Die hundert Tage. Roman cmS dem Jahre 1815 von M. von Witten. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Wie ein großer Schiffbruch sieht die Straße aus. Mit unzähligen Geschützen, mit Pulverwagen, Fahrzeugen, Gewehren, Trümmern aller Art wie besäet. Gespenstig gleitet das Licht des Mondes darüber. Doch hängt der im nachtklaren Aether. Und da taucht auch schon die dunkle regellose Masse des flüchtenden Feindes auf Vor den Ulanen wälzt sie sich her — in kleineren und größeren Trupps, ohne jede Führung, Soldaten aller Gattungen zusammengedrängt. Eine entsetzliche Panik greift beim Anblick der Preußen unter den Geschlagenen um sich: wie aufgescheuchles Wild vor dem Jäger, sucht ein jeder, widerstandslos, sein Heil in toller Flucht. — Die elfte Stunde schlägt's vom nahen Glockenturme. Eben ist Napoleon mit ein paar Herren seines Stabes, Philipp von Eure an seiner Seite, in Geuappe eingeritten. Das Tor wird geschlossen, mit Wagen und Geschütz verbarrikadiert. Dumps dröhnen die Stöße und Hammerschläge durch die Nacht. Langsam, wie erleichtert aufatmend, reitet Napoleon mit Philipp von Eure voran; an der Wagenreihe entlang, die, sein Kriegsgepäck bergend, in der schmalen Straße aufgesah- ren ist. Das Auge des Kaisers hat etlvas von seiner starren Ber- »weislung verloren. Es ist, als spömien hinter seiner Stirn schon wieder tausend aufbaueirde Gedanken. Aber Philipp von Eure ist todbleich. Sein Gesicht ist verfallen. Mit größter Anstrengunig nur hält er sich ausrecht. Eine Kugel sitzt ihm im Leid. Eir stählt, wie seine KrästL schwinden. Aber noch muß er leben, er muß! Um seinen Abgott zu retten. Jetzt halten die beiden Reiter an Napoleons weitbauchi- gem Reiseivaaen. Mit sechs kostbaren Hengsten ist der bespannt. Napoleon schwingt sich vom Pferde >md wirft einem bereitstehenden Soldaten die Zügel zu. Dann tritt er zum Wagen. Er achtet es nicht, welch« unsägliche Mühe es dem General kostet, aus dem Sattel zu komnien. „Wie lange ist's noch bis zum Hause Ihres Bruders?" fragt er, ohne sich umzublicken, während die Ordonnanz ihm die Wagentür öfsnet. „Zehn Minuten, Sire, die Querstraße entlang gen Westen." „Nun wohlan!" Napoleon steigt ein. Er fällt in die Polster. Eine inüdc Handbewegung. „Setzen Die sich zu mir. Rasch! Rasch! Ich habe keine Ruhe —! Mit einer Ohnmacht kämpseno taumelt Philipp von Eure in den Wagen. Die Dür schließt sich. Me Pferde ziehen an, — fahren zu — Da! Welch ein höllischer Lärm? Schüsse krachen, Kartätschen donnern gegen das Stadttor — Napoleon sährt empor — der Hut fällt ihm vom Kopfe — „Die verdammten Preußen! Fort! Fort!" „Sire! Lassen Sie mich ihnen nicht in die Hände fallen! Nehmen Sie mich mit." In wilder Angst, vom Lieber geschüttelt. umtlammert Philipp von Eure seines Kaisers Arm. Der stößt ihn von sich — mit eiskaltem, bitterbösem Blick. „Was fällt Ihnen ein?" Dann ist er aus dem Wagen. Philipp von Eure will ihm nach, greift mit den Hände» in die leere Luft und fällt zu Boden, „Wo ist mein Pferd?! Mein Pferd!" dringt Napoleon- angstvolle Stimme noch an sein Ohr — in fern sterbende- Bewußtsein hinein. * Draußen vor dem verrammelten Tore hält Ulrich Erlen mit seiner Schwadron. Er hat sich vom Pferde geschwungen — die halbe Sck)wadron steht abgesessen. Da sprengt auch schon Gneisenau mit einigen anderen Stabsoffizieren und mit General Zielen heran. „Was gibt's hier?" rust Gneisenau atemlos. „Das Tor ist verbarrikadiert, Exzellenz. Aber ohne jede Bewachung," entgegnet Ulrich. „Die Franzosen müssen im Orte sein Hören Euer Exzellenz das Lärmen und Hastend' „Rasch! Rasch! Wir müssen hinein!" „Zu Befehl! Ich hatte eben schon begonnen, die Hindernisse aus dem Weg« räumen zu lassen." Mit