereignisse der letzten Woche. _ Erlebtes und Erliticuc», Ertmupktes nrid Erstrittene». Wir rille» zi:!ai>„nc>, nach Soiscmourt Am frischen Morgen, halb sechs imc die Uhr, Und von den staubigen, troclencn Wegen Lachte «nS hell die Sonne entgegen. Uns lachte das. Herz uud mit leichtem Traben GingS durch den letzten Schützengraben. Dann weiter im Schrill ans das Dürft«» z», Dar stiedlich da lag in de- Morgens Rnh. Wir solllcn erkunden und enväheu. Ob die Feinde norl, dorlen in Stellung stehe». Als wir noch mitten im lieberlege», Krachte uns höllisches Feuer entaeqeu. Blei» Pierd sank zu Boden. Es streckte sich In den letzten Zügen und deckte nach Mit seinen, Leib vor dem kalten Eisen Der sräickijchen Büchjen. Ich kroch ans lecken, Vorsichtigen Sohlen die Straße zurück Und tras den Freund. Crn kurzes Strick Trug ihn sein Pierd noch, dam, sank er zur Erde. Ich sanö ihn, und mit loeher Gebärde Reicht er die Hand mir: „Du muß! mich stützen, Zwei Kugeln hob ich i», Beme hü«,." Ich hals ihn, sorl: mit Müh und Rot Eiitrannen wir glücklich de.»> bitteren Tod. Die Sonne lag lzell über Soiiemotut Ai» srühe» Dlorgen, und sechs >var die Uhr. Otto Neurath, raud. plul., z. Zt. in, Felde, kriegsfreiw. Drago»,er. Schach-Auistade. Bon E. LI. Schmidt. Auflösung in nächster Nummer. . Auflösung des Logogriphs in voriger Nummari Heini, Leim, Reim, Seim. e.chrsktleitmig: Llng. Goetz — Rotationsdruck und Verlag der Brnlck'iche» UniversttälS-Buch- »nd Sleindrnckerei. R. Lange. Gieße».