Die hundert Tage. Roman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mit größter Heftigkeit greift der rechte Flügel der Franzosen die Nassauer an. Aber hüte dich Napoleon! In deinem Rücken marschieren die Preuße»! Eine ivilde Genugtuung durchströmt jäh Ottos Brust — urplötzlich — das erste feurig belebende Gefühl seit Wochen! Welch eine Wohltat! Noch hassen zu können mit der gleichen unverniinderten Glut lvie in den Lagen der Leipziger Schlacht! Noch hassen zu können mit ehrlichem, heiligen Haß, nw man selbst diesen ehrlichen heiligen Haß unter den Trümmern des einstürzenden Glückes snr immer verschüttet wähnte! Tränen steigen in Ottos Augen! Mein Gott, wie danke ich dir für dieses Gefühl! Jetzt bin ich wieder wert, in diesem heiligen Kampfe die Waften zu führen! Hüte dich, Napoleon! Der Tag der Vergeltung ftir jahrelang erduldete Schmach — er ist da! So ruft es in seiner Seele. Er ist wie im Rausch. Er wendet sein Pferd. Will zurück zum Feldmaischall, um ihn, zu melden, daß die Franzosen noch immer mit demselben Ungestüm die Verbündeten bestürmen, auch daß das Gelände bis zuin Kampfplatz hin noch immer vom Feinde unbesetzt ist — da! Was ist das? Dort im Unterholz am Saume des Wäldchens ein leichtes Knistern und Knacken. Etwas Buntes leuchtet von dorther aus deni Gebüsch herauf: „Halt! Werda?!" Das bunte Etwas rührt sich nicht. Oder doch —! Es scheint sich noch tiefer gegen den Boden zu ducken. Im Augenblick ist Otto heran. Er beugt sich über den Busch. „Antwort! Oder---" Da schnellt ein Frauenkorper ans dem dichten Unterholz auf — ein aschfahles Gesicht mit ein Paar Augen voU von wildem Flehen, von verzweifeltem Jammer. „Stoß zu!" ,Du '_?" Ottos Rechte sinkt vom Degenknauf — der Säbel, schon halbgezogen, gleitet von selbst zurück in die Scheide. Sein Gesicht ist verzerrt, die Augen treten aus ihren Höhlen. Die Lippen bewegen sich — er bringt keinen Laut hervor. „Warum tust dn's nicht?" schreit Doska vor Qual, indem sie die Arme ausbreitet, um ihre Brust seinem Stotze zu offnen. Aber kraftlos smken die wieder herab vor seinem durchbohrenden Blicke. „Latz das Komödienspiel," würgt er hervor. „Gesteh! Was suchst du hier?" Dich! Dich! schluchzt es in ihr. Schon schwebt ihr daS Wort auf den Lippen. Da kommt ihr noch rechtzeitig die Besinnung. Sie schlägt die Hände vorS Gesicht und — schweigt. Er sieht auf sie hinab — sekundenlang. Ein herzzerreißendes Weh flammt noch einmal wie ein zuckender Blitz über sein Gesicht. Dann wird es kalt und blaß und scheint in Verachtung zu erstarren. „Also . . . Spionage?!" Eine furchtbare Eiseskälte weht aus seinem Tön. „So weit bist du . . .?" „Stoß zu!" Bon neuem breitet sie in Jammer und Todesverlangen die Arme aufeinander und sinn in die Knie. „Für dich ist mein Degen zu gut!" ,/Otto---!" Sie bricht in sich zusammen. „Steh auf!" herrscht er sie au. Sie taumelt seinem Willen gehorsam, empor. „Ich mutz zurück. Du aber — du! — du sollst uns nicht um den Sieg bringen! — Setz' dich aust Pferd!" Im Nu ist er abgesprungen und bietet ihr, mit der Rechten den Hals des Pserdes fassend, die Linke zum Trittbrett. Bon seiner kalten gebietenden Art wie gebannt, setzt sie den Fuß ans die Handfläche. Gr hebt Doska hinauf — im nächsten Augenblick sitzt er hinter ihr im Sattel. Körper an Körper gedrängt — so reiten sie durch den Wald, in dem der Mittagszauber spinnt. Hinter ihnen donnern und krachen die Geschütze, sie hören es nicht. Sie hören nur das wilde Klopfen ihrer Herze», nur das Sausen ihres BlnteS in den Ohren. Otto kneift die Angen zusammen, er beißt die Zähne aufeinander: Herrgott noch 'mal! Dieses schöne, lvarmblütige Weib vor ihm — sein Weib ist's ja! Noch ist es sein Weib! Ein Schütteln durchläuft ihn — eine rasende Versuchung. Fühlt Toska, was in ihm vorgeht? Auch sie hat die Augen geschlossen: aber nicht krampfhaft, sondern mit