fliegenden Händen geht es weiter ans Werk. Der Tumult, der aus dem Städtchen über die Mauer schallt, wird von dem Poltern und Krachen draußen übertönt. Bald sind alle aufgetürmten Hindernisse beseitigt — das Tor erbrochen — der Weg in die schmale lange Hauptstraße frei. Wie ausgestorbcn liegt sie im Licht des Mondes da. Kein Mensch mehr zu sehen. Nur die lange Wagenreihe zieht sich, wie ein dunkler Faden, die Straße entlang. Vorsichtig, das wachsame Auge überall, windet sich Ulrich an der Spitze seiner Schwadron die enge Passage zwischen Wagen und Häuserreihe entlang. Dicht hinter ihm Gottfried Schneider. Und zwischen die ersten Ulanen, die ihnen folgen, zwängt sich Otto von Jäger. Wild tobt das Mut in ihm. Die widersprechendsten Gesichle gären und quirlen in seiner Brust. Leidenschaftlich ist sie erfüllt von heiligem Feuer kriegerischen Dranges. Seine Seel« brennt vor Begierde, mitzuhelsen, seinen Todfeind in alle Ewigkeit unschädlich zu machen. Und doch schleichen sich auf diesem kurzen, erzwungen langsamen Ritt, — so wie versunkene Glocken aus Meerestiesen klängen, — traumhaft süße, traumhaft schmerzliche Gedanken an seine Seel« heran. Genappel Was bedeutet Geuappe seinem Herzen — seiner toten Liebe? Nichts! Nichts! Und doch! Hier in Geuappe hatte Toska geweilt, ehe er sie, die schon verloren Geglaubte, in Andenne wiedersah, hier in Genappe hatte sie nach dem Tode der Mutter bet dem 636 griesgrämigen Oheim eine zweite Heimat gefunden, bis sie Erdmuthens Einladung nach Scheugen folgte--. Es schüttelt ihn wie im Fieber. Damals! Damals und heut! Da weckt ihn ein Lachen. „Das Donnerwetter! Sicherlich das kaiserliche Gepäck!" Ulanen rnfen's. „Daß man Habt machen könnte! Man würde zum reichen Mann!" „Das gibt's jetzt nicht!" hört er Ulrichs ruhig befehlende Stimme. „Vorwärts heißt es! Wie's der Feldmarschall besohlen. Hier ist sogar ein Reisewagen. Gewiß der von Napoleon! — Leute, gebt's von Mund zu Münd zurück, damit es der General von Gneisenau erfahre!" Und ein Murmeln, ein Lachen und Frohlocken läuft die Ulanen entlang — Der Reisewagen Napoleons! Wahrhaftig! Jetzt hält auch Otto dicht neben der hochrädrigen, weitbauchigen Kutsche. Wenn Napoleon selber darinnen wäre! Sterbend — oder tot? Otto ist vom Pferde, ehe er den tollen Gedanken zu Ende gedacht. Mit der Linken die Zügel seines Hengstes haliend, reißt er mit der Rechten die Wagentür aus. Sein Herzschlag setzt aus — Da! Da liegt ein Menschenkörper am Boden. Die Uniform beschinutzt — blutverkrustet. Er läßt die Zügel seines Rosses fahren, schwingt sich aufs Trittbrett und in den Wagen — richtet den bleischweren Körper halb auf — Voll fällt nun das Mondlicht auf das geisterblciche Gesicht. Napoleon nicht —! Aber —! Otto läßt das dunkle Haupt fahren, als habe ihn eine Schlange gestochen. Unsanft taumelt es gegen die jenseitige Wagentür. Da öffnet es die Augen —I die wirre», schmerz- durchbebien, und doch so schönen Augen. „Nicht in die Hände der Preußen! Zu meinem Bruder! — Laß mich in Toskas Armen sterben", flehen die halb vertrockneten Lippen. Und noch ein herzzerwühlender Blick aus diesen Augen, in denen der Tod steht, aus diesen Augen, die — die an Toska erinnern. „Nun, Freund, was haben S i e denn für einen Fund getan?" rust eine Stimme. Gneisenau ist's. Da schießt Otto empor. Aus dem Wagen heraus. Er kann nicht anders. Er muß. Wie ein Fieber hat's ihn gepackt. „Da ist ein Sterbender, Herr General. Er stand mir nahe. Früher einmal. Er verlangt nach — den Seinen. Darf ich ihm diese letzte Bitte erfüllen? Das Haus seines Bruders muß etwa zehn Minuten von hier liegen." Gneisenaus Auge ruht durchdringend auf dem in heißem Flehen zu ihm erhobenen Antlitz