einem stillen Ausdruck seliger Erlösung. Lässig, wie mit gelösten Gliedern lehnt ihr Leib gegen die Brust des Dtannes. Und jetzt gleitet ein wundersames Frauenlächeln über ihr blasse- Gesicht. So sterben zu können —! Da —! Irgend ein Laut. Vielleicht auch nur eilt Schatten, der mahnend durch die Seele strich. Das qualvoll sütze Jneinanderwogen der beiden Seelen ist zerrissen. Der Traum verweht. Otto sitzt krampfhaft aufrecht wie ein« Statue im Sattel Er umklammert Töskas Handgelenk mit einem Druck, als sei seine Hand eine eiserne Fessel. Mit stets ansgestrecktem Arm ihren Körper vor sich haltend, so jagt er nun mit ihr, als sei eine unsichtbare Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet, das letzte Stück Wegs durch den Bois de Parts zurück. Jetzt lichtet sich der Wald, das Dorf Lasn« liegt vor chnen — die vorgeschobenen Abteilungen werden sichtbar — eben taucht BlücherS Kopf, jetzt seine Gestalt, jetzt seine Stute aus dem Engpaß und auf der Höhe ans. Otto galoppiert an den Feld Herrn heran. Er schwingt sich vom Pferde — und hebt Doska mit kraftvoller rascher Bewegung gleichfalls herab. „Durchlaucht!" Er meldet kurz und knapp mit sich überstürzenden Worten seine Beobachtungen. Dann fugt er hinzu: „Noch ahnt der Feind nichts von unserem Anmarsch. Alles Gelände bis nach Plancenott ist unbesetzt. Doch tm Begriff, zu Euer 'Durchlaucht zurückznreiten, entdeckte ich im Buschwerk — diese — diese — Sptonin!" 618 Der alte Micher läßt den Blick schmunzelnd auf dem schönen Landmädchen rächen. „Den Deufel auch, Mädchen! Du bist viel zu hübsch zur Spionage. Oder sollte dir deine Schönheit helfen, zu —" „Durchlaucht!" Ein Blick aus großen entsetzten Frauenaugen trifft ihn. Blüchers weiches Herz revoltiert. „Na — na Kind! So schlimm war's nicht gemeint." Diese warmen, gütigen Worte sind Balsam für das un- alückliche Weib. Ihre todwunde Seele öffnet sich ihm weit, ihm diesem greisen deutschen Helden mit dev schönen gewaltigen Stirn, mit den großen Blauaugen, aus denen ein so wundersames Feuer strahlt. „Wohl bin ich schlecht — doch s o schlecht bin ich nicht!" stammeln ihre Lippen. Da ziehen sich Blüchers Brauen zusammen. „Wie? Ein so gutes Deutsch spricht nian? Besser als der alte Blücher selber?! Und will doch keine Deutsche sein! Scham und Schmach! — Jetzt gesteh, was weißt du von den Franzosen?" Da ringt Doska in heller Verzweiflung die Hände gegen Blücher auf. „Durchlaucht — Erbarmen! Nehmen Sie mich gefangen! Tun Sie mit mir, was Sie wolle»! Zu einem Verrate zwingen Sie mich nicht — —!" Ein kurzes Lachen. Blücher wendet den Blick. Otto von Jager hat es aus- gestoßen. Doch schon ist das Lachen aus seinem Gesicht verzückt. Hat einem Ausdruck höchster Spannung Platz gemacht. „Durchlaucht, ich glaube im Bois de Paris Chasseure zu erblicken. Darf ich kundschaften?" „Vorwärts! Vorwärts!" Gestreckten Laufs jagt Otto auf seinem Hengste davon. Querfeldein. Halbwegs vor dem Gehölz reißt er das Pferd S erum. Wie der Wind saust er zurück — im selben Äugend licke setzen sich auch schon die Husaren, die als Vortrupp aus der anderen Seite des Waldes halten, in Galopp. Sie sprengen auf der Straße entlang hinein in den Forst. Otto quer auf sie zu, erreicht sie, schließt sich ihnen an. In wilder Jagd wird die kleine Schar französischer Plänkler zurückgetrieben. In wenigen Minuten ist oer Wald wieder rein. Die Lützowschen Husaren bleiben darin halten. Otto aber reitet zum Feldmarschall zurück. Sein Stab hat sich um ihn gesammelt. Jnfanteriemassen schieben sich den Weg von Lasne aus das Gehölz zu hin. Neue Trupps quellen aus dem Engpaß wie aus einem unerschöpflichen Brunnen herauf. Otto meldet. Umsonst sucht sein Auge nach Toska. Wo ist sie hinaekommen? Ist sie entflohen? Hat der Feldmarschall sie entlaufen lassen? Er wagt nicht zu fragen. Und zum Fragen ist auch nicht Zeit. Vom Westen