Otto von Jägers, das der Mond beleuchtet. „Wer ist's?" „Philipp von Eure. Ein Oberst oder General der Garde." Gneisenau ist abgestiegen. Er wirft einen Blick in den Wagen und aus den Halbtoten. „Unmenschen wollen wir nicht sein. Wenn Ihnen daran liegt — erfüllen Sie seine Bitte." Wenige Minuten später ritt Otto in Begleitung zweier Ulanen, die auf einer rasch zusammengestellten Bahre den französischen Offizier trugen, die Fortsetzung der Querstraße entlang, die nördlich der Dyle gen Westen sührte. Mit eigentümlicher Klarheit war die Schilderung Toskas, die sie einst in Schengen von der Lage und dem Besitztum ihres Oheims gegeben, in Otto wieder lebendig geworden. Es war ihm beinahe, als sei er selber schon dort gewesen, so klar stand das Bild vor seiner Seele. Je weiter man kam, umso stiller ward es. Alle Verwüstung des Krieges hörte auf. Der Landweg zog sich jetzt »wischen hohen Getreidefeldern dahin, die in einem sanften Winde leise wogten und rauschten. Vom Turme von Genappe schlug es die zwölfte Stunde. Otto sah und hörte nichts davon. Sein Herz schlug wild. Umso wilder, je näher er dem «nwesen kam, dessen Schieferdach, vom Mondlichl beglänzt, schon am Ende des Weges aufleuchiere. Philipp von Eure hatte nach Toska verlangt — sollte «r sie dort wiedersinden? Nur das nicht! Nur ihr nicht noch einmal unter dis Augen treten! Nur diese Qual nicht noch einmal durchr- machen! Am liebsten wäre er zurückgeblieben — hätte die Ulanen «Nein mit ihrer Bürde forlgeschickt. Und doch ritt er weiter. Ja, er spornte sein Pferd sogai zu einer rascheren Gangart an. Sic kann ja nicht dort sein! redete er sich vor. Heut« mittag war sie in Frischermont. Heule mittag! Ewigkeiten schien's ihm her. Und w-»cmm kann sie nicht dort sein? hohnlachte sein wacher Verstanv. Der direkte Weg von Belle-Alliance bis Genapp beträgt sechs Kilometer. Und wenn sie selbst einen weilen Bogen gemacht haben würde, um an den Truppen und binter dem französischen Heere sortzukoinmen, so würde ihr Rückweg vielleicht das doppelte, vielleicht auch das dreifache betragen. Aber selbst dann! Selbst dann war es nicht ausgeschlossen, daß er sie im Hause ihres Onkels finden könnte. Schweiß brach ihm aus allen Poren. Der Atem ging ihm keuchend vom Munde. Er lüstet den Tschako, biß die Zähne aufeinander: Tor, der er war! Was sollte sie dort in dem einsamen Hause?! Sie hatte ja auskundschaflen wollen. Spionieren — verraten! Da muß man sich hinein ins wil- deste Getümmel stürzen. Gewiß! Wie der Vater stand sie irgendwie mit Napoleon in Verbindung — entfloh vielleicht in einer seiner Equipagen. Oder — oder — hatte sie nur für jenen Grafen, für ihren Galan spioniert, um rechtzeitig genug zu erfahren, wen« von beiden, Napoleon oder. Ludwig XVIII., ihrer beider Anhängerschaft sich zuzuwenden habe? Wiußle Gras Duboit vielleicht gar, daß er sie in Ge- nappe finden würde? Ein gallebitterer Geschmack trat Otto auf die Zunge. Ein Sporendruck — das Pferd sauste mit ihm davon. Jetzt hielt er vor dem behäbigen Gehöft. Eine lange, festgefügte Mauer, in deren Mitte eine eiserne Flügeltür in den Angeln hing, schützte es gegen die Straße. Hinter der Türe führte ein kurzer Baumgang durch einen Blumengarten geradewegs aus das altvaterische, einstöckige Gutshaus zu, in dessen Rücken rechts und links ein paar Wirtschaftsgebäude lagen. Otto erfaßte das alles mit einem Mick. Wie war das alles genau so, wie er es sich nach Toskas Beschreibung vorgestellt hatte! Totenstille herrschte in Haus und Hof und Garte». Gewiß! Sie war nicht hier! Er atmete aus — und doch war seine Seele plötzlich von einer tiefen Traurigkeit befallen. Er zog die Klingel. Der blecherne Klang verwehte in der