her donnern und krachen die Kanonen. Und die Franzosen haben's nun doch erfahren, daß die Preu-> ßen im Anzüge sind! Aber Gott sei Dank nicht durch sein Weib! Nicht durch sein Weib! --- Indessen rückt der Zeiger der Uhr immer weiter vor. Droben auf der Höhe, am äußersten Westrande des Waldes über Frischermont hält nun Blücher mit seinem Stabe in peinvollem Harren. Eine lange Wolkenwand liegt zwischen den beiden Heeren. Aber die unaufhörlich zuckenden Blitze der endlosen Geschützreihen markieren die Stellung der Feinde P Genüge. Einer Warte gleich ragt hinter der französischen lachtlinie das Gehöft Belle-Alliance empor. Einzelne werter svrengen von dort aus in alle Windrichtungen und «hren bortbin zurück. Dort steht Napoleon. In seinem Stücken, westlich von Plancenott das gewaltige Rechteck einer geschlossenen Truppenmasse. Die französische Reserve, die kai- sorliche Garde muß es sein! In Blüchers Augen blitzen Flammen. Das ist der Punkt, gegen den Bülows Korps den Stoß führen muß! — Und drunten bei Belle-Alliance steht der Schlachte n- kaiser. Mit düsterm fanatischen Blick. Mit geblähten Nasenflügeln. Ihn fröstelt. Der Angriff seiner Divisionen, die in vier grandiosen Massen die Höhe von Mont-St.-Jean emporstiegen, ist auf der ganzen Linie abgeschlagen. Nicht einmal das blutig umstrittene Schloß Hougomont ist in die Hände der Franzosen gefallen; und der schiver eroberte Obstgarten von La Haye Saint wirb nur mit äußerster Anstrengung behauptet. Nichts ist gewonnen. Nichts. Drüben stehen die Mauern der Truppen Wellingtons unerschüttert. Auen einschlagenden Geschosse» — allen Angriffen zum Trotz. Wie von Zauberwort immer wieder von neuem geschlossen, immer wieder von neuem aufgebaut. Und von Osten her drohen die Preußen. Die Preußen, die er gewähnt bei Lignn endgültig aus dem Felde geschlagen zu haben. Eile, höchste Eile tut not! Der Kaiser schickt einen Adjutanten an Ney, den längst vorbereiteten Reitersturm auszuführen. „Herr Marschall, an Ihnen ist's jetzt, die Schlacht zu gewinnen," läßt er ihm sagen. Ney, der Tapferste der Tapferen, der Marschalt von Frankreich, der Fürst von Moskova, er hält ungeduldig vor der ungeheuren Reitermasse, zum Angriff bereit. Stolz schweift sein Auge über die herrlichen Truppen der Kürassiere, der Dragoner, der Karabiniers, der Gardereiter, der Grenadiere, der Lanciers und Chasseure zu Pferde. Da — endlich! — erreicht ihn seines Kaisers Befehl! Sein Pferd tänzelt, er hebt sich im Bügel und schwenkt den Degen. „Vive l’empereur!“ Ein Echo aus Tausenden von Kehlen antwortet ihm. Und nun reitet er, an der Spitze von fünstausend Reitern im Trabe in die Bodensenkung hinab. Einer gewaltigen Meerswoge gleich fluten die Massen durch das mannshohe Getreide der Geländemulde, allen Verlusten zum Trotz, den jenseitigen Hang von Mont-St.-Jean hinauf, bis in das englische Zentrum hinein. Die Kanonen sind erobert, wohl sechzig an der Zahl, aber Protzen und Pferde fehlen, sie weg- zuschasfen, Hammer und Nägel sie zu verderben. Ji> Karriere, daß die Leiber der Rosse den Bode» berühren, geht's weiter, die letzte Stufe der Höhe hinan. Ein Stutzen: zwanzig schachbrettartig aufgestellte Bataillone drohen, Gewehr rm Arm den Anstürmenoen entgegen. Aber kein Schuß fällt. Trompeten schmettern. Todesmutig preschen die französischen Reiter gegen die feindliche Infanterie au — mit verhängtem Zügel, den Säbel hoch tu der Luft, die heißen Lecher vorn über den Pferdekopf gebeugt. Da: „Gebt Feuer!" Gäule stürzen, überschlagen sich, liegen mit zerbrochenem Genick, Kürassiere, Garderciter wälze» sich in ihrem Mute. Und doch werden hier und da die ersten Reihen der englischen Infanterie niedergeritlen, aber immer von neuem klingt es: „Schließt die Glieder!" Die Ueberkübnen werden niedergehauen. Engländer, Braunschweiger, Hannoveraner, Nassauer — sie halten stand: soviel Karrees, soviel Felsen im Meer. Und jetzt wirft sich Lord Uxbridge mit eineni große» Teil seiner noch unberührten Reiterei den schon ermüdeten französischen Reitern entgegen. Die raffen sich von neuem. Ney stürzt sich mit ihnen von neuem auf den Fei,yd. Ein jähes .Erschrecken dnrchzittert die Cumberland-Husarcn, sie machen Kehrt, in toller Flucht .geht's auf der Brüsseler Straße zurück. Wenn jetzt französische Infanterie zur Stelle, dann wäre Napoleon Frankreichs Thron gerettet! Aber die Infanterie fehlt. Die noch unberührte» Garden stehen weit zurück, bei Belle-Alliance. Napoleon gibt sie nickt her. Napoleon kann sie nicht hergeben. Im Osten drohen die Preußen. Neh muß Zurück. Aber für die ermatteten französischen Reiter gibt es drunten in der Geländemulde keinen Schutz. Die englischen Kanoniere sind zu ihren nicht beschädigten Kanonen zurückgekehrt — die Karrees haben sich in lange Reihen aufgelöst — mit einem Hagelwetter von Kleingewehrfeuer und Kartätschen wird Ney m'it de» Seinen überschüttet. In Ney gärt Ekel und Wut. Stürzt heute Napoleon, so erwartet ihn, der den Bourbonen die Treue gebrochen, nwrgen der Galgen. Furchtbarer Tod für einen, der in unzähligen Schlachten gestanden. Unmöglich! Er muß von neuem vor. Sieg oder schmachvoller Untergang! Er verdoppelt seine Scharen. Zehntausend Ross« 'tampfen den Boden. Die Erde zittert. In ungeheurer Flut chwellen die unzähligen Reitergeschwadcr die Höhe hinan, wieder über die Batterien hinweg, auf das englische Fußvolk zu, das sich Wieder zu Vierecken zusammengeschlossen. Im Trab retten sie an. Totenruhig stehen die Karrees. Erst di» letzten dreißig Meter reiten die Pferde in tollem Galopp 019 gegen die Menschcnmauern an. Ganze Glieder werden überritten. Von allen Seiten stürzen Retter herbei, englische, französische Reiter — zu wilden Klumpen ist alles geballt — Fahnen werden erobert — Flüchtende in Haufen jagen auf der breiten Straße nach Brüssel zurück — aber immer von neuem weis; der große Taktiker Wellington, der längst seinen ä llatz unter der Ulme verlassen und sich mitten in eines der jarrees begeben hat, die ihm gebliebenen Truppen zusami- menzuscharen und richtig zu verteilen. Wieder und wieder erneuert Ney in wütender Raserei den Angriff. Wieder und wieder weist Wellington ihn mit kalter Stirn zurück. Ausharren bis auf den letzten Mann! steht in seinen eisernen Zügen geschrieben. Sein Auge überfliegt die kleine Schar, die ihm geblieben. Kaum dreißigtausend Mann. Aber die besten der Besten sind's! Die zähesten der Zähen. Und sie stehen noch! Noch stehen sie! Wie lange noch?! Daß doch die Preußen kämen! — lFortsetzung folgt.) vilder vom Kriege. ' Bon H. 9W. Stelzmann. Wlcnn unsere Helden begraben werden. Ich sah ein Heldenbegräbnis im Feindesland«. Ich sah auch «ins ans deutscher Erde. Ersteres war einfach und schlicht; letzteres großartig und fast prunkvoll. Es war in einem Weiler bei einem zerschossenen Dorfe in der .Nachbarschaft der unheimlichen Mrgonnen. Man batte ihn gebracht, den jungen bartlosen Mann, die Brust zerrissen durch Znen Granatsplitter. Ohne Besinnung lag er da, aus der stroh- bedeckten Diele des leeren -Bauernhauses. Was er war, wußte man. Er trug den grünen Jägerrock. Wer er war, wußte man nicht. Tie Erkennungsmarke hatte die Granate mit hinweg- gerissen. Und auf Fragen hörte er nicht inehr. Die Kompagnie, das -Bataillon blieben die einzigen Anhaltspunkte. Tann verschied er, ohne langen Kampf, fast^friedlich. Ein Kamerad mehr in der toten Arnrce, die aus dem Soldatcnfrietdhof sich sammelte. Ter lag in den Hügeln ati der Maas, mit Stacheldraht umhegt. Fein säuberlich abgcstecki, ein Meisterwerk der getreuen Totengräber unseres Heeres, unserer Pioniere. Man hob ihn auf einen Leiterwagen. Ein schmuckloser Sarg aus vier Tannenbrettern, mit grünen Tannenreisern geschmückt. Behutsam zog das