Stille der Nacht. Da regte es sich im Baumgang. Als ob ein Schatte» sich erhöbe. Eine Stimme fragte: „Wer ist da?" Otto durchfuhr's wie ein Dolchstoß. Diese Stimme! Diese weiche, süße, verführerische Stimme, die aus dem Himmel stammen mußte und doch in die Hölle führte! Da war sie nun doch — — ! Er biß die Zähne ineinander — kniff die Augenlider kramvshaft zusammen — Und noch einmal fragte es: „Wer ist da?" Er riß sich zusammen. „Ich bin es! Oefsne!" Hart wie klingender Stahl spran- gcnd die Worte. Ich bringe deinen Barer. Sterbend." Ein leiser, klagender Schrei — ein Huschen über den kiesbestreuten Weg — ein Schlüssel knarrte — die Torflügel slogen aus: Mann und Weib blickten einander sekundenlang ties in die Augen. „Du — ? Du — ?" brachte sie endlich stammelnd heraus. Weiter kam sie nicht. „Ja — ich! Mich hättest du hier wohl zu allerletzt erwartet!" hohnlachte er. „Aber auch ich dürfte vielleicht erstaunt sein, dich hier wiederzusinden. Heut mittag als Landmädchen in Frischermont — heul nacht in Genappe als vornehme Dame?! Alle Achtung vor solcher Verwandlungsfähigkeit." .... ‘ Sein Ton überschüttete sie ivie mit giftiger Lauge. Da waren die Ulanen heran. Toska rührte sich nicht von der Stelle. In ihrem lanM- herabsließenden Gewände stand sie wie versteint. Mit den großen jammerstarren Augen einer Niobe. Ein Wink von Otto. Ein kurzer Befehl: „Tragt den Herrn General hinein in das Haus. Madame wird mit euch gehen, um euch anzuweisen, wo ihr ihn hinbetten sollt." [Qortfctuna folgt.) 627 Warnung. Cflijt aus Ostvreußen. Bon L. Malten. Der Gutsherr von Holterwtttschen half seiner Frau aus dem Dattel, während ein junger Stallknecht seinen Trakehner Hengst in den Rotzgatten führte. er. Werner selbst holte sttncn besten Wein aus dem Keller, während ttn grübelnder Kovf sann — — — was wollten die? War es möglich, daß Rußland uns den Ktteg erklärt . . . Sttn Herz schlug hart, aber er nahm seinen Mannesmut zusammen. Wenn es galt, mußte er auch hinaus vor die Front, womöglich, und wenn schon, dann auch gerade vor den Feind. Die Tafel glänzte von Silber und Kristall und war besetzt mit dem Auserlesensten, was das reiche Haus des Domänenpächters zu bitten hatte Annemarie schaltete selbst mit in der Küche, die Mamsell schüttelte den Kops über die gnädige Frau, der heute nichts sttn und gut genug war. Und dann saßen sie beisammen. Annemarie so bleich wie die klackernden Kerzen in den silbernen Armleuchtern. Die Männer rauchten und als der älteste Osiizier. ttn Rittmeister, die Zigarttte in die Sllchenschale warf, erhoben sic sich wie aus ein gegebenes Zeichen ..Wir hassen aut zu schlafen btt Ihnen, Herr Skorra," sagte der Rsitmtttter bedttitfam. aber verbindlich. „So sicher, wie ein Freund unter ttnes deutschen Mannes Doch nur ruhen kann," entgegnete der Domänenpächter mit ruhigem Ernst. „Wir sind in Ihrer Hut . . . Herr Rittmttster," sagte Annematte mit ttner Ssimme, durch die ttn kaum wahrnehmbares Zittern flog Der Ofsi'ier vernttgte sich tttt. „Wir sind Ulanen, gnädige Ara» . ., wir sind kttne Kosaken . ." Mit ttner Geberde des Stoli-s hegltttete btt Russe sttne Worte. Skorra nahm ttnen der Leuchter von der Tafel und geltttet« die Drtt In das obere Stockwerk, wo die kkremdenzimmer lagen, »on denen zwtt Verbindungstür hatten, während das dtttte gegenüber lag „Diese beiden Zimmer genügen uns" bestimmt« der Ritt- wttster. . wir benstnen diesen beauemen Divan." Ein Lächeln huschte über des deutschen Mannes Livven. während er die Worte kttner lTrau wiederholt«' ..Wir sind in gtrer Hut..." Man ve-beuate sich und schied Atewl"s wattttid stand Annematte inmitten des groben Svttf«- saas». als ibr Mann wieder hereintrat Er langte nach sttner Mütze »ild wollte hinaus, sie trat ihm in den Weg. „Bleib hier . . ,-Jch will den Hund an die Kette legen, Annematte, daH « kein Unheil anrichtet." „Bleib', der Ruschkat tat's, ich befahl's ihm... bltth'... draußen wachen zwei." sie zog ihn zum Fenster. „Donnerwttter!" i Draußen gingen zwei Wachtposten aus und ab. Ter Mann, den, die Empörung hoch stieg, daß man ihn gttangen hielt, wollte sich losreißen. Sicher vor den Hellen, angst» ettüllten Äugen sttnes Weibes machte sttn Stolz Halt. Im Morgendämmern tttt die russische Patrouille daoon.. Ohne Abschied. Tie folgenden Tage Verliesen ruhig, und seitdem die Kinder in Königsberg waren, wurde Annemarie wieder säst so sorglos wie vorher. Nur, daß das Korn herttnkam, trieb sie, als fühlte sie di« nahende Gefahr wie etwas Unbestimmtes., * Und sie kam ... „Order, Frau, ich mutz in drtt Stunden sott." „Werner!" „Ruhe, Kind. . . Du bist doch stark!" Sie blickten sich stumm in die Augeit. Sie nickte. „Ter Ruschkat und Wilkowski wissen Bescheid. Gib ihnen Vieh und Pferde, Wagen, Lebensmittel, war sie nur berge» können, sie sollen fliehen." „Unsere guten, braven Leut« ... I" Heiß stürzten Annemarie die Tränen hervor. „Und das Vieh verhungern, die armen Tiere." „Alle Siolltüren ausheben lassen, daß es hinaus kann und Futter finden . . ." bestimmte der Mann. Aus der Fahrt znm Regiment gab der Gutsherr dem Inspektor weitere Weisungen. „Und bringen Sie meine Frau in Sicherheit, Wukowski." Wie ttne Lawine stürzten sie übers Land. Witkowssi hatte sie gesehen. Wie ttn Gttagter kam er in der Nacht zurück. „Russen überall — gnädige Frau — Sie müssen sott. . Aber Anneniatte zögen e noch immer. Nur die Leute ttteb sie an und hals ihnen einpacken. was Küche und Keller hergab. All ihre Haussrauenschätze an Fleisch und Konserven, Vorräten an Wttn und Svitttuosen, was sie hatte, gab sie hin . . . aber si« blieb. Ihr Herz konnte dem Fuß nicht folgen, den sie zögernd hob. Die Leute wollten nicht fort und sie allein lassen. Si« ttteb sie mit nie gehätten harten Worten sott. Sie schrie: „Wollt Ihr Euch morden lassen?" Und sie zogen hinaus in unbestimmte Ziel«.. . Wieder stand der Inspektor vor ihr. „Gnädige Frau, morgen früh mutz ich sott, meine Order ist hier, kein Mann bleibt Ihnen." „Was sollen sie mir denn — tun — einer — Frau — " stammelte sie und in ihren Ohren klang ttne fremde Stimme,-, „Wir sind Ulanen... wir sind kttne Kosaken..." Sie schauderte. Nacht... sFn den Ställen tttz das Vieh an den Ketten. Annematte Hütte den Inspektor, wie er die Tiere loslöste. Sie lag angcklttdet im Lehnstuhl ihres Mannes, als die Tür ausge- ttssen wurde. Ihr Mädchen, das sie nicht verlassen wollte, stürzt« herein. „Gnädig« Frau, die Russen... es brennt... an allen Ecken brennts!" Sie stürzten hinaus und standen inmitten ttner Feucrlohc. Trüben über den Wiesen zogen die Flüchtenden. Annematte erfaßte des Mädchens Hand. Sie litten. Nichts mit sich nehmend, als was sie ans dem Lttbe trugen. Von allen Seiten kamen sie aus den brennenden Gehöften heraus. Männer, Frauen und Kinder, und hinter ihnen stürzten prasselnd die stolzen Scheunen mit dem reichen Vorrat tn glühend« Trümmer. Schluchzen und Schrtten hallte über da« sonst so lachende Land. .. < Mit znsammengepretzten Lippen, die Hellen Augen voll starren Entsetzens stand Annematte Skorra vor der kleinen Bahnstation zw scheu wimmernden Frauen und Kindern, z»oi!chen stumpf dretn- btickenden Männern. Am Himmel hing der Mond gelbrot und beleuchtete i h r maisgoldenes Haar, das losgelöst um ihre blassen Wangen hing. Sprach ttner neben ihr...? Sie hörte deutlich ttne Stimme:... Wir sind keine Kosaken... Der Krieg im alten deutschen Sprichwort. Daß der Krieg, dem wir erst kürzlich mst ovferwilliger Ent- schtosienbeit den ersten Milliardenzuschuß bertttstellten, gehöttg Geld fordert, wußten auch unsere Altvordern schon. Denn s!