Topvclgespann der müden Artilleriepferde an, und der kleine Zug setzte sich in Bewegung. Voran der alte Ortspsarrer mit Meßjungen und Küster, mit Kreuz und Weih- ranchsaß. und Weihwasserwedel. Dahinter die Verwundeten aus dem Feldlazarett, soweit sie gehe» konnten, mit Stock und Binde um Arm oder Hand, um Kops oder Sttrne. Dazu der Arzt und di« Sanitäter und die fteiwilligen Krankenpsleger mit den weißen Kappen. Geduckt und gepreßt, stier und stumpf schauten die wenigen Bauern den: traurigen Zuge am Wege zu, der von gedämpftem, in Pausen wirbelndem Trommelschlag begleitet wurde. Tic zur Salve kommandierten Mannschaften beschlossen das Geleite. «— — — Nun war er in der Erde. Ter Geistliche betete über dem oftenen Grabe die lateinischen Gebete seiner Kirche, segnete mit geweihtem Wasser den Toten, ließ Weihrauchwolken über das Grab steigen und berührte mit der Spitze der Kruzifftstange dreimal den Sargdeckel. Das Paternoster, das er mit dem Küster abwechselnd betete, sagte mit, wer lateinisch konnte. Mancher der Feldgrauen bekreuzte sich. Und als die dreimalige Salve über dem qffenen Grabe durch den gedrängten Nebel des Totennronats, des November, verknattert war, trat einer aus der grauen Schar und sprach laut das deutsche Vaterunser für den Gefallenen, den Helden ohne Namen. Erschütternd klang das!---- Der Zug ordnet sich, die Handvoll Ecke, die ihm gebührt, hat jeder ihm gegeben und ein frommes Lied, das aus rauh gewordenen Kehlen zum verhangenen Himmel schwebt. Die Ge- ^cktheit der Männer bleibt. Tie Frage will nicht weichen: „Wer war es, der dort für uns starb?" In der Heimat starb unlängst «in Soldat an den Folgen eines Kopfschusses. Besonders tragisch waren die Umstände, unter denen er das Opfer einer feindlichen Kugel wurde. Er hatte soeben eine Liebesgabensendung aus der Heimat erhalten. Seine erste war es. Wochenlang hatte er in den Schützengräben gelegen und gedarbt mit den Kameraden. Nun wollte er auch gut leben mit den Kameraden und verteilte die köstlichen Dinge. Da bog er sich ein wenig »u hoch vor und im selben Augenblick riß es ihn nieder. Doch auf deutscher Erde wollte er noch sterben. Und so geschah es. Eine große Menschenmenge hatte sich schon geraume Zeit vor der Beerdigung am Krankenhause eingefunden und hielt die Weg« »um Friedhof besetzt. Es war der erste gestorbene Krieger, den man in dem Kreisstädtchen zu Grabe trug. Stückweise drangen die Akkorde eines Männerchors über den weiten Spitalgarten hinüber. Man hielt drinnen die Leichenfeier. Endlich, endlich kam der Zug. Eine stattliche Musikkapelle und dumpf verhaltene Trommelschläge vor dem schwarz verhängten Leichenwagen. Dann zwei Angehörige und die gesamte Schar unserer feldgrauen Verwundeten, soweit ft« gehen konnten. Die gehörten dazu, die gaben den richtigen, den ernstesten Ton dazu. Viele Kränze folgten, die di« Kameraden; trugen. Tann kamen sie mit umflorten Fahnen und Schirmmützen, die Helden von 1870/71 in gutem, festem Tritt und nach den Regimentsvereinen geordnet; zuletzt die übrigen in schwarzem Rock und hohem Hut, die Vertreter des Landratsamtes, der Bürgermeister, der Behörden. Die endlosen Reihen schloß der Männerchor und einige Wagen. So prunkend und mächtig war der Zug, wie ihn Stadt und Kreis noch nicht gesehen. Und er galt dem stillen Toten in dem schlichten Sarge unter dem aufgelegten Helm und Schwert. Er galt zugleich einem Ideal, dem großen erhabenen Opfermut, von dem ein Teil auch der Gefallenen in sich getragen und der unser? Millionenbecre beseelt, hebt und beschwingt. Davon war erfüllt die Rede des Predigers am Grabe. Die grauköpfigen Veteranen beugten sich vor dem Gedanken; auch unsere Kinder, unsere Enkel wissen den Heldentod zu sterben. Und als die Choräle der Musik, des Männergesanges verllungen, und dreimal die Kommandos: „Achtung! Laden! Hoch! Legt an! Feuer!" gegeben und befolgt waren, die Grube sich mit Erde zu füllen anfing, ging's in Ordnung zurück. Strammer setzte man den Fuß nach dem Takt der Musik. Ter finnländische Reitermarsch schmettert auf in die Lüfte. Das Leben trat hinter dem Kirchhossgitt« zu uns und sprach: „Ich gebe den Sieg und mich, wenn der Tod das Werk getan. Tod und Leben, Sieg und Sterben sind aneinander gebunden! Was Hilst da groß llagen!" Bei den Kriegsgefangenen. Rovembertag, trüb und verhangen am Morgen, sich llärend am späten Nachmittag. Sanft wie das Auge einer Mutter blickt die scheidende Sonne über die Heide. Me liegt groß und einsam, arm und dürfttg vor den großen Toren der Festung im Westen, die zur Wacht am Rhein berufen und gerüstet ist. Das gedänrpfte Licht vergoldet die Waldlichtungen, in denen jetzt ein reges Leben herrscht. Männer mit der kreuzgeschmückten Kapve des Landwehrmannes gehen mit geladenem Gewehr und geschärftem Blick aus und ab Schmächtige Männer mit dunllem Haar und dunllem Gesicht arbeften lässig am Boden. Blaue Mäntel schlottern über grellrote, schmutzige Hosen. Ihr Gesicht zeigt nur in Einzelsällen Berbissenheit, vorzugsweise bei den Belgrenr mrt ihren graublauen Hosen und graublauen Käppis und bei den Engländern, Ein gewisser Einschlag von Ergebenheit und Schickung in das harte, aber gerechte Los, das ihnen der Krieg geschüttelt hat, ist ihnen eigen. Ein Kerlchen pfiff sogar still zufrieden ein munteres französisches Liedchen vor sich hin. Vom Korporal aufwärts brauchen die Gefangenen nicht zu arbeiten. Das sind dann die, die am ehesten aufsässig unv widerspenstig werden. Sie stehen meist da und schauen sich die neugierigen Fremden an, die bis zur Postenlinie sich wagen, die Hände in die Tiefen der Hosentaschen gedrückt und eine kleine Mutzvfeife rauchend, nicht selten kalt. Die typische Haltung des faulen Romanen. Geradezu verrückt nehmen sich zwei englische hochgereckte Osftziere aus. Sie gehen in einem beschleunigten Zeitmaß unentwegt in der nämlichen Richtung vorwärts und zurück, die Hände in den Hosentaschen und mit den langen Beinen daherstochernd. Die Engländer sehen nicht unvorteilhaft aus in den wohl erhaltenen gelbbraunen Khakiuniformen. Sie haben durch- gehends ihre Sachen noch an. Me französischen und belgischen Kameraden dagegen manches Stück, das sonst den Zivilisten schmückt. Hier eine Kapve, dort eine Manchesterhose. Der bärttge Vierziger da, ein Franzose, trägt überhaupt nur Zivil, der Nordafrikaner einen wollenen Umhang um den Schultern. Me Gefangenen bearbeiten hauptsächlich das Gelände, um es für ein großes Barackenlager zu ebnen. Graben für Kanalanschluß werden gezogen und auSgehoben, die Kiefern gefällt, um Platz zü gewinnen, unebene ttefcre Stellen ausgefüllt, höhere abgetragerst Obwohl die Leute sich nicht übermäßig anstrengen in den sechs Stunden, die sie abzuarbeiten haben, sieht das Ganze wie ein Ameisengewimmel aus. Kleine Feldbahnen durchziehen das Arbeitsfeld, und polternd werden die Wägelchen umgestülpt. Einen besonderen Spaß haben die Männer, wenn sie als Lenker und Mitfahrer die abschüssige Bahn von der einen Breitseite zur anderen mit herabschießen. Andere, vornehmlich diesmal Engländer, bauen eine Baracke auf. Me Wohnungen find rechteckige Holzhäuser, die in zwei Hälften geteilt find. Jede Hälfte nimmt 75 Mann auf. Dazu kommen die Unteroffiziere, die in einer eigenen lleinen Stube gleicht am Eingang hausen. Außerordentlich sauber und gefällig werden diese Häuser gemacht. So schön haben es ihre Gegner auf den französischen Truppenübungsplätzen, z. B. auf der Hochfläche bei Limoges, nicht. Dott liegen bekanntlich viele der Unsrigen als Kriegsgefangene, und es ist schon bekannt geworden, in was ftlr alten, kalten und zugigen Äretterhäusern die Armen dort wohnen. Selbst Zentralheizung fehlt nicht in unseren Lagern. Den ersten Trupp Rvthosen