« meinen: „Ter ktteg zum anfang fordert gelt, und der zum fort- gang aber gelt, und zum außwatten tttel gelt!" Ferner: „Der Krieg ist ttn Faß ohne Boden", und: „Detz kttcqs und bawens haubtadern sind gelt: wo die verbluten, so sie»gl kein Fahn mehr und krähet kein Han mehr auff der zelt". Ein latunrg Berslein aber bemerkt: „Kttegsknecht und Bäckettchwein wollen sttt« ge- süttett sttn!" Ten „kaufmännischen Hintergrund" des Politlsch» divlomatischen Sviels lval. die Herren Engländern kennt schon das alt« Svttchwort: „Krieg kompt vom wöttletn mttn und dein", Tic Vorzüge des Angrisisvettahrens, von dem unter« Deere besonders in Belgien und Frankreich so glänzende Droben abgelegt haben, ettäutert da« Volkswott: Ktteg till» bester, stm Pferd an des Feindes Zaun zu binden, als an sttnen eygeuen « Dem Großen Generalstab schttnt folgender Satz sttn: „Ktteg verlangt viel bände, aber nur einen Kops'. UiM auch solche Warnungen könnten ihm dienen, wt«: „Es gilt vt 628 Irieflen nti Wirail übersehen" (b. h. dt- erst« strategische Dumm» S nmg noch htngehen, aber vor einer -werten soll man sich ja m); fern«: „Im krieg sind alle sack verloren, wenn da turnen sind zween tHoren". Eine Art „Kriegsphilosophic" enthalten Sprichwörter wie: „Ter beste Krieg ist eine goldene An-cl (d h. et trägt selten soviel ein. als « kostet), „Der Krieg bringt manchem Glück, ab« nicht jeder kommt zurück", „Der Krieg ist den vnersahrenen ein sütz ding". „Krieg ist ein ungewiß ding" „Im krieg regirct mehr die notb, als die v«nunfft". Schließlich auch.die einfältig erscheinenden, aber nichtsdestoweniger Ncfjrnnigen Worte: „Gm Krieg macht den andern". Ergötzliche Proben drastischen Bolkshumors bieten Aussprüche wie- „Ter Krieg hilfst manchem aus die deine, daß auh einem Reuter «in sußgeng« wird", „Das ist ein krieg schimpsslich und wild, wo ein esel den andern schilt", „Der Krieg macht die Diebe, und d« Friede hängt sie aus". Es versteht sich, besonders im aberaläubijchen Mittelalt«, daß der Gottseibeiuns eine wichtige Rolle in den Zeitläuften spielt, m denen es d« Tugenden nicht allzuviel«, der Laster und Freveltaten aber die Menge gibt. Ta heißt's denn mit Humor: „Gibt's Krieg, so macht d« Tüsel d' Höll witer" oder: „Wenn krieg ansengt, so Muß der teuffei die Hell »mb hundert tausend klafft« weiter machen". Ter gesetz- und rechtlose Zustand während der Kriegszeit, den das deutsche Volk vor allem während des dreißigjährigen Krieges in erschreckendem Maße kennen lernte, spiegelt sich in Dutzenden, mehr od« minder pessimistischen Aussprüchen wieder, die in jenem Zeitalt« geprägt worden sind und sich in einigen Gauen uns«es Vaterlandes bis aus den heutigen Tag erhalten haben. So hören wir: „Beym krieg ist alle- erlaubt", „Im krieg schweigt gesetz und recht, es gilt he« wie d« knecht", „Der K«eg v«d«bt Land und Leute, w« lebt, dem bleibt die beste Beut". Aehnliche resignierte Stimmung lebt in den Volksworten: „Ter Krieg feucht wohl, stirbt ab« nicht", „Ter krieg gehet allein üb« armen Leute Beutel", ..Der Krieg, wie er sich auch wendt, so nimpt er doch mit Schab' ein End'". Wie Krieg, Sieg und Friede zueinander stehen od« stehen sollen, sagen uns viele urwüchsige Volksworte, z. B.: „Bluttgcr Krieg lwingt schönen Sieg", „Besser ein sröhlicher Krieg, als ein schlecht« Friede": ein Satz, der an das russische Sprichwort erinnert: „Ganz« Krieg ist best«, als halber Friede": schließlich: „Beim Kriege ist'- zu Ende am besten" und — echt deutsch I — „Des Krieges löblich