tras ich bei dem Dorfe W., baß dem Uebungsplatz den Namen gibt. Sie hatten die Landstraße zu reinigen und auszubessern. Den letzten begegnete ich im Walde, ans der Heide. Sie legten einen neuen Weg an. Ein Artillerist, erkenntlich an der blauen Hose und zwei roten Biesen, hielt mit einem gewissen Stolz die hohe Meßstangc, andere trugen die 620 Apparats, und ein klug aussehender Gemeiner mit goldenem Kneifer nahm mit dem Bisterapparal die Wegaufnahme »ot. Ich fragte, wie es ihnen bei uns ginge, und sie erwiderten sichtlich S ne Verstellung: „Bien, trds bien." Und schon brach die ftanzö- che Konversatwnslust hervor, als sie einen Schwall von Fragen aus uns niederregnen liehen. Die nun sich nähernde Wache schnitt freilich rasch die Unterredung ab. Und das war gut so . . . Da, ein dreifach wiederholtes langgezogenes Trompetenzeichen Sammelt euch und antreten zum Abmarsch in die Wohnbaracke! Es war gegen '/,6 Uhr. In der grauen und webenden Dämmerung sab ich sein eine Kette, unendlich lang. Die Glieder ordneten sich militärisch. In schneller Gangart huschte der Zug an der den Besuchern entgegengesetzten Breitseite des neuen Lagerplatzes wie ein Leer von grauen Schatten in den streng abgeschlossenen Teil deS Lagers, wo die Gefangenen wohnen, schlafen und die Mablzeiten einnehmen. In eigenen, von den Mannschaftsräumen geschiedenen Däusern wohnen hier die Offiziere. 60 Pfennige, das sind die durchschnittlichen Kosten, die jeden Tag uns der feindliche Gefangene kostet. Natürlich belaufen sie sich höher, wenn sie erkranken! oder besoirderS geschwächt sind. In der Kantine, die früher, wie auch die Baracken, unseren übenden Truppen diente, dürfen sie sich kaufen, waS ein Soldatenberz, sei es französisch, belgisch oder englisch, begehrt, und der Geldbeutel, den sie mitgebracht haben, erlaubt. Was ich schon draußen bet den Arbeiten beobachtete, dar strenge Absondern der einzelnen Nattonen voneinander, ist auch hier durchgeführt. Sonst wäre bald bei der bekannten „herzlichen Verbrüderung" (entente cordiale!) ein erbitterter Krieg unter ihnen entbrannt. Und der würde von mindestens ebenso langer Dauer sein, wie der Feldkrieg da draußen. Neues von der Zoldatenzeitung. Man schreibt uns: Die 3. Kompagnie eines in Frank reich liegenden sächsischen Landsturmbataillons, in dem sich eine Anzahl Buchdrucker befinden, hat, wie kürzlich bekannt wurde, eine regelrechte Soldatenzeitung „Der Landsturm" Herausgaben. Das wöchentlich einmal erscheinende „einzige deutsche Militärwochenblatt auf Frankreichs Fluren" fvird auf den Pressen eines französischen Zeitungsverlegers in Vouziers gedruckt, der seine Besitzung bei Ankunft der Deutschen im Stich gelassen hat. Das Blatt scheint sich außerordentlicher Beliebtheit bei den Kriegern zu erfreuen, und seit seiner vierten Nummer verfügt es bereits über einen Inseratenteil, der ein sehr interessantes Gesicht zeigt und sogar Famtltenanzeigen enthält. Besonders originell mutet die Geburtsanzeige eines französischen Soldaten an, der in der Nummer vom 1. November folgendes bekannt macht: Vorstadt Falaise, 26. Oktober 1914. Dank der Hilfe des Kgl. Preuß. Oberarztes aus Köln a. Rh., der sich seit einiger Zeit hier niedergelassen bat, wurde uns heute ein prächtiges Reunpfuno-Mädchen — Löone — geboren. Andrs Didier, z. Zt. in Verdun beim französischen 166. Infanterie-Regiment, und Frau. Als Gegengewicht gegen dieses französische Neunpfund- Mädel zeigt ein deutsches Feldarzt-Ehepaar die Geburt eines „kräftigen Vaterlandsverteidigers" an. Weiter findet sich im Anzeigenteil eine „Einladung zur Schnitzeljag d", die am ö. November, dem Hubertustag, abgehalten wurde, und ein Hinweis auf die sonntäglich von 12—1 Uhr mittags stattfindende „Platzmusik". Die Bataillons-Bäckerei erbittet „schonietzt Bestellungen auf Weihnachtsstollen", und die Küchenverwaltung erläßt folgende