End' ist, dem Feind verzeihen". Dein Soldaten ab« ruft man tu: „Im Kriege soll man thatenl", „Im Krieg sieht man aus den Wicht, nicht aufs Gesicht!", „Redlich« Kricgsleut fürchten ihren Haublmann mehr dann den sctnb": und «in uralt« kräitigtt Spruch meint: „Inn kriegen ist allevn Hoffart ein ehr': wer sich da am höchsten ausbrüst und hin für bricht, der ist d« best". Auch der Feigling und Aiaulheld wird mit einer Sentenz bedacht. Bon ihn heißt'-: „Es ist gut kriegen hinder dem Osse»!". „Der weiß nicht in den Krieg ziehen, d« sich vorm Schief«» fürchtet". Wollen wir zum DÄuß ein Sprichwort haben, das sozulageu aus de» gegenwärtigen, uns mit so schändlichen Mitteln und unter so nichtigen Vorwänden ausgezwungenen Feldzug gemünzt ist, so rufen wir wie uns«e Altvorderen den Feinden zu: „Die krieg ohn iwth ansangen, werden geschlagen!" vermischte». *Panzertürme aus Segeltuch. Ter Oberst Welles- ley, ein Engländ«, d« als Militärattache in Krieg und Frieden die Russen kennengelernt hatte, erzählt in seinen Erinnerungen ergötzliche Geschichten von der Korruption russischer Beamten. Da ist z. B. die Erzählung, auf wie geniale Weise das berühmte Panzerschiss „Pet« d« Große" armiert und kriegStüchtig gemacht wurde. — P« Vertreter des Marineministers war beauftragt worden, dem Zaren Al«ander II. über den Fortschritt des Baues persönlich Bericht abzustatten. T« Mann tvar nicht gewohnt, mit dem Herrsch« zu v«kehren, und v«lor gänzlich den Kops, als dieser plötzlich die Frage an ihn richtete, welche Fortschritte man in der Fertigstellung des Schisses gemacht habe. In seiner Kopflosigkeit antwortete der Beamte, daß das Schiss in drei Wochen seetüchtig sein werde. Hoch«freut üb« diese Mitteilung, bemerkte der Zar, daß er binnen kurzem das Schiff in Kronstadt besichtigen werde. Nun wm: ab« das Fahrzeug von der Seetüchtig keil so weit entfernt, daß es noch in den Docks lag und die in England bestellte» Panzerplatten noch nicht abgeliefert waren. Aber der Kaiser hatte seinen Besuch angesagt und alle nötige Arbeit an Bord des Schiffes wurde daraufhin eingestellt. Hunderte von Arbeitern wurden Tag und .lacht mrt dem Bau von Kabinen beschäftigt: das Fahrzeug wurde mit d« hölzernen Nachbildung eines Panzers bedeckt, und hölzerne Lurme usw wurden «richtet Als der Herzog von Edinbnrg nach OstrrüW-u^l.^ Verwandten zu besuchen, «zählte ihm «w ?■ J* 1 ',Schichte von den, hölzernen Panzerschi,s: Sr,™ l4e motIte niä)t daran glauben. Bei der ^"ung d« Kriegsflotte hatte jedoch der Zweifler Ge- L?&rMn'h^hrirt n frf ber Zäheit *“ überzeugen. Ta der Herzog selbst in d« britischen Marine gedient und Admiralsrang hatte. omchte der russische Seeoffizier, dem « den Wunsch mrtbrfltft», den „Peter den Großen" zu besichtigen, Schwierigkeiten. D« Za, jedoch, d« seinem Schwiegersohn eine Freude bereiten wollte, lieft sofort ein Boot in Wasser setzen und den britischen Herzog an Bord des „Pet« des Großen" rud«n. Nach der Flottcnschau erzählte der Herzog dem Obersten, daß man sich in Bezug aus di» Türme geirrt hätte: sie seien nicht aus Hotz, sondern--aus Segeltuch: denn « habe die Hand aus einen Turm gelegt, d« unte, dem Druck nachgab. — Hoffen wir, daß auch die russische Flott» im Schwarzen Me«, die jetzt in Astion treten will, aus Holz unü Leinewand besteh«. Das bin nicht i ch, d a s i st D e W e t." Tie Erinn«- rungen an den Burenkrieg sind wieder erwacht und di« Anekdolen, die sich um die Gestalten der berühmten Burewührer gebildet habe», leben von neuen, aus. Etwas ganz besonders Hübsches erzählt man sich da von dem viel bewunderteu General De Wet, de, einst den folgenden guten Witz geniacht ha en soll. Ein deulsch«, Kriegsietlnehmer gibt das Grschtchtchen tn seinen Tagebuch» blältern wieder: .vor der Schlacht bei Bethlehem hatte Ehrlnia» De Wel eine stienge Bestrafnng deSsenige» F-ldkornettS in Aussicht gestellt, der seine Stellung verlasse. Trotzdem tat dies derjenige Feldkonielt, der mit leinen, Kommando das Platlooje zu verteidigeil haue. „Olim Christian' lägt ihn nach der S.i lacht zu sich tonlnien und haut ihn mit der Peitsche unter den Wo ten l .Ich muß das tun, es ist mir leid. Aber das bin »,chl ich, der Euch schlägt, das ist — de wet (de wet heißt: das Gesetz) I* Ob dieses Wort viel »un zulällig entstand oder bewußt gebildet wurdlz ausgezeichnet ist es aus jeden Fall. vüchertisch. — Clara Vieblg: Heimat. Novellen. — Verlag von Eaon Fleisches & Co., Berlin W. - Preis Alk. 3.—. Der Pölke» fiteq, der ei» Kampf der germanischen Kultur gegen alle dl« Völker ist, deren Literatur Jahrzehnte hindurch ln überwältigende, Weise die Produktion »userer Dichter beeiusiußte, hat mit einem Schlage all das kür das deutsche Volk unerheblich werden lasten, was nnier dielen Einsinsten entstanden ist. N»r der Ton wird noch gestört, der echt dentsch, aus deutscher Seele, aus deutscher Pateilaudsltebe geboren eiflinqt. Mit Recht dar> man sagen, daß unter den Dichter,!, die »lenialS ihr urdenlsches Empstnden verleugnet baden, Clara Viebiq eine hervorragende Stelle einntmmt. Auch tstr neuer Novellenband, der den schlichten und doch so teuren Titel: .Heimat" flitz,l ist ein beredte« Zeugnis für ihr llele« Verstehen deutschen Empfindens und denlsche» Denkens. Obne Sentimentalität. mit technischer Meiste,schall sind diel» kleinen Er- zästlungen voll volkstümlicher Poesie auS dem Leben der geilifg Arinen geschaffen: es sind Ttchtungen aus der großen Masse de» bäuerlichen Volkes, da« an Leib und Lebe», an Hab und Gut di« schwersten Opker in diesem Kriege bringt. Solche Erzählungen w«den, so schlicht und io still ihre Sprache heule klingt, doch in d«,n lauten Getümmel des Krieges gehört werden, denn sie wenden sich an die Herzen. Und wenn auch um d,e Weik»acht»,ell. ivt, f u lürchien ist, die rauhe» Stiuimen d« Schlachten noch nicht chwetaen, werden gewiß viel« dlele einfachen, ergrellenden Dichtungen als eine willkommene Gabe empfangen, die von Herzen kommt imd zu Herzen gebt. — Schwarzivaldkalender 1916. Im Tiefdruch- verfastrcn ellt: der Schivarzwald-Kaleuderl Schwarzivaldlandschafi«» in Frühlings» prach!, un Sommerglanz oder ziir Winterszeit; Bilder aus dem Lebe» und Treiben seiner Bewostu«, enthüllen sich u fern, Auge mii solcher Deutlichkeit der Wtederaab« genau nach der Natur, dt« geradezu in Erstaunen setzt. Hellere und ernste Erzäbliin.ien, Plauderei n über Heimalk.nnst und Hciuiatiieste, Schwarzivold-Sagea und -Sitten in reicher Zahl belehren und erfreuen den Leser. wechselrätsel. Mit t Teil deS menschlichen Körpers, »,ll r Kanton in der Schweiz, Mit d tul's mancher zu viel, mit g wünscht es oll der Landmann, Mit I en> Vogel, mit p Gebrauchsgen«,inand. Mit d ill es spitz und sein, mit g üarl's schon gröber sein. Dill t Dichter Italiens, mit k böflichkeitsansdruck. 'Mit d lobrnswi rle Eigenschaft ei, es Plenschen, mit s ein Tier. Mit u ei>,e Zahl, m t i cl„ Verneinnngsivort. Mil ! ein Küchengerät, »nt t tuts >eder Gläubige. Mit m eine Stadt, mir k erregt cs Heilerketl. Dill a Nebenfluß der Donau, mit >r ein Verbrechen. M t b Ruhestätte, mit u eine Farbe. Die Anlaiigsstuchsiaben der gelundeneii Wörter ergeben den Namen einer preustllche» Provinz. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Logogriphs in voriger Nummer» Thron, Tran. Schrlltleitung: Aug Goetz. - RolatiouSdruck und «erlag der Brüht'schen UniversitäiS-Buch- und Sl-iudruckerel. R. Lange, Gießen.