vielversprechende Anzeige: Conds les Vouziers Sonntag, den 1. November Verspätetes Oktoberfest verbunden mit Schlachtfest bei vollständig besetzter Hausknpelle. Spez. : Dausmacher-Leberwurst. Die Küchenverwaltung. Auweiler, Sergeant. Daß auch Kritik und Satire zu ihrem Rechte kommen, zeigt ein Inserat, das, wenn auch nicht sehr liebevoll, so doch ohne Bosheit den Betrieb der Feldpost glossiert: Um den vielen Klagen über unser Institut ab- znhelsen, sind wir berett, noch einige rüsttgeBotenfrauen einzustellen. Schriftliche Angebote au Die Feldpost. Der redaktionelle Teil des sauber hergestellten Blattes Wjjyjjlt ^rtlaufend die Neuigkeiten von den Kriegsschau- -tttÜel Feldpostbriefe, Gedichte usw. Auch ein richtiger Leit- Der Gefangene von hohenasperg. Auf dem Hohenasperg bei Stuttgart weilt zurzeit ei« französischerUn iversitätsprofessorals Kriegsgefangener. Der Gelehrte, der au seiner HeimatunivcrsiiLI Dozent für deutsche Sprache und Literatur ist, hat kürzlich ein Gedicht in deutscher Sprache verfaßt, das jetzt von württembergischen Blättern veröffentlicht wird. Die schönen Verse lauten: Fremdes Bolk und fremde Gaue, Fremde Sprache — tfl'ä ein Traum k Ich bin wach; doch was ich schauez Was ich döre, lass' ich kaum I War'« nicht gestern, als der wilden Feinde graue Uebermacbt Au! des Vaterlands Gefilden Uns bedrängt in heißer Schlacht? Noch tönt mir der 8»mbrs-zleaso Heller Klang >m Obre nach, Noch bör' ich daS Kampsgetöse, Ter Kanonen Tonnersprach' ■» Und ans Feindes Veste blick' Jetzt binanS in Feindesland Tausend beiße Grüße schick ich Dalnn, wo um Waldesrand Sacht' die Abendionu' geglitten — Tort wett draußen such' ich sie, Sie, für die ich Hab' gestritten: Meine teure Normattdie. Gleiche Sonn' vom gleichen Himmel Leuchtet ireundlich hier und dort, Eie t dort au! das Kriegsgetümnrel, Aul Zerstörung, Brand unb 'Mord. Siebt liier au! ein Land im Frieden, Tas vom Kriege unberübrt! Ach, ich wollt', ibm war' veschieden, Was mein Heimatland gespürt: Beutegierige Barbaren? Rohes Volk voll Trag nnd Haß? Fratikreichs Uttlergang seit Jahren Planend ohne Unterlaß? Hier nun wohnt es: diese Städte, Diese Törler, dieses Feld? Nein, mit rohe» Händen hätte Es sie nicht gebaut, bestellt. Stille, Fleiß und Gottverlraue», Heitnattiebe atmet sie, Diese Landschalt, anzuschauen Schön wie ineine Normaiidte. Als wir, die aeiaiigeueii Feinde, Trunle» zogen durch die Stadt — Still und erlist iiand die Geineinde, Manches Auge Tränen hati' Für uns. Robe Sieger hätten Wut und Hohn und bttt're» Spott; Doch sie achten auch in Ketten Uns als Brüder noch vor Gott. Wer lst's, der den Brand eiitsacht«, Der dteS stolze Volk umlohk, Wer tst'S, der uns glaube» inachte, Daß eS frevelnd »ns bedroht? — Frankreich! Deine Söhne sterben, Teiiie Marken sind zerstört, Nicht durch Feindes Schuld, Verderben Schui der Freund, der dich betört. Falleber Freund, er raubt sür immer, WaS dir Ruht» und Glanz verlieh, Und es stürzt mit dir in Trümmer Meine arme No>ma»die —I Sitalcnrätsel. AuS jedem der folgende» Zitate ist ein Wort zu nehmen, s» daß sich ein neues Zitat ergibt: 1. Kühn war das Wort, weil es die Tat nicht war. 2. Eng ist die Well und das Gehirn ist weit. g. Nicht da« Große, nur das Meiischliche gefcheh«. 4. Jedwede Fahn' zog ihren Mann durch's Los. 6. Eifersüchtig sind des Schicksals Mächte. 6. Aber Re e soll nicht deiner Seele schönen Frieden stören. 7. Das Schiff nnr bin ich aus das er seine Hoffnung hat geladen« 8. Das Lebeii wagt der Mut, nicht das Gewiffen. 9. Dem böse» Weif! gebärt die Erde, nicht dem guten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nmmnkri reo — Hanjf — Kma — Knioforum — l«enne|» — Vetter — Oppert' Aloe »euer — voperr; Thekla von Gumpert. ?!christleit»ng: Äug Goetz. - Rotationsdruck und Verlag d?! Brühi'schen Uuinersitkst?-Buch- »ud Steludruckerei, R